Beiträge von Bighara

    Hello! Also, in der Klinik fand bei uns eine Rückfallprophylaxe statt und tatsächlich ist mir der Ausspruch ‚Der Rückfall gehört dazu.‘ auch mehrfach begegnet. Ich selbst habe das für mich abgelehnt, weil ich es als Hintertürchen für den Alkohol interpretiert habe. Als Freifahrtsschein quasi. Man darf nicht unterschätzen, wie aktiv das Suchtgedächtnis anfangs noch ist und wie es probiert, den Alkohol wieder ins Leben zu holen. Ich hab das gemerkt, dass mein Gehirn probiert hat entsprechende Exit-Strategien zu bauen. Abstinenz hat was mit Grenzen ziehen zu tun und diese waren bzw. sind sehr strikt gezogen bei mir. Ich hab meine Abstinenz mit Klauen und Zähnen verteidigt und geschützt. Allerdings sprechen die Zahlen eine andere Sprache mit einer Rückfallquote von 80%. Aus meiner Gruppe damals bin ich die Einzige, die nicht rückfällig geworden ist. Von daher….der Rückfall gehört bei mir nicht dazu, bei Anderen aber schon. Und wenn ich all die Trinkaufhörversuche dazuzähle, bevor ich in die Klinik gegangen bin…dann gehört der Rückfall ebenso zu mir wie zu den Anderen auch.

    Ich persönlich halte von der Differenzierung zwischen Rückfall und Vorfall auch nichts, aber ich weiß, dass es dem einen oder anderen Betroffenen dabei hilft, nicht komplett ins Bodenlose und ins schwarze Loch zu fallen. Schuld und Scham sind hier der Endgegner und wenn es hilft diese Gefühl was abzumildern und schnell wieder die Reißleine zu ziehen…warum nicht?! 😊 Ich mag mich da nicht an Begrifflichkeiten aufhängen.

    Nobs Wie lief die therapeutische Maßnahme? Bist du zufrieden mit der Zeit?

    Mir geht’s gut! Endlich Urlaub! 🤪🥳 Jahr war anstrengend und ich freue mich auf die Zeit zur Regeneration und Entspannung. 💆‍♀️

    Apropos mangelnde Selbstdisziplin: Ich war gestern mit ner Freundin im Café und dort gab es Tiramisu-Torte. Ich liiiiiebe Tiramisu. Kriegt man nicht so häufig ohne Alkohol. Nachdem ich mein Stück in Windeseile verputzt hatte, kam der Gedanke: Bestellst du dir noch ein Stück? Ach Quatsch, was willst du mit einem Stück? Du willst die restliche Torte! Ist auch ein Stück, das Obelix-Stück. Das kriegste locker aufgegessen.

    Ich hab locker fünf Minuten unterschwellig darüber nachgedacht, ob ich den Rest Tiramisu-Torte in dem Cafe bestellen und essen kann.

    Macht einfach Freude sowas! 😄 Ich esse für mein Leben gern. Macht einfach Spaß und hält den Motor am Laufen.

    Ach, das ganze System krankt. Was bringt es denn, sich Nachhaltigkeit und einen Wirtschaftskreislauf auf die Fahnen zu schreiben, wenn alles auf Wachstum, schnelllebige Produktlebenszyklen etc. ausgelegt ist und den Akteuren am Markt am Meisten Profit bringt. Auch durch die massive Stärkung der Verbraucherrechte wurden die Verbraucher zu immer rücksichtsloseren Konsumenten herangezüchtet. Man muss sich nicht mehr informieren, man kann ja alles widerrufen, zurückschicken etc. Das Handeln als Verbraucher am Markt hat quasi keine Konsequenzen. Da kann ja nichts Gutes bei rumkommen. Man gewöhnt sich ja auch daran Tun und Lassen zu können, was man will und gibt diese Position nur ungern auf. Der Verbraucher muss wieder mündig und mehr in die Verantwortung genommen werden. Aber so lange Konsum mehr belohnt wird als kein Konsum…bin ich da nicht sonderlich optimistisch.

    Es gilt wie immer: Maß und Mitte. Und wie diese aussieht, ist eine sehr individuelle Kiste.

    Ich möchte jedoch kurz anmerken, dass im Klinikkontext durchaus darauf geachtet wird, dass die Leute nicht plötzlich anfangen wie irre Sport zu treiben. Nichts liegt näher, als die Lücke des Suchtmittels durch ein ‚Davonlaufen‘ zu füllen. Ich meinte damit nicht, dass du das tust Kogge Wollte es nur mal angemerkt haben. Auch Sport betäubt den Körper und Geist durch Belastung. Ähnlich wie, dass die Leute in der Klinik rumvögeln wie die Blöden, weil sie die Lücke des Suchtmittels mit nem anderen Menschen versuchen auszufüllen. 🤷‍♀️ Ähnlich wie auch mit Essen. Sucht frisst sich in alle Lebensbereiche rein und ist deswegen so tricky.

    Maß und Mitte. Dauert ggf. auch bis man dies für sich gefunden hat. Dass man anfangs bzw. auch immer mal wieder zwischendurch im Leben in Extreme kippt, halte ich für einen Teil des ganzen (Lebens-)Prozesses. Man muss immer wieder nachjustieren und sich auf den Prüfstand stellen.

    Ich kann Loner da schon verstehen…man will das Leben nicht völlig in der Vermeidung und in der ‚Angst‘ vorm Alkohol leben. Ich hab mich im ersten Jahr meiner Abstinenz auch andauernd Risikosituationen ausgesetzt…weil ich mein Leben zurückwollte. Im Nachhinein wurde mir dann klar, wie brenzlig das eigentlich gewesen ist, aber es ist ja alles gut gegangen. Hätte ich nen Rückfall gebaut, wäre es andererseits auch nicht verwunderlich gewesen. Solche Situationen wie Loner sie nun gemeistert hat, schaffen auch Selbstvertrauen, dass es klappt. Dass man widerstehen kann. Dass man durchhalten kann. Dass man die Kraft hat und sich der Kampf lohnt. Das war nicht Anderes als eine Belastungserprobung und Loner hat sie mit Bravour bestanden. Herzlichen Glückwunsch. 👏🏻

    Hi Loner! Ich hab mit Weihnachtsmärkten kein Problem, weil Glühwein ne billige Zuckerplörre ist und schon damals ein Kopfschmerzgarant war. Aber Feuerzangenbowle hab ich früher gern getrunken. 😅 Es ist allgemein die Jahreszeit, die mich sehnsüchtiger macht. Die Familien rücken enger zusammen, die Pärchen hocken noch mehr aufeinander als sonst schon…mir wird in der Weihnachtszeit verstärkt vor Augen geführt, was ich nicht habe. Meine Familie ist kacke, Zusammenhalt nicht gegeben und nen Partner hab ich auch nicht. 🤷‍♀️ Aber ich kann mich entscheiden, wie ich damit umgehen will. Entweder kann ich mich voll da reinstürzen und mich im Selbstmitleid suhlen und allem voll die Bedeutung geben oder es so nehmen wie es ist und mir vor Augen führen, warum alles so ist wie es ist. Mein Weg ist selbst gewählt, meine Ist-Situation ebenso. Mein Leben ist gut so wie es ist. Ich verstehe, dass der Drang Alk zu konsumieren gerade groß ist bei dir. Die erste Weihnachtszeit nüchtern ist schwierig, weil man‘s noch nie gemacht hat. Mich hat damals heftig die Einsamkeit überfallen, aber ich hab‘s ausgehalten. Nüchtern. Du wirst dieses Weihnachten auch nüchtern überstehen. Es sind weniger als 20 Tage, dann ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Zeitlich absolut absehbar. Nimm vielleicht bewusst einen Umweg und fahr nicht mehr am Weihnachtsmarkt vorbei, um dir das Leben zu erleichtern. Vielleicht hilft dir das ja: Ich bin über drei Jahre clean und war heute problemlos auf dem Weihnachtsmarkt, hab drei Reibekuchen gegessen und diese in Apfelmus ertränkt, irgendeine alkoholfreie Zuckerplörre getrunken und eine schöne Zeit mit ner Freundin gehabt. Genau an diesen Punkt kommst du auch, wenn du stark bleibst, deinen Weg verfolgst und durchhältst. Manchmal geht’s halt nur ums Durchhalten. 🤷‍♀️

    Also, in der Entwöhnung geht auch um Struktur und den Leuten beizubringen sich anderweitig zu beschäftigen als mit Alkohol. Bei uns gab es jeden Tag bis auf einen Gruppentherapie, dann gab es noch zwei Mal pro Woche Sport (z.B. Yoga), verschiedene Dienste in der Klinik (z.B. Küchendienst), Kunsttherapie und so Werkelzeugs. Und er wollte bzw. Bedarf hatte, dem stand auch noch Einzeltherapie zur Verfügung. Diese Monotonie ist durchaus gewollt. Wie gesagt: Kein Entertainmentprogramm. Die Patienten sollen mal runterkommen, wieder ihre Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen, den Körper spüren und einsetzen, sich auf sich selbst konzentrieren unter dem Schutz der Käseglocke. Das ist ne harte Umstellung und viele schlagen da ganz hart auf. Statt sich mit dem Handy abzulenken, kann man sich auch Gedanken machen über sich selbst und warum man nun hier ist. Ich hab z.B. ganz viel über Gefühle gelesen und Suchtliteratur verschlungen. Ich wollte meine Krankheit verstehen. Hinzu kamen bei mir Flashbacks, die mich nach einem Monat in der Klinik eingeholt haben…da war ich aber schon drei Monate nüchtern! Es dauert ein wenig bis der Alkoholpanzer brüchig und durchlässig wird. Eine lange Konsumdauer benötigt vor allen Dingen Zeit! Alle, die mit mir in der Entwöhnung waren, hatten am Ende das Gefühl, dass die Zeit nicht gereicht hat und die Meisten - so wie ich auch - hatten noch verlängert. Man soll sich aber auch nicht zu wohl fühlen und dann in der Klinik verstecken wollen. Das passiert auch manchen Patienten.

    Am Ende steht, was du für dich aus der Maßnahme machst und für dich mitnimmst.

    Nobs Ich denke, du meinst mich. Ah ok, also ist das ähnlich wie die ReHa der Rentenversicherung angesiedelt. Weil diese Erwartungshaltung aus deinen Worten herausklingt. 🤷‍♀️ Ganz einfach. Deine Worte erinnern mich an mich selbst und wie ich da reingegangen bin. Ich war richtig heiß drauf jetzt loszulegen, Erfolge zu erzielen…zu performen. Aber so funktioniert Therapie nicht.


    Ich gehe davon aus, dass das deine erste Maßnahme dieser Art ist und du bislang keine Vorstellung davon hast, wie Therapie funktioniert. Ging mir auch so. Trust the process…gibt einen Grund, weshalb es viel Leerlauf gibt. Die Patienten bringen auch sehr unterschiedlichen Voraussetzungen mit…als funktionale Alkoholikerin hatte ich keine Probleme mich lange und konzentriert mit Handarbeiten oder Whatever zu beschäftigen. Es gab aber auch welche, die konnten sich nicht mal 10 Minuten am Stück konzentrieren und den Fokus halten. Die wirkliche Therapie fand mE auch außerhalb der eigentlichen Therapiemaßnahmen statt. Wenn die Patienten sich unterhalten, wenn man Ruhe und Leerlauf einkehrt…dann holt einen viel ein. Ich hab mich damals durchaus schwer getan, dass ich nun monatelang in solch einer Einrichtung saß mit teils wirklich traurigen Gestalten. Aber von denen kann man viel lernen. Und wenn die Lehre ist, dass man auf keinen Fall dorthin kommt, wo diese Personen sich befinden.

    Die nassen Gespräche zwischen den Patienten sind normal. Das Suchtmittel ist nah dran, das Suchtmittel hat einen lange etwas gegeben. Damit ist es nun vorbei, es ist ein bisweilen wehmütiger Abschiedsprozess. Aber es sollten auch nicht nur diese nassen Gespräche geführt werden. Bei uns wurde da dann auch von Therapeutenseite mal eingegriffen, wenn da zu viel Glorifizierung einsetzte.

    So, ich muss mich jetzt mal einklinken. Nobs Ich war acht Wochen im Entzug und dann noch fünf Monate in der ReHa. Der Entzug ist kein Entertainmentprogramm, sondern dazu da, dass du mal was runterfährst und zu dir kommst. Raus aus der Ablenkung, hin zu dir selbst. Schraub deine Erwartungshaltung was runter und schau mehr in dich hinein, wie es DIR geht und nicht, was die Umgebung alles macht. Allein deinen Worten kann ich entnehmen, dass du noch nicht angekommen bist und dich vor allen Dingen auch noch nicht richtig eingelassen hast. Du bist skeptisch, weil du die Sinnhaftigkeit der Maßnahme in seiner Form und den Mehrwert für dich noch nicht erkennen kannst. Verstehe ich. Aber das kommt mit der Zeit. Da wird sich noch Einiges tun. Meine Güte, immer diese Erwartungshaltung. 😅 Für mich war der Entzug plus Reha der Ausstieg. Seitdem bin ich nüchtern seit über drei Jahren und auch kein Rückfall. Es kommt drauf an, was man draus macht. Auch aus der Langeweile.

    Und wenn dein Zimmernachbar so krass schnarcht, würde ich mich um einen Zimmerwechsel bemühen. Guter Schlaf ist wichtig, gerade im Entzug, wo bei Vielen die Schlafprobleme wieder hervortreten, die sie zuvor mit dem Alkohol therapiert haben.

    Hey Kogge. Du bist nicht der erste User hier, der sich so auf diese Art und Weise autobiografisch mitteilt. Deine Story hat ihre Berechtigung und hier auch Platz.

    In Anbetracht des Geschriebenen verstehe ich, dass das aus dir raus muss. Jeder braucht ein Ventil. Du scheinst deins gefunden zu haben, Schreiben liegt dir augenscheinlich. 🙂

    Ciara Ich betreibe einen Podcast, der heißt ‚Let‘s talk about Sucht, Baby!‘ und den kannste dir auf Spotify,iTunes oder wo auch immer anhören. Hab den angefangen, als ich 1 Jahr trocken war und erzähle viel darüber, wie und warum ich in der Sucht gelandet bin, womit ich mich beschäftigen musste, um die Gründe der Sucht zu erkennen, wie mein Leben in der Sucht ausgesehen hat, ich beschäftige mich mit meinem Sohn etc. In der Regel ist der Herr Müller (mein Therapeut aus der ReHa) mein Gesprächspartner und ordnet das Gesagte mit therapeutischem Hintergrund ein. Der Erklärbär, wenn man so will. 😅 Ist ein kleiner süßer Podcast und mein kleiner Beitrag im Kampf gegen den Alkoholismus bzw. die Sucht. Ich versuche zu zeigen, wie Therapie funktioniert bzw. Bei mir funktioniert hat und hoffe, dass es irgendwem da draußen auf dem Weg oder in der Abstinenz hilft. 😊

    Hallo Emily! Es kommt für jeden Einzelnen im Forum darauf an, was er aus diesem Forum macht und wie diese Ressourcen für sich selbst genutzt werden. Als stabile Abstinenzlerin hab ich nicht mehr den Bedarf nach regem Austausch, weil der Abstand mittlerweile groß geworden ist. Aber wenn hier Jemand aufschlägt und nach Rat oder Hilfe sucht, versuche ich mich einzubringen, wenn‘s mich thematisch anspricht. Wie AmSee13 schon geschrieben hat, bin ich da auch mittlerweile was picky geworden…seit bald zwei Jahren im Forum hab ich schon viele hier kommen und gehen sehen…ich versuche daher für mich die Spreu vom Weizen zu trennen. Meine Zeit ist begrenzt, ich habe viel um die Ohren und dann einfach auch nicht so die Lust andauernd zu schreiben und dann nach einer Woche ist die Person wieder im Nirvana verschwunden. Das ist auf Dauer einfach frustrierend und ich habe für mich einen Weg gefunden damit umzugehen. Ich empfinde das auch nicht so, als wäre ich hier in irgendeiner Bringschuld. Wenn Jemand was wissen will oder Probleme hat, dann soll man es mitteilen und dann wird der Person hier auch geholfen.

    Drei Monate, nachdem ich trocken wurde, hatte ich 7 Blockaden in der Wirbelsäule und meine linke Schulter hat völlig gestreikt. Da ging nichts mehr. Die Auswirkungen meines Bandscheibenvorfalls zeigten sich und es wurde immer klarer, dass der Schmerz dauerhaft bleiben und nur noch schlimmer wird, wenn ich nichts tue, um zumindest den Status Quo zu erhalten. Der Körper regeneriert, was früher durch den Alkohol betäubt wurde, wird nun spürbar. Und weil man sich nicht benebelt, kriegt man es auch volle Breitseite mit. Der Körper würde trotzdem schmerzen, auch bei Alkkonsum, man würde den Schmerz nur nicht mehr spüren und dadurch die körperlichen Grenzen missachten. Wenn man den Körper früher immer bis ans Äußerste getrieben hat, ist das natürlich eine Umstellung. Aber es gilt die Grenzen zu akzeptieren lernen. Man sollte auf die Signale des Körpers hören und dankbar dafür sein. Der Körper hat schon Einiges mitgemacht und dir auch gute Dienste erwiesen Tron100 .
    Auch wenn ich mit meinen 41 Jahren vielleicht noch nicht so ganz mitreden kann…aber alt werden ist nichts für Feiglinge. Der alternde Körper ist nicht mehr so wie mit 20 und schon gar nicht nach all den Jahren der Sauferei. Das Leben zeigt sich nunmal und hinterlässt Spuren. 🤷‍♀️