• Je, genau. Das ist es. Warum zum Teufel? Aber Alkohol ist halt auch einfach überall und wird komplett an der Realität vorbei verharmlost ...

    Ein Volk von Süchtigen müsste sich eingestehen, dass es etwas falsch macht und das geht doch nicht, ganz nebenbei werden mit dem Konsum Unsummen verdient, der wirtschaftliche, gesundheitlich Schaden ist zu vernachlässigen, das zahlt sowieso die Masse, die Süchtigen.

    Nenne es Kapitalismus oder einfach nur Profitgier, egal, ob Rauchen, Saufen, Abholzen von Wäldern, unterdrücken von Menschengruppen etc.pp. - alle wissen, zumindest sehr, sehr viele, es ist verkehrt, auf Dauer, doch wen stört's, wenn man damit ordentlich Profit machen kann?

  • Nenne es Kapitalismus oder einfach nur Profitgier, egal, ob Rauchen, Saufen, Abholzen von Wäldern, unterdrücken von Menschengruppen etc.pp. - alle wissen, zumindest sehr, sehr viele, es ist verkehrt, auf Dauer, doch wen stört's, wenn man damit ordentlich Profit machen kann?

    Wenn Geld wichtiger ist als Menschen, geht es schief. Und das seit Jahrzehnten. Die letzten paar Jahre noch mehr.

    Guck einfach mal in nahezu jeden Supermarkt. Wie viele der Lebensmittel haben keine oder nur wenige Nähstoffe (Mineralstoffe, Vitamine, etc.) weil entweder nur Zucker, Kohlenhydate und Fett weil schmeckt ja so lecker oder das Obst kommt aus Peru eingeflogen. Und dann kaufen sich die Leute Nahrungsergänzungsmittel. Und Schwupps werden wir schon wieder ausgenommen. Nur weil die großen Unternehmen das so wollen.

    Sorry, aber da kriege ich die Krise. Aber das gehört nicht hier her.

    In Bezug auf Alkohol müsste man streng genommen die 57 Mrd. € die der Alkoholkonsum die Volkswirtschaft (laut Bundesministerium für Gesundheit) jährlich kostet auf den Preis umlegen. Ach, ne. Mit günstigem Alkohol stellt man ja das Volk ruhig. Mist, verdammter.

  • Guck einfach mal in nahezu jeden Supermarkt. Wie viele der Lebensmittel haben keine oder nur wenige Nähstoffe (Mineralstoffe, Vitamine, etc.) weil entweder nur Zucker, Kohlenhydate und Fett weil schmeckt ja so lecker oder das Obst kommt aus Peru eingeflogen.

    Der Verbraucher hat aber die Wahl. Nicht im Supermarkt, wo er zwischen 4 Sorten Wassertomaten wählen kann, sondern beim Blick über den Tellerrand.

    Ich bin seit 12 Jahren Solawi Mitglied und habe daher immer feinstes Biogemüse aus samenfestem Gemüse im Bauch. Ich bestelle mein Olivenöl direkt beim Erzeuger, Saborita in Spanien. Mein Obst bestelle ich ebenfalls beim spanischen Biobauern oder vom lokalen Anbieter im Sommer und das Brot kaufe ich beim Demeterbäcker, schneide es mit der Maschine und friere es dann ein, genauso Brötchen und Teilchen, um nicht immer 25km für ein Brötchen fahren zu müssen. Dafür nehme ich gewisse Wegstrecken in Kauf.

    Das Problem ist nicht die böse Industrie, sondern der Verbraucher selbst. Wie oft höre ich von meinem Umfeld, dass das mit dem Gemüse für sie ja gar nicht ginge, weil sie dann immer das kochen müssten, was gerade Saison hat. Da fällt mir nichts mehr zu ein. Das frischeste Gemüse vollgepackt mit Mineralien und Vitaminen wird abgelehnt, weil man außerhalb der Saison lieber pestizidbelastete Erdbeeren aus Ägypten haben will. Die kleinbäueriche Landwirtschaft wird komplett ruiniert. Ich will das hier nicht OT sprengen, aber das Problem sitzt beim Endkunden.

    Beste Grüße Helga

  • Ach, das ganze System krankt. Was bringt es denn, sich Nachhaltigkeit und einen Wirtschaftskreislauf auf die Fahnen zu schreiben, wenn alles auf Wachstum, schnelllebige Produktlebenszyklen etc. ausgelegt ist und den Akteuren am Markt am Meisten Profit bringt. Auch durch die massive Stärkung der Verbraucherrechte wurden die Verbraucher zu immer rücksichtsloseren Konsumenten herangezüchtet. Man muss sich nicht mehr informieren, man kann ja alles widerrufen, zurückschicken etc. Das Handeln als Verbraucher am Markt hat quasi keine Konsequenzen. Da kann ja nichts Gutes bei rumkommen. Man gewöhnt sich ja auch daran Tun und Lassen zu können, was man will und gibt diese Position nur ungern auf. Der Verbraucher muss wieder mündig und mehr in die Verantwortung genommen werden. Aber so lange Konsum mehr belohnt wird als kein Konsum…bin ich da nicht sonderlich optimistisch.

  • Das Problem ist nicht die böse Industrie, sondern der Verbraucher selbst. Wie oft höre ich von meinem Umfeld, dass das mit dem Gemüse für sie ja gar nicht ginge, weil sie dann immer das kochen müssten, was gerade Saison hat. Da fällt mir nichts mehr zu ein. Das frischeste Gemüse vollgepackt mit Mineralien und Vitaminen wird abgelehnt, weil man außerhalb der Saison lieber pestizidbelastete Erdbeeren aus Ägypten haben will. Die kleinbäueriche Landwirtschaft wird komplett ruiniert. Ich will das hier nicht OT sprengen, aber das Problem sitzt beim Endkunden.

    Überwiegend, ja. Aber die Nahrungsmittel-Industrie hat auch kein Interesse daran, dass wir selber kochen. So ganz unschuldig ist die auch nicht. Abgesehen davon können sich Bio und Waren direkt von den Erzeugern viele nicht mehr leisten. Aber das mit Solawi schau ich mir mal an. Das kenne ich noch nicht.

  • Ich kaufe Obst und Gemüse meistens regional und entsprechend der Saison. Manchmal fahre ich auch zu einem Bauer und kaufe direkt dort. Ich würde nie an Weihnachten Erdbeeren essen wollen. Ich koche überwiegend selbst und bereite alles frisch zu. Trotzdem kann ich nicht sicher sagen, dass die Lebensmittel ok sind. Ich weiß ja nicht wie sie behandelt wurden. Hatte mal in einem Urlaube gesehen wie eine Apfelplantage gespritzt wurde. Da war das ganze Feld in dickem Spritznebel. Da wollte ich ne zeitlang keinen gekauften Apfel mehr essen. Lieber direkt vom Baum pflücken. Bei uns gibt’s ne Streuobstwiese, da wird nichts gespritzt. Da habe ich öfter nen Apfel direkt vom Baum gegessen.

  • Zitat

    Überwiegend, ja. Aber die Nahrungsmittel-Industrie hat auch kein Interesse daran, dass wir selber kochen. So ganz unschuldig ist die auch nicht. Abgesehen davon können sich Bio und Waren direkt von den Erzeugern viele nicht mehr leisten. Aber das mit Solawi schau ich mir mal an. Das kenne ich noch nicht.

    Das ist so nicht ganz richtig. Wenn wir uns die Daten anschauen, wie viel Geld vom VERFÜGBAREN Haushaltseinkommen in Lebensmittel fließt, liegen wir in Deutschland bei ca. 10–12 %. Das ist ziemlich wenig. Andere europäische Länder liegen bei 13–15 %, weltweit sind die Kosten im Vergleich zum Einkommen oft noch deutlich höher. Das Verhältnis zur Kaufkraft für Lebensmittel ist in Deutschland tatsächlich sehr günstig.

    Am Geld selber liegt es nicht, eher an den Prioritäten, in was man sein Geld investiert. Gleichzeitig haben wir in Deutschland relativ wenig echte Esskultur; Essen ist bei uns eher funktional statt kulturell. Wir sind das Erfinderland des Discounters, und zu Aldi oder Lidl zu gehen, um Schnäppchen zu shoppen, ist mittlerweile auch für den Porschefahrer ganz normal. Anstatt bei Feinkost Käfer feinste, handgestreichelte Möhren zu kaufen – plakativ gesagt.

    Man muss es ganz klar sagen: Essen ist es uns nicht wert. Und die Nahrungsmittelindustrie bedient einfach nur unsere Faulheit und unser Desinteresse an der Nahrung selber. Wenn wir in die Kantinen der Firmen gucken, rangiert Currywurst-Pommes ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Bei VW gab es eine Riesenmeuterei, als man die Currywurst aus Gesundheitsgründen streichen wollte.

    Wenn wir uns weitere Daten ansehen, etwa die Zeit in der Küche, gibt es auch interessante Erkenntnisse: Pro Woche steht der Deutsche 5,4 Stunden in der Küche. Der Italiener, hoch lebe das Klischee der frischen Pasta, 7,1 Stunden. Sogar die Amis kochen 5,9 Stunden. Die haben mit ihrem BBQ wenigstens sowas Ähnliches wie Esskultur, auch wenn wir über den gesundheitlichen Wert streiten können. Da zählt der Social Factor mit rein. Indien steht mit 13,2 Stunden am Herd, Südkorea mit 3,7. Allerdings hat Asien eher eine Kultur des Essengehens; dafür geht die Kohle drauf und der Koch kocht gesund. Der Workload der aufgezählten Länder ist wie bei uns, teils höher. Also an der Zeit liegt es auch nicht.

    'Unsere' Prioritäten – neben der Deckung der Fixkosten (Miete etc.) – sind das Auto, Reisen plus andere Gadgets wie Handy, Netflix, Fußball. Ich sag mal so: Wer freiwillig 5 Euro für miesen Glühwein aus dem Tetrapack ausgibt, sich aber bei ALDI über die Gurkenpreise aufregt, hat eine verschobene Priorität. Aber nicht zu wenig Geld.

    Schlussfolgerung: Wir haben genug Geld. Aber keinen Bock, fahren dafür lieber Auto und in den Urlaub. Übrigens ist das eine Prägung aus dem Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg. Davor, sofern in den Daten verlässlich bekannt, sah es ganz anders aus.

    Nachtrag – mein Wissensdurst wollte noch gestillt werden: Südkorea gibt 27–28 %, Japan 26 % und Taiwan 28–30 % des Haushaltseinkommens für Ernährung aus. Und jetzt wird es interessant, legen wir mal Gesundheitsdaten daneben: Japan und Südkorea haben 4–6 % adipöse Menschen, Italien 10–12 %. Deutschland liegt bei 20–25 %. Deutschlands Zahlen wirken auf den ersten Blick vielleicht 'niedrig', sind aber viel schlimmer, wenn man auf das Alter schaut: Je älter, desto dicker.

    Die Lebenserwartung kann man auch direkt danebenlegen. Japan hat die höchste Lebenserwartung, die USA unter den Industrienationen die niedrigste. Deutschlands Lebenserwartung liegt irgendwo dazwischen. Das liegt aber nicht an unserer guten Lebensweise, sondern daran, dass wir sehr gut darin sind, Krankheiten, die wir uns vorher angefressen haben, medizinisch zu reparieren – und die Gemeinschaft zahlt die Rechnung.

  • Nachtrag des Nachtrags: Ich arbeite in einem Bereich, wo viele Kinder unterwegs sind, unterschiedlichster Altersstufen, in einer Trabantenstadt, die jetzt nicht unbedingt zu den Ärmsten gehört.

    Wenn ich jetzt mal so grob in die Frühstücksboxen der Kinder gucken darf, stelle ich fest: Viele Kinder haben noch nicht einmal eine Frühstücksbox dabei. Das Klischee der ‚Dinkeldörte‘ ist also schwer unterrepräsentiert. Wenn ich allerdings meinen Blick in die Auslage des ansässigen Mensabetreibers werfe und sehe, was da am Morgen bis zum Nachmittag neben dem 4 Euro-Mittagessen in der Auslage liegt: Nur Weißmehl und Zucker. Ausschließlich. Gut, okay, das war übertrieben, es gibt noch Proteine in Form von (Geflügel-)Hotdog-Würstchen, die dann noch im passenden Brot landen.

    Ansonsten gibt es KEINEN Tag, wo nicht irgendwas Frittiertes auf den Auslageblechen liegt. Größter Streitpunkt im Bildungsausschuss der Trabantenstadt ist nicht die Qualität der Mensa, sondern die Ausschreibung, ob noch jemand billiger sein könnte.

    Aber dann ... kommt einmal im Jahr der ‚Veggie-Day‘ – der übrigens aus frittiertem Blumenkohl besteht – und es folgt der Aufschrei der Eltern: ‚Wir lassen uns unser Fleisch nicht wegnehmen ...‘

    Interessanterweise, weil wir ja auch gerne über Migranten schimpfen: Wenn wir mal in einen türkischen, syrischen oder iranischen Supermarkt gucken: Ist euch auch mal aufgefallen, wie dick, rot, prall und lecker die Gemüseabteilung dort ist? Habt ihr mal dort auf die Preise geguckt?

    Woher das nur kommt ... und wenn türkische, syrische, iranische Mamas kochen ... tja, was soll ich sagen, wenn der Deutsche daneben die Dr.-Oetker-Pizza schnabuliert. ;)

    In dem Sinne, meine Matte wartet!

  • Und schwupps sind aus 150 Tagen inzwischen über 300 Tage geworden. Um ehrlich zu sein hatte ich es mir nach 150 Tagen einfacher vorgestellt. Es ist doch mehr Arbeit als gedacht. Vor allem der plöde Dezember war eine Herausforderung. Davor schon, so ab Oktober, hat der Druck auf der Arbeit deutlich zugenommen. Abgesehen davon bin ich immer wieder ganz mit mir selbst beschäftigt.

    Für mich persönlich fühlt es sich so, dass ich mental eigentlich jetzt erst richtig in die Abstinenz gestartet bin. Und, dass ich jetzt erst ein Gefühl dafür habe was der Entschluss weiter auf Alkohol zu verzichten für eine Tragweite hat. Es geht dann doch deutlich tiefer als einfach nur zu verzichten und sich auf medizinische Fakten zu stützen. Aber ich nehme die Challenge an. Weil es sich abseits der mitunter harten (Trocken-) Arbeit immer wieder richtig(er) anfühlt. Und darauf kommt es mir letztlich an.

    Inzwischen weiß ich, dass mein Weg länger ist. Mich wieder neu kennen lernen. Die Leichen im Keller mal raus werfen. Eine nach der anderen. Die stinken sonst weiter. Und zurück zu der Person, die ich früher war. Zur gleichen Zeit mache ich mehr mit der Familie, was ich auch total liebe. Unterm Strich ist es sowohl ein krasses Plus an gefühlter und gelebter Lebenszeit als auch an Lebensqualität.

    Und jetzt ist auch schon der Endspurt fürs erste Jahr. Ganz schön aufregend irgendwie. Auf eine positive Art. Und ich freue mich drauf. Der innere Rocky Balboa rennt die Treppe hoch und kann bald die Arme hoch reißen.

  • Was Du schreibst, klingt richtig gut.

    Zitat

    Inzwischen weiß ich, dass mein Weg länger ist. Mich wieder neu kennen lernen. Die Leichen im Keller mal raus werfen. Eine nach der anderen. Die stinken sonst weiter. Und zurück zu der Person, die ich früher war.


    Das ist ein total reflektierter und toller Ansatz! Ich wünsche Dir für 2026 viel Erfolg und genieße die neue / alte Person. Ich finde, wir alle hier haben eine gemeinsame Motivation und das ist, dass wir wissen, wo wir herkommen. Und nicht wieder zurück wollen!

    VG,

    Kogge

  • Die Weihnachtszeit ist halt ein Zeit des Hochkonsums in Deutschland. Das triggerte mich anfangs auch, da ich just in der Zeit auch am meisten gesoffen hatte.

    Und zurück zu der Person, die ich früher war.

    Ob es Dir gelingen wird, bleibt abzuwarten.


    Ich habe meinen "alten Zustand jedenfalls nicht erreicht. Meine Saufzeit war sehr lang, es ist einfach viel zu viel passiert und ich bin älter, reifer und erfahrener geworden. Das trifft auch auf meine Mitmenschen zu. So wie früher wird es nie mehr sein.

  • der Entschluss weiter auf Alkohol zu verzichten für eine Tragweite hat.

    Erst mal gratuliere ich dir zu den mehr als 300 Tagen und freue mich für dich mit.

    Bei mir wurden nach mehr als 1 Jahr das Ganze definitiv normaler. Inzwischen denke ich nicht mehr an Alkohol.

    Aber du schreibst „verzichten“, mir wurde hier im Forum erklärt, dass ich mir damit Verzichtsgedanken schüre. Ich habe dann dieses Wort „verzichten“ durch keinen Alkohol mehr wollen oder keinen Alkohol mehr brauchen ersetzt. Das hat einen Unterschied gemacht. Probier es doch mal aus.

    Generell kann ich sagen, dass nun im zweiten abstinenten Jahr, alles einfacher wird. Ich bin keineswegs leichtsinnig geworden, aber ich habe inzwischen auch keine Angst mehr rückfällig zu werden.

    Also nun fühlt sich das nüchterne Leben wirklich gut an. Mein Leben verläuft mit den üblichen ups and downs, aber Alkohol spielt keine Rolle mehr bei mir.

    Ich bin dafür sehr dankbar und lese immer wieder im Forum, damit ich dran erinnert bleibe wo ich nicht mehr hin will.

  • Von mir ein Danke für das Teilen deiner Gedanken und Erfahrungen, Loner .

    Ich vergleiche das ja ab und zu mit einer Abenteuerreise, weil ich selbst das im Rückblick so empfinde.

    Und mir ging das ja auch so, dass bei mir im Laufe der Zeit das Bedürfnis aufkam, mich mit dem, was sich in meinem „Keller“ befindet, zu beschäftigen.

    Das war nicht immer leicht, aber im Ergebnis bin ich Schritt für Schritt sehr viel weitergekommen, als ich das vorher jemals erwartet hätte.

    Ich selbst bin dadurch nicht zu der Person zurückgekommen, die ich mal war, das hätte ich aber auch nicht gewollt, weil diese Person unter dem litt, was gewesen war. Ich bin stattdessen endlich genesen. Für mich fühlt es sich so an, als hätte ich mich überhaupt erst gefunden.

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Hallo Loner,

    auch bei mir dauerte es über ein Jahr, bis ich diesen "Verzichtsgedanken" aus dem Kopf bekam. Hin und wieder schlich er sich wehmütig ein, die Vernunft hielt ständig dagegen. So nach und nach bemerkte ich, dass ich in Wirklichkeit auf gar nichts verzichtete, im Gegenteil, die Vorteile überwogen.

    Das hielt ich mir immer vor Augen und tatsächlich, nahmen diese Verzichtsgedanken stetig ab, bis sie gänzlich verschwunden waren.

    Wir (ich) sind eben doch alle Gewohnheitstiere, das klingt so einfach, fast schon idiotisch/irrational, doch auf mich trifft/traf es definitiv zu.

  • Das Wort ‚Verzicht‘ habe ich auch aus meinem Wortschatz gestrichen bzw. wende es nur dann an, wenn ich Dinge unterlasse, die ich eigentlich total gerne mache.

    Ich ‚verzichte‘ auf eine Sporteinheit, weil in dem Augenblick ein Aussetzen oder Regeneration dienlicher ist. Wir als Familie ‚verzichten‘ auf ein zweites Auto, weil wir beschlossen haben, mit einem auszukommen, obwohl es manchmal unkomfortabel ist. Ich ‚verzichte‘ auf den Urlaub, weil ich das Geld gerade nicht habe.

    Aber auf etwas zu ‚verzichten‘, was mir nachweislich schadet, ist rhetorisch Quatsch. Ich ‚verzichte‘ ja auch nicht darauf, Benzin zu trinken oder mir mit dem Hammer auf den Daumen zu hauen. Ich lasse es einfach, weil es dumm wäre. Ich ‚verzichte‘ auch nicht aufs Rauchen, ich rauche einfach nicht mehr.

    Der Verzichtsgedanke ist beim Alkohol nur deswegen so präsent, weil er einen gesellschaftlichen Status hat, mit Genuss und Lifestyle verbunden ist und man suggeriert bekommt, man würde etwas ‚Wertvolles‘ verlieren.

    Apropos doof angeschaut – ich saß zum ersten Mal ein wenig in der Klemme, meine Alkoholfreiheit ohne große Worte durchzuziehen: Wir waren mit der Arbeit essen und zum Dessert wurde Zabaione gereicht. Da wurde man doch komisch angeguckt, dass man ein Dessert nicht angerührt hat – es ging schließlich auch noch aufs Haus.

    Ich hab einfach stoisch ‚Nein danke‘ gesagt. Mehrfach. Ich hatte auch keinen Bock, mich zu erklären. Das ist das Nächste, was ich klar gelernt habe: Wir erklären zu viel und rechtfertigen uns. Ich gehe mittlerweile den Weg: Nein ist Nein. Ende. Wer sich erklärt, begibt sich in die Defensive und wirkt unsouverän. Eine Erklärung wird vom Gegenüber oft als Einladung verstanden, darüber zu verhandeln (‚Ach komm, ist doch nur Nachtisch...‘). Ein freundliches, aber unumstößliches ‚Nein‘ lässt keinen Raum für Diskussionen.

    Nein!....ist auch ein Satz.

  • Ich habe meinen "alten Zustand jedenfalls nicht erreicht. Meine Saufzeit war sehr lang, es ist einfach viel zu viel passiert und ich bin älter, reifer und erfahrener geworden. Das trifft auch auf meine Mitmenschen zu. So wie früher wird es nie mehr sein.

    Ja, so war es auch nicht gemeint. Eher so: Zurück in die Richtung wie ich früher war. Natürlich habe auch ich mich verändert, bin älter geworden.

  • Aber du schreibst „verzichten“, mir wurde hier im Forum erklärt, dass ich mir damit Verzichtsgedanken schüre. Ich habe dann dieses Wort „verzichten“ durch keinen Alkohol mehr wollen oder keinen Alkohol mehr brauchen ersetzt. Das hat einen Unterschied gemacht. Probier es doch mal aus.

    Ups. Ist mir gar nicht aufgefallen. War womöglich ein freudscher vertipper. Tatsächlich empfinde ich es nicht als Verzicht, sondern Gewinn. Weil ich es nicht mehr will.

  • Von mir ein Danke für das Teilen deiner Gedanken und Erfahrungen, Loner .

    Ich vergleiche das ja ab und zu mit einer Abenteuerreise, weil ich selbst das im Rückblick so empfinde.

    Und mir ging das ja auch so, dass bei mir im Laufe der Zeit das Bedürfnis aufkam, mich mit dem, was sich in meinem „Keller“ befindet, zu beschäftigen.

    Das war nicht immer leicht, aber im Ergebnis bin ich Schritt für Schritt sehr viel weitergekommen, als ich das vorher jemals erwartet hätte.

    Ich selbst bin dadurch nicht zu der Person zurückgekommen, die ich mal war, das hätte ich aber auch nicht gewollt, weil diese Person unter dem litt, was gewesen war. Ich bin stattdessen endlich genesen. Für mich fühlt es sich so an, als hätte ich mich überhaupt erst gefunden.

    Sehr gerne. Ich finde du bescheibst es stimmiger: Sich auf eine Reise begeben sich selbst überhaupt erst finden. Und du bringst mich zum nachdenken. Im Positiven Sinne. Wenn ich der werde, der ich früher war, würde ich letztlich wieder das machen, was mich dem Alkohol in die Arme getrieben hat: Als Introvertierter in einer Extravertierten Familie "funktionieren". Vielen Dank für deine Erfahrungswerte diesbezüglich!

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