Beiträge von AmSee13

    Hallo Memory ,

    was stellst du dir denn darunter vor, dass das gesamte soziale Umfeld vor die Wand gefahren wird?

    Ich selbst hab mich jedenfalls nicht von jeglichen Menschen distanziert, die Alkohol konsumieren. Dazu habe ich auch keine Notwendigkeit gesehen. Zu diesen Menschen um mich herum war ja auch nicht Alkohol das Bindeglied, sondern mich verbanden (und verbinden auch jetzt noch) Verwandtschaft und gemeinsame Interessen mit diesen Menschen.

    Nicht mehr gepasst hätten Menschen, mit denen das alleinige Bindeglied das Saufen gewesen war, aber diese Verbindungen waren bei mir schon vorher eingeschlafen.

    Bin ich einfach nur übermütig, bzw. leichtsinnig?

    Du gehst deinen Weg, triffst deine eigenen Entscheidungen und du kommst damit auch gut zurecht. Ist das denn nicht völlig normal, aus den eigenen Erfahrungen entsprechende Rückschlüsse zu ziehen?

    Solche Erfahrungen, wie andere sie im Laufe ihrer Abhängigkeit gemacht haben - ich meine damit das völlige Elend, von dem der eine oder die andere Suchtbetroffene mitunter erzählt - , hast du glücklicherweise nicht gemacht.

    Kurz und gut: Woher sollte bei dir denn „Angst vor einem Rückfall“ kommen, da du selbst in dieser Richtung, wie‘s aussieht, noch keine Erfahrungen gemacht hast, sondern dir selbst bislang bewiesen hast, dass du in der Lage warst, verhältnismäßig leicht aussteigen zu können?


    Ob du übermütig bist oder leichtsinnig, wird sich, so denke ich, erweisen.

    In meinen Gedanken kommt der Rückfall nur am Rande vor, so nach dem Motto wenn's passiert, schauen warum und das ganze von vorne.

    Denkbar ist, dass sich dir aufgrund der alten mit Alkoholkonsum verbundenen Handlungsmuster irgendwann mal Gedanken aufdrängen, dass du ja vielleicht doch nicht abhängig vom Alkohol gewesen seist und es deshalb auf einen Versuch ankommen lassen könntest.

    Denkbar ist, dass im Laufe der Zeit die Erinnerung verblasst, dass das sogenannte „Kontrollierte Trinken“ bei dir nur bedingt funktioniert hat, und du, weil du darauf vertraust, wie leicht du doch dieses Mal aussteigen konntest, es auf einen weiteren Versuch ankommen lässt.

    Ob dir das in dem Falle nochmals so leicht fallen wird, daraus auszusteigen, ist nicht gewiss. Mancher hier, der noch ne Ehrenrunde gedreht hat, berichtet, dass es nicht so leicht gewesen ist. Da ich selbst über entsprechende Erfahrungen mit dem Rauchen verfügte, wusste ich, wovon die berichteten.


    All das entspricht in keinster Weise dem was man in SHGs, Foren und Therapien lernt und trotzdem scheine ich unbelehrbar zu sein, was die Chancen einer dauerhaften Abstinenz nicht exorbitant erhöht.

    Überleg mal, wer in SHGs, Foren und Therapien aufschlägt und warum. Hast du auch mit solchen Problemen, die dort geschildert werden, zu kämpfen, so dass das, worum‘s dort geht, zu dir passt?


    Find ich übrigens gut, dass du dir Gedanken machst, und auch, dass du sie mit uns teilst.


    AmSee

    Gehört das nicht auch zur Sucht?

    Sucht isoliert doch die Menschen und wenn sie sich daraus befreien, suchen sie doch auch bestätigung.

    Hallo Nobs ,

    das ist eine gute Frage, allerdings ist das wohl auch ein kompliziertes Feld.

    Es kommt wohl immer wieder auf die richtige Balance an.

    Unter Suchtbetroffenen ist das Phänomen einer „Suchtverlagerung“ nicht unbekannt.

    Mit „Suchtverlagerung“ wird ein Phänomen bezeichnet, bei dem eine Person ihre Abhängigkeit von einer Substanz oder einem Verhalten durch eine andere ersetzt.

    Ursache dafür scheint zu sein, dass die eigentlichen Ursachen der Sucht (bspw. Bestätigung im Außen zu suchen, Stressbewältigung, Regulierung der Emotionen, Traumata usw.) unverändert bleiben.

    So kann es offenbar passieren, dass ein Symptom durch ein anderes ersetzt wird.


    Wie gesagt, das ist eine gute Frage, allerdings wohl auch ein kompliziertes Feld.


    AmSee

    Die Wenigsten soffen doch nicht, weil das Leben so erfüllend war! Egal, ob Kauf-, Fress-, Spiel-, Konsummittelsucht ... all das bringt doch eine gewisse Art der Befriedigung hervor, meinetwegen auch Bestätigung oder "Anerkennung" und sei es nur die eigene.

    Danach strebt doch jeder - immer.

    Denk das mal konsequent weiter….

    Dieses ewige Tragen der Büßergewandes "Ich bin trockner Alkoholiker" und werde es auch immer bleiben (Alkoholiker ... süchtig) legte ich auch schnell ab bzw. zog es erst gar nicht an.

    Ich frag mich echt, auf wen du dich hier beziehen magst. Mir ist in den Jahren, die ich inzwischen hier bin, niemand aufgefallen, der so drauf war…. :/

    Ich hab den Eindruck, dass solche Beträge wieder nur zum Ausdruck bringen sollen, dass der Schreiber sich für besser hält als andere…. Vielleicht geht‘s auch einmal mehr nur um Provokation…(Schulterzucken)


    Nun, vielleicht erschließt sich nicht jedem, was sich hinter diesem Selbstbekenntnis, „Alkoholiker“ zu sein, verbergen mag, inwiefern das ein Schlüssel sein kann…. (Schulterzucken)


    Hier in diesem Forum wird dieses Bekenntnis nicht verlangt, um am Austausch teilnehmen zu dürfen und Hilfe zur Selbsthilfe zu bekommen. Was hat man sich wohl dabei gedacht? 8)


    AmSee

    Hallo Kogge ,

    diskutiert wurde über den Begriff "Alkoholiker" hier ja schon öfter.

    Vor ein paar Monaten ging‘s im Thread RE: Podcast Empfehlungen ab Beitrag #11 mal wieder um diese Begrifflichkeit.


    Vielleicht kommt es tatsächlich darauf an, wie man diesen Begriff versteht und welche Assoziationen man damit hat….

    Im Laufe der vergangenen Jahre ist mir deutlich geworden, wie vielschichtig diese Begrifflichkeit eigentlich ist.

    Du selbst beschreibst in deinem letzten Beitrag, dass dein Rucksack auf deinem Rücken nun endlich durch viel harte Arbeit leer ist und du in die Ferne guckst.

    Demnach stand am Anfang deines Weges ein gefüllter Rucksack, wie bei vielen anderen von Alkoholismus Betroffenen auch.

    Und dann hast du dich an die Arbeit gemacht.


    Wer bei der Begrifflichkeit „Alkoholiker“ nur das sieht, was du kritisierst, verkennt die Arbeit, die unter diesem Begriff stattfindet, und übersieht u.U. die Früchte der Arbeit, die hinter diesem Begriff stattfindet.

    Das Bekenntnis, „Alkoholiker“ zu sein muss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein…..


    Denn….

    wer sich aus der Gedankenwelt, die in unserer Gesellschaft in Bezug auf Alkohol besteht, löst,

    wer selbstbewusst seinen eigenen Weg geht,

    wer aktiv an sich und selbstfürsorglich so für sich sorgt, dass er seine ursprüngliche Bedürftigkeit verliert,

    wer im besten Fall voll und ganz zu sich selbst stehen kann,

    wer vielleicht sogar noch andere Hilfesuchende dabei unterstützt, sich selbst zu helfen,

    der fühlt sich nicht unbedingt schlecht, sondern fühlt im Gegenteil vielleicht sogar etwas wie Stärke, Stolz, Gelassenheit und Frieden.


    Der kommt dann durchaus auch authentisch rüber. Und wird u.U. für andere Menschen attraktiv, weil er oder sie etwas ausstrahlt, was andere nicht haben….


    AmSee

    Ich denke mit der wichtigste Punkt ist der des inneren Abstandes zu den Ereignissen an solchen Orten.

    Stilles Wasser spricht da einen sehr wichtigen Punkt an.

    Aus dem Suchtdruckerlebnis, das ich, wie ich bereits geschildert hatte, in meinem ersten Jahr nach einigen alkoholfreien Monaten hatte, habe ich u.a. gelernt, dass ich mit diesem Gefühl, nicht mehr dazuzugehören, noch nicht durch war.

    Es war nicht so, dass mich irgendjemand genötigt hätte oder einen Spruch gemacht hätte, denn die anderen wussten, dass ich nicht mehr trinke und akzeptierten das auch so.

    Ich war binnen zwei Tagen mit drei verschiedenen Triggersituationen konfrontiert und nach der letzten, die letztlich das Faß für mich zum Überlaufen brachte, kam in mir ein massives Bedauern, so eine Art Selbstmitleid auf, auf diesen „Spaß“ verzichten zu müssen, nicht mehr dazu gehören zu dürfen.

    Darauf war ich nicht vorbereitet, weil ich überhaupt nicht damit gerechnet gerechnet hatte.


    Als ich dieses Erlebnis anschließend aufgearbeitet habe, um das nicht nochmals erleben zu müssen, habe ich mit diesem Bedauern und dem Gefühl, nicht mehr dazu zugehören, bei mir aufgeräumt. Für mich ein sehr wichtiger Lernprozess.

    Ich war schon in sehr jungen Jahren stets anders als die anderen, was mit Sicherheit mit den Entwicklungen in meiner Familie zu tun hatte, und habe sehr darunter gelitten. Deshalb habe ich mich stets anzupassen versucht, was mir auch leidlich gelungen ist. Im Nachhinein betrachtet gehörte Alkohol fast immer dazu, wie das in unserer Gesellschaft eben allgemein üblich ist.

    Für mich und meine Genesung - hier denke ich in erster Linie an meine Depressionserkrankung, auch wenn das Auswirkungen auf mein Leben ohne Alkohol hat - wurde es zentral, mich selbst so akzeptieren, ja sogar lieben zu lernen, wie ich nun einmal bin. Und so lernte ich auch, mein „Anders-Sein“ zu akzeptieren, ja sogar voll und ganz dazu zu stehen.

    Und was soll ich sagen? - Es fühlt sich einfach nur gut an! 8)

    Insofern habe ich mir diesen inneren Abstand nach und nach erworben, weil ich letztlich mich selbst gefunden habe und endlich voll und ganz zu mir stehen kann und auch will. Das tue ich nicht unbedingt laut, weil ich eben ein eher introvertierter Mensch bin und mich an dem Prinzip „Leben und leben lassen“ orientiere. (Die 110 würde ich ggf. übrigens auch wählen, habe aber ebenfalls noch nicht eine solche Situation erlebt.)


    AmSee

    Ich bin nur äußerst selten bei solchen Veranstaltungen, weil das nicht meins ist. Nicht wegen des Alkohols, sondern weil ich eher ein introvertierter Mensch bin und mich auf solch größeren Veranstaltungen nicht wohl fühle.

    Wenn ich aber mal auf einer vergleichbaren Veranstaltung bin, kommt es ganz auf meine Stimmung an und darauf, wie gut ich die Leute kenne und sie mich kennen. Wenn’s also passt, lasse ich ggf. einen lockeren Spruch fallen.

    Ansonsten:

    Ich bin einfach nur jemand, der aus Überzeugung nicht (mehr) trinkt und damit seeeeehr zufrieden ist. Ich hänge das aber nicht die große Glocke, denn diese Welt der anderen, die Alkohol trinken möchten, ist mir ja vertraut, nur nicht mehr meine. Und es ist ja wohl nun einmal so, dass, wer in dieser Welt drinhängt, sich da nicht reinreden lassen will. - Wer sich mal auf entsprechende Diskussionen eingelassen hat, weiß, was ich meine. - Deshalb schweige ich in der Regel, nehme an solchen Gesprächen nicht aktiv teil, sondern nehme solche Gespräche nur zur Kenntnis, denke mir meinen Teil dabei und bin selbst einmal mehr froh, dieser Welt entkommen zu sein.

    Wenn‘s zu alkohollastig wird, bin ich weg, weil ich auf das Gelaber und entsprechende Verhalten keinen Bock habe.


    Ein sehr guter Freund von mir stellte auf einer Feier mal erstaunt fest: „Du machst ja jeden Schxxxx mit!“ - Ja, mache ich, wenn ich Lust dazu habe. Im Unterschied zu manch anderem bin ich dabei einfach nur nüchtern. ^^

    Angst habe ich nicht mehr, weil ich durch meine Selbstfürsorge Vertrauen in mich selbst erworben habe.

    Deswegen bin ich in dem Sinne auch nicht mehr ständig „auf der Hut“, weil ich Vertrauen in mich und das, was ich mir mit der Zeit an Wissen, Erfahrung und Werkzeug erworben habe, habe.

    Ich halte mir in Erinnerung, was mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit passieren wird, wenn ich mich hinreißen ließe. Solche Gedanken, wie „jetzt bist du schon so lange nüchtern, da könntest du doch mal ne Ausnahme machen“ sind mir schon mal gekommen, obwohl ich seit geraumer Zeit überhaupt kein Interesse mehr habe, mir je nochmals Alkohol antun zu wollen.

    Solche und ähnliche Gedanken kommen wohl aus dem, was allgemein als „Suchtgedächtnis“ bezeichnet wird.


    Ich hab ein Mal, als ich schon einige Monate nüchtern war und überzeugt war, vollkommen zufrieden damit zu sein, heftigsten Suchtdruck erlebt. Dem war, wie mir später bewusst wurde, eine Kette von unerwarteten Triggersituation vorausgegangen. Ich hab das damals nur mit Hilfe von erfahrenen Selbstbetroffenen erfolgreich überstanden und anschließend für mich aufgearbeitet.

    So heftig das in dem Moment auch war, so war es für mich auch eine große Lernerfahrung, aus der ich für mich viel dazu gelernt habe.


    Statt ständig „auf der Hut“ zu sein, liegt meine Aufmerksamkeit eher auf dem, was mich wirklich interessiert und auf meinen eigenen jeweiligen Bedürfnissen. Nun bin aber auch ein lösungsorientierter Mensch, stets offen für Möglichkeiten und Chancen, die mir über den Weg kommen.

    Hallo Nobs ,

    das hört sich gut an bei dir. Nach meinen eigenen Erfahrungen und dem, was ich von anderen so mitbekommen habe, ist Vorbereitung schon die halbe Miete.

    Überraschen kann immer etwas, aber wenn man grundsätzlich schon gut vorbereitet ist und im Laufe der Zeit dann auch über entsprechend Erfahrungen verfügt, ist die Chance, auch das bewältigen zu können, recht groß.

    Die Halt Regel ist für mich eins der wichtigsten Dinge in meinem Notfallkoffer, an die denke ich sehr oft am Tag. Nicht nur wenn ich an Alk denke sondern auch in der Arbeit wenn mal was nicht so läuft wie normal.

    Find ich gut. Es muss ja nicht unbedingt ein Drang nach Alkohol sein, der ggf. aufkommt, sondern ein Ersatz-Drang, irgendetwas, was sich gerade aufdrängt, was du aber eigentlich nicht willst oder zumindest in dem Maße nicht willst. Ich denke da zum Beispiel an diese Jeeper nach Zuckerzeug…

    Hallo Nobs ,

    ich (inzwischen in meinem 6. alkoholfreien Jahr) werde nur noch sehr selten getriggert. Vor drei Monaten hatte ich mal so eine Situation, in der ich ein wenig getriggert wurde.

    Ich war gut gelaunt und vollkommen zufrieden nach einer interessanten Abendveranstaltung mit meinem Mann in einem Lokal eingekehrt, um den Abend angenehm ausklingen zu lassen, ein paar Tapas zu essen und etwas Nicht-Alkoholisches zu trinken. An den Tischen um uns herum saßen Menschen, die Tapas aßen und dazu Wein konsumierten.

    Da sprang mich das alte mit Alkoholkonsum verbundene Handlungsmuster kurz an und es kamen entsprechende Gedanken und Erinnerungen hoch. - Früher habe ich nämlich in solchen Situationen immer Wein getrunken und empfand das als Genuss. -

    Wie ich damit umgegangen bin:

    Ich hab zur Kenntnis genommen, was da gerade bei mir abgeht. Nämlich, dass da ein altes automatisiertes mit Alkoholkonsum verbundenes Handlungsmuster reaktiviert worden ist. Ich hab daraufhin mit dem, wie ich inzwischen über Alkohol denke und wie tatsächlich zufrieden ich damit bin, gegengesteuert. Und ich hab das getan, was für mich inzwischen selbstverständlich geworden ist und was mir Freude und Belohnung genug ist, nämlich mir eine hausgemachte Limonade und köstliche Tapas bestellt.

    Daraufhin rückte das alte Handlungsmuster fix wieder in den Hintergrund, ich war bestzufrieden und hatte einen richtig schönen Abend.


    Mit der Einstellung fahre ich ganz gut, nur wie lange?

    Dazu folgende Frage: Hältst du selbst das, was du dir in solchen Situation sagst, für dauerhaft tragfähig?

    Wenn du selbst dir das immer wieder so abnimmst, wenn es dich tatsächlich immer wieder trägt, kann das so funktionieren.

    Wenn du aber merkst, dass das noch nicht genug ist und du doch besser noch nachlegen solltest, dann könntest du noch daran arbeiten, ganz bewusst weitere neue tragfähige neue Denk- und Verhaltensmuster zu erwerben, die dann im Alltag nach und nach mehr Platz einnehmen.

    So werden die automatisierten mit Alkoholkonsum verbundenen Handlungsmuster mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nach und nach immer mehr in den Hintergrund rücken.

    Freundliche Grüße

    AmSee


    P.S.: Noch etwas: Frag dich mal, ob du nach der sportlichen Aktivität eigentlich nur durstig bist. - Ich denke da an die HALT-Regel:

    HALT Regel
    Oder aber es verbirgt sich etwas dahinter, was in der sogenannten H-A-L-T Regel zusammengefasst ist. In dieser Regel werden vier mögliche, ganz einfache Auslöser benannt:

    H - hungry - bin ich einfach nur hungrig?

    A - angry - bin ich verärgert, bin ich frustriert?

    L - lazy - ist mir einfach nur langweilig?

    T - thirsty - bin ich einfach nur durstig?

    Guten Morgen, Emily ,

    ich bin ja nun kein Mediziner und insbesondere kein Suchtmediziner, deshalb lautet meine erste Antwort „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte ihren Arzt oder Apotheker“.


    Nach dem, was ich selbst an Wissen in Erfahrung gebracht habe, würde ich selbst das für mich recht entspannt sehen. Ein Risiko bzw. eine Gefahr scheint latent vorhanden zu sein, wenn alte mit Alkoholkonsum verbundene, ehemals automatisierte Handlungsmuster, Gedanken, Emotionen und Erinnerungen betroffen sind.

    Fraglich ist, ob du’s in diesem Fall mit einer Situation zu tun hast, die das alte Suchtverhalten reaktivieren könnte.


    Ob die geringe Menge an Alkohol, die du durch ein paar Tropfen deines Medikaments zu dir nimmst, überhaupt eine Rolle spielt, kann ich nicht sicher beantworten. In einigen Lebensmitteln, wie etwa frisch gepresstem Apfelsaft, einer reifen Banane oder Sauerkraut usw., sind aufgrund des natürlichen Gärungsprozess geringe Mengen Alkohol enthalten. Spielt DAS für einen Alkoholiker eine Rolle? -

    Ich weiß das wie gesagt nicht sicher. Da diese Lebensmittel aber für mich nicht mit Alkoholkonsum in Verbindung stehen, sehe ich persönlich diesbezüglich kein Risiko. Wenn ein Lebensmittel sprittig riecht oder schmeckt, dann konsumiere ich es nicht. Eher aber, weil ich diesen Geruch und Geschmack inzwischen abstoßend finde, und weniger, weil mich das zu nah an den Geschmack oder Geruch von Alkohol bringt und deshalb triggern könnte.


    Beste Grüße

    AmSee

    Ich glaube, was wir übersehen, ist die starke medikamentöse Wirkung, die Alkohol hat. Er wirkt einerseits als Antidepressivum, verursacht aber gleichzeitig im Gehirn depressionsartiges Verhalten bis hin zu echten Depressionen. Es ist eine extrem schwere Wechselwirkung.

    Mir persönlich hat die Beschäftigung mit dem Thema „Die Neurobiologie der Sucht“ geholfen, nachzuvollziehen, was da abgeht.

    Der Artikel Was uns hilft, nicht mehr zu trinken? - Bewusst nüchtern leben: Chance, Freiheit, Fundament, Gewinn enthält das, was ich im Laufe der vergangenen Jahre zu dem Thema in Erfahrung gebracht habe, inhaltlich beruht er auf dem Wissens-, Erfahrungs- und Gedankenaustausch, der in den verschiedensten Threads dieses Forums seit 2013 stattgefunden hat.

    Ich weiß nicht, es sind möglicherweise nicht viele Menschen dafür empfänglich zu realisieren, dass ihr Verhalten wirklich grundlegend falsch und toxisch ist.

    Ich weiß es auch nicht, aber das, was sich von außen so beobachten lässt, spricht wohl dafür. Vielleicht sind sie aber auch einfach nicht in der Lage, ihre Perspektive zu wechseln, vielleicht können sie einfach nicht sehen, dass sie ihre Segel auch anders setzen könnten.

    Ich glaube, dass viele Süchtige den Schalter nicht sehen, weil das Umfeld unterstützt.

    Warum schafft es der oder die eine den Schalter zu finden und dann dauerhaft zu drücken und der oder die andere schafft es nicht?


    Warum haben Kogge oder ich selbst oder manch anderer hier den Schalter gefunden, mein Vater aber, obwohl er‘s durchaus immer wieder versucht hat, nicht?


    Mein Vater dürfte auch solche Gedanken und Ängste gehabt haben, wie Kogge das von sich geschildert hat. Auch dürfte bei ihm dieser gewisse Funke immer mal wieder da gewesen sein, denn sonst hätte er nicht immer wieder so sehr versucht, seiner Sucht zu entkommen. Wie verantwortlich er sich gegenüber seiner Familie gefühlt hat, war in der Zeit, in der er mal wieder trocken war, sehr deutlich.

    Bei uns hat es nicht an einer Unterstützung des Umfeldes gelegen, dass mein Vater den Schalter nicht gesehen hätte. Bei uns zuhause gab es keinen Alkohol, denn meine Eltern hatten beide bereits vor ihrer Ehe unabhängig voneinander ein Alkoholproblem entwickelt. Sie hatten sich in einer Rehaklinik kennengelernt. Im Prinzip wussten beide über Alkoholismus Bescheid.

    Einen Freundeskreis oder Bekanntenkreis, der zum Trinken animierte, hatten meine Eltern nicht. Wir haben meinen Vater in dem Sinne auch nicht gedeckt, wenn er mal wieder rückfällig geworden war, aus Selbstschutz haben wir lediglich nicht öffentlich darüber geredet.


    Ich hätte mir für mich selbst und für meine Familie gewünscht, dass in meinem Vater dauerhaft ein solcher Funke geglommen hätte, wie Kogge das von sich beschrieben hat.

    Doch das, was bei Kogge gewirkt hat, hat bei meinem Vater leider nicht oder nicht stark genug gewirkt. Ich kann aufgrund dessen, was ich über ihn weiß, nur vermuten, dass er dann wieder mit dem Trinken begann, wenn ihm alles zu viel wurde und er sich vollkommen überfordert fühlte. Es spricht alles dafür, dass er chronisch depressiv war, vermutlich sogar bipolar. Er hätte mit meiner Mutter, bevor er zum Alkohol griff, über seine Probleme reden können und mit ihr gemeinsam nach Lösungen suchen können. Doch, während die beiden sonst über alles miteinander reden konnten, so hat er diese Möglichkeit nicht genutzt, sondern stattdessen stets heimlich begonnen zu trinken.

    Als ich 8 Jahre alt war, verließen wir ihn, doch als er einige Wochen später kam, um uns zu besuchen, und versicherte, dass nun alles gut würde, kehrten wir zu ihm zurück. Meine Mutter wird ihm geglaubt haben und gehofft haben, dass er’s packt. Es ging auch fast ein Jahr gut, dann ging‘s wieder los. Meine Mutter fand dann die Kraft nicht mehr, ein weiteres Mal zu gehen.

    Wir waren im Laufe der Jahre geübt darin, zu erkennen, wann es mit ihm wieder so weit gekommen war, dass er trank. Wir sprachen ihn dann auch darauf an. Mal war er ehrlich, mal hat er gelogen. Ändern konnten wir nichts.

    Er hat dann, nachdem es stets zum Totalabsturz gekommen war und er seinen persönlichen Tiefpunkt erreicht hatte, von sich aus wieder diesen gewissen Schalter gefunden, Dann hat er sich zunächst über einen befreundeten Arzt Entzugsmedikamente besorgt, es auf diese Weise aber nie hinbekommen, landete irgendwann auf der Intensivstation eines Krankenhauses, ging für eine Weile in Reha. Danach war er stets eine zeitlang trocken und wurde nach mehreren Monaten - in den letzten Jahren wurden die Abstände immer kürzer - wieder rückfällig und stürzte stets verhältnismäßig schnell wieder so richtig ab.


    Wir haben immer wieder gehofft, dass er dauerhaft die Kurve kriegt, hat er aber leider nicht. Er starb in Folge eines selbstverschuldeten Autounfalls unter Einfluss von Entzugsmedikamenten und sehr wahrscheinlich auch Alkohol.

    Im Gegensatz zu meinem Vater hat bei meiner Mutter dieser gewisse Funke dauerhaft geglommen. Sie war in jungen Jahren abhängig von Barbituraten geworden und später auch von Alkohol, sie erkrankte schon in jungen Jahren erstmals an Depression. Sie ist tatsächlich nie rückfällig geworden, obwohl sie immer wieder mit depressiven Phasen zu kämpfen hatte und mit Sicherheit oft vollkommen überfordert war.


    Da MissBee eingangs geschrieben hat, dass ihr Mann depressiv und antriebslos und völlig überfordert war und es sehr wahrscheinlich noch immer ist, muss ich in dem Zusammenhang auch an Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, denken. In dem Zusammenhang habe ich mir in den vergangenen Jahren, seit ich selbst davon betroffen bin, immer mal wieder Gedanken gemacht.

    Warum habe ich, die ich leider chronisch an Depressionen erkrankt bin, dann zu allem Überfluss auch noch an Multipler Sklerose, dann eine Alkoholabhängigkeit entwickelt hatte, und nun seit geraumer Zeit auch noch mit dem Chronischen Fatigue-Syndrom (auch Myalgische Enzephalomyelitis genannt) zu kämpfen habe, mich stets für mich selbst verantwortlich gefühlt, bin trotz allem immer wieder aufgestanden und unternehme stets alles, um mir selbst zu helfen?


    Warum kann ich das und warum können andere das nicht? - Ich weiß es wirklich nicht. Ich kann aufgrund einer gewissen Lebenserfahrung zwar Vermutungen anstellen, aber ich kann nicht in die Köpfe anderer sehen.


    Ich hab so manchen an Depressionen Erkrankten kennengelernt, bei dem oder bei der sich diese Bereitschaft zur Selbstverantwortung nicht erkennen ließ. Denen war nicht anzumerken, dass sie für das eigene Handeln, ihre eigenen Entscheidungen einstehen oder zumindest eine Bereitschaft dafür erkennen ließen. Stattdessen hörte ich von diesen, wie sie stets die Schuld auf andere oder die Umstände schoben, und selbst nichts dazu beitrugen, etwas an ihrer Situation zu verändern.


    Zurück zu MissBee : Was bedeutet das nun aber für dich als Angehörige?

    Was kannst DU tun, wenn dein Mann einer derjenigen Menschen ist, die nicht oder nicht genügend Bereitschaft aufbringen, Selbstverantwortung zu übernehmen, wenn er nicht aktiv wird und alles unternimmt, um sich selbst zu helfen?

    Was kannst DU tun, da deine Kinder in Gefahr sind, ernsthaften Schaden zu nehmen?

    Was kannst Du tun, wenn du selbst Gefahr läufst, ernsthaften Schaden zu nehmen?


    Kannst DU euch alle retten oder musst du hinnehmen, dass er seinen Weg gehen muss, wohin auch immer der ihn führt, und dich selbst und deine Kinder retten?

    Sparkassen_Helga leider geht er nirgendwo hin.

    Er muss nirgendwohin gehen, wenn er das nicht will.

    Er hat auf eine unterstützende Ressource des Selbsthilfesystems verzichtet und es stattdessen auf eigene Faust versucht…

    Kann man machen…


    Auch DAS ist eine Entscheidung, die er getroffen hat.


    Das nötige Rüstzeug hätte er nach 13 Wochen Reha haben können…. Die Entscheidung, wenige Tage nach der Reha doch nochmals auf den Alkohol zu setzen, hat er getroffen….

    Hallo MissBee ,

    du bist nun für den Austausch im öffentlichen Bereich freigeschaltet.

    Es fällt mir schwer es abzulegen, mich verantwortlich zu fühlen obwohl ich weiß das ich es nicht bin aber eure Nachrichten helfen, es mehr zu verstehen.

    Ich kann gut nachvollziehen, dass dir das schwer fällt. Wenn du dich mal durch Erfahrungsberichte von Angehörigen eines oder einer Suchterkrankten liest, wirst du feststellen, dass es anderen ähnlich geht wie dir.

    Es gibt inzwischen auch zahlreiche Literatur für Angehörige, das eine oder andere findest du zum Beispiel in unserer Literaturecke.


    Beste Grüße

    AmSee

    Hallo Miteinander,

    ich finde das gut, dass Kogge seine Sicht der Dinge eingebracht hat, ich sehe das nämlich ganz ähnlich wie er.

    Und es geht gar nicht im eine Grundsatzdiskussion, es geht einzig und alleine darum, und das ist die Botschaft an MissBee , das man leider als Angehöriger sehr oft kaum Gestaltungsspielraum in der Begleitung der "Erkrankung" hat.

    Genau das ist nämlich für einen Angehörigen bzw. eine Angehörige wichtig zu wissen bzw. zu begreifen, dass man als Angehöriger kaum bzw. unter Umständen keinerlei Gestaltungsspielraum in der Begleitung der „Erkrankung“ hat.


    Die Sucht mag zwar eine Krankheit sein - und so wird es auch aus guten Gründen definiert -, aber der (oder die) daran Erkrankte ist und bleibt stets für sich selbst verantwortlich.

    Die Verantwortung für sich selbst kann ihm (oder ihr) nicht abgenommen werden und er (oder sie) lässt sie auch nicht abnehmen. Wer als Angehöriger schon mal versucht hat, einen, der trinken will, davon abzuhalten, wird wissen, was ich meine. Jemand, der trinken will, lässt sich nicht davon abhalten.

    Und es ist letztlich so, dass es seine eigene (oder ihre) Entscheidung ist, so unvernünftig und schädlich und rücksichtslos anderen gegenüber das auch sein mag.

    Die Schuld, warum er (oder sie) trinkt, mag zwar immer wieder anderen in die Schuhe geschoben werden, aber die Entscheidung fürs Trinken trifft der Trinkende stets selbst, dafür ist er selbst verantwortlich.


    Aus dem Teufelskreis der Sucht kann sich letztlich nur der Süchtige selbst befreien. Möglich ist das, aber das muss von ihm oder ihr selbst kommen. DAS kann ihm niemand abnehmen. Eine Reha ist leider kein Garant, denn wer ernsthaft aussteigen will, muss umlernen, alte Muster ablegen und neue aufbauen. Und das muss jeder für sich selbst tun, sonst funktioniert das nicht.


    Als Angehöriger möchte man dem „Erkrankten“ gerne helfen, aber wie soll man jemandem helfen, der sich gar nicht helfen lassen will, der trinken will oder aber bei nächster Gelegenheit wieder einen Grund findet, um zu trinken?


    Und was nicht vergessen werden sollte: Der (oder die) Angehörige ist auch für sich selbst und seine eigene Gesundheit verantwortlich! Unter Umständen bleibt die völlig auf der Strecke, während man in steter Sorge um den „Erkrankten“ gemeinsam mit ihm untergeht.


    Und wenn dann noch Kinder mit im Spiel sind, die ja von sich aus nicht aus der Nummer raus können, keine Möglichkeit zu Fliehen haben, sondern irgendwie aushalten und ausharren müssen, nicht begreifen können, was da geschieht, und die dann, weil sie schutz- und sicherheitsbedürftig sind, überzeugt sind, für ihre Eltern die Verantwortung übernehmen zu müssen, um nicht unterzugehen, dann ist das Drama perfekt.

    Und das Drama ist deshalb perfekt, weil nicht nur diese Familie Schaden nimmt, sondern die entstandenen Schäden auch noch Folgen für die nächste Generation (und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit dann auch weitere Generationen) haben.


    In meiner Familie war das so, es zieht sich tatsächlich durch mehrere Generationen. Und wer sich mit der Thematik beschäftigt, wird das für viele, viele andere Familie bestätigt finden.


    Es tut mir wirklich leid für dich, MissBee , und deine Kinder, dass ihr in einer solchen Situation steckt. Ich weiß selbst nur allzu gut, wie schwer daran zu tragen ist.

    Ich kann dir nur Mut und die erforderliche Kraft wünschen für die schweren Entscheidungen, die bei dir anstehen.


    Und wenn du Fragen an uns haben solltest, scheu dich nicht, sie zu stellen. Sofern es uns möglich ist, versuchen wir dir mit unseren Erfahrungen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben.


    Beste Grüße

    AmSee

    —————


    Wenn du das möchtest, könntest du nun von einem der drei Moderatoren hier für den Austausch im öffentlichen Bereich freigeschaltet werden. In dem Zuge könnte auch dein Vorstellungsthread in den öffentlich sichtbaren Angehörigenbereich verschoben werden.

    Gib einfach kurz Bescheid, wenn du das möchtest.

    Beste Grüße

    AmSee als Moderatorin


    Beste Grüße

    AmSee

    Hallo und herzlich Willkommen auch von mir, MissBee ,

    ich kann dir leider nur sehr kurz antworten.

    aber ich habe Angst ihn jetzt zu verlassen, aber die Kinder muss ich da irgendwie schützen.

    Mit dieser Angst sind viele in deiner Situation wohlvertraut und diese Angst ist durchaus nachvollziehbar. Doch im Gegensatz zu ihm, der als Erwachsener selbst für sich die Verantwortung trägt und seine eigenen Entscheidungen trifft, sind deine Kinder der Situation hilflos ausgeliefert und sind von sich aus nicht in der Lage, irgendetwas ändern zu können.

    Für mich, die ich als Kind in einer solchen Situation gesteckt habe, wäre es zweifellos besser gewesen, wenn ich da raus gekommen wäre. Ich bin da leider nicht rausgekommen, was nicht ohne Folgen für mich geblieben ist.

    Solche Kinder wie ich tragen psychische Schäden davon, mit denen sie als Erwachsene schwer zu kämpfen haben. Vielleicht hilft es dir und deinen Kindern bei deiner Entscheidung, was du tust, weiter, wenn du dich mal mit dem Thema „Erwachsene Kinder von Alkoholikern
    und aus dysfunktionalen Familien“ beschäftigst.


    Beste Grüße

    AmSee

    willibald42 , mir ist bei deinem Beitrag in diesem Thread nicht recht klar, inwiefern der etwas mit deiner eigenen Selbsthilfe oder etwas mit Hilfe zur Selbsthilfe zu tun hat bzw. inwiefern dein Beitrag mit dem Thema dieses Threads zu tun hat.


    Nun bist du ja nicht frisch hier aufgeschlagen, sondern schon etwas länger dabei. Ist dir klar, dass hier in dieser Selbsthilfegruppe gewöhnlich Menschen aufschlagen, denen, wie Stilles Wasser das in deinem Thread mal beschrieben hat, „zu einem bestimmten Zeitpunkt der Arsch auf Grundeis ging und das nicht ohne Grund.“?


    Du betreibst da eine Verklärung deines Alkoholkonsums.

    Inwiefern hilft das dir oder irgendjemand anderem hier weiter?

    Das kann ich so gar nicht sagen und beantworten. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen NUR 1 Glas Wein zu trinken. Deshalb ist konsequente Abstinenz für mich der beste Weg. Das Risiko irgendwelcher Tests gehe ich erst gar nicht ein. Und solche Überlegungen was wäre wenn sind zuviele Gedanken an Alkohol und Sucht. Ich kontrolliere meine Gedanken sogar, damit das Thema sowenig wie möglich Raum bekommt. Lediglich im Forum ist das Thema aktiv und zwar nur um den Respekt zu behalten. Kontrolliertes Trinken und Tests sind nicht meins.

    Ich bin auf meinem Weg vermutlich schon etwas weiter als du, liebe Emily. Ich kann das, wie ich oben geschrieben habe, für mich ganz klar beantworten: Ich selbst würde auch dann nicht trinken wollen.

    So oder so gibt es beim Alkoholkonsum offenbar keine gesundheitlich unbedenkliche Menge.

    Und inwiefern Alkohol meinem Körper tatsächlich geschadet hat, wurde mir selbst äußerst bewusst, als sich bei mir am Anfang meiner Abstinenz körperliche (und psychische) Verbesserungen einstellten, die ich so überhaupt nicht (mehr) erwartet hätte. Das hat mich sehr überrascht, mich in Bezug auf Alkohol sehr nachdenklich gemacht und in meinem Abstinenzvorhaben bestärkt.

    Auch habe ich mich, als ich mich gedanklich mit den alten Zeiten beschäftigt habe, erinnert, dass mir die erste Wirkung von Alkohol, dieses leicht schwummerige, wattige Empfinden - ich kann‘s nicht besser beschreiben - , über das ich keinerlei Kontrolle hatte, nicht recht behagte, mir eigentlich sogar unangenehm war. Das, was ich mit angenehm verband und mich zum Trinken motivierte, trat ja erst etwas später ein.

    Und das Angenehme hielt sich, wie ich im Laufe der Jahre und insbesondere in den letzten Monaten meiner Alkohol-Karriere feststellen musste, nur kurz, war absolut nicht nachhaltig, im Gegenteil.

    Kurz und gut, für mich gibt es absolut keinen vernünftigen Grund mehr, mir nochmals Alkohol antun zu wollen. Und deshalb kann ich inzwischen mit voller Überzeugung sagen, dass ich auch dann nicht Alkohol trinken würde, wenn ich keinen Kontrollverlust mehr befürchten müsste.


    Etwas völlig anderes sind dann bei mir noch alte Gedankenmuster, die ab und zu mal hoch kommen. Das hab ich ja letztens kurz mal wieder erlebt, als ich mit meinem Mann in einem Restaurant eingekehrt war. Das scheint so etwas zu sein, was mit dem Begriff „Suchtgedächtnis“ bezeichnet wird. Gedanken aus früheren Alkoholkonsum-Zeiten, die unerwartet von irgendwoher aus meinem Kopf hoch kommen, obwohl ich inzwischen ganz anders über Alkohol denke und das Interesse an Alkohol völlig verloren habe.


    Ich finde das absolut nicht verkehrt, dass du sogar deine Gedanken kontrollierst, damit das Thema so wenig Raum wie möglich bekommt. Du bist bei Rekonvaleszent vielleicht schon mal auf den Begriff „Trinkvorbehalt“ gestoßen. Wenn man sich so einen „geheimen Trinkvorbehalt“ lässt, lässt man sich unter Umständen eine Tür zu einem Rückfall offen.


    Für mich wäre, als ich hier vor über fünf Jahren ganz am Anfang stand, die Option, ich könnte irgendwann mal wieder trinken, weil ich „Selbstremission“ erreicht habe, verlockend gewesen. Ich wage aber sehr zu bezweifeln, dass ich mich dann so konsequent auf den Weg gemacht hätte, wie ich‘s getan habe. Ich wage sogar zu behaupten, dass diese Option für MICH nicht gut gewesen wäre, sondern mein Leiden sehr wahrscheinlich nur verlängert hätte.

    Paul hat in RE: Versehentlich Alkohol getrunken, was nun? in Beitrag #39 von diesem Test berichtet. In der darauffolgenden Diskussion hat er begründet, dass er ihn durchgeführt hat, um zu testen, welche Wirkung und ob überhaupt eine Wirkung das auf ihn rein körperlich hat. Er wollte sich selbst etwas beweisen.


    Emily , was möchtest du für dich denn aus Pauls Test schließen?

    Würdest du wieder ab und zu ein Glas Wein trinken wollen, wenn das Risiko, dass du früher oder später wieder einen Kontrollverlust erleidest, nicht (mehr) bestünde?


    Ich persönlich möchte, selbst wenn dieses Risiko bei mir nicht mehr bestünde, keinen Alkohol mehr trinken. Insofern habe ich überhaupt nicht das Bedürfnis, auszutesten, ob ich zu denen zähle, die so etwas wie „Selbstremission“ erfahren haben.