Beiträge von AmSee13


    Warum wird die Frage, was andere über einen denken, wichtig, wenn man aufhört?

    Ich denke, es hat mich vorher auch schon interessiert.
    Ich weiß nur, dass ich vor anderen mit meinem Konsum auch nicht auffallen wollte und ich bin vermutlich auch nicht aufgefallen, da ich entweder in der entsprechenden angeheiterten Runde war oder unauffällig zuhause für den Pegel gesorgt habe, den ich brauchte/ wollte.
    Der einzige, der es wirklich mitgekriegt hat, war mein Mann. Dessen Sorge nervte mich und ich glaubte, er sprach mich nur deshalb drauf an, weil er wusste, dass mein Vater Alkoholiker war.

    Und bei vielen Geschichten von Alkoholikern, die ich so gelesen habe, glaubten diese, dass ihr Konsum nicht auffällt. Nicht wenige haben heimlich getrunken, damit es eben nicht auffällt.
    Daraus könnte man schließen, dass die Frage, was andere über einen denken, schon vor dem Aufhören, eine Rolle gespielt hat.

    Und wenn ich noch im Beruf wäre, hätte ich nicht über diesen Fehler, den ich begangen und aus eigener Kraft überwunden habe, stolpern und mir mit diesem Bekenntnis und der entsprechenden Schublade, in die man mich gesteckt hätte, Steine in den Weg legen wollen.


    Wie ist das nun – soll ich mich outen? Einfach so sagen, dass ich Alkoholiker bin, aber eben keinen Alkohol mehr trinke? Und wenn ja – wem sage ich es? Allen? Nur meinen Freunden? Und wie sage ich es?

    Fragen über Fragen, die einen ganzen Rattenschwanz an Fragen nach sich ziehen:
    Kann/darf/soll ich überhaupt zu Hause meinem Besuch noch Alkohol anbieten?
    Was mache/sage ich, wenn man mir Alkohol anbietet, obwohl ich abgelehnt habe?

    Als ich mir selbst eingestehen musste, Alkoholikerin zu sein, verlor der Begriff für mich selbst merkwürdigerweise seinen Schrecken. Vorher hatte ich oft Angst, es zu werden.

    Ich habe diesen Begriff jedoch anderen gegenüber bislang nur selten verwendet und tue es immer noch selten. Ich sehe den Schutz, den das bieten kann, sehe aber auch die Nachteile, die ein gewisses Schubladen-Denken, das ich bislang so beobachten durfte, mit sich bringt. Ich mag Schubladen-Denken nicht.

    Mein Mann und ein paar wenige gute Freunde wissen genau Bescheid.

    Ansonsten sage ich, dass ich keinen Alkohol trinke und lehne Alkohol, sofern er mir angeboten wird, einfach ab. Ein paar Menschen, mit denen ich näher bekannt bin, habe ich auf deren Nachfrage erklärt, dass ich nicht mehr trinke, weil ich feststellen musste, dass ich mit Alkohol nicht umgehen kann und die Kontrolle über meinen Konsum verloren hatte.
    Das hat bislang genügt.

    Mein Haushalt ist alkoholfrei, ich habe alle zugehörigen Gläser entsorgt und ich kaufe auch keinen Alkohol für meinen Besuch. Wer mich besucht, weiß darüber Bescheid oder wird ggf. darüber informiert. Mittlerweile darf mein Besuch, wenn er Alkohol konsumieren will, sich welchen mitbringen, das kommt aber nur äußerst selten vor.

    Grüße
    AmSee


    Zufriedene Abstinenz setzt eine positive Einstellung zum Leben voraus und erfordert jedochr auch eine gewisse finanzielle Absicherung. Wer im Niedriglohnbereich schuften muss, nicht von Beruf Sohn oder Tochter oder einfach wohlhabender Erbe ist, der hat es deutlich schwerer, diesen Zustand je zu erreichen. Wer tagein-tagaus grübeln muss wie er die Strom-, Gas und Benzinrechnung bezahlen kann und jeden Euro 2x umdrehen muss, für den ist der Zustand der Zufriedenheit eine gewaltige Herausforderung.

    Ich frag mich, wer hier der Adressat sein soll.

    Zudem scheint mir hier ein Missverständnis vorzuliegen zwischen den Begrifflichkeiten „Zufriedenheit“ und „zufriedener Abstinenz“. Nach meinem Verständnis besteht da ein Unterschied.

    Bei „zufriedener Abstinenz“ geht’s meines Erachtens um den Zustand, nicht darunter zu leiden, aus Krankheitsgründen nicht Alkohol trinken zu dürfen, sondern im Gegenteil tatsächlich zufrieden damit zu sein, nicht mehr Alkohol trinken zu MÜSSEN.
    Es geht um dieses Gefühl, den ganzen Schattenseiten der Sauferei entronnen zu sein und stattdessen das, was man sich erfolglos vom Trinken versprochen hat (z.B. Glücksgefühle hervorrufen, Probleme bewältigen, mit negativen Gefühlen umgehen) aus eigener Kraft schaffen oder zuverlässig in sich selbst hervorrufen zu können.

    Dass Alkoholmissbrauch die Lage von jemand, der „tagein-tagaus grübeln muss wie er die Strom-, Gas und Benzinrechnung bezahlen kann und jeden Euro 2x umdrehen muss“ nicht bessert, darüber dürfte hier wohl Einigkeit bestehen, oder?

    Es ist eine Weile her, dass ich selbst in einer derartigen finanziellen Lage steckte, mein bester Freund steckt krankheitsbedingt unverschuldet in dieser Lage und wird nicht mehr daraus entkommen, daher behaupte ich einfach mal, eine Ahnung davon zu haben, wie das ist, in einer solchen Lage zu sein.

    Gewiss ist das nicht einfach, aber in einer solchen Lage zufrieden zu sein, nicht auch noch saufen zu MÜSSEN ist möglich. Und wer in einer solchen Situation schätzt, in der Lage zu sein, mit klarem Kopf Lösungen für seine Probleme finden zu können, negative Gefühle bewältigen zu können und überhaupt einen Blick für das, was schön ist, haben zu können, den würde ich „zufrieden abstinent“ nennen.
    Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass er auch „zufrieden“ mit seinem Leben und seiner finanziellen Gesamtsituation ist.

    Grüße
    AmSee

    Du hast erkannt, ein Alkoholproblem zu haben, und deshalb beschlossen, ganz auf Alkohol zu verzichten, nun geht es für dich darum, wie du dir deine Abstinenz bewahren kannst.

    Gleich ein Hinweis vorweg: Erfahrungen zeigen, dass es in der Regel nicht genügt, nur das Glas sozusagen einfach stehen zu lassen, wenn dein Vorhaben erfolgreich sein soll.

    Der Prozentsatz derer, die es dauerhaft aus der Alkoholabhängigkeit schaffen, ist gering. Das hat seine Gründe.

    Darüber, wie es nun weitergehen kann, bestehen unterschiedliche Sichtweisen:

    Den einen trockenen Alkoholikern genügt es, sich einfach vor Augen zu halten, wie es war, wenn sie „gesoffen“ haben. Diesen genügt es, in kritischen Situationen zu wissen, was sie wollen, und sie gehen solchen Situationen nicht unbedingt aus dem Weg, sondern betrachten sie eher als Trainingsfeld. (Konfrontation)

    Den anderen trockenen Alkoholikern genügt das nicht. Zugrunde liegen hier meist Erfahrungen, öfter mit dem sogenannten „Suchtdruck“ (= überaus starkes Verlangen, Alkohol zu konsumieren) konfrontiert gewesen zu sein, oder Erfahrungen mit Rückfällen.

    Hintergrund für solche Erfahrungen ist, dass das sogenannte „Suchtgedächtnis“ eine ganze Reihe von Denk- und Verhaltensmustern, Gewohnheiten und Situationen mit dem Alkoholkonsum verbindet. Daher kann dieses Suchtgedächtnis immer wieder „getriggert“ (= aktiviert) werden und es kann zu sogenanntem „Suchtdruck“ kommen. Erfahrungen zeigen, dass der Suchtdruck auch erst später auftreten kann.
    Dieses Suchtgedächtnis lässt sich übrigens nicht löschen, es wird den Rest deines Lebens erhalten bleiben.

    Aufgrund solcher Erfahrungen gehen nicht wenige Alkoholiker (zumindest zunächst) den Weg der Vermeidung und bemühen sich ausdrücklich um sogenannte „Trockenheitsarbeit“ / „Trockenarbeit“, die auch als „Selbstfürsorge“ bezeichnet werden kann.


    „Trockenarbeit“ bzw. „Selbstfürsorge“

    „Trockenarbeit“ bedeutet, einige Veränderungen in deinem Leben und in deinen Denk- und Verhaltensmustern vorzunehmen, um das Suchtgedächtnis eben nicht zu triggern und um tragfähige neue Denk- und Verhaltensmuster zu erwerben.
    Trockenarbeit ist sehr individuell und jede/r muss selbst heraus finden, welche Maßnahmen ihr oder ihm helfen, eine dauerhafte zufriedene Abstinenz zu erreichen.


    Innerhalb der ersten Wochen und Monate können sich dir folgende Fragen stellen:

    - Wie verbringe ich meine Abende und/ oder das Wochenende, wenn ich mich nicht mit Alkohol „belohne“ oder „tröste“, was gibt’s für Optionen und Alternativen?
    - Wie verbringe ich die sonstigen Gelegenheiten, an denen ich mich mit Alkohol „belohnt“ oder „getröstet“ habe, was gibt’s für Optionen und Alternativen?
    - Wie verhalte ich mich in gesellschaftlichen Runden, in denen üblicherweise Alkohol konsumiert wird, oder bei gesellschaftlichen Ereignissen? Gehe ich gar nicht erst hin, um meine Abstinenz nicht zu gefährden, oder gehe ich hin und setze mich damit der Gefahr aus, getriggert zu werden?

    Am Anfang empfiehlt es sich, gewisse gesellschaftliche Runden und Ereignisse erstmal zu meiden, um die eigene Abstinenz zu sichern.
    Später, wenn du dich gefestigt fühlst, kannst du dich schrittweise damit konfrontieren, während du dich dabei beobachtest, was es in dir auslöst, und auf diese einen neuen Umgang damit finden.
    Für solche Fälle ist ein sogenannter Notfall-Plan hilfreich, um die Situation verlassen zu können, wenn du bemerkst, dass sie dir nicht gut tut.


    - Teile ich meinem Umfeld mit, dass ich Alkoholiker/ Alkoholikerin bin, oder nicht?

    Diese Frage lässt sich nicht so leicht beantworten und hängt gewiss auch ganz vom jeweiligen Gegenüber und der Situation ab. Es kommt auch darauf an, wie weit du dir selbst gegenüber zu diesem Bekenntnis bereit bist. Sich als „Alkoholiker/ Alkoholikerin“ zu outen kann ein Schutz sein, es kann ggf. auch hinderlich sein.


    - Wie ist das mit Speisen oder Süßigkeiten, in den Alkohol enthalten ist, besteht da Gefahr für mich?

    Zur Erklärung: Auch diese können triggern.
    In diesem Zusammenhang ist auch sogenanntes „alkoholfreies“ Bier zu sehen, das meist doch geringe Mengen an Alkohol enthält und in Geschmack und Aussehen an richtiges Bier erinnert.


    - Wie gehe ich damit um, dass in Film und Fernsehen ständig Alkohol konsumiert wird und mich daran erinnert, wie selbstverständlich das auch mal für mich war?
    - Wie verhalte ich mich im Supermarkt, wo ich an den Wein-, Bier- und Schnapsregalen, vor denen ich sonst ggf. mit Aussuchen und in Vorfreude so viel Zeit verbracht habe, vorbei muss?
    - Wie gehe ich damit um, wenn ich in einem Restaurant oder Café oder im Sommer beim Gang durch die Fußgängerzone damit konfrontiert werde, dass Menschen um mich herum Alkohol konsumieren?
    Was macht das mit mir?


    - Spätestens, wenn du doch mal heftigsten Suchtdruck kennengelernt hast, stellt sich die Frage: Wie kann ich vermeiden, dass so etwas wieder auftritt, oder was kann mir im Notfall helfen?

    Die Zusammenstellung und das Üben eines sogenannten „Notfall-Koffers“ ist dabei ein sinnvolles und hilfreiches Werkzeug.

    - Was kann ich prophylaktisch tun, damit es nicht wieder zu Suchtdruck kommt?
    - Was kann ich tun, wenn ich doch Suchtdruck bekomme? Wie komme ich am Besten wieder (unbeschadet) aus dieser Situation heraus?


    Darüber hinaus kann Trockenarbeit z. B. auch der regelmäßige Besuch einer SHG sein oder der Austausch in einem Forum wie diesem hier.
    Oder sie kann darin bestehen, regelmäßige (geplante) Rückblicke auf die schlimmen Erlebnisse während der eigenen Trinkerzeit vorzunehmen und die eigene Suchtzeit aufzuarbeiten.


    Das klingt jetzt vielleicht nach fürchterlich viel Arbeit, aber es steht u.U. auch nicht gerade wenig für dich auf dem Spiel, wenn du abhängig geworden bist und den dauerhaften Absprung schaffen willst.
    Zudem musst du dich dem auch nicht auf einmal stellen, sondern darfst dir so viel Zeit dafür nehmen, wie du brauchst.


    Aus der Perspektive der Spezialisten hier, d.h. der Alkoholiker, die den Absprung geschafft haben: Lass dir versichern, dass sich die Mühe lohnt. Zufriedene Abstinenz ist möglich.

    Auch hier gilt: Wenn du dir Sorgen machst und/oder Fragen hast, kannst du diese gerne hier im Forum stellen.


    Hier findet Ihr ein paar Links zu ein paar Themen/Diskussionen (Aufzählung ist bei Weitem nicht vollzählig!) in diesem Forum, die uns in diesem Zusammenhang wichtig erscheinen. Damit Ihr nicht suchen müsst und/oder nur zufällig drüber stolpert, haben wir sie hier mal gesammelt :D

    - Welche Therapieformen gibt es?
    - Selbsthilfegruppen - wozu eigentlich?
    - Sucht-/Saufdruck - wie erlebt man ihn? Was kann man tun?
    - Umgang mit Suchtdruck
    - Notfallkoffer
    - Gesunder Egoismus - was heisst das eigentlich?
    - Alkohol in Nahrungsmitteln - Wie gefährlich sind Rotweinsoße und Co wirklich?
    - Was versteht man unter "zufriedener Trockenheit/Abstinenz"
    - Ich habe den ersten Schritt in die Trockenheit gewagt - Und nu? Wie weiter?

    Viel Spaß beim Stöbern!

    Hallo Aurelias,
    es kann sein, dass der Beitrag nicht angekommen ist, weil das in den Voreinstellungen eingegebene Zeitfenster von 60 min für eine Sitzungslänge überschritten war. Dann ist der Beitrag leider weg.
    Verhindern kannst du so etwas, indem du die Voreinstellung bei der Anmeldung auf „Immer eingeloggt bleiben“ änderst.

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    Alternativ kannst du sie an anderer Stelle vorschreiben, dann hier einsetzen und abschicken.

    Grüße
    AmSee

    [size=16pt]Ihre Zeit ist begrenzt, also verschwenden Sie sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben. Lassen Sie sich nicht von Dogmen in die Falle locken. Lassen Sie nicht zu, dass die Meinungen anderer Ihre innere Stimme ersticken. Am wichtigsten ist es, dass Sie den Mut haben, Ihrem Herzen und Ihrer Intuition zu folgen. Alles andere ist nebensächlich.
    [/size]

    Steve Jobs

    Hallo Aurelias,
    willkommen in diesem Forum, schön, dass du zu uns gefunden hast und dich ein wenig vorgestellt hast. :welcome:

    Wer ich bin und was mich so in dieses Forum geführt hat, kannst du in dem Vorstellungsfaden, den ich zu mir „AmSee - EKA und abstinente Alkoholikerin“ geschrieben habe, nachlesen. Ich bin in deinem Alter.

    Ich denke, die Frage, warum du nass bist, spielt erstmal keine so große Rolle, entscheidend ist eher, dass dir dieser Weg nicht länger behagt und du offen dafür bist, etwas ändern zu wollen.

    Du schreibst, dass du deine Spielsucht mithilfe eines Forums beenden konntest, dir aber nicht vorstellen kannst, dass du dein Alkoholproblem ebenfalls mithilfe eines Forums in den Griff bekommen könntest. Magst du ein bisschen näher darüber schreiben, was dich zu dieser Einschätzung bewegt?

    Was bräuchtest du denn, um dir Mut zu machen und vielleicht Hoffnung zu geben, dein Alkoholproblem anzugehen?
    Hast du vielleicht ein paar Fragen an uns?

    Ansonsten komm erstmal in Ruhe hier an und lies dich, sofern du’s noch nicht getan hast, ein bisschen quer durch. Vielleicht erkennst du etwas von dir in anderen wieder und findest etwas, was dir Mut macht, es anzugehen.

    Viele Grüße
    AmSee

    Als ich hier aufschlug, bereitete mir die Vorstellung, gänzlich auf Alkohol verzichten zu müssen, Angst, etwas zu verlieren, was ich als schön, angenehm oder wertvoll empfunden hatte.
    Und unsere Gesellschaft lebt ja gewissermaßen vor, dass Alkohol einfach zum Leben dazu gehöre.

    Ich denke, wer grundsätzlich im Kopf hat, auf etwas verzichten zu MÜSSEN, wird Schwierigkeiten haben oder bekommen, seine Abstinenz aufrecht erhalten zu können.

    Irgendwann schlägt bei so jemandem das Belohnungszentrum im Gehirn, das die abkürzende Wirkung von Alkohol ein für alle Mal gelernt hat, zu und er/ sie wird rückfällig.

    Das Geheimnis erfolgreicher Abstinenz dürfte demnach darin liegen, den Gedanken auf etwas Verzichten zu MÜSSEN gar nicht aufkommen zu lassen, sondern sich ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was das Leben eigentlich interessant und lebenswert macht, was tatsächlich zufrieden macht. - Und DAS dann in der Realität umzusetzen.

    Wenn ich inzwischen an Alkohol denke, betrachte ich ihn als das, was es eigentlich ist: Ein Nerven- und Zellgift, das, wie ich erst im Laufe meiner Abstinenz feststellen durfte, mehr Schaden in meinem Körper und meiner Psyche angerichtet hatte, als ich geahnt hatte.

    Ich denke daran, wie es tatsächlich war, wenn ich Alkohol konsumiert habe, was er mir wirklich gegeben und was er mir genommen hat, und wie ICH darüber die Kontrolle verloren habe.

    Mitunter beobachte ich Menschen, die Alkohol konsumieren, bemerke mit Missfallen, wie sich ihr Verhalten und ihre Sprache verändert, wie unangenehm, laut, unkontrolliert sie teilweise werden, und denke daran, dass das bei mir vermutlich nicht viel anders war. Und ich denke daran, dass ich gar nicht so sein WILL.

    Mitunter sehe Menschen an der Supermarktkasse ihren Alkohol und die dazugehörigen „Alibikäufe“ aufs Band legen, manchmal sind ihre Gesichter bereits vom Alkoholmissbrauch gezeichnet, manchmal wirken sie nervös. Und dann denke ich daran, dass es kein Verlust ist, keinen Alkohol mehr zu konsumieren.

    Ich habe schon eine Weile nicht mehr im Kopf, ich müsste auf etwas Schönes verzichten, weil ich keinen Alkohol mehr trinke, im Gegenteil fühle ich mich eher frei von einer Art Gehirnwäsche, denn ohne Alkohol führe ich nun das Leben, was mich tatsächlich zufrieden macht. - Und ich wache täglich ohne Kater oder sonstige Nebenwirkungen auf. ;)

    DAS ist für mich zufriedene Abstinenz.

    [size=16pt]„Manchmal braucht es Stille und Alleinsein, damit wir uns erinnern und die Träume in uns erwachen können.“ murmelte er. „Erst wenn wir uns ehrlich betrachten und uns selbst vertrauen, werden wir unseren Weg zum guten Leben finden. Das erfordert Mut, die Dinge anders zu sehen als die anderen, und anders, als wir gewohnt sind.
    [/size]

    Clara Maria Bagus in „Vom Mann der auszog, um den Frühling zu suchen“

    Hallo in die Runde,
    Greenfox‘ Vorstellungsfaden, den er wieder hervorgeholt hat, um eben nicht nur als "Inventar" wahrgenommen zu werden, sondern als Mensch, der selbst Betroffener ist, hat mich dazu inspiriert, für mich selbst einen neuen Vorstellungsfaden aufzusetzen, der im Überblick beschreibt, inwiefern ich selbst Betroffene bin.

    Mein Weg war ein anderer als der von Greenfox. Als ich Ende Oktober ´20 hier im Forum aufschlug, war ich noch nicht so weit, mich als Alkoholikerin zu sehen.

    Ein Alkoholiker war für mich das, was ich bei meinem Vater erlebt hatte: Jemand, der Alkohol trinken MUSS. Jemand, dem sein Alkoholmissbrauch mehr oder minder anzusehen ist. Jemand, der unter Alkoholeinfluss nicht mehr arbeitsfähig ist, unzuverlässig und unzurechnungsfähig wird. Jemand, der beim Trinken nicht sonderlich wählerisch ist. Jemand, der ohne klinischen Entzug nicht aufhören kann. Und so weiter.

    Ich hingegen musste nicht trinken, ich konnte Trinkpausen von Tagen, Wochen oder Monaten einlegen.
    Ich war wählerisch bei der Auswahl von Wein, Sekt und Bier, was mir nicht schmeckte, ließ ich stehen, mit den „harten“ Sachen war ich äußerst vorsichtig.
    Ich war nicht auffällig, hatte keine Filmrisse.
    Ich hatte keine Entzugserscheinungen, wenn ich nicht trank.
    Einzig mein Mann, der sehr wenig bis gar nicht Alkohol trank und sich, wenn, dann von mir zum Konsum anstiften ließ, sprach mich mehrfach auf meinen Alkoholkonsum und die vielen leeren Flaschen, die sich ansammelten, an. Etwas, was ich als Bevormundung empfand.

    Was mir aber zusehends Sorge bereitete, war, dass ich mehr oder minder die Kontrolle verlor, wann immer ich ein Glas Alkohol trank, der Durst kam sozusagen beim Trinken. Ich trank allein zuhause und es war stets ein großer Durst, der mich überkam: Ich wollte mehr von den angenehmen Gefühlen, die sich beim Trinken einstellten, von diesen Gefühlen, die das Leben leicht und angenehm anfühlen lassen, die mich die Depression für eine Weile vergessen ließen. Doch immer wieder und immer mehr musste ich die Erfahrung machen, dass sich dieser Zustand nicht halten ließ, sondern ich stattdessen immer häufiger den Pegel überschritt, ab dem es noch angenehm war und mich stattdessen nur noch kaputt, erschlagen, erschöpft, müde fühlte.
    Und mir war bewusst, dass ich wegen meiner Medikamente eigentlich gar keinen Alkohol trinken sollte.

    Kurz: Ich wusste nicht, dass es „funktionierende“ Alkoholiker gibt, dass vor der körperlichen Abhängigkeit bereits eine psychische Abhängigkeit vorhanden sein kann, und mir war nicht wirklich bewusst, wie schleichend der Übergang vom Missbrauch zur Abhängigkeit ist.

    Ich wandte mich an dieses Forum, weil ich glaubte, dort Menschen vorzufinden, die sich auskennen.

    In meiner Vorstellung hier schilderte ich, wie oft, wie viel und zu welchen Gelegenheiten ich trank und warum es mir so schwer fiel, es sein zu lassen, obwohl ich aufgrund der Erfahrungen mit meinem Vater um die Gefahr wusste, ein ernsthaftes Alkoholproblem zu entwickeln.

    Mein Vater war schon als junger Mensch Alkoholiker geworden und er war, obwohl er mehrere Entzüge und Therapien hinter sich gebracht hatte und es besser hätte wissen müssen, immer wieder und im Laufe der Jahre in immer kürzeren Abständen rückfällig geworden. Er war, wenn er nicht trank, ein liebevoller Vater, fürsorglich, intelligent, vielseitig talentiert, feinfühlig und eloquent. Seine Familie bedeute ihm alles, aber er war definitiv kein „funktionierender“ Alkoholiker.
    Sein letzter Rückfall endete schließlich tödlich: Er starb im Alter von Anfang 40 infolge eines selbstverschuldeten Autounfalls unter Alkohol- und Tabletteneinfluss. Da war ich 15 Jahre alt.

    Ich hab die Krankheit meines Vaters spätestens, als ich 5 Jahre alt war, voll mitbekommen, seine „Phasen“ waren grauenvoll und prägend für mich und für meine Familie.

    Ich hab bis vor Kurzem nicht verstanden, warum meine Mutter ihn nicht mitsamt ihren beiden Kindern einfach verlassen hat. Nicht selten hatte sie während seiner „Phasen“ fürchterliche Angst vor ihm, weil er sie verbal und körperlich bedrohte, und oft hab sie vor ihm beschützt. Wobei ich dazu sagen muss, dass es bei uns ständig wechselnde Koalitionen gab.
    Vor dem, was wir da immer wieder erlebt haben, hätte sie meine Schwester und mich eigentlich beschützen müssen. Doch wir sind geblieben und befanden uns jahrelang in einem Kreislauf auf Angst, Hoffen, Angst.

    Erst vor Kurzem habe ich durch die Beschäftigung mit diesem Thema begriffen, was „Co-Abhängigkeit“ ist und was das bedeuten kann.
    Nur wenige Jahre nach seinem Tod holte meine Mutter die Vergangenheit ein und sie erkrankte an schweren, rezidivierenden Depressionen, wegen derer sie arbeitsunfähig wurde und den Rest ihres Lebens immer mal wieder in einer Klinik behandelt werden musste.

    Ich selbst glaubte lange, meiner Vergangenheit entkommen zu sein. Ich hatte Abitur gemacht, studiert, war glücklich verheiratet, arbeitete in einem gut bezahlten, anspruchsvollen Beruf, in den ich all meine Zeit und Energie investierte.
    Doch die Prägungen und die traumatischen Erinnerungen meiner Kindheit und Jugend hatten ihre Spuren hinterlassen und führten schließlich vor einigen Jahren auch bei mir zum Ausbruch einer Depression, die ebenfalls rezidivierend wurde und sich aufgrund mehrer mehr oder minder gemeinsam eintretender Ereignisse in meinem Leben zwischenzeitig auch zu einer schweren Depression entwickelte.
    Ich übernahm wie immer, ich konnte und wollte gar nicht anders, die Verantwortung für mein Leben, ging für drei Monate in eine Klinik, erholte mich langsam und kehrte in meinen Beruf zurück. Leider nur für zwei Jahre, denn der Ausbruch einer MS-Erkrankung mit monatelangen Schmerzen im gesamten Körper führte wieder zu schweren Depressionen und damit zu Berufs- und Arbeitsunfähigkeit.

    Als ich hier Ende Oktober ´20 aufschlug, hatte ich mich wieder halbwegs stabilisiert, nutzte aber den Alkohol nicht selten, um mich besser zu fühlen. Und da mir die Kontrolle mehr und mehr entglitt, bereitete mir Sorge, zu allem Überfluss nun auch noch ein Alkoholproblem entwickelt zu haben.

    In meiner Unsicherheit meldete ich mich hier an und stellte mich vor. Die Antworten einiger Nutzer hier und ihre Erfahrungsberichte führten mir vor Augen, wo ich in Bezug auf meinen Alkoholmissbrauch stand und wohin es mich führen würde. Und ich begriff, dass es für mich keine Alternative mehr zur völligen Abstinenz gab.

    Ich las hier von „zufriedener Abstinenz“ und hielt das für ein lohnenswertes Ziel.

    Ich hab daraufhin keinen Alkohol mehr angerührt und in der Folgezeit sehr viel hier im Forum gelesen und geschrieben und mich durch Bücher, die hier in der Literatur-Ecke empfohlen werden, über das Thema „Alkoholismus“ informiert.
    Zwischenzeitlich war ich auch noch in einem anderen Forum angemeldet und dort aktiv.

    Bis zum vergangenen Sommer glaubte ich, dass es mir einfach reichte, mir vor Augen zu halten, wie es war, bevor ich aufgehört hatte, und dass es genügte, zu wissen, was ich will. Ich fühlte mich durchaus zufrieden abstinent.

    Doch dann überkam mich nach zwei Erlebnissen mit „normal“ Alkohol konsumierenden Menschen überaus heftiger „Suchtdruck“, den ich ohne Hilfe von außen wahrscheinlich nicht erfolgreich überstanden hätte.
    Ich wollte so etwas nie wieder erleben und mir wurde klar, dass ich mehr für mich sorgen muss und mich in der sogenannten „Trockenarbeit“, auch „Selbstfürsorge“ genannt, üben muss.
    Ich habe nach und nach ein paar Maßnahmen ergriffen, um mich z.B. vor Überforderung zu schützen.
    Diese „Selbstfürsorge“ ist mir inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden und ich bin schon eine ganze Weile tatsächlich „zufrieden abstinent“.

    Psychisch und körperlich sind durch die Abstinenz nach und nach Verbesserungen eingetreten, die ich SO überhaupt nicht mehr erwartet hätte. Ich hätte nicht erwartet, dass sich regelmäßiger Alkoholkonsum derart negativ auf Körper und Psyche auswirken. Inzwischen weiß ich, inwiefern da Zusammenhänge bestehen, Alkohol ist eben ein Nervengift. - Dass ich da nicht eher drauf gekommen bin… :rotwerd: :grins:

    Inzwischen trinkt auch mein Mann, mit dem ich mich auch über dieses Thema und meine neu erworbenen Kenntnisse viel und oft ausgetauscht habe und mit dem ich nach wie vor glücklich verheiratet bin, gar nicht mehr.

    Ein Teil meiner Selbstfürsorge besteht u.a. darin, mich regelmäßig mit dem Thema zu beschäftigen, deshalb ist mir dieses Forum hier so wichtig, dessen Offenheit, Diskussionsbereitschaft und Diskussion auf Augenhöhe ich sehr schätze.

    Wie ich erst durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema erfuhr, weisen erwachsene Kinder aus alkoholkranker Familie (EKA) in der Regel bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensmuster auf. Ich fand und finde mich in Vielem davon wieder. Diese Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensmuster dürften neben den traumatischen Erinnerungen den Ausbruch meiner Depressionserkrankung begünstigt haben.
    Seit mir das bekannt ist, beschäftige ich mich immer mal wieder mit diesem Thema.

    Grüße
    AmSee

    Hallo Greenfox,
    was für ein Weg doch hinter dir liegt! Hut ab!

    Dein Beispiel zeigt, wie es im negativen und im positiven Sinne laufen kann.

    Dass du den dauerhaften Absprung schließlich geschafft hast, macht Mut. Und ich freue mich ehrlich für dich, DASS du’s geschafft hast, und wünsche dir, dass es dabei bleibt.

    Dein Beispiel zeigt aber irgendwie auch, womit wir‘s bei dieser Erkrankung zu tun haben und dass diese nicht unbedingt auf die leichte Schulter genommen werden sollte.

    Ein sehr guter Gedanke, deine Vorstellung nochmal vorzuholen und zu ergänzen!

    Auf mich wirkst du nun nahbarer.

    Grüße
    AmSee

    Hallo Susi,
    ich find‘s auch schön, wieder von dir zu hören. Kein Problem, wenn du nur dann schreibst, wenn du gerade mal den Kopf dafür frei hast, hier läuft ja nix weg. ;)

    Glückwünsche zur vier Wochen ohne Alkohol! 44.

    Diese Beobachtung, dass du in den letzten knapp 2 Wochen den Gedanken hattest, du könntest jetzt mal gut einen Schnaps gebrauchen: Bereitet dir das Sorge oder bringt dich das einer Antwort auf deine Ausgangsfrage näher?

    Für Gedanken dieser Art ist es sich hilfreich, sich zu merken, wie und wie schnell du diese Gedanken wieder los geworden bist. Sich solche positiven Erfahrungen - dazu zählt gewiss auch die positive Erfahrung, sich fit und eben nicht k.o. zu fühlen - aufzuschreiben, kann unterstützend sein. Vielleicht kannst du deine Aufzeichnungen mal brauchen, wenn’s grad nicht so glatt läuft.

    Deine derzeitige Wohnsituation tut dir offenbar gut. Auch das ist eine Erfahrung, die sich festzuhalten lohnt.


    Schwieriger wird es womöglich in den nächsten Wochen, wenn mal Geburtstage, Urlaube und so sind. Aber ich denke wenn ich einfach sage, dass mir das zur Zeit nicht gut tut, dann passt das und ich sehe nicht was schlimm daran sein soll dass ich nichts trinke.

    Du hast schon eine Antwort/ einen Weg für dich gefunden. Wie tragfähig das ist, wird dir deine Erfahrung damit zeigen.
    Ich finde es auch nicht schlimm, wenn jemand nichts trinken will. Das Recht, Alkohol abzulehnen, sollte ja wohl jeder haben.

    Ich rate dir, für Situationen, in denen du bemerkst, dass sie dir nicht gut tun, einen sogenannten Notfall-Plan zurecht zu legen, dass und wie du die Situation verlassen kannst.

    Viele Grüße
    AmSee

    Liebe ichso,
    ich hab immer wieder hin- und herüberlegt, wie ich dir antworten könnte, denn antworten wollte ich dir durchaus.

    Ich kann durchaus nachvollziehen, dass du frustriert bist, denn du hattest offenbar gewisse Erwartungen und wurdest darin enttäuscht. Für dich hatte der Tag, wie du schreibst, eine ganz besondere Bedeutung und du sehntest dich danach, dass möglichst viele andere diese Bedeutung auch wahrnehmen und gebührend würdigen.

    Das Problem sehe ich darin, dass du dich letztlich von anderen abhängig gemacht hast. Du bist, wie es scheint, mit hohen Erwartungen an die Sache herangegangen und wurdest, weil sie letztlich zu hoch waren, enttäuscht.

    Dafür, dass dir hier nicht noch mehr aktive Nutzer geschrieben haben, kann es viele Gründe geben. Es bedeutet nicht zwangsläufig, dass dich jemand nicht mag. Wolfsfrau zum Beispiel hat dir einen guten Grund genannt. Andere schauen zur Zeit nicht rein. Wieder jemand anderes hätte dir vielleicht gratuliert, wollte oder konnte aber die Aufgabe, die du gestellt hattest und die zweifellos anspruchsvoll war, und die damit verbundene Erwartung nicht erfüllen.

    In Bezug auf die Zugriffszahlen wäre ich äußerst vorsichtig, diese zu interpretieren. Eine gewisse Anzahl stiller Mitleser lässt sich immer beobachten. Ansonsten würde ich von der Anzahl der Mitglieder hier nicht auf die Zahl der Aktiven hier schließen. Ich beobachte schon seit ich hier bin, dass Nutzer hier lediglich kurz mal aufschlagen und dann nicht mehr wieder. Ich meine mich zu erinnern, dass Gerchla mal schrieb, dass das in all der Zeit, seit er hier ist, schon so war. Ich nehm’s, wie ist.

    Wenn ich hier Erfahrungen von mir preisgebe, tue ich das entweder, weil ich ein Problem habe und mir im Austausch Lösungsansätze erhoffe, oder weil jemand anderes ein Problem hat und meine Erfahrungen ihm oder ihr eine Hilfe sein können. So oder so habe ich für mich etwas davon, im ersten Fall bearbeite ich mein eigenes Problem, im zweiten interessiert mich einfach der unmittelbare Austausch.

    So, wie du das formulierst, scheinst du mit der Preisgabe deiner Erfahrungen etwas mehr zurückerwartet zu haben.
    Vielleicht liegt genau da ein Problem?
    Ich sehe das wie Susanne: Wichtig ist nur, ob‘s dir gut tut, was du machst.
    Erwarte nicht, dass andere dich sehen, denn damit machst du dich von anderen abhängig.



    Und hier sind wir nach meinem Verständnis doch sowieso nur noch ein kleines Häuflein. Wenn nicht immer wieder was käme, dann würde ich manchmal denken, man kann hier ja eigentlich auch zu machen. Schon öfter das Gefühl gehabt, der Letzte macht das Licht aus. Erwartungen habe ich da momentan gar keine mehr. So lange wir uns noch unterhalten, ist gut, wenn nicht, dann werd ich auch aufhören.

    Das geht mir ganz genau so.
    Im Moment gibt’s immer mal wieder einen interessanten Austausch und, wenn ich was dazu sagen kann und mag, bin ich dabei.
    Mit den Gesprächspartnern, die sich beteiligen, passt es nach meinem Eindruck im Moment einfach ganz gut und ich empfinde den Austausch als bereichernd für mich. Wenn noch mehr los ist, iss juut, wenn nich, auch juut.

    Viele Grüße
    AmSee


    🙈🙈🙈😩😩Eierkuchentätigkeit ist auch nicht so meins ;-)))

    Lach. ;D


    Ich nenn es Selbstfürsorge,die notwendig ist um "clean " zu bleiben.

    Ich kann nachvollziehen, dass du mit dem Begriff „Alkoholiker“ deine Schwierigkeiten hattest.
    Ich hatte bezüglich „Alkoholiker“ ja auch ein bestimmtes Bild in meinem Kopf und zwar das meines Vaters. Und es hat mir Angst gemacht.
    Interessanterweise hat mich die Gefahr, in die ich mich immer wieder begab, nicht abgeschreckt, denn dann hätte ich das Trinken ja grundsätzlich einfach sein gelassen. Ich fürchtete mich stattdessen sogar davor, nie wieder Alkohol trinken zu dürfen, so als würde ich mir da etwas ganz Wertvolles und Schönes wegnehmen müssen.

    Bis ich mich schließlich hier angemeldet habe und mich vorgestellt habe, hab ich für mich ja schon einiges versucht, um „normal“ und kontrolliert trinken zu können. Und, wie schon mal erzählt, hab ich mir öfter durch Tests versichert, nicht Alkoholikerin zu sein, damit ich weiter trinken darf.
    Doch irgendwann konnte ich vor mir selbst nicht mehr leugnen, dass ich’s alleine nicht hinbekomme. Für mich war das ein Riesenschritt, mich hier in einem Alkoholiker-Forum anzumelden und meine Fragen zu stellen. Doch wo, wenn nicht dort, wo ich Menschen vermutete, die sich auskannten, konnte ich mich mit meinem Problem hinwenden?

    Und ich muss sagen, dass ich ein Riesen-Glück hatte, an Susanne und an Gerchla zu geraten, denn im Fokus stand bei ihnen gerade nicht, dass ich mich erstmal bekenne, Alkoholikerin zu sein, sondern in der Auseinandersetzung mit ihnen stellte sich für mich heraus, worauf ich zusteuere, und wie lebenswert ein Leben ohne Alkohol tatsächlich sein kann. Das Selbsteingeständnis und Bekenntnis, Alkoholikerin zu sein, kam bei mir erst später.

    Der Begriff „Alkoholiker“ ist für mich letztlich nur noch ein Begriff, der aussagt, dass ich mit Alkohol nicht umgehen kann und niemals mehr werde, dass ich nicht einfach so mal ein Glas trinken kann und nix weiter, sondern dass ich früher oder später die Kontrolle verliere und ungewiss ist, ob ich in einem solchen Fall die Kontrolle überhaupt jemals wiedererlangen werde. Das, was mit mir ist, braucht eben einen Namen und der ist eben „Alkoholiker“.


    Im Umgang mit anderen Menschen, meiner Schwiegerfamilie zum Beispiel, vermeide ich in der Regel diesen Begriff - auch wenn mich dieses Bekenntnis ggf. schützen könnte, zu einem Glas genötigt zu werden - , wenn oder weil ich davon ausgehen kann, dass das nach hinten losgeht. Ich benötige für mich den Schutz dieses Bekenntnisses aber auch nicht, weil ich für mich völlig klar erarbeitet habe, dass ICH keinen Alkohol (= Nervengift) zu mir nehmen WILL. Da kann man mir das noch so oft anbieten, ich WILL es nicht und Punkt.
    Und dass meine Schwiegerfamilie oder meine Nachbarn meinetwegen - um mich nicht unnötig zu triggern - nicht auf ihren Wein oder ihr Bier oder ihren Schnaps verzichten werden, steht außer Frage. Das würden sie auch nicht, wenn ich mich mit dem Begriff „Alkoholikerin“ outen würde. Ich hab meinen Weg für mich damit gefunden. Wenn ich mich nicht mehr wohl fühle, verlasse ich die Situation. Und wenn ich vorher weiß, dass ich da keine Lust drauf hab oder es mir nicht gut tun wird, gehe ich gar nicht erst hin.

    Der Begriff „Selbstfürsorge“ beschreibt zwar auch, was in dem Begriff „Trockenarbeit“ drinsteckt, aber für mich zum Beispiel beschreibt der Begriff „Trocken-Arbeit“ genau das, was von mir unternommen werden kann und sollte, um mein zweifellos vorhandenes Alkohol-Problem in den Griff zu bekommen und mein „Trocken-Sein“ - auf das ich inzwischen sogar echt stolz bin - zu bewahren.

    Naja, und in der Kommunikation greife ich gerne der Verständlichkeit halber auf bekannte, gängige Begriffe zurück.

    Doch jedem, wie er mag und es für sich braucht. Wenn du’s anders nennen möchtest, nenn‘ es anders. Hauptsache ist doch, dass es für dich hilfreich ist.

    Liebe Grüße
    AmSee


    Muss ich noch mal drüber murmeln, ob mein häufiges Schreiben hier ein Hemmschuh für echtes Leben ist, oder ob es mein echtes Alleinsein (das ich ja selbst entscheide) mildert.

    Naja, man bindet ja nicht unbedingt jedem auf die Nase, was man so hinter sich hat, das kommt nach meiner Erfahrung ganz auf das Gegenüber und die Situation an.
    Ich unterstelle dir mal so viel Gespür für deine Gegenüber, dass du einschätzen kannst, mit wem sich „echte Gespräche“ anbieten und mit wem eher nicht.
    Hier finden sich ja nun konzentriert Menschen, die eher nicht zu den „Normalen“ zählen - Anspielung auf das von mir schon mehrfach erwähnte Buch von Manfred Lütz, „Irre! - Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen. Eine heitere Seelenkunde.“.

    Hättest du’s denn gestern gerne gehabt, dass sich noch mehr daran erinnern und mit dir feiern?

    Übrigens hab ich nicht den Eindruck, dass du dich hier sozusagen in der Virtualität verlierst. Soooooo viel ist hier ja nun auch nicht los. ;)

    Glaubst du, es würden sich im echten Leben mehr „echte Gespräche“ ergeben, wenn du hier weniger schreiben würdest? Weil du dann vielleicht mehr Druck hättest, im realen Leben mehr von dir preiszugeben?

    Zwar ist das hier öffentlich, aber im Prinzip besteht ein Vorteil der Anonymität hier auch darin, dass das, was ich von mir preisgebe, hier bleibt und nicht im ungünstigen Fall unkontrolliert in meiner Bekanntschaft oder im Dorf herumgetratscht wird. Und wer hier antwortet, hat in der Regel einen ähnlichen Hintergrund und kann nachvollziehen, was den anderen bewegt.

    Macht das tatsächlich einsam im realen Leben? - Ich denke nur, wenn man das reale Leben vernachlässigt oder hintanstellt.

    Viele Grüße
    AmSee