Was Stilles Wasser oben geschrieben hat, dass er den „Lebemann“, den er sich selber vorgegaukelt hat, aufgegeben hat und sich zum Alkoholiker bekennt, habe ich für mich genau umgedreht.
Ich habe mich endlich als den Mann angenommen, der ich wirklich bin und der all die Jahre in mir geschlummert hat. Nur war dieser Mensch und dieser Geist Jahrzehnte lang gedämpft und zugedeckt. Immer unter dem Tuch der Schuld und des Bewusstseins, einen Rucksack zu tragen, der abends in der Garage oder im Keller seinem heimlichen Tun nachkommt. Oder eben in der Öffentlichkeit, wenn die Gelegenheit passte. Und die Gelegenheiten sucht man sich ja bekanntlich und findet sie auch.
Die letzten drei Jahre waren eine unheimliche Reise zu mir selbst. Sie war in keiner Weise von Schuld geprägt, sondern von der Eröffnung von Möglichkeiten. Übrigens scheint es medizinisch und psychologisch tatsächlich so zu sein, dass die nun fehlende Dämpfung durch den Alkohol meinen Geist völlig neu aktiviert hat. Wie ein falsch eingestellter ADHSler, der immer auf Medikamenten war und bei dem der Kopf plötzlich Freigang hat. Es gibt in der Tat Menschen mit diesen Eigenschaften, die ihre Besonderheit gezielt als Superpower nutzen und nicht als Bürde betrachten.
Und jetzt stehe ich hier, Ende 40. Der Rucksack auf meinem Rücken ist endlich, durch viel harte Arbeit, leer und ich gucke in die Ferne.
Das Spannende dabei sind nicht meine Gedankengänge, sondern die Resonanz und Polarität, die ich damit erzeuge. Ich habe mein ganzes Mindset und mein Verhalten verändert. Weg vom sündigen Trinker, der irgendwo in seiner Rolle verharrt, hin zur Gestaltung. Zu jemandem, der sich traut zu sagen, was er fühlt und was er denkt. Der bewusst seine Worte steuert, sein Verhalten, sein Framing. Ich habe diesen Mantel der letzten Jahrzehnte bewusst und selbstgeführt abgelegt. Ich dachte anfangs, ich würde mich vielleicht selber manipulieren, aber ich habe mich einfach getraut, so zu sein, wie ich bin und wie ich sein will.
Und was passiert? Meine Umwelt reagiert, und zwar stark. Stark positiv und zugewandt.
Ich sage das wirklich ganz platt, aber aus einer objektiven Perspektive, weil es einfach so ist: Ich bin Ende 40, gesetzt, Haus, Kinder, das typische Vorstadtprogramm, das sich viele wünschen. So schön, und doch so beliebig. Es gibt Gründe, warum sich exakt diese Kategorie von Menschen aktuell am laufenden Band trennt.
Ich erlebe momentan eine Anziehungskraft auf Frauen wie noch nie zuvor in meinem Leben. Und ich sage bewusst Frauen in der Mehrzahl. Ich mache dafür nicht einmal viel. Ich bin einfach, wie ich bin. Und das wirkt. Trotz Familie und Ehe bekomme ich massiv schöne Augen und eindeutige Angebote.
Innerlich muss ich schmunzeln, weil ich durch den Bildschirm förmlich sehen kann, wie der eine oder die andere wahrscheinlich eine Augenbraue hochzieht, schallend lacht und denkt: „Was für ein abgehobener Idiot.“
Nur macht sich dieser Idiot tiefe und reflexive Gedanken. Ich nehme das nicht einfach hin, um mich als Poser zu profilieren, sondern ich versuche mir zu erklären, warum das so ist. Ich sagte ja bereits, der ungedämpfte Geist in meinem Kopf hat nun endlich Freigang.
Ich bin tief in die Themen Beziehungspsychologie, Verhaltenstherapie, Paartherapie und Sexualtherapie eingetaucht und habe analysiert, wie man unsere Emotionen, unsere Verhaltensweisen und die Polarität zwischen den Geschlechtern erklären kann. Was mir passiert, ist wissenschaftlich völlig klar erklärbar. Wer mag, kann das gerne recherchieren.
Und das ist der eigentliche Kern dieses Textes und der Grund, warum ich das Framing des chronischen Alkoholikers so klar ablehne:
Ich bin nicht mehr bedürftig. Ich habe keine Schuldenlast mehr zu tragen, ich bin stabil. Ich muss mich für meine Vergangenheit nicht mehr rechtfertigen. Wenn ich darüber erzähle, dann tue ich das aus einem grundpositiven Mindset heraus. Ich fake mich nicht, ich bin stabil.
Das ist pure Neurobiologie und Psychologie. Stabile Menschen, die ausstrahlen, dass sie sich im Griff haben, die authentisch sind, laden zum Ankern ein. Nichts ist unattraktiver für das andere Geschlecht, aber auch im beruflichen Kontext für Führungskräfte, als klagende Menschen.
Wer aus dieser Bedürftigkeit heraussticht, ist hochattraktiv. Wir Menschen unterliegen viel mehr einer biologischen Steuerung und unserer eigenen Ausstrahlung, im wahrsten Sinne des Wortes, als wir das in unserer so aufgeklärten Welt der Dogmen wirklich wahrhaben wollen.
Eine Familienfreundin von mir hat einen Kalender mit dem Titel „Zero Potential“. Den heutigen Spruch lese ich gerade im WhatsApp-Status: „Mach das, worauf du Lust hast. Es interessiert eh niemanden, was du machst.“
365 Tage im Jahr Sprüche, die dich und dein Tun abwerten. Das ist nicht lustig. Das ist ein täglicher, depressiver Tropfen.
Und jetzt lege ich das einmal auf unser Thema um: Man stellt sich jeden Tag vor den Spiegel und sagt, ganz im Framing unserer Gesellschaft: Ich bin krank, ich bin Alkoholiker. Ich trage eine Schuld in mir, ich bin auf ewig verdammt, ich bin süchtig. Und wenn ich das da draußen erzähle, werde ich verurteilt. Oder ich sondere mich ab, ziehe einen Schutzwall hoch und sage: Ich bin Alkoholiker, ich darf das nicht.
Für mich ist das sonnenklar. Wie man sich selber darstellt, wie man nach außen lebt, wie man mit seiner Geschichte umgeht, sorgt exakt dafür, wie man draußen wahrgenommen wird.
Ich bin mir sicher: Wenn man die Schwäche Alkohol ablegt und zu einer Stärke umbaut, ist man viel stabiler, selbstsicherer, aktiver und bewusster im Leben. Und die Psychologie und Neurobiologie geben meiner These recht. Das heißt nicht, dass andere Ansätze nicht auch funktionieren. Ich sage nur: Wer aktiv an sich arbeitet und ein grundpositives Verhalten aufbaut, der hat viel mehr Möglichkeiten, sich wirklich vom Alkohol loszusagen, anstatt nur im Rahmen einer Vermeidungsstrategie durchs Leben zu gehen.
Man ist jemand, der keinen Alkohol trinkt. Aber man ist nicht zwangsläufig sein Leben lang ein trockener Alkoholiker.
Wer sich für die Themen Bindung, Polarität und Verhalten in Beziehungen interessiert, dem seien folgende Bücher ans Herz gelegt:
„Was Liebe braucht“ von Esther Perel
„Warum wir uns immer in den Falschen verlieben“ von Amir Levine und Rachel S.F. Heller
„Der Weg des wahren Mannes“ von David Deida
Letzterer ist durchaus umstritten, aber wenn man zwischen den Zeilen liest und das Esoterische herausnimmt, sind seine Kernansätze zur Polarität sehr stimmig. Da muss man eben ein wenig differenzieren.