Ich glaube, dass viele Süchtige den Schalter nicht sehen, weil das Umfeld unterstützt.
Warum schafft es der oder die eine den Schalter zu finden und dann dauerhaft zu drücken und der oder die andere schafft es nicht?
Warum haben Kogge oder ich selbst oder manch anderer hier den Schalter gefunden, mein Vater aber, obwohl er‘s durchaus immer wieder versucht hat, nicht?
Mein Vater dürfte auch solche Gedanken und Ängste gehabt haben, wie Kogge das von sich geschildert hat. Auch dürfte bei ihm dieser gewisse Funke immer mal wieder da gewesen sein, denn sonst hätte er nicht immer wieder so sehr versucht, seiner Sucht zu entkommen. Wie verantwortlich er sich gegenüber seiner Familie gefühlt hat, war in der Zeit, in der er mal wieder trocken war, sehr deutlich.
Bei uns hat es nicht an einer Unterstützung des Umfeldes gelegen, dass mein Vater den Schalter nicht gesehen hätte. Bei uns zuhause gab es keinen Alkohol, denn meine Eltern hatten beide bereits vor ihrer Ehe unabhängig voneinander ein Alkoholproblem entwickelt. Sie hatten sich in einer Rehaklinik kennengelernt. Im Prinzip wussten beide über Alkoholismus Bescheid.
Einen Freundeskreis oder Bekanntenkreis, der zum Trinken animierte, hatten meine Eltern nicht. Wir haben meinen Vater in dem Sinne auch nicht gedeckt, wenn er mal wieder rückfällig geworden war, aus Selbstschutz haben wir lediglich nicht öffentlich darüber geredet.
Ich hätte mir für mich selbst und für meine Familie gewünscht, dass in meinem Vater dauerhaft ein solcher Funke geglommen hätte, wie Kogge das von sich beschrieben hat.
Doch das, was bei Kogge gewirkt hat, hat bei meinem Vater leider nicht oder nicht stark genug gewirkt. Ich kann aufgrund dessen, was ich über ihn weiß, nur vermuten, dass er dann wieder mit dem Trinken begann, wenn ihm alles zu viel wurde und er sich vollkommen überfordert fühlte. Es spricht alles dafür, dass er chronisch depressiv war, vermutlich sogar bipolar. Er hätte mit meiner Mutter, bevor er zum Alkohol griff, über seine Probleme reden können und mit ihr gemeinsam nach Lösungen suchen können. Doch, während die beiden sonst über alles miteinander reden konnten, so hat er diese Möglichkeit nicht genutzt, sondern stattdessen stets heimlich begonnen zu trinken.
Als ich 8 Jahre alt war, verließen wir ihn, doch als er einige Wochen später kam, um uns zu besuchen, und versicherte, dass nun alles gut würde, kehrten wir zu ihm zurück. Meine Mutter wird ihm geglaubt haben und gehofft haben, dass er’s packt. Es ging auch fast ein Jahr gut, dann ging‘s wieder los. Meine Mutter fand dann die Kraft nicht mehr, ein weiteres Mal zu gehen.
Wir waren im Laufe der Jahre geübt darin, zu erkennen, wann es mit ihm wieder so weit gekommen war, dass er trank. Wir sprachen ihn dann auch darauf an. Mal war er ehrlich, mal hat er gelogen. Ändern konnten wir nichts.
Er hat dann, nachdem es stets zum Totalabsturz gekommen war und er seinen persönlichen Tiefpunkt erreicht hatte, von sich aus wieder diesen gewissen Schalter gefunden, Dann hat er sich zunächst über einen befreundeten Arzt Entzugsmedikamente besorgt, es auf diese Weise aber nie hinbekommen, landete irgendwann auf der Intensivstation eines Krankenhauses, ging für eine Weile in Reha. Danach war er stets eine zeitlang trocken und wurde nach mehreren Monaten - in den letzten Jahren wurden die Abstände immer kürzer - wieder rückfällig und stürzte stets verhältnismäßig schnell wieder so richtig ab.
Wir haben immer wieder gehofft, dass er dauerhaft die Kurve kriegt, hat er aber leider nicht. Er starb in Folge eines selbstverschuldeten Autounfalls unter Einfluss von Entzugsmedikamenten und sehr wahrscheinlich auch Alkohol.
Im Gegensatz zu meinem Vater hat bei meiner Mutter dieser gewisse Funke dauerhaft geglommen. Sie war in jungen Jahren abhängig von Barbituraten geworden und später auch von Alkohol, sie erkrankte schon in jungen Jahren erstmals an Depression. Sie ist tatsächlich nie rückfällig geworden, obwohl sie immer wieder mit depressiven Phasen zu kämpfen hatte und mit Sicherheit oft vollkommen überfordert war.
Da MissBee eingangs geschrieben hat, dass ihr Mann depressiv und antriebslos und völlig überfordert war und es sehr wahrscheinlich noch immer ist, muss ich in dem Zusammenhang auch an Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, denken. In dem Zusammenhang habe ich mir in den vergangenen Jahren, seit ich selbst davon betroffen bin, immer mal wieder Gedanken gemacht.
Warum habe ich, die ich leider chronisch an Depressionen erkrankt bin, dann zu allem Überfluss auch noch an Multipler Sklerose, dann eine Alkoholabhängigkeit entwickelt hatte, und nun seit geraumer Zeit auch noch mit dem Chronischen Fatigue-Syndrom (auch Myalgische Enzephalomyelitis genannt) zu kämpfen habe, mich stets für mich selbst verantwortlich gefühlt, bin trotz allem immer wieder aufgestanden und unternehme stets alles, um mir selbst zu helfen?
Warum kann ich das und warum können andere das nicht? - Ich weiß es wirklich nicht. Ich kann aufgrund einer gewissen Lebenserfahrung zwar Vermutungen anstellen, aber ich kann nicht in die Köpfe anderer sehen.
Ich hab so manchen an Depressionen Erkrankten kennengelernt, bei dem oder bei der sich diese Bereitschaft zur Selbstverantwortung nicht erkennen ließ. Denen war nicht anzumerken, dass sie für das eigene Handeln, ihre eigenen Entscheidungen einstehen oder zumindest eine Bereitschaft dafür erkennen ließen. Stattdessen hörte ich von diesen, wie sie stets die Schuld auf andere oder die Umstände schoben, und selbst nichts dazu beitrugen, etwas an ihrer Situation zu verändern.
Zurück zu MissBee : Was bedeutet das nun aber für dich als Angehörige?
Was kannst DU tun, wenn dein Mann einer derjenigen Menschen ist, die nicht oder nicht genügend Bereitschaft aufbringen, Selbstverantwortung zu übernehmen, wenn er nicht aktiv wird und alles unternimmt, um sich selbst zu helfen?
Was kannst DU tun, da deine Kinder in Gefahr sind, ernsthaften Schaden zu nehmen?
Was kannst Du tun, wenn du selbst Gefahr läufst, ernsthaften Schaden zu nehmen?
Kannst DU euch alle retten oder musst du hinnehmen, dass er seinen Weg gehen muss, wohin auch immer der ihn führt, und dich selbst und deine Kinder retten?