Muss ich den Rest meines Lebens immer vor einem Rückfall Angst haben?

  • Hallo AmSee13,

    die Angst vor dem nächsten Rückfall ist etwas, das wohl jeder von uns kennt. Als ich im November 2009 die "Entscheidung gegen den Alkohol" getroffen habe hatte ich auch die Worte meines ersten langjährigen Suchttherapeuten im Kopf: Die Formulierung "ich brauche den Alkohol nicht mehr" drückt nicht das aus, was mir als Alkoholiker dauerhaft hilft. Die Formulierung "ich will den Alkohol nicht mehr" ist deutlich besser für mich als Alkoholiker, denn das bedeutet auch "ich habe das selbst in der Hand".

    Meine Trockenheit begann mit meiner Entscheidung gegen den Alkohol. Gegen diesen übermächtigen Gegner, der nur dann keine Chance mehr hat, in mein Leben einzubrechen, wenn ich ihn ohne wenn und aber aus meinem Leben verbanne. Ich weiß, das klingt vielleicht sehr theoretisch und deshalb versuche ich es mit einem anderen Gedanken, den ich seit dem immer im Kopf habe:

    Alkohol ist und bleibt ein Zellgift und für mich gibt es keine Experimente mit Alkohol mehr denn der erste Tropfen kann mit dem kurz- oder mittelfristigen Tod enden. Keine Versuche mit Alkohol egal welcher Art.

    Noch etwas:

    Für mich war auch zu Beginn das Thema, wie ich mich in der Öffentlichkeit schützen kann. So auch z.B. heute an Silvester, wenn unsere langjährigen Bekannten zu Besuch kommen, die auch heute Abend vielleicht ein Glas Wein (den bringen sie dann selbst mit) trinken werden. Und so habe ich für mich eine Formulierung entwickelt, die ich seit gut 16 Jahren immer bei mir habe.

    "Ich trinke seit vielen Jahren keinen Alkohol mehr. Damit geht es mir sehr gut".

    Wenn jemand nachfragt, ob ich nicht doch mal eine Ausnahme machen könnte oder will, dann antworte ich mit:

    "Meine Entscheidung gegen den Alkohol bitte ich zu respektieren und das ist auch nichts, das ich jetzt oder irgendwann anders diskutieren will."

    Bei Menschen, die das so nicht akzeptieren wollen (war vereinzelt die vergangenen Jahre der Fall) gehe ich sofort ohne wenn und aber auf Abstand. Ganz gleich, ob das verstanden wird oder nicht.

    Die meisten Menschen akzeptieren dies allerdings auch und es ist für mich seit langer Zeit keine Thema wenn am Tisch Alkohol konsimiert wird. Wenn es mir irgendwann zu viel wird, behalte ich mir immer vor, aufzustehen und zu gehen.

    Wir dürfen sehr wohl für uns sorgen, auch wenn das nicht jeder in unserem Umfeld versteht.

    ZurueckimLeben

  • Hallo ZurueckimLeben ,

    Danke für deinen Beitrag. Der geht so ziemlich in die Richtung, in der ich auch unterwegs bin.

    Ich hatte die Tage privat so viel um die Ohren, dass ich erst jetzt dazu komme, wieder ins Forum zu schauen. Ich würde gerne ausführlicher auf deinen Beitrag eingehen, aber das wird noch etwas Zeit in Anspruch nehmen.

    Nur ein Hinweis von mir, weil du mir direkt geantwortet hattest: Ich stehe zwar als Themeneröffner da, aber tatsächlich ist dieses Thema aufgrund eines Beitrags von Emily zustande gekommen, den ich in diesen Thread verschoben hatte.

    Freundliche Grüße

    AmSee

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Angst vor einem Rückfall ?

    Die Formulierung passt für mich nicht ganz - für mich wohlgemerkt.

    Angst vor einem Rückfall hatte ich vor meiner Entscheidung gegen den Alkohol. Heute fühlt sich das für mich anders an.

    Jetzt wirds etwas psychologisch aber ich versuche das auszudrücken, was mir damals und heute geholfen hat:

    Wenn ich vor einer Sache Angst habe, dann laufe ich vielleicht davor weg, weil ich eben Angst habe und mich der "Konfrontation" nicht stellen will. Doch die Ursache meiner Angst bleibt bestehen, denn sie verschwindet nicht dadurch, dass ich ihr aus dem Weg gehe.

    "Wo die Angst ist, da ist der Weg". Das habe ich im Frühjahr 2009 (da war ich noch komplett im Alkoholkonsum und somit psychisch und physisch schwer abhängig) zunächst belächelt und als blödsinnige Redensweise abgetan.

    Doch dann habe ich mich im Spätsommer 2009 diesem übermächtigen Gegner gestellt und klar die Grenze zum Alkohol gezogen. "Ich will für den Rest meines Lebens keinen Alkohol mehr trinken oder sonst irgendwie (in Kuchen oder Speisen ...) konsumieren".

    Heute weiß ich, spüre ich, dass dieser übermächtige Gegner zwar jederzeit vor mir wieder auftauchen kann aber ich lasse ihn dort stehen, wo er ist.

    Wenn ich jemals einen Rückfall haben sollte, und das kann kein Alkoholiker ganz ausschließen, dann hole ich mir sofort Hilfe. Die Anlaufstellen habe ich mir seit 2009 bei einem Suchttherapeuten und einem Mediziner geschaffen und im übrigen kann ich mich jederzeit "selbst in eine Suchtklinik einweisen" denn die haben alle einen Aufnahmebereich für akute Situationen. Mein "Notfallplan" liegt also nicht in irgendeiner Schublade, sondern den habe immer "bei mir".

    Ein Rückfall wird dann gefährlich, wenn ich versuche damit allein klar zu kommen. Jeder von uns Alkoholikern darf sich sofort Hilfe holen, wenn es uns schlecht geht oder wir rückfällig geworden sind. Uns professionelle Hilfe zu holen ist aus meiner Erfahrung immer besser als zu hoffen, wir bekommen das schon wieder allein hin.

    Wenn wir das Thema Alkohol für uns allein lösen könnten ... wären wir dann da, wo wir aktuell als Alkoholiker stehen ?

    ZurueckimLeben

  • Wenn ich vor einer Sache Angst habe, dann laufe ich vielleicht davor weg, weil ich eben Angst habe und mich der "Konfrontation" nicht stellen will. Doch die Ursache meiner Angst bleibt bestehen, denn sie verschwindet nicht dadurch, dass ich ihr aus dem Weg gehe.

    Alkohol ist doch nur Mittel zum Zweck, um eine Angst, ein Problem zu betäuben ... dem zu entfliehen. Ist man sich dessen bewusst, dass das Problem bleibt - welches auch immer (Unzufriedenheit, Einsamkeit, mangelnde Akzeptanz etc.pp.) - , weiß man zwar für den Moment ... der Betäubung, denn etwas anderes ist es ja nicht (Alkohol), sind die Probleme zwar kurzzeitig verschwunden, doch mehr auch nicht!

    Wenn ich mit meinem Problem zurechtkomme und mir dessen bewusst bin, dass Alkohol absolut nichts verändert, mal abgesehen von div. köperlichen und kognitiven Beeinträchtigungen, müsste auch die Furcht vor Alkohol schwinden.

    Welche Anlässe/Probleme erzeugen also den Wunsch/Drang sich betäuben zu wollen?

    Zufriedenheit ist es wohl kaum.

    Was erzeugt also die Unzufriedenheit und warum? Was lässt einen so zornig, traurig, missmutig werden? Warum will man dem entfliehen?

    Wenn man nur nicht trink, wird alles bleiben wie es ist, selbst wenn man trinkt, bleibt es so.

  • Eine spannende Frage dazu: Warum ziehst Du, auch nur theoretisch, in Betracht, einen Rückfall zu haben? Warum kannst Du es nicht ausschließen?

    Ich bin generell auch ein Mensch für Strategien und einen Plan B, das finde ich im Leben immer wichtig. Aber beim Thema Alkohol lässt mein Mindset es gar nicht zu, darüber nachzudenken, was passieren könnte. Für mich fühlt sich das so an: Alleine die theoretische Auseinandersetzung mit dem Gedanken (und dem Plan für den Notfall) hält in meinem Kopf einen Funken wach. Einen Funken, der eher dafür sorgt, dass wieder ein Brand ausbrechen könnte, weil die Option ‚Scheitern‘ ja existiert und abgesichert ist.

    Ich schließe einen Rückfall kategorisch aus. Daran gibt es nichts zu rütteln. Das mache ich beim Nikotin genauso. Ich weiß, dass mich das brutal triggert und wie schnell man wieder ‚drauf‘ ist. Genau deswegen bin ich gewarnt – und genau deswegen ist die Tür nicht nur zu, sondern verschweißt. Da gibt es keinen Spalt mehr für einen ‚Plan B‘.

    Was ich in der Tat bemerke, wenn ich gerade so darüber nachdenke: Allein die Auseinandersetzung hier bringt wieder diesen Funken zum Glimmen. Ich spüre, wie meine eigentlich zugeschütteten neuronalen Autobahnen durch diese Diskussionen fast schon wieder einen neuen Belag bekommen. Eine Fahrbahn, die ich eigentlich abgerissen hatte.

    Nicht, dass ich mir jetzt Sorgen machen müsste – ich stehe stabil. Dennoch bekommt das Thema ‚Alkohol/Rückfall‘ dadurch wieder mehr Raum in meinem Kopf, als es das in den letzten Monaten oder Jahren hatte. Und ich merke: Diese Art der bewussten ‚Wachsamkeit‘, tut mir nicht gut.

    Meine Sicherheit liegt nicht im ständigen Aufpassen, sondern in meiner Lebensphilosophie. Die ist mittlerweile vollkommen automatisiert. Ich denke darüber gar nicht mehr nach, ich lebe sie einfach. Wenn ich aber gezwungen würde, das alles wieder zu zerdenken und abzusichern, dann merke ich, wie mein ‚Zement‘, der hart geworden ist, wieder bröselig wird.

    Möglicherweise ticke ich da neurobiologisch einfach anders oder brauche diese Radikalität für meinen Kopf. Das ist mein Weg.

  • Meine Sicherheit liegt nicht im ständigen Aufpassen, sondern in meiner Lebensphilosophie.

    Danke, das haben wir gemeinsam. Ich lebe nicht mehr nach dem Prinzip der ständigen Risikominimierung. Das war in meiner Anfangszeit wichtig, um wieder Grund unter die Füße zu bekommen.


    Jetzt hat sich mein alkoholfreier Weg eingeschliffen und ich lebe nicht mit Rückfallängsten oder -gedanken. Ich bin jetzt mehr als 10 Jahre clean und habe mich mit meiner Umgebung arrangiert. Meine Frau trinkt ab- und an mal ein Glas Wein oder Sekt und das sogar daheim in meiner Gegenwart. Es triggert mich nicht und hat es auch noch nie. Kommen Gäste, dürfen sie selbstverständlich auch was trinken. Allerdings kommen keine Säufer wie ich mal einer war, sondern Wenigtrinker.


    Es gibt bei uns kein Bier oder Schnaps. Das übrige Zeug war nicht meins und ich stufe es nicht als für gefährlich für mich ein.

    Den Respekt vor dem Alkohol habe ich mir bewahrt. Damit ich es nicht vergesse und meine Erinnerungen nicht verblassen, bin ich hier.

    Ich komme mit meinem Weg prima klar. Sollte ich merken, dass dies nicht mehr der Fall sein sollte, werde ich nachschärfen.


    Ich behaupte nicht, dass dieser moderate Umgang für jedermann hier zielführend ist. Bei anderen kann er womöglich zu Rückfällen führen.

    Es gibt ja noch ein anderes Forum, in dem ich ebenfalls registriert bin. Dort schlägt mir für meinen o.a. Kurs glatte Ablehnung und Entsetzen entgegen. Dort steht der Faktor Angst vor dem Rückfall viel stärker im Fokus. Aber ich bin ich. Ich weiß, was ich vor mir und vor anderen verantworten kann. Ich habe keine Angst und lasse mir auch keine einjagen.

  • Rekonvaleszent das hört sich für mich stimmig bei dir an.

    Vor allem entspannt und trotzdem sicher. Du hörst dich keineswegs leichtsinnig an.

    Und das es funktioniert, zeigen ja die 10 Jahre.

    Ich habe inzwischen auch keine Angst mehr vor einem Rückfall, Risiken fordere ich aber nicht heraus.

  • Die Formulierung "ich will den Alkohol nicht mehr" ist deutlich besser für mich als Alkoholiker, denn das bedeutet auch "ich habe das selbst in der Hand".

    Diese Formulierung „ich will den Alkohol nicht mehr“ ist schon seit geraumer Zeit das, was ich tatsächlich empfinde.

    Ich habe keine Angst vor einem Rückfall und lebe ebenfalls nicht mehr nach dem Prinzip der ständigen Risikominimierung.

    In meiner Anfangszeit habe ich diese gebraucht, weil Konfrontation mich überfordert hätte. Knapp drei Jahrzehnte meines Lebens gehörte Alkohol zu meinem Leben dazu, war für mich so selbstverständlich, wie das in unserer Gesellschaft allgemein vorgelebt wird. Im Grunde musste ich die positiven Seiten eines abstinenten Lebens erst kennenlernen und lernen, wie ich das, was ich mir vom Alkohol versprochen hatte, aus eigener Kraft erreiche.

    Für mich war das übrigens die Aussicht, dass, wie es mir von meinen Gesprächspartnern hier vor fünf Jahren authentisch rüberkam, ein abstinentes Leben seine positiven Seiten hat, die mir Mut machte, das ebenfalls erreichen zu können. - Und ich kann sagen, dass ich‘s tatsächlich erreicht habe. -


    Wenn mir heute jemand Alkohol anbietet, lehne ich einfach ab: „Nein, Danke, ich trinke keinen Alkohol, ich nehme aber gerne ein Wasser (oder wenn ich da gerade Lust drauf habe: Apfelschorle, Cola, Bitter Lemon).“

    Ich formuliere das so, weil ich Alkohol tatsächlich nicht mehr will. Mir geht‘s diesbezüglich, als wäre ich von einer Gehirnwäsche befreit.

    Wenn ich ein alkoholisches Getränk ablehne, spielt für mich überhaupt keine Rolle, dass ich ein Alkoholproblem hatte und deswegen nicht wieder Alkohol konsumieren sollte.


    Eine spannende Frage dazu: Warum ziehst Du, auch nur theoretisch, in Betracht, einen Rückfall zu haben? Warum kannst Du es nicht ausschließen?

    Ich bin generell auch ein Mensch für Strategien und einen Plan B, das finde ich im Leben immer wichtig. Aber beim Thema Alkohol lässt mein Mindset es gar nicht zu, darüber nachzudenken, was passieren könnte. Für mich fühlt sich das so an: Alleine die theoretische Auseinandersetzung mit dem Gedanken (und dem Plan für den Notfall) hält in meinem Kopf einen Funken wach. Einen Funken, der eher dafür sorgt, dass wieder ein Brand ausbrechen könnte, weil die Option ‚Scheitern‘ ja existiert und abgesichert ist.

    Ich kann mir derzeit überhaupt nicht vorstellen, jemals wieder Alkohol zu konsumieren und einen Rückfall zu haben, aber ich selbst schließe die Möglichkeit, dass irgendetwas in meinem Leben eintreten könnte, auf das ich quasi nicht vorbereitet, sondern vollkommen überfordert bin, nicht kategorisch aus. Ich hab‘s ja selbst in meinem Leben schon erlebt, was für unangenehme, einen völlig überfordernde Wendungen das Leben so nehmen kann.

    Dass ich die Möglichkeit nicht kategorisch ausschließe, bedeutet nicht, dass für mich die Option „Scheitern“ existiert und abgesichert ist, im Gegenteil geht es für mich darum, die Möglichkeit von unerwarteten Wendungen einzukalkulieren und, sofern sie eintreten, eine innere Haltung zu haben, mit diesen umgehen zu können.


    Ein Beispiel:

    Meine Mutter wurde für sie und uns völlig unerwartet aus ihrem normalen und gewohnten Leben und Alltag gerissen, als sie einen Schlaganfall erlitt, der sie linksseitig vollkommen lähmte.

    Sie konnte nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren, sondern musste direkt vom Krankenhaus in ein Pflegeheim umziehen. Für meine Mutter und für uns eine kaum erträgliche Situation. Sie war, weil sie gelähmt war, ständig auf andere angewiesen, musste um alles Mögliche bitten. …. Und teilweise lange warten, bis das Pflegepersonal wieder Zeit für sie hatte.

    Vier Jahre dauerte ihr Leben dann noch und meine Mutter war die meiste Zeit sehr unglücklich.

    Ab und zu bekam sie, die in jungen Jahren alkohol- und tablettenabhängig gewesen war und den Absprung Mitte 20 geschafft hatte, anlässlich dieser oder jener Feier vom Pflegepersonal ein Glas Sekt und trank es auch. Wie das Pflegepersonal meinte, wurde sie dann fröhlich und gesellig.

    Nein, sie wurde nicht rückfällig, sie wäre ja auch nicht in der Lage gewesen, sich selbst Alkohol zu verschaffen.

    Ich selbst habe mich während dieser Zeit und auch in den letzten Jahren immer wieder gefragt, wie ich damit umgehen könnte, wenn ich in eine solche Lage käme. Und deshalb arbeite ich an meiner inneren Haltung und pflege diverse Interessen, um möglichst auch eine solche Lage bewältigen zu können, ohne zu verzweifeln.


    Mich persönlich beunruhigt die theoretische Auseinandersetzung nicht und ich bin deswegen auch nicht ständig wachsam oder passe ständig auf.

    Vergleichbar ist das, was ich empfinde, vielleicht mit einem geübten Auto- oder Motorradfahrer: Ich fahre ganz entspannt und souverän (durchaus auch mal 200 km/h), hab dabei aber die Fahrbahn (insbesondere für Motorradfahrer seeeeehr wichtig) und meine Umgebung im Blick.

    Ist die Fahrbahn oder sind die Sicht- und Verkehrsverhältnisse schlecht, passe ich mein Tempo und meine Fahrweise an. Kommt von der Seite oder von vorne unerwartet ein Hindernis auf mich zugerast, weiß ich zumindest recht genau, was ich tun sollte.


    AmSee

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Eine spannende Frage dazu: Warum ziehst Du, auch nur theoretisch, in Betracht, einen Rückfall zu haben? Warum kannst Du es nicht ausschließen?

    Ich bin generell auch ein Mensch für Strategien und einen Plan B, das finde ich im Leben immer wichtig. Aber beim Thema Alkohol lässt mein Mindset es gar nicht zu, darüber nachzudenken, was passieren könnte. Für mich fühlt sich das so an: Alleine die theoretische Auseinandersetzung mit dem Gedanken (und dem Plan für den Notfall) hält in meinem Kopf einen Funken wach. Einen Funken, der eher dafür sorgt, dass wieder ein Brand ausbrechen könnte, weil die Option ‚Scheitern‘ ja existiert und abgesichert ist.

    Das finde ich sehr interessant, denn ich befinde mich gerade an einem weiteren Abschnitt meiner Abstinenz. Und was du schreibst, ist das wo ich hin möchte. Ich verbinde das mit weiterem Abnabeln vom Alkohol und dem Gewinn von mehr Freiheit und Leichtigkeit.

    Ich formuliere das so, weil ich Alkohol tatsächlich nicht mehr will. Mir geht‘s diesbezüglich, als wäre ich von einer Gehirnwäsche befreit.

    Genau, das muss sich doch anfühlen wie los gelöst und wirklich frei von Alkohol. Das ist so der Inbegriff für mich, mich wirklich rundum trocken und von Alkohol befreit zu fühlen. Auf diesem Weg bin ich nun die ersten Schritte gegangen und möchte mein Ziel irgendwann erreichen. Zeit spiel da jetzt keine Rolle für mich, aber ich will das unbedingt erreichen.

  • die Angst vor dem nächsten Rückfall ist etwas, das wohl jeder von uns kennt. ... "ich habe das selbst in der Hand".

    Ich habe es selbst in der Hand!

    Allein mit diesem Bewusstsein, kann ich doch einen Rückfall ausschließen.

    Keine fremdem Mächte bestimmen mein Handeln, keine imaginär flüstenden Flaschen, Gläser versuchen mich zu überreden, auch muss ich nicht trinken, weil ich am Verdursten bin.

    Kein Verkehrsteilnehmer nötigt mich, auch werde ich nicht sofort sterben, wenn ich nichts trinke ... warum will das keiner begreifen ... dass es so einfach ist?

  • Diese Formulierung „ich will den Alkohol nicht mehr“ ist schon seit geraumer Zeit das, was ich tatsächlich empfinde.

    Ich habe in meinem ersten Jahr mehrfach von 3 Stadien der Abstinenz gelesen:

    1. Ich kann nicht mehr trinken (als Verbot).

    2. Ich will nicht mehr trinken.

    3. Ich brauche nicht mehr trinken.

    Das kann ich so für mich bestätigen. Ich bin längst in Stufe 3 angekommen, so vielleicht im dritten oder vierten Jahr, es könnte auch etwas früher gewesen sein.

  • Ich habe in meinem ersten Jahr mehrfach von 3 Stadien der Abstinenz gelesen:

    1. Ich kann nicht mehr trinken (als Verbot).

    2. Ich will nicht mehr trinken.

    3. Ich brauche nicht mehr trinken.

    Das kann ich so für mich bestätigen. Ich bin längst in Stufe 3 angekommen, so vielleicht im dritten oder vierten Jahr, es könnte auch etwas früher gewesen sein.

    Das hört sich irgendwie realistisch an. Werde mir das mal in meinen Thread holen. 😊👍

  • 1. Ich kann nicht mehr trinken (als Verbot).

    2. Ich will nicht mehr trinken.

    3. Ich brauche nicht mehr trinken.

    Bei mir war es etwas anders: ich brauche nicht mehr trinken, Alkohol, denn nötig (notwendig) war er ja nie, ich wollte nicht mehr trinken das war mein Ziel, damit erübrigte sich Punkt 1 und 3 sowieso ... folgte man der Vernunft/Logik.

    Auch das "Suchtgedächnis" hinterfragte ich akribisch: war es das Erinnerungsvermögen des Körpers ... einmal daran gewöhnt und nun resilient für eine bestimmte Menge, ähnlich der Resilienz nach einer Impfung oder war es das, was ich mir immer wieder einredete bzw. mir eingeredet wurde: die Angst vor dem "berühmten Rückfall", der immer und überall lauert bzw. lauern könnte, ähnlich einer unberechenbaren Gefahr, die Macht des Bösen ^^ , also das was einem im Kopf 'rumgeht, ähnlich einem Phobiker, der auch immer fürchtet, dass, was auch immer, passieren könnte und die pure Furcht, sich dann ... zwangsläufig, ähnlich der selbsterfüllenden Prophezeiung, auch erfüllt.

    Ich entschied mich für Ersteres, den Gewöhnungseffekt. Als aufmerksamer Student der Biologie und Verhaltensforschung lernte ich einiges von I. P. Pawlow, D. Attenborough und div. Anderen ... war es wirklich so einfach, sich einmal antrainiertes Verhalten wieder abzutrainieren? War es wirklich nur eine Frage der Zeit, der Kontinuität? Auch des Glaubens, bei Menschen?

  • Ich entschied mich für Ersteres, den Gewöhnungseffekt. Als aufmerksamer Student der Biologie und Verhaltensforschung lernte ich einiges von I. P. Pawlow, D. Attenborough und div. Anderen ... war es wirklich so einfach, sich einmal antrainiertes Verhalten wieder abzutrainieren? War es wirklich nur eine Frage der Zeit, der Kontinuität? Auch des Glaubens, bei Menschen?


    Sich erlerntes Verhalten abzutrainieren ist möglich, keine Frage. Nur, eine tückische Sache bleibt: Das sogenannte Suchtgedächtnis.

    An vielen Stellen wird dieses immer wieder beschworen und zitiert – oft als Totschlagargument und als gigantischer Schatten, der lebenslang über einem hängt. Ein bisschen kann ich das nachvollziehen, und zwar aus eigener Erfahrung. Nach sechs Jahren rauchfrei kam ich bescheuerterweise auf die Idee, mir auf einer Party eine Zigarette anzumachen. Leicht angetrunken hielt ich das für eine gute Idee.

    Was innerhalb von Sekunden passierte, war pures Synapsenfeuerwerk. Es war Silvester im Kopf und das Rauchgedächtnis war von jetzt auf gleich wieder da, als wäre ich nie weg gewesen. Ich hatte damals beim Rauchstopp wirklich alles getan, um mein Verhalten zu ändern. Aber: Die biochemische Autobahn war sofort wieder offen.

    Von daher: Ja, man kann die neuronalen Vernetzungen im Gehirn im wahrsten Sinne ‚trockenlegen‘ oder ‚verbuddeln‘. ABER: Die Vernetzungen bleiben bestehen, und es gibt individuelle Trigger, die sie reaktivieren können.

    Muss man deswegen sein Leben lang Angst haben? Nein, auf keinen Fall. Ich bin mir sicher: Eine versehentliche Praline oder Hustensaft schickt dich nicht katapultartig zurück in die Sucht. Man muss sich diesem Dogma der ‚lebenslangen Gefährdung‘ (Angst) nicht unterwerfen. Man muss stattdessen eines tun: Sich klar dafür entscheiden, alkoholfrei zu leben.

    Ein Freund von mir, 25, Sportstudent, hat in seinem Leben noch NIE Cola getrunken. Er hat einfach keinen Bock drauf. Und so halte ich das auch. Nicht, weil ich es mir verbiete, sondern weil es schlichtweg nicht mein Lifestyle ist.

    Tief in mir drinnen habe ich aber noch die Bilder, wie schlecht es mir ging. Ein Foto auf meinem Handy ist besonders prägnant: Ich stehe neben einer Freundin (Schauspielerin), sie strahlt voller Leben. Und ich sehe nur meine Augen, dieses Gesicht, diese Körperhaltung. Mann, sehe ich da abgrundtief scheiße aus. Am Tag drauf habe ich mein Leben auf links gedreht. Das ist mein Schild. Ich will nicht mehr so aussehen und vor allem: Ich will mich nicht mehr so fühlen.

    Eines ist zementiert in meiner Rübe: Egal, was das Leben mir vor die Füße wirft – ich kann das nur bewerkstelligen mit klarem Kopf. Genuss und die Liebe für das Leben gehen nur mit klarem Kopf.

    Von daher: Ein Nein zum Alkohol ist ein Ja zu mir selbst. So blöde das klingt: Ich habe Bock auf mich. Ich habe gelernt, dass ich wirken kann. Dass ich wertvoll bin, dass ich gestalten kann. Das war viel Arbeit, aber dadurch habe ich gelernt, mich selber zu respektieren und ja, mich selber zu lieben. Und diese Selbstliebe gibt Halt und Stabilität. Selbstwirksamkeit ist der viel bessere Motivator als bloße Akzeptanz.

    Akzeptanz heißt oft: Bewegungslos sein. Abwarten. „Lieber Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich eh nicht ändern kann.“

    Jetzt mal Butter bei die Fische: Was für ein depressiver Satz. Wer sich diesen Satz in die Küche hängt, hat doch innerlich schon kapituliert. Es mag Dinge im Leben geben, die man nicht ändern kann. Das stimmt. ABER: Wie ich mit den Dingen umgehe, das habe ich selber in der Hand.

    Deswegen lautet mein Mantra anders. Nicht um Gelassenheit betteln, sondern Gestaltung zeigen:

    Zitat

    Gib mir nicht die Gelassenheit, Dinge zu ertragen. Gib mir den Mut und die Kraft, das Unänderbare anzunehmen. Ich bin nicht das Opfer der Umstände, ich bin der Gestalter meiner Antwort.


    Viktor Frankl: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.

  • Hallo Kogge

    In deinen Worten finde ich mich wieder. Auch ich habe Fotos von mir, auf welchen ich ausstrahle, was ich nie werden wollte. Als regelmäßiger AA-Gänger hat mich dein abgewandelter Spruch angesprungen. Gott oder diese ominöse "höhere Macht" ist für mich kein annehmbares Konzept - aber das ist ein anderes Thema. Die eine Gruppe, die ich nach Möglichkeit besuche, hat den Spruch folgendermaßen abgewandelt:

    "Ich wünsche mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine von dem andern zu unterscheiden"

    Die Kraft der Worte. Ich finde es eine gute Sache, solche Sprüche oder Mantras für sich persönlich umzuformulieren, so dass es auch wirklich stimmig ist. "Unänderbar" wäre für mich negativ behaftet - egal in welchem Kontext. So ticken wir alle unterschiedlich, was ok ist.

    In diesem Sinne

    Schönes Wochenende

  • "Unänderbar" wäre für mich negativ behaftet - egal in welchem Kontext. So ticken wir alle unterschiedlich, was ok ist.

    Ich habe lange mit dem Wort ‚unänderbar‘ gerungen. Mir war es aber wichtig, das Wort so drastisch und unverrückbar zu nehmen und nicht weichzukochen. Gerade WEIL es negativ behaftet ist.

    Der Hintergrund ist ernst: 2019 haben wir in unserer Familie einen unänderbaren Schicksalsschlag hinnehmen müssen, kurz darauf noch einen, der uns bis heute begleitet. Ostern 2025 schlug das Leben noch einmal unverhandelbar zu. Da half kein Hadern. Das Leben hatte uns am Kanthaken und wir konnten dem Unvermeidlichen nicht entkommen.

    Was ich aber machen konnte, war der Umgang mit diesen extremen Umständen. Meine Lehren hatte ich aus 2019 mit dem Doppelschlag gezogen. Und ich fühlte mich 2025 deutlich stabiler, ja, fast souverän, im Vergleich zu den anderen Erlebnissen.

    Das liegt vermutlich aber auch an meiner Demut. Ich stelle mich nach außen oder in meinen Texten zwar oft hochmotivierend dar, als könnte mich nichts mehr erschüttern. Aber tief drinnen bin ich sehr demütig und dankbar für gute Zeiten – gerade weil ich weiß, dass diese endlich sind. Dass einem das Leben eine große Herausforderung vor die Füße wirft, ist nicht die Frage des ‚Ob‘, sondern des ‚Wann‘.

    Von daher sehe ich die guten Zeiten – in der Hoffnung, sie mögen lange bleiben – als Ladezyklus für die schlechten Zeiten. Ich bin wirklich dankbar für jeden Tag, an dem ich morgens in den Spiegel blicke und mir sagen kann: Es geht mir gut. Diese Demut wiederum sorgt hoffentlich für eine Resilienz, wenn wieder eine Prüfung kommt (auf die ich gut und gerne verzichten kann).

    Du hast vollkommen recht: Jeder muss das Mantra oder die Einstellung für sich selber prüfen, etablieren und verinnerlichen.

    Ich habe da für mich einen augenscheinlich sehr technischen Ansatz entwickelt, der dafür sorgt, dass ich mich immer selber kalibrieren kann. Und zwar ohne Ausreden. Viele Mantras, Sinnsprüche und Zitate sind emotional unterfüttert oder lassen sich, je nach Stimmungslage, weich auslegen. Die Antwort, die man sich selber gibt, ist dabei meistens ebenfalls emotional gefärbt (und damit oft manipulierbar).

    Das habe ich ausgekontert. In meinem Abfragesystem gibt es KEINE emotionale Antwort. Es gibt nur Ja oder Nein – und darauf basierend eine Handlung. Diese ‚Ja/Nein/Handlung‘-Abfrage ist abgesichert mit prägnaten Regeln, sodass man sich nicht selber täuschen kann. Das nimmt der ‚Suchtstimme‘ oder dem ‚Schweinehund‘ die Möglichkeit zu diskutieren.

    Was in meiner Ausführung extrem technisch klingt (was es im Kern auch ist), lässt sich aber wunderbar didaktisch aufsetzen und für kleine oder große Entscheidungen nutzen.

    Kritiker würden sagen, dieses System der ‚radikalen Selbsterkenntnis‘ wäre zu brutal, zu mechanisch, vielleicht sogar entmenschlichend. Ein System für ‚gnadenlose, kalte Selbstoptimierer‘. Ich würde entgegnen: Viele Systeme der Lebensführung sind zu weich, zu interpretativ und bieten oft nur softe Lösungswege an, die im Ernstfall einknicken.

    Das ist ein spannendes Thema. Aktuell arbeite ich diese Selbstführung für mich wissenschaftlich auf und stelle fest: Das, was ich intrinsisch gelebt habe, dockt an viele psychologisch fundierte Methoden an und vereint sie oft. Bei Interesse schreibe ich gerne mal eine Zusammenfassung über das System.

    Ironischerweise ist der grundlegende Impuls für dieses strikte Selbstcoaching ausgerechnet an einem bierlaunigen Abend entstanden. Wir haben damals die Frage diskutiert: ‚Wo und wann bin ich eigentlich selber das Problem? Und was kann ich tun, um das Problem zu lösen? Eigentlich muss man sich doch nur an die eigene Nase fassen.‘

    Genau diesen Kern habe ich dann genommen und systematisch ausgearbeitet. Ich habe die bierselige Idee quasi nüchtern professionalisiert – und bin dann endlich ins Handeln gekommen. Es gab schlichtweg keine Ausreden mehr vor mir selbst.

    Was als Antwort blieb, war die Wahl zwischen Selbstbetrug oder Handlung. 1 oder 0. Ja oder Nein. Unveränderbar.

    Denn darauf folgt normalerweise der ‚Faktor Mensch‘, der sagt: ‚Boah... puhh, ja, hast ja recht... ABER...‘ Der Januar, der Monat der Vorsätze, ist ja das perfekte Beispiel für die Lücke zwischen Erkenntnis und Selbstaufgabe. Deswegen: Ein bisschen pure, ‚entmenschlichende‘ Logik ist manchmal genau der richtige Arschtritt. ;)

  • Hallo Kogge ,

    bis zu deinen Ausführungen zum Begriff „Gelassenheit“ finde ich meine Ansichten in deinem Beitrag wieder. Ich drücke mich zwar etwas anders aus, aber im Kern ist es das, was ich zusammen mit anderen hier in unserem Artikel Was uns hilft, nicht mehr zu trinken? - Bewusst nüchtern leben: Chance, Freiheit, Fundament, Gewinn zum Ausdruck bringen wollte.

    Das sogenannte „Suchtgedächtnis“, das ich andernorts als Totschlagargument empfunden habe, oder, wie du das beschreibst, als „gigantischer Schatten, der lebenslang über einem hängt“, hat mich sehr beschäftigt, weil ich begreifen oder zumindest nachvollziehen wollte, was das ist bzw. was dahinter stecken könnte. Das, was ich diesbezüglich gefunden habe und mir persönlich aufgrund eigener Erfahrungen einleuchtete, habe ich hier und dort und eben auch in jenem Artikel zu vermitteln versucht.


    Ich selbst habe ebenfalls keine Angst vor dem sogenannten Suchtgedächtnis. Ich bemühe mich auch darum, das nicht als Totschlagargument zu verwenden, gerade ich selbst mit dieser Art der Diskussion meine Schwierigkeiten hatte.

    Ich selbst versuche lediglich, wenn ich darüber spreche, für das zu sensibilisieren, wie du das beschreibst: „Ja, man kann die neuronalen Vernetzungen im Gehirn im wahrsten Sinne ‚trockenlegen‘ oder ‚verbuddeln‘. ABER: Die Vernetzungen bleiben bestehen, und es gibt individuelle Trigger, die sie reaktivieren können.“


    Nach allem, was ich zu unserer Thematik in Erfahrung bringen konnte und was sich für mich in eigenen Erfahrungen und Erfahrungen anderer Selbstbetroffener, von denen ich gelesen habe, bestätigt hat, ist eine einmal getroffene Entscheidung für die Abstinenz kein Selbstläufer, sondern offenbar eine Entscheidung, die immer wieder bewusst getroffen werden muss.


    Ich empfinde das auch so, wie du das beschreibst: Ein Nein zum Alkohol ist ein Ja zu mir selbst. Deswegen gefällt mir und lebe ich die Formulierung „Ich will keinen Alkohol trinken.“ Für mich steckt da noch mehr dahinter als in der Formulierung „Ich brauche keinen Alkohol zu trinken.“, was ich ebenfalls schon seit geraumer Zeit so empfinde.

    Und trotzdem schlich sich letztens, während wir zu einer Freundin fuhren, die dem Sekt nicht abgeneigt ist, ganz kurz der Gedanke in meinen Kopf, wie angenehm das doch wäre, ein Glas Sekt mit ihr zu trinken. - Das entspricht überhaupt nicht meinem gegenwärtigen Empfinden gegenüber Sekt und sonstigen Alkoholika und ich bin auch weit weg davon, einen solchen Gedanken umzusetzen. Bemerkenswert ist für mich daran Folgendes: Der Gedanke und das damit verbundene Empfinden war, das spürte ich, etwas Altes, eine ehemalige Vernetzung in meinem Kopf, die offenbar trotz allem noch immer da ist.


    Bezüglich des Begriffs „Gelassenheit“, den du als „Bewegungslos sein. Abwarten“ interpretierst - Bist du da Menschen begegnet, die das tatsächlich so leben oder zumindest so vermitteln? 🤔 - so beinhaltet dieser Begriff für mich tatsächlich den Mut und die Kraft zu haben, das, was ich beim besten Willen nicht verändern kann, hinnehmen oder annehmen zu können.

    Letzteres konnte ich den größten Teil meines Lebens nicht, ich hab immer nach Lösungen oder Auswegen gesucht. Eine für mich unveränderliche Situation auszusitzen oder zu ertragen, brachte mich oft in emotionale Not und führte zu enormer psychischer und physischer Anspannung. - Ich vermute, weil ich als Kind und Jugendliche so oft dazu gezwungen war und sehr darunter gelitten habe.

    Gelassenheit im Sinne von Mut und Kraft, das, was ich beim besten Willen nicht verändern kann, hinnehmen oder annehmen zu können, habe ich erst in den vergangenen Jahren kennengelernt. Seither gerate ich nur noch selten in emotionale Not.

    Du sprichst in deinem Folgebeitrag von Demut. Auch diese schwingt für mich in dem Begriff Gelassenheit, wie ich selbst sie empfinde, mit.


    Das, woraus ich selbst so etwas wie Resilienz erreicht bzw. sie gefunden habe, entspringt bei mir tatsächlich der ausgewogenen Kombination aus allen drei Begriffen des sogenannten Gelassensheitsgebets: Gelassenheit, Mut und Weisheit zwischen „ich kann Dinge verändern und ich kann Dinge nicht ändern“ zu unterscheiden.


    AmSee

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Bezüglich des Begriffs „Gelassenheit“, den du als „Bewegungslos sein. Abwarten“ interpretierst - Bist du da Menschen begegnet, die das tatsächlich so leben oder zumindest so vermitteln? 🤔 - so beinhaltet dieser Begriff für mich tatsächlich den Mut und die Kraft zu haben, das, was ich beim besten Willen nicht verändern kann, hinnehmen oder annehmen zu können.

    Zu deiner Frage, ob ich Menschen begegne, die ‚Gelassenheit‘ als passives Abwarten missverstehen: Täglich. Die Menschen sind überall, das ist ein großes gesellschaftliches Thema. Jeder, der nur klagt, motzt und meckert, statt zu handeln, befindet sich genau in dieser Rolle.

    Aber wir müssen natürlich differenzieren. Du hast völlig recht: Es gibt Ereignisse, die kann man nur ‚abwettern‘. Die sind so prägnant und einschneidend, da bringt einem Hurra-Patriotismus wenig bis gar nichts.

    Ich weiß leider genau, wovon ich spreche. Wir waren damals dazu verdammt, zuzusehen, wie ein liebes Familienmitglied binnen kürzester Zeit sterben musste. Auf eine extrem brutale Weise. Es war ALS – aber nicht der langsame Verlauf wie bei Stephen Hawking, sondern eine aggressive Form, die binnen sechs Monaten zum Tode führte. Und auch das war am Ende nur mit großzügiger palliativer Unterstützung erträglich – um es vorsichtig auszudrücken. Wer meine Texte hier gelesen hat, erkennt vielleicht die Parallele oder das Déjà-vu, das ich durchmachen musste.

    In diesem Augenblick wäre die wahre Stärke vermutlich die des ‚Annehmens‘ und ‚Aushaltens‘ gewesen. Ich für meinen Teil habe damals aber das Gegenteil getan: Ich habe noch stärker an meiner Abwärtsspirale gedreht. Ich war schockiert, innerlich bewegungslos und bin tiefer in mein ‚Rabbit Hole‘ gekrochen, statt die Situation anzunehmen. Dann kam das Leben nur drei Wochen später und verpasste uns die nächste Watsche. Dann kam Corona. Und wie bei vielen anderen ist es dann bei mir voll aus dem Ruder gelaufen.

    Erst später, als ich anfing nachzudenken und den Nebel zu lichten, kam die Erkenntnis. Durch den Prozess, den ich durchlaufen habe – und mit der emotionalen Klarheit, die mir anfangs sogar zu schaffen machte, weil ich sie nicht gewohnt war –, habe ich verstanden, wie mächtig Selbstführung sein kann.

    Und daraus resultiert meine heutige, vielleicht etwas harte Ansicht: Ich glaube, dass man vieles eben nicht einfach nur ‚hinnehmen‘ muss. Selbst in der Ohnmacht gibt es oft noch einen winzigen, aber entscheidenden Gestaltungsspielraum: Nämlich wie ich mich dazu verhalte. Ich konnte den Tod nicht verhindern (unveränderbar). Aber ich hätte verhindern können, mich selbst dabei zu verlieren (veränderbar).

    Es liegt leider in der Natur des Menschen, lieber zu verharren und zu sagen ‚Da kann man nichts machen‘ (Opferrolle), als diesen oft schmerzhaften Gestaltungsspielraum zu nutzen und in die Handlung zu kommen. Deswegen bin ich bei dem Begriff ‚Gelassenheit‘ so vorsichtig – er wird zu oft als Alibi für Passivität genutzt. Aber so, wie du ihn beschreibst – als Mut, das Unausweichliche zu tragen – gehe ich zu 100 % mit.

  • Zu deiner Frage, ob ich Menschen begegne, die ‚Gelassenheit‘ als passives Abwarten missverstehen: Täglich. Die Menschen sind überall, das ist ein großes gesellschaftliches Thema. Jeder, der nur klagt, motzt und meckert, statt zu handeln, befindet sich genau in dieser Rolle.

    🤔 Für mich hat das herzlich wenig mit ‚Gelassenheit‘ zu tun, eher etwas mit Ignoranz, Opferrolle, Fatalismus, Leugnung eigener Verantwortung und was sich da noch für passendere Begrifflichkeiten findet. - Mein Kopf ist zur Zeit zu müde, deshalb liefert er mir kaum treffende Begriffe. -


    Ich kann deinen Ausführungen aber gut folgen, manches davon ist mir selbst wohlvertraut, auch wenn mir anderes widerfahren ist als dir und deiner Familie.

    Ich habe mich den Ereignissen, die mir und meiner Familie widerfahren sind, immer wieder zu stellen versucht, denn mein überaus ausgeprägtes Verantwortungsgefühl ließ nichts anderes zu. Mein Körper und meine Psyche haben die Überforderung nicht gut verkraftet, sondern alle möglichen Symptome für Überforderung angezeigt. Von Gelassenheit war ich da Welten entfernt.


    Erst im Nachhinein, als mir durch professionelle Hilfe ganz andere Möglichkeiten der Bewältigung zur Verfügung standen, begriff ich, wie ich selbstfürsorgerlicher (du würdest es wohl ‚selbstführend‘ nennen) hätte handeln können. Gewiss hätte ich an der Erkrankung nichts ändern können und auch den Tod nicht aufhalten können, aber ich hätte mich meinen Gefühlen besser stellen können, ich hätte damit so umgehen können, wie ich es gebraucht hätte.


    Gelassenheit hat für mich nichts mit Passivität zu tun. Gelassenheit hilft mir heute, mich nicht dort zu verausgaben, wo ich nichts ändern kann, sondern mich stattdessen auf meinen Gestaltungsspielraum zu besinnen. Es erfordert manchmal Mut und Kraft, sich den eigenen Gefühlen und der eigenen Ohnmacht zu stellen, so jedenfalls erlebe ich das bisweilen, auch heute noch.

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • "Der Rückfall gehört dazu."

    Was suggeriert dieser Satz?

    Alles nicht so schlimm, kann ja mal passieren? Ähnlich einem kleinen Kind: hingefallen, macht nichts, aufstehen und weiter machen?

    Gehört zum Schwimmen, Ertrinken auch dazu, zum Dschungelbesuch die Malariainfektion, beim über Glatteis laufen/fahren, der Genickbruch?

    Wissen Menschen was im Körper passiert, bei regelmäßigen Alkoholkonsum - wirklich? D.h. haben sie es begriffen und gehen bewusst dieses Risiko ein?

    In Kliniken u.ä. Einrichtungen hört man nicht selten diesen o.g., beschwichtigenden Satz.

    Lässt er die Menschen fahrlässiger werden? Zugegebenermaßen, sollte man ganz frisch Abstinente, nicht noch zusätzlich stressen.

    Doch dieser Satz, trägt er wirklich zur Entspannung bei oder verharmlost er?

    Viele werden oft oder immer wieder rückfällig, doch gehört es dann dazu? Ist es deshalb normal? Auch die Formulierung Suchtdruck, wird hin und wieder sehr fahrlässig benutzt ... ist das wirklich "gottgegeben", dem man willenlos ausgesetzt ist ... genetisch bedingt, vielleicht auch noch?

    Führe ich mir eine bewusstseins-/neurotransmitterverändernde Substanz zu, ein Gift, dessen Dosis auch massgeblich entscheidend ist, über die Wirkung (Schaden an den Zellen), gehört es selbstverständlich dazu, dass man eben wieder ... denn das Zeug verliert ja nicht seine Wirkung. Gut, der Körper braucht mehr, da er eine höhere Toleranz entwickelte, doch bleiben die Vergiftungserscheinungen.

    Macht man also immer wieder den gleichen Fehler ... vergiftet sich - gehört das wohl dazu!

    Ist man selbst nicht in der Lage dazu, dieses zu begreifen und dementsprechend zu handeln, wird "der" Rückfall wohl ein ständiger Begleiter bleiben bzw. die Furcht davor.

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