Beiträge von rent

    Hallo Stefanie,

    von mir auch noch ein herzliches Willkommen und gutes Ankommen.

    Schön das du deinen Weg jetzt schon seit Februar nüchtern gehst.


    Aber ich hörte mir eine Stunde 'Seminar' an, macht nen Test und da hatte ich endlich das schriftlich was ich irgendwie immer wusste, jedoch vom Umfeld meist anders gespiegelt bekam

    Ich finde, im Inneren spürt man schon, was richtig und falsch läuft, egal was die Umwelt dazu sagt.

    Die Podcasts von Natalie Stüben höre ich übrigens auch recht gerne. Mir hat die Identifikation mit den Geschichten/ Leuten geholfen, da eben das Wort "Alkoholiker" (noch?) mit einem großem Stigma behaftet ist und ich das lange Zeit nicht für mich annehmen wollte.

    LG Rent

    Warum erwähne ich das so gross? Es waren die Momente wo ich spürte ich bin den Anderen auch etwas wert. Da steht jemand hinter mir. Gern hätte ich solche Momente mit meinem Vater erlebt.

    Ich denke, jeder Mensch hat das Verlangen nach Annahme, welche er als Kind in erster Linie in den Eltern zu finden versucht. Dazu kommt noch das Bestreben, sich den Gepflogenheiten der eigenen Familie anzupassen, man versucht latent das nachahmen, was man (vielleicht sogar eher vom Vater) vorgelebt bekommt.

    Bei einer dysfunktionalen Familie bzw. wie ich es kennengelernt habe, fehlt eben diese Schnittstelle, dieses Spüren, dass ich etwas wert bin, diese bedingungslose Annahme. Ich hatte nie einen Vater gehabt und mein späterer Stiefvater hat auf seine psychopatische Weise mein Wertgefühl zusätzlich herabgesetzt, sozusagen nochmal richtig den Vogel abgeschossen.

    Mir nimmt das aus heutiger Sicht viel von dieser Schuld, die ich mir auf Grund meiner Vergangenheit und meiner nicht optimale Gegebenheiten immer selbst zugesprochen habe.

    Anderseits ist es halt wie es ist. Es ist gewesen und ich kann es rückwirkend nicht mehr ändern.

    Aber ich kann JETZT Verantwortung für mein Leben übernehmen und versuchen, die Dinge, die ich als Kind als sehr "kontraproduktiv" erlebt habe, jetzt anders, besser zu machen und dieses dysfunktionale "Erbe" nicht weiter fortzuführen. So gut ich das eben kann und mir bewusst ist.

    Ich denke, man sieht die Geschichte immer aus der Perspektive seines eigenen Erlebens und der eigenen Erfahrung. Und niemand will, dass z.B. die eigenen Kinder oder vertraute Menschen Dinge durchmachen müssen, die man bei diesem verzweifelten Wahnsinn erlebt. Bei dem Gedanken daran würde mir echt das Herz brechen. Andererseits ist es beinahe notwendig?, dass der Mensch negative Erfahrungen macht und sich auf Grund dieser zum Besseren entscheiden kann.

    Ok bei einer fortschreitenden Sucht habe ich diese Entscheidung nicht mehr ganz "selbst" in der Hand. (Das erinnert mich an das Gespräch mit einem Arbeitskollegen, der in einem anderen Kontext der Meinung ist, man muss sich einfach nur entscheiden und gut ist. So einfach finde ich das manchmal nicht. Und wer nie süchtig war, kann dort überhaupt nicht mitreden.)

    Und das bedeutet auch nicht, dass ich meinen Kindern, wenn sie alt genug sind, um Alkohol zu trinken (Wann ist man eigentlich alt genug dafür, da geht es doch schon wieder weiter...) einen Kasten Bier hinstelle oder eine Bong vorbereite.

    Ich werde immer versuchen, mit "gutem" Beispiel voranzugehen, Alkohol in meinem Haus nicht zu unterstützen, sie vor den Gefahren warnen bzw. meine Erfahrungen den Kindern mitzugeben. Ich muss ihnen aber auch ihre eigene Entscheidungsfreiheit lassen. (wenn sie alt genug dafür sind)

    Mich erinnert das Ganze ein wenig an Hesses "Siddhartha", als Siddhartha seinen Sohn genau vor den Fehlern bewahren wollte, die er selbst durchlebt hat und die Erfahrung, dieses Erleben für seinen eignen Weg gebraucht hat.

    Das klingt irgendwie wie etwas nach, "nehmt Drogen und macht eure eigenen Erfahrungen", aber das ist es nicht. Ich will z.B. meine Kinder von Herzen vor den "Erfahrungen" bewahren, die ich durchlebt habe. Ich bin mir aber auch im Klaren, dass ich das nicht 100% kann.

    Insgesamt sehr schwierig, diese ganze (Bier)-Kiste...

    Ich finde diesen Missionierungseifer in vielen Bereichen des Lebens vertreten und manchmal echt nervig. Man hat für sich selbst etwas entdeckt und möchte das "Gute" dann allen anderen überhelfen. Im religiösen Bereich kommt noch eine Verdammnis dazu, wenn ich vielleicht nicht so oder so lebe bzw. der dort vorherrschenden Dogmatik folge. Und das ist etwas, wodurch meine innere Freiheit verloren geht.

    Im Suchtbereich erinnern mich auch viele Diskussionen an Aesops Fabel mit dem Fuchs und den Trauben. Nur weil ich an die sprichwörtlichen "Wein"trauben nicht mehr herankomme, spreche ich sie auch jedem anderem ab. Bzw. ich versuche den anderen zu bekehren und damit meinen Weg zu bestätigen. Ich bin somit nicht mehr allein damit. Mich erinnert das auch ganz stark an einen Vertreter eines anderen Forums, der immer nur SEINEN Weg propagiert hat und zumindest mir damit keinen Raum mehr gelassen hat.

    Das ist meine Ansicht und ich muss wirklich sagen, dass in meinem jetzigen näheren Umfeld moderat und kontrolliert getrunken wird. Ich derjenige bin, der mit Alk&Co ein Problem hatte und mich deshalb nicht in der Pflicht eines Bekehrungsgurus empfinde.

    Alkohol/ Drogen sind ein großes Problem und ich kann nur mit meinem Leben, meiner Lebensart zum Bsp. meinen Kindern zeigen, dass ein Leben ohne Drogen möglich ist. Ich weiße z.B. auch meine Kinder auf die Gefahren hin, aber verteufele den Alkohol nicht, weil in mir zumindest eben dann wieder dieser Rebell herauskommen würde, der denkt, ihm würde irgendetwas vorenthalten und probieren würde.

    Ich sehe das ganz genauso, wie Bighara und würde meine Sicht der Dinge, MEINE Erlebnsse schildern.

    Es geht mir darum, MICH, MEIN Leben zum positiven zu verändern und nicht mein Problem vielleicht noch in andere Personen projizieren. Was dort zweifellos vorhanden sein kann, aber nicht in meiner Hand liegt.

    Und ich bin auch ein Mensch, der Entscheidungsfreiheit zum Guten wie zum Bösen braucht und nicht bekehrt werden möchte. Gerade diese Bekehrung löst in mir den Rebellen aus, der sagt, "Jetzt erst recht".

    und wurde von seiner Frau angeschrien, warum er gerade an genau dieser Bank stehen würde, mit wem er gerade v........ würde, er solle sofort nach Hause kommen.
    Stellt sich raus, der gute Mann lässt sich von seiner Frau tracken. Seine Aussage: "wenn ich mich tracken lassen, muss ich nicht erklären, wo ich gewesen bin........"

    Nach der Begebenheit schlief der Kontakt wieder ein für knapp 1,5 Jahre. Das erholte sich dann nach und nach wieder, ich bin ja nicht nachtragend. In der Zwischenzeit, ich wisst es ja, hab ich mein Leben auf links gedreht und ziemlich stark auf eine gesunde, sportliche Lebensweise umgestellt.

    Das wurde in einem kürzlich geführten Telefonat auch etwas länger zum Thema. Man muss dazu wissen, mein Kumpel war nicht der schlankeste, aber mittlerweile ist er auf einem Level, wo man stark darüber nachdenken sollte, was zu tun. Denn so langsam, mit Mitte 40, schleichen sich auch Probleme ein.

    Und jetzt kommt es: Gestern, wir saßen zusammen vor seiner Firma, tranken einen Kaffee weil ich gerade in der Nähe war, kommt seine Frau wie eine Furie auf den Hof gefahren.
    Würdigt mich keines Blickes, drückt ihm eine Tüte vom Bäcker in die Hand

    Die ganze Geschichte erinnert mich an die Freundin meines Bruders. Ich hatte mit meinem Bruder, bevor er sie kennenlernte, ein super Verhältnis. Sie hatte den Hauptanteil daran bzw. sie hat ihn regelrecht manipuliert, dass ich mich mit meinem Bruder sehr stark auseinandergelebt habe, obwohl unsere Kinder im relativ gleichen Alter waren und somit Schnittmengen und Kontakt, wenigstens der Kinder wegen, möglich gewesen wären. Aber bis ein paar anstrengende und gezwunge Standart-Familienfeiern, die ich zumindest im letzten Jahr gottseidank ohne Alk&Co. "durchgestanden" habe, ist nie ein Kontakt gewünscht worden. Ich gebe in der Hinsicht aber auch meinem Bruder eine große Mitverantwortlichkeit, weil er ihr Spiel mitgemacht hat.

    Nun haben sie sich seit ein paar Monaten getrennt, was vor allem für ihre beiden Kinder natürlich auch nicht einfach ist. Aber mir fällt es total schwer, mit meinem Bruder, der mich in dem Sinne auch wissentlich über Jahre abblitzen lassen hat, wieder ein normales Verhältnis aufzubauen. Es hat etwas damit zu tun, einer erneuten Enttäuschung zuvorkommen, zumal das der Charakter und die Lebensart von meinem Bruder bzw. wie ich ihn kenne, unter Umständen wieder hergeben würde. Trotzdem schwierig, die Sache, naja die Familie kann man sich eben nicht aussuchen.

    Nun ja, so tragen wir alle unsere Rucksäcke durch die Gegend, ich bin froh, das meiner um einiges, deutlich leichter geworden ist :)

    Habt einen schönen Christi Himmelfahrt / Vatertag, was immer ihr feiern solltet.

    Im Bezug auf meinen obigen Beitrag bin auch total froh, dass mein Rucksack deutlich leichter geworden ist und sich zumindest nicht mehr die klappernden Flaschen darin befinden.


    Apropos klappernden Flaschen, Rucksack und Himmelfahrt:

    Ich habe mich heute in die Höhle des Löwen gewagt. Wir hatten heute eine sehr schöne Vatertagswanderung unternommen und sind natürlich unvermeidlicherweise gröhlenden, besoffene Pulks "ehrbarer Väter" oder einfach Leuten, die keine Gelegenheit auslassen, um zu saufen, begegnet. Nach der 3 oder 4 Menschenansammlung dieser "fröhlichen" Leute, an der wir auf engem Wanderwege immer wieder vorbei mussten, ging mir das echt auf den Sack. Zumal viele auch ein Kommunikationsverhalten entwickeln, was vielleicht gut gemeint ist, aber eher nervt. Und wenn du manche rotgesichtige Leute mit wässrigen, trüben Augen und Verlust jeglicher Grob- und Feimotorik aus der nüchternen Perspektive betrachtest, weiß du wirklich was das Prädikat "steif" zu bedeuten hat.

    Ich war wirklich froh, ab und zu ein paar Leuten zu begegnen, die ihren Ehrentag gemäßigt gefeiert haben oder wie wir, einfach nur wandern waren. Was mich persönlich wirklich gefreut hat, als wir in einem Biergarten einkehren waren, wo logischerweise frischperlende, kondensbeschlagene Plastikbecher mit golgelber (und früher glücksverheißender) Flüssigkeit auf jedem Tisch standen, hat mich das absolut null gejuckt. Ich habe meine Cola oder mein Wasser getrunken, als hätte ich nie was anderes gekannt. Da war kein Nachtrauern, kein Gedanke daran, nichts.Ich war regelrecht stolz darauf "anders" zu sein. Das hat auch was Rebellisches, ich bin sozusagen ein Sober-Punk ;)

    Morgen früh werde ich ohne verzweifelten Kater, ohne Scham-und Schulgefühle und ohne Filmriss aufstehen, mit dem Wissen, das Richtige gemacht zu haben.

    Nüchtern sein ist einfach geil :)

    Ich habe und gewinne durch meine Nüchternheit viel mehr dazu, als das, was hinter mir liegt und im Prinzip nur eine verklärte Illusion ist/ war.

    Was genau gewinnst du durch deine Nüchternheit?

    Ich kann deinen Satz bestätigen, aber es fällt mir schwer ,meinen Mehrgewinn zu definieren.

    Es ist eine Mischung aus : Freiheit, Echtheit (?), keine Verklärung mehr , Wohlbefinden, Authentizität.

    Hallo Oran-Gina ,

    ich habe heute lang überlegt, wie ich dir meinen Mehrgewinn veranschaulichen kann.

    Du bringst die Sachen ja im Prinzip schon selber gut auf den Punkt: Es ist eine Mischung aus : Freiheit, Echtheit (?), keine Verklärung mehr , Wohlbefinden, Authentizität.

    Ich würde vielleicht noch eine höhere Stressresistenz bzw. Gelassenheit und vor allem eine achtsamere, liebevollere Sicht/Wahrnehmung auf mich und meine Umwelt hinzufügen und das "Paket" vielleicht als neues, echteres? Lebensgefühl bezeichnen. Beinahe wie früher als Kind, bevor ich Alk&Co für mich entdeckt hatte. Es ist aber auch ein Lebensgefühl/ Wahrnehmung meines Lebens wonach ich schon in Suchtzeiten Sehn"sucht" hatte. Ein Leben, was von mir gelebt wird, ein Leben wo ich meine Entscheidungen nicht mehr unter die Suchtmechanerie stellen muss und ich frei von Suchtdruck, Scham- und Schuldgefühlen, frei von Ängsten und verzerrter Selbwahrnehmung bin.

    Vermutlich waren bei mir auch die Schuld(gefühle) ein großer Faktor gewesen, welche mich sehr gefangen genommen haben und verhinderten, dass mein Leben in den Flow kommt bzw. mich von meinem echten Leben getrennt haben. Und diese Schuld trage ich nun nicht mehr mit mir herum. In Verbindung mit noch vielen anderen positiven "Nebeneffekten" (kein Crawing mehr, Ausgeglichenheit und gesunden Schlaf, insgesamt besseres Körpergefühl und Wohlbefinden und in der Überzeugung, das "Richtige" getan zu haben, abends nüchtern ins Bett zu gehen und morgens nüchtern aufzustehen) erlebe ich das als eine große Befreiung und einen großen Gewinn.

    Mein Leben hat natürlich nach wie vor Höhen und Tiefen, aber ich habe jetzt eine andere Sichtweise auf viele Dinge. Alles was gut klappt, aber auch das, was ich versemmele oder was ich nicht in der Hand habe, schreibe ich nicht mehr der Droge oder den Nachwirkungen selbiger zu, sondern kann jetzt alles zu einem gewissen Teil gelassener und ohne latente Schuld betrachten. Das nimmt mir auch viel von diesem Getriebensein und diesem um alles kämpfen, mich immer verbiegen/ verstellen/ etwas verheimlichen zu müssen.


    Ich habe hier nochmal meinem vorherigen Beitrag zitiert, um die Suche nach diesem Lebensgefühl/ dieser klaren Wahrnehmung zu verdeutlichen, welche für mich eine große Motivation war, "sehnsüchtig" das Exit anzustreben.

    Vielleicht klingt das auch etwas paradox, ich habe sozusagen über die Sucht und die Sehnsucht, womit ich eigentlich vor mir weglaufen wollte, zu mir gefunden bzw. bin natürlich immer noch dabei :)

    Der Rausch/ die Droge war ein Teil meiner inneren Suche. Einer Suche nach Freiheit und dem wahren Selbst, was wahrscheinlich unter vielen dicken Schichten dysfunktionaler Prägung und Erziehung, sozusagen unter einer ungünstigen Konditionierung von innen und von außen steckt. Ich versuche dieses erlebte Gefühl der Freiheit und des “wirklich Seins”, diese “Golden Moments” auch nebenher in meiner Geschichte abzubilden. Und ich habe diese Erfahrungen, die klaren Momente nicht nur auf Droge gehabt, sondern oft auch in kürzeren oder längeren Zeiten meiner nüchternen Episoden. Es fühlt sich an, wie ein Leben, was wirklich gelebt wird, beinahe wie ein Geschenk. Sozusagen MEIN Leben, was hinter dieser ganzen Fassade aus Sucht, falschen Kompromissen, Schönrederei, Lügen, Selbstanklagen und Ängsten steht.

    Vielleicht haben ja auch viele dieses “echte” Leben schon immer und denken überhaupt nicht darüber nach, weil es für sie “normal” ist. Nur war es bei mir eben nicht so. Aber auch in Gesprächen z.b. mit meiner Frau, aber auch mit anderen tauchte immer wieder die Frage auf, warum man denn immer seinem Leben hinterher rennt, getrieben wird und entweder in einer (verklärten) Vergangenheit oder in Zukunftssorgen festhängt, sozusagen nie im “Jetzt” lebt. Oder eben dafür Drogen, den Rausch benötigt, um kurzzeitig diesen Zustand zu erreichen bzw. um sich mal kurzfristig auszuklinken.


    Ich hoffe, ich konnte das irgendwie etwas erläutern. Es ist schwer, Dinge, Gefühle und Wahrnehmungen zu definieren, die man nicht richtig fassen kann, die sich aber für mich richtig anfühlen.

    LG Rent

    In dem Thread sind so viele gute Gedanken, dass es wahrscheinlich bis heute Abend dauern würde, zu jedem einzelnen noch den eigenen Senf dazuzugeben.

    Nur noch kurz zu einem Gedanken, der mich persönlich sehr anspricht.

    Aber irgendwo begleitete mich auch immer so ein Teil einer inneren Suche. Teilweise auch verzweifelt. Etwas in mir, das ich spürte dass es gelebt werden wollte, ich aber nicht dran kam. Ich bekam es nie richtig zu fassen. Schwer zu beschreiben. Wie eine Begrenzung meiner eigenen Persönlichkeit und meines Lebens, die ich noch zu durchbrechen suchte. Aber ich fand nie den Ansatz. Es war immer nur eine Ahnung. Ein verborgenes Bild. Und ich fand keine andere Antwort darauf, als in den Rausch, ganz gleich welcher Droge die ich konsumierte, irgendeine Art Transzendenz hinein zu interpretieren.

    Ich kann diese Gedanken sehr gut nachvollziehen. Der Rausch/ die Droge war ein Teil meiner inneren Suche. Einer Suche nach Freiheit und dem wahren Selbst, was wahrscheinlich unter vielen dicken Schichten dysfunktionaler Prägung und Erziehung, sozusagen unter einer ungünstigen Konditionierung von innen und von außen steckt. Ich versuche dieses erlebte Gefühl der Freiheit und des “wirklich Seins”, diese “Golden Moments” auch nebenher in meiner Geschichte abzubilden. Und ich habe diese Erfahrungen, die klaren Momente nicht nur auf Droge gehabt, sondern oft auch in kürzeren oder längeren Zeiten meiner nüchternen Episoden. Es fühlt sich an, wie ein Leben, was wirklich gelebt wird, beinahe wie ein Geschenk. Sozusagen MEIN Leben, was hinter dieser ganzen Fassade aus Sucht, falschen Kompromissen, Schönrederei, Lügen, Selbstanklagen und Ängsten steht.

    Vielleicht haben ja auch viele dieses “echte” Leben schon immer und denken überhaupt nicht darüber nach, weil es für sie “normal” ist. Nur war es bei mir eben nicht so. Aber auch in Gesprächen z.b. mit meiner Frau, aber auch mit anderen tauchte immer wieder die Frage auf, warum man denn immer seinem Leben hinterher rennt, getrieben wird und entweder in einer (verklärten) Vergangenheit oder in Zukunftssorgen festhängt, sozusagen nie im “Jetzt” lebt. Oder eben dafür Drogen, den Rausch benötigt, um kurzzeitig diesen Zustand zu erreichen bzw. um sich mal kurzfristig auszuklinken.

    Um nochmal auf die Motivation zurückzukommen, mich motiviert diese “Suche” nach meinem Leben, dieser Freiheit, die ich jetzt in Ansätzen immer wieder erlebe, diese positive Lebensveränderung deutlich mehr, als wenn ich mich als ewig krank sehe und mir vorgebe, dass mit dem nächsten Schluck oder der nächsten Pille alles aus ist und der Rückfall kommt, der sich gewaschen hat.

    Ich bin Alkoholiker/ Süchtiger ohne Frage und ich weiß das der nächste Schluck wieder alles aufweichen und letztendlich wegspülen würde, was bis jetzt gewachsen ist. Aber mir hilft diese Sichtweise auf eine positive Lebensveränderung um so vieles mehr, weil sie mir Hoffnung gibt und mich nicht selbst “auf ewig krank” sehen lässt.

    Auch für mich ist es also ein absolut kostbares Geschenk.

    Und genau das ist auch meine Sichtweise, ich habe nicht irgendentwas "aufgegeben" weil ich musste. (Klar, hätte ich weiter gemacht, wäre es bestimmt nicht gut ausgegangen)

    Ich habe und gewinne durch meine Nüchternheit viel mehr dazu, als das, was hinter mir liegt und im Prinzip nur eine verklärte Illusion ist/ war.

    Darauf konfrontierte mich die Beraterin umgehend mit der direkten Frage: „Können Sie sich vorstellen nie wieder im Leben einen einzigen Tropfen Alkohol zu trinken? Nie wieder!?“ Ich dachte kurz nach. Und - ich wollte in dieser Situation zu 100% ehrlich sein. Ich sagte also, was einfach der Wahrheit entsprach, dass ich mir das ehrlich ges

    Das kann ich sehr gut nachvollziehen, der Gedanke erzeugt ja zum "normalen" Sucht-Alltag, den man nur mit Hilfe seines Tonikums durchgestanden hat, noch einmal eine Extraportion Stress und eine riesen Berg.

    Wenn ich darüber nachdenke, habe ich lange diesen Gedanken verdrängt und wollte es nie wahrhaben. Ich habe mich immer wieder versucht zu beruhigen, indem ich mir wieder und wieder gesagt habe, ich MUSS einfach versuchen, weniger zu trinken, wieder versuchen einige Tage auszusetzen und wieder die Kontrolle zu erlangen. Ich habe sozusagen immer wieder den Stein den Berg hochgerollt und durch den unvermeidlichen Kontrollverlust alles wieder zunichte gemacht. So etwas sägt auch sehr schön am Selbstvertrauen und dem Glauben es jemals zu schaffen.


    Im Frühjahr 2014 hatte ich den Karren mal wieder so richtig im Dreck. Hier kamen aber zwei entscheidende Punkte hinzu: eine Depression nahm zusehends überhand, und im Rausch, vor allem Nachts, nahmen konkrete Gedanken an Suizid greifbare Gestalt an. Da erkannte ich definitiv: das bin nicht ich! Denn eine Sache die sehr tief in mir verwurzelt ist, ist die Achtung vor dem Wunder des Lebens. Ich wusste nun ganz klar und deutlich: etwas fremdbestimmtes hatte Macht über mich gewonnen. Und ich wollte mich davon befreien!

    Das kommt mir auch sehr bekannt vor. Ich habe mich teilweise fremdbestimmt gefühlt, wie als hätte etwas Macht über mich und diese Entität wollte mir mein Leben wegnehmen. Bei mir kamen auch noch Schuldefühle dazu, sozusagen alleinig "Schuld" an dieser Misere zu sein und immer wieder diese Entität mit neuer "Flüssignahrung" genährt zu haben.

    Im Nachhinein klingt das schon ganz schön verrückt, was es ja zu dem Zeitpunkt auch war.


    Ich begann wieder mal mich zu informieren, gelangte aber diesmal an andere Quellen. Darin war zum Beispiel auch die Rede davon, dass in anderen Ländern Europas und in den Staaten andere Ansätze Geltung finden als nur die reine Abstinenz. Auch in den deutschen Quellen fanden sich mitunter dezente Hinweise/Anzeichen darauf, dass Kontrollverlust und Suchtgedächtnis nicht für alle und jeden unbedingt irreversibel sein müssen, und dass es anscheinend einen bestimmten (geringen?) Prozentsatz zu geben scheint die zu unproblematischen Konsumverhalten zurückgefunden haben.

    Ich bin davon überzeugt, dass es das gibt. Mein Opa z. b. hat früher auch täglich sehr viel getrunken, hat aber die letzten Jahre seines Lebens den Konsum für seine Verhältnisse doch sehr reduziert. Ok, da kamen auch noch verschiedene Krankheiten dazu und sehr alt ist er nicht geworden.

    Aber wenn mein Suchtgedächtnis liest, dass es für einen geringen Prozentsatz "Hoffnung" zu unproblematischen Konsumverhalten gibt, fängt es gleich mal an zu betteln und nach einem Hintertürchen zu suchen. Nein, lieber Rent, das geht wohl leider nicht mehr ;)

    Das erinnert mich übrigens an eine Episode mit einer Exfreundin, der ich trotz Totalveraschung ihrerseits noch lange nachgetrauert habe. Als sie mir in einer sentimanetalen Regung den Vorschlag gebracht hatte, ob wir es denn nicht "doch noch mal miteinander versuchen" sollten, hat mein Herz hat bei dem Vorschlag auch kurz mal einen Hoffnungsseufzer gemacht. Das wäre aber genauso in die die Hose gegangen, wie der anstrengende Versuch des kontrolliereten Trinken in den letzten vergangenen Jahren.


    Ich war zu diesem Zeitpunkt für dies alles, und mehr, komplett offen. Für mich war nur klar, jetzt gerade, jetzt in diesem Moment geht es nicht. Ich will mich von dem was mich fremdbestimmt und wie ferngesteuert lenkt, befreien! Und so konnte ich persönlich meine ersten Schritte gehen - und damit eine lange, intensive und bedeutungsvolle Reise in ein suchtfreies Leben beginnen.

    Mojo , was ich meine, bei dir herauszulesen und ich ähnlich empfinde, es geht um HOFFNUNG und positives Offenbleiben.

    Hoffnung, einen Weg für sich aus dem scheiß Kreislauf zu finden. Hoffnung, die ich zuletzt im Prinzip nur noch im berauschend Zustand hatte und die mit dem sinkenden Alkohol Pegel in meinem Blut ebenso sank. Und die Konfrontation im ernüchterten Zustand mit dem Fakt "Nie wieder einen Tropfen Alkohol" und "Alkoholiker - auf Ewig krank" hat bei mir eher Verzweiflung als Hoffnung erzeugt. Diese Verzweiflung hat mich immer enger, angstvoller, verbitterter gemacht und zusätzlich niedergedrückt.

    Und ich finde, gerade dieses Offenbleiben für eine positive Lebensveränderung ist sehr wichtig. Und wenn der Gedanke, dass es jetzt gerade im Moment nicht geht, ich (im Moment) nichts trinken kann und wer weiß, wie es irgendwann aussieht, Hoffnung spendet, ist das allemal besser, als wenn ich mir als Verzweiflung vor der riesigen Wand verbittert die nächste Flasche aufmache, mich aufgebe oder auf ewig das Damoklesschwert des Rückfalls über mir baumeln sehe. Es geht halt darum, für sich den besten Weg herauszufinden.

    Ich muss aber auch sagen, dass aus meinem persönlichen Erleben das Zurückfinden zum unproblematischen Suchtverhalten nicht geklappt hat. Aber das war eben MEIN Weg und hätte ich die Erfahrung des (un)kontrollierten Trinkens nicht gemacht, würde ich wahrscheinlich heute noch dem Alk hinterher trauern.


    Das Bewusstsein, dass das eigene Leben wertvoll ist.

    Diesen Satz, der ja die obigen Gedanken auch nochmal einfängt, stimme ich vollkommen zu, muss ihn mir von Zeit zu Zeit immer wieder neu bewusst machen.

    Warum ist es an einem bestimmten Punkt auf einmal möglich aus einer Sucht auszusteigen, und, warum war/ist es mir vorher nicht möglich gewesen?

    Wenn ich darüber nachdenke, habe ich die Sucht über Jahrzehnte mit mir herum geschleppt.

    Von meinem Inneren her gab es über die Jahre immer wieder den Impuls, eine Sehnsucht, nicht zu trinken, wirklich frei zu sein. Ich tat etwas bzw. musste etwas tun, was sich nicht richtig anfühlte. Es gab auch Handlungen, in/nach denen ich mir sagte, was machst du hier eigentlich, das bist du doch überhaupt nicht. Dazu kamen noch von außen die Einschläge, privat wie beruflich und auch gesundheitlich immer näher.

    Andererseits habe ich das Trinken/ den Rausch geliebt. Es war mein ganz privater Himmel, den ich nie hergeben wollte. Ich hatte aber auch immer wieder (kurze) abstinente Zeiten, in den ich gespürt habe, wie gut es sich anfühlt und lebt, nüchtern und frei zu sein. Und diese Momente haben mich immer wieder suchen lassen, Hoffnung gegeben und hochgehalten. Hätte ich diese Momente nicht gehabt, wäre es bestimmt sehr schwierig geworden.

    2009 hatte ich mein Leben so ins Abseits gefahren, dass ich nicht mehr ein noch aus wusste. Auch das ganze Umfeld, der sogenannte Freundeskreis und die damit einhergehen Strukturen haben mich nur noch angekotzt. Ich habe mich total in einem fremdbestimmten Leben gefangen gefühlt, welches nicht mehr meins war.

    Ich hatte es dann auf Grund dieser Verzweiflung, aber noch mehr auf Grund der früher erlebten nüchternen Momente bzw. eher die Suche nach diesen, geschafft, für Jahre trocken zu bleiben. Mein Leben hatte sich in der Zeit sehr gut repariert, aber irgendwie hat mir der Alk über die ganzen Jahre gefehlt, es war so, als hätte man das Beste aufgegeben. Alle anderen "dürfen", nur ich eben nicht.

    2018 - 2022 hatte ich dann versucht, wieder kontrolliert zu trinken und war dann Ende 2022 fast wieder auf altem Pensum bzw. zum heimlichen Spiegeltrinker gewechselt.

    Mir ist zum Schluss (wie damals 2009) wieder vor mir selber Angst geworden und ich hatte außerdem Angst, mir wieder den vergangenen Affenzirkus in mein Leben zu holen und alles wieder kaputt zu machen.

    Dazu muss ich auch sagen, dass der Rausch mich nicht mehr so gekickt hatte wie früher, es war eher so ein trübes Level-Halten. Und verbunden mit den starken Schuldgefühlen, sozusagen etwas zu tun, was nicht "richtig" ist, war der Reiz des Trinkens in der Waagschale keine wirkliche Alternative mehr.

    Im Prinzip war die Sehnsucht nach Freiheit größer als der Drang nach dem Rausch. Durch das Wiederaufnehmen des Trinkens/ meine letzten 4 Spiegeltrinker-Jahre habe ich aber auch gemerkt, dass ich immer einer Illusion/ eine Erinnerung nachgetrauert habe und das Trinken nicht so geil war, wie ich es mir immer vorgestellt habe.


    Ich habe noch ein paar andere Gedanken zum Thema, muss aber dann erstmal los...

    Der Fachkräftemangel führt aktuell in der Tat zu einem unausbalancierten Arbeitsmarkt zu Gunsten der Arbeitnehmer. Der Höhepunkt ist aber vermutlich schon überschritten. Die Wirtschaftsdaten in Deutschland kennen seit Monaten nur eine Richtung: nach unten. Die politischen Degrowth- und Wir-retten-die-Welt-Phantasien, die weltweit an der Spitze liegenden Energiepreise und der Bürokratie-Irrsinn führen bereits aktuell zu massiven Abwanderungen. Miele ist nur ein Beispiel von vielen. Die Dynamik nimmt noch zu. KI wird demnächst bei Brainworkern, die bisher von Rationalisierungsmaßnahmen weitestgehend verschont blieben, zur Substitution von Jobs durch Maschinen führen. Wenn man wirklich gut ist, muss einen das nicht kirre machen, aber den von Dir skizzierten Optimismus teile ich - zumindest mittelfristig - nicht.

    Ich muss sagen, dass ich vielleicht oft nicht weit über meinen eigenen Tellerrand hinausblicke und die globalen Entwicklungen eher weniger im Blick habe, die meiner Ansicht nach in heutigen Zeiten sowieso nicht stetig und nicht komplett vorhersehbar sind.

    Aber wie ich die Situation bei mir auf Arbeit, bei meiner Frau und auch anderswo erlebe, werden schon "händeringend" Fachkräfte gesucht. Ich kenne noch die Zeit, wo man früher beinahe froh sein konnte, wenigstens irgendwas bekommen zu haben. Und gerade diese "Urängste" stecken zum Teil noch viel in meiner Generation und wird eben gegebenenfalls noch als latentes Druckmittel von der Führung benutzt. Nach dem Motto. "Sei froh, was du hast". Das schwingt aber auch langsam um und ich weiß genau, dass sich unsere Abteilungs-Führung schon bewusst ist, was sie an vielen Mitarbeitern hat. Das bekommst du aber auch nie ins Gesicht gesagt, sonst könnte es dir ja zu gut gehen.

    Ich merke aber auch, wie die jüngeren Generationen mit einer ganz anderen Sichtweise einsteigen. Gerade manche Lehrlinge, haben wirklich die Sichtweise, "Sei froh, dass ich überhaupt da bin und wenn dir was nicht passt, werde ich Tiktoker oder Youtuber". Das ist jetzt natürlich etwas überzeichnet, aber soll das darstellen.)

    Ehrlich gesagt finde ich die Sichtweise nicht komplett verkehrt, weil sie genau das Gegenteil zu den Urängsten meiner Generation abbildet. Ich finde aber auch, es geht wie so oft im Leben um Ballance und es sollte immer ein gesundes Mittelmaß (und Miteinander) sein. Im Idealfall ein ausglichenes Geben und Nehmen. (Zumindest in der Theorie)


    So gesehen hat ein sicherer Job durchaus seine Vorzüge, aber wenn Dein Job sich so konträr zu Deinen Anforderungen und Bedürfnissen gestaltet, sollte das Sicherheitsargument m.E. nicht den Ausschlag geben.

    Das ist ein großer Aspekt, der bei mir sehr die Waagschale in Richtung "Bleiben" bewegt. Zumal ich in meinem Fall die Arbeit/ Tätigkeit an sich recht gern mache, aber sich das Klima über die Jahre sehr verschlechtert hat. Was mir eben in einer anderen Firma genauso passieren kann und ich zudem dort noch einmal von vorne anfange, was manche Sachen betrifft.

    Mir gibt auch manchmal die Sichtweise Hoffnung, dass ich zumindest die Möglichkeit hätte (die ich ja auch habe), zu wechseln. Ist vielleicht eine Art positives Denken ;) , aber es nimmt mir etwas von diesem "auf immer und ewig" festzustecken, was bei mir eher Druck/ Zwang erzeugt. Und Zwang hat mir noch nie wirklich bei einer Entscheidungsfindung geholfen.

    Das machts ja schwierig, gut möglich, dass der neue Job dann auch nicht bringt, was er versprochen hat. Genau wie bei mir aktuell. Nach vier Monaten ist die Anfangseuphorie verflogen und es harzt ein bisschen. Ich glaube und hoffe, dass es sich einpendelt. Kann aber auch sein, dass ich nicht happy werde am neuen Ort.

    Ich habe schon einige Arbeitsstellen durch und war damals wirklich froh, bei meinem jetzigen Posten gelandet zu sein. Leider hat sich durch neue Kollegen/ Umstrukturierungen viel zum Negativen verändert.

    Ich will auch nicht bis zum bitteren Ende an etwas festhalten, was mal gut war, aber jetzt nicht mehr ist. Manchmal ist noch ein Stück naive Hoffnung dabei, dass sich doch wieder etwas ändert.

    In der Waagschale taucht aber bei mir auch immer wieder der Punkt auf, was ist, wenn der neue Job dann auch nichts bringt. Ok, das kann ich nur herausfinden, in dem ich es ausprobiere und ins kalte Wasser springe.

    Ist schon eine Zwickmühle und irgendwo das Prinzip des Leidensdrucks. Zumal ich nicht mehr für mich alleine verantwortlich bin, sondern auch für meine Familie. Und über die Jahre wird man nun einfach immer festgefahrener, man weiß was man hat und eventuell aufgeben wurde.


    Kann aber auch sein, dass ich nicht happy werde am neuen Ort. Aber weisst du was? Ich bereue den Entscheid keine Sekunde (und das sag ich nicht bloss, um mir selbst Mut zu machen). Ich weiss jetzt, dass ich auch ausserhalb meines gewohnten Umfelds bestehen kann - wenn ich denn will.

    Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Dieser Satz macht in gewisser Weise Mut und stellt die eigene festgefahrene Angst vor Veränderungen in den Hintergrund 👍

    Nur aber, eines wurmt mich ein bisschen, und dazu habe ich eine Frage an Euch: Würdet ihr mit offenen Karten spielen und offiziell ankündigen, dass ihr euch beruflich ggf. neu orientieren würdet oder würdet ihr es heimlich machen?

    Ich sag ja immer, der Teufel ist ein Eichhörnchen und Heimlichtuerei wird schnell zu einem Bumerang. Deswegen hab ich so das Besteben mit offenen Karten zu spielen um vielleicht doch ein entgegenkommen zu verhandeln, sofern meine Arbeit irgendwie wertgeschätzt werden sollte. Wenn nicht, dann ist die Sache so oder so klar.
    Ich habe mir selber gesagt, 2024 ist das Jahr der Entscheidungen, irgendwas wird passieren!

    Ich würde mir hauptsächlich die Frage stellen, was erreiche ich letzendlich damit.

    Meine Situation auf Arbeit erlebe ich teilweise auch sehr unerfüllend und setze mich gedanklich immer mal wieder mit einer Wechsel auseinander.

    Ich habe vor kurzem ein Gespräch mit meiner Chefin geführt und ihr mitgeteilt, dass ich die Situation mitunter unerträglich empfinde und mich mit einem Wechsel der Arbeitsstelle auseinandersetze bzw. das zumindest bewege, falls sich in einigen Richtungen nichts ändern sollte. Für mich hat sich seit dieser Zeit wirklich einiges gebessert, sofern dass in diesen verstricken Strukturen meiner Arbeitsstelle möglich ist. Mir hat aber auch das Gespräch sehr geholfen, um mich innerlich zu sortieren und aus dieser latenten Leibeigenschaft, die in unserer Firma gerne versucht wird, dem undemütigen Mitarbeiter überzustülpen und als Druckmittel benutzt wird, herauszukommen.

    Andererseits sehe ich mich nicht in der Pflicht, da ich ja kein Leibeigeigener bin, meinem Arbeitgeber zu informieren, dass ich mich nach einer neuen Stelle umsehe/ mich bewerbe.


    Aus meiner Sicht kann sich die Geschichte in verschiedene Richtungen entwickeln.

    Wie ich unsere Führung einschätze, die viele Sachen sehr "persönlich" nimmt, könnte ein Spiesrutenlauf beginnen, wenn sie von meinen (unangekündigten) Wechselambitionen durch den Buschfunk/ hinten herum erfahren würde. Ok, wenn ich die neue Stelle in der Tasche habe, läuft es eben dann auf ein Aussitzen der Kündigungszeit hinaus und man hat die Hoffnung, endlich danach sein jahrelanges Quantamo in Richtung Freiheit zu verlassen. (in der Hoffnung, dass bei der nächsten Anstellung einiges besser wird)

    Wenn ich die Firma aber ehrlich über meine neue Jobsuche/ informieren würde und ich finde dann nichts, könnte sich das für mich eher negativ auswirken. Ich könnte vorstellen, wie dann ein Insider-Gag hinter dem Rücken daraus wird. Nach dem Motto: "Da soll er sich eben wieder mal woanders bewerben, um dann wieder mit gesenkten Haupt zu uns zurückzukommen. Bei uns ist es eben doch noch am schönsten". In der Richtung könnte es wieder als latentes Druckmittel führungsseitig zum Kleinhalten verwendet werde. Und der eigene Trumpf wäre nach einmaligen Einsatz verpufft.

    Ich denke, es kommt auch darauf an, was man für ein Verhältnis zu seinem Vorgesetzte hat. Bei einem sehr guten Verhältnis auf Augenhöhe könnte ich mir sogar vorstellen, dahingehend die Karten etwas auf den Tisch zu legen. Ich würde aber immer damit rechnen, dass etwas durchsickert und sich eventuell dann für mich negativ auswirken könnte.

    Summa Summarum würde ich keine Notwendigkeit sehen, meine Führung über einen anstehenden Jobwechsel zu informieren. Dafür ist ja auch die Kündigungsfrist da, dass mein Arbeitgeber sich rechtzeitig Ersatz suchen kann.

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    Sometime after the point of no return

    Ich fahre mit dem Auto Richtung Feierabend entgegen und lasse diese nervtötende Woche in diesen seltsamen, verrückten Betrieb und diesen seltsamen, verrückten Leuten, die scheinbar meine Arbeitskollegen sein sollen, hinter mir. Die Kopfschmerzen und der Druck hinter Stirn und Augen bleiben.
    Zu allem Übel musste ich noch vor dem Wochenende erfahren, dass ich kommende Woche meinen Chef auf eine mehrstündige Dienstreise zu einem Workshop begleiten muss. Der mega-langweilig Workshop ist ohne meine Führungskraft schon anstrengend genug, aber mit ihm müsste ich eigentlich Erschwerniss-Zuschläge beantragen. Noch anstrengender als diese Show-Veranstaltung ist die lange Autofahrt mit ihm dahin und wieder zurück.
    Im Grunde seines Herzens ist mein Chef nicht verkehrt, aber er ist dienstlich wie auch privat sehr in die Strukturen dieses Kasperle-Theaters, was eine Firma sein soll, verstrickt. Diese sogenannte Firma, wo sich der Sauhaufen unter hochglänzenden, wichtigen Zertifikaten und Corporate Design versteckt und er ein mittelgroßes Zahnrad verkörpert. Aber eigentlich ist er eine total arme Wurst und ich wöllte auf keinen Fall mit ihm tauschen.

    Mein Großmogul gibt sich auf Dienstreisen erfahrungsgemäß immer freundlich und volksnah. Natürlich lässt er es aber auch nicht zu, dass sich das Gespräch auf Augenhöhe bewegen könnte, schließlich ist er der Vorgesetzte und ich nur sein kleiner, dummer Untergebener. Das sagt er mir natürlich nicht so offen ins Gesicht, aber da ich ihn und seine manchmal herablassende Art kenne, fällt es mir relativ leicht, die Schmierenkomödie unserer Abteilung als das zu sehen, was sie ist. Nämlich ein Haufen aus Halbwahrheiten und Schwindel, Diffamierung, Machtspielchen und Aufbauschen von Nichtigkeiten. Dazu kommen noch unverhältnismäßige Disziplinarmaßnahmen gegen einige Mitarbeiter und permanentes Kleinhalten selbiger, aber wiederum wohlwollendes Auge zudrücken und Lobhudelei bei anderen rebellischen Mitarbeitern. Man bekommt auch nur die Informationen zugeteilt, die personengebunden für richtig befunden werden und ein manipulatives Lenken des jeweiligen Mitarbeiters einfacher machen.
    Alles dient letztendlich dem Zweck, um willenlose Arbeitsameisen zu erziehen und von eigenen Defiziten abzulenken. Es läuft darauf hinaus, das Ego der Mitarbeiter so klein wie möglich zu halten, ihnen latent eine Grundschuld am eigenen Misslingen und Fehlplanungen überzuhelfen und somit ein gutes Druckmittel zu besitzen.
    Als ich früher noch täglich mein Tonikum genoss, was zu der Zeit keins mehr war, sondern eher das Gift, das mich immer kränker werden ließ, machte ich das ihnen unterbewusst auch recht leicht.
    Nun zieht das psychische Druckmittel, das gerne von unserer Führung gegen undemütige Mitarbeiter eingesetzt wird, nicht mehr so ganz. Und der Mitarbeiter macht sich seine eigenen Gedanken, ohne dass er sich jetzt noch verkatert um Schuld, Scham, Verpeiltheit und alle anderen lustigen Begleiterscheinungen eines alltäglichen feucht-fröhlichen Abends kümmern muss. Dem Mitarbeiter fiel es schon zu Zeiten des Tonikums schwer, gute Miene zum bösen Spiel zu heucheln, aber ohne Tonikum sieht der Mitarbeiter die Sache, wie sie ist: Ein Kasperletheater, über das man nicht einmal schmunzeln kann und es fällt ihm deswegen nicht leichter.

    Nun ist Dienstreise und Theater-Show-Vorführung erst nächste Woche und ich spiele mit der Vorstellung, meinen Comandante auf der langen Fahrt an irgendeinem Bratwurststand nahe der Autobahn ohne Handy und Papiere auszusetzen. Ein paar Euros für eine Wurst und ein Bier würde ich ihm natürlich lassen. Ich bin ja schließlich kein Unmensch.
    Aber wir befinden uns hier in Deutschland und nicht im australischen Outback.
    Und Dinge haben Konsequenzen, Rent, so ist das nun mal im Leben. Egal ob man bewusstseinsverändernde, süchtig machende Substanzen zu sich nimmt, gegen eine Dienstanweisung verstößt und die Tür nur einmal, statt zweimal zuschließt und damit haarscharf an einer Abmahnung vorbeischlittert oder seinen Boss auf einer verlassenen Autobahnraststätte aussetzt, früher oder später kommt alles wieder auf dich zurück. Schlechtes Karma, Rent, du hast es in der Hand. Es ist dein Leben, deine Zukunft und dein Chef.


    Ich mache mir keine weiteren Gedanken über Zukunft oder Vergangenheit, weil ich zu Hause angekommen bin und meine Kopfschmerzen schon ohne Chef unerträglich genug sind. Ich lasse einfach das ganze Affentheater, wo es ist, steige aus und schließe mein Auto ab. Früher hätte ich mich bei einem so leidlichen Allgemeinbefinden erst einmal ordentlich weggeballert und noch ein paar Schmerzmittel dazu eingeworfen. Aber das geht nun nicht mehr, besser gesagt, ich möchte das nicht mehr. So schließe die Wohnungstür auf, ziehe meine Vans aus und gehe ins Haus.
    Da wieder mal die Busse streiken und dadurch immer ein großer logistischer Aufwand entsteht, hat meine Mutter die Kinder aus der Schule abgeholt. Ich komme in die Stube, wo sie mit den Kindern auf mich wartet und ich merke, dass die Stimmung eher angespannt ist. Meine kleine Tochter tut sich seit einiger Zeit immer wieder schwer, früh zur Schule zu gehen und hat teilweise regelrechte Panik davor und mein Großer hat zur Zeit ziemliche “handfeste” Probleme mit einigen Mitschülern. Meine Mutter war auch noch nie ein optimistischer Fröhlichkeitsgarant und ich bin immer froh, wenn es halbwegs ohne große Reibereien mit ihr läuft. Im Moment gibt es zwar keine Reibereien, aber die Problemlösungsansätze meiner Mutter gehen eher in Richtung unbestimmte Verzweiflung und Schwarzmalerei und sind, wie so oft, nicht hilfreich.
    In mir kommt so eine Hilflosigkeit auf, weil es nicht um meine eigenen Probleme geht, die ich vielleicht noch stemmen kann oder zur Not eben meinen Chef irgendwo auf der Autobahn aussetze, sondern um die Probleme meiner Kinder, bei denen ich ihnen nur gut zureden kann. Ich kann aktiv nichts unternehmen und fühle nur ihre beschissene Situation nach.
    Bei meinem Sohn bin ich versucht zu sagen, gib diesen Stänkerfritzen mal ordentlich eins auf die Fresse, damit sie ihre Fresse halten und dich zufrieden lassen. Aber da sie in der Überzahl, einige einen halben Kopf größer, stärker und wahrscheinlich auch noch wortgewandter sind, würde der Tip mit Keule und Faustkeil eher nach hinten losgehen. Erfahrungsgemäß würde so ein Ratschlag auf kurz oder lang sowieso floppen, da Gewalt, ob psychisch oder “nur” verbal immer nur neuen Ärger produziert. Ich habe zwar auf meiner Arbeitsstelle die Vorteile von gepflegten verbalen Präventischlägen und den richtigen Spruch zur richtigen Zeit, um sich mal kurz etwas Luft zu machen, zu schätzen gelernt, sehe das aber bei meinem Sohn als kaum umsetzbar und auf Dauer nicht zielführend an.
    Und da mein Sohn relativ feinfühlig und selten auf Krawall aus ist, sehe ich die Möglichkeit, verbal offensiv zurückzuschlagen, bei ihm eher weniger. Zumal er sich gegen eine Gruppe behaupten müsste, die ihm Feigheit oder sonst was unterstellt, aber sich selbst nicht zu feige sieht, um auf einem Einzelnen herumzutrampeln und ihn herumzuschubsen. Meine Frau und ich belassen es dabei, dass er versuchen soll, sich so gut wie möglich aus der Situation herauszunehmen und planen eventuelle andere Schritte, die aber erwartungsgemäß auch nicht hundertprozentig erfolgversprechend sein könnten und den Stänker-Willis eventuell sogar neues Futter bieten könnte.


    Diese Stimmung, liebe Leser, die zum Einläuten eines friedvollen Feierabends eher weniger taugt, durchlebt eben nun gerade der treu arbeitende, jetzt cleane Familienvater, der zudem nächste Woche noch seinen Chef am Hals hat.
    Kinder, wo ist mein Bier, meine Zeitung und meine Pantoffeln? Ach nein, zumindest das mit dem Bier war ja nicht mehr. Zeitung haben wir keine und wenn es mich nach Pantoffeln verlangen sollte, mache ich mir langsam Sorgen.

    Apropos Bier oder Alk im Allgemeinen, das juckt mich schon lange nicht mehr. Mich ekelt es regelrecht, wenn ich an die letzten Beduselung denke, da war nichts mehr mit Golden Moments, das war eher dauerbreit. Ich wüsste auch, dass ich ziemlich tief ins Glas und den Arzneischrank schauen müsste, um eine wirkliche Linderung meines körperlichen und vor allem meines geistigen Befinden zu haben.
    Ich höre gerade, wie mir Freimut, der Obermufti aus meiner Selbsthilfegruppe, in gewohnter Barschheit vorwirft, dass das nasses alkoholisches Denken wäre.
    Nein lieber Freimut, so einfach ist es manchmal nicht, man kann auch mal einen Gedanken in der Richtung zulassen oder zu Ende denken, ohne gleich einen Rückfall zu erwarten, der sich gewaschen hat. Man muss sich auch nicht jahrzehntelang in seiner Selbsthilfegruppe, hinter seinen Erfahrungen und seinen alkoholfreien Jahren verstecken und die eigene Angst von Generation zu Generation weitergeben. Es ist für mich ein riesen Unterschied, wie ich eben diese alkoholfreien Jahre, wie ich mein Leben jetzt verbringe. Soviel dazu, lieber Freimut.

    Es ist manchmal eher eine Suchtverlagerung auf kleinere Endgegner, die bei mir einsetzen will. Ich habe meine letzten Opioide schon ewig entsorgt, ich weiß von meinen Möglichkeiten von Sport, Spaziergang, Reden, Schreiben oder auch mal Schreien. Schreien kommt natürlich nur heimlich für mich auf einer Autofahrt in Frage und natürlich ohne Chef.
    By the Way, vielleicht schreie ich mein Oberhaupt nächste Woche einfach doch mal aus der Kalten an, das wäre für uns beide eine sehr interessante Erfahrung. Ok, vielleicht setzt er mich dann auf einer Raststätte aus, da kauf ich mir anstatt Bier und Bratwurst, eben zwei Bratwürste, was solls.

    Zurück zu den kleinen chemischen Helfern. Durch Pollenallergie und teilweise chronische Sinusitis brauche ich manchmal Schnupfenmittel, die in keinster Weise einen Rausch erzeugen, aber teilweise total eklig müde machen. Ich habe ein Medikament, das nannte ich immer “die schlechte Laune-Pille” und habe sie früher immer ungern oder nur abends genommen.
    Seit den letzten Erkältungen und Pollenallergien habe ich gemerkt, dass ich ab und zu gerade diese eher eklige Müdigkeit erzeugen will. Ich muss wirklich verzweifelt sein, in der Not frisst der eben Teufel Fliegen. Als ich das Mittel auf Abhängigkeitspotential google, komme ich auf eine offizielle Seite, wo medizinische Fachkräfte vor Missbrauch einiger Erkältungsmittel warnen. Aber so schlau oder eher so dumm, dass nebenher noch die ungefähre Anleitung steht, wie man aus legalen Zutaten einen illegalen Rausch zusammenbasteln kann. Man nehme…
    Und das mir, liebe Leser, der ich doch mit den besten und ehrlichen Absichten auf Internet-Recherche gegangen bin.
    Ok, den Alk gibt's auch an jeder Tanke und in jedem Penny, so viel dazu. Ab einem gewissen Alter sollte Eigenverantwortlichkeit eben eine Rolle spielen

    Kehren wir nun wieder zurück zu der eher unangenehmen Freitag-Nachmittags-Feierabend-Situation.
    Mir geht eigentlich alles auf den Sack, ich weiß mit meinen Emotionen und den Spannungskopfschmerzen nicht wohin und will mich mit irgendwas minimal sedieren, müde machen, irgendwas. Da mir das wiederum zu blöd ist, mache ich Sport und schlage auf den Boxsack meines Sohnes ein. Manchmal stelle ich mir beinahe einen dickeren Arbeitskollegen vor, der nicht mein bester Freund ist, aber vom Umfang deutlich dicker als der Boxsack ist. Das klappt schonmal nicht. Nein, natürlich schlage ich nicht gedanklich auf einen Menschen ein, sondern eher auf die Situation und den Frust, den manche Zeitgenossen in ihrem ewigen Neid-Denken und Diffamierungen nunmal erzeugen. Ich gebe dem Kollegen, nein, natürlich dem Boxsack ein paar Low-Kicks und ein paar Ellenbogen und schlage mit meiner kaum erwärmten Rechten einen schönen rechten Seitwärts-Haken, der mit der Kraft der Verzweiflung angetrieben wird und gut sitzt. So gut, dass ich mir gleich mal den Daumen halb verstauche.
    Ich sehe schon meiner Frau, die mich mit einem Blick anschauen wird, der sagt, “Ach Mensch, was hast du nur wieder gemacht” und ich werde abwehrend sagen, “Alles halb so schlimm, ist kaum was”, obwohl mir der Daumen gerade anschwillt und doch etwas über Gebühr schmerzt. Da der Frust-Kampf-Sport nun mal ausfallen muss und meine Hand beim Joggen bei jeder Bewegung schmerzen würde und ich sie gerade kühle, lasse ich lieber alles bleiben.

    Ich fange an, in den “Golden Moments” weiterzuschreiben, was mir immer recht gut hilft und mich etwas erdet. Mir wird beim Schreiben wieder bewusst, was ich bin und bleiben werde: Süchtig. Und das löst in mir keine Verzweiflung aus, sondern es ist eher ein Annehmen von mir und der Situation, sogar verbunden mit einem leichten Trotz, beinahe einer positiven, kämpferischen Stärke.
    Tough Life hier bin ich und ich stehe, noch! Egal wie die Emotionen gerade sind, es sind meine Emotionen und sie spiegeln nur die derzeitige Situation wider. Die Situation ist scheiße, aber ich kann sie im Moment nicht ändern. Was ich kann, ist sie samt meiner momentanen negativen Gefühle anzunehmen. Es ist so, wie es gerade ist.

    Was seltsam ist, ich hatte vor kurzem noch das Bedürfnis, mich mit einem zweitklassigen Erkältungsmittel, was früher nie die erste Klasse oder Wahl gewesen wäre, mich in einen drittklassigen müden Zustand zu versetzen oder alles in Scherben zu hauen.
    In mir kommt aber jetzt wieder das zum Tragen, was ich so sehr mit mir, meiner Sucht und der Annahme selbiger in Verbindung bringe.
    Durch dieses innere Aufgeben oder Annahme der Situation transformieren sich mein Frust, meine Verzweiflung und meine hässlichen Kopf- und Augenschmerzen zu einer Energie, die mich schon oft angetrieben hat. Es ist ein Annahme der Dinge, die ich derzeit nicht verändern kann und in mich kommt eine Ruhe, ein Gefühl der Stärke, was zwar noch weit weg von echter Gelassenheit ist, aber diese hilflose Verzweiflung ersetzt.
    Es ist alles so, wie es gerade ist. Ich bin mehrmals durch das Leben zerschlagen worden, aber gerade dadurch bin ich stark geworen und stehe aufrecht. Ich kenne die Sucht und den Rausch, ich kenne das unbändige Verlangen danach, aber ich bin darüber hinweg. Für heute und hoffentlich für immer, wer weiß das schon genau. Aber zumindest für heute weiß ich es mit Sicherheit.
    Ich klappe die Tastatur zu und kühle weiter meinen Daumen.

    Hallo Moonlight,

    ebenfalls von mir ein herzliches Willkommen hier.

    Was du schreibst, kann ich gut nachvollziehen. Ich habe ebenfalls den Alkohol sehr lange benutzt, um Ängste zu betäuben, meine Stimmungen zu regulieren und um mich eben besser zu fühlen. Nach einer längeren Trockenperiode habe ich versucht, wieder kontrolliert zu trinken. Ich habe das aber so erlebt, dass es viel anstrengender ist, den Alkohol kontrollieren zu wollen und bin immer mehr an mir und dem Alkohol verzweifelt. Auch habe ich mir damit ein riesen Stück von meinem Leben und meiner Lebensqualität abgeschnitten.

    Heute erlebe ich es so, dass es eine Befreiung ist, ohne Alkohol zu leben und möchte dieses nüchterne Leben nicht mehr hergeben.

    Schön, dass du es hier her geschaft hast.

    Auf einen guten Austausch.

    LG Rent

    Hallo Tom,

    von mir ebenfalls noch ein herzliches Willkommen hier und auf einen guten Austausch.

    In vielem, was du schreibst, finde ich mich gut wieder.

    Konkret heisst das, auf diese Kackstimmung und Anfeindungen bei der Arbeit hab ich kein Bock (bin dort seit ein paar Monaten in Vorgesetztenfunktion). Im Moment schau ich das als herausforderung an. Weiss aber, dass ich das Mittel bis langfristig nicht will.

    Drum die Preisfrage: Wie erkennt man, ob (und vorallem wie lange) sich eine unangenehme Situation lohnt, durchzustehen, und wann ist oder wäre der Zeitpunkt um zu sagen, byebye, ohne mich?

    Ich kann das gut nachvollziehen, weil ich mich derzeit bzw. schon länger in einer ähnlichen Situation befinde.

    Ich schaue mir das auch schon lange als Herausforderung an. Es ist halt wie mit dem Alkohol, solange der Leidensdruck noch nicht zu groß ist, verharrt man erstmal in der Situation und unternimmt nichts. Es ist schon schwierig, da es alle Für und Wieders abzuwägen gilt. Und irgendwo ist halt noch ein Stück (naive) Hoffnung, dass sich an der Situation wieder etwas ändert, die vor Jahren deutlich angenehmer war. Naja, die Hoffnung stirbt zuletzt ;)


    Bei meinem ersten Entzug Mitte 20 hatte ich permanent das Gefühl, verzichten zu müssen, ein Alki-Stigma auf der Stirn zu tragen, von der grossen Party um mich herum ausgeschlossen zu sein, versagt zu haben. Erstaunlich, dass ich es doch fast 3 Jahre durchgehalten hatte. Der Druck, den Führerausweis überhaupt je wieder zurückzuerhalten hatte mir sicherlich geholfen.

    Der weitere Verlauf war klassisch. Der Irrglaube, dass man ja bewiesen hat, ohne zu können beweise, dass man ja ruhig mal was trinken darf...

    Genau, du rennst jahrelang mit dem Gefühl durch die Gegend, irgendwas zu verpassen und das Beste aufgegeben zu haben/ für immer verzichten zu müssen. Man fühlt sich wie der größte Versager, würde am liebsten auf einer Betriebsfeier o. ä. am Bierglas nippen, nur um zu zeigen, dass man "dazugehört" und kein Suchtproblem hat. Das Perfide daran ist, daß man wahrscheinlich selbst sein größter Kritiker ist, das Stigma am größten an die Wand malt und am schlechtesten über sich selber denkt.

    Aber egal, ob man den Druck nun Jahre aushält oder nur Wochen aushält, kommt es irgendwann zum Schluss, daß man es doch vielleicht mal wieder, "diesmal natürlich kontrolliert und diesmal ist natürlich alles anders... bli bla blub...", probieren könne.

    Mit dem richtigen Mindset habe ich es das letzte Mal aber eher als Befreiung erlebt und ich möchte meine Nüchternheit und Klarheit nicht wieder hergeben. Ich sehe das jetzt so, dass es das Beste ist, was mir passieren konnte.

    Ich denke auch, dass alles sehr viel mit Selbstannahme zusammenhängt. Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, fällt es z. B. auch leichter, zumindest zu einem vertrauenswürdigen Kreis von Leuten ehrlich zu sein. Insgesamt ist das "Outing" aber eher ein schwierigeres Thema.


    Aber wie gesagt: schön sachte. Mein grösster Fehler war, immer alles auf einmal ändern zu wollen. Mit Zigaretten, Alk, Drogen schlechter Ernährung aufzuhören, beginnen Sport zu treiben, Freundin suchen... klappt natürlich NICHT. Und bestätigt indirekt, dass man es eh nicht schafft und somit weitermachen kann wie bisher.

    Deshalb bin ich Fan der kleinen Schritte (zumindest da, wos möglich ist: ein bisschen nicht trinken geht nicht😀)

    Und so hab ich mir die Benzos abgewöhnt, da ich völlig ausser Kontrolle war in Kombi mit Alk. Zigaretten, da ich kaum noch Treppensteigen konnte. Dann hab ich wieder mit dem Spazieren/Wandern begonnen. Und jetzt der Alk, weil ich wieder Freude am Leben haben will. Sport ist das nächste, was mich dabei unterstützt.

    Ich kann das total nachvollziehen, früher wollte ich auch alles auf einmal. Meinem jetzigen Erleben nach gelingt es aber besser, kleine Schritte zu gehen. Das macht vielleicht auch jeder anders, aber durch allzu große Vorsätze kann es auch zu großen Enttäuschungen kommen. Aber du hast natürlich recht, "ein bisschen nicht trinken geht nicht" ;)

    Andererseits bin ich auch der Typ, der immer wieder versucht hat, sein Sucht zu verlagern (früher durch Kettenrauchen oder in letzter Zeit durch Opioide/ Schmerzmittel) Und ich habe das wirklich so erlebt, dass die "kleinen" Drogen immer wieder die Grenze zum Alk aufgeweicht haben, aber manchmal war es natürlich auch anders herum.

    Echte Freiheit hat sich erst durch Weglassen sämtlicher Hilfsmittel eingestellt. Vielleicht ist das aber auch bei jedem anders.


    Dir weiterhin alles Gute und auf einen guten Austausch.

    Rent

    Ich habe mal parallel zu meiner Geschichte “Golden Moments” begonnen, ein paar Erlebnisse oder eher Blickwinkel aus meiner jetzigen nüchternen Sicht aufzuschreiben. Im Prinzip würde das auch ganz gut bei den “Golden Moments” mit hineinpassen, aber chronologisch könnte dadurch vielleicht alles doch etwas unruhiger werden.


    Also mache ich das mal an dieser Stelle separat, vielleicht wird ja sogar mal eine bunte Pinnwand daraus, wo der eine oder andere je nach Lust und Laune etwas beisteuert. Muss aber auch nicht sein.


    Ich habe das Ganze wieder etwas leicht ironisch und ein klein wenig augenzwinkernd geschrieben. Gerade diese leichte Ironie hilft mir ganz gut, Momente in meinem Leben zu verarbeiten und das Leben und mich selber nicht immer so “bierernst” zu nehmen.

    Falls Namen von privaten Personen auftauchen sollten, sind das natürlich nicht die echten Namen, sondern wurden geändert, um ihre Privatsphäre zu schützen.


    Los geht's…


    Köln, Lanxes-Arena, Depeche Mode World-Tour, April 2024

    Auf dem Weg zum Event laufe ich an einem fliegenden Getränkehändler vorbei, der linkerhand an einer Häuserecke eine Art Stand aus Bier- und Getränkekisten aufgebaut hat. Bier, Alkopops, wahrscheinlich auch alkoholfrei, was hier bestimmt niemand weiter ordern wird. Vielleicht auch doch, ich betrachte eben die Geschichte immer nur aus meinem Blickwinkel und alkoholfrei fand ich auf solchen Events nur Zeit- und Geldverschwendung. Noch ein kurzer Blick aus dem Augenwinkel und dann lasse ich diesen Verkäufer samt seiner Ware, die früher immer ein zuverlässiger Garant für gute Laune war, im wahrsten Sinne des Wortes links liegen und schenke seinen überteuerten Flaschengeistern keine weitere Aufmerksamkeit.

    Sowas juckt mich schon lange nicht mehr und war auch früher nur der Notbehelf. Gerade dieses Low-Level-Trinken, ewig lang für einen überteuerten Tropfen auf dem heißen Stein anstehen und eventuell wieder vor der Zeit auszunüchtern, war nervig und anstrengend.
    Opioide oder auch andere Schmerzmittel mit einem leichten Retardeffekt waren da schon eher mein Ding. Es war schon etwas anderes, wie ein kleiner König stundenlang gelassen über den Dingen zu stehen und zuzuschauen, wie sich der gemeine Pöbel für ein Glas überteuertes Krabbelwasser oder ein 0,4l Dünnbier anstellen musste. Es war nicht nötig, wie ein Ottonormal-Festivalbesucher am Verkaufswagen geldscheinwedelnt und gestresst, Sichtkontakt mit einer überforderten Aushilfskraft aufzunehmen, um dann verzweifelt zuschauen zu müssen, wie die Becher mit 0,38l statt 0,4l Inhalt übergeben wurden. Nur weil die studentische Saisonalkraft keine Zeit oder Lust hatte, auf das Setzen der Schaumkrone zu warten und das Getränk entgegen der vereinbarten Füllmenge übergab. Aber woher soll er auch wissen, dass in so einer Situation jeder Tropfen zählt.

    Vor ein paar Jahren hatte ich bei einer Freiluft-Theatervorführung unverschämtes Glück gehabt, als sich nach ein paar überteuerten Bieren im 0,4 Plastikbecher herausstellte, dass der Wein nur in großen Flaschen verkauft wurde. Da meine Begleitung kaum mehr als ein paar Schlucke abverlangte, hatte ich diesen wunderbaren Rotwein mit über 14% fast für mich alleine.
    Ich kann mich noch an diesen schönen Sommerabend erinnern, an dem fast noch 30 Grad herrschten und sich alles beinahe mediterran anfühlte.
    In dieser Atmosphäre erschuf ich mir meinen eigenen Sommernachtstraum, der von dieser goldenen untergehenden Sonne und diesem rotgoldenen Himmel in einer wunderbaren Farbpalette eingerahmt wurde.
    Die eigentliche Interpretation von Shakespeares Werk war zwar an sich auch nicht schlecht, wenn auch für meinen Geschmack etwas experimentell, aber da meine Sinne unter dieser wunderbar wohligen Decke steckten, hätte ich sogar weit künstlerische wertvollere oder experimentierfreudigere Werke als dieses angeschaut. In diesem verzauberten Zustand fällt es wunderbar einfach, alles zu akzeptieren und positiv aufzunehmen.

    Es ist auch etwas anderes, als sich bei einer Pflichtfeier Verwandte oder Bekannte “schön” zu trinken oder schwelende Konflikte kurzzeitig vergessen zu können.
    Es ist dieses Mittendrin sein, den Menschen, den man liebt an seiner Seite und die Flüssigkeit, die man man nicht weniger verehrt, in seiner Blutbahn und ausreichender Menge in Reserve zu wissen. Es fühlt sich an, wie ein Stück Geborgenheit und die weiche, warme Decke des Rausches lässt beinahe die latente Schuld und die Angst vor dem nächsten Tag vergessen.
    In dieser fast verzauberten Atmosphäre fällt es wunderbar einfach, alles und vor allem sich selbst wohlwollend zu reflektieren und der Mensch zu sein, der man gerne sein will.


    Aber entzaubern wir nun jetzt wieder diesen wunderbaren, weichgespülten Sommerabend, vergessen das in der Vergangenheit erlebte und kommen zurück in das aprilhafte und eher kühle Köln des Jahres 2024.

    Es ist dieses Gefühl der Fremdheit, dieses nicht wirklich Dazuzugehören und ein latentes Gefühl der Minderwertigkeit und inneren Leere, was ich ab und an noch habe, wenn ich mit ungewohnten Umgebungen, Situationen oder fremden Menschenmassen konfrontiert werde. Es kommen jahrzehntealte Gedanken hoch, dass ich mich besser anpassen müsste, irgend etwas tun müsste, um auch ein Teil der soeben fokussierten Menschenmenge zu sein.
    Kurzzeitig taucht auch der melancholische Gedanke auf, für immer dieses Hilfsmittel, das es noch vor ein paar Schritten an der Ecke für ein paar Euro gab und auch an jeder kommenden Ecke geben wird, aufgegeben zu haben.

    Nur habe ich jetzt dieses Hilfsmittel nicht mehr und gehe so wie ich gerade bin, oder eher wie ich mich gerade fühle, unter diese feiernden, trinkenden und wartenden Menschenmassen. Es ist ein Annehmen der Situation oder eher ein Annehmen der Emotionen und Gedanken, die mit dieser Situation einhergehen. Es ist ein Aufgeben meines sogenannten starken Teils in mir, welcher nie genug bekommen konnte, immer sediert werden wollte und immer nach Bestätigung gesucht hatte. Welcher nur damit beschäftigt war, sich krampfhaft ums eigene Wohlfühlen, den eigenen Kick zu kümmern, immer auf seine Art herausstechen, glänzen und bei jedem Anlass dazugehören wollte.
    Aber gerade dieses innere Aufgeben, die Situation und mich aus der Hand zu geben und einfach geschehen zu lassen, was eben geschieht, gibt mir die nötige Ruhe und das Selbstvertrauen zurück.

    Als wir den Einlass passiert haben, steht im Foyer ein eher tragikomischer Typ mit auf dem Rücken geschulterten Bierfass, Signal-Fähnchen und Zapfarmatur und hält beinahe verzweifelt zwei Plastikbecher in die Luft um diese zu füllen und feilzubieten. Wahrscheinlich will dieser Typ, der mich mit seiner runden Brille und seinem zerknitterten Basecap ein klein wenig an einen Umweltaktivisten oder Kleingärtner ohne Latzhose erinnert, so schnell wie möglich seine Last loswerden. Vielleicht hat er aber einfach nur Angst, dass die Kohlensäure in Verbindung mit schnellen, ruckartigen Bewegungen wie eine Bombe oder eher wie eine Wasserrakete explodieren könnte. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum der arme Kerl sich nicht von der Stelle traut. Es dauert nicht lange, bis ihm ein Kollege mit Migrationshintergrund und baugleicher Ausrüstung zu Hilfe eilt. Nur scheint dem neuen Kollegen die Gefahr ein paar Schritte vor der Rettung des Kollegen bewusst geworden zu sein und er steht nun ebenfalls in leichter Schockstarre und mit zwei erhobenen Plastikbechern da. Da er die lebensgefährliche Situation überspielen will, macht er wohl das, was er am besten kann: Er lächelt die vorübergehenden Besucher einfach leicht verzweifelt an und hält die zwei Plastikbecher in die Höhe.

    Ich stehe mit einem gehörigen Sicherheitsabstand leicht an eine Säule gelehnt und betrachte das Geschehen. Ich will mich gerade fragen, ob es denn unbedingt nötig ist, noch mehr unschuldige Passanten in die Gefahrenzone zu locken und es nicht konsequenter wäre, wenn diese beiden sich heldenhaft für die vielen anderen arglosen Besucher opfern würden. Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir: “Das Grabmal der beiden unbekannten Bierkellner, hier in Köln, in der Lanxes-Arena! ”

    Aber es kommt ganz anders. An die Säule gelehnt, merke ich, wie zufrieden ich gerade mit mir bin und in mir ruhe. Ich muss nicht krampfhaft jeden Strohhalm oder eher jeden Bierkellner nehmen. Ich muss mich nicht krampfhaft in einer Schlange anstellen, um schon vorher zu wissen, dass die Dosis sowie nicht über den Abend reichen wird. Ich muss nicht während des Konzertes an mir im Weg sitzenden und leicht genervten Leuten schuldbewusst vorbeischlängeln, um mir den nächsten Tropfen auf dem heißen Stein zu holen. Ich muss nicht mehr versuchen, den Rausch, der durch die Gegebenheiten sowieso nur suboptimal gestartet wäre, krampfhaft aufrechtzuerhalten.

    Durch dieses Ruhen in mir ist auch das Gefühl weg, krampfhaft unbedingt hier dazugehören zu wollen und es lässt mir Zeit, die Situation und mich in Ruhe betrachten zu können.
    Ich muss an die unzähligen Male denken, als ich in ähnlichen Situationen noch mein Tonikum ungeniert benutzt habe und trotzdem nie zufrieden mit mir war.
    Und gerade in diesem Moment an der Säule spüre ich eine wirkliche Zufriedenheit und Stärke in mir. Es ist so, als hätte ich jahrzehntelang etwas erlebt oder auch durchgemacht, wovon die meisten hier keine Ahnung haben, niemand wirklich die ganze Düsterkeit, Verzweiflung und verrückten Wahnsinn kennt. Es fühlt sich an, als wäre ich sehr lange Zeit im Dunklen immer tiefer von mir weggetaucht und hätte es in letzter Minute noch geschafft, wieder zum rettenden Licht nach oben zu schwimmen.
    Es kommt sogar ein leichter Stolz oder eher Trotz hoch, der sagen will, “Kommt ihr erst mal in meine Lage und erlebt das, was ich erlebt habe, dann hättet ihr eine andere Sicht auf die Dinge”. Vielleicht ist das auch nur ein Stück Narzissmus oder Eitelkeit von mir, aber es ist das, was ich jetzt im Moment gerade brauche. Ich bin im Moment beinahe stolz, trockener Alkoholiker zu sein. Soweit ist es also schon gekommen. Naja, auf das T-Shirt drucken werde ich es trotzdem nicht. Aber allemal noch besser, als diese latente Scham und dieses Versteckspiel.
    Es ist ein Annehmen des Lebens, ein Annehmen von dem, was ich eben gerade bin oder dem, zu was ich geworden bin. Ob aus eigenem Verschulden, einer Laune des Schicksals oder schon vor Beginn der Geschichte unabwendbar, mag dahingestellt bleiben. Es ist eben, wie es ist.

    Von meinem Platz an der Säule beobachte ich die vorbeiziehenden Leute im schwarzem Ledermantel oder atmungsaktiver Outdoor-Funktionsjacke. Da viele Fans und Besucher meinen Altersdurchschnitt widerspiegeln und einigen ihr Alter oder besser gesagt, ihr Leben anzusehen ist, frage ich mich, was wohl der eine oder andere für eine Lebensgeschichte bis jetzt hinter sich hat. Vielleicht bin ich ja auch mit meiner Alkohol- und Drogensucht gar nicht so schlecht davongekommen und jammere auf hohem Niveau, wer weiß das schon genau.

    Wir haben uns relativ zeitig an unseren Plätzen niedergelassen und da ich mich nun nicht mehr um kontinuierlichen Getränkenachschub kümmern muss, bleibt noch genug Zeit, um dem stetigen Füllen dieser riesigen Arena zuzuschauen. Aus meiner Perspektive erscheinen manche Treppenaufgänge wie senkrechte Tritte, auf denen Ameisen hin und her krabbeln. Da ich nie ein großer Fußballfan war, wirkt schon dieses Stadion auf mich sehr gigantisch, beinahe wie ein riesiges Raumschiff oder eine andere Welt. Aber es ist schon interessant, wie sich die Arena mit der Substanz namens Mensch füllt und nach und nach jeder Platz besetzt wird.

    Nach einer Vorband, die keiner kennt und meiner Ansicht nach für das im Schnitt eher reifere Publikum etwas unglücklich gewählt wurde, kommen die großen Stars meiner Kindheit und Jugend auf die Bühne. Ich hatte Depeche Mode schon einmal 1993 auf einem Open-Air Konzert erlebt, nur dass wir damals in einer Ecke standen und die Band, falls denn mein Vordermann mal den Kopf eingezogen hatte und einen kurzen Blick zur Bühne freigegeben hatte, wie Ameisen wirkte. Ich habe keine wirklich gute Erinnerung an diese Zeit, die aber auch mit anderen damaligen Problemen durchwachsen war.

    Nun ist es ganz anders. Nachdem zwei Musiker, die ich nicht kenne und wahrscheinlich der Ersatz für den verstorbenen Andrew Fletcher oder auch den schon vor Ewigkeiten ausgeschiedenen Alan Wilder sein sollen, die Bühne betreten, lassen sich Martin Gore und Dave Gahan kurz danach auch nicht mehr lange bitten.
    Ich bin eigentlich ein relativ emotionaler und begeisterungsfähiger Mensch, habe mir aber meine Emotionalität und Begeisterung durch viele vergangene Lebensereignisse eher abgewöhnt. Man könnte das auch Selbstschutz nennen.
    Aber es fühlt sich schon gut, beinahe episch an, als die beiden Briten unter der Beschallung ihres typischen, eher düster-schweren Depeche Mode Sounds die Bühne betreten.
    Auf der großen Videoleinwand und beinahe in echt, fällt mir auf, wie alt die beiden geworden sind. Ich muss daran denken, wie ich als 13-15 Jähriger den Bravo-Postern hinterhergerannt bin, die wohl vor über 35 Jahren viele Kinderzimmerwände geschmückt hatten. Es war auch die Zeit oder auch kurz davor, als Nikotin, Alkohol und alles andere in mein Leben traten. Aber es ist auch eine Zeit, an die ich mit gemischten Gefühlen zurückdenke, die nicht nur oder weniger mit den Drogen zu tun haben.
    Mir fällt auch auf, wie fertig oder eher wie gezeichnet die beiden Musiker aussehen. Dave Gahan muss nun schon mehrere Jahrzehnte clean sein und Martin Gore trinkt ebenfalls seit vielen Jahren nicht mehr. Irgendwie hatte ich erwartet, dass die beiden etwas frischer ausschauen. Wahrscheinlich fordert so ein Rockstar-Leben wohl so oder so seinen Tribut.
    Aber was ist schon einfach auf Gottes schöner Erde und welcher Spaß fordert nicht doch irgendwann seinen Tribut ein?
    Es sind diese kleinen Momente wie jetzt, die alles andere, was uns sonst noch bewegt, tangiert, triggert und bohrt, kurzzeitig vergessen lassen und den Fokus auf das Hier und Jetzt legen.

    Dave legt los, als hätte er ‘96 keinen Herzstillstand nach einer Überdosis Heroin gehabt und Martin spielt genauso cool wie früher, als würde er nichts mehr von Panikattacken und andauernden Alkoholmissbrauch wissen. Die beiden haben es natürlich drauf, wie man eine Show macht und das Publikum mitnimmt. Gerade Dave kokettiert mir für sein Alter fast eine Spur zu viel mit dem Publikum, aber wer bin ich, der über das Idol meiner Jugend richten könnte.
    Es sind auch diese Songs und der Sound, die ich als Kind oder Jugendlicher immer und immer wieder gehört habe, die sich beinahe eingebrannt haben und jetzt ein Stück jahrzehntealte Erinnerungen ins Hier und Heute transportieren. In mir wird sich aber jetzt auch das Bild einbrennen, wie Dave es schafft, das gesamte Publikum zum Ende mit seinen Armbewegungen zu steuern oder sich in der Masse zu spiegeln.

    Diese homogene Bewegung der Menschenmassen unter dem typischen Sound der Briten wirkt beinahe surreal und stellt ein episches Ende der Performance dar.
    Und es ist das zweite Konzert seit Jahrzehnten, das ich ohne Alkohol oder sonstige chemische Wohlfühler erlebe. Und es fühlt sich wirklich gut an. Es ist im Prinzip so wie früher, als ich es noch nicht nötig hatte, mir vor jedem Event eine externe Chemie durch die Blutbahn zu jagen und ich wegen der Musik, der Atmosphäre und den Leuten hingegangen bin. Es ist schön, wieder Herr über sich selber und seine Sinne zu sein. Es tut gut, das Ereignis vollkommen zu erleben. Es entspannt, nicht mehr mit der Beschaffung der Droge, krampfhafter Aufrechterhaltung des sinkenden Alkoholspiegels oder Überdosierung beschäftigt zu sein.

    Es ist auch ein Annehmen meiner derzeitigen Emotionen und meines Lebens, was ich jetzt ohne den Rausch erlebe.


    Auf der Heimfahrt werden wir weit nach Mitternacht und kurz vor unserem Ziel noch in irgendeinem Kaff von einer Batterie Polizisten angehalten, von denen sich scheinbar noch einige in der Ausbildung befinden. Der freundliche Jung-Polizist fragt mich nach Führerschein und Fahrzeugpapieren, die ich ihm minimal nervös und etwas genervt aushändige. Warum eigentlich, ich habe nichts zu verbergen und er macht auch nur seinen Job, führt seinen Auftrag aus.
    Als er noch den Kofferraum geöffnet haben will, um Warnweste, Warndreieck und Verfallsdatum des Sanikasten auf das Genaueste zu überprüfen, bin ich fast erleichtert, dass beim Öffnen die Helme und Skateboards meiner Kinder lustig hin und her kullern. Ich bin unschuldig, Herr Wachtmeister, ich habe weder Drogen im Kofferraum noch in meiner Blutbahn!
    Da ich nun aber nicht wie früher von Schuldgefühlen und ängstlichen Abschätzungen meines Rest-Alkoholspiegels im Blut geplagt werde, kann ich mir die Frage nicht verkneifen, aus welchem Grund denn die akribische Verkehrskontrolle weit nach Mitternacht denn nötig sei. Da er wahrscheinlich nicht sagen darf oder will, dass es sich nur um eine Übung für die Azubis handelt oder reiner Zeitvertreib ist und somit die ganze amtliche Bedeutungschwere der Sache verloren gehen würde, erwidert er ausweichend, dass wir eben die Zweiten wären, die sie heute Nacht angehalten haben. Natürlich ist das nicht die Antwort auf meine Frage und um weiteres peinliches Schweigen zu vermeiden, wünscht er uns einfach eine gute Fahrt.
    Ich wünsche ihm eine gute Nacht und fahre nüchtern und in Freiheit ein Stück weiter meinem neuen Leben entgegen.

    Für mich geht es in der Abstinenz vor allen Dingen um Themen wie Balance und innerer Frieden…ich kann mich auch fit halten, ohne nen Triathlon zu laufen und ich kann auch gesund leben und trotzdem meine Schlickereien genießen. Create your best self impliziert für mich, dass ich so wie ich bin nicht in Ordnung wäre und das kreiert Druck. Den hab ich mir genug gemacht und der hat mich in den Suff geführt. Das Leben soll Spaß machen und den habe ich nicht, wenn ich stets ein besseres Ich meiner Selbst vor‘m inneren Auge habe. Ich sehe mich nicht als permanentes Verbesserungspotential, sonst komm ich ja nie zur Ruhe und haste wie eine Getriebene durchs Leben und irgendeinem Blödsinn hinterher. Dann bin ich in der Abstinenz auch nicht viel besser als im Suff damals. 🤷‍♀️ Balance, Ausgeglichenheit, Genuss und innerer Frieden sind meine Ziele,

    Ich finde mich in diesen Gedanken sehr gut wieder und würde meine Ziele auch so definieren

    Früher hatte ich ja mit Alk&Co versucht, "my best self zu createn" und mich nachher genau mit dem selben Mittel getröstet und sediert, weil es auf Dauer nicht so wie geplant geklappt hat.

    Ich denke, es geht in erster Linie darum, sich selbst anzunehmen und mit seinem Leben zufrieden zu sein, so wie es eben erst mal ist. Andererseits gibt es bei mir auch noch Dinge, die gerade durch den jahrelangen Alkolmissbrauch unterdrückt wurden und nun sukzessive wieder hervorkommen wollen. Für mich ist es auch eine große Motivation, jetzt das Leben zu leben, was mir die Sucht jahrelang weggenommen hat. Sozusagen ist in vielen Dingen noch Luft nach oben und gerade das ist eine Veränderung, die mir wirklich gut tut.

    Und ich brauche in dem Sinne auch ein Ziel, eine Vision, die mich vorwärts gehen (oder auch suchen) lässt. Wie ich mich jahrelang durch den Alkohol verbogen habe, merke ich mehr und mehr, wie jetzt der nüchterne Mensch, der eigentliche Mensch wieder zum Vorschein kommt. Und gerade das ist für mich eine große Motivation, sozusagen "My best self", was es vielleicht aus meiner Sicht gar nicht groß zu "createn" braucht, sondern vorher schon da war und nur zu finden gilt.

    Wiederum verstehe ich aber auch, dass mancher das in einer Art ganzheitlichen, körperlichen und/oder auch zum großen Teil sportlichen Veränderung sucht, sich neu definieren und Grenzen verschieben will. Und was ja auch eine große Motivation sein kann. Ich habe das vor Jahrzehnten mit dem Rauchen erlebt, wie geil sich das anfühlt, wieder wie ein normaler Mensch Luft zu bekommen und dass Sport wirklich Spaß machen kann. Und dass das ungemein pusht.

    Klar, es sollte auf keinen Fall in Richtung (Leistungs)Druck gehen oder dieses Schneller-Höher-Weiter Prinzip entstehen. Nach dem Motto: NUR wenn ich dies und das geschafft habe, bin ich wirklich gut und kann mit mir zufrieden sein.


    Es geht halt wie überall im Leben um eine gewisse Balance bzw. Ausgeglichenheit und einer u. a. daraus folgenden Zufriedenheit.

    Übrigens bin ich mit mir sehr zufrieden, dass ich jetzt nüchtern lebe. Ich habe sozusagen das Ziel erreicht, bin aber auch noch darüber, dieses Ziel immer weiter zu festigen/ auszubauen. Es wird halt nie langweilig :)

    Die Frage die ich Dir stellen möchte ist: Bist Du den angespannt?

    Nee, ich bin keineswegs angespannt. Ich war mal früher jeden Tag bis 17:00 sehr angespannt und habe mich dann kurzzeitig "entspannen" können. Bis eben diese Entspannung nicht mehr so richtig greifen wollte und nur für zusätzliche Anspannung gesorgt hat.

    Ich habe aber manchmal so einen Kumpel in mir, der mir von Zeit zu Zeit immer mal wieder gerne einreden möchte, dass ich doch meinem normalen entspanntem Zustand noch eins draufsetzen könnte. Gottseidank wird der aber immer leiser.

    Ich kenne das von früher, es beginnt mit einem ganz kleinen Gedanken, und wenn ich dann diesem Gedanken Raum gegeben habe, konnte es schon passieren, dass der Gedanke irgendwann Gestalt angenommen hat...

    Und mir hilft es manchmal, diesen kleinen Gedanken auszusprechen oder eben hier zu schreiben, weil er damit seine Heimlichkeit und somit seine Kraft verliert.


    Vielleicht lautet die Antwort auf meine Anregung aber auch einfach nur: Kann man nicht anders herleiten, der Flow / Rausch gewisser Substanzen ist halt einfach nett. Punkt. Und damit gefährlich.

    Kann man im Prinzip wirklich nicht anders herleiten. Und ich sag mal so, wenn ich nicht wüsste, wie Schokolade schmecken würde, hätte ich vielleicht auch weniger Ambitionen, dieses braune ungesunde Zeug zu essen. Aber wenn ich alles, was ich jetzt statt des "Zuckers" habe, in die Waagschale werfe, fällt es mir relativ leicht, auf "Schokolade" zu verzichten.


    Geheimtipp noch am Rande: Shakti-Matte wenn der Rausch drückt ;) Entspannt auch :)

    Kenne ich, habe ich und "leide" relativ regelmäßig auf so einer Akkupressur-Matte 😉👍