• Oft, fast überall lese ich, Alkoholismus sei eine Kankheit, eine chronische. Chronisch: bedeutet langanhaltend, nicht vollständig heilbar und oft sei eine wiederholte Behandlung nötig .

    Nun meine Frage: ist das so? Immer? Ist diese "Krankheit" organisch bedingt, also hat sie eine reale Ursache, wie einen Virus, Bakterium oder eine unerklärliche Zellwucherung (weil die DNA an dieser Stelle mutierte)?

    Oder nähre ich diese Sucht, weil ich es mir immer wieder einrede, sie durch meine Gedanken am Leben erhalte?

    Jeder oder sehr viele, hatten es am Anfang der Abstinenz recht schwer (auch ich!), alles triggerte, alles erinnerte, es war fast unmöglich sich vom Gedanken an Alkohol zu lösen ... der Suff in den Alkoholregalen im Supermarkt, trinkende Menschen auf Feiern oder schlimmstenfalls täglich zu Haus, selbst im Fernsehen, Werbung u.v.a.m. = alles erinnerte mich an die vermeindlich schöne, gute alte Zeit der Unbeschwertheit, der Freude, der Entspannung = das befeuerte den Verzichtsgedanken, auch dass ich nun ausgeschlossen sei, aus diesem "Fest der Freude und Entspannung".

    Ist das nicht die eigentliche, chronische Erkrankung, dass wir diese Gedanken ständig am Leben erhalten?

    Wohlwissend, das Alkokolkonsum genau das Gegenteil von Entspannung bewirkt, dass es einen enormen Arbeitsaufwand für den Körper, für alle Zellen bedeutet (sogar Mega-Stress), dieses Gift Ethanol abzubauen. Dass der Körper auf Hochleistung arbeiten muss, um diesen Stoff umzuwandeln, erst in einen viel giftigeren Stoff (Acetaldehyd, weches dann zu Acetat werden kann, um überhaupt den Körper verlassen zu können, bevor das theoretisch nicht abgebaute Ethanol die Zellen völlig konserviert, also tötet).

    Nur weil der Körper so clever ist bzw. das Ethanol uns und sämtliche Rezeptoren, so nach und nach betäubt, wir es also gar nicht bemerken, was da in einem vorgeht, glauben wir ...

    Am nächsten Tag (Kater), die Rezeptoren (Sinneszellen) sind halbwegs wieder aktiv, werden wir durch Unwohlsein eines besseren belehrt und schwören uns - oft - nie wieder!

    Andere psychotrope Substanzen bewirken ähnliches, doch die nehmen wir ja nicht - komisch! Da wissen wir, die sind schädlich.

    Nur bei Alkohol scheint dieses Wissen irgendwie nicht zu funktionieren - denn alle (fast alle) machen das und haben Freude daran, behaupten es zumindest.

    Was ist also die eigentliche (!) Krankeit? Unsere Unwissenheit, Dummheit, Schwäche, unseren Körper nicht vor Schaden bewahren zu wollen? Ihn vorsätzlich (!) zu vergiften?

    Nach zwei ... drei Wochen Abstinenz, ist der Alkohol gänzlich aus dem Körper raus = Ursache, für eventuelles Unwohlsein beseitigt! Doch in unseren Gedanken ... was passiert da?

  • Klar ist Alkoholismus eine chronische Krankheit und in gewissem Sinne auch nicht wirklich heilbar. Chronisch bedeutet doch, dass "wir" niemals mehr in der Lage sind ein normales Trinkverhalten in unser Leben zu integrieren - egal wie lange wir abstinent sind. Für mich ist diese Erkenntnis der wichtigste Schritt zur akuten "Heilung". Heilung im Sinne von Symptomfreiheit.

    Ich vergleiche das gerne mal mit meiner Autoimmunkrankheit. Diese ist auch nicht heilbar und führt unbehandelt zu schweren Symptomen und am Ende auch zum Tod. Durch die tägliche Einnahme meiner Medikamente kommt die Krankheit zum Stillstand. Bis die letzten Symptome (nach Beginn der medikamentösen Therapie) abklingen dauert es auch Monate. Ich habe durch meine Medikamente eine ähnlich gute Lebenserwartung wie ein gesunder Mensch bei guter Lebensqualität. Die Krankheit ist immer da, ist unheilbar, kann aber behandelt werden. Diese Behandlung ist auch eine Form von akuter Heilung, wenn man den Begriff als Symptomfreiheit versteht.

    Das Weglassen von Alkohol führt ebenfalls dazu, dass Craving und Kontrollverlust abnehmen. Die Suchterkrankung kommt zum Stillstand. Lebensqualität und Lebenserwartung nähern sich einem gesunden Menschen wieder an. Es dauert halt einige Zeit bis die letzten Symptome völlig verschwunden sind.

    Bei der einen chronischen Krankheit muss man was weglassen, bei der anderen etwas ergänzen.

    Andere psychotrope Substanzen bewirken ähnliches, doch die nehmen wir ja nicht - komisch! Da wissen wir, die sind schädlich.

    Ich schon - ich habe ziemlich viel in meiner Jugend konsumiert, es dann aber auf Substanzen reduziert, die meine Alltagstauglichkeit nicht zu sehr beeinträchtigt haben. Ich musste ja meinen Lebensunterhalt bestreiten, was nicht gerade einfach ist, wenn man mit tellergroßen Pupillen am Schalter in der Bank steht.

    Was ist also die eigentliche (!) Krankeit? Unsere Unwissenheit, Dummheit, Schwäche, unseren Körper nicht vor Schaden bewahren zu wollen? Ihn vorsätzlich (!) zu vergiften?

    Das würde man wohl eher als Borderline-Störung bezeichnen. Spontan denke ich da eher an selbstverletzendes Verhalten, wie zB. ritzen.

    Der Alkoholiker benutzt den Rauschzustand, um sich in einen anderen Gefühlszustand zu bringen, nicht um sich aktiv körperlich zu schaden. Genauso wie andere substanzabhängigen Süchte. Spielsucht ist nur insoweit anders, als dass der Rausch durch körpereigene Botenstoffe ausgelöst wird. Oder Sexsucht oder Internetsucht.

    Meine Frage an Dich: bist Du mit Dir im Reinen, was Deine Trockenheit angeht? Haderst Du damit? Und wenn ja, in welchen Situationen? Und wie immer natürlich der Hinweis: Du musst das nicht beantworten.

    Beste Grüße Helga

  • Klar ist Alkoholismus eine chronische Krankheit und in gewissem Sinne auch nicht wirklich heilbar. Chronisch bedeutet doch, dass "wir" niemals mehr in der Lage sind ein normales Trinkverhalten ...

    Was ist denn bitte "normales Trinkverhalten"? Normales Vergiftungsverhalten?

    Eine Art Autoimmunerkrankung? Ich trainierte mir eine gewisse Alkoholtoleranz an, die scheint wohl irreversibel zu sein (Suchtgedächnis = unter einer bestimmten Promillegrenze - keine Wirkung).

    Warum sollte ich meinen Körper vergiften wollen? Weil es so viel Spaß macht?

    Wenn ich mich immer wieder infiziere, wird es chronisch.

    Wenn ich mich mit psychokativen Substanzen in einen anderen Gemütszustand bringen will, dabei aber völlig außer Acht lasse, dass ich meinem Körper schade - ist das dann Vorsatz oder nur fahrlässig?

    Borderline ... Genzline, wenn ich diese (rote) Linie immer wieder überschreite, gewöhne ich mich daran, es wird normal, die Linie verschwindet allmählich. Mache ich das nun bewusst oder unbewusst? Wenn ich etwas nicht weiss, dann wohl unbewusst = da schliddert man einfach so rein, das mag bestimmt bei Kindern oder bei "Menschen, die besondere Aufmerksamkeit bedürfen" gelten. Nun gehören aber nicht alle dieser Gruppe an (ich kann mich irren:rolleyes:).

    "Bin ich mit mir im Reinen?" Was psychotrope Substanzen angeht: ja. Viel zu lange verschloss ich die Augen vor der Realität, alles andere war so schön einfach, gefällig. Das angepasste Mitschwimmen in der Mehrheitsmeinung war so schön bequem, ich musste weder Grenzen ziehen, noch auf sie achten, auch unbequemen Fagen musste ich mich nicht stellen = alles leicht & flockig.

    Erst als bestimmte "Ausfallerscheinungen" auftraten, kippte dieses "leicht & flockig" ... gewaltig! Ich war süchtig, nach der Einfachheit bestimmte Gemütszustände auf unkomplizierte Art zu erlagen bzw. mich dieser mittels Betäubung zu entledigen.

    Nun habe ich diese Sucht nicht mehr. Leicht & flockig war in Wirklichkeit nie etwas, außer mein benebeltes Gehirn.

    Klar, wenn ich wieder trinke, geht der "ganze Spaß" von Neuem los. Doch mit meinem Wissen/Bewusstsein ... warum sollte ich das tun?

    Das Wissen war eigentlich (!) schon immer da, "musste" nur immer wieder der Einfachheit, dem "leicht & flockig" weichen. Alles andere bedeutete ja Arbeit, möglicherweise Konfrontation, Auseinandersetzen. Irgendwann *otzte ich mich selber an und ich entschloss mich.

    Nein, es ist keine Willenstärke, es ist eine Krankheit ...:*

    Einmal editiert, zuletzt von Paul (26. September 2024 um 14:47)

  • Normales Trinkverhalten hat beispielsweise mein Ehemann. Der trinkt vielleicht 4x im Jahr was. Gerne beim Osterfeuer von einem Freund, wo sie bis morgens um 05:00 feiern, fröhlich sind und sich Geschichten von früher erzählen. Dabei haut er sich bestimmt zwei, drei Gin-Tonic rein, vielleicht auch 4 und/oder noch ein Bier. Dann bei der Grillparty im Sommer bei Freunden. Dieses Jahr hat er genau ein halbes Bier getrunken. Jetzt fährt er in den Urlaub mit seinen Jungs und sie trinken möglicherweise am Strand Bier oder Sangria oder was auch immer - vielleicht aber auch nicht. Vielleicht trinkt er im Weihnachtsurlaub mit mir auch was (er trinkt, nicht ich). Na und? Sein Konsum ist weit weg von einem problematischen Verhalten.

    Und selbstverständlich ist jeder Schluck Gift für den Körper. Aber jeder Mensch hat zum einen das Recht sich zu schaden - das ist in unserem Land erlaubt, solange man sich nicht umbringt oder anderen schadet. Und zum anderen ist Alkohol auch ein Glücks- und Spaßverstärker. Ich finde das kann man auch als Alki akzeptieren ohne gleich einen Rückfall zu befürchten. Ich selbst habe sehr viel Spaß mit Alkohol auf Parties gehabt. In vielen Kulturen sind Rauschgifte Teil der Kultur. Egal ob Cannabis, Kratom, Pilze, Ayahuasca, als Möglichkeit vom Alltag zu dissoziieren.

    Ich würde mich hüten einem erwachsenen Menschen eine Binse zu erklären. Das klingt verbittert, neidisch und macht unsympathisch. Nur weil ich unfähig bin mit Rauschsubstanzen umzugehen, muss ich das nicht dem Rest der Welt verbieten.

    my two cents

    Beste Grüße Helga

  • Ich würde mich hüten einem erwachsenen Menschen eine Binse zu erklären. ...

    Nur weil ich unfähig bin mit Rauschsubstanzen umzugehen, muss ich das nicht dem Rest der Welt verbieten.

    Nur scheinbar sind diese Binsen(weisheiten) verloren gegangen. Mit Verboten erreicht man eher das Gegenteil, das hat bestimmt schon der Eine oder Andere bemerkt.

    Viele Menschen können mit Alkohol verantwortungsvoll umgehen - keine Frage, doch ein Siebentlel bis ein Fünftel der deutschen Bevölkerung schafft das eben nicht.

    Woran liegt das? Die sind doch nicht alle doof.

    Argumente wie Glücks- und Spassverstärker, Teil der Kultur u.ä. mögen zwar stimmen, doch muss man sich deshalb gleich an den Ruin herantrinken? So wie ich das tat und viele vor mir? Was lief da verkehrt? Mangelnder Spaß/Glück, Unzufriedenheit Einsamkeit, die man immer wieder zu betäuben versucht? Was Anfangs auch gelingt, bis es dann eben nicht mehr gelingt und das (eigene) Leid den "Spaß" überwiegt?

    Der Grund warum man trinkt ist doch die eigentliche "Krankheit", das Defizit.

  • Argumente wie Glücks- und Spassverstärker, Teil der Kultur u.ä. mögen zwar stimmen, doch muss man sich deshalb gleich an den Ruin herantrinken? (...)


    Der Grund warum man trinkt ist doch die eigentliche "Krankheit", das Defizit.

    "Man" trinkt sich eben nicht an den Ruin. Du hast Dich an den Ruin herangetrunken und andere auch. Viele aber nicht. Viele Menschen können Alkohol in ihr Leben integrieren ohne damit ein Problem zu haben.

    Der Grund warum man trinkt ist nicht zwangsläufig eine Krankheit - Menschen wie mein Mann trinken, weil sie Spaß daran haben und einfach mal aus dem Alltag ausbrechen. Das ist keine Krankheit. Du hast Alkohol missbräuchlich verwendet. Ich auch.

    Was interessiert Dich was andere machen? Für die eigene Zufriedenheit ist wichtig, dass man für sich Klarheit hat und andere Menschen so lässt wie sie sind. Egal, ob Sie sich "an den Ruin" trinken oder ganz normal damit umgehen oder was auch immer. Finde für Dich heraus warum Du gesoffen hast und löse das für Dich.

    Bist Du aktuell zufrieden mit Deinem Leben? Hast Du Sozialkontakte, die Du regelmäßig trifft? Trinken die? Wenn ja, wie?


    Nachtrag:

    Viele Menschen können mit Alkohol verantwortungsvoll umgehen - keine Frage, doch ein Siebentlel bis ein Fünftel der deutschen Bevölkerung schafft das eben nicht.

    Woran liegt das? Die sind doch nicht alle doof.

    Menschen, die Drogen, egal ob Alk oder anderes, missbräuchlich verwenden haben in der Regel keine anderen Strategien erlernt mit Problemen oder seelischen Konflikten umzugehen. Das zu erkennen und Strategien zu entwickeln ist der erste Schritt zur zufriedenen Trockenheit.

    Beste Grüße Helga

  • Ich habe über mehrere Jahrzehnte etwas das ich mal XY nennen möchte, versteckt, nicht wahrnehmen wollte und auch nicht konnte. Gefühlte tausendmal habe ich versucht XY zu entkommen und bin ein ums andere mal gescheitert. Ich kam einfach nicht an die Essenz von XY ran und überspielte mit immer mehr Alkohol mein Leid. Zu realisieren nicht so zu sein wie die ganzen Andern hätte wohl sehr wehgetan.
    Nach meinem kleinen Erwachen, das mich in die Nüchternheit führte gab ich XY, dem Verborgenen, auch öfter mal den Namen Krankheit. Den mit solchen Begriffen konnte ich arbeiten, brauchte nichts mehr zu verniedlichen oder unter den Tisch zu kehren. Dieses XY ist heute eine sehr grosse Stärke in meinem Leben.
    Dem wäre wohl nicht so hätte es nicht den 18. Juni 1968 gegeben. Und für diese Entscheidung des Bundessozialgerichts bin ich sehr dankbar.

    18. Juni 1968 - Bundessozialgericht erkennt Alkoholismus als Krankheit an
    Alkoholsucht ist keine Charakterschwäche, fehlender Wille oder eine Laune. Sie ist
    "eine Krankheit" stellt das Bundessozialgericht in seinem Urteil vom 18. Juni 1968 fest.
    Seitdem bezahlen Krankenkasse oder Rentenversicherungsträger die Therapie. Denn
    wer krank ist, verdient Hilfe.
    wdr.de

  • Was interessiert Dich was andere machen? Für die eigene Zufriedenheit ist wichtig, dass man für sich Klarheit ...

    Diese Vernunft, Zufriedenheit, Klarheit fehlte mir, diese suchte oder betäubte ich mittels Alkohol. Das gewöhnte ich mir an, Alkohol wurde zum Allheilmittel, gegen Kopfschmerz, Einschlafprobleme, unganenehme Gefühle. Anstatt mich damit auseinanderzusetzten, soff ich einfach alles weg.

    Nenne es meinetwegen Mimosenhaftigkeit, Schwäche oder unfähig sich mit Konflikten auseinandersetzen zu wollen/können. Vielleicht suchte ich auch zu verbissen nach dem Glück/Zufriedenheit - Alkohol ließ mich all das vergessen, ich war ein Wirklichkeitsverdränger, ein Problemwegschieber.

    Gegen Niedergeschlagenheit, Unsicherheit half Alkohol, da wurde ich Anfangs sogar mutig (nicht so verklemmt), das machte Spaß und ließ mich sicher auch Dinge erleben, welche ohne Alk. nie möglich gewesen wären. Alkohol war der beste Realitätsverdränger und Illusionsaufbauer, das beste Mittel, um alle Garstigkeiten zu verteiben.

    Mit zunehmender Gewöhnung, ließ all das nach und Alkohol wurde nur noch zum Betäuber. Begann da meine "Krankheit" ... im Kopf, dass ich nur noch das sah, was ich wollte? Ich mir die Welt so zurecht bastelte, dass es für mich passte, einer Realitätsverschiebung, Psychose gleich. Heute kann ich das mit JA beantworten.

  • 18. Juni 1968 - Bundessozialgericht erkennt Alkoholismus als Krankheit an
    Alkoholsucht ist keine Charakterschwäche, fehlender Wille oder eine Laune. Sie ist
    "eine Krankheit" stellt das Bundessozialgericht in seinem Urteil vom 18. Juni 1968 fest.
    Seitdem bezahlen Krankenkasse oder Rentenversicherungsträger die Therapie. Denn
    wer krank ist, verdient Hilfe.
    wdr.de

    Bin ich erstmal süchtig, mag das stimmen!

    Doch wie kommt es zur Sucht, warum wurde ich überhaupt süchtig?

    War es eine Charakterschwäche, fehlender Wille oder trank ich aus einer Laune heraus? War ich zu unbedarft, unwissend, zu ignorant?

    Heute bin ich viel kritischer, hinterfrage, zweifle an und weiß auch viel mehr, d.h. ich gehe bewusster mit mir und meiner Umwelt um. Früher tat ich all das nicht!

    Ich baute mir ein Bewusstsein auf. Stimmt, viel zu spät und ganz allein. Hätte das nicht schon früher passieren können ... in Kindes-, Heranwachsendenalter?

    Ja, ich weiß hätte, hätte Fahrradkette.

    Ich war vor kurzem mal wieder in einer realen Selbsthilfegruppe (pure Neugier) ... samthandschuhartig, wurde dort auf Grundschulniveau über Alkohol debattiert, sicher, einige hatten es nötig, doch erreicht man etwas durch diese Weichstreichlerei?

    Viele redeteten (wehmütig?) vom Tiefpunkt, den sie erreichen mussten = also es musste erst richtig weh tun, bis sie wagten etwas zu ändern bzw. einen Versuch starteten.

    Wäre es anders gekommen, hätte man ihnen schon im Vorfeld bewusst machen können, was Alkoholismus überhaupt bedeutet, wäre es dann überhaupt dazu gekommen?

    Kann man "diesen Tiefpunkt" nicht auch gedanklich, also in unseren Vorstellungen erzeugen, also bevor man abstürzt? Oder reicht da die Vorstellungskraft nicht aus? ... weil's keiner probiert?

    Zu viele Konjunktive - vielleicht?

    Einige behaupten, die Prävention, auch in Schulen, sei ausreichend. Die Realität beweist, dass dem nicht so ist. Weder die Anzahl der Alkoholiker nahm ab, noch die Situation in den Suchtkliniken. Auch das Bewusstsein der nicht süchtigen Alkoholtrinker bzw. Noch-nicht-Alkoholtrinker hat sich kaum geändert ... in den letzten Jahrzehnten, es ist immer noch bedenklich bis unterirdisch - es wird verharmlost was das Zeug hält!

    So lange das so ist, wird es auch so bleiben.

    Ja, man muss jeden Einzelnen nötigen, sich damit zu beschäftigen. Es muss nicht immer der Holzhammer sein, es geht auch liebevoll konsequent ...:thumbup:

  • Bin ich bzw. war ich psychisch abhängig ... also seelisch, nervlich, gedanklich, gefühlsmäßig?

    Als ich noch trank, wollte ich bestimmte Gefühle betäuben, also wegmachen oder bestimmte Gefühle erzeugen ... ein Gefühl von Belohnung, Entspannung, Lockerheit, Befriedigung (zufrieden sein) o.ä..

    Hätte Alkohol nur negative Stimmungen erzeugt oder Unwohlsein (auch körperliches) wäre es sicher nicht zu dieser, meiner Belohnungs- oder Betäubungssucht gekommen. Alles was mir Unbehagen verursacht, mied ich ja auch ... warum funktionierte das so schlecht bei Alkohol?

    Sicherlich, am Anfang meiner "Alkoholkarriere" funtionierte dieses Unwohlsein noch recht gut, der Körper reagierte = leichter Schwindel, erste motorische Ausfälle, Übelkeit bis hin zum Erbrechen u.a..

    Als diese negativen Begleiterscheinungen nachließen, durch permanentes Training, überwog der positive Effekt ... ich war fröhlich, locker, entspannt, oft auch etwas übermütig ... alles war positiv besetzt!

    Begann da meine gefühlsmäßige (psychische) Abhängigkeit? Die auch, irgendwann, jegliche Vernunft, jeglich Vorsicht ausschaltetete/betäubte.

    War ich "betäubungssüchtig" geworden ... "frohsinnssüchtig" ... wenn's geht, ganz schnell, praktisch auf Knopfdruck und das garantiert? Ich fürchte ja.

    Als ich nicht mehr trank, fehlte all das ... die Belohnung, die eigentlich nie eine war, das angenehme, friedvolle Dahinsäuseln, einem zufriedenen Baby gleich - es dauerte Wochen, ja Monate (!!!) bis ich wieder lernte, auch mit meinen unangenehmen Empfindungen umzugehen.

    Das nennt man dann wohl Entzug ... psychischen, gedanklichen Entzug. Oder ein sich wieder daran gewöhnen, ein betäubungsmittelfreies Leben zu leben.

  • ....sich wieder dran gewöhnen Betäubungsmittelfrei zu sein...

    Den Satz finde ich super klasse. Den hätte ich eher gebraucht.

    Denn genauso ist es : man muss sich erst wieder dran gewöhnen.

    Danke für Deine Gedanken Paul👍

  • Ich bin kein Alkoholiker, ich habe eine Alkoholgebrauchsstörung!

    Klingt viel freundlicher und nicht so stigmatisierend.

    Ebenso: ich bin nicht trocken, sondern nüchtern/alkoholfrei. Als Baby war ich oft nass ...

    Auch strebe ich keine lebenslange Abstinenz an, sondern ein alkoholfreies, nüchternes (gesundes) Leben.

    Meine Sucht wird mich nicht mein Leben lang begleiten! Allein diese Vorstellung erzeugt eine Angst in mir, die ich keines Falls haben möchte, schon gar nicht ein Leben lang. Denn Angst macht unsicher - mich jedenfalls.

    Auch möchte ich nicht zufrieden abstinent sein, ebenso wie unzufrieden besoffen, ich möchte stressfrei alkoholfreie Getränke genießen können und auf nichts "verzichten".

    Verzichten bedeutet: fernhalten, auslassen, enthalten, asketisch, keusch sein. Schlimmstenfalls, einen Mangel hinnehmen.

    Ich war ein Säufer, wem dieses Wort zu hart oder gar despektierlich erscheint, möge bitte ein anderes wählen, jetzt bin ich es nicht mehr.

    Vielleicht war ich auch krank, jetzt bin ich es nicht mehr! Ich war lange "krank" ... im Kopf, weil ich glaubte, ich müsse Alkohol trinken.

    Ich irrte mich!

  • Hallo Paul ,

    das finde ich richtig gut, wie du das beschrieben und durchdacht hast. 👍

    Ich hab ja nun selbst so gar kein Problem mit den Begrifflichkeiten, ich lebe und empfinde trotz dieser Begrifflichkeiten das, was du mit anderen Begriffen beschreibst.

    Doch ich bin ja nun lange genug dabei, um zu wissen, dass mancher mit den bislang so üblichen Begrifflichkeiten seine/ ihre Schwierigkeiten hat.
    Möglicherweise findet sich mancher in dem wieder, was du beschrieben hast, und kommt mit deinen Begriffen besser klar.

    Deshalb von mir ein Danke an dich, dass du das hier teilst.

    Viele Grüße

    AmSee

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Oh ja,

    ich für meinen Teil komme da um einiges besser mit klar.

    Mit Deinen Begrifflichkeiten Paul klingt die ganze Angelegenheit viel freundlicher / positiver.Druckloser, entspannter.

    Mich stimmt es irgendwie..... optimistisch!

    Vielen Dank dafür. :thumbup:

  • Paul deine Sichtweise hört sich gut und positiv an. Leichtigkeit und Optimismus klingen da mit, statt Schwere. Aktuell bin ich übers verlängerte Wochenende unterwegs und denke wenig an Alkohol. Einfach mal ne Pause von dem ganzen Thema tut auch gut. Werde nun auch zum Thema alles entspannter sehen. Einfach leckere alkoholfreie Getränke trinken und alles ist gut.

    Mag auch nicht mehr soviel über Alkohol nachdenken und mich einfach mal frei und unbeschwert fühlen und mein alkoholfreies Leben genießen und annehmen wie es kommt.

    Wünsche allen ein wunderschönes Wochenende.

  • Bei der Verwendung all diese Begrifflichkeiten bleibt natürlich letztlich immer die Frage stehen wie ehrlich gehe ich letztlich mit einem Thema um. Im anderen Forum eröffnete vor Jahren ein User (Silberkralle) einen Faden mit dem Titel: Alkoholiker ich doch nicht! Das bringt es meines Erachtens auf den Punkt. Dieses Erkennen einer Wahrheit haben wir doch alle gefürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Doch eines Tages, wenn wir nicht untergehen wollen, müssen oder mussten wir dem was ist ins Auge schauen und dem ganzen eine Sprache geben. Ich wandle seitdem auf dem Pfad: Freedom just another word for nothing less to loose. Und für diese Freiheit gehe ich total. Mit einer klaren An- und Aussage bin ich bisher sehr gut gefahren. Ein sprachlicher Eiertanz, ein um den heißen Brei herum, verlässt die Wirklichkeit.

  • ehrlich ... Dieses Erkennen einer Wahrheit haben wir doch alle gefürchtet wie der Teufel das Weihwasser. ... wenn wir nicht untergehen wollen,

    Fehlt noch: ein harter, langer Weg, nie wieder, für immer süchtig, lebenslang, bekennst du dich ... Alkoholiker und ähnliche dramatische Vokabeln.

    Nicht letztendlich, sondern überhaupt stellt sich nur eine einzige Frage:

    trinke ich zu viel und will ich so weiter machen?

    Findet man darauf eine Antwort, ist eigentlich und uneigentlich alles gesagt!

    Das kann man eierig tun, mit allerlei Fremdwörtern schmücken, in seiner Sprache äußern oder in der des Gegenübers ... egal, Hauptsache es wird verstanden. Und das, wenn's geht, urteils- und unterstellungsfrei, vor allem verständlich und möglichst ohne einen Anflug von Belehrung.

    Egal welchen Weg oder welche Worte du wählst oder ich oder sie, er muss plausibel sein für dich, mich oder sie. 👋

  • Fehlt noch: ein harter, langer Weg, nie wieder, für immer süchtig, lebenslang, bekennst du dich ... Alkoholiker und ähnliche dramatische Vokabeln.

    Klingt provokativ, Paul . Möchtest du provozieren?
    Und wenn ja, warum? - Passt doch gar nicht zu dem, was du hier laut eigener Aussage eigentlich möchtest….

    Das, worauf Stilles Wasser meines Erachtens anspielt, ist die Selbsttäuschung, die vielen hier doch nur allzu vertraut ist. Wenn ich mich recht erinnere, hast du auch schon mal davon geschrieben.


    Ich weiß von mir selbst noch allzu gut, wie ich meinen Alkoholkonsum vor mir selbst verharmlost hab.

    Diese Frage „trinke ich zu viel und will ich so weiter machen?“ hab ich vor mir selbst immer wieder so beantwortet: Oh, Mann, ich trinke zu viel, ich will so nicht weitermachen.“ Und dann hab ich entweder eine Trinkpause eingelegt, es zu kontrollieren versucht, oder auch nicht.
    Insofern, hatte ich eine Antwort, aber eigentlich oder uneigentlich war damit gar nix gesagt.

    In dem Moment, als ich die Wahrheit erkannte, nämlich dass ich dabei bin, unterzugehen - und das steckt in dem Begriff „Alkoholiker“ ja drin - , der Wahrheit in die Augen schaute, war ich bereit, mich dieser Wahrheit konsequent zu stellen und Nägel mit Köpfen zu machen.


    Und von wegen „harter, langer Weg“…. Du erzählst doch selbst von deinen Erfahrungen, wie schwer es dir gefallen ist und dass es Zeit und Geduld gebraucht hat, bis du dahin gekommen bist, wo du jetzt bist….. 🤔

    Egal welchen Weg oder welche Worte du wählst oder ich oder sie, er muss plausibel sein für dich, mich oder sie. 👋

    Stimme dir grundsätzlich zu, aber ich hab bei diesem Ringen um Begrifflichkeiten auch vor Augen, wie ich selbst (und nach meiner Beobachtung viele andere, die am Anfang stehen) geneigt war, mein Problem vor mir selbst zu verharmlosen.
    Und mit anderen harmlosen Begriffen kann man sich auch vor der eigentlichen Realität drücken.

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Fehlt noch: ein harter, langer Weg, nie wieder, für immer süchtig, lebenslang, bekennst du dich ... Alkoholiker und ähnliche dramatische Vokabeln.

    Diese Worte fehlen in meinem obigen Beitrag nicht da ich sie nicht verwende. Vielleicht fehlt nur das Wort "Enthusiasmus" das den Elan, die Tatkraft eines Menschen beschreibt, der einen geradlinigen und kompromisslosen Weg geht.

    Um zu den Verdrehungen zurückzukommen, die ich weiter oben versuchte sichtbar zu machen setze ich noch einen alten Beitrag von vor Jahren mit einer lesenswerten PDF ein. Es geht zwar nicht primär um Alkohol, doch die Parallelen der Selbstverarsche sind nicht zu übersehen.


    Die Wirklichkeit des Positiven Denkens sieht oft anders aus

    Bei einer Patientin, die wegen einer schweren Depression zu mir kam, stellte sich im Laufe der Therapie heraus, dass sie einen ganzen Bücherschrank voller Bücher zum Positiven Denken besass, darunter Werke wie 'Denke nach und werde reich', 'Die Kunst, ein Egoist zu sein', die ihr schlussendlich nicht helfen konnten. Die Frau verhielt sich stets sehr korrekt, kümmerte sich um alles. Sie war allzeit bereit, die Schattenseiten des Lebens zu verneinen. Zum Schluss brach sie zusammen und war jahrelang eine schwer depressive Frau, die selbst dann nicht erkennen konnte, dass sie viele für die Selbstbehauptung wichtige Gefühle wie Aggression unterdrückte. Letztlich verlor sie auch ihre Menschlichkeit, da sie auf andere Menschen sehr maskenhaft und oberflächlich wirkte.

    "Positiv Denken" macht krank

    Dr. Günter Scheich

    (5 Seiten)

    http://www.infosekta.ch/media/pdf/P_Ps…sitivDenken.pdf

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