Ich möchte mich Kogge und AmSee auch in dem Gedanken anschließen, dass der Süchtge nicht hoffnungslos der Sucht ausgeliefert ist. Jeder Süchtige kann zu jedem Zeitpunkt in seinem Leben eine Entscheidung für ein anderes suchtfreies Leben treffen.
Geht Dein Mann zu Selbsthilfegruppen oder eine weitere therapeutische Begleitung?
Oder es gibt den Punkt, an dem man akzeptieren muss, dass die Sucht einfach stärker ist. Ich glaube, das ist dieser schwer fassbare Gedanke, der wie ein Elefant im Raum steht.
Es klingt so „einfach“, wenn ich oben schreibe, man hat jeden Tag die Chance aufzuhören. Wenn ich in meinem Kopf zurückreise und mich gleichzeitig wieder in die Situation versetze, in der ich mal steckte: Ich wusste, dass ich aufhören musste, ich wollte auch. Aber ich habe schlichtweg den Schalter nicht gefunden.
Dieser Schalter, wenn es ihn denn gäbe, hätte manchmal direkt neben mir liegen können, und ich frage mich, ob ich ihn immer sofort gedrückt hätte.
Das absolut Perfide an der Sucht ist, dass sie dir suggeriert, ein Leben ohne sie wäre nicht möglich. Das ist ein kompletter Brainwash und eine Fremdsteuerung, die man da durchläuft. Ein Autopilot des eigenen Lebens, und es ist so unfassbar schwer, diesen auszuschalten. Die „normale Realität“, also das Leben ohne Alkohol, verwischt buchstäblich. Es ist nicht vorstellbar, ohne zu leben. On top kommt dann noch die Gesellschaft, die einem erzählt, wie wertvoll das Zeug ist.
Aber man muss diesen Schalter alleine drücken und sein ganzes Leben lang gedrückt halten. Dem einen fällt es super leicht, der andere kämpft zeitlebens damit, den Schalter gedrückt zu halten.
Was dahinter steckt, wenn ich mich zurückerinnere, ist einfach eine riesige Angst. So doof das klingt, der Alkohol gab mir Sicherheit. Ich habe ihn abgrundtief gehasst, aber er gab mir Sicherheit. Das ist eine ganz perfide Spirale.
Was mich bei der Stange gehalten hat, also der Funke, der in mir glimmte, war zum einen das abgrundtiefe schlechte Gewissen meinen Mädchen gegenüber, weil ich wusste, dass ich als Vater versage. Wenn sie mich brauchen würden, KANN ich nicht da sein.
Das Samenkorn war ein Gespräch mit einem Familienmitglied, das ebenfalls sehr gefährlich trinkt und meines Erachtens selber ein großes Alkoholproblem hat. Er sagte: „Wenn XYZ in dem Alter ist, bekommt der immer genug Kohle, damit er mit der Taxe nach Hause fahren kann, beziehungsweise der kann mich dann immer anrufen und ich bezahle die Taxe.“
Und ich dachte mir so: „Moment, das ist falsch. Wenn meine Tochter anruft, und wenn es aus Timbuktu ist, dann ist es deine verdammte Pflicht, sofort dorthin zu fliegen und nicht ein Taxi zu schicken.“
Und das andere waren tief in mir Träume und Wünsche, die ich hatte, von denen ich aber wusste, dass sie nicht erreichbar sein würden, solange ich trinke. Eigentlich war es die eigene, riesige Angst, mein Leben gerade unwiderruflich wegzuwerfen.
Möglicherweise lebe ich deswegen heute so intensiv, weil es gegebenenfalls kompensatorisches Verhalten ist, aber ich liebe es 
Was kannst du daraus mitnehmen, MissBee ? Vielleicht einfach nur das Wissen um die eigene Rationalität. Und das Wissen darum, dass DU entscheiden kannst. Der Trinkende ist gefesselt und gefangen in seiner Sucht, du kannst rational entscheiden. Das ist bei aller Emotionalität, die hinter der ganzen Tragik steckt, vielleicht wirklich dein „Anker“, dass du die Chance hast, rational zu sein. Und dass du dich hier angemeldet hast und uns den Raum gibst zu erzählen, ist ja ein hochrationaler, vernünftiger Gedanke und eine ebensolche Handlung. Du machst da sehr viel richtig, du holst dir Hilfe und bist auf der Suche nach Support.
Dafür kannst du dir selber einmal Danke sagen. Es ist vielleicht gerade ein „schales“ Danke, aber es ist eines. Du handelst, und das ist gut so.