Achtsamkeit - Was bedeutet das eigentlich?

  • Hallo Miteinander,

    ein Austausch im Thread Honk - Handbremse gezogen hat mich auf den Gedanken gebracht, dass wir uns mal in einem Extra-Thread über das Thema „Achtsamkeit“ austauschen könnten.

    Greenfox hatte dort geschrieben:

    Zitat

    Und diese Achtsamkeit ist mittlerweile schon zur Normalität geworden. Geworden. Ich zumindest musste es erst lernen.

    Honk hatte darauf geantwortet:

    Zitat

    Ich denke dass ist ein guter Punkt den Du ansprichst. Gleichzeitig auch wieder ein Punkt, über den man vortrefflich streiten kann, wie man Achtsamkeit definiert und wie man Achtsamkeit lebt.

    Für die einen ist es einfach ein stiller Entschluss, der reicht ihnen aus. Die anderen machen sich den Entschluss anders bewusst in dem sie laut sind. Weiter andere gehen regelmäßig zu SHG´s und tauschen sich dort aktiv aus, hier im Forum tauschen wir uns aus. Btw, ich muss gerade schmunzeln....ich habe mal ordentlich auf die Mütze bekommen ich würde meine Abstinenz nicht ernst nehmen, ich würde mich nicht ausreichend damit beschäftigen...sprachs und antwortete mir in einem Forum mit einem Bezug zu Alkohol..merkt ihr was ? ;)



    Ich selbst stieß vor ungefähr fünfzehn Jahren auf diesen Begriff „Achtsamkeit“. Ich begriff damals schon, dass das ein wichtiges Thema für mich sein könnte, verstand damals aber nicht wirklich, was sich eigentlich hinter diesem Begriff verbarg und wie ich das umsetzen könnte. Ich erinnere mich, dass ich im WWW gesucht hab, was das eigentlich genau ist, und ob es eine Anleitung gab, wie ich diese „Achtsamkeit“ denn umsetzen könnte. Mit dem, was ich fand, konnte ich damals nichts anfangen. Also ließ ich das Thema erstmal links liegen und machte so weiter wie bisher.

    Honks Worte riefen bei mir diese Zeit und die Zeit, die später kam, in Erinnerung. Was bedeutet denn eigentlich „Achtsamkeit“, wie definiert man das, wie lebt man das?

    Honks Antwort entnehme ich, dass er das auf die „Selbstfürsorge“ / „Trockenarbeit“ bezieht, die auf unterschiedliche Weise und unterschiedlichen Wegen betrieben wird, um die eigene Alkohol-Abstinenz zu bewahren. In dem anderen Forum zum Beispiel haben sie ihre „Grundbausteine“ dafür entwickelt. Andere, Selbstbetroffene in diesem Forum zum Beispiel, gehen wiederum andere Wege.

    Nach meinen eigenen Erfahrungen mit dem Thema „Achtsamkeit“ denke ich, dass Achtsamkeit noch weiter geht als das, was wir in unserem Zusammenhang als „Selbstfürsorge“ oder „Trockenarbeit“ bezeichnen. Teilweise mag das Hand in Hand gehen, aber „Achtsamkeit“ bedeutet für mich noch etwas anderes. Im Grunde eigentlich ist das für mich nichts weiter als aktives Wahrnehmen dessen, was um mich herum und in mir drin grad los ist bzw. geschieht.

    Als ich vor achteinhalb Jahren wegen schwerer Depressionen in die Klinik ging, traf ich auf eine Ärztin, die mir tatsächlich vermitteln konnte, was „Achtsamkeit“ eigentlich ist. Ich begriff, dass ich den größten Teil meiner letzten Jahre mehr oder minder auf „Autopilot“ unterwegs gewesen war. Auf „Autopilot“ unterwegs sein ergibt sich zwangsläufig durch die Gewohnheit. Was wir gewohnt sind, nehmen wir in der Regel nicht mehr sonderlich bewusst wahr. Deshalb haben wir, je älter wir werden, immer mehr das Gefühl, dass die Zeit schneller vergeht.

    Ich lernte, dass Achtsamkeit bedeutete, diesen sogenannten Autopiloten abzuschalten und mich ganz bewusst in die reine Wahrnehmung meiner fünf Sinne zu begeben, ohne diese Wahrnehmungen zu werten.

    Ich musste das zunächst ganz schön üben, bis ich das hinkriegte. Meistens habe ich das während meiner vielen Spaziergänge in der Klinik geübt. Auch beim Essen und in vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens hab ich mich drum bemüht. Später habe ich das dann in meinen Alltag integriert.

    Nachdem ich das mit der Wahrnehmung von äußeren Reizen halbwegs hinkriegte, ging’s einen Schritt weiter und zwar in die Wahrnehmung dessen, was von Innen kommt: Welche Gefühle fühle ich in meinem Inneren? An welchen Stellen in meinem Körper äußern sich diese? Was für Gedanken gehen mir gerade durch den Kopf? Dabei ging‘s steht’s nur ums Wahrnehmen und Beobachten.

    Heute Jahre später ist mir dieses Training zur Selbstverständlichkeit geworden und es hat mein Leben zum Positiven verändert. Mitunter führt dieses achtsame Wahrnehmen dazu, dass ich rechtzeitig merke, wenn etwas bei mir in eine nicht so gute Richtung läuft. Das gibt mir dann ggf. die Chance in Richtung „Selbstfürsorge“ tätig zu werden.


    Das von mir nur als „Aufhänger“. Vielleicht fühlt sich ja der eine oder die andere inspiriert, eigene Gedanken und Erfahrungen zu diesem Thema zu äußern.

    Viele Grüße

    AmSee

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Grunde eigentlich ist das für mich nichts weiter als aktives Wahrnehmen dessen, was um mich herum und in mir drin grad los ist bzw. geschieht.

    Das sehe ich ähnlich, es ist erstmal ein Wahrnehmen meiner Umwelt und meiner inneren Befindlichkeit ohne Wertung. Schon manche Situationen ohne Wertung nur zu registrieren, ohne sie bewerten bzw. ohne negative Emotionen/ Gedanken zuzulassen, sozuagen in Gelassenheit, ist ein großes Lernfeld.

    Aber auf Grund dieser Wahrnehmung versuche ich auch Weichen zu stellen, (dass geht wohl eher in Richtung Selbstfürsorge) oder auch Dinge, anzunehmen, die ich nicht ändern kann. (vgl. Gelassenheitsspruch AA)

    Außerdem ist Achtsamkeit für mich auch noch ein aktives Wahrnehmen der kleinen schönen Dinge auf dieser Welt (Sonnenaufgang, beginnender Frühling, ein kleines Lächeln bekommen u.s.w.) um aufzutanken bzw. mein Stresslevel gering zu halten.

  • Aber auf Grund dieser Wahrnehmung versuche ich auch Weichen zu stellen, (dass geht wohl eher in Richtung Selbstfürsorge) oder auch Dinge, anzunehmen, die ich nicht ändern kann. (vgl. Gelassenheitsspruch AA)

    Das trifft auf mich ebenfalls zu.
    (Ent-)Spannend ist das für mich mit den Dingen geworden, die ich eben nicht ändern kann.

    Das ist uns gerade wieder passiert. Einen ab heute geplanten Urlaub mussten wir kurzerhand canceln, weil das Auto in die Werkstatt musste und erst Ende nächster Woche von dort zurück kommt. Meinen Mann hat das ziemlich verdrossen, ist ja auch blöd und er hatte sich auch echt auf unsere Reise gefreut.
    Ich hingegen darf das mit einer gewissen Gelassenheit und Zuversicht hinnehmen. - Die Haltungen tragen mich seit Kurzem ungemein.
    Es gibt ja diesen Spruch „Schließt sich eine Tür, öffnet sich irgendwo ein Fenster. Man muss nur bereit es, es auch wahrzunehmen.“

    Und so halte ich die Augen nach anderen Möglichkeiten offen, hab sie auch schon erblickt und wir werden sie nutzen. Wer weiß, ob wir da nicht auch etwas für uns auftun, was sich wie Glück anfühlt (Stichwort „Serendipität“). 🤷‍♀️😅

    Außerdem ist Achtsamkeit für mich auch noch ein aktives Wahrnehmen der kleinen schönen Dinge auf dieser Welt (Sonnenaufgang, beginnender Frühling, ein kleines Lächeln bekommen u.s.w.) um aufzutanken bzw. mein Stresslevel gering zu halten.

    Auch das ist für mich ähnlich, wobei es mir auch hier einfach nur um das Wahrnehmen und aktive Beobachten geht, ganz ohne Bewertung.
    Schwer zu beschreiben, wie das genau funktioniert, ohne eine Bewertung vorzunehmen.
    Ich nehme es einfach wahr und spüre in meinem Inneren angenehme, irgendwie erholsame Stimmungen, Bilder usw.


    Und mir ist noch etwas zu „Achtsamkeit“ eingefallen und zwar das Tun an sich. Damit meine ich zum Beispiel die Wahrnehmung, wie meine Füße und Beine beim Spazierengehen oder Wandern für mich arbeiten und was ich da jeweils spüre sowohl von Außen als auch im Körperlichen selbst. Oder letztens wie meine Hände die Werkzeuge führen, mit denen ich das eine oder andere Möbelstück bearbeitet habe.

    Ich find‘s immer wieder irre, wie sehr ich in solchen Momenten völlig im Hier und Jetzt mit mir, meinem Körper, meinem Geist, meinen Gefühlen, meiner ganzen Wahrnehmung bin. Und das macht etwas mit mir und wirkt in gewisser Weise sehr nachhaltig.

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Achtsamkeit

    "Wenn man weniger beurteilt, wird das Leben freundlicher" sagte mal Ferdinand von Schirach. Seine Sehnsüchte vergessen, einfach mal schau'n, was im hier und jetzt, also auf der Bühne des Lebens, gerade gespielt wird. Man kreist nicht dauernd um sich selbst, glaubt nicht alles, was man gerade denkt und fühlt. Selbstvergessenheit. Loslassen. Achtsamkeit als Gegenpart zum Perfektionismus. Letzterer als Unfreiheit verstanden. Freiheit beginnt dort, wo die Angst aufhört. Keine Angst vor dem Scheitern. "Schiffe im Hafen sind sicher, aber dafür sind sie nicht gebaut." Man ist offen für das Schöne und genießt die gelegentlichen Sternstunden des Daseins. Kein "um zu", sondern im Flow sein. Im Fluss sein. Ins Handeln kommen. Nicht wegen etwaiger Belohnung, sondern aus Überzeugung, etwas Gutes zu tun. Verbundenheit mit anderen Menschen und der Natur. Demut vor dem Dasein. Dankbarkeit für das eigene Da-Sein, für die Liebe meiner Eltern.

  • Meinen Mann hat das ziemlich verdrossen, ist ja auch blöd und er hatte sich auch echt auf unsere Reise gefreut.
    Ich hingegen darf das mit einer gewissen Gelassenheit und Zuversicht hinnehmen. - Die Haltungen tragen mich seit Kurzem ungemein.
    Es gibt ja diesen Spruch „Schließt sich eine Tür, öffnet sich irgendwo ein Fenster. Man muss nur bereit es, es auch wahrzunehmen.“

    Diese Situation beschreibt sehr gut, dass ich immer mehrere Möglichkeiten habe, eine Situation zu betrachten.

    Ich kann mich darüber ärgern (was an der Situation nicht ändert) oder ich kann die Situation auch erstmal annehmen, wie sie ist (was ich ja in dem Fall auch muss) und mache das Beste daraus bzw. suche unverkrampft nach Alternativen.

    Etwas schwieriger sehe ich die ich das Annehmen "echter" Schicksalsschläge (die ja meistens auch nicht änderbar sind), aber ich habe wie bei den "leichteren Fällen" auch immer die Möglichkeit, die Sache aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten.

    Das ist jetzt auch schlau daher geredet, weil man bei einem Worst Case auch meistens mit einer Situation konfrontiert wird, die vorher noch nicht da war und zumindest ich oft noch sehr emotionsgesteuert reagiere. Aber ich stelle immer wieder fest, dass ich gerade an den eher unangenehmen Situationen wachse, die nun mal zum Leben dazugehören. (Klar, die will eigentlich kein Mensch, aber sind ja irgendwo unvermeidlich, aber gerade die Erleichterung NACH der "bestandenen Prüfung" empfinde ich als sehr angenehm.


    Auch das ist für mich ähnlich, wobei es mir auch hier einfach nur um das Wahrnehmen und aktive Beobachten geht, ganz ohne Bewertung.
    Schwer zu beschreiben, wie das genau funktioniert, ohne eine Bewertung vorzunehmen.
    Ich nehme es einfach wahr und spüre in meinem Inneren angenehme, irgendwie erholsame Stimmungen, Bilder usw.

    Stimmt, durch das "gezielte" Suchen der eher schönen Momente (bzw. wie ich sie eben gerne hätte) kann es vorkommen, dass sich schon wieder das Blickfeld einengt und ich die sprichwörtliche Blume am Wegesrand nicht mehr wahrnehme. Ja, ist wirklich schwer zu beschreiben, wie es genau funktioniert, ohne Bewertung wahrzunehmen. Ich denke, es hat etwas mit "im Hier und jetzt sein zu tun", im Augenblick leben zu tun, was ja des öfteren nicht gelingt. Oft hängt man in der Vergangenheit oder in Zukunftssorgen fest. (ich schreibe z.B. gerade diesen Text und in meinem Kopf dreht es sich schon wieder, was ich dann noch zu tun habe ;)

    Oder letztens wie meine Hände die Werkzeuge führen, mit denen ich das eine oder andere Möbelstück bearbeitet habe.

    Aber wenn mein "Sein" im Hier und Jetzt ist, freue ich mich eben gerade über den Hobelspan der abgetragen wird oder ich fahre mit der Hand über eine von mir soeben glattgeschliffene Fläche (ohne erstmal das Endergebnis oder weitere Arbeitschritte im Kopf zu haben) Ich denke, gerade dieses Loslassen und im Moment leben ist ein großer Schlüssel (den ich selten nutze, weil ich meistens noch zu gestresst bin und (nur) das Endergebnis im Kopf habe.

    Aber war nicht auch der Rausch teilweise ein Suchen des Augenblicks, ein sich Vergessen können? Gerade auch Opiate hatten mir immer diese Klarheit, dieses "einfach nur Sein" vorgegauckelt. Und da der Mensch im Ursprung vielleicht gerade darauf angelegt ist, ist es (zumindest bei mir) kein Wunder, eine Abkürzung genommen zu haben (die natürlich in eine Sackgasse führte und immer wieder führen wird.)


    Wenn man weniger beurteilt, wird das Leben freundlicher" sagte mal Ferdinand von Schirach. Seine Sehnsüchte vergessen, einfach mal schau'n, was im hier und jetzt, also auf der Bühne des Lebens, gerade gespielt wird. Man kreist nicht dauernd um sich selbst, glaubt nicht alles, was man gerade denkt und fühlt. Selbstvergessenheit. Loslassen. Achtsamkeit als Gegenpart zum Perfektionismus. Letzterer als Unfreiheit verstanden. Freiheit beginnt dort, wo die Angst aufhört.

    Ich finde, du hast das Thema Bewerten bzw. Loslassen/ Selbstvergessen hier auch noch mal gut auf den Punkt gebracht.

    Es geht darum, dass ich mich und alles andere um mich nicht sofort bewerte (meistens wohl eher kritisiere) und sofort versuche, diesen Zustand zu ändern, sondern erstmal schaue "was auf der Bühne des Lebens gespielt wird."

    Ich hatte mal relativ am Anfang meiner Nüchternheit ein Erlebnis, als ich andere Leute beim Trinken beobachtet hatte, ohne das mir dabei eine Emotion hochkam, mir sozusagen mal nicht der "Zahn tropfte". Ich habe die Leute nur wahrgenommen, als würden sie irgendeiner "Tätigkeit" nachgehen und ich sozusagen nur "zuschaue". Das hat sich wirklich gut angefühlt und mir war dieser Impuls eine große Hilfe, mit dieser Sichtweise auch andere (negativen) Emotionen von mir zu betrachten. Zumal ich auf diese Art auch sein Zeitfenster gewinne und ich nicht sofort jeder Emotion nachgeben muss (und wohlüberlegt eine angemessene Reaktion finden kann.)

  • Etwas schwieriger sehe ich die ich das Annehmen "echter" Schicksalsschläge (die ja meistens auch nicht änderbar sind), aber ich habe wie bei den "leichteren Fällen" auch immer die Möglichkeit, die Sache aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten.

    Das geht mir ja ganz ähnlich, was das „Annehmen“ von „echten“ Schicksalsschlägen betrifft. Ich hatte letztens bei Johannes geschrieben:

    Zitat

    Bei mir sehe ich tatsächlich die Gefahr, rückfällig zu werden, wenn ein Schicksalsschlag eintreten sollte, dem ich emotional nicht gewachsen sein sollte.


    Mir ist gerade beim Lesen deiner Zeilen jedoch in den Sinn gekommen, dass dieses „Annehmen“ schon wieder ein Schritt weiter ist. Bevor es bei mir zu diesem „Annehmen“ kommt/ kommen kann, kommt bei mir erstmal nur die aktive Wahrnehmung/ das aufmerksame Beobachten dessen, was gerade ist. Vom Prinzip gehe ich sozusagen in die Beobachterposition, die mitunter auch eine gewisse Distanz zum Geschehen beinhaltet. Dazu gehört das Wahrnehmen und Beobachten von dem, was im Außen ist, aber auch von dem, was in meinem Inneren (Gefühle, „Inneres Team“) kommt. Manchmal geht das ganz schnell, manchmal brauche ich dafür länger.

    Da kommen bei mir durchaus schon eine ganze Reihe von Blickwinkeln zusammen.

    Apropos „Blickwinkel“ das ist gerade auch so ein Thema, was mich beschäftigt, weil mein eigener seit einer kleinen Weile ein eher gelassener, teils sogar zuversichtlicher ist, der mich enorm trägt, während mein Mann von dem eher pessimistischen, stets die Fehler suchenden Blickwinkel geprägt ist, der in seiner Familie gepflegt wird, und derzeit immer wieder darunter leidet.

    Das scheint offenbar etwas zu sein, das sich so leicht nicht ändern lässt. Bei mir selbst hat es Jahre gedauert und professioneller Unterstützung bedurft, bis ich das, was jetzt ist, erreicht habe. Ich wünschte, ich könnte meinem Mann etwas von dem, was da jetzt an Ruhe, Frieden, Gelassenheit, Zuversicht in mir ist, abgeben, aber das funktioniert leider nicht. Das einzige, was funktioniert, ist, dass wir darüber reden und miteinander unsere Gedanken und auch Empfindungen teilen.

    Was zukünftige „echte“ Schicksalsschläge betrifft, so hoffe ich, dass dieser Satz „Ich hab Vertrauen in mich“, der für mich erst vor wenigen Wochen stimmig und wahr geworden ist, mich auch dann tragen wird.

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Stimmt, durch das "gezielte" Suchen der eher schönen Momente (bzw. wie ich sie eben gerne hätte) kann es vorkommen, dass sich schon wieder das Blickfeld einengt und ich die sprichwörtliche Blume am Wegesrand nicht mehr wahrnehme. Ja, ist wirklich schwer zu beschreiben, wie es genau funktioniert, ohne Bewertung wahrzunehmen. Ich denke, es hat etwas mit "im Hier und jetzt sein zu tun", im Augenblick leben zu tun, was ja des öfteren nicht gelingt. Oft hängt man in der Vergangenheit oder in Zukunftssorgen fest. (ich schreibe z.B. gerade diesen Text und in meinem Kopf dreht es sich schon wieder, was ich dann noch zu tun habe ;)

    Als ich in der Klinik vom Personal ständig mit diesem Spruch „Seien Sie im Hier und Jetzt.“ - sinngemäß zitiert - konfrontiert wurde, hat mich das nicht selten überfordert und auch genervt.
    Das wirkte zu dem Zeitpunkt für mich oft wie eine bloße Phrase. Nicht selten haben wir Patienten uns mit diesem Spruch gegenseitig aufgezogen und darüber amüsiert.

    Ich kannte und kenne das auch, in der Vergangenheit oder in Zukunftssorgen festzuhängen. Damals hing ich auch noch in meinem ziemlich miesen psychischen Zustand fest. Wer will da schon gerne im Hier und Jetzt sein. 🤪


    Im Laufe der Zeit aber lernte ich dieses Innehalten schätzen und auch auszuhalten. In einer Meditation, die ich von meiner Meditations-App kenne, habe ich den Satz „Nicht jetzt!“ kennengelernt und er hat sich in meinem Kopf etabliert. Wenn sich bei mir beim reinen Wahrnehmen Gedanken an die Vergangenheit oder Zukunft wie Wolken in meine Aufmerksamkeit schieben wollen, sage ich mir und diesen Gedanken „Nicht jetzt!“. Verinnerlicht hat sich in mir inzwischen die Wahrheit, dass „Alles seine Zeit.“ hat. Für Gedanken an Vergangenheit und Zukunft ist auch Zeit da und ich nehme mir die Zeit auch, aber nicht unbedingt „Jetzt“. 😀

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Ein schöner Faden und schon so viele gute Gedanken.

    In den Tiefen des Forums habe ich ein schönes Gedicht gefunden, das, wie ich finde, gut hier mit ins Thema passt. Es ist vom persischen Sufi-Dichter Rumi, und somit im 13. Jahrhundert entstanden:


    Das Gasthaus

    Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus.

    Jeden Morgen ein neuer Gast.

    Freude, Depression und Niedertracht –

    auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit

    kommt als unverhoffter Besucher.


    Begrüße und bewirte sie alle!

    Selbst wenn es eine Schar von Sorgen ist,

    die gewaltsam Dein Haus

    seiner Möbel entledigt,

    selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll.

    Vielleicht bereitet er dich vor

    auf ganz neue Freuden.


    Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –

    begegne ihnen lachend an der Tür

    und lade sie zu Dir ein.


    Sei dankbar für jeden, der kommt,

    denn alle sind zu Deiner Führung

    geschickt worden aus einer anderen Welt.


    Den achtsamen Umgang mit meinen Gefühlen erlernte ich selbst erst wirklich mit dem aktiven Ausstieg aus meiner Konsumproblematik. Und, das war tatsächlich mit ein bedeutender Teil meiner Motivation und meines Antriebes: ich wollte die Welt und meine Gefühle wieder pur erleben. Ungefiltert und echt. Alle.

    Achtsamkeit leitet sich ja auch vom selben Wortstamm her wie „Achtung“. Es hat also auch damit zu tun, wie aufmerksam ich Dingen begegne. Welche Aufmerksamkeit ich meinem Inneren und den Dingen um mich gebe. Für mich ist auch sehr wichtig geworden, welche Aufmerksamkeit ich anderen Mitmenschen, also meinem Gegenüber entgegenbringe.

    Den Wortstamm Achtung kann ich weiterhin auch in anderem Sinne verstehen, also nicht nur im Sinne des Signals „Achtung“ - sondern auch darin, welche Achtung, also Wertschätzung, ich mir Selbst, einem Mitmenschen, oder auch der weiten Welt die mich umgibt, schenke.

    - Mojo -

  • Achtsamkeit:

    Für mich beinhaltet das die Aufmerksamkeit auf mich zu richten und mich zu fragen ,wie es mir mit Situation xy geht und mir die Erlaubnis zu geben ,meinen Bedürfnissen zu lauschen anstatt außen vorgegebenen Erwartungen zu folgen und mich zu verbiegen,damit das Außen zufrieden ist.

    Nicht immer ist das möglich und doch ist es wichtig, nach einer Balance zu schauen,sodass ich mir Abends in den Spiegel schauen kann und sagen kann ,was am Tag gut für MICH gelaufen ist.

    Das aktive Tun für einen selbst ,für sich einstehen, sein Leben gestalten und zwar so ,dass ich mir Momente der Zufriedenheit schaffen kann.

    Mit Alkohol war dies komplett ausgeschlossen, das wird mir immer bewusster und klarer.

    Alkohol und Achtsamkeit geht nicht zusammen.

    Achtsamkeit ist erst möglich, wenn die Sucht aufgegeben werden kann.

  • Achtsamkeit ist erst möglich, wenn die Sucht aufgegeben werden kann.

    Oh ja, das stimmt.

    Bevor mir der Suchtausstieg gelang lief mein Leben eigentlich eher so nach dem Prinzip "Trial an Error". Ich hatte keinen wirklichen Plan, aber ziemlich oft einfach nur irgendwie Dusel und Glück. Darum hatte ich auch das Gefühl ein besonders reichhaltiges und intensives Leben zu führen. Aber oft genug auch, wenn der Massel halt mal nicht half, griff eben die zweite Hälfte des Prinzips und zeigte: Tilt!

    Da ist meine innere Führung in dem Leben das ich jetzt führe doch in einer weitaus solideren und nachhaltigeren Basis aufgestellt. Ich bin sehr froh drum.

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