soll ich oder soll ich nicht?

  • Hallo an Alle,

    ich bin Mitte 40 mit einem Teenagerkind und startete vor etwas über 3 Jahren mehr oder weniger erfolgreich in mein Experiment Nüchternheit. Hatte in dieser Zeit 3 abstinente Phasen, von der die erste mit eineinhalb Jahren die längste war.

    Gerade habe ich wieder 2 Monate durchgesoffen, nicht jeden Tag, aber jeden 2 oder 3, quasi von Kater zu Kater und kotze mich selbst ziemlich an. Das Kind kotze ich auch an. Meine Leistungen bei der Arbeit lassen stark zu wünschen übrig, meine sozialen Kontakte gehen gen Null, ich hab Panikattacken und ärgere mich über die vertane Lebenszeit. Ich hatte so viele Pläne für den Sommer. Was hab ich umgesetzt? Natürlich nIchts....

    Ich frage mich natürlich, weshalb ich es trotz offensichtlicher, negativer Auswirkungen auf mein Leben, nicht hinbekomme, dauerhaft vom Alkohol wegzukommen. Immer wieder denke ich, dass ich es doch irgendwie kontrollieren kann, obwohl ich am eigenen Leib erfahren habe, dass es nicht funktioniert. Muss ich wirklich erst sprichwörtlich Haus und Hof versaufen bevor ich den Absprung schaffe?

    Gerade in der ersten Abstinenzphase haderte ich sehr viel mit mir. Ich hatte häufig mit Saufdruck zu kämpfen. In den Folgenden war es nicht so schwer. Es ging mir sogar ziemlich gut. Jedoch wollte sich die richtige Glückseligkeit nicht einstellen. Meine persönlichen Defizite sind dann immer noch da, nur im Suff sind sie eine Weile verschwunden.

    Ich ahne, dass es mir dieses Mal wieder sehr schwer fallen wird. Hadere gerade auch noch mit meiner Motivation. Nur wegen mir würde ich wahrscheinlich noch eine Weile weiter machen. Aber das Kind hat sich zu Recht beschwert und mein Verstand sagt mir, dass ich auch für mich etwas tun muss.

    Dies soll der erste Schritt sein um ins Tun zu kommen. Ich erhoffe mir, durch Austausch evtl. meiner inneren Motivation auf die Spur zu kommen, denn ich glaube, bisher wollte ich immer eher für andere Nüchtern sein, um irgendwie besser zu funktionieren.

    Heute ist Tag 3 nach dem letzten Suff, ich fühle mich einigermaßen fit und alles in mir schreit danach, dass heute wieder ein entspannender Rausch dran wäre. Aber heute wird es nicht dazu kommen!

    LG Erna

  • Hi Erna

    Herzlich willkommen in unserem Forum und vielen Dank für deine ausführliche Vorstellung! Ich werde sogleich deinen Faden in den offenen Bereich verschieben. Bei mir geht's gleich los zur Arbeit, ich melde mich später wieder.

    Liebe Grüsse

    Tom

  • Hallo Erna

    Danke für deinen Bericht und Glückwunsch für deinen Mut dich hier anzumelden.

    ... heute wird es nicht dazu kommen!

    Das ist der Schlüssel, die Voraussetzung, um sich aufzumachen in ein neues Leben. Ich wünsche dir hierzu weiterhin die Courage und die Gelassenheit um erfolgreich zu sein. Die nötige Unterstützung kannst du hier finden.

    LG Brant

  • Liebe Erna,

    vielen Dank für deine Vorstellung und herzlich Willkommen im Forum. Wie lange begleitet der Alkohol dich denn schon im Leben?

    Ich denke, du bist auf der richtigen Spur. Mit dem Trinken allein aufhören, reicht in der Regel nicht für eine zufriedene, dauerhafte Abstinenz. Du solltest für dich entschlüsseln, welche Funktionen der Alkohol bei dir erfüllt. Warum hast du mit dem Trinken angefangen und ab wann wurde es zu einem Problem?

  • Erna willkommen hier in der SHG.

    Schön, dass du dir Gedanken um deinen Alkohol Konsum machst und auch ins Handeln gekommen bist.

    Lies dich hier ein bisschen ein. Das Forum kann dir eine starke Hilfe zur Selbsthilfe sein.

    Ich wünsche dir einen guten nüchternen Weg.
    Mir hat am allermeisten dieser kleine Satz geholfen: Heute lasse ich das erste Glas stehen.

  • startete vor etwas über 3 Jahren mehr oder weniger erfolgreich in mein Experiment Nüchternheit. Hatte in dieser Zeit 3 abstinente Phasen, von der die erste mit eineinhalb Jahren die längste war.

    ... Haus und Hof versaufen ...

    Hallo Erna,

    auch ich startete mit mitte 40 so ein "Experiment", ein Jahr alkoholfrei. Aus anfänglichen einfach nur Durchhalten wurde schnell Normalität.

    Sicher dauerte es ein paar Wochen bis der Suchtdruck, die Gedanken an Alkohol gänzlich verschwanden. Doch sie verschwanden!

    Nach diesem erfolgreichen Jahr "belohnte" ich mich wieder mit einem, zwei ... drei ... Bier. Recht schnell war ich wieder auf dem alten Level, schlimmer noch: ich trank mehr und öfter, um überhaupt eine Wirkung erzielen zu können. Von Kontrolle keinerlei Spur, du wirst das kennen (?).

    Ich kotzte (ärgerte) mich immer mehr an! Es musste mir erst der Führerschein entzogen werden bis ich wieder wach wurde, denn vorher lief es ja, zwar öfter mehr schlecht als recht, es lief aber. Nun lief nichts mehr, führerscheinlos.

    Mit dem Wissen, dass ich schon einmal erfolgreich vom Alkohol loskam, startete ich "Experiment Nr.2", das Prozedere kannte ich ja, auch das es gelingt.

    Ich musste nur durchhalten, durchhalten, durchhalten und fragte mich, will ich das überhaupt?

    Oder irgendwann so enden wie alle Alkoholiker? Der Wirklichkeit völlig entrückt und dauerbesoffen ...

  • hi nochmals

    So wie du deine Situation schilderst, hilft dir vielleicht dieser Artikel .

    Generell kann ich empfehlen, so viel wie möglich im Forum zu lesen, auch ältere Theads von Mitgliedern. mir hat das am Anfang sehr geholfen zu erkennen, daß trotz unterschiedlichem Background die meisten mit den selben Herausforderungen zu kämpfen haben.

    Ich hatte zwei Wendepunkte, den ersten mit 25 - Jobverlust, Totalabsturz, Depression, Autounfall, Klinik. Dann drei Jahre abstinent, aber immer latent das Gefühl, verzichten zu müssen und das Beste zu verpassen.... Danach wieder ein fast 20 Jahre dauernder Seiltanz und ein zum scheitern verurteilten Kampf mit dem kontrollierten trinken.

    Vor gut zwei Jahren hatte ich, in einem lichten Moment, nach einer Woche Dauerrausch, erkannt, dass ich ja eigentlich Bock auf Leben habe, aber auf gar keinen Fall mehr so wie die Jahre zuvor.

    Wie schon oft geschrieben, einfach nicht mehr trinken reicht nicht, da ist der Rückfall vorprogrammiert. Ich habe das Wandern, Laufen und Radfahren (wieder) entdeckt und als Routine in meine Wochenplanung eingebaut. Kann ich nur wärmstens empfehlen.

    Soweit mal von mir

    Tom

  • hallo Erna

    Ich hoffe, du siehst die Nachricht hier. Bei dir wie auch bei Tron100 n100 hat gestern bei der Freischaltung etwas nicht geklappt, mein Fehler und sorry hierfür. Solltest Immer noch Probleme haben, im offenen Bereich zu antworten, melde dich doch bei mir oder Sparkassen_Helga per PM -> Sprechblase oben rechts

    Gruss

    Tom

  • Guten Morgen,

    super, jetzt kann ich hier auch antworten.

    Ich möchte mich erstmal für eure Antworten bedanken und versuchen, teilweise darauf einzugehen. Bin mir jedoch nicht ganz sicher, ob mir das gerade sinnvoll gelingen wird. Mir ist nämlich eigentlich eher nach jammern und Kopf in den Sand stecken.

    Ich schaffe das Ganze nämlich, wie man ja gesehen hat eh nicht und eigentlich will ich auch gar nicht abstinent sein. Nein! Ich will mich gelegentlich ganz gepflegt abschießen können! Der Gedanke "Nie wieder" ist furchtbar.....da hilft leider auch der Satz, nur ....

    Heute lasse ich das erste Glas stehen.

    ...., nicht viel. Denn ich weiß ja vom Kopf her, dass es nicht nur heute sein darf und das ich irgendwann wahrscheinlich so...

    Der Wirklichkeit völlig entrückt und dauerbesoffen .

    ....enden würde. Erst recht, da das Kind bald das Nest verlässt und mich damit nichts mehr bremst.

    vielen Dank für deine Vorstellung und herzlich Willkommen im Forum. Wie lange begleitet der Alkohol dich denn schon im Leben?

    Warum hast du mit dem Trinken angefangen und ab wann wurde es zu einem Problem?

    Das erste Mal Alkohol trank ich mit 14 und das war auch gleich ein Vollrausch. Und so gestaltete sich auch mein weiterer Konsum. Immer recht exzessiv. Später warf ich mir alles an Drogen ein, was ging, war Heroinabhängig, obdachlos, in der JVA....das wäre vermutlich auch noch weiter gegangen, jedoch entstand in einer Therapie das Kind und da war klar, dass ich mich zusammenreißen muss. Von da an waren harte Sachen tabu, aber Alkohol und auch Cannabis waren weiterhin meine Begleiter. Immer mal mehr und mal weniger, eher gelegentliche Totalabstürze als täglich.....irgendwie immer so kontrolliert, dass es für mich nicht wieder Richtung unten, sondern nach oben ging. Wahrscheinlich kann ich mir deshalb auch immer wieder vormachen, dass alles nicht so schlimm ist. Vor etwas über 3 Jahren beschloss ich nach einem besonders fiesen Absturz, dass es so nicht weitergehen könnte und war 1 einhalb Jahre abstinent. Nun ja, der Alkohol kam wieder aber immerhin konnte ich die Kifferei sein lassen.

    Aber von ganz unten, kann es nunmal nur aufwärts gehen und im Inneren bin ich mir sicher, dass nun das Plateau erreicht ist und es, wenn ich so weiter mache, nur noch bergab geht. In den letzten Wochen war das Kind wegen der Ferien nicht da, also konnte mich nichts mehr bremsen. Meinen Urlaub verbrachte ich täglich betrunken, den Rest der Zeit damit, mir alle 2-3 Tage nen Vollrausch anzueignen. Wenn ich das so nieder schreibe, bin ich mir sicher, dass ich diese Aussicht auf meine Zukunft, ziemlich abstossend finde und ich so nicht leben will.

    Der Alkohol erfüllt bei mir eine soziale Funktion und ich nutze ihn, um zu entspannen. Ich bin eher introvertiert, sehr selbstkritisch, im Umgang mit Menschen immer angespannt, mache mir viele Gedanken. Beim Trinken löst sich die Anspannung und ich finde mich endlich nicht mehr zum Kotzen. Hinterher dafür umso mehr.

    So, das schreiben hier führt gerade zu nichts, es gelingt mir nicht nach vorn und nach Lösungen zu schauen. Werde versuchen, nun erstmal den Tag herumzubekommen. Habe heute frei und mein Weg ginge jetzt zum Supermarkt...

    LG Erna

  • Hallo Erna

    Deine Gedanken kommen mir sehr bekannt vor. Gefühlte tausend Mal versagt in diesem Kreislauf gefangen. Doch es gibt eine andere Sicht auf das eigene Dilemma. Ich lass dir mal ein paar Zeilen hier.


    Meiner Meinung nach ist eine Antwort immer recht nahe. Weil wir süchtig sind, so wie

    Tausende dort draussen. Der Alkohol hat unser ganzes Denken und unsere Wahrnehmung

    verändert. Das Zeug bestimmt, worum unsere Gedanken kreisen, mit welchen Leuten wir

    uns umgeben, was uns erstrebenswert erscheint oder eben nicht. Selbst wenn wir eine

    ganze Weile nichts genommen haben.

    Wenn wir wirklich die Entscheidung getroffen haben, die Scheisse hinter uns zu lassen, und

    es keinen Zweifel daran gibt, dass wir das wollen, dann halten wir auch den Druck aus.

    Stellen wir uns mal die Frage, ob wir noch nicht schon genug gelitten haben unter dem ganzen

    Mist. Ob wir echt nochmal zurück müssen und es noch tiefer runtergehen muss, bevor wir die

    Entscheidung treffen.

    Das Leben in die eigenen Hände nehmen, plötzlich keinen Bock mehr. Die schönsten Pläne

    und Träume aufgegeben, um dann weiter in den vertrauten Spinnweben zu hausen und sich

    dort dichtzumachen. Das ist natürlich nicht der wahrnehmbare Gedankengang im Kopf, aber

    unterbewusst steuert es uns. Auch, dass wir nichts finden, was uns interessiert, hängt damit

    zusammen. Weil für uns die kleinen und feinen Reize des Lebens nicht mehr wahrnehmbar

    sind, wenn unser Nervensystem regelmässig mit Drugs überflutet wird. Man denkt, das man

    das Leben noch im Griff hat, weil man arbeiten geht und Sport macht. Aber in Wirklichkeit

    funktioniert man nicht mehr, weil die Droge alles verschaltet hat in einem. Man denkt, fühlt

    und handelt nicht mehr wie ein normaler Mensch. Und früher oder später macht sich das dann im Leben bemerkbar, mitunter auch recht dramatisch.

    Hören wir auf unsere innere Stimme, ob es nicht irgendwas im Leben gibt, was uns zum

    Aufhören bewegen könnte.


    Noch ein paar Worte von Franz Strieder.


    Das ist etwas, was Dich sehr gedemütigt hat zu erkennen, dass Du Mit

    dem Stoff nicht umgehen kannst. Bei einem Alkoholiker sind gleichsam

    zwei Teilpersönlichkeiten. ,,Der Realist," der nach langen Jahren des Leidens

    erkennt, dass er mit diesem Stoff nicht umgehen kann und „der Illusionist“ das

    ist jener Teil der sagt, Du kannst es doch, Du musst es nur etwas geschickter

    anfassen. Du darfst eben keinen Schnaps mehr trinken sondern nur noch Bier,

    dann wirst Du es schon schaffen. Diese beiden Seiten stehen im Kampf, und

    dieser Kampf geht oft jahrelang ja oft ein Jahrzehnt. Ich vergleiche es oft mit

    dem Boxkampf mit Cassius Clay. Cassius CIay ist zwar heute nicht mehr der

    berühmte Boxer, aber für uns ist er immer noch ein Symbol, ein Champion.

    Stell Dir einmal vor, Du würdest Cassius Clay zum Boxkampf einladen. Du

    kannst Dir denken, was er mit Dir macht. In einer Minute bist Du k.o.: und die

    Leute auf den Rängen werden Dich bedauern und sagen, ,,dieser arme Kerl."

    Mut hat er aber er ist K.O. Und Du würdest in das Krankenhaus kommen und

    würdest einigermaßen wieder hergestellt sein und jedermann würde denken:

    „Der hat genug für immer.“ Nicht so Du. Du gehst in die Straße, in der Cassius

    Clay wohnt, Du kennst genau den Eingang und Du kennst genau das Schild und

    Du drückst auf die Klingel und Cassius schaut zum Fenster heraus und Du sagst

    wieder:

    Cassius, lets go. - Und er schlägt Dich wieder zusammen, das geht dreimal so

    und geht fünfmal so und das geht zehnmal so und immer wieder, wenn Du

    einigermaßen auf den Beinen bist, dann gehst Du in diese Gasse und drückst auf

    die Klingel und Cassius schaut zum Fenster raus und er schlägt Dich

    zusammen. Das geht solange, bis du eines Tages das demütigende Wort sagst:

    ,,Cassius, Du bist stärker als ich." Ich habe verloren. Ich gebe zu, dass ich der

    schwächere bin. Um dieses Eingestehen der Schwäche und um dieses

    Eingestehen der Niederlage hast Du Dich jahrelang herumgedrückt, weil Du

    gedacht hast, dann bricht mein ganzes Leben auseinander. Und diese Angst war

    der Grund, warum Du immer wieder in den Ring getreten bist und dann machst

    Du plötzlich die Erfahrung, dass Deine Angst nicht stimmt. In dem Augenblick,

    in dem Du nämlich zugegeben hast, dass Cassius stärker ist als Du, in dem

    Augenblick kommt es zu einer inneren Ruhe und Zufriedenheit. Nicht Dein

    Leben bricht zusammen sondern es bricht Hoffnung auf, ein Weg nach vorn

    wird deutlich, den Du bisher nie gesehen hast. Das paradoxe geschieht, dass

    durch das zugeben der Niederlage Leben entsteht. Der Verlierer wird zum

    Gewinner.


    Nur heute

    Brant

  • Ich musste nur durchhalten, durchhalten, durchhalten und fragte mich, will ich das überhaupt?

    Hallo Erna,

    o.g. Frage kann sich nur jeder selbst beantworten. Erschwerdend kommt hinzu, die Frage nach dem Warum, Wozu sollte man aufhören zu trinken - was verbessert sich oder verbessert/verändert sich überhaupt etwas ... zum Positiven?

    Wenn die Welt, das Leben einen sowieso recht fad und belasten erscheint, wirds schwer mit: das erste Glas stehen lassen oder man nimmt gleich das zweite, dritte und vierte Glas und lässt Glas Nr.1 einfach stehen! (Kleiner Scherz für Menschen, die diesen Satz eben so lieben, plausibel und "logisch" finden, wie ich.)

    Wenn Alkohol immer Entspannung, Ruhe, Abschalten vom schnöden Alltagstrott verspricht, praktisch ein Garant dafür ist, dem ganzen Elend zu entfliehen, wird es kaum gelingen!!

    Ein Ziel muss her! Ein Grund oder mehrere, warum man all das/sein Leid ertragen sollte.

    Und sind wir mal ehrlich, die Entwöhnung von Alkohol ist alles andere als lustig.

    Was müsste sich oder ich/du verändern, um mein (dein) Leben erträglicher zu machen???

  • Hallo Erna, von mir auch ein herzliches willkommen hier!

    "Sucht ist, wenn man nicht genug von etwas bekommt, was man eigentlich gar nicht will." So hat es der Autor Deepak Chopra mal gesagt.

    Ich frage mich natürlich, weshalb ich es trotz offensichtlicher, negativer Auswirkungen auf mein Leben, nicht hinbekomme, dauerhaft vom Alkohol wegzukommen.

    Ein großer Ansatz der Suchthilfe besteht oft in der kognitiven Verhaltenstherapie. Also sich bewusst machen von Verhaltensmustern, diese therapeutisch geleitet reflektieren und umkonditionieren.

    Viel Information und lesen über die körperlichen Abläufe bei Alkoholmissbrauch ist auch hilfreich. Denn letztlich geht da auch vieles über biochemische Abläufe in uns, die uns steuern (die wir aber auch steuern können). Glückshormone, Blockaden von Rezeptoren etc. pp. ...

    Mein persönlicher Ausstieg war 2014, ist also schon eine Weile her, und ein nüchternen Leben ist für mich schon seit langem so selbstverständlich geworden wie nur irgendwas. So wie Atmen oder Laufen oder Träumen oder sowas... Hier im Forum bin ich eigentlich "nur" noch manchmal, weil es mir ein Anliegen ist, vielleicht ab und an den ein oder anderen kleinen Funken dankbar weiter geben zu können.

    Natürlich war das ein auch ein längerer Prozess (wie ja eigentlich alles im Leben). Aber schon nach weniger Zeit hat es für mich eine andere Dynamik angenommen als ich spürte: nein, ich Muss nicht mehr so weiter machen. Als ich merkte, dass es mir gelingt. Und als ich spürte: ich WILL nüchtern leben und ich will alles dafür tun.

    Das war für mich eigentlich ein wichtiger Punkt. Diese Veränderung des Wollens, und zwar weg von der immer wiederkehrenden Bandschleife des Konsums - hin zu einem Wollen der (aktiven) Veränderung, in Freiheit und selbstfürsoglicher, gesunder Lebensweise. Ich hatte mich entschieden, nicht mehr gegen etwas anzukämpfen, sondern, nachvorne blickend, für etwas zu kämpfen. Von da an war ich auch bereit aktiv neue Wege zu gehen, Hilfe anzunehmen, Dinge auszuhalten. Und auch die nötigen "Opfer" zu bringen, da ich für mich bald merkte, dass diese sich hinten raus oft mehrfach wieder auszahlten.

    Ich wünsche dir/uns einen guten Austausch hier, und gutes gelingen auf deinen Weg.

    LG, Mojo

  • Hallo Erna!

    Von mir auch ein herzliches Willkommen. Ich bin auch eine, die viele Runden gedreht hat, mit der Hoffnung das doch irgendwie kontrollieren zu können. Ich bin davon überzeugt, dass kontrolliertes Trinken nicht funktioniert. Es ist ein Irrglaube, den uns die Sucht immer wieder versucht einzureden.

    Ich wollte auch gelegentlich trinken, um einfach normal wie andere Menschen am sozialen Leben teilzunehmen. Heute habe ich mich von dem Gedanken verabschiedet, dass ich normal wäre, wenn ich wie andere in einem normalen Rahmen trinken kann. Ich bin normal - ohne zu trinken. Es ist völlig in Ordnung nicht zu trinken - wenn sich andere daran stören, sind sie nicht normal.

    Und zuletzt schließt die Frage an, warum ich mich immer wieder abschießen musste. Bei mir war es immer der Wunsch nach ein paar Glücksgefühlen in diesem ganzen Alltagsscheiß und der Wunsch den Kopf anzuhalten. Meine Gedanken, die mich den ganzen Tag angeschrieen haben waren dann für einige Zeit ruhig.

    Meine Leistungen bei der Arbeit lassen stark zu wünschen übrig, meine sozialen Kontakte gehen gen Null, ich hab Panikattacken und ärgere mich über die vertane Lebenszeit. Ich hatte so viele Pläne für den Sommer. Was hab ich umgesetzt? Natürlich nIchts....

    Ich ahne, dass es mir dieses Mal wieder sehr schwer fallen wird. Hadere gerade auch noch mit meiner Motivation.

    Deine Motivation hast Du sogar schon beschrieben. Du ärgerst Dich über die vertane Lebenszeit - sehr gute Erkenntnis!

    Arbeite doch mal gedanklich aus, wie ein erfülltes Leben sein könnte. Was würdest Du machen, was erfüllt Dich mit Freude.

    Die erste Zeit ist nicht leicht. Aber ich kann Dir versichern, dass es leichter wird. Wenn Du Abstand zum Alkohol gewonnen hast, wirst Du die Vorzüge des nüchternen Lebens erkennen. Ich bin ähnlich alt wie Du und ich erkenne immer mehr wie wenig Restlebenszeit überhaupt noch kommt. Nutz das jetzt, Du kannst noch richtig schöne und gesunde (!) Jahre erleben. Mit Alk gehts nur noch bergab. Setz Dir ein kleines Ziel - mach mal 6 Wochen ohne und dann schau mal, was passiert. Das kannst Du schaffen.

    Beste Grüße Helga

  • Der Alkohol erfüllt bei mir eine soziale Funktion und ich nutze ihn, um zu entspannen. Ich bin eher introvertiert, sehr selbstkritisch, im Umgang mit Menschen immer angespannt, mache mir viele Gedanken. Beim Trinken löst sich die Anspannung und ich finde mich endlich nicht mehr zum Kotzen. Hinterher dafür umso mehr.

    So, das schreiben hier führt gerade zu nichts, es gelingt mir nicht nach vorn und nach Lösungen zu schauen. Werde versuchen, nun erstmal den Tag herumzubekommen. Habe heute frei und mein Weg ginge jetzt zum Supermarkt...

    Das mit der Entspannung und Introvertiertheit kenn ich von mir auch. Oder hatte mir es zumindest eingeredet. In jüngeren Jahren hatte das teilweise sogar funktioniert. Aber umso länger meine Sucht dauerte, umso weniger konnte ich mit Alk und anderen Substanzen den Entspannungseffekt und angenehme Ausgelassenheit erreichen. Schon viel eher verlor ich mich in dunkeln und zynischen Gedankenschlaufen oder ich eskalierte anstatt zum ausgelassenen, angenehmen Gesprächspartner zu werden...

    Was ich eigentlich schreiben wollte: du darfst nett zu dir sein und es ist ok, wenn du dich auch trotz Absinenz nicht super fühlst und an vielem zweifelst. Mir hat dieser Zuspruch mir selber gegenüber enorm geholfen, dem, ich nenn ihn mal "Abstinenzdruck", die Schwere und das Ultimative zu nehmen.

    Schönen Abend

  • Guten Morgen,

    ich danke euch sehr für eure Antworten und Anregungen! Werde dass aber alles erst in Ruhe durchdenken müssen, bevor ich gezielt auf die Beträge antworte.

    Heute morgen vor der Arbeit nur so viel.....es geht mir bedeutend besser als gestern. Suhlte mich ja gestern ganz ordentlich in Selbstmitleid. Aber durch das Suhlen in meiner ganzen Misere, ist meine Motivation ein wenig erwacht. Und ich kann etwas nach vorne blicken. Die ersten Tage aushalten, dann wird es besser (das hatte mir auch jemand geschrieben). Und ich weiß ja, dass und wie es geht.

    Zum weitermachen werde ich mir etwas überlegen müssen. Aber das später....

    Ich dachte immer, der Satz "nur für heute" würde mir nichts bringen, dabei habe ich das unbewusst oft so gemacht...auch gestern.

    Mir ist gestern noch etwas klar geworden. Der Suff verschafft mir Frohsinn und Entspannung, aber er saugt mich auch aus. Er hat mich völlig ausgesaugt. Eine leere Hülle ohne Freude, Anteilnahme, Motivation, Trauer....ich bin weg.

    Verzeiht! Das ist alles sehr konfus....

    So, ich starte jetzt in den Tag, vielleicht finde ich ein Stück von mir wieder....

    Euch wünsche ich ein schönes Wochenende

    LG Erna

  • Aber von ganz unten, kann es nunmal nur aufwärts gehen und im Inneren bin ich mir sicher, dass nun das Plateau erreicht ist und es, wenn ich so weiter mache, nur noch bergab geht.

    Hallo Erna

    Du hast ja in deiner Vergangenheit sehr viel erlebt und gesehen wie sich Abhängigkeiten entwickeln und auswirken. Vielleicht bist du jetzt an diesem Punkt wo du wirklich ein neues Leben beginnen möchtest. Eine Auseinandersetzung mit dir und deiner Problematik wird dir sehr viel bringen auf dem Weg in eine nachhaltige Abstinenz, auch wenn dir dieses letzte Wort vielleicht noch sehr viel Bauchschmerzen bereitet. Nie wieder. Doch darum geht es gar nicht. Das Erkennen dass dieses ganze Zuschütten zu nichts führt außer zu Elend und Schmerz ist schon ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Zu sehen dass es einen Pfad gibt der herausführt aus dieser Hölle, das es machbar ist, mit seinem Seelenleben wieder im Einklang zu sein jenseits der Pseudoruhe des Alkohols das sollte die Kraft geben diesen Weg auszuprobieren. Dieser Weg ist keine breite Autobahn doch niemand sagte dass es nur einfach werden wird. Man lernt seine Ecken und Kanten kennen und das ist es vielleicht das was einen Menschen letztlich auch ausmacht.

    Einen angenehmen Sonntag

    Brant

  • Hallo Erna,

    der Alkohol mag dir Frohsinn und Entspannung verschaffen, aber all dies ist künstlich erzeugt. Entspannung und Frohsinn in Flaschenform, auf Knopfdruck. Du weißt genau, was du kriegst, wenn du die Flasche öffnest. Aber weder verschaffst du dir durch den Alkohol wirklich Entspannung (das wäre ein Buch lesen, in die Sauna gehen oder whatever) noch empfindest du aus dir heraus wirklich Frohsinn. Und deswegen saugt dich der Suff auch gleichzeitig aus. Der Alkohol gibt dir vor das zu verschaffen, was du dir erhoffst, aber es ist nicht nachhaltig. Eben weil es künstlich erzeugt ist. Für Frohsinn und Entspannung muss man etwas tun, das stellt sich nicht einfach so von sich ein und ist auch schwerer auf natürlichem Wege zu erzeugen. Von daher ist der Weg über den Alkohol bequem, weil‘s einfach schneller geht.

  • Hallo,

    heute wachte ich völlig durch den Wind auf. Torkelte ins Bad...den Vormittag über Schweißausbrüche, zittrig, leichte Übelkeit. Dabei ist heute schon Tag 6. Hatte das beim letzten Mal auch und hatte da überlegt, ob sich der Entzug an die Trinkfrequenz angepasst haben könnte und daher verspätet einsetzt. Aber dann hätte er jetzt früher einsetzen müssen. Wahrscheinlich ist es eher psychisch. Das Hirn möchte unbedingt mitteilen, dass es dringend den Zeitpunkt für den nächsten Rausch gekommen sieht. Oder es sind nur erste Anflüge der Wechseljahre...egal, ich hab den Arbeitstag heute herumbekommen und nach einem Mittagschläfchen geht es mir jetzt wieder ganz gut.

    Stilles Wasser t und Bighara und auch ihr anderen....im Prinzip weiß ich genau was ihr meint. Und ich weiß auch, dass ihr vollkommen recht habt mit dem, was ihr mir da lasst. Das wusste ich auch bei meinen letzten Versuchen.

    Und ich frage mich, weshalb kann ich es trotz dieses Wissens nicht auf Dauer durchhalten? Ist mein Wille nicht stark genug? Muß der Tiefpunkt noch tiefer sein? Habe ich einfach nicht genug getan, um die Lücke die der Alk hinterließ, zu füllen?(Halte ich für sehr wahrscheinlich)

    Weshalb verblasst mein Wissen über die negativen Auswirkungen so schnell? Weshalb werde ich in ein paar Monaten nicht mehr daran denken, dass es mir heute so mies ging? Ein natürlicher Schutzmechanismus des Gehirns, negative Erinnerungen werden irgendwo versteckt ausgelagert. Die Lösung dafür scheint zu sein, sich stetig mit dem Thema Sucht auseinanderzusetzen. Ich beging leider den Fehler und lies nach in meinen Bemühungen. Besuchte nicht mehr regelmäßig die SHG, beschäftigte mich nur noch sporadisch in Gedanken mit der Sucht. So konnte die andere Stimme in meinem Kopf, die den Alk ins positive Licht stellt, wieder die Oberhand gewinnen.

    Meine Gedanken drehen sich im Moment im Kreis, durchdenke immer wieder die selben Dinge, komme aber zu keinem Ergebnis. Es fällt mir auch hier schwer, meine Gedanken sinnvoll geordnet aufzuschreiben.

    Daher möchte ich versuchen im hier und jetzt zu bleiben und erstmal kleine Brötchen zu backen. Mein Plan für die nächsten Tage: gesund essen um meinem Körper mal wieder etwas gutes zu tun; hier lesen und schreiben; annehmen, dass ich zur Zeit keine Lust habe, was zu machen; wenn ich doch Lust habe, am Mittwoch eine SHG besuchen; wenn ich doch Lust habe, etwas Sport oder Yoga machen.

    Ich möchte mich auch nochmal bedanken, für die Zeit, die ihr euch nehmt, um mir hier zu antworten und Tips auf den Weg zu geben. Und auch, wenn ich nicht direkt darauf antworte, ich nehme das in mich auf, muss aber alles erst verarbeiten. Wie geschrieben, habe ich im Moment Chaos im Kopf.

    So....erstmal LG von Erna, die sich jetzt nen Smoothie macht :)

  • So ist es richtig Erna.

    Einen Schritt nach dem anderen in Deinem Tempo.

    Bei meinen Anfängen wollte ich immer alles gleich aufeinmal und das sofort. Kam dann etwas dazwischen oder klappte es doch nicht wie geplant, kam der Frust und leider wieder die Flasche.

    Ich muss auch viel mehr auf körperliche Entspannung achten, bin da noch auf der Suche nach dem passenden für mich.

    LG

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