die unerträgliche Leichtigkeit des Seins...

  • Hallo an alle,

    nach langem Überlegen habe ich beschlossen, nicht nur passiv in Forum zu lesen, sondern paar Zeilen zu schreiben.
    Warum? schwer zu sagen...Es ist wahrscheinlich einfach die Zeit gekommen...

    Ich bin Dagny, fast 44 ..Meine Geschichte ist keine Ausnahme und absolut trivial...Ich bin Alkoholikerin.
    Ich habe schon immer gerne getrunken, in Studienzeit ging es richtig los und auch später, auch viel ab und zu.
    Aber nicht jeden Tag und damals machte es noch Spass, auch wenn ich ab und zu am nächsten Tag "krank" war...

    Bin viel umgezogen (andere Länder), viel Stress, so trank ich auch unter der Woche ab und zu Flasche Wein alleine.
    Am Wochenende so wieso....Stress..tja...Alkoholiker finden immer einen Grund zu trinken - Freude, Trauer, Feier oder Depression, Stress oder Wut, es ist schlechtes Wetter, es ist gutes Wetter, jemand ist geboren, jemand ist gestorben.....Alkohol ist stets mein fester Begleiter geworden....

    Wie ist all die Jahre, besonders die letzten, funktionierte, keine Ahnung, um ehrlich zu sein.
    Ich wusste schon immer im Hinterkopf, dass ich die Schwäche für Alkohol habe.....
    Aber ich "hatte doch alles im Griff"...ich trinke doch "ästhetisch mein Wein und liege doch nicht irgendwo unter der Brücke"..und habe keine Probleme mit dem Alkohol...

    Ha! Die Erkenntnis, dass ich ein riiiiesiges "Problem" mit Alkohol habe, beschlich mich vor Paar Jahren, wo ich versuchte eine Pause anzulegen und ...gescheitert...
    Selbstverständlich begleitete auch andere "Merkmale" mein Leben mit allem drum-dram wie Verhaltensveränderungen, Verlust der Interesse an allem ausser Trinken, Schuldgefühle, Aussehen etc..
    Ich arbeite von zu Hause, seltene Termine versuchte immer am Nachmittag zu verlegen.....
    und dann am späten Abend am Computer, wo alles zu Ruhe kommt, ich und mein Wein...Kreativität braucht doch "Stimulation"..Schlimm.

    Irgendwann war auch das nicht mehr so einfach, da ich schon am Mittag mein Wein brauchte...So "langsam aber sicher" habe ich meine tägliche Dosis 1-2 Flaschen Wein erreicht...Die Nächte sind zu einem Alptraum geworden, morgens konnte ich nicht mehr in Spiegel schauen und versprach, dass ich aufhöre.
    Schon am Mittag holte ich mir wieder Wein...
    Ich trank heimlich und versteckte die Flaschen...

    Ich versuchte mich damals an den Tag erinnern, an dem ich nicht trank....die letzten 4-5 Jahre gabs so ein Tag nicht (vielleicht länger wer weißt...)...
    Und rückblickend konnte ich mich nicht an einem Monat ohne Alkohol erinnern, seit ich 20 war...das ist erschreckend..

    Ich war fertig und erschöpft, physisch und psychisch am ende.

    So begann ich damals, in Internet über das Thema zu suchen und lesen, bin auf diesen Forum gekommen und auch paar anderen.
    Meine Strategie war - ich versuche selbst "mich aus dem Sumpf rauszuziehen"..wenn es innerhalb paar Monate nicht klappt, gehe ich zum Arzt...
    Aber so einfach war es nicht...Jegliche Vorstellung, dass "ich nicht mehr ..nein - NIE mehr mein Wein trinken werde", versetzte mich in Schock und jagte mir Angst..
    so dass ich an dem Tag noch mehr getrunken habe. Auf Vorrat sozusagen :))) (bin Geizkragen, mag nicht mein Wein teilen :)))

    An einem gewöhnlichen Tag führ ich die Straße, die ich mehrmals pro Woche fahre...
    Es war ca. 8 Uhr morgens, schien die Sonne. Es war 19.02.2019 und ich beschloss, an dem Tag nicht zu trinken...
    Es ist sehr schwer zu beschreiben...aber ich habe mir gesagt "heute trinke ich nicht, nur heute"...Wie es morgen wird, weiss nicht, aber heute trinke ich nicht.
    Ich weiss noch die Stelle wo es war und jedes mal, wenn ich jetzt fahre, denke ich an diesen Moment.
    Es war ...es war einfach befreiend....ich muss heute nicht lügen, muss heute nicht planen, wie ich so trinke, dass keiner merkt ..(merken sowieso alle, aber tja..Selbsttäuschung funktionierte ja super davor :))

    Seitdem trinke ich nicht....Mittlerweile 1 Jahr und 7 Monate..
    Das erste Jahr war nicht einfach...besonders die ersten Monate....(dabei hatte ich keinen Druck oder Verlangen zu trinken)...
    Kein Wunder, Anästhesie war weg...ich dachte, ich falle auseinander :))) Alle Entzugserscheinungen etc...
    Mein Kopf habe ich die ersten Wochen und später Monate für "Tunnel" modus geschalten mit einem einzigen Gedanken - "heute trinke ich nicht"....
    Und ich musste nicht viel tun....ich musste nur "heute nicht trinken" ...komischerweise klappte es..
    Alles andere veränderte sich von alleine..mit der Zeit ..Ich hatte Gefühl, als ob ich mich mitten in einem Hurrikan befinde, alles dreht sich um mich..und reißt mit sich den Staub und Rost, das mich bedeckt.... Ich habe mich sehr verändert in der Zeit.

    Nach ca. 1,5 Jahre hat sich der Sturm gelegt...Ich spüre, es ist Zeit, den nächsten Schritt zu machen - zur Abstinenz.
    Denn davor war ja nur "Austrocknen"...

    Heute erschreckt mich der Gedanke, nie wieder zu trinken, nicht mehr :))))
    Aber ich mache mir keine Illusionen, dass ich "geheilt bin"...und mir ist klar, dass das Aufhören zu trinken - erst der Anfang ist.
    Ich muss noch lernen, nicht wieder anfangen zu trinken....
    wenn man dabei noch Glücklich wird oder bleibt...heh...dann hat man Zen erreicht :))))

    "All the drugs in the world won't save us from ourselves.”-  Marilyn Manson

  • Hallo Dagny!

    Willkommen bei uns im Forum!

    Über 1,5 Jahre hast Du nun schon nichts mehr getrunken! Sei doch einfach mal stolz auf Dich!

    Meiner Meinung nach bist du schon "trocken".

    Du hast damals die Entscheidung getroffen das erste Glas stehen zu lassen. Und das wirst Du
    auch weiterhin tun, denn Du weisst zu gut, dass Du nicht mit Alkohol umgehen kannst. (Genauso
    wie ich)

    Und wenn Du nur ein Glas Alkohol trinkst, geht das ganze Elend wieder von vorne los.

    Das wirst Du, genauso wenig wie ich, nicht riskieren. Nicht wahr?

    Ich bin mittlerweile über 7 Jahre trocken und will nie wieder so leben, wie damals!

    Was meinst Du denn, was sich ändert, wenn Du zur Abstinenz übergehst? Ich sehe
    es nur als andere Formulierung an.

    LG Elly

    Das Leben ist nicht immer einfach, aber eindeutig einfacher ohne Alkohol zu bewältigen!

  • Moin,


    So "langsam aber sicher" habe ich meine tägliche Dosis 1-2 Flaschen Wein erreicht

    schon interessant..bei mir wäre das unter "halb besoffen ist rausgeschmissenes Geld" gelaufen..nach zwei Flaschen Wein hätte ich erst richtig angefangen. Wobei ich ja nicht jeden Tag getrunken habe, sonst wäre ich vermutlich schon viel früher abgeschmiert.
    Ich staune immer wieder, bei "wie wenig" das viele Leute schon als Problem empfinden. Ich weiss natürlich, dass auch weniger nicht gesund ist, aber das hätte mich in meinen aktiven Zeiten ja nicht davon abgehalten.
    Hattest Du ein "moralisches " Problem, so viel zu trinken? Bei mir war körperliches Elend ausschlaggebend, aber bei Deiner Menge hätte ich damit keine Probleme gehabt.

    Warst Du da dann den ganzen Tag lang so leicht angetüdelt? Bei dem Trinkverhalten kann ich mir einen richtigen Rausch gar nicht recht vorstellen. Und ohne Rausch war das für mich uninteressant, nur leichte Wirkung war mir schon immer eher unangenehm. Es musste schon das volle Programm sein. Der Durst kam beim Trinken...

    Was genau ist Abstinenz in Deiner Vorstellung, vor Deinem inneren Auge? Das Wort heisst ja eigentlich nur "Enthaltsamkeit"..und das bist Du ja bereits...

    Was ich aber genau kenne, ist der Moment, in dem man weiss, jetzt ist es so weit. Jetzt pack ichs an.

    Gruß Susanne


  • Hallo Dagny!

    Willkommen bei uns im Forum!

    Über 1,5 Jahre hast Du nun schon nichts mehr getrunken! Sei doch einfach mal stolz auf Dich!

    Hallo Elly, danke! :)
    Ich bin nicht wirlich sicher, ob man in meiner, oder unserer Situation überhaupt stolz sein kann.
    Abstinenz sehe ich als "Normalzustand", daher zurückkehren zum Leben ohne alkohol sehe ich auch als Zurückkehren zur Normalität.
    Stolz bin ich nicht, aber ja. ..erleichtert und froh, dass ich geschafft habe, aus diesem Sumpf rauszukriechen.


    Meiner Meinung nach bist du schon "trocken".

    Du hast damals die Entscheidung getroffen das erste Glas stehen zu lassen. Und das wirst Du
    auch weiterhin tun, denn Du weisst zu gut, dass Du nicht mit Alkohol umgehen kannst. (Genauso
    wie ich)

    Und wenn Du nur ein Glas Alkohol trinkst, geht das ganze Elend wieder von vorne los.

    Das wirst Du, genauso wenig wie ich, nicht riskieren. Nicht wahr?

    Ja, das ist mir schon mittlerweile klar, dass ich mich Alkohol nicht umgehen kann :).
    Ich mag nicht starkes (bis jetzt, wer weiss, wie es weiter gegangen wäre wenn ich nicht gestoppt hatte..)..
    und bin "everyday drinker"..und wenn ich anfange, dann trinke ich nicht gleich ganze Flasche vielleicht...und lange kann ich eine Flasche Wein pro Tag trinken, dann zwei Flaschen (meistens war das Rotwein 14-14.5)...was viele auch tun und kein Problem darin sehen...und das ist sehr trügerisch.
    Man könnte denken, ganz am Anfang, dass man es unter Kotrolle hat.
    Ist aber nicht so....
    Und davor hab ich Angst und möchte vermeiden...dass irgendwann...sagen wir so, nach 4 Jahre, nachdem ich mich wieder gut physisch und psychisch erholt habe und wieder stabil bin...und vielleicht wieder Stress habe und das ganze Elend von "damals" verblasste, mein Gehirn plötzlich auf eine blöde Idee kommt mir eine freikarte zum trinken zu geben..

    Ich bin mittlerweile über 7 Jahre trocken und will nie wieder so leben, wie damals!

    Was meinst Du denn, was sich ändert, wenn Du zur Abstinenz übergehst? Ich sehe
    es nur als andere Formulierung an.

    LG Elly

    genau deshalb bin ich hier, um versuchen zu erfahren von den Menschen, die lange abstinent bleiben, wie sie das machen.
    Ich verstehe, dass jeder seinen Weg für sich ausgesucht hat und kein Universellmitel gibt...aber jede Erfahrung ist wertvoll.
    Du bist 7 Jahre trocken (muss sagen, wau! macht echt Hoffnung) und Du bist in diesem Forum. Das heisst, Du brauchst es...
    Andere besuchen die Gruppen oder Therapie..Ich möchte für mich auch einen Weg finden..
    Forum und generell Austausch unter betroffenen finde ich extrem wertvoll und ist ein starkes Instrument..

    Ich kenn aber auch Menschen, die auch nach 5 Jahre wieder abgerutscht sind...ODer einen, der jetzt fast 2 Jahre nicht trinkt, aber so unglücklich ist, dass er keinen Sinn mehr sieht trocken zu bleiben..
    So will ich nicht.

    Diese Formulierungen "trocken sein" und "abstinent sein" sind eher in meinem Kopf.
    Trocken zu sein für mich - aufhoren zu trinken oder nicht trinken, Anfangsprozess.
    Abstinenz zu erreichen, ist für mich eine Lebenseinstellung zu erreichen, beeinhaltet trocken zu sein, aber auch viel mehr, eher körperlichen und seelischen Zustand zu erreichen, in dem ich kein Alkohol trinke, nicht "weil ich Angst vor dem Elend" habe, sondern weil ich es nicht brauche.

    "All the drugs in the world won't save us from ourselves.”-  Marilyn Manson

  • Hallo Susanne,

    ja, ich weiss, für viele Alkoholiker ist diese "Dosis" lächerlich :)))
    Mit 25 brauchte ich doppel so viel oder Flasche Whiskey..Damals trank ich aber nicht jeden Tag und solche Menge auch nicht mal jeder Woche auf ein mal.
    Und solche Menge sowieso war nicht meins....Bin ziemlich schnell auf Wein umgestiegen. Auch wegen Geschmack, ich mag Rotweingeschack und Duft sehr.

    Aber Ich bin erst in den letzten 10 Jahre schrittweise zu "everyday drinker" geworden.... Die letzten 5 Jahre vor dem Aufhören trank ich jeden Tag.
    Es ist kein Witz. Jeden Tag meistens 2 Flaschen Wein, 365 Tage im Jahr....Auch nach einer OP bin ich am Abend nach Hause gekommen und meine Flasche vernichtet....

    Ich muss sagen, die ersten Jahre von diesem Marathon hat mich das ganze auch nicht gestört, ich war sehr aktiv. Moralische Probleme habe ich nicht gehabt.
    Wir hatten oft Besuch und waren viel unterwegs.
    Muss sagen, wenn ich trank, wurde ich nicht agressiv, streitsuchtig oder besonders was dummes getan.
    Aber verfiel in die unendliche philosophische Diskussionen über Gott und die Welt und wurde sehr emfindlich in diesem Zustand ...

    Und so ging es über die Jahre, letztes Glas um ca. mittenacht, die letzten Jahre - schlecht geschlafen, 4-5 MAl aufgestanden, um 6.30 Aufstehen,
    Mittag meine erste Flasche..Abends die 2. Flasche..
    Ja, man kann sagen, ich war permanent angedudelt und dieser Zustand gefiel mir, diese Heiterkeit..."Energie"... Ich wollte nicht in voller Rausch umfallen.
    Aber am Ende war auch das zu viel und ich schlief schon ab und zu auf dem Sofa ein..
    "Blöderweise" ist Die Heiterkeit und "Energie" mit der Jahren verschwunden und blieb nur die Müdigkeit schon nach derm ersten Glas, Depressionen etc..
    Ich fing an zu "bröseln", gesundheitlich. Ich habe viel zugenommen in diesen Jahren (fast 20 kg innerhalb 5-6 Jahre).
    So ass ich weniger, dafür trank aber mehr...

    Tja..so ging es weiter wie ich in meinem Posting beschrieben habe bis zum Moment, wie Du genau sagst "jetzt weiss ich, dass es soweit"...
    Wie Indianer sagen "...wenn du merkst dass du ein totes pferd reitest steig ab"..))

    Im Moment bin ich irgendwie in diesem Zustand eher -
    "Wir müssen von Zeit zu Zeit eine Rast einlegen und warten, bis unsere Seelen uns wieder eingeholt haben."....


    Mit Begriff "Abstinenz" verbinde ich ertwas mehr als einfach Verzicht auf etwas.
    Mit dem Motto - Ich will nicht "auf etwas verzichten", ich brauche es einfach nicht für mein mein Frieden mit mir selbst --und vielleicht für glückliches Leben (das ist ja auch noch ein Punkt zum verwirklichen :)))
    Wahrscheinlich verkompliziere ich das ganze mit den Begriffen..noch wirr im Kopf nach langem Suff-Schlaff :))
    ...auch Deutsch ist nicht meine Muttersprache, sorry für die Fehler.

    "All the drugs in the world won't save us from ourselves.”-  Marilyn Manson

  • Hallo, Dagny, und HERZLICH WILLKOMMEN im aktiven/schreibenden Teil des Forums :welcome:

    Ich bin nicht wirlich sicher, ob man in meiner, oder unserer Situation überhaupt stolz sein kann.
    Abstinenz sehe ich als "Normalzustand", daher zurückkehren zum Leben ohne alkohol sehe ich auch als Zurückkehren zur Normalität.
    Stolz bin ich nicht, aber ja. ..erleichtert und froh, dass ich geschafft habe, aus diesem Sumpf rauszukriechen.

    Ich (m, 57, Alkoholiker, nach mehreren Anläufen nun seit dem 16.05.2008 trocken/abstinent) denke sehr wohl, dass man stolz sein darf auf das, was man geschafft hat: Darauf, aus diesem beschissenen Suchtkreislauf auszubrechen und sich das Leben zurückzuerobern!
    Denn Du hast ja - wie fast alle Betroffenen - zuvor erlebt, wie schwer und frustrierend es ist, immer und immer und immer wieder zu versuchen, aus diesem Höllenrad auszubrechen und ebensooft wieder zurückgeschleudert zu werden. Und wieviele Menschen resignieren einfach und gehen dann den Weg des geringsten Widerstands - und saufen einfach weiter?

    Hast Du es wirklich einfach so und alleine geschafft? Ohne weitere (klassische) Hilfe? Wow!
    Die "Münchhausen-Methode"

    Zitat

    Meine Strategie war - ich versuche selbst "mich aus dem Sumpf rauszuziehen"..wenn es innerhalb paar Monate nicht klappt, gehe ich zum Arzt...


    hat bei mir NICHT funktioniert.
    Und bei den meisten anderen Betroffenen, mit denen ich mich im Rahmen meiner Tätigkeit in der Suchtselbsthilfe unterhalten habe, ebenfalls nicht. Deswegen bin ich immer wieder (wie gesagt: auf Grund vor allem meiner eigenen Erfahrungen und der vielen Gespräche) immer wieder erstaunt/begeistert, wenn es jemand tatsächlich ohne fremde Hilfe schafft.

    Zitat

    Ich kenn aber auch Menschen, die auch nach 5 Jahre wieder abgerutscht sind...ODer einen, der jetzt fast 2 Jahre nicht trinkt, aber so unglücklich ist, dass er keinen Sinn mehr sieht trocken zu bleiben..

    Auch ich kenne Menschen, die nach fast 25 Jahren Abstinenz rückfällig geworden sind und sich schließlich zu Tode gesoffen haben (u.a. ein Gruppenfreund, der dafür "verantwortlich ist, dass ich mich für die Krankenhausarbeit entschieden habe ;( ). Oder sogenannte "staubtrockene" Alkoholiker - die alles so verbissen sehen, dass sie an nichts mehr wirklich Freude haben :o

    Zitat

    Diese Formulierungen "trocken sein" und "abstinent sein" sind eher in meinem Kopf.
    Trocken zu sein für mich - aufhoren zu trinken oder nicht trinken, Anfangsprozess.
    Abstinenz zu erreichen, ist für mich eine Lebenseinstellung zu erreichen, beeinhaltet trocken zu sein, aber auch viel mehr, eher körperlichen und seelischen Zustand zu erreichen, in dem ich kein Alkohol trinke, nicht "weil ich Angst vor dem Elend" habe, sondern weil ich es nicht brauche.

    Das nenne ICH "zufriedene Trockenheit". Und ich würde mich mittlerweile als zufrieden trockenen Alkoholiker bezeichnen.

    Ich wünsche Dir jedenfalls hier bei uns einen guten Austausch!

    Gruß
    Greenfox

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

    Uns aus dem Elend zu erlösen

    können wir nur selber tun!

  • Hallo Dagny,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum. Schön, dass Du Dich dazu entschieden hast hier aktiv zu werden.

    Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und trinke jetzt schon länger keinen Alkohol mehr. Zu meiner aktiven Zeit war ich ein heimlicher Trinker. Und weil es hier ja auch schon um die Trinkmengen ging: ich war dann so in den letzten Jahren bei 8 - 10 Bier, als absolutes Minimum. Meist aber mehr, auch mal 12, auch mal noch ne' Flasche Wein oben drauf. Aber wenn ich etwas gelernt habe in den vielen Jahren, wo ich mich jetzt mit anderen Alkoholikern austausche, dann ist es dass, das die Menge immer relativ ist.

    Ich habe die Erkenntnis gewonnen, dass man die eine Sucht nicht mit der anderen vergleichen kann. Es ist immer das persönliche Erleben, wenn Du so willst, das persönliche Elend, das letztlich entscheidend ist. Da gibt es die, die bereits bei 4 oder 5 Bier am Tag ganz unten angekommen sind und andere, für die diese 4 oder 5 Bier nur die Flüssigkeit zum Runterspülen der zwei Flaschen Vodka sind. Beide sind Alkoholiker und leben in ihrer jeweiligen Welt, machen ihre persönlichen Erfahrungen und erleben ihre persönliche Sucht.

    Ich finde übrigens sehr interessant was Du alles so schreibst, wie Du denkst. Es sind viele Gedanken dabei, die ich auf mich übertragen kann. Dinge, die auch ich so empfinde oder empfunden habe. Ich will mal versuchen ein wenig darauf einzugehen:

    Zitat

    Wie ist all die Jahre, besonders die letzten, funktionierte, keine Ahnung, um ehrlich zu sein.


    Diese Frage kam bei mir auch auf. Nicht gleich am Anfang aber nach ein paar Monaten ohne Alkohol. Und ich glaube gerade im Jahr 2 ohne Alkohol waren diese Gedanken bei mir am stärksten. So Gedanken wie: "wie konnte ich das eigentlich so lange so durchziehen? Und wieso hat niemand etwas davon gemerkt? Und eigentlich kann das alles doch so gar nicht gewesen sein, das war ja eigentlich gar nicht zum Aushalten" - solche Gedanken waren das. Mit den Jahren ohne Alkohol verblassen diese Gedanken dann ein wenig, wobei ich bis heute immer in der Lage bin mir meine damalige Situation und meine damaligen Gedanken (also die in meiner Trinkerzeit) ganz scharf und ganz genau zurück zu holen. Ich erinnere mich sehr gut, ich kann mir mein Verhalten von damals heute auch erklären und ich kann akzeptieren, dass das ein Teil meines Lebens ist. Aber ich denke nicht mehr so viel darüber nach, nur noch "bei Bedarf" sozusagen.

    Zitat

    Ich trank heimlich und versteckte die Flaschen...


    Das war bei mir DAS Merkmal meiner Sucht. Komplett geheim. Ich war offiziell ein toller Mann, ein toller Familienvater und sehr erfolgreich im Job. Ich war offiziell der Vorzeigesohn der es geschafft hatte, der in Deutschland und der Welt umher reiste, berufsbedingt, um auf diversen Treffen, Tagungen, Konferenzen, etc. seine Weisheiten zum Besten zu geben. Weil er eben beruflich so toll war und in zahlreiche Netzwerke integriert war. Und trotzdem war ich ja immer entspannt, offiziell......

    Aber, die Wahrheit, die sah ganz anders aus. Nur ein Teil dieser Reisen fand tatsächlich statt, der andere war Teil meines Doppellebens. Dieses "pflegte" ich besonders in den letzten Jahren meiner Sucht. Da gab es dann Reisen die es gar nicht gab aber ich war trotzdem weg, um meine Sucht zu befriedigen. Da waren Reisen dann länger als sie eigentlich gewesen wären, um meine Sucht zu befriedigen. Da hatte ich sogar Räumlichkeiten die nur mir bekannt waren, wo ich dann ungehemmt und ohne Angst ertappt zu werden trinken konnte.

    Tja, nix mit toller Mann, toller Papa, toller was weiß ich....

    Als ich aufhörte, war dass das erste was ich klar stellte. Zuerst bei meiner Frau und meinen Kindern, dann bei meinen Eltern und Geschwistern und dann noch bei meinen (wenigen verbliebenen) Freunden. Ich werde diese Momente des Outings nie vergessen. Das waren ganz schwierige Gespräche aber absolut notwendige. Sie machten mir nochmal deutlich, wie weit unten ich eigentlich angekommen war.

    Zitat

    Ich versuchte mich damals an den Tag erinnern, an dem ich nicht trank....die letzten 4-5 Jahre gabs so ein Tag nicht (vielleicht länger wer weißt...)...


    Auch diese Gedanken kenne ich. Ich erinnere mich, dass ich lange immer mal noch Pausen einlegen konnte. Dass es mir möglich war z. B. bei Krankheit (Erklältung, etc.) auch mal ein paar Tage nichts zu trinken. Die letzten Jahre jedoch war mir das nicht mehr möglich. Da trank ich selbst bei Fieber. Zwar weniger als "normal" aber es gab definitiv eine sehr lange Zeit keinen Tag ohne Alkohol mehr.

    Zitat

    Es ist sehr schwer zu beschreiben...aber ich habe mir gesagt "heute trinke ich nicht, nur heute"...Wie es morgen wird, weiss nicht, aber heute trinke ich nicht.


    Und ich kam abends heim und meine Frau konfronierte mich mit einer aufgedeckten Lüge. Wie immer wäre ich auch hier in der Lage gewesen die Situation durch kreativ geschicktes erneutes Lügen zu entschärfen, wie ich das immer in solchen Situationen getan hatte und wo ich auch immer Erfolg hatte. Aber dieses Mal, völlig ungeplant, schoss mir in Bruchteilen von Sekunden in den Kopf: Jetzt ist es vorbei, jetzt outest Du Dich und ab jetzt wirst Du nie mehr einen Tropen Alkohol trinken....

    Das war morgens, als ich wie immer aus dem Haus ging, mir meine ersten beiden Biere reinschüttete um dann in der Arbeit loslegen zu können, überhaupt nicht in meinem Sinn gewesen. Überhaupt war ich an den Standpunkt angekommen, dass ich mich dann halt einfach irgendwann tot saufen werde und dass es für mich überhaupt keinen Sinn mehr macht, irgendwie reduzieren oder pausieren zu wollen. Weil ich es ja einfach auch nicht mehr konnte und halt auch nicht mehr wollte. Und dann kam dieser Abend... Und damit war es dann auch vorbei.

    Im Gegensatz zu Dir bin ich jetzt nicht ganz ohne Hilfe da durch gegangen. Ich war in den ersten Monaten bei einer SHG, die mir damals viel Halt gab. Und ich bemühte mich dann selbst um Termine bei Psychologen und auch anderen Hilfsangeboten. Eine Therapie in klassischer Form habe ich nie gemacht.

    Zitat

    Das erste Jahr war nicht einfach...besonders die ersten Monate....(dabei hatte ich keinen Druck oder Verlangen zu trinken)...


    Das kann ich bei mir genau so unterschreiben. Es war verdammt hart aber es war nicht der Suchtdruck. Den hatte ich quasi nicht. Es war die verdammte Schuld, die ich auf mich geladen hatte. Es war das Elend, das ich bei meiner Familie verusacht hatte. Es war die Unsichheit, wie es jetzt weiter gehen sollte und ob all meine Entscheidungen richtig waren. Z. B. die Trennung von meiner Frau, die von mir ausgegangen war und die natürlich auch für meine Kinder eine Katastrophe darstellte. Und tatsächlich war diese Schuldgeschichte dann bei mir etwas, das mich an den Rand der Verzweiflung brachte und wo mir sehr klar wurde, dass ich da ohne Hilfe wohl nicht durchkommen würde. Diese mich nieder drückende Schuld war dann dafür verantwortlich, dass ich begann immer tiefer in meine Suchtgeschichte einzudringen und immer mehr mit der einer Aufarbeitung begann. Hier eben auch mit Hilfe von Außen, z. B. mit Hilfe eines Mönchs, der eine zentrale Figur in meiner Überwindung der Sucht wurde, aber dann auch mit mir alleine. Ich nahm mir sehr viel Zeit auch nur mit mir alleine. Tägliche lange Spaziergänge, die mir "nur" dazu dienten um denken zu können. Oder Spaziergänge mit Begleitung, wo diese aber dazu "da war" um mich austauschen zu können, eben genau über Themen die meine Sucht betrafen. Ich hatte überhaupt keine Verdränungsstrategie, ich wollte nicht einfach vergessen und ich wollte auch keine Ablenkung (was für mich auch Verdrängung bedeutet hätte). Ich wollte wirklich klar Schiff machen und war auch bereit dazu richtig negative Gefühle "einfach" auszuhalten und zu durchleben. Und gerade von diesen hatte ich in den ersten Monaten eine ganze Menge.

    Zum Glück kamen dazu aber auch viele positive. Erst mal rein äußerlich bedingt, also pyhsisch bedingt. Ich nahm ab, so schnell konnte ich gar nicht schauen. Wurde fitter und heller im Geist. Ich hatte das Gefühl ich könnte Bäume ausreißen. Ich weiß noch, wie ich meinem Gürtel schon nach ein paar Wochen die ersten Zusatzlöcher verpassen musste um ihn enger schnallen zu können. Ich weiß noch, wie einkaufen gehen "musste", weil mir keine meiner Hosen mehr passte und es lächerlich aussah, wenn ich sie mit dem Gürtel enger schnallte und sie zu Bundfaltenhosen mutierten. Das waren schöne Momente.... Wäre da nicht die Trennung gewesen, die tieftraurigen Gesichter meiner Kinder, die Schulden die sich angehäuft hatten, die vielen ungeklärten Fragen, die Berge an sonstigen Problemen die jetzt einfach da waren und nicht mehr weggetrunken wurden.

    Zitat

    Nach ca. 1,5 Jahre hat sich der Sturm gelegt...Ich spüre, es ist Zeit, den nächsten Schritt zu machen - zur Abstinenz.
    Denn davor war ja nur "Austrocknen"...


    Auch hier weiß ich was Du meinst! Das begann bei mir um einiges früher. Ich würde sagen, als ich begann mir Hilfe zu holen legte ich den Grundstein dazu. Nach etwa einem Jahr war ich mit dem Gröbsten durch und konnte ans Feintuning gehen. Der bereits erwähnte Mönch hatte einen großen Anteil daran, dass ich begann mir über den Sinn meines (neuen) Lebens Gedanken zu machen. Er machte mir deutlich, dass ich ein neue und vor allem glückliches Leben nicht auf unaufgearbeiter Schuld aufbauen konnte. Er machte mir klar, dass ich die Schuld als Teil meines Lebens akzeptieren und annehmen musste und dass sie aber auch dabei helfen kann, ein neues glückliches Leben zu führen. Weil ich eben auf diese schlimmen Erfahrungen zurück greifen kann um die Zukunft anders, positiv, zu gestalten.

    Zitat

    Ich muss noch lernen, nicht wieder anfangen zu trinken....
    wenn man dabei noch Glücklich wird oder bleibt...heh...dann hat man Zen erreicht :))))


    Der erste Teil Deines Satzes, der trifft auf mich so nicht zu. Denn ich will nicht mehr trinken weil ich keinen Sinn mehr darin sehe. Ich werde alles dafür tun nie mehr trinken zu müssen, kann aber natürlich nicht sagen, was in der Zunkunft sein wird. Ich kann nur sagen, dass ich keine Angst davor habe rückfällig zu werden. Die Frage, ob ich in 10 Jahren vielleicht wieder zum Trinker werden könnte kann ich genauso wenig beantworten wie wenn man jemanden fragt, der noch nie Alkohol in seinem Leben getrunken hat, ob das immer so bleiben wird oder ob er vielleicht irgendwann sogar Alkoholiker wird. Ich weiß es nicht, ich weiß nur das ich alles dafür tun werde das es nicht passiert. Ich nehme das Leben wie es kommt und es kommt wie es kommt.

    Mein Glück und meine Zufriedenheit habe ich gefunden, weil ich denn Sinn meines Lebens gefunden oder für mich definiert habe. Es war für mich entscheidend, mich auf diese Suche zu begebgen und diesen Prozess zu durchlaufen. Wer bin ich, wer will ich sein, was für ein Mensch möchte ich sein und was werde ich dafür tun um meine Ziele zu erreichen. Und noch ein paar Fragen (und Antworten) mehr. Damit habe ich mich beschäftigt und ich kann heute sagen, dass dieser Prozess ein andauernder ist. Er hört nicht auf und ich beschäftige mich quasi täglich mit mir selbst, mit meinen Zielen, mit meinem Leben und damit wer ich sein möchte. Ich korrigiere und passe an und vor allem, ich bin unheimlich dankbar, dass ich das tun kann und darf.

    Tja und heute ist es so, dass ich wieder Familie habe, nochmal Papa werden durfte und eine ganz andere, viel bewusstere Beziehung führe als ich das jemals davor getan habe. Eine bewusste Beziehung mit meiner Frau und meinem Kind aber auch eine bewusste Beziehung mit mir selbst. Und auch ein bewusste Beziehung z. B. mit meinem beruflichen Umfeld. Es hat sich alles verändert. Ich versuche mir immer wieder klar zu machen, welch wunderbares Leben ich heute führen darf, weil ich aus diesem Teufelskreis aussteigen konnte. Und weil es mir vergönnt war, mir anschließend noch ein paar Gedanken zum Sinn meines Daseins zu machen. Was übrig bleibt ist Dankbarkeit für das was man hat. Und diese Dankbarkeit trägt mich, auch durch Zeiten wo es schwer ist und wo es Einschläge gibt.

    Ok, wurde jetzt am Ende noch ein wenig philosophisch. Aber wollte ich jetzt einfach mal so los werden. Ich habe das Gefühl, dass Du gerade an dem Punkt bist, wo es darum geht, wie es dann jetzt (auf Dauer) weiter geht. Wie Du jetzt zum "richtigen" Glück finden kannst. Denn die Basics hast Du ja bereits erfolgreich erledigt. Du trinkst schon länger nichts mehr, Dein Hirn ist wieder frei und Du nimmst das auch bewusst war. Jetzt kannst in die Tiefe gehen, wenn Du das möchtest. Ich habs getan und ich bin so froh darüber. Ist aber vielleicht auch nicht jedermanns Sache. Da muss jeder seinen Weg finden.

    Alles alles Gute für Dich. Schön, dass Du hier bist und ich freue mich von Dir zu lesen.

    LG
    gerchla

  • Hallo Dagny,

    lächerlich finde ich die Menge nicht, weil ich ja heutzutage ganz genau weiss, was Alkohol alles anrichtet. Nur wäre bei mir da wahrscheinlich der Leidensdruck nie so groß geworden, dass ich da was dran geändert hätte. Deswegen staune ich da immer wieder drüber..ich war wohl schon auch sehr dickfellig und beratungsresistent :D.

    Ansonsten verstehe ich Dich, glaube ich, recht gut. Ich wollte ja auch nicht aufhören und dann mein Leben lang Verzicht üben, sondern es sollte irgendwann genau so selbstverständlich werden, nichts zu trinken, wie ich früher immer getrunken habe. Also es sollte für mich normal werden, nüchtern zu bleiben, ja und glücklicher wollte ich auch werden. Man hofft ja wohl immer, dass es besser wird, wenn man etwas mit solcher Anstrengung ändert. Das passt ja auch nicht damit zusammen, dass man immer unzufrieden und am kämpfen wäre, hätte sich dann auch für mich nicht rentiert.

    Du fragst, wie das Andere machen. Ich bin sehr lange trocken und ich mache heute fast nichts mehr...hier schreiben, da bleibe ich ein bisschen dran, und ich versuche zu vermeiden, dass ich denke, das mir nie wieder was passieren kann. Wobei ich denke, dazu müsste ich zuallererst überhaupt mal wieder Lust zum trinken haben, und das hatte ich schon sehr lange nicht mehr. Aber ich kenne natürlich auch solche 20-Jahre-Fälle und möchte das nicht nachmachen.

    Obwohl ich mir heute keine Situation mehr vorstellen könnte, in der ich wieder anfangen würde, kann ich natürlich nicht hellsehen und weiss nicht, wie ich in zwei oder fünf Jahren denken werde. Und ich habe ja auch mal (mit dem aufhören) angefangen und da war das noch nicht ganz so einfach.
    Ganz am Anfang wurde ich davon getragen, dass ich getrunken hatte, bis es mir wirklich schlecht ging, und dann hatte ich so die Schnauze voll davon, dass ich erst mal jeden Tag froh war, an dem ich ohne nächtliche Schweissausbrüche und morgendliches Kotzen aufgewacht bin. Ich hab es auch genossen, dass ich mich nicht erst mühsam daran erinnern musste, was ich wieder alles für Schwachsinn erzählt und wie sehr ich mich mit meinem Partner rumgestritten hatte. Und insgesamt war ich auch körperlich ein bisschen fitter.

    So lange das noch eine Leistung war, nichts zu trinken, hat es mich auch irgendwie zufrieden gemacht, dass ich das geschafft habe. Aber das verblasste dann relativ schnell und darunter kam der Mensch zum Vorschein, der ich ohne Alkohol war. Und dieser Mensch hatte einige Baustellen.
    Zum Beispiel konnte ich nur schlecht mit starken Gefühlen wie Stress, Ärger oder auch Freude umgehen, ohne dabei zur Flasche zu greifen. Ich musste es immer irgendwie toppen oder auch runterdämpfen, ja nachdem wie angenehm oder unangenehm es war, ich konnte es jedenfalls nicht so nehmen wie es war. Ausserdem war ich auch, wenn auch ohne Saufdruck, ein Mensch, der oft scheinbar grundlos völlig unzufrieden war, und das konnte ich auch nicht durch äussere Verbesserungen wie anderen Job etc. ändern. Ich hab einiges an Änderungen probiert, aber ich selbst blieb trotzdem mehr oder weniger gleich. Lange änderte sich daran scheinbar wenig. Es steckte in mir, ich war einfach so oder auch nur über die Jahre so geworden. Da sind auch Ansätze einer gewissen Depressivität dabei, bei mir ist halt nicht immer alles Sonnenschein.

    Zum Teil musste ich mich damit abfinden, dass ich so bin, also ich musste meine Frustrationsttoleranz und meine Fähigkeit, mich selbst auszuhalten, verbessern. Damit habe ich zum Teil dann aber auch wieder eigene Fehler besser vermieden, über die ich mich nachträglich wieder geärgert hätte. Ich habe aber auch jahrelang damit gekämpft, nicht so launisch und emotional zu reagieren, weil ich ja auch gesehen habe, was dabei rauskommt.
    Und mir war auch klar, dass ich natürlich auch gucken muss, was mich dazu bringen könnte, wieder zu trinken. Dazu habe ich mir angeguckt, was ich vom Trinken erwartet habe...also, wenn ich Saufdruck habe, was erwarte ich für eine Gefühlsveränderung, wenn ich mir was reinkippe? Diese Vorfreude, die ich da hatte...worauf? Und dann die Überlegung, kann ich das auch anders haben oder was kann ich sonst tun, damit ich das bekomme, was ich möchte?
    Nebenbei beschäftige ich mich auch sehr gerne mit dem Thema, was einem tatsächlich gut tut, ob das nun gutes Essen, Bewegung im Freien oder sonstige Genüsse sind. Und zwischenmenschliche Beziehungen, die ich in meinen Trinkerzeiten stark vernachlässigt hatte. Und zwar ohne mich dabei unter Druck zu setzen, wie toll ich sein muss, kein Freizeitstress um was zu beweisen, sondern so dass ich mich dabei wohl fühle.

    Im Laufe der Jahre bin ich realistischer geworden, was ich überhaupt erreichen kann. Irgendwann nach 4 Jahren Trockenheit bin ich zu dem Schluss gekommen, das ich doch noch eine Theapie mache, da gings dann aber schon nicht mehr um Alkohol, sondern eben um diese allegemeine Unzufriedenheit, die ich mit mir rumgetragen habe. Den Anspruch, immer glücklich zu werden, habe ich lange auf de Seite geschoben, da ich mich damit nur unter Druck gesetzt habe, das war für mich unter den damaligen Umständen nicht erreichbar. Ich habe auch gesehen, dass ich mit einem Dauergrinsen eigentlich gar nicht herumlaufen möchte.

    Andererseits bin ich heute schwerbehindert (nicht wegen dem Alkohol), war während meiner Trockenheit jahrelang Schmerzpatient, spüre das jeden Tag und es gibt heute einige "normale" Leute, also nicht-Süchtige, die mich schon dafür bewundern, dass ich mir davon die Laune nicht verderben lasse. Erst neulich habe ich zu jemandem gesagt, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie so zufrieden und gut gelaunt war.
    Und das wäre ich natürlich nicht mehr, wenn ich wieder trinken würde, davon bin ich absolut überzeugt. Also auch ohne, dass ich jetzt ganz genau sagen könnte, was es nun war, hat sich bei mir definitiv sehr viel verbessert. Und ich denke, das hat viel damit zu tun, das ich "dran geblieben" bin und mich auch regelmässig damit beschäftige, was man zu seiner eigenen Zufriedenheit und zum eigenen Glück tun kann, und dann man eben nicht nur Opfer der Umstände ist, sondern auch sehr viel selbst dazu beiträgt. Ich sehe auch, wie gut es mir im Vergleich zu manch Anderem geht. Und heute bin ich, obwohl ich mir das schon abgeschminkt hatte, schon ziemlich nahe dran am Glück.

    Es ist schwierig zu beschreiben, was ich alles schon gemacht habe, ging ja auch über Jahre, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt. An sich kann ich nur empfehlen, dran zu bleiben, aufmerksam zu bleiben, und das zu ändern, was man ändern muss und kann, und sich ansonsten in Gelassenheit zu üben. Das Leben ist zu kurz, um sich über Dinge zu ärgern, die man nicht ändern kann.

    Gruß Susanne


  • andere, für die diese 4 oder 5 Bier nur die Flüssigkeit zum Runterspülen der zwei Flaschen Vodka sind.

    logisch. Schnaps enthält zu wenig Wasser, und Wasser braucht der Körper. Andererseits haut das Bier - und selbst der Wein - viel zu langsam rein...ich hab tatsächlich so empfunden. Wenn ich zu wenig Flüssigkeit, also H2O, hatte, wars halt auch nix.

    Ich glaube es gibt emotional tatsächlich Unterschiede zwischen Spiegeltrinkern und "Anflutern". Hat aber nichts damit zu tun, das ich jemandes Problem kleinreden möchte.


  • Hallo, Dagny, und HERZLICH WILLKOMMEN im aktiven/schreibenden Teil des Forums :welcome:

    Hallo Greenfox [Blockierte Grafik: https://reklama-no.ru/smiles/preved.gif] und vielen Dank!


    Zitat


    Ich (m, 57, Alkoholiker, nach mehreren Anläufen nun seit dem 16.05.2008 trocken/abstinent) denke sehr wohl, dass man stolz sein darf auf das, was man geschafft hat: Darauf, aus diesem beschissenen Suchtkreislauf auszubrechen und sich das Leben zurückzuerobern!
    Denn Du hast ja - wie fast alle Betroffenen - zuvor erlebt, wie schwer und frustrierend es ist, immer und immer und immer wieder zu versuchen, aus diesem Höllenrad auszubrechen und ebensooft wieder zurückgeschleudert zu werden. Und wieviele Menschen resignieren einfach und gehen dann den Weg des geringsten Widerstands - und saufen einfach weiter?


    Ja, Du hast recht...aus diese Pespektive hab ich irgendwie das ganze nicht gesehen...[Blockierte Grafik: https://reklama-no.ru/smiles/scratch-one-s-head.gif] .Möchte aber auch nicht unbedingt zu streng zu den anderen sein. Denn Du hast recht, aus diesem Teufelskreis auszubrechen ist nicht einfach....und manchmal hat man einfach keine Lust überhaupt.
    Damals war mir eigentlich auch ziemlich egal, dass ich mich kaputt mache...und ob ich irgendwo in der nächsten Kurve am Baum lande oder nicht.
    Tja...denke, alle Alkoholiker haben in sich etwas fatalistisches und hm..vielleicht suizidales ....

    Zitat


    Hast Du es wirklich einfach so und alleine geschafft? Ohne weitere (klassische) Hilfe? Wow!
    Die "Münchhausen-Methode"

    hm..also ich war nicht beim Arzt/Psychotherapeut, keine Enzugskliniken, auch keine SHG oder AA...
    Das ganze stand auf meiner Liste als nächster Schritt falls ich nicht alleine schaffe.

    Ich habe aber viel in Internet gelesen. Mehrere Forums, viele Artikel, Blogs etc...Bin bei einem forum hängengeblieben und war dort ziemlich aktiv am Anfang.
    (Es hat sich ergeben, dass dort fast gleichzeitig paar Frauen in meinem Alter angemeldet haben (und auch gerade versuchten aufzuhören wie ich) und wir haben uns sehr gut unterstützt...)...

    Zitat

    Auch ich kenne Menschen, die nach fast 25 Jahren Abstinenz rückfällig geworden sind und sich schließlich zu Tode gesoffen haben (u.a. ein Gruppenfreund, der dafür "verantwortlich ist, dass ich mich für die Krankenhausarbeit entschieden habe ;( ). Oder sogenannte "staubtrockene" Alkoholiker - die alles so verbissen sehen, dass sie an nichts mehr wirklich Freude haben :o

    Das nenne ICH "zufriedene Trockenheit". Und ich würde mich mittlerweile als zufrieden trockenen Alkoholiker bezeichnen.

    Ich freue mich von ganzem Herzen für Dich. Und das macht die Hoffnung, dass ich das auch schaffe.
    Ich habe irgendwo gelesen, dass nur ca. 3% aller Alkoholiker wirklich langfristig Abstinent bleiben...also werden wir versuchen, die Statistik zu verbessern [Blockierte Grafik: http://arcanumclub.ru/smiles/smile13.gif]

    Zitat


    Ich wünsche Dir jedenfalls hier bei uns einen guten Austausch!

    Gruß
    Greenfox


    vielen Dank!

    "All the drugs in the world won't save us from ourselves.”-  Marilyn Manson

  • Susanne, Gerchla, Ihr seid wahnsinn!
    vielen Dank, dass Ihr Zeit genommen habt, mir zu schreiben.
    Ich schätze das so sehr..Ich muss genauer nachlesen und antworte...

    "All the drugs in the world won't save us from ourselves.”-  Marilyn Manson

  • Hallo Dagny!

    Glückwunsch zu 1, 5 Jahren in Freiheit. Mein Respekt, dass Du es ohne Therapie geschafft hast, dich von deinen Ketten zu befreien. Gleichzeitig beweist Du, dass es unterschiedliche Wege der Befreiung gibt. Man muss halt nur den individuell passenden finden. ;)

    Die Tag zu Tag Strategie zu Beginn finde ich auch richtig gut und habe sie selbst an mir in den ersten Monaten ausprobiert. Mit dieser Taktik wird der Zeitraum der selbstgewählten Abstinenz überschaubar. Der Satz, man dürfe nie wieder was trinken überfordert halt einige und kommt viel zu lang vor. So wurschtelt man sich halt Tag für Tag durch und "fährt auf Sicht".

    Ich bin jetzt seit 5 1/2 Jahren unfallfrei clean und es geht mir trotz aller Widrigkeiten gut. Die Tagestrategie brauche ich nicht mehr.

    Dennoch sei gewarnt. Dass immer noch glänzend funktionierende Suchtgedächtnis kann jederzeit wieder zuschlagen und dich in Versuchung führen wollen. Hab das bitte auf dem Schirm und überlege, wie Du dann reagierst.

    Übrigens glaube ich nicht, dass es nur 3% der Alkoholiker schaffen, dauerhaft abstinent zu leben. Wer hat wieviele Alkis interviewt? Ein paar Hundert sind alles andere als repräsentativ. Bei einer Million sähe es womöglich schon anders aus.

    Das soll jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass Alkoholismus eine tödliche Krankheit sein kann, die halt sehr viele Opfer fordert.

    Uns ist bislang der Absprung geglückt, viele andere bleiben auf der Strecke.


    Gruß
    Rekonvaleszent


  • Hallo Dagny,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum. Schön, dass Du Dich dazu entschieden hast hier aktiv zu werden.
    .


    Hallo Gerchla, [Blockierte Grafik: https://reklama-no.ru/smiles/wink3.gif]
    Vielen Dank!

    Zitat


    …. Aber wenn ich etwas gelernt habe in den vielen Jahren, wo ich mich jetzt mit anderen Alkoholikern austausche, dann ist es dass, das die Menge immer relativ ist.
    Ich finde übrigens sehr interessant was Du alles so schreibst, wie Du denkst. Es sind viele Gedanken dabei, die ich auf mich übertragen kann. Dinge, die auch ich so empfinde oder empfunden habe….


    Ja, bei jedem ist anderes und sehr unterschiedlich, das habe ich auch verstanden seit ich mich mit dem Thema beschäftige. Meine Meinung nach, sobald der Alkohol die führende Rolle schon in den Gedanken in dem Verlauf bestimmter Situationen übernimmt, ist man schon am Haken. Und es ist ziemlich irrelevant ob man dann nur am Wochenende trinkt, oder jeden Tag. Solange Alkohol nur ein Teil unseres Lebens bestimmt, hat man Alkoholproblem.
    Ich denke, auf der Suche nach einem Weg in die Abstinenz machen wir besonders am Anfang oft ähnliche Schritte und erleben ähnliche Erfahrungen. Erst später kommt man zu einer Kreuzung wo jeder den eigenen Weg gehen muss…

    Zitat

    Ich werde diese Momente des Outings nie vergessen. Das waren ganz schwierige Gespräche aber absolut notwendige. Sie machten mir nochmal deutlich, wie weit unten ich eigentlich angekommen war.


    Verstehe sehr gut. Auch ehrlich vor allem zu sich selbst zu sein - nicht einfach aber lebenswichtig um überhaupt von dem toten Punkt sich zu bewegen.

    Zitat

    Da trank ich selbst bei Fieber.


    Musste schnunzeln…“Alkohol hilft doch bei allen Krankheiten….Er gibt zwar keine Anworten, aber hilft sehr gut, die Fragen zu vergessen ..“

    Zitat

    Im Gegensatz zu Dir bin ich jetzt nicht ganz ohne Hilfe da durch gegangen. Ich war in den ersten Monaten bei einer SHG, die mir damals viel Halt gab. Und ich bemühte mich dann selbst um Termine bei Psychologen und auch anderen Hilfsangeboten. Eine Therapie in klassischer Form habe ich nie gemacht. .


    Tja..das ist gerad der Punkt, der mich beschäftigt. Ich weiss, ich hatte echt Glück, dass ich jetzt auf dem Sumpf rausgekrochen habe…
    Nachdem ich die ersten Monaten erst körperlich auseinander gefallen bin und dann mich wieder eingesammelt habe (ich hatte fast halbes Jahr sehr starke Gelenkschmerzen etc),
    ging das Formatierung-Prozess im Kopf los..,,Interessantes Erlebnis übrigens – diese Selbstreparatur im Gehirn. Man konnte wirklich merken, wie sich die Funktionen und Reaktionen bessern..

    Zitat

    ….Ich hatte überhaupt keine Verdränungsstrategie, ich wollte nicht einfach vergessen und ich wollte auch keine Ablenkung (was für mich auch Verdrängung bedeutet hätte). Ich wollte wirklich klar Schiff machen und war auch bereit dazu richtig negative Gefühle "einfach" auszuhalten und zu durchleben. Und gerade von diesen hatte ich in den ersten Monaten eine ganze Menge.


    Du hast vieles durchgemacht….
    So sehe ich es ähnlich. Ich will nicht vergessen oder verdrängen, wie ich war während ich trank. Ich stehe zu mir und kann die Vergangenheit nicht mehr ändern. Muss auch sagen, dass ich keine grosse Trümmerfelder hinterlassen habe…Auch Glück gehabt, kann man so sagen..
    Habe aber auch meine „Leichen im Schrank“…sind nicht direkt mit meinem Alkoholmissbrauch verbunden …aber indirekt schon, und mit meinem Aufhören hat sich das ganze noch verschlimmert, (schwierige Beziehung mit meiner Mutter, seit Kindheit…da ich nicht mehr „Mund halte und einfach mein Wein trinke und zu allem ja sage, wie in der letzten Jahren der Fall war…ist aber eine lange Geschichte )…

    Zitat

    Zum Glück kamen dazu aber auch viele positive. Erst mal rein äußerlich bedingt, also pyhsisch bedingt. Ich nahm ab, so schnell konnte ich gar nicht schauen. ...


    Ola-la! Ich weiss ich Weiss…bin auch nur ein Mensch und jaaaa…[Blockierte Grafik: https://reklama-no.ru/smiles/dreams.gif][Blockierte Grafik: http://arcanumclub.ru/smiles/smile435.gif] .die äussere Veränderungen machten eigentlich gleich die Freude.
    Meine fast 20 kg waren schon in dem ersten Jahr wieder weg…


    Zitat

    Der erste Teil Deines Satzes, der trifft auf mich so nicht zu. Denn ich will nicht mehr trinken weil ich keinen Sinn mehr darin sehe. Ich werde alles dafür tun nie mehr trinken zu müssen, kann aber natürlich nicht sagen, was in der Zunkunft sein wird ….Ich nehme das Leben wie es kommt und es kommt wie es kommt.


    Ich habe mich vielleicht etwas ungenau oder falsch ausgedruckt, ich dem ich sagte, dass ich noch lernen muss „nicht wieder anfangen zu trinken“.
    Ich will es auch nicht, Ich brauche es nicht. Jetzt. Aber ich weiss nicht, ob es für immer so bleibt. Wünschen mir würde ich es schon.
    Und bitte nicht so verstehen, als ob ich mir ein „Hintertürchen“ offenlasse. Es geht nur darum, dass ich nicht weiss wie es in der Zukuft kommt.

    Zitat

    Mein Glück und meine Zufriedenheit habe ich gefunden, weil ich denn Sinn meines Lebens gefunden oder für mich definiert habe. Es war für mich entscheidend, mich auf diese Suche zu begebgen und diesen Prozess zu durchlaufen. Wer bin ich, wer will ich sein, was für ein Mensch möchte ich sein und was werde ich dafür tun um meine Ziele zu erreichen. Und noch ein paar Fragen (und Antworten) mehr. Damit habe ich mich beschäftigt und ich kann heute sagen, dass dieser Prozess ein andauernder ist. Er hört nicht auf und ich beschäftige mich quasi täglich mit mir selbst, mit meinen Zielen, mit meinem Leben und damit wer ich sein möchte. Ich korrigiere und passe an und vor allem, ich bin unheimlich dankbar, dass ich das tun kann und darf.


    So sehe ich es auch…übrigens ob mit Alkoholproblemen oder ohne…..Leben ist Prozess und Entwicklung.
    Ich freue mich für Dich sehr, dass Du jetzt glücklich und zufrieden bist und Sinn Deines Lebens gefunden hast…Das ist nämlich gar nicht so einfach.
    Ob ich das finde..schwer zu sagen…Ich hoffe, ich bin auf dem richtigen Wege schon… Ich spüre schon dass ich mein Frieden mit mir selbst langsam bekomme und Veränderungen gehen weiter..

    Zitat


    Ok, wurde jetzt am Ende noch ein wenig philosophisch. Aber wollte ich jetzt einfach mal so los werden. Ich habe das Gefühl, dass Du gerade an dem Punkt bist, wo es darum geht, wie es dann jetzt (auf Dauer) weiter geht. Wie Du jetzt zum "richtigen" Glück finden kannst. Denn die Basics hast Du ja bereits erfolgreich erledigt. Du trinkst schon länger nichts mehr, Dein Hirn ist wieder frei und Du nimmst das auch bewusst war. Jetzt kannst in die Tiefe gehen, wenn Du das möchtest. Ich habs getan und ich bin so froh darüber. Ist aber vielleicht auch nicht jedermanns Sache. Da muss jeder seinen Weg finden.


    Und ich bin Dir sehr dankbar für Deine Wörter und Deine Offenheit…
    Es ist schon komisch irgendwie …..vielleicht gerade „dank“ dem Alkoholproblem erfahre ich überhaupt dieses „Neugeburt“…Es ist als ob man neues Leben anfängt, was de facto auch so ist…

    "All the drugs in the world won't save us from ourselves.”-  Marilyn Manson

  • Hallo Susanne,[Blockierte Grafik: https://reklama-no.ru/smiles/amor.gif]

    Dein Posting hat mich auch sehr zum Nachdenken gebracht, vielen Dank, dass Du Zeit genommen hast und so detailliert geantwortet hast…Das ist genau das was mir erhofft habe, zu erfahren, persönliche Erfahrungen und vor allem hm..die Gedanken und die Fragen, die Dich während der Abstinenz beschäftigt haben und tun es immern noch..Und vor allem die Ecksteine, die Dich dazu bewegt haben, die Vektoren einzuschlagen, die zur Veränderungen geführt haben.

    Zitat

    Aber ich kenne natürlich auch solche 20-Jahre-Fälle und möchte das nicht nachmachen.


    Das möchte ich auch nicht. Dabei glaube ich, dass für einen Mensch, der nach Jahren doch einen Rückfall hat, sind die Jahre davon nicht verloren gegangen und jeden trockenen Tag ist ein guter Tag.
    Während meiner ersten Monaten beobachtete und kommunizierte ich mit mehreren Alkoholikern im Netz, dabei bekam ich auch den Eindruck, dass es nach langer Abstinenz und folgendem Rückfall viel schwieriger ist wieder in die langfristige Abstinenz zurückzukehren. So wie es aussieht, liegt es daran, dass man für sich doch nicht gefunden hat, warum man nicht trinken soll.
    Und genau das möchte ich vermeiden. Und ich möchte auch vermeiden, dass ich den Alkohol grob mit etwas ersetzen versuche, um den selben oder ähnlichen Effekt wie von Alkohol zu erreichen …..hmm Enspannung, Heiterkeit, schnelles und sicheres Abschalten von Realität…
    Im Moment klappt es gut, aber ich verändere mich ja auch. Und wie Du genau beschriebenen hast, jetzt kommt zur Vorschein der Mensch, ich, den ich ohne Alkohol gar nicht kenne. Bis jetzt keine grosse Überraschungen aber die Veränderungen sind ja immer im Prozess.

    Zitat

    …konnte ich nur schlecht mit starken Gefühlen wie Stress, Ärger oder auch Freude umgehen, ohne dabei zur Flasche zu greifen.


    So merke ich bei mir auch. Ich glaub, mit der Zeit wird langsam besser, ich werde etwas stabiler, was Gefühle und Reaktionen angeht, sehr aber ganz klar, dass da viel Spielraum für Entwicklung vorhanden ist.
    Ich habe irgendwo gelesen, dass Alkoholismus eine „Krankheit der gefrorenen Gefühle“ ist.… Gewisserweise stimmt ja auch irgendwie….nach der letzten Jahren alkoholischer Betäubung erwachen irgendwie Gefühle und Empfindsamkeit, oft mehr als man sich wünscht. Aber die Hilflosigkeit in manchen Situationen auch, da ich nie gelernt oder vergessen habe mit den Emotionen oder Reaktionen ohne Alkohol umzugehen.

    Zitat

    Da sind auch Ansätze einer gewissen Depressivität dabei…


    Das habe ich auch..Früher hatte ich richtig „schwarze Tage“ paar mal im Monat. Das war schlimm. Ich hatte keine schlechte Laune im klassischen Sinne, ich wurde einfach still und im Kopf schaltete sich alles schwarz, ein schwarzer Tunnel ohne Ausgang, ohne empfinden der Zeit, Gefühle, Raum... Ich habe versucht auch einen Kalender zu führen um rauszufiltern, was solche Tage verursacht, könnte aber nicht wirklich was feststellen…Die letzten Jahre Alkoholkonsums ist schlimmer geworden, klar – Alkohol ist ja starker Depressant.
    Jetzt ist viel besser geworden.
    Vermute, die allgemeine Verbesserung des Zustandes, physisch sowie psychisch zeigt schon die Wirkung.
    Ich habe mit Interesse gelesen, wie Du damit umgegangen bist und welche Schritte Du unternommen hast…

    Ich war in der letzten Jahren des Alkoholmissbrauchs so was von erschopft. War viel los, irgendwie Stress, tja..tägliches trinken…
    Als ich beschloss aufzuhören, bzw. zu dem Punkt einfach angekommen wo ich nicht mehr konnte und wollte, war ich so erschöpft und müde, dass ich den weg der „fauler Trockenheit“ genommen habe…und versuchte mir diese Zeit möglichst komfortabel zu gestalten.
    Komfortabel in dem Sinne, dass ich möglichst viele stressige Aktivitäten aufs Nötige reduziert habe, Kontakte, die mir „nicht gut taten“ – mied, viel geschlafen hab und versuchte dem Körper nicht zu stören sich zu entgiften…Kopf war irgendwie ausgeschalten die ersten Monate…

    Wie Merovingian aus Matrix sagt: „Zeit, zeit, wer hat schon Zeit??? Aber wenn wir die Zeit nicht nehmen, wie können wir die Zeit haben?“..
    So nahm ich mir auch die Zeit. Ich wollte dies mal wirklich was ändern in meinem Leben, nicht nur überflächlich.

    Bin auch der Überzeugung, dass die positiv verankerten Änderungen besseren Halt haben und auch die Auswirkung auf die gesamte Entwicklung….
    Das mit dem „Glücklich zu sein“ und damit verbundenem Druck, das Du erwähnst - ist auch ein wichtiger Punkt und ich habe viel über Deinen Wörter nachgedacht.
    So wie gestern auch darüber was Gerchla geschrieben hat.
    Zu meinem Erstaunen kann ich jetzt mich selbst nicht wirklich definieren, was für mich bedeutet „Glücklich zu sein“…. Wenn ich mir recht überlege, führe ich eigentlich das Leben was ich selber gestaltet habe…Hinter Alkohol hab mich selbst irgendwie verloren..
    Jetzt bin ich wieder da und wenn ich was ändern will, dass nur ich kann es machen und keiner oder nichts von Aussen..jetzt muss ich nur meine Richtung erkennen…

    Zitat

    An sich kann ich nur empfehlen, dran zu bleiben, aufmerksam zu bleiben, und das zu ändern, was man ändern muss und kann, und sich ansonsten in Gelassenheit zu üben. Das Leben ist zu kurz, um sich über Dinge zu ärgern, die man nicht ändern kann. …

    Susanne, Ich Danke Dir wirklich sehr. Das hat mit sehr geholfen.
    Ich bin froh, dass ich mich getraut habe hier in Forum zu schreiben und Euch zu fragen.

    "All the drugs in the world won't save us from ourselves.”-  Marilyn Manson


  • Hallo Dagny!

    Glückwunsch zu 1, 5 Jahren in Freiheit. Mein Respekt, dass Du es ohne Therapie geschafft hast, dich von deinen Ketten zu befreien. Gleichzeitig beweist Du, dass es unterschiedliche Wege der Befreiung gibt. Man muss halt nur den individuell passenden finden. ;)


    Hallo Rekonvaleszent! ;)

    vielen Dank! Ja, es gibt wirklich sehr unterschiedliche Wege der Befreieung.
    Man muss nur den richtigen für sich selbst finden, was nicht so einfach ist.

    Zitat


    Dennoch sei gewarnt. Dass immer noch glänzend funktionierende Suchtgedächtnis kann jederzeit wieder zuschlagen und dich in Versuchung führen wollen. Hab das bitte auf dem Schirm und überlege, wie Du dann reagierst.


    oh ja, das ist mir absolut bewusst. Wie Strugatzky schön sagen.... "Freiheit alleine genüge nicht aus den Sklaven Götter zu machen"..
    Befreiung ist halt nur der erste Schritt...
    Jetzt muss ich enscheiden was ich mir dieser Freiheit anfange..

    Zitat


    Übrigens glaube ich nicht, dass es nur 3% der Alkoholiker schaffen, dauerhaft abstinent zu leben. Wer hat wieviele Alkis interviewt? Ein paar Hundert sind alles andere als repräsentativ. Bei einer Million sähe es womöglich schon anders aus.


    ja..Statistik zu glauben wäre das letzte, denke das sind wir gleicher Meinung :)

    "All the drugs in the world won't save us from ourselves.”-  Marilyn Manson

  • Hallo Dagny,

    ganz lieben Dank für Deine ausführlichen Zeilen. Ich will Dich nicht mit meinen Gedanken penetrieren aber ich verspüre das Bedürfnis mich noch etwas intensiver mit Dir auszutauschen. Wenn es Dir zu viel werden sollte, dann sag es einfach oder gehe einfach nicht mehr darauf ein. Ich habe hier im Forum, ich glaube ich kam 2015 dazu und war da schon einige Zeit trocken, mittlerweile mit sehr vielen und auch sehr unterschiedlichen Menschen kommunizieren dürfen.

    Und ich glaube ich habe ein Gespür dafür entwickelt, welche dieser Menschen ich mit meinen Gedanken und Erfahrungen erreichen kann und welche eher weniger oder gar nicht. Das schöne hier ist, dass auch bei den regelmäßigen Vielschreibern ganz unterschiedliche Persönlichkeiten mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Herangehensweisen vorzufinden sind. Ich erlebe es so, dass wir uns in der Sache alle einig sind, jedoch sich die "Methoden" durchaus unterscheiden können. Was ich jederzeit akzeptiere und respektiere. Und so könnte man sagen, dass für jeden Hilfesuchenden, zumindest jeden ernsthaft Hilfesuchenden, hier jemand dabei ist, der zu ihm "passt".

    Und um auf den Punkt zu kommen: Wenn ich Dich so lese, auch das was Du jetzt z. B. Susanne geschrieben hast, dann entdecke ich da ziemlich viele Parallen zu mir. Damit meine ich noch nicht mal unsere Suchtgeschichte, denn die unterscheidet sich sicher, sondern ich meine Deine Denkweise und Deine Schlussfolgerungen die Du ziehst. Da ist vieles dabei, dass ich auch so sehe bzw. das ich so eben auch erlebt oder gefühlt habe. Das finde ich sehr schön, weil ich hier das Gefühl habe, dass Dich das was ich zu sagen oder zu berichten habe, wirklich inspirieren könnte. Ich meine zu spüren, dass Du meine "Art" verstehst und für Dich Dinge ableiten kannst. Das ist auch für mich ein sehr schönes Gefühl und irgendwo auch der Sinn, warum ich hier schreibe.

    Deshalb will ich Dir einfach noch ein paar Gedanken da lassen, in etwa so, als ob wir uns irgendwo analog unterhalten würden.

    Zitat

    Ich denke, auf der Suche nach einem Weg in die Abstinenz machen wir besonders am Anfang oft ähnliche Schritte und erleben ähnliche Erfahrungen. Erst später kommt man zu einer Kreuzung wo jeder den eigenen Weg gehen muss…


    Sehr schön gesagt. Ich habe schon häufiger gesagt bzw. auch geschrieben, dass ich der Meinung bin, dass diese Krankheit, wenn man sie von außen und eher oberflächlich betrachtet, immer ein sehr ähnliches Muster aufweist. Es scheint zunächst so, als ob das bei allen oder den meisten Alkoholikern irgendwie gleich abläuft. Sowohl was das reinrutschen in die Sucht betrifft, dann die Sucht selbst und dann auch das wieder heraus kommen. Oberflächlich betrachtet rutscht man da irgendwie rein (die "Gründe" sind oft die "gleichen"), dann ist man einer Kategorie eines Alkoholikers zuzuordnen und wenn man zu den Glücklichen gehört die es wieder raus schaffen, dann schaut das auch erst mal irgendwie alles ähnlich aus. Viele machen Therapie, lassen sich wie auch immer helfen und versuchen die bewährten und klassischen Regeln, die dabei helfen sollen nicht mehr zu trinken, anzuwenden.

    Aber, wenn man genauer hin schaut, dann steckt bei JEDEM einzelnen von uns eine ganz individuelle Suchtgeschichte dahinter mit ganz indivduellen Maßnahmen die dann dazu geführt haben, dass wir es doch wieder heraus schaffen konnten. Alkoholsucht ist doch eine höchstindividuelle Krankheit, wie es am Ende alle psychischen Erkrankungen sind. Und ganz am Ende muss sich trotz aller Hilfe jeder selbst helfen. Zu hoffen, dass es die anderen (also die Helfer) richten werden, funktioniert nicht. Man muss (sollte) mit sich und seinem Leben ins Reine kommen. Und ich glaube das muss man am Ende selbst schaffen, da hilft zwar Input von außen, aber tun muss man es selbst.

    Zitat

    Tja..das ist gerad der Punkt, der mich beschäftigt. Ich weiss, ich hatte echt Glück, dass ich jetzt auf dem Sumpf rausgekrochen habe…


    Du, ich glaube, ich hatte nicht weniger Glück als Du. Ich frage mich oft, warum es von denen die wirklich weg wollen vom Alkohol, nur so wenige schaffen. Da geistert ja in den diversen Statistiken der Wert von etwa 10 % herum. Lass es 20 oder 25 % sein, ich denke da gibt es vielleicht auch eine Dunkelziffer. Trotzdem ist es wohl die große Mehrheit, die innerhalb der ersten beiden Jahre rückfällig wird. So, und warum habe gerade ich es jetzt eigentlich geschafft? Ich will nicht so anmaßend sein und von mir glauben, dass ich schlauer, ehrgeiziger, disziplinierter, etc. bin als all die anderen die es versucht haben. Ich spreche ja wirklich nur von jenen, die es ERNSTHAFT versucht haben, Therapie hatten, etc. Also warum ich?

    Tja, da bleibt mir dann nur noch das Glück. Das Glück zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Entscheidungen oft, die sich dann erst im Nachhinein als die Richtigen heraus stellten und von denen ich zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht wusste, ob das jetzt gut oder schlecht ist. Oder das Glück (manchmal auch der Zufall) die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt getroffen zu haben. Meine Story mit dem Mönch ist da für mich so ein Beispiel. Er spielte eine zentrale Rolle, wirklich eine ganz zentrale. Und nachdem ich bei meinem Psychologen eher auf Unverständnis gestossen bin, ich dort echte Schwierigkeiten hatte und wirklich ziemlich verzweifelt war, kam mir dieser Mönch in den Sinn. Den ich viele Jahre vorher mal flüchtig gesehen und reden habe hören. Es gab da nicht mal ein persönliches Gespräch. Im Grunde war es meine Ex-Frau, die zu mir sagte: du warst doch damals so begeistert von diesem Mönch bei dem du diese Krippenführung gemacht hast. Wäre der nicht jemand mit dem du sprechen könntest.

    Also verstehst Du? Meine Frau, die belogen und betrogen und dann auch noch verlassen hatte (und ich spreche jetzt hier ja wirklich von den ersten Monaten meiner Zeit ohne Alkohol, also alles ganz frisch), die brachte mich auf diesen Gedanken. Wie soll man das jetzt nennen? Hat nichts mit Disziplin, klarem Plan oder besonderer Klugheit meinerseits zu tun. Es war einfach nur Glück oder, für jene die an eine höhere Macht glauben, eine Fügung die von oben kam. Und so gab es in meiner Geschichte einige Punkte wo ich einfach nur Glück hatte (oder Fügung) und andere eben nicht.

    Zitat

    Muss auch sagen, dass ich keine grosse Trümmerfelder hinterlassen habe…


    Das freut mich sehr für Dich. Sei froh und dankbar das es so ist. Es scheint, als ob Du die Reißleine trotz allem noch rechtzeitig ziehen konntest. Das ist toll. Oft geht es erst mal gaaaaanz tief nach unten, natürlich mit den entsprechenden Kollateralschäden, die dann nicht selten irreperabel sind. Und da meine ich nicht nur die physischen Schäden sondern vor allem auch die psychischen und hier vor allem auch die, die man seinem Umfeld zugefügt hat. So wie ich das auch getan habe.

    Zitat

    Und bitte nicht so verstehen, als ob ich mir ein „Hintertürchen“ offenlasse. Es geht nur darum, dass ich nicht weiss wie es in der Zukuft kommt.


    Ich glaube, ich habe Dich schon richtig verstanden. Ich habe zu keinem Zeitpunkt gedacht, dass Du Dir ein Hintertürchen offen lassen möchtest. Hätte ich das gedacht, hätte ich es Dir geschrieben, so frei bin ich dann schon :) Und genau wie Du schreibst: Ich weiß auch nicht wie es in der Zukunft kommt. Es gab, seit ich trocken bin, schon ein paar Einschläge in meinem Leben aber so richtig heftige, also so richtig richtig heftige waren noch nicht dabei. Ich kann Dir nicht sagen, was bei mir passieren würde, wenn z. B. einem meiner Kinder etwas passieren würde oder meiner Frau. Verstehtst Du was ich meine? Wenn mir Dinge wiederfahren würden, die man keinem Menschen wünscht. Ich kann mich hier nicht hinstellen und sagen: Egal was kommt, ich würde nie mehr zur Flasche greifen. Ich kann nur sagen, dass ich versuche mich vorzubereiten und mein Leben so zu gestalten, dass ich auch schwere Schläge ohne Alkohol überstehen kann. Aber.... Theorie und Praxis.... Ich weiß es nicht und ich hoffe, ich muss es nie heraus finden.

    Zitat

    Ich freue mich für Dich sehr, dass Du jetzt glücklich und zufrieden bist und Sinn Deines Lebens gefunden hast…Das ist nämlich gar nicht so einfach.
    Ob ich das finde..schwer zu sagen…Ich hoffe, ich bin auf dem richtigen Wege schon… Ich spüre schon dass ich mein Frieden mit mir selbst langsam bekomme und Veränderungen gehen weiter..


    Die Sache mit dem Sinn. Diskussionen darüber sind nicht jedermanns oder jederfraus Sache. Für mich war es irgendwann die zentrale Frage. Ich fragte mich: Warum ist mir das passiert? Was hatte das für einen Sinn? Kann das am Ende vielleicht sogar für etwas gut gewesen sein? Und, da ich von Anfang an so eine Dankbarkeit spürte das ich nicht mehr trinken musste, kam die Frage: Was machst du jetzt daraus? Aus dieser gigantischen Chance ein neues Leben beginnen zu können? Das kannst du doch du doch nicht (wieder) einfach so vor sich hin plätschern lassen?

    Das sind jetzt hier von mir formulierte Fragen die ich mir stellte. In der Realität war das, genau wie Du es schreibst, eingebettet in einen langen Prozess. Der eben dann diese Fragen und viele andere hervor brachte.

    Ich glaube einfach, dass Du genau in diesem Prozess steckst. Und ich sage Dir: Genieße diesen Prozess und nimm ihn bewusst war. Nimm Dir unbedingt Zeit dafür. Ich zweifle nicht daran, dass auch Du dann Deinen Sinn finden wirst.

    Und am Ende bin ich wirklich davon überzeugt, dass ein zufriedenes oder auch glückliches (wobei Glück eine sehr indivduelle Sache ist) Leben die beste Prävention vor einer Sucht ist. Wenn Du zufrieden oder glücklich bist, dann bist Du mit Dir im Reinen. Du liebst Dich sozusagen selbst, was nichts mit Arroganz, Egoismus oder so zu tun hat. Du fühlst Dich gut so wie Du bist und nimmst Dich selbst so an, wie Du bist. Wozu soll dann, liebe Dagny, der Alkohol noch einen Sinn haben? Wenn Du überlegst wozu Du (oder auch ich) ihn eingesetzt hast. Am Ende doch nur, um etwas zu verändern, möglichst schnell. Locker werden, Stress abbauen, sprich sich mal wegbeamen und an nichts mehr denken, Minderwertigkeitskomplexe überwinden und mal der sein, der man eigentlich nicht war aber gerne sein möchte, etc. Wenn Du Dich so liebst wie Du bist und wenn Du mit Dir und Deinem Umfeld im Reinen bist, dann ist das alles hinfällig. Und auch Stress und Einschläge von außen kann man dann ganz anders abfedern. Da braucht es dann kein Wegbeamen mehr, da kann man dann auch mal was aushalten.

    Und da wir uns, wie Du ja auch geschrieben hast, ständig verändern und nie derjenige oder diejenige bleiben die wir gerade sind, ist das alles eben ein andauernder Prozess. Ein Arbeiten an sich und seinen Zielen, ein daran arbeiten wo zu werden oder zu sein, wie man gerne sein möchte. Und ich glaube, hier kann man nie den "Gipfel" erreichen und möchte ihn auch gar nicht erreichen. Denn wenn ich wirklich mal ganz oben wäre, dann würde der weitere Weg ja nur noch herab führen. Und wenn ich von "arbeiten" schreibe, dann meine ich das positiv. Diese "arbeiten" ist etwas ganz tolles und erfüllendes.

    Zitat

    Es ist schon komisch irgendwie …..vielleicht gerade „dank“ dem Alkoholproblem erfahre ich überhaupt dieses „Neugeburt“…Es ist als ob man neues Leben anfängt, was de facto auch so ist…


    Und ich glaube, genau so ist es auch. Du bist an einem Punkt an dem ich auch war. Ich merkte plötzlich, dass ich meiner Sucht, also dieser schlimmen Zeit, sogar dankbar sein darf. Ich will damit keinesfalls sagen, dass man das unbedingt haben muss, also so eine Suchtkarriere. Ich kann aber für mich sagen, dass ich dieses wunderbare Leben, dieses bewusste Leben das ich heute führen darf, ohne diese schrecklichen Erfahrungen nie erreicht hätte. Davon bin ich überzeugt. Trotzdem tut es mir unheimlich Leid für alle, die unter meiner Sucht leiden mussten. Vor allem meine erste Frau und meine Kinder. Und wie Du ja weißt, waren genau diese Schuldgefühle die größte Herausforderung bei der Aufarbeitung für mich. Heute habe ich eine echt gute Beziehung zu meiner ersten Frau und auch eine richtig gute Beziehung zu meinen Kindern. Auch das war ein Prozess und auch hier kenne ich so viele Geschichten anderer, wo das ganz anders aussieht. Und genau daraus ziehe ich auch meine Dankbarkeit und meine Zuversicht.

    So, wieder viel geschrieben. Vielleicht ein paar Denkanstösse für Dich aber wenn ich ehrlich bin, auch ganz viele für mich. Alleine nur beim Herunterschreiben meiner Gedanken. Dafür danke ich Dir.

    LG
    Gerchla

  • Hallo Dagny,

    bitte, gern geschehen.

    Und ich möchte Dir auch für das ausführliche Feedback ausdrücklich danken.


    jetzt muss ich nur meine Richtung erkennen…

    Ich war relativ ziellos, ich wusste erst mal nur, wovon ich weg wollte, aber wo ich dafür dann hin will, das fehlte mir ein wenig. Mir ist das erst aufgefallen, nachdem der Alkohol nicht mehr meine Hauptaufgabe war und das schon etwas leichter ging...eben das, was dann ohne Alkohol heraus kam.
    So lange ich getrunken habe, war ich darauf geeicht, das Geld muss stimmen, dann kriege ich den Rest schon irgendwie hin, aber nüchtern habe ich halt festgestellt, dass mir das nicht reicht. Mir fehlte auch so was wie der Sinn und ich weiss nicht wie ich das ausdrücken soll, irgendwas spirituelles, fürs Karma, obwohl ich ganz klar eigentlich nichts mit Esoterik am Hut habe. Aber da fehlte einfach was.

    Jedenfalls habe ich ja erst mal nur so nebenbei, beim Yoga, das ich zum abends Runterkommen angefangen habe, aber später dann im Rahmen dieser Therapie, das Meditieren gelernt, richtig mit Anleitung. Da gehts dann unter Anderem drum, und das erfordert ziemliche Übung, das normale Gedankenkarussell zu stoppen, das Ego, das eher nach aussen und auf Kontrolle gerichtet ist, und sich nur mal, ohne zu bewerten, anzugucken, was tief in einem selbst drin steckt und was dann hochkommt, wenn man innerlich mal "leise" ist und nicht immer alles gleich bewerten, regeln und änden möchte, sondern nur mal dem Gefühl nachspürt.
    Das kann einem dabei helfen, den Kompass zu eichen. Es ist nicht jedermanns Sache, ich hatte Anfangs wegen meiner Ungeduld große Schwierigkeiten damit, aber wie immer...dranbleiben. Es gibt Untersuchungen, dass das die Fähigkeit für rationale - vernünftige -Entscheidungen verbessert und gleichzeitig auch den inneren Stress reduziert.

    Früher dachte ich immer, sowas ist nur für Softies, aber das kann schon ziemlich ans Eingemachte gehen..und hilft dadurch, sich selbst zu entdecken. Und damit seinen Weg zu erkennen, und auch das, was einem wirklich wichtig ist. Es ist nicht jedermanns Sache, aber das wollte ich Dir noch dalassen.

    Alles Gute erst mal.

    Gruß Susanne.


  • .... Wenn es Dir zu viel werden sollte, dann sag es einfach oder gehe einfach nicht mehr darauf ein.

    meinst, sollen wir ein "Stop" wort vereinbaren? [Blockierte Grafik: https://reklama-no.ru/smiles/mosking.gif]
    Masochistisch genug sind wir alle hier schon, sich zu trauen in die Tiefe unserer Gedanken zu wühlen ...
    sorry, ist mir rausgerutsch...

    Aber jetzt im Enst - nein, auf keinem Fall aufhören bitte.
    Dafür hab mich auch hier angemeldet und das Thema gestartet....Genau solchen Austausch habe ich mir gewünscht und nach gesehnt..

    Und ich bin unendlich dankbar, dass Ihr wirklich Euch Zeit nimmt und Eure Erfahrungen mit mir teilt.

    Gerchla, Du schreibst aber viele Sachen, über die ich in Ruhe nachdenken muss und meine Gedanken dazu zu formuelieren....

    "All the drugs in the world won't save us from ourselves.”-  Marilyn Manson

  • Hallo Gerchla,
    vielen Dank für Deine Wörter und die Zeit, die Du dafür nimmst, so ausführlich zu schreiben.
    Heh…Du machst es mir nicht einfach

    "All the drugs in the world won't save us from ourselves.”-  Marilyn Manson

  • Hallo Susanne,

    vielen Dank Dir.

    Das mit dem Meditieren habe ich auch nachgedacht, dass es eventuell mir gut tun würde. Bin irgendwie nie dazugekommen, richtig zu lernen. Und so – oberflächliche Versuche waren nichts. Das ist der Punkt, wo ich mich eventuell doch etwas intensiver beschäftigen soll..
    Denn Gedankenkarussell und Ungeduld in manchen Sachen sind halt auch „meine Stärke“

    "All the drugs in the world won't save us from ourselves.”-  Marilyn Manson

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