Der Alkohol ist jetzt weg, aber womit kann ich diesen Platz auffüllen?

  • Vielleicht denken jetzt manche von uns "Warum sollte ich denn diesen Platz auffüllen - und womit denn?"

    Über die vielen Jahre meines Alkoholkonsums habe ich immer mehr Dinge aufgegeben und einfach nur durch trinken ersetzt. Sucht bedeutet ja auch, mit der Zeit immer mehr dem Alkohol unterzuordnen bzw. aufzugeben. In manchen Phasen meines Alkoholkonsums habe ich den ganzen Tag nur getrunken - und sonst schlicht und einfach nichts gemacht.

    Wenn wir dann den Schnitt irgendwann machen und nicht mehr trinken, stellt sich natürlich über kurz oder lang die Frage für uns, was wir denn jetzt tun sollen / können wenn wir nicht trinken, und zwar im Grunde vom ersten Tag der Trockenheit an. Denn ... einfach nur herumzusitzen und die Zeit totzuschlagen oder nur ständig den Gedanken im Kopf zu haben "wichtig ist nur, dass ich nichts trinke", wird uns auf Dauer nicht wirklich auf Abstand zum Alkohol halten.

    Für mich war es von Anfang an sehr wichtig, mich zu beschäftigen und das nicht nur irgendwie, sondern eine Aufgabe zu finden, die mir Selbstbestätigung und das Gefühl gibt, ich mache etwas sinnvolles. Möglich, dass das nicht alle von uns zu Beginn der trockenen Phase brauchen, aber "Zurück ins Leben" zu finden war für mich zumindest von Anfang an ein klares Ziel. Es hat auch nicht von Anfang an einfach so geklappt, sondern ich habe auch einige Misserfolge einstecken müssen, aber ich bin dran geblieben.

    Und so habe ich schon im November 2009 damit begonnen, mir für mich sinnvolle Tagesinhalte zu suchen (natürlich hat das nicht sofort geklappt und auch nicht immer). Kontakt zu anderen Menschen war dabei mein wichtigstes Ziel. Wir sind soziale Wesen und können auf Dauer nur im Kontakt mit anderen Lebewesen / Menschen überleben (die Formulierung ist nicht von mir!).

    Heute arbeite ich gerne mit jungen Menschen zusammen und das ist aus meiner Sicht für beide Seiten ein Gewinn. Vom ersten Tag meiner Trockenheit an habe ich versucht, mich sinnvoll zu beschäftigen und auch nach und nach ein "normales" Arbeitspensum am Tag zu erreichen.

    Was genau für jeden einzelnen Menschen von uns das Richtige ist, kann ich natürlich nicht sagen. Das kann / darf / muss, denke ich, jeder selbst finden. Jedenfalls habe ich nicht darauf gewartet, dass irgendjemand etwas in dieser Richtung für mich erledigt. Ich denke, da würde ich heute noch warten ...

    ZurueckimLeben

  • Ein grosses Thema!

    Ich kann das für mich noch gar nicht abschließend beantworten. Dass ich aber nach wie vor daran arbeite, liegt wahrscheinlich daran, dass ich mir die selbstgemachte Last "ich trinke nicht mehr, jetzt muss ich mein Leben mit Sinn ausfüllen" von den Schultern genommen habe. Ich habe die kleinen Schritte und Erfolge mit der dazugehörigen Ausdauer für mich entdeckt und schätzen gelernt. Ich habe den Sport (wieder) entdeckt, was für meine körperliche und vorallem geistige Gesundheit der Gamechanger war und ist. Bin dadurch ausgeglichener geworden, was mir wiederum hilft, an Tätigkeiten und Zielen dranzubleiben. Ich bin über die Jahre zum Einzelgänger mutiert, was eigentlich ganz ok ist, merke aber auch, dass mir der Kontakt zu guten Leuten ab und an fehlt. Früher wäre das ein Grund gewesen, dieses Gefühl wegzusaufen. Heute bin ich gnädiger mit mir - und nehme mir gleichzeitig vor, das Thema step-by-step anzugehen.

    Gruss

    Tom

  • Ein schönes und großes Thema! Ich will da gerne auch etwas zu beisteuern, komme aber zur Zeit nicht dazu.

    Ob es wohl weitere Mitglieder gibt, die eigene Erfahrungen zu diesem Thema beisteuern können und auch möchten?

    Freundliche Grüße

    AmSee

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Bei mir hat das Trinken gar nicht soviel Zeit in Anspruch genommen. Meistens habe ich nach Feierabend zuhause getrunken. Da war das volle Glas beim Kochen dabei, oder beim Haushalt als Belohnung zwischendurch. Auch in meiner Leseecke stand das Glas.

    Seit der Abstinenz habe ich mich, wenn ich in meiner Leseecke saß, mit reflektieren und meiner Trockenheitsarbeit beschäftigt. Gymnastik habe ich verstärkt ausgeübt.

    Wie gesagt soviel freie Zeit habe ich nicht gewonnen. Ich bin mit Job, Familie, Haushalt und Betreuung von kranken Familienmitgliedern ausgelastet und habe genug zu tun. Ich habe aber, zur Selbstfürsorge, bewusst alles ein bisschen langsamer gemacht und mit mehr kleinen Pausen, als noch während der Trinkzeit.

    Also ich habe zum Thema nichts besonderes zu berichten. Jetzt, inzwischen im zweiten abstinenten Jahr hat sich mein Tag einfach eingependelt

    Denn ... einfach nur herumzusitzen und die Zeit totzuschlagen

    Das war bei mir nie der Fall.

    oder nur ständig den Gedanken im Kopf zu haben "wichtig ist nur, dass ich nichts trinke", wird uns auf Dauer nicht wirklich auf Abstand zum Alkohol halten.

    Die ersten Wochen oder auch Monate habe ich so gedacht. Von Tag zu Tag war mir tatsächlich das wichtigste, nichts zu trinken. Ich finde das gerade am Anfang völlig normal und auch richtig. Ich habe mich selbst im ersten Jahr komplett auf links gedreht und verschiedenste Themen aufgearbeitet.

    Nun lebe ich einfach mein nüchternes Leben und denke nicht mehr über Alkohol nach.

  • Ich habe mir überlegt, woran ich Freude hatte, bevor ich meine Kontrolle ans Trinken verlor.

    Daran könnte jederzeit angeknüpft werden.

    Bei mir war es eine Fülle kleiner Maßnahmen: Mehr lesen, spazieren gehen, regelmäßig ins Fitnesstudio, mehr Strecken mit dem Rad zurücklegen, bei schönem Wetter auch mal Arbeit liegen lassen und nach draußen gehen, regelmäßig eine Sauna aufsuchen, spontan mal ins Kino, Theater, Restaurant gehen, Kurztrips ins benachbarte Ausland machen, um nur ein paar aufzuzählen. Dazu Trockenarbeit/Abstinenztraining durch Austausch via Internet.

  • Über die vielen Jahre meines Alkoholkonsums habe ich immer mehr Dinge aufgegeben und einfach nur durch trinken ersetzt. Sucht bedeutet ja auch, mit der Zeit immer mehr dem Alkohol unterzuordnen bzw. aufzugeben. In manchen Phasen meines Alkoholkonsums habe ich den ganzen Tag nur getrunken - und sonst schlicht und einfach nichts gemacht.

    Ich war noch nicht an dem Punkt angelangt, dass ich den ganzen Tag nur getrunken hätte und Dinge zugunsten meines Alkoholkonsums aufgegeben hätte, deswegen entstand bei mir durch die Abstinenz auch kein dermaßen großes Loch, das ich mich völlig neu auf etwas besinnen musste, womit ich meinen Alltag gestalte.

    Für mich stellten sich solche Fragen, wie sie im Artikel Bewahrung der eigenen Abstinenz durch „Selbstfürsorge“ aufgenommen worden sind:

    • Wie verbringe ich meine Abende und/ oder das Wochenende, wenn ich mich nicht mit Alkohol „belohne“ oder „tröste“, was gibt’s für Optionen und Alternativen?
    • Wie verbringe ich die sonstigen Gelegenheiten, an denen ich mich mit Alkohol „belohnt“ oder „getröstet“ habe, was gibt’s für Optionen und Alternativen?
    • Wie verhalte ich mich in gesellschaftlichen Runden, in denen üblicherweise Alkohol konsumiert wird, oder bei gesellschaftlichen Ereignissen? Gehe ich gar nicht erst hin, um meine Abstinenz nicht zu gefährden, oder gehe ich hin und setze mich damit der Gefahr aus, getriggert zu werden?
    • Wie gehe ich damit um, dass in Film und Fernsehen ständig Alkohol konsumiert wird und mich daran erinnert, wie selbstverständlich das auch mal für mich war?
    • Wie verhalte ich mich im Supermarkt, wo ich an den Wein-, Bier- und Schnapsregalen, vor denen ich sonst ggf. mit Aussuchen und in Vorfreude so viel Zeit verbracht habe, vorbei muss?
    • Wie gehe ich damit um, wenn ich in einem Restaurant oder Café oder im Sommer beim Gang durch die Fußgängerzone damit konfrontiert werde, dass Menschen um mich herum Alkohol konsumieren?
      Was macht das mit mir?


    In diesen Bereichen entstanden für mich durch die Entscheidung für die Abstinenz Löcher, für die ich neue Lösungen finden musste.


    Als ich hier Ende Oktober 20 aufschlug, war ich zunächst nicht so weit, dauerhauft auf Alkohol verzichten zu wollen. Mir war bewusst geworden, dass ich wohl ein Problem hatte, aber ich hing noch so an dem, was ich mir an Genuss und Lebensfreude vom Alkohol versprach.

    Erst, als mir bewusst wurde, dass es leichter für mich war, es ganz bleiben zu lassen, sowie die Aussicht, dass es tatsächlich möglich ist, das, was ich eigentlich suchte, ohne Alkohol zu erreichen, gab mir den Mut, mich diesbezüglich auf die Suche zu begeben.

    Ich bin dabei sozusagen zweigleisig gefahren. Einerseits habe ich mich sehr viel mit den Erfahrungen derer, die den Absprung geschafft haben, beschäftigt und dem, was ich an Literatur zu den Themen „Alkohol“, „Alkoholmissbrauch“ und „Alkoholismus“ gefunden habe. Das alles hat mich sehr nachdenklich gemacht und mich in meinem Umdenken bestärkt.

    Andererseits interessierte mich sehr, wie ich auf gesundem Weg das erreichen könnte, was mir sonst der Alkohol gegeben hatte.

    Da ich aufgrund der Schübe meiner MS-Erkrankung in meinem Bewegungsradius stark eingeschränkt war, begann ich damit, durch regelmäßige Spaziergänge meinen Bewegungsradius wieder zu erweitern.

    Da sich Schlaf und Stimmung bei mir verbesserten, fühle ich mich zunehmend stabiler und stärker, meine Konzentration verbesserte sich. Und so konnte ich Dinge angehen, die ich sonst für unmöglich hielt oder nur mit vielen Pausen erledigen konnte. Das wiederum wirkte sich positiv auf meine Stimmung und mein Abstinenzvorhaben aus.

    Ich begann mit diversen kreativen Projekten und probierte Verschiedenes aus. Darunter war bei mir in den folgenden Jahren zum Beispiel das Interesse für alte Nähmaschinen und ihre Technik. Zeitweise hatte ich tatsächlich einen kleinen Fuhrpark alter Nähmaschinen, die zu verschenken gewesen waren und nur etwas Pflege brauchten, um fit für die nächste Runde zu sein, bei mir herumstehen. Für alle die, die ich wieder hergeben wollte, habe ich zufriedene Abnehmer gefunden. Eine größere Anzahl tut ihren Dienst nun in einem der Länder des afrikanischen Kontinents. Das freut mich sehr, weil diese Wunderwerke der Technik, die tatsächlich noch für die Ewigkeit gebaut waren, bei uns längst nicht mehr geschätzt werden, dort aber tatsächlich geschätzt, gebraucht und genutzt werden.

    Auch das Arbeiten mit Holz und das Aufarbeiten alter Möbelstücke füllte und füllt einen großen Teil meiner Freizeit. Das mache ich für mich und meinen Haushalt, aber manchmal ergibt es sich, dass ein Stück wieder bei mir auszieht und einen Abnehmer findet.

    Bis hier erstmal mein Beitrag.

    AmSee

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Bei mir war es zunächst einmal der Sport in Form von Bahnen schwimmen und Rad fahren.
    Das tue ich immer noch, weil es mir Freude bereitet.

    Irgendwann kam das Wandern dazu. Und da ich ja jede Menge Geld nicht mehr für Alkohol und Tabak ausgeben musste, durften diese Wanderungen auch gerne im Ausland stattfinden, was mir schöne Reisen bescherte und noch immer beschert.

    Darüber hinaus ermöglicht ein nicht benebelter Kopf die Freude des Nachdenken über Gott und die Welt, was ich zunehmend zu schätzen weiß.

    Da ist doch Einiges zusammen gekommen.

    Ach ja, und zu guter Letzt bleibt auch immer wieder Zeit, sich einfach drüber zu freuen, nicht mehr rauchen und trinken zu müssen.

    Bassmann

  • Es ist ja nicht so, dass unendlich viele Stunden des Tages für das Saufen draufgegangen wären. Es ist viel mehr der Zeitgewinn dadurch, dass man nicht mehr bis in den frühen Nachmittag verkatert ist, dass man nicht mehr die seeligen 2-3 Stunden bis zum Schlafen gehen mit Trinken beschäftigt ist oder man am Wochenende auf einmal um 07:00 glockenwach ist und den ganzen langen Tag füllen darf oder dass man auf einmal mehr Zeit hat, weil die Dinge des Alltags plötzlich viel leichter von der Hand gehen und dadurch schneller erledigt sind. Zumindest geht es mir so. Dadurch sind körperliche und geistige Kapazitäten freigeworden, die nun sinnvoll kanalisiert werden müssen. Ich bin dem anfangs auch mit viel Aktionismus begegnet und tue mich auch heute noch schwer einfach nichts zu machen, aber mit der Zeit und den vielen Monaten der Abstinenz habe ich angefangen zu lernen mich einfach mal im Nichtstun zu ertragen.

    Sport habe ich immer irgendwie im Rahmen der gesundheitlichen Möglichkeiten betrieben, merke aber jetzt wieviel effizienter man trainieren kann, wenn der Körper nicht permanent mit Entgiften beschäftigt ist. Ich bin im Wettbewerb mit weniger Einsatz viel erfolgreicher geworden. Und auch im Bildungsbereich bin ich wieder aktiver geworden. Ich hab lange Zeit keine Fremdsprachen mehr gelernt, weil ich für mich keinen Sinn mehr darin gesehen habe Sprachen zu lernen, die ich nicht anwenden kann. Heute bin ich wieder täglich dabei und hole mir meinen täglichen Dopaminkick beim Vokabellernen - verrückt, oder?

    Die Sinn des Lebens Frage ist für mich immer noch problematisch, aber ich habe ja statistisch noch knapp 30 Jahre, um diese für mich zu klären.

    Beste Grüße Helga

  • Dadurch sind körperliche und geistige Kapazitäten freigeworden, die nun sinnvoll kanalisiert werden müssen.

    Damit scheinen viele (?) ein Problem zu haben, besonders am Anfang, in der ersten Zeit ihrer alkoholfreien Phase, sie wissen einfach nicht wie sie diese Zeit füllen können.

    Wer sich für Gott und die Welt interessiert oder Hobbys hat, sich für Freunde und/oder Familie begeistern kann, wird es wohl dankbar bemerken, was er nun alles tun kann.

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