Sparkassen_Helga leider geht er nirgendwo hin.
Rückfall und Lügen
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Sparkassen_Helga leider geht er nirgendwo hin.
Er muss nirgendwohin gehen, wenn er das nicht will.
Er hat auf eine unterstützende Ressource des Selbsthilfesystems verzichtet und es stattdessen auf eigene Faust versucht…
Kann man machen…
Auch DAS ist eine Entscheidung, die er getroffen hat.
Das nötige Rüstzeug hätte er nach 13 Wochen Reha haben können…. Die Entscheidung, wenige Tage nach der Reha doch nochmals auf den Alkohol zu setzen, hat er getroffen….
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Ich möchte mich Kogge und AmSee auch in dem Gedanken anschließen, dass der Süchtge nicht hoffnungslos der Sucht ausgeliefert ist. Jeder Süchtige kann zu jedem Zeitpunkt in seinem Leben eine Entscheidung für ein anderes suchtfreies Leben treffen.
Geht Dein Mann zu Selbsthilfegruppen oder eine weitere therapeutische Begleitung?
Oder es gibt den Punkt, an dem man akzeptieren muss, dass die Sucht einfach stärker ist. Ich glaube, das ist dieser schwer fassbare Gedanke, der wie ein Elefant im Raum steht.
Es klingt so „einfach“, wenn ich oben schreibe, man hat jeden Tag die Chance aufzuhören. Wenn ich in meinem Kopf zurückreise und mich gleichzeitig wieder in die Situation versetze, in der ich mal steckte: Ich wusste, dass ich aufhören musste, ich wollte auch. Aber ich habe schlichtweg den Schalter nicht gefunden.
Dieser Schalter, wenn es ihn denn gäbe, hätte manchmal direkt neben mir liegen können, und ich frage mich, ob ich ihn immer sofort gedrückt hätte.
Das absolut Perfide an der Sucht ist, dass sie dir suggeriert, ein Leben ohne sie wäre nicht möglich. Das ist ein kompletter Brainwash und eine Fremdsteuerung, die man da durchläuft. Ein Autopilot des eigenen Lebens, und es ist so unfassbar schwer, diesen auszuschalten. Die „normale Realität“, also das Leben ohne Alkohol, verwischt buchstäblich. Es ist nicht vorstellbar, ohne zu leben. On top kommt dann noch die Gesellschaft, die einem erzählt, wie wertvoll das Zeug ist.
Aber man muss diesen Schalter alleine drücken und sein ganzes Leben lang gedrückt halten. Dem einen fällt es super leicht, der andere kämpft zeitlebens damit, den Schalter gedrückt zu halten.
Was dahinter steckt, wenn ich mich zurückerinnere, ist einfach eine riesige Angst. So doof das klingt, der Alkohol gab mir Sicherheit. Ich habe ihn abgrundtief gehasst, aber er gab mir Sicherheit. Das ist eine ganz perfide Spirale.
Was mich bei der Stange gehalten hat, also der Funke, der in mir glimmte, war zum einen das abgrundtiefe schlechte Gewissen meinen Mädchen gegenüber, weil ich wusste, dass ich als Vater versage. Wenn sie mich brauchen würden, KANN ich nicht da sein.
Das Samenkorn war ein Gespräch mit einem Familienmitglied, das ebenfalls sehr gefährlich trinkt und meines Erachtens selber ein großes Alkoholproblem hat. Er sagte: „Wenn XYZ in dem Alter ist, bekommt der immer genug Kohle, damit er mit der Taxe nach Hause fahren kann, beziehungsweise der kann mich dann immer anrufen und ich bezahle die Taxe.“
Und ich dachte mir so: „Moment, das ist falsch. Wenn meine Tochter anruft, und wenn es aus Timbuktu ist, dann ist es deine verdammte Pflicht, sofort dorthin zu fliegen und nicht ein Taxi zu schicken.“
Und das andere waren tief in mir Träume und Wünsche, die ich hatte, von denen ich aber wusste, dass sie nicht erreichbar sein würden, solange ich trinke. Eigentlich war es die eigene, riesige Angst, mein Leben gerade unwiderruflich wegzuwerfen.
Möglicherweise lebe ich deswegen heute so intensiv, weil es gegebenenfalls kompensatorisches Verhalten ist, aber ich liebe es

Was kannst du daraus mitnehmen, MissBee ? Vielleicht einfach nur das Wissen um die eigene Rationalität. Und das Wissen darum, dass DU entscheiden kannst. Der Trinkende ist gefesselt und gefangen in seiner Sucht, du kannst rational entscheiden. Das ist bei aller Emotionalität, die hinter der ganzen Tragik steckt, vielleicht wirklich dein „Anker“, dass du die Chance hast, rational zu sein. Und dass du dich hier angemeldet hast und uns den Raum gibst zu erzählen, ist ja ein hochrationaler, vernünftiger Gedanke und eine ebensolche Handlung. Du machst da sehr viel richtig, du holst dir Hilfe und bist auf der Suche nach Support.
Dafür kannst du dir selber einmal Danke sagen. Es ist vielleicht gerade ein „schales“ Danke, aber es ist eines. Du handelst, und das ist gut so.
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Danke Kogge
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Dieser Schalter, wenn es ihn denn gäbe, hätte manchmal direkt neben mir liegen können, und ich frage mich, ob ich ihn immer sofort gedrückt hätte.
Hättest Du den Schalter gesehen, wenn Deine Frau Dir unmissverständlich klargemacht hätte, dass sie Dich jetzt mit den Kindern verlässt?
Ich glaube, dass viele Süchtige den Schalter nicht sehen, weil das Umfeld unterstützt.
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Hättest Du den Schalter gesehen, wenn Deine Frau Dir unmissverständlich klargemacht hätte, dass sie Dich jetzt mit den Kindern verlässt?
Ich glaube, dass viele Süchtige den Schalter nicht sehen, weil das Umfeld unterstützt.
Ich kann das nicht valide beantworten.
Was ich weiß, ich bin ein Mensch, der bei Druck von außen eher dazu neigt, kompensatorisch zu reagieren. Also, es würde nicht besser durch Druck.
Also, wenn Druck eine negative Kraft ausübt, im Rahmen von "in die Ecke drängen", weiß ich generell nicht, ob es ein wirklich probates Mittel ist. Da wir gerade darüber reden, dass eine grundlegende Entscheidung aus einem selbst herauskommen muss, bin ich mir ziemlich sicher, das Druck das letze, ultimo ratio ist. Gerade weil Druck auch schwere Gegenreaktionen auslösen kann.
Ich rede so schlau daher und ich weiß nicht, ob das MissBee irgendwie hilft, bei mir haben verschiedene Samenkörner dafür gesorgt, dass ich wirklich nicht mehr wollte und selber ins Handeln kam. Und diese Samenkörner waren kein Druck, sondern einfach klar die realistische Konfrontation und Frage, wie es mir gerade geht. Ich habe dazu ja was in meinem Thread geschrieben, wie meine Selbstkonfrontation aussah.
Was mir wirklich selber weh getan hat, wie ich manchmal meine Rolle als Mann und Vater nicht mehr ausüben konnte. Das war ein starker Impuls.
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Ich glaube, dass viele Süchtige den Schalter nicht sehen, weil das Umfeld unterstützt.
Warum schafft es der oder die eine den Schalter zu finden und dann dauerhaft zu drücken und der oder die andere schafft es nicht?
Warum haben Kogge oder ich selbst oder manch anderer hier den Schalter gefunden, mein Vater aber, obwohl er‘s durchaus immer wieder versucht hat, nicht?
Mein Vater dürfte auch solche Gedanken und Ängste gehabt haben, wie Kogge das von sich geschildert hat. Auch dürfte bei ihm dieser gewisse Funke immer mal wieder da gewesen sein, denn sonst hätte er nicht immer wieder so sehr versucht, seiner Sucht zu entkommen. Wie verantwortlich er sich gegenüber seiner Familie gefühlt hat, war in der Zeit, in der er mal wieder trocken war, sehr deutlich.
Bei uns hat es nicht an einer Unterstützung des Umfeldes gelegen, dass mein Vater den Schalter nicht gesehen hätte. Bei uns zuhause gab es keinen Alkohol, denn meine Eltern hatten beide bereits vor ihrer Ehe unabhängig voneinander ein Alkoholproblem entwickelt. Sie hatten sich in einer Rehaklinik kennengelernt. Im Prinzip wussten beide über Alkoholismus Bescheid.
Einen Freundeskreis oder Bekanntenkreis, der zum Trinken animierte, hatten meine Eltern nicht. Wir haben meinen Vater in dem Sinne auch nicht gedeckt, wenn er mal wieder rückfällig geworden war, aus Selbstschutz haben wir lediglich nicht öffentlich darüber geredet.
Ich hätte mir für mich selbst und für meine Familie gewünscht, dass in meinem Vater dauerhaft ein solcher Funke geglommen hätte, wie Kogge das von sich beschrieben hat.
Doch das, was bei Kogge gewirkt hat, hat bei meinem Vater leider nicht oder nicht stark genug gewirkt. Ich kann aufgrund dessen, was ich über ihn weiß, nur vermuten, dass er dann wieder mit dem Trinken begann, wenn ihm alles zu viel wurde und er sich vollkommen überfordert fühlte. Es spricht alles dafür, dass er chronisch depressiv war, vermutlich sogar bipolar. Er hätte mit meiner Mutter, bevor er zum Alkohol griff, über seine Probleme reden können und mit ihr gemeinsam nach Lösungen suchen können. Doch, während die beiden sonst über alles miteinander reden konnten, so hat er diese Möglichkeit nicht genutzt, sondern stattdessen stets heimlich begonnen zu trinken.
Als ich 8 Jahre alt war, verließen wir ihn, doch als er einige Wochen später kam, um uns zu besuchen, und versicherte, dass nun alles gut würde, kehrten wir zu ihm zurück. Meine Mutter wird ihm geglaubt haben und gehofft haben, dass er’s packt. Es ging auch fast ein Jahr gut, dann ging‘s wieder los. Meine Mutter fand dann die Kraft nicht mehr, ein weiteres Mal zu gehen.
Wir waren im Laufe der Jahre geübt darin, zu erkennen, wann es mit ihm wieder so weit gekommen war, dass er trank. Wir sprachen ihn dann auch darauf an. Mal war er ehrlich, mal hat er gelogen. Ändern konnten wir nichts.
Er hat dann, nachdem es stets zum Totalabsturz gekommen war und er seinen persönlichen Tiefpunkt erreicht hatte, von sich aus wieder diesen gewissen Schalter gefunden, Dann hat er sich zunächst über einen befreundeten Arzt Entzugsmedikamente besorgt, es auf diese Weise aber nie hinbekommen, landete irgendwann auf der Intensivstation eines Krankenhauses, ging für eine Weile in Reha. Danach war er stets eine zeitlang trocken und wurde nach mehreren Monaten - in den letzten Jahren wurden die Abstände immer kürzer - wieder rückfällig und stürzte stets verhältnismäßig schnell wieder so richtig ab.
Wir haben immer wieder gehofft, dass er dauerhaft die Kurve kriegt, hat er aber leider nicht. Er starb in Folge eines selbstverschuldeten Autounfalls unter Einfluss von Entzugsmedikamenten und sehr wahrscheinlich auch Alkohol.
Im Gegensatz zu meinem Vater hat bei meiner Mutter dieser gewisse Funke dauerhaft geglommen. Sie war in jungen Jahren abhängig von Barbituraten geworden und später auch von Alkohol, sie erkrankte schon in jungen Jahren erstmals an Depression. Sie ist tatsächlich nie rückfällig geworden, obwohl sie immer wieder mit depressiven Phasen zu kämpfen hatte und mit Sicherheit oft vollkommen überfordert war.
Da MissBee eingangs geschrieben hat, dass ihr Mann depressiv und antriebslos und völlig überfordert war und es sehr wahrscheinlich noch immer ist, muss ich in dem Zusammenhang auch an Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, denken. In dem Zusammenhang habe ich mir in den vergangenen Jahren, seit ich selbst davon betroffen bin, immer mal wieder Gedanken gemacht.
Warum habe ich, die ich leider chronisch an Depressionen erkrankt bin, dann zu allem Überfluss auch noch an Multipler Sklerose, dann eine Alkoholabhängigkeit entwickelt hatte, und nun seit geraumer Zeit auch noch mit dem Chronischen Fatigue-Syndrom (auch Myalgische Enzephalomyelitis genannt) zu kämpfen habe, mich stets für mich selbst verantwortlich gefühlt, bin trotz allem immer wieder aufgestanden und unternehme stets alles, um mir selbst zu helfen?
Warum kann ich das und warum können andere das nicht? - Ich weiß es wirklich nicht. Ich kann aufgrund einer gewissen Lebenserfahrung zwar Vermutungen anstellen, aber ich kann nicht in die Köpfe anderer sehen.
Ich hab so manchen an Depressionen Erkrankten kennengelernt, bei dem oder bei der sich diese Bereitschaft zur Selbstverantwortung nicht erkennen ließ. Denen war nicht anzumerken, dass sie für das eigene Handeln, ihre eigenen Entscheidungen einstehen oder zumindest eine Bereitschaft dafür erkennen ließen. Stattdessen hörte ich von diesen, wie sie stets die Schuld auf andere oder die Umstände schoben, und selbst nichts dazu beitrugen, etwas an ihrer Situation zu verändern.
Zurück zu MissBee : Was bedeutet das nun aber für dich als Angehörige?
Was kannst DU tun, wenn dein Mann einer derjenigen Menschen ist, die nicht oder nicht genügend Bereitschaft aufbringen, Selbstverantwortung zu übernehmen, wenn er nicht aktiv wird und alles unternimmt, um sich selbst zu helfen?
Was kannst DU tun, da deine Kinder in Gefahr sind, ernsthaften Schaden zu nehmen?
Was kannst Du tun, wenn du selbst Gefahr läufst, ernsthaften Schaden zu nehmen?
Kannst DU euch alle retten oder musst du hinnehmen, dass er seinen Weg gehen muss, wohin auch immer der ihn führt, und dich selbst und deine Kinder retten?
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