Ich kann die Aufregung über diese Aussage „Der Rückfall gehört dazu“, die laut Leonissa offenbar auf der Entgiftungsstation, auf der sie arbeitet, nicht ganz nachvollziehen.
Sparkassen_Helga hat meines Erachtens treffend beschrieben, in welchem Zusammenhang eine solche Aussage gesehen werden kann:
Ich verstehe das übrigens ganz anders. Nicht jeder muss auf dem Weg in die Abstinenz einen Rückfall erleiden. Wir haben im Forum Menschen, die komplett rückfallfrei sind. Ich sehe die Rückfallthematik eher in dem Sinne, dass das nicht aufhören können die Sucht definiert. Jemand, der das Trinken sein lassen kann, also nicht immer wieder zurückfällt in ein Trinkmuster ist nicht süchtig. Für mich ist das eher das Kennzeichen der Sucht.
Unbestreitbare Realität ist doch wohl, dass es nicht jeder, der eine Alkoholsucht entwickelt hat, beim ersten Anlauf schafft, sich daraus zu befreien. Die Gründe dafür dürften vielfältig sein.
In dem Artikel https://trokkenpresse.de/titelthema-01-…tsel-rueckfall/ von Prof. Lindenmeyer, auf den ich in diesem Thread schon mal hingewiesen habe, werden aufschlussreiche Daten aufgeführt:
60% aller Rückfälle haben sich in den folgenden drei Situationen ereignet:
- unangenehme Gefühle, wenn man alleine ist (z. B. Langeweile, Einsamkeit, Angst, Depression),
- im Anschluss an Konflikte und Konfliktsituationen (z. B. am Arbeitsplatz oder in der Familie)
- soziale Verführung (z.B.: Kumpels fordern einem zum Mittrinken auf; ein Arzt empfiehlt ein Beruhigungsmittel).
Die übrigen 40 Prozent aller Rückfälle haben sich in folgenden Situationen ereignet:
- angenehme Situationen (z. B. Erfolgserlebnisse, Verliebtsein),
- Geselligkeit (z.B. Kneipenbesuch, Parties, Familienfeier),
- körperliche Beschwerden (z.B. Schmerzen, Schlafstörungen),
- Versuch, kontrolliert zu trinken und
- plötzliches Verlangen (z. B. beim Anblick eines Biergartens).
Rückfälle sind offenbar Realität und Teil einer Suchterkrankung, insofern ist die Formulierung „Der Rückfall gehört dazu“, wenn er von Fachpersonal auf einer Entgiftungsstation, das ständig damit konfrontiert ist, geäußert wird, doch gar nicht sooooo verkehrt. 🤔
Interessant fände ich, welche Antworten Leonissa auf der Teamsitzung, auf der sie das das Thema Kommunikation mit den Patienten bezüglich Rückfall diskutieren will, vom Fachpersonal bekommt. Wie sehen die das und wie begründen sie eine solche Aussage?
Und mit Blick auf die Wirkung einer solchen Aussage auf Selbstbetroffene fände ich interessant, wie die, die sich tatsächlich auf einer Entgiftungsstation befanden - hier im Forum haben Paddy oder Bighara oder Laggard oder Greenfox ihre Erfahrungen geteilt - eine solche Aussage - sofern sie denn ebenfalls mit dieser Aussage konfrontiert waren - wahrgenommen haben. Hatten die den Eindruck, dass ihnen damit suggeriert wurde, dass alles nicht so schlimm sei? - Ich persönlich vermute mal, dass das nicht so angekommen ist…..
Ich persönlich habe mit einer solchen Aussage „Der Rückfall gehört dazu“ keine Schwierigkeiten. Ich habe auch keine Schwierigkeiten damit, dass mein sogenanntes Suchtgedächtnis schäft und mal aufwachen könnte. Ich sehe da auch kein Damoklesschwert über mir.
Letztens schlug ich meinem Mann nach einer Veranstaltung, die wir zwei besucht hatten, vor, noch in einem Lokal in der Nähe einzukehren. Vor Ort wachte mein Suchtgedächtnis tatsächlich unerwartet auf. Hat mir das Angst gemacht? - Nein! Hab ich deswegen das Weite gesucht? - Nein! Ich hab‘s lediglich zur Kenntnis genommen, mit dem, wie ich inzwischen über Alkohol denke und wie zufrieden ich damit bin, gegengesteuert, mir eine hausgemachte Limonade und paar Köstlichkeiten bestellt… Und wir zwei hatten einen echt schönen Abend.
Ja, da scheint bei mir eben etwas aus der Zeit meines Konsums nie ganz weg zu sein, etwas, was sich wohl als Suchtgedächtnis bezeichnen lässt. Rede ich mir da etwas wiederholt ein? - Nein, so fühlt es sich absolut nicht an, ich denke da auch nicht ständig dran, sondern nehme es nur zur Kenntnis, wenn’s mal wieder passiert. Für mich ist es eher erleichternd, dass es dafür einen Namen gibt und dass ich mit diesem Phänomen nicht allein bin. Es macht es für mich irgendwie leichter damit umzugehen. Es „gehört [wohl] dazu“….. Entscheidend ist meines Erachtens nur, wie ICH dem begegne.
Und so betrachte ich im Grunde auch eine solche Aussage wie „Der Rückfall gehört dazu“. Für mich bedeutet das keine Verharmlosung und ich betrachte es auch nicht als „Dogma“, als Glaubenssatz, der nicht hinterfragt werden darf. Rückfälle gehören statistisch gesehen offenbar zur Realität, entscheidend ist meines Erachtens, was ICH dafür tun kann, dass MIR das nicht passiert.
Und damit MIR das nicht passiert, habe ich an mir gearbeitet und mich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Ich sorge endlich wirklich für mich, kümmere mich um meine eigentlichen Bedürfnisse. Und diesen Weg verfolge ich konsequent weiter, ohne Angst.