Da bin ich dann auch mal

  • Hallo zusammen,

    bin 50 Jahre alt und hab das gröbste schon hinter mir, bin seit dem 02.01.2026 ohne Alkohol unterwegs. Getrunken habe ich ca seit meinem 14. Lebensjahr, zwischendrin schon mal sehr ausufernd was ich dann durch Umstellung der Trinkgewohnheiten und Tage in den Griff bekommen habe (Kontrolliertes Trinken). Das hat leider auch nur bedingt funktioniert, die Menge des Konsums wurde mit der Zeit auch hier immer grösser, die Tage des Nichttrinkens einzuhalten ging bis zum Schluss gut. Der Verlauf war wie bei den meisten schleichend, erst Neugier, dann Coolness, dann Regelmäßigkeit, unkontrollierbares Trinkverhalten wenn man mal anfängt, Scham, Probleme im Leben so wie gesundheitlich, Problemlöser, Feierlaune, usw.... Keine Party ohne Alkohol, sonst war es ja keine Party.

    Hier bin ich um meine Trockenarbeit zu vertiefen und das ein oder andere aufzuschnappen was nützlich sein kann, vllt. kann ich ja auch das ein oder andere beitragen.

  • Hallo Memory,

    schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Hast Du in einer Klinik entzogen oder bist Du den Weg allein gegangen?

    Nach 6 Wochen hatte ich auch das Gefühl, dass es ein guter Zeitpunkt ist sich mal mit dem grundsätzlichen Problem auseinanderzusetzen. Bist Du männlich oder weiblich? Ich frag deshalb, weil für viele Frauen die Jahre um das 50. LJ mit Wechseljahrsbeschwerden sehr belastend sein können, körperlich und seelisch. Für mich war der Alkohol auch immer ein Stück Selbstmedikation, wenn es mir wieder schlecht ging.

    Was machst Du mit der neu gewonnenen Zeit?

    Beste Grüße Helga

  • Hallo Memory und willkommen hier.

    Super, dass du schon nüchtern unterwegs bist. Wie fühlst du dich auf deinem neuen Weg?

    Wenn es Stolpersteine gibt meld dich hier,der Austausch hat mir immer gut getan und mir weiter geholfen.

  • Hallo ihr.

    Ich bin alleine abstinent geworden und bin männlich, sorry vergessen zu erwähnen.

    Die neu gewonnene Zeit war am Anfang etwas schwer zu füllen, in der Zwischenzeit mach ich viel Sport, geh mit dem Hund, lese viel und unternehme hin und wieder mal was mit der Familie und Freunden. Ich fühle mich soweit super, jedoch in manchen Situationen noch etwas unsicher, bzw. kommt hin und wieder mal noch das alte ich durch. Körperlich und gesundhitlich geht es mir viel besser.

  • Hallo Memory

    Herzlich willkommen auch von meiner Seite und gutes Ankommen im Forum. Ich kann dir empfehlen in den ganzen Theads zu stöbern, oder auch mal die Artikel anzuschauen. Viele Fragen oder Ideen, wie du deinen nüchternen Weg gehen kannst oder was es auch zu vermeiden gilt, sind auf die eine oder andere Weise hier schon besprochen worden. Meine ersten Wochen und Monate habe ich ziemlich wild in Erinnerung, ein mentaler Höhenflug mit Tendenz zur Achterbahnfahrt... Aber das ist bei allen sehr unterschiedlich. Wichtig ist, sich dessen bewusst zu sein und vorallem die Zeit, die früher der Alkohol verschlungen hatte, mit etwas Neuem zu füllen.

    Ich schalte dich als Mitglied für den offenen Bereich frei.

    Gruss

    Tom

  • Sind ein paar Tage ins Land gegangen seit ich mich angemeldet habe, habe hier viel gelesen in den Threads und viele meiner Problemchen so lösen können. Hab mich auch mit Büchern zu den Thema beschäftigt und online auf allen möglichen, teilweise sehr wirren Seiten und Foren gelesen. Man wundert sich was man manchmal für einen müll liest und für was manche Leute Geld verlangen aber das ist ein anderes Thema.

    Soweit bin ich wohl einigermaßen fest im Sattel, habe schon zweimal angetestet wie ich reagiere wenn ich in einem nassen Umfeld bin, beim ersten Mal bin ich früh gegangen, da ich wohl zu wenig darüber nachgedacht habe und unvorbereitet war. Das zweite mal war ich mit meiner Frau schön aus auf einer lustigen Theaterveranstaltung wo reichlich getrunken würde, auch meine Frau hat etwas getrunken, mich aber vorher mehrfach gefragt ob das ok ist. Diesesmal hatte ich vorgesorgt und Bonbons, scharfe Drops, Wasser im Auto mit viel Kohlensäure, Druckpunkte zum ablenken nachgelesen, usw... Wisst ihr was? Ich habe nichts von alldem gebraucht. Ich war einfach nur zufrieden und hab die anderen Leute um mich beobachtet, fand ich übrigends sehr faszinierend wie sich Menschen mit jedem Glas Alkohol verändern. Das Theater war eher schlecht aber was soll's meiner Frau hat es gefallen. War danach natürlich der Fahrer und ganz stolz darauf, weiss nicht wie lange es her ist, dass ich von einer Veranstaltung heim gefahren bin.

    Ansonsten scheint sich die Abstinenz so langsam einzuspielen, sind immer mal wieder Tage dabei die den Suchtdruck hervorrufen und ich muss mich immer mal wieder zusammenreißen um nicht in die Falle zu tappen (Gedanken können schon ganz schön fies sein...) aber es läuft. Ich bin zu Hause präsenter, was meiner Frau nicht immer so ganz gefällt, da ich jetzt auch wieder mitreden will und auch andere Ansprüche stellen als ein Kasten Bier und Schnaps und Wein im Keller aber auch das wird sich mit der Zeit wieder einrenken. Das ich nicht bemitleidet und verhätschelt werde war mir klar, habe ja lange genug alle von mir weg gestoßen und den Alkohol als Freizeitpartner am Wochenende bevorzugt. Das war's erst mal wieder von mir.

  • fand ich übrigends sehr faszinierend wie sich Menschen mit jedem Glas Alkohol verändern.

    Das stößt mich ab. Ich verlasse Veranstaltungen, wenn der Pegel zu sehr steigt.

    Nichts für ungut, aber ich finde es noch etwas früh für Dich, schon jetzt auf Veranstaltungen zu gehen, auf denen heftig getrunken wird.

    Das kann gewaltig nach hinten losgehen und noch Tage nachwirken.

    Wieg Dich jetzt bloß nicht in falscher Sicherheit, nur weil es einmal gut gegangen ist. Mach doch lieber was mit Deiner Frau, bei dem nicht der Konsum von Alk so im Vordergrund steht.

  • Hallo Memory

    Aus meiner eigenen Erfahrung rate ich auch, vorsichtig zu sein. Es ist ein sehr schmaler Grat zwischen neu gewonnener Zuversicht und Leichtfertigkeit. Zahllose Settings und Stimmungslagen müssen nun langsam mit neuen Verhaltensweisen und Routinen überschrieben überschrieben werden, um nachhaltig abstinent bleiben zu können. Dass es nun einmal geklappt hat heisst nicht, dass es beim nächsten Mal wieder funktioniert. Das Suchtgedächtnis wird sich früher oder später melden und mit dir verhandeln wollen im Sinne von: "geht doch, du hast's ja im Griff, weisst jetzt, dass du aufpassen musst. Aber trotzdem, einmal ist keinmal".

    Nüchternheit ist kein 100m-Sprint, sondern ein neuer Lebensweg.

    Gruss

    Tom

  • Guten Morgen.

    Danke für die Rückmeldungen. Ja mir ist klar, dass es nicht die beste Idee ist sowas öfters oder gar regelmäßig zu machen und man sollte sein "Glück" nicht überstrapazieren, da habt ihr Recht. Die Karten für den Abend haben wir schon vor längerem geschenkt bekommen und da das Verhältnis zu meiner Frau eh etwas "angespannt" ist, wollte ich den Abend nicht absagen. Mir ist es wichtig das Verhältnis zu meiner Frau zu verbessern, sie hat ja Verständnis für meine Situation und ist auch nicht böse wenn ich an Geburtstagen usw nicht mitgehe aber auf diesen Abend hatte sie sich schon vorher sehr gefreut, daher bin ich das Risiko eingegangen.

    Wieg Dich jetzt bloß nicht in falscher Sicherheit, nur weil es einmal gut gegangen ist. Mach doch lieber was mit Deiner Frau, bei dem nicht der Konsum von Alk so im Vordergrund steht.

    Von Sicherheit bin ich noch weit weg, sonst hätte ich ja keine Vorbereitungen getroffen. Wir gehen viel nach Draußen (Hund) und hin und wieder mal in ein Kaffee, machen auch mal Ausflüge an den Bodensee oder ähnliches, ich geb mir schon Mühe das Verhältnis wieder zu verbessern.

    "geht doch, du hast's ja im Griff, weisst jetzt, dass du aufpassen musst. Aber trotzdem, einmal ist keinmal".

    Ja, die Suchtstimme höre ich immer mal wieder, meistens lässt sie mich schnell in Ruhe aber Vorsicht ist immer geboten.

  • Hallo Memory ,

    habe hier viel gelesen in den Threads und viele meiner Problemchen so lösen können. Hab mich auch mit Büchern zu den Thema beschäftigt und online auf allen möglichen, teilweise sehr wirren Seiten und Foren gelesen. Man wundert sich was man manchmal für einen müll liest und für was manche Leute Geld verlangen aber das ist ein anderes Thema.

    das freut mich, dass du hier und sonst online schon Informationen gefunden hast, die dir weitergeholfen haben.
    Ich habe in meiner Anfangszeit auch seeeehr viel gelesen (und auch seeeehr viel geschrieben). Ich war richtig wissensdurstig und für mich war diese aktive Auseinandersetzung auch sehr hilfreich.

    Nun hast du schon zwei Konfrontationen hinter dir und erste Erfahrungen damit gemacht. Was solche Konfrontationen betrifft, gibt‘s unterschiedliche Sichtweisen. Vielleicht hast du davon in unserem Artikel Bewahrung der eigenen Abstinenz durch „Selbstfürsorge“ schon gelesen.

    Es gibt Selbstbetroffene, ich habe hier solche kennengelernt, die aufgrund ihrer Biographie an einen Punkt gekommen sind, dass es bei ihnen offenbar so klick gemacht hat, dass sie mit Alkohol vollkommen durch waren. Denen, so habe ich es von ihnen erfahren, genügte es, sich einfach vor Augen zu halten, wie es war, wenn sie „gesoffen“ haben. Diesen genügte es, in kritischen Situationen zu wissen, was sie wollen, und sie sind solchen Situationen nicht unbedingt aus dem Weg gegangen, sondern haben sie eher als Trainingsfeld betrachtet. (Konfrontation)

    Und dann habe ich nicht wenige Selbstbetroffene kennengelernt, die (zumindest zunächst) den Weg der Vermeidung gegangen sind, um sich nicht zu überfordern, sondern die eigene Abstinenz erst einmal zu sichern und zu stärken. Hintergrund dafür waren meist Erfahrungen, öfter mit dem sogenannten „Suchtdruck“ (= überaus starkes Verlangen, Alkohol zu konsumieren) konfrontiert gewesen zu sein, oder Erfahrungen mit Rückfällen.


    Ich selbst bin auch zunächst den Weg der Vermeidung gegangen.


    Mich würde interessieren, was du aus deinen beiden Konfrontationserfahrungen für dich dazugelernt hast. Magst du ein wenig dazu schreiben?


    fand ich übrigends sehr faszinierend wie sich Menschen mit jedem Glas Alkohol verändern.

    Kann ich nachvollziehen. Mir drängt sich gerade der Gedanke auf, dass man sich wie Alice im Wunderland vorkommen kann, wenn man aus dem in unserer Gesellschaft so üblichen Denk- und Verhaltensmuster in Bezug auf Alkohol hinaustritt.

    Ich kann auch die Reaktion von Rekonvaleszent nachvollziehen.


    Ich selbst nehme solche Veränderungen anderer unter Alkoholeinfluss, wenn ich mich in entsprechender Umgebung befinde, nur noch zur Kenntnis. Ich mag mir darüber keine Gedanken mehr machen, das ist es mir nicht mehr wert. Ich weiß, dass andere Alkohol trinken wollen. Sollen sie‘s tun, ich mach mein eigenes Ding und bin bestzufrieden damit.

    Freundliche Grüße

    AmSee

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Ich bin ziemlich lange den Weg der Vermeidung gegangen.

    Ich weiß nicht ob man es trainieren kann nüchtern zu bleiben. Die bewusste Konfrontation mit Alkohol habe ich bisher nicht ausprobiert.

    Weiß nicht ob das denn überhaupt ratsam ist.

  • Ich denke das muss jeder für sich selbst herausfinden. Ein dauerhaftes Leben in Vermeidung wäre für mich undenkbar gewesen, weil ich ein soziales Wesen bin und nicht meine Freizeitaktivitäten aufgeben wollen würde, um trinkende Menschen zu vermeiden. In meinem Sport wird viel gesoffen. Danach in der Gastro, bei der Preisverleihung, teilweise während der Runde. Alkohol trifft man in jedem Verein, Club oder Freizeitaktivität an.

    Wenn ich mal auf privaten Feiern bin, wird da auch gebechert. Ich möchte die Leute trotzdem treffen, weil ich sie mag. Das sind auch keine Säufer, sondern einfach Menschen des Alltags, die zweimal im Jahr beim Osterfeier, Silvester oder wo auch immer was trinken. Der eine mal mehr oder weniger. Ich will mein Problem auch nicht auf andere übertragen. Nicht jeder, der mal eine feuchtfröhliche Party macht, hat ein Alkproblem. Es findet sich außerdem immer jemand zum quatschen, der nicht trinkt - die Fahrer.

    Mir ist es mittlerweile völlig egal, was andere machen. Wenn es zu räudig wird, gehe ich früher. Was ich aber nicht mache, ist Bekanntschaften zu pflegen, die als Basis ausschließlich das gemeinsame Trinken haben. Wir haben sehr nette Nachbarn, die uns immer wieder einladen. Leider sind die beiden auch immer gut dabei und neben Wein und Bier, sind auch immer Schnäpse am Start. Man könnte daraus sicherlich eine gute Freundschaft entwickeln, aber die Sauferei steht dazwischen.

    Nichtsdestotrotz halte ich es zumindest im ersten halben Jahr der Abstinenz für sinnvoll solche Kontakte wegzulassen. Ich war nach einem halben Jahr auf einer Silvesterparty im Urlaubshotel. Ging problemlos, aber war schon merkwürdig und etwas, was ich erstmal verarbeiten musste.

    Beste Grüße Helga

  • Hallo AmSee13

    Was habe ich daraus gelernt? ich kann und darf da nicht blauäugig reingehen. Beim ersten Mal war ich sehr leichtsinnig und dachte mir wird schon gut gehen, bin dann auf einen Geburtstag gegangen wo sehr viele langjährige Bekannte auch waren, die meisten davon Saufkollegen, auch das Geburtstagskind war einer davon. Ich kam dort an und wurde auch gleich mitten ins Geschehen integriert, es wurde mir ein Bier und ein Kurzer kredenzt, welche ich dankend ablehnte. Daraufhin kamen natürlich Fragen auf, als Fahrer ging ich nicht durch, da ich nur ca 5 Minuten zu Fuß weg wohne, somit hab ich drumherum geredet, Dry January usw, das hat die meisten erst mal zufrieden gestellt. Solange alle noch recht nüchtern waren ging das auch soweit gut, natürlich hätte ich auch gern ein Glas oder zwei getrunken, aber Punkt eins, dabei wäre es nicht geblieben und Punkt zwei wollte ich das um jeden Preis vermeiden. Nach etwa zwei Stunden wurde mir das Ganze dann zu bunt, es fand ein regelrechtes Besäufnis statt, ich konnte mich "noch" zurück halten, merkte aber, dass es immer dünneres Eis wurde auf dem ich mich bewegte, zumal auch immer mehr der Anwesenden mit mir anstoßen wollten und Sprüche ala "Einer geht doch immer" "Stell Dich nicht so an.." usw. gemacht haben.

    Das stößt mich ab. Ich verlasse Veranstaltungen, wenn der Pegel zu sehr steigt.

    Das ging mir dann genau so.

    Beim zweiten Mal lief es etwas gesitteter, natürlich war bei der Veranstaltung auch klar, dass dort Alkohol konsumiert wird, der Unterschied war einfach, dass es sich bei den Anwesenden nicht um meine Saufkumpane gehandelt hat, sondern um für mich größtenteils fremde Menschen, außer meiner Frau natürlich. Zudem war ich mental und auch praktisch recht gut vorbereitet und hatte das ein oder andere Hilfsmittel dabei, was ein Rettungsanker war den ich immer im Hinterkopf hatte aber wie gesagt nicht genutzt habe, ich glaube wichtig war einfach, dass ich einfach wusste, dass er da ist. Da die anderen Gäste mich ja nicht direkt belästigt und angesprochen haben war es sehr interessant die Wesensveränderung (auch der neuen Bekanntschaften am Tisch) wahrzunehmen, die auf einmal gelockerte Stimmung, anfangs wurde am Tisch so gut wie nicht geredet, bis die ersten zwei oder drei Bier / Wein geflossen waren, danach umso mehr. Auch das Lachen im Raum wurde mit späterer Stunde immer ausgelassener und lauter. Ich selbst fand das Theater eher langweilig und wenig anspruchsvoll zudem auch nicht wirklich lustig eher leicht dümmlich, aber das mag dem fehlenden Alkohol geschuldet sein, es hat mich auf alle Fälle nicht angeholt wie man so schön sagt. Klar gab es mal sie ein oder andere Situation wo ich gedacht habe "jetzt würde ich doch auch gerne eines trinken" aber es ist wie beim ersten mal auch eins wäre nicht ausreichend gewesen und zwei wollte ich das um jeden Preis verhindern. Ich sagte meiner Frau zwar, dass sie gern was trinken kann, aber ein gewisser Trigger war das schon als ich mit Saftschorle und sie mit ihrem Weinchen angestoßen hat, da kam der Druck und die Suchtstimme schon mal kurz in Fahrt aber auch das ging nach kurzem Denken an die früheren Abstürtze schnell vorbei.

    Ich habe so das Gefühl bei mir, dass ich die Konfrontation schon hin und wieder brauche, ich kann nicht mal wirklich sagen wieso und warum ich mich in diese Situationen begebe. In erster Linie habe ich bisher das meiste in meinem Leben mit dem direkten Weg gelöst und bin einer Situation selten ausgewichen, habe vieles erlebt und gesehen (Jobbedingt) und meistens war es der richtige Weg. Die Verarbeitung des Erlebten und Gesehenen hat wohl nicht immer ganz so funktioniert wie es sollte, wahrscheinlich einer der Gründe (da gibt es aber noch einige mehr bei mir) wie die Sauferei zustande kam und auch die psychischen Probleme die immer wieder aufkamen die letzten Jahre, welche der Alkohol defintiv nicht besser gemacht hat, auch wenn er anfangs immer ein Seelentröster (für ein paar Stunden) und Problemlöser war.

  • Hallo Memory ,

    Danke dir für deine Antwort. Ich stelle mir vor, dass es hilfreich für dich (und vielleicht auch andere?) sein kann, über diese Dinge ins Gespräch zu kommen. Ich selbst hab von dem Austausch mit anderen Gesprächspartnern hier sehr profitiert.

    Find ich gut, wie du die beiden Konfrontationserlebnisse reflektiert hast. Ich denke, dass es viel wert ist, zu wissen, dass du nicht unvorbereitet in solche Konfrontationen gehen solltest.

    Das kann ich gut nachvollziehen, wie knifflig die erste Konfrontation mit deinen ehemaligen Saufkumpanen gewesen ist. Da sind ja nicht nur die angebotenen alkoholischen Getränke, die du ablehnen musst, sondern da spielt auch das übliche soziale Miteinander, in das du so nicht mehr hineinpasst und wo du dich ggf. noch rechtfertigen musst, weil du ablehnst, eine Rolle. Auch das, was du dort erlebst, macht bewusst und unbewusst etwas mit dir.

    Ich hab das, was allgemein als Suchtstimme bezeichnet wird, als ziemlich findig kennengelernt. Sie kann später kommen, so als Einflüsterung „Jetzt hast du so toll durchgehalten, da hast du dir eine Belohnung (Alkohol) verdient.“

    Das kann dann heftig werden, wenn du nix Adäquates parat hast bzw. nicht darauf vorbereitet bist. Hat wohl mit Dopamin, dem Neurotransmitter zur Belohnungserwartung zu tun, der dann im Gehirn ausgeschüttet wird.

    Diese sogenannte Suchtstimme kann auch flüstern, „Du hast soooo lange keinen Alkohol getrunken, inzwischen kannst du deinen Konsum bestimmt wieder kontrollieren.“

    Oder, so hab ich das nach einer Folge einer Kette von Triggersituation erlebt, als ich schon über ein halbes Jahr abstinent war und glaubte, zufrieden und safe zu sein: Es kam plötzlich ein ungeheures Bedauern in mir auf, dass ich den ganzen „Spaß“ nicht mehr mitmachen kann, und mächtiger Suchtdruck. Ich hätte mich, obwohl ich das sonst früher nie gemacht habe, mit hartem Schnaps, den ich nicht einmal mochte, so richtig abschießen wollen. Hilfe, war ich da plötzlich in Not! Ohne Unterstützung durch Erfahrene hätte ich‘s wahrscheinlich nicht überstanden. - Ich war nicht drauf vorbereitet, hab das Erlebnis dann aber anschließend für mich aufgearbeitet.


    Ich habe so das Gefühl bei mir, dass ich die Konfrontation schon hin und wieder brauche, ich kann nicht mal wirklich sagen wieso und warum ich mich in diese Situationen begebe.

    Ich habe für mich gelernt, dass es nicht verkehrt ist, meinen eigenen Gefühl zu vertrauen.

    Ich selbst bin aber auch jemand, der gerne wissen oder begreifen möchte, warum ich dieses oder jenes mache oder denke oder fühle. 😉

    Aus Konfrontationen kann man eine Menge lernen. Problematisch wird‘s letztlich nur, wenn man sich aus Unerfahrenheit oder Leichtsinn oder Fehleinschätzung der eigenen Kräfte überfordert. - Das gilt ja eigentlich immer, oder?


    P.S.: Falls du ihn nicht schon bemerkt haben solltest, empfehle ich dir noch den Artikel „Erste Hilfe“ bei Suchtdruck / Craving .

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Ich hab das, was allgemein als Suchtstimme bezeichnet wird, als ziemlich findig kennengelernt. Sie kann später kommen, so als Einflüsterung „Jetzt hast du so toll durchgehalten, da hast du dir eine Belohnung (Alkohol) verdient.“

    Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Ich habe viele Jahre meines Lebens On-Off-Beziehungen zu Substanzen geführt und mich mein Leben lang betrogen. Ich habe auch immer geglaubt, dass ich die Entscheidung wieder zu konsumieren aktiv selbst getroffen habe. Jede Pause hat mir immer wieder bestätigt "Ich bin kein Alki, ich kann ja Pausen machen". Erst mit der Reflektion dieses Musters ist mir klar geworden, dass genau dies das Wesen der Sucht ist und dass es immer gilt wachsam zu bleiben.

    Der verzögerte Suchtdruck nach einer alkoholischen Situation bestärkt einen sogar noch mehr. "Ich konnte in der (Theater)-Situation gut bestehen, jetzt kann ich mich belohnen, denn ich habe ja offensichtlich gar kein Problem!". Ich hatte auch eine Phase, wo ich dann nur am Wochenende trinken wollte. Erst war das Wochenende nur Samstags, dann auch Freitags und dann kam noch der Sonntag dazu und den Rest der Woche sehnte ich das Wochenende vorbei, wo ich mich für meine "problemlose Abstinenz" selbst feiern konnte.

    Die Ruhe im Kopf zu bekommen benötigt einfach Zeit. Das geht nicht nach 3 Monaten Abstinenz. Das ist ein lohnenswerter Prozess, der mich auch in meiner Entwicklung als Mensch geholfen hat. Ich verstehe sogar Deinen Drang Dich zu konfrontieren, aber es gibt Kämpfe, die sich lohnen zu führen und andere, die sinnlos sind. Der Versuch es sich selbst zu beweisen wie stark man dem Alk gegenüber ist, ist nicht nur gefährlich, er ist auch sinnlos. Alles im Leben hat seine Zeit - ich hab den Satz erst heute wirklich verstanden.

    Beste Grüße Helga

  • Erst war das Wochenende nur Samstags, dann auch Freitags und dann kam noch der Sonntag dazu und den Rest der Woche sehnte ich das Wochenende vorbei, wo ich mich für meine "problemlose Abstinenz" selbst feiern konnte.

    Das habe ich schon hinter mir, hatte irgendwann als es überhnd nahm umgestellt und versucht kontrolliert zu trinken und ja, hat nicht wirklich geklappt. Zumindest konnte ich so unter der Woche so funktionieren wie ich musste. Aber die Menge an Alkohol wurde eben immer mehr an den Wochenenden oft auch bis zum Filmriss und total Absturz...

  • Wie lange hattet ihr Schlafprobleme nach dem aufhören? Bei mir ist der Rhythmus irgendwie total im Eimer seit ich aufgehört habe, kann sehr schlecht einschlafen (nicht immer aber doch öfters) und auch Melatonin hilft nicht wirklich weiter.

  • Bei mir hat es ne ganze Weile gedauert. War zum Teil sehr unruhig und Gedankenkarusell. Habe mir dann ein besonders ruhiges Abend Ritual angewöhnt. Ein paar Minuten was angenehmes positives zu lesen, Tee, Entspannungstechniken oder Meditation. Beim Einschlafen habe ich die Gedanken mit zählen und Stop abgelenkt. So wurde das dann ganz gut.

  • Ich hatte das Glück, dass die Schlafprobleme mit dem Aufhören weggingen. Zu dieser Zeit begann ich, meine Schritte zu tracken, 12000 waren während der Woche das tägliche Mindestziel, am Wochenende mehr. Das hatte mir enorm geholfen, meine Gedanken zu ordnen, müde zu werden und nicht zuletzt die Bierplauze abzubauen 😀

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