Bewusst nüchtern leben - Chance, Freiheit, Fundament, Gewinn

  • Hallo Miteinander,

    in letzter Zeit wird mir mal wieder einmal mehr bewusst, inwiefern mein Leben ohne Alkohol mir Chancen, Freiheit, ein Fundament und Gewinn bietet. Davon möchte ich hier ein bisschen erzählen.

    In den vergangenen zwei Jahren ging es mir gesundheitlich nicht besonders gut und es war zweifellos eine Herausforderung damit umzugehen. Hilfreich war für mich dabei gewiss, dass ich inzwischen weiß und praktiziere, wie „Selbstfürsorge“ geht, doch trotz aller Selbstfürsorge und Achtsamkeit, aller Anstrengung konnte ich nicht erreichen, dass sich mein körperliches Befinden dauerhaft besserte.

    Ich hab mich daraufhin in diesem Jahr um eine Reha bemüht, in der Hoffnung, dort das zu finden, was ich brauchte. Vor ein paar Wochen konnte ich endlich diese Reha antreten, aber es lief dort leider nicht so, wie ich mir das erhofft hatte. Wahrscheinlich habe ich da einfach Pech gehabt mit dem Arztpersonal, jedenfalls ging‘s mir nach bzw. noch während dieser Reha sogar noch schlechter als vor der Reha.

    Wieder zuhause musste ich mich erstmal von der Reha erholen, doch ich habe diese Zeit dann auch genutzt, um in mich hineinzuspüren, was von den Reha-Angeboten für mich hilfreich sein könnte, wenn ich es in meinem Tempo durchziehe. Den Signalen, die dann aus meinem Inneren kamen, bin ich dann nachgegangen. Und so habe ich mir ein ausgewogenes Programm aus Ausdauer- und Krafttraining, Entspannung/ Erholung, Gedächtnistraining und kreativen Projekten zusammenstellen können und bin auch endlich wieder in der Lage meine sozialen Kontakte zu pflegen.

    Wie‘s derzeit aussieht, habe ich den zu mir passenden Weg gefunden, denn mir geht‘s inzwischen spürbar besser und ich bin zuversichtlich, dass es noch weiter aufwärts geht.


    Warum erzähle ich das? - Ein bewusstes Leben ohne Alkohol beschert einem nicht zwangsläufig ein Leben in eitel Sonnenschein, aber ich habe die Tage mal wieder daran gedacht, mit welchen Gedanken ich hier vor über fünf Jahren aufgeschlagen bin. Aufgeschlagen war ich hier, weil ich mir Sorgen machte, bereits ein Alkoholproblem entwickelt zu haben, da mir zunehmend die Kontrolle über meinen Konsum entglitt. Ich hab damals ziemlich damit gerungen, den Alkohol ganz sein zu lassen. Ich begründete, dass ich mir ein Leben ohne Alkohol nicht vorstellen könnte, u.a. damit: „Ich weiß doch eigentlich um die Wirkung solcher Stoffe wie Alkohol und Nikotin auf die Biochemie im Gehirn. Wie kann ich nur so unvorsichtig sein? - Ja, ich weiß es, es ist die Sehnsucht, sich besser zu fühlen, zufrieden und glücklich zu sein. Aufgrund meiner Erkrankung hab ich zu wenig dieser Glückshormone....


    Oh Mann, wenn ich meinen Thread von damals lese und lese, welche Gedanken mich damals bewegt haben, kann ich heute für mich nur feststellen, wie weit weg ich von dem war, was ich eigentlich brauche oder tun muss, um mich dauerhaft besser zu fühlen, zufrieden und glücklich zu sein.

    In den vergangenen Jahren habe ich tatsächlich zahlreiche Möglichkeiten entdeckt, wie sich bei mir diese Sehnsucht stillen lässt, habe zahlreiche frühere Interessen wiederbelebt und neue Interessen entdeckt. Und in den vergangenen Wochen habe ich einmal mehr entdeckt, wie ich mit meinen krankheitsbedingten Handicaps umgehen kann und wie ich einer voraussichtlichen Progression meiner MS-Erkrankung, die vor über fünf Jahren erstmals diagnostiziert wurde, begegnen kann. Das hätte ich sicher nicht alles entdeckt, wenn ich weiterhin auf den Alkohol gesetzt hätte. Was Alkohol betrifft, habe ich daran jegliches Interesse verloren. Und wie ich eingangs schrieb, ist mir in letzter Zeit mal wieder einmal mehr bewusst geworden, inwiefern mein Leben ohne Alkohol mir Chancen, Freiheit, ein Fundament und Gewinn bietet.


    Soweit meine Erfolgsgeschichte zum Titel dieses neuen Threads.


    Es wäre schön, wenn dieser Thread lebendig würde durch weitere Erfolgsgeschichten anderer. Ich jedenfalls bin von Erfolgsgeschichten anderer immer wieder in meinem Leben inspiriert worden, u.a. damals vor über fünf Jahren durch Erfolgsgeschichten anderer, die mir Mut machten.


    Beste Grüße

    AmSee

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Moin Mitstreiter,

    liebe AmSee danke für Deine Geschichte und ich wünsche Dir alles Gute, gerade das du gesundheitlich alles wuppen kannst. Jetzt bist Du diejenige die andere inspiriert :)

    Ich bin jetzt 2 Jahre ohne Alkohol und 2 Jahre hier. Grüße an Sparkassen_Helga  :)

    Beruflich hat sich nichts geändert, mein Freundeskreis hat sich nicht geändert,...aber ich habe mich geändert. Das ist meine Erfolgsgeschichte, ich brauchte nicht mein Umfeld ändern, ich habe es gelernt einfach nein zu sagen wenn mir Alkohol angeboten wird. Mein direktes Umfeld hat sich daran gewöhnt.

    Ich bin selbstbewuster, verantwotungsvoller und zielstrebiger als vorher. das waren Eigenschaften die ich vorher auch schon hatte, aber nicht so ausgeprägt. Ich habe in meinem Verein (ca. 80 Mitglieder ) Verantwortung übernommen und mich zum 1. Vorsitzenden wählen lassen. Das gehört auch zu meiner Erfolgsgeschichte

    Gesundheitlich geht es mir sehr gut, ich treibe Sport, mache Krafttraining und konnte alle medizienischen Medikamente absezten, alleine das ist eine kleine Erfolgsgeschichte für mich.

    Gruß Scrat

  • Nachdem ich jetzt schon viele, viele Jahre abstinent lebe, ist es mir nicht so einfach möglich die Essenz dieses neuen Lebensabschnitts zu beschreiben. Vielleicht sollte ich erstmal bei Point Zero beginnen.

    Eine bekannte Selbsthilfegruppe nennt eine einzige Voraussetzung um zum Club zu gehören. Den Wunsch des Individuums mit dem Trinken aufzuhören. Wohlgemerkt nur den Wunsch, nicht mal die konkrete Umsetzung.

    Wie bin ich in der Vergangenheit mit diesen Wunsch umgegangen? Ich stellte Bedingungen. Wenn erst genügend Geld auf dem Konto ist, mir die Damenwelt zu Füßen liegt, die Gesellschaft einsieht wie mies sie mich behandelt, mir endlich den roten Teppich auslegt. Ja dann werde ich es mir vielleicht überlegen und meinen Begleiter und Tröster sein lassen.

    So war, poetisch ausgedrückt, mein Umgang mit König Alkohol. Gefangen auf dem Ponyhof oder auch auf der Spitze eines Kartenhauses lebend.

    Es gibt diese Redewendung: "Richte dich nach dem Leben, den das Leben richtet sich nicht nach dir". Dies konnte ich in meiner eigenen engen Welt nicht mal in Betracht ziehen und so ging es nur noch abwärts und abwärts bis ich in die Sackgasse blickte an dessen Ende nur noch ein Echo unbarmherzig hallte. Verrecken, verrecken, verrecken. Das war der Tiefpunkt.

    Und wenn die Nacht am tiefsten... . Auf jeden Fall stellte ich keine Bedingungen mehr. Um den Wunsch nüchtern zu werden und zu bleiben wäre ich barfuß ans Ende der Welt gelaufen.

    Das mit der Abstinenz hat geklappt. Mehr wollte ich doch gar nicht. Bei Jobs, Beziehungen und sonstigen Angelegenheiten in dieser Welt ist es immer wieder anders gekommen als ich es mir erträumte. Das Leben mischt die Karten. Ich konnte damit umgehen. Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.

    Jetzt als Rentner schaue ich relativ entspannt auf all das was auch immer ist. Es ist die Kraft der Gegenwart die zuallererst mein Leben ausmacht. Wir sind unsterbliche Seelen. Nicht diese vergänglichen Körper. Das sollten wir nie vergessen.

    Stilles Wasser

  • Moin Stilles Wasser ,

    Danke auch dir für deinen Beitrag in diesem Thread. Aufgrund dessen, was du in deinem Thread Old Flatterhand`s Grateful Dead von dir geteilt hast, kann ich nachvollziehen, was du meinst, mit:

    Es gibt diese Redewendung: "Richte dich nach dem Leben, den das Leben richtet sich nicht nach dir". Dies konnte ich in meiner eigenen engen Welt nicht mal in Betracht ziehen und so ging es nur noch abwärts und abwärts bis ich in die Sackgasse blickte an dessen Ende nur noch ein Echo unbarmherzig hallte. Verrecken, verrecken, verrecken. Das war der Tiefpunkt.

    Und wenn die Nacht am tiefsten... . Auf jeden Fall stellte ich keine Bedingungen mehr. Um den Wunsch nüchtern zu werden und zu bleiben wäre ich barfuß ans Ende der Welt gelaufen.

    Ich möchte dazu noch was von mir teilen.

    Ich war zwar zum Zeitpunkt meines Ausstiegs noch nicht so weit unten angekommen wie du, aber ich begann mich allmählich vor dem zu fürchten, wohin es mit mir noch kommen würde, wenn ich meinen Weg weiter so verfolgte.

    Bei mir war die Situation damals irgendwie paradox, denn einerseits wollte ich oder etwas in mir (weiter)leben und andererseits kämpfte ich regelmäßig mit Todessehnsucht, mit Lebensmüdigkeit, mit Depressionen.


    Da du von Bedingungen sprichst: Ich versuche das zu durchdringen, was du meinen könntest und auch warum du das so schreibst. Und bin dabei gedanklich meine Zeit damals durchgegangen, ob ich irgendwelche Bedingungen gestellt habe.


    Ich wollte eigentlich nicht mit dem Trinken aufhören, weil ich dachte, dass das Genuss sei und sich meine Sehnsucht, mich besser zu fühlen, zufrieden und glücklich zu sein, mit Alkohol stillen ließe. Ich hab nicht erwartet, dass genügend Geld auf dem Konto ist oder mir die Welt zu Füßen liegt, sowas war mir nie wichtig, ich wollte doch nur, dass sich mein Leben leichter anfühlte und nicht immer so schwer.

    Jedenfalls war ich, solange mir Alkohol dieses Bisschen Leichtigkeit und Freiheit bot, zufrieden und ich sah mich in der Lage zu funktionieren. Und so verspürte auch nicht den Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören.

    Nur lernte ich zunehmend, dass diese Leichtigkeit sich nicht halten ließ, sondern dass der anfänglichen Leichtigkeit in der Regel eine unerträgliche Schwere folgte.

    Und ich musste erkennen, dass die Mengen, die ich konsumierte, schleichend immer mehr wurden und dass ich schließlich jedes Mal den Punkt erreichte, an dem die Stimmung bei mir übel kippte und ich mich körperlich völlig erschlagen und erschöpft fühlte.


    Auf den Gedanken, mich an jene gewisse bekannte Selbsthilfegruppe zu wenden, bin ich nicht gekommen, weil ich mich zu jenem Zeitpunkt noch nicht als Alkoholikerin eingeschätzt habe. Ich hatte die Vorstellung, dass ein Alkoholiker jemand wie mein Vater ist, das heißt jemand, der immer trinken muss, keinen Tag ohne Alkohol aushält, nicht mehr arbeiten gehen kann und überhaupt nicht mehr funktioniert und der stets einen klinischen Entzug machen muss, wenn er aus der Trinkerei aussteigen will, weil er sonst in ein Delirium fällt.

    Ich hingegen konnte problemlos Tage oder sogar wochenlang nichts trinken, wenn ich mir das vornahm, ich trank nach meinem Empfinden doch gar nicht soooo viel, hielt meinen Konsum für verhältnismäßig „normal“ und kannte Menschen, die auch so viel konsumierten. Ich trank vor allem keine „harten“ Sachen, weil ich das gefährlich hielt und ich trank auch nur das, was mir schmeckte, alles andere ließ ich problemlos stehen. Und die Online-Tests, die ich regelmäßig machte, um mich zu testen, ergaben auch immer nur „riskanter Konsum“, da tauchte nie der Begriff „Alkoholiker“ auf.


    Warum schlug ich dann hier auf? - Ich begann, mir Sorgen zu machen wegen meines Konsums, und ich oder etwas in mir wollte trotz aller Lebensmüdigkeit, die mich regelmäßig überfiel, leben.


    Dieses Online-Angebot hier war recht leicht und tatsächlich anonym von zuhause aus zu erreichen. Und ich suchte hier bei Menschen, von denen ich glaubte, dass die sich aufgrund eigener Erfahrungen etwas auskennen, nach Hilfe.

    Zu meinem Glück fand ich genau hier dann auch Menschen, die keine Bedingungen stellten, von mir nicht gleich forderten, mich als Alkoholikerin zu bekennen und den Wunsch zu hegen, mit dem Trinken aufzuhören.

    Ich fand hier Menschen, die bereit waren, sich mit mir auszutauschen, die ihre Gedanken und ihre eigenen Erfahrungen mit mir geteilt haben. Dafür bin ich ihnen noch heute sehr dankbar. Das, was sie von sich erzählten, holte mich ab und machte mir Mut.

    Und recht bald stellte sich für mich dann heraus, dass abstinent bzw. nüchtern zu leben, kein Verzicht bedeutet, sondern im Gegenteil Gewinn.

    Nein, ich hatte nicht den Wunsch, einfach nur nüchtern zu sein, ich wollte „zufrieden nüchtern“ sein, wobei auch ich erst herausfinden musste, was das eigentlich bedeutet.

    Ich wollte jedenfalls in der Lage sein, mein Leben so gelassen und so mutig zu nehmen, wie es eben kommt. Dass das Leben anders läuft, als ich mir das wünsche, ist mir schon mein gesamtes Leben vertraut. Letztlich habe ich wohl nach Wegen gesucht, besser damit umgehen zu können. Und das scheint mir, so mein derzeitiges Empfinden, gelungen zu sein und zwar gerade dadurch, dass ich nicht länger auf den Alkohol gesetzt habe. Ich habe etwas gefunden, was mir der Alkohol tatsächlich nie gegeben hat, und was sich als sehr viel wirksamer und beständiger erweist.

    Es ist die Kraft der Gegenwart die zuallererst mein Leben ausmacht.

    Mir geht es ähnlich, wobei ich das anders ausgedrückt hätte.

    Magst du vielleicht ein bisschen näher ausführen, was du darunter verstehst oder was dich beispielsweise so empfinden lässt?


    AmSee

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Hallo AmSee

    Danke für deine Zeilen.

    Die Kraft der Gegenwart, übrigens ein populärer Buchtitel von Eckhart Tolle, ist für mich die Quelle all meiner Lebensenergie. Wenn ich reflektiere woher all mein Schmerz, der seelische vor allem, und das ganze Leiden kommt, stelle ich fest das ich im Jetzt und Hier im Widerstand mit dem bin was ist. Der Moment kennt all den Stress und die damit verbundenen Ängste und verzehrenden Gefühle nicht.

    Die Unzufriedenheit tritt erst in Erscheinung wenn ich die Zeit erschaffe. Eine Vergangenheit, die doch längst vorbei ist, und dennoch mit ungelösten Geschichten konfrontiert. Das andere ist die Zukunft, die nie beginnt, und ebenfalls versucht mit unzähligen Träumen und Wünschen das SEIN zu vereinnahmen.

    Dies setzt ein Gedankenkarussell in Gang das kaum noch zu stoppen ist. Frieden schenkt so eine Lebensweise nicht. Deshalb finde ich den Satz: ... zum Stillstand gebracht, wunderschön. Das ist der Boden wo Aufmerksamkeit und Bewusstsein sein können.

    All die Rollen meines Lebens, mit denen ich zum Teil verbiestert identifiziert war, haben sich aufgelöst und blockieren nicht mehr meinen Seelenzustand. Vielleicht sind sie an einem Ort wo ich ihnen bei Bedarf mutig bis gelassen oder auch weise begegnen kann. Wie den Alkoholiker zum Beispiel. Der war schon ein verrückter Hund. Gott segne Ihn.

    Stilles Wasser

  • Ich habe an irgendeinem Tag erkannt, dass wenn ich jetzt nicht sofort und für immer aufhöre zu trinken, es steil bergab geht und mein ganzes Leben zerstört würde. Ich habe den Moment genau, klar und deutlich in meinen eigenen Augen, vorm Spiegel gesehen und gewusst, dass genau da der Schneidepunkt gekommen ist. Entweder, oder. Jetzt oder nie.

    Ich habe mich für mein Leben und gegen Alkohol entschieden. An den entscheidenden Moment kann ich mich noch ganz genau erinnern. Und ich weiß, wenn ich wieder zum Glas greife, dann geht’s von dort aus steil nach unten und dann gibt’s kein Entrinnen mehr und mein Leben ist gelaufen.

    Abstinent ist mein Leben gut. Nur nüchtern habe ich mein Leben selbst in der Hand.

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