Kogge ist wieder auf Kurs - Austausch

  • Ich kann Deine Aussführungen zum "Dorf" nachvollziehen. Wir leben mitten in einer Großstadt in einer ruhigen Nebenstraße, da sieht es anders aus. Höchstens mal ein Nachbarschaftsfest, aber dort bin ich halt der Nichttrinker. Nach über 10 Jahren wundert es keinen. Ich halte mich dort an die Wenig- und Nichttrinker, ja die gibt's auch. Früher sind die mir nur nie aufgefallen, weil es mich zum Alk zog und ich die saufende Entourage bevorzugte. Ja, gleich und gleich gesellt sich gern.

  • Aber mich komplett aus allen Dorfveranstaltungen rauszuziehen, nur weil da an vielen Stellen die ‚Trinkgemeinschaft‘ im Vordergrund steht? Das sehe ich nicht ein.

    Über diese Einstellung hast du ja in meinem Thread schon geschrieben. Ich finde das auch richtig. Du bist ja schon einige Jahre abstinent und kannst sicher einschätzen ob es ein Risiko für dich darstellt.

    Der Alkohol hat früher mein Leben bestimmt. Wenn ich jetzt Veranstaltungen meide, nur weil dort Alkohol ist, dann würde ich ihm ja wieder erlauben, mein Leben (bzw. meinen Terminkalender) zu bestimmen. Das mache ich nicht mehr. Ich finde es schon wichtig, auf dem Schützenfest kurz ‚Flagge‘ zu zeigen.

    Das ist wieder der Punkt, wo ich auch hin möchte. Am Anfang ist davon eher abzuraten, aber wenn die Abstinenz stabil, solide und lange genug steht, dann geht das. Klar gibt es Unterschiede bei Events. Es ist etwas anderes auf ein Schützenfest auf dem Dorf zu gehen oder z.B. Karneval in einer Hochburg. Auf kleinere Feste habe ich mich auch schon gewagt. Habe auch abgesichert, dass ich jederzeit verschwinden kann, wenn es mir zu alkohollastig wird. Hat gut geklappt. Auch in Restaurants war ich schon öfter. Allerdings nicht in typischen Weinlokalen oder Bierschänken. Da schaue ich genau hin, wo ich rein gehe.

  • Über diese Einstellung hast du ja in meinem Thread schon geschrieben. Ich finde das auch richtig. Du bist ja schon einige Jahre abstinent und kannst sicher einschätzen ob es ein Risiko für dich darstellt.

    Das ist wieder der Punkt, wo ich auch hin möchte. Am Anfang ist davon eher abzuraten, aber wenn die Abstinenz stabil, solide und lange genug steht, dann geht das.


    Einschätzen brauche ich da nichts mehr, weil es für mich kein Risiko ist. Meine Beweggründe, mich dort aufzuhalten, sind andere – der Alkohol ist keiner davon. Ich würde freiwillig nie in eine reine Suffkneipe gehen, was soll ich denn da? Es gibt schlichtweg keinen Grund, dort zu sein.

    Was mich persönlich aber (noch) nervt, ist, dass das Thema Alkohol immer wieder aufpoppt und zum Thema gemacht wird. Egal ob auf dem Festival oder beim Klassentreffen.

    Es wird einfach nicht als selbstverständlich hingenommen, wenn man ablehnt. Super oft kommen Fragen, Aufforderungen oder Kommentare. Wir hatten das an anderer Stelle ja schon: Nein ist Nein. Punkt. Aber dass das oftmals nicht akzeptiert oder zumindest kommentiert wird, geht mir echt auf den Puffer.

    Stellt euch das Szenario mal mit Essen vor:

    • ‚Hier, nimm ein Stück Brokkoli.‘
    • ‚Du, ich esse keinen Brokkoli, danke.‘
    • ‚Waaaaas? Komm, du musst doch Brokkoli essen!‘
    • ‚Nein, ich möchte keinen Brokkoli.‘
    • ‚Ey, alle essen Brokkoli, nur du nicht! Das ist total gesund...‘
    • ‚Ja, mag sein. Dennoch möchte ich keinen.‘
    • ‚Sag mal... hast du ein Problem mit Brokkoli?‘
    • NEIN! Ich will keinen Brokkoli essen.
    • ‚Puh, okay... Also ich find's stark, dass du keinen Brokkoli isst. Würde ich auch gerne schaffen, auf der anderen Seite mag ich Brokkoli...‘

    Die Passage lässt sich nach Belieben verlängern und gerne mit Senf, Weintrauben, Salzstangen oder Äpfeln anpassen. WTF... Nun ja ;)

  • Nur mit dem Alkohol aufhören? Reicht nicht!

    Mir liegt schon länger etwas auf den Fingern, das ich gerne loswerden möchte. Ich ringe ein bisschen um die Formulierung. Eigentlich ist es nicht meine Art, einen Text mit einem Disclaimer zu beginnen, aber an dieser Stelle mache ich eine Ausnahme. Was ich gleich erzähle, ist exakt so passiert. Es ist für mich eine erstaunliche Entdeckung, eine Reise zu mir selbst, von der ich noch nicht weiß, wo sie endet.

    Vor ein paar Tagen saß ich bei meinem Psychotherapeuten. Ich bat ihn um eine reflektive Zusammenfassung unserer bisherigen Sitzungen. Er sah mich an und sagte: „Ich hatte oft den Eindruck, unsere Sitzungen laufen zu glatt. Setzen Sie sich auch privat intensiv mit Psychotherapie auseinander?“

    Ich nahm die Frage mit einem Schmunzeln mit. Wenn ein Profi diese Frage stellt, muss hinter meinem Tun ja eine gewisse Substanz stecken.

    In exakt einem Monat habe ich die drei Jahre Abstinenz voll. Das Thema Alkohol ist für mich erledigt. Oder besser gesagt: Die Erfahrung steckt so tief in mir, dass sie zum stärksten Antrieb geworden ist, niemals wieder dorthin zurückzukehren, wo ich herkam. Ich habe genug Jahre liegen lassen. Die „Bestager“-Jahre gehören jetzt mir.

    Die Therapie habe ich vor einem Jahr begonnen. Eigentlich suchte ich nur einen MRT-Termin für meine Schulter, doch dann kam der Impuls, über die 116 117 auch nach einem Therapieplatz zu suchen. Der Grund war meine massive Sorge, in eine Depression zu rutschen. Der Winter 2024/2025 war kein gewöhnlicher Winterblues mehr, es war ein handfestes Problem.

    Mein Gedanke war, dass es nur logisch ist. Nachdem ich den Suchtkram hinter mir gelassen und eine vorzeigbare körperliche Transformation hingelegt hatte, war es an der Zeit, auch die mentalen Baustellen wie PTBS, Schicksalsschläge und Verluste systematisch abzuklopfen.

    Diese depressiven Löcher gaben den Ausschlag, wieder ins Handeln zu kommen. Ein Satz spukte mir dabei im Kopf herum, der schon lange ganz oben auf meiner Liste stand: „Fass dir an die eigene Nase. Was kannst DU tun, um die Situation zu verändern?“

    Oder, wie ich es später für mich ausgeschärft habe:

    „Ich kann die Welt nicht zwingen, sich zu ändern. Die Welt schuldet mir nichts. Aber wenn ich mich ändere, reagiert das System auf mich. Ich bin kein Treibholz im Ozean. Ich bin der Architekt meiner Realität. Ich bin der Fels, nicht die Welle.“

    Die riesige Belastung, die ich jedoch seit Jahren mitschleppe, egal wie bunt das Leben außerhalb der Arbeit seit der Abstinenz auch ist, ist mein Job.

    Ich arbeite im öffentlichen Dienst. Hohe Stundenzahl, totale Unterforderung. Ich langweile mich schlicht zu Tode. Früher war dieser Job perfekt für einen suchtkranken Menschen. Ein Kater ließ sich dort wunderbar abwettern und eine Krankmeldung war schlichtweg egal. Es hat niemanden interessiert. Als Mensch bist du dort eigentlich egal. Man gratuliert sich zwar zum Geburtstag, aber jeder kümmert sich eigentlich nur um sich selbst.

    Das Perfide ist, dass es sinnvolle Arbeit genug gäbe. Aber die Strukturen verhindern, dass man sich darum kümmert. Zuständigkeit schlägt Lösung. Wer im System ankommt, lernt schnell den Satz: „Steht nicht in meiner Aufgabenbeschreibung.“

    Für Menschen, die Monotonie lieben, ist das ein Paradies. Für kreative, engagierte Köpfe ist es die Endstation. Oder eben für Leute wie mich, die sich plötzlich vor einem hellwachen Geist nicht mehr retten können.

    Erschwerend kam hinzu, dass man mich an der kurzen Leine hielt, während um mich herum jeden Tag geklagt wurde. Überall Unzufriedenheit, Burn-out-Wellen und kollektive Erschöpfung. Da ich charakterlich extrem empathisch und hochsensibel bin, hatte ich keinen Damm, um diese Emotionen abzublocken. Ich wurde Tag für Tag in den Strudel fremder Negativität gezogen.

    Und im Winter erreichte das seinen absoluten Höhepunkt.

  • Was wäre also die naheliegende Lösung? Das besprach ich auch in den probatorischen Sitzungen. Eigentlich liegt es auf der Hand: Kündigen. Aber einen Arbeitsplatz mit einer extrem hohen Sicherheit aufgeben? Man hat schließlich Verbindlichkeiten, andere Menschen sind von dem Einkommen abhängig. Ein gewisses Einkommen ist Pflicht, sonst ist eine Kündigung keine Rettung, sondern ein weiteres Problem.

    Ich hatte mehrere Vorstellungsgespräche und die liefen gut, erstaunlich gut sogar. Es ist sehr befriedigend, nicht aus einer Bittstellerposition heraus zu verhandeln, sondern wenn man fordern kann. Ein Job, da muss ich im Rückblick sagen, würde der mir heute über den Weg laufen, ich würde ihn sofort nehmen. Habe ich damals aber nicht gemacht.

    Warum? Ich hatte die Möglichkeit, mir die neue Arbeitsstelle genau anzusehen, und ich spürte sofort die zwischenmenschlichen Probleme, die dort herrschten. Sie lagen schier in der Luft und man wollte mich, damit ich diesen gordischen Knoten zerschlug. Die Mitarbeiter waren erstaunlich offen zu mir. Eigentlich, ganz eigentlich, wäre das eine Aufgabe genau nach meiner Kragenweite gewesen. Aber ich war mir meiner Stabilität absolut nicht sicher und schlug das Angebot aus.

    Kurzgefasst: Ich hatte Schiss vor meiner eigenen Courage.

    Also saß ich wieder da, in meinem Büro, auf der Warteliste für einen therapeutischen Platz. In der Freizeit erfüllt, im Beruf schwerst unterfordert. Mein Geist wach, aber ungefordert. Zu Ostern fuhren wir in den Urlaub.

    Ein Freund von mir, mit dem ich mich ab und zu kreativ austobe, wir schreiben Sketche, drehen Videos oder machen politische Parodien, triggerte mich an, mit ihm zusammen an einem Schreibwettbewerb teilzunehmen. Ich überlegte an diesem Plot herum, fing an mir Figuren auszudenken, deren Hintergründe zusammenzubauen, Protagonisten und Antagonisten zu erdenken. Aber mir fehlte etwas. Irgendetwas fehlte mir, ein Puzzleteil.

    Wir fuhren von Kiel aus nach Eckernförde, um von dort aus nach Olpenitz zu fahren. Auf der B76 sah ich riesige Aushubarbeiten für die Erweiterung der Bundesstraße. Ich sah diese riesige, klaffende Wunde in der Natur und es schoss mir in den Kopf. Kaum am Urlaubsort angekommen, mit dem Blick auf die Schlei, tippte ich folgende Worte in meinen Laptop:

    „Eine unbewegliche Dunstglocke aus feinen Partikeln und Wolken, die seit Wochen nicht mehr vom Regen gelöst wurde, hing schwer über der Berliner Allee und verschlang die ohnehin schon matten Sonnenstrahlen des Freitagnachmittags. Der Wochenendverkehr wälzte sich vorbei, das Surren der Elektromotoren paarte sich mit den Abrollgeräuschen der Reifen auf dem rauen Asphalt. Eine unaufhörliche Blechlawine, deren Rauschen die Landeshauptstadt Hannover atmen ließ. Mittendrin, fast unbewegt, stand Bente Carstens.“

    Innerhalb weniger Monate baute ich eine komplexe Welt und brachte einen fast 400 Seiten starken Roman zu Papier. Mein Kopf war ein einziger Film, der mich nicht mehr loslassen wollte. Meine Schreibstube: Wo wohl? In der grauen Tristesse des Büroalltags knallte ich meine Gedanken in Notizen, schrieb teilweise ganze Kapitel.

    Meine eigentliche Arbeit erledigte ich mit links. Meine Gedanken waren plötzlich nicht mehr leer am Tag, sondern voll und erfüllt. Damit ging es auch mental steil mit mir bergauf.

    Ende Juli haute der Kopierer dann zwölf Exemplare meiner ersten Version in graue Aktenordner, die ich an Testleser verteilte. Ich erstellte Feedbackbögen und gab teils wildfremden Menschen mein „Baby“ in die Hand. Zudem erhielt eine Version besagter Freund, der nicht nur ein kreativer Kopf, sondern mein schärfster Kritiker und ein deutscher Virtuose ist. Er wurde mein Lektor.

    Drei Wochen hat sich der gute Mann Zeit genommen, er war wie vom Erdboden verschluckt. Nachdem er aus seinem Keller wieder auftauchte, legte er mir den Ordner auf den Tisch und guckte mich ernst an. Ich war stinknervös und aufgeregt.

    „Drei Dinge, mein Lieber: Respekt, dass du gerade MIR das Teil hier hinlegst. Respekt, dass du bereit bist, dich meiner Kritik zu stellen. Und mach dich bereit: Es werden verdammt lange Winterabende, du hast noch viel Arbeit vor dir.“

    Melodramatisch blätterte er durch das Skript, das vor roten Anmerkungen nur so strotzte, und meinte dann:

    „Alter, was hast du denn da innerhalb der kurzen Zeit aufs Papier gebracht? Ich schwöre dir, ich rede nie wieder ein Wort mit dir, wenn du das Teil nicht zu Ende bringst!

    Um es abzukürzen: Nein, ich bin kein Bestsellerautor. Nein, auch Christopher Nolan hat nicht angerufen, um zu erzählen, dass Hans Zimmer die Filmmusik schreiben wird. Und ja, das Skript liegt hier immer noch, allerdings mittlerweile 50 Seiten dicker als vorher und es wächst weiter.

  • Kogge ich würde dein Buch auf jeden Fall lesen. Du schreibst hier immer schon so erhaben. Ich stelle mir dein Buch mit subtiler Spannung vor, gleichzeitig fesselnd und ergreifend, aber auch beruhigend und tief.

    So empfinde ich jedenfalls hier die meisten deiner Beiträge.

    Das Thema Alkohol ist für mich erledigt

    Da möchte ich aber drauf hinweisen, dass die Sucht nur schläft. Sie im Hinterkopf behalten und nicht leichtsinnig zu werden ist schon wichtig und zwar dauerhaft.

    Dann bleibt dein Kopf klar und dein Geist sowie deine Gedanken bringen großartige Bücher hervor. Gib unbedingt Bescheid hier wann es dein Buch zu kaufen gibt. 👍

  • Vielen Dank für die Worte, das ist sehr lieb von Dir!

    Es sollte hier gar keine Werbeveranstaltung für ein (möglicherweise) irgendwann mal erscheinendes Buch werden. Ob das überhaupt jemals passiert – oder ob das überhaupt jemand haben will... wer weiß? Wobei ich mir als Minimumziel schon gesetzt habe: Im Worst Case lese ich es als Hörbuch ein und lade es Kapitel für Kapitel bei YouTube hoch.

    Nein, es geht eigentlich darum, was dieser Prozess in mir ausgelöst hat, was ich daraus ziehen und lernen konnte. DAS finde ich so unheimlich erstaunlich. Und da bin ich gerade am Überlegen, wie ich das in Worte fasse.

  • Den folgenden Text hatte ich im Thread „Gehört ein Rückfall dazu“ geschrieben, poste ihn aber in meinem Fädchen, um bei möglichen Diskussionen hier agieren zu können. Der Text greift im Prinzip das auf, was ich angefangen habe zu umschreiben.

    Gehört ein Rückfall dazu?

    Wenn man die Sucht in der klassischen Analogie als „schlafend“ bezeichnet, dann muss man logischerweise damit rechnen, dass sie einmal aufwacht. Man unterwirft sich also dem Damoklesschwert.

    Rhetorisch gesehen soll die Aussage „Ein Rückfall gehört dazu“ die Scham nehmen und bei einem erfolgten Rückfall helfen, sich schneller wieder aufzurappeln. Es ist wie bei einem Kind, das Laufen lernt: Hinfallen gehört dazu. Das ist der therapeutische Grund für diesen Satz. Schließt man rhetorisch einen Rückfall kategorisch aus, fühlt sich der Rückfällige bei einem Ausrutscher schuldig und wertlos – er hat versagt.

    Da sind wir wieder bei meinem Lieblingsthema: Wie stark Rhetorik und Eigensuggestion wirklich sind. Sprache ist unheimlich mächtig.

    Wobei die Studienlage mittlerweile auch in eine andere Richtung tendiert und das Dogma „Die Sucht schläft nur“ hinterfragt. Es ist zwar biologisch korrekt, dass man den aufkommenden Saufdruck höchstwahrscheinlich nicht mehr kontrollieren kann, sobald man etwas getrunken hat (Reinstatement-Effekt). Das Synapsenfeuerwerk ist real. Ich habe das selber nach sechs Jahren Rauchstopp schmerzhaft erlebt. Die „Hardware“ bleibt also sensibel.

    ABER: Durch klare Verhaltensänderungen können die Muster DAVOR durchtrennt werden – nennen wir es die Gewöhnung, die uns überhaupt erst zum Glas greifen lässt. Ein Beispiel ist das Fingernägelkauen. Das ist für viele eine schwer kontrollierbare Übersprungshandlung. Aber man kann es sich abgewöhnen. Auch Ängste kann man durch Konfrontationstherapie verlernen.

    Die Aussagen der klassischen Suchttherapie wie „Ein Rückfall gehört dazu“ oder „Die Sucht schläft nur“ sind oft Prägungen, um einen möglichst hohen Schutzwall für den Patienten aufzubauen. Ich wage aber zu bezweifeln, dass dieser Schutzwall für jeden Menschen gleich gut funktioniert. Denn wozu führt dieser Schutzwall oft? Zu einem lebenslangen Vermeidungsverhalten. Zu Angst vor jeder Situation, in der Alkohol konsumiert wird. Das würde im Umkehrschluss nahezu einer sozialen Isolation gleichkommen, einem stetigen Leben im Alarmismus.

    Klar, das schützt vor dem Konsum. Aber zu welchem Preis? Ich will nicht in Angst vor dem Alkohol leben, ich will in Freiheit ohne ihn leben.

    Ich persönlich finde: Angst ist ein schlechter Therapeut. Scham ist ebenfalls ein schlechter Therapeut. Ich glaube nicht, dass Angst falsch ist. Ich glaube, sie ist für manche Menschen und manche Phasen notwendig (als Schutz). Mein Punkt ist nur: Sie muss nicht das Endstadium bleiben. Einen gesunden Respekt sollte man durchaus beibehalten, um nicht fahrlässig zu werden.

    Aber wenn wir akzeptieren, dass die Sucht nur schläft, und stetig Sorge haben, dass sie aufwacht, dann hat der Alkohol auch nachträglich weiter die Kontrolle über das Leben. Man haut sich selber einen (gesellschaftlichen) Stempel auf die Stirn, ein lebenslanges Stigma. Und ich glaube, dann läuft man mehr Gefahr, rückfällig zu werden, als wenn man ganz klar einen Haken an die Sache gemacht hat.

    Ein Haken ändert nichts an den Fakten, dass Dich ein Rückfall sofort wieder in den Strudel reißen kann. Aber ich bin mir sehr sicher, dass man das Fundament, auf dem aktive Rückfallprävention gebaut wird, wertschätzend und positiv aufbauen kann, anstatt über Vermeidungsverhalten. Leider ist eine Individualisierung der Therapie im klassischen System kaum möglich; dazu fehlen schlichtweg die Ressourcen, um Menschen so individuell aufzubauen.

    Ich habe mich wirklich eingängig und tief mit dem Thema beschäftigt, insbesondere mit dem Thema der Selbstführung. Und ich bin mir sicher: Ein selbst aufgebautes – gerne auch mit externer Hilfe –, positives Mindset ist kraftvoller als ein erlerntes Angst- und Vermeidungsmindset mit der Hintertür „ein Rückfall gehört dazu“. Man kann sein Verhalten umbauen. Was anfänglich wie Schauspielerei wirkt (Fake it till you make it), übernimmt man sukzessive und WIRD irgendwann diese Person.

    Ich habe den Beweis dafür oft erlebt, in einem ganz anderen Kontext: Ich arbeite nebenberuflich als Portrait-Fotograf. Ich mache das seit über 12 Jahren (mit einer kreativen Pause wegen meiner eigenen Themen), aber jetzt bin ich wieder voll dabei. Ich habe neulich meine Fitnesstrainerin fotografiert und am Samstag eine weitere Tänzerin. Glaubt mal ja nicht, dass diese Menschen ein positives Selbstbild von sich haben, nur weil sie auf der Bühne stehen oder hochtrainiert sind. Diese Menschen leben oft in Darstellungsmustern. Wenn man tiefer in die Seele blicken darf, kommen oft traumatische Belastungen hervor, gerade Stichwort Magersucht. Ich bin erschrocken, wie häufig das ist und wie das erwachsene Menschen weit bis ins Leben prägt.

    Ich fotografiere NIE das, was die Leute von mir wollen. Ich fotografiere das, was ich sehe, und selektiere die Bilder so, wie ich es für richtig halte – nicht nach dem Muster, das die Fotografierten erwarten. Und was kommt nahezu immer dabei heraus? Wie am Samstag auch wieder erlebt:

    „Ohh... so habe ich mich noch nie gesehen... das ist anders.“ „Und, gefällst Du Dir?“ Schweigen... „Das habe ich nicht erwartet... das ist krass.“

    Ich könnte euch hier Sprachnachrichten einstellen von Menschen, deren Selbstbild ich durch Fotos komplett POSITIV erschüttert habe. Das ist keine Ausnahme, das passiert regelmäßig. Und genau das macht diese Beschäftigung für mich so unheimlich befriedigend, während sie gleichzeitig eine hohe Verantwortung trägt. Ich habe Menschen fotografiert, die haben sich mir gegenüber so gezeigt, wie sie sich vorher noch nie ihrem Partner gezeigt haben – aus Angst vor WERTUNG. Sie haben ihren Körper, ihre Sinnlichkeit verleugnet. Bis sie auf mich trafen, der sie neutral und wertschätzend gesehen hat – im wahrsten Sinne aus einer anderen Perspektive.

    Folgende Worte stammen aus einer Karte von einer Person, die ich seit Jahren fotografisch und freundschaftlich begleite. Eine Frau, die unter anderem wegen meiner Fotos ihre Magersucht bekämpfen konnte. Es ist nur ein Auszug, voller Liebe:

    Zitat

    „...Ich bin dankbar für deine Unterstützung, für deine Ehrlichkeit, und für die Art, wie Du mich siehst! Für deine Perspektiven, deine Kreativität, und für diese Verbindung, die wir in der Inspiration teilen, wenn unsere Gedanken frei fließen können...“

    Diese Frau ist Schauspielerin, Tänzerin, Model – ehemals schwer magersüchtig und jahrelang nur über ihren Körper beurteilt worden. Sie hat die Kurve nur deswegen bekommen, weil sie ein neues Selbstbild von sich etablieren konnte. Und dieses Selbstbild lebt.

    Und genau DAS möchte ich ganz klar sagen: Euer Selbstbild sorgt für eure Prävention, euer Selbstbewusstsein, euer Auftreten und euer Handeln. Eure klare, schonungslose Selbstreflexion und euer Statement zu Euch selber.

    Ich nenne das RISE:

    • Resonance: Fühlen, was ist – bei sich und in meiner Umgebung.
    • Insight: Analyse und radikale Erkenntnis – Verstehen, was passiert und meine Rolle darin.
    • Sovereignty: Souveränität und Selbstführung – Agieren statt reagieren.
    • Edge: Klarheit und Konsequenz – Kante zeigen. Ein Nein zu anderen ist ein JA zu sich selber.

    Sucht ist Flucht vor dem Schmerz. RISE ist das Bewahren des Guten. Do you rise? Yes I do.

    Und jetzt komme ich zu dem Punkt, der (zu Recht) kritisch gesehen werden kann, aber auch soll: Selbstführung bedeutet Eigenverantwortung. Eigenverantwortung bedeutet, alleine die Konsequenzen zu tragen und sich selber treu zu bleiben. Selbstführung bedeutet auch, sich gegenüber anderen Meinungen zu behaupten.

    Aber Selbstführung bedeutet vor allem auch die Klarheit und die Fähigkeit, sich zu reflektieren und zu merken, wenn man gerade dabei ist, falsch abzubiegen. Deswegen muss man bei der Selbstführung auch in der Lage sein, Kritik anzunehmen und zu reflektieren. Das heißt nicht, dass man externer Kritik nachgeben muss.

    Aber es gibt einen klaren Grundsatz: „Stärkt das, was ich tue oder erlebe, meine Substanz – oder zerstört es sie?“

    Und wenn ich merke, dass ich meine Substanz zerstöre: Dann muss ich mir Hilfe suchen. Das sagen Sovereignty und Edge ebenfalls aus. Ein klares JA zu sich selber und zum eigenen Schutz.

    Angst kann Stabilität schaffen – aber Freiheit entsteht erst durch Identität.

    Das ist alles ein Prozess, der langsam aufeinander aufbaut. Wir haben hier in einem anderen Thread über das Wort NEIN gesprochen. Wie schwer es uns fällt, NEIN zu sagen, weil wir von Kindesbeinen an gelernt haben: Ein NEIN ist eher negativ konnotiert. Andere Sprachen kennen ein klares NEIN nicht und daraus entstehen dann gerne Missverständnisse.

    Ich finde, wir können froh sein, dass wir das Wort NEIN haben. Genauso wie JA. NEIN und JA geben unmissverständlich IMMER eine Antwort. Wer kennt sich mit Computern aus? Binäres System? 1 und 0? Strom an / Strom aus? Da gibt es kein „Och... der Strom fließt vielleicht möglicherweise morgen...“. Lampe an, Lampe aus. Ende der Diskussionen.

    Spannend ist im Umgang mit Menschen, aber auch im Umgang mit sich selber: Eigentlich ist Klarheit ziemlich cool. Klarheit gibt exakt einen Weg vor. Nur: Klarheit ist aber auch gerne mal unbequem. Und vor allem: Klarheit ist verbindlich. Beispiel? WhatsApp-Gruppen: „Wollen wir am Samstag alle zusammen ins Kino gehen?“ „Ach, ich weiß nicht, mal aufs Wetter gucken, aber generell gute Idee...“

    Ich wechsle jetzt in meinem ellenlangen Monolog wieder zum Thema Bore-out und was das mit dem Buch, der Bekämpfung der Sucht etc. zu tun hat.

    De facto kamen wir – auch in meinem Gespräch mit dem Therapeuten – zu dem Punkt, dass ich eigentlich handeln müsste. Heißt: Kündigen, um mich selber zu schützen. Innerlich habe ich mich also darauf eingestellt, eine Kündigung ist für mich unabdingbar. JA oder NEIN. So oder so, ich muss mit den Konsequenzen leben. Ob gut, ob schlecht, sei dahingestellt.

    ABER – da kommen wir an den Punkt: Was für eine Rolle spiele ich eigentlich in dem Ganzen? Kann es vielleicht sein, dass ich mich, bedingt auch durch meine Vorgeschichte, selber in das Loch begeben habe und selber Verursacher der Situation bin? Genau wie alle anderen auch; jeder spielt da seine Rolle und verharrt in seiner Position. Gerade auch noch im öffentlichen Dienst, wo JA und NEIN oft auch missbraucht werden.

    Was habe ich also gemacht? Das, was die Frauen vor meiner Kamera gemacht haben: Ich habe mein Selbstbild verändert. So wie ich meine Sucht zu den Akten gelegt habe und mich in meinem Leben neu aufgestellt habe (Sport, Ernährung, neue Freunde, neue Freizeitgestaltung), habe ich ein ähnliches neues Muster auf der Arbeit etabliert.

    Von heute auf morgen: neuer, wertiger Kleidungsstil, lösungsorientierte Rhetorik, aktives Anbieten. Aufhören zu klagen, aktiv gestalten. Wo es nötig war: „Grauer Fels“ – auf der anderen Seite: Leuchtturm.

    Um diese Wandlung heftig zu untermauern, habe ich mir sogar meine Haare gefärbt. BEWUSST. Ich wusste, wie die Kollegen darauf reagieren. Haare gefärbt, neue Frisur, schicke Kleidung, sogar Parfüm und ein Schnurrbart. Eine bewusste, klare, gesteuerte Muster- und Verhaltensänderung.

    Die Leute reagierten wie berechnet. Komische Blicke, hinter dem Rücken auch mal ein abfälliger Kommentar, dumme Sprüche wegen des Schnurrbartes. „Hat wohl im Lotto gewonnen...“ „Hält sich für was Besseres...“ „Trägt jetzt auch einen Pornobalken...“ „Selbstdarsteller.“

    Pornobalken? Lieber Kollege, es ist November – MOvember. Millionen Männer, vorweg viele Sportler, tragen im November einen ‚Mo‘ – das sichtbare Zeichen, um sich für Männergesundheit einzusetzen. Danke für deine Anmerkung, denn sie bietet mir die Chance, mit Dir darüber zu reden, dass auch Du Vorsorgeuntersuchungen machen solltest. Deine Kinder und deine Frau wollen doch lange etwas von Ihrem Ehemann und Vater haben!“

    Zack, ist man ein Vorbild, rhetorisches Aikido.
    Und die eine oder andere Kollegin sagte sogar: „Wow, steht Dir. Hast Dich ganz schön gemacht in letzter Zeit“...

    ABER was passiert, wenn man diese Rolle aufrechterhält? „Fake it till you make it.“ Das Ganze muss natürlich unterstrichen sein mit Fachlichkeit. Nur „Show & Shine“ bringt nichts, die Veränderung MUSS Substanz haben.

    Freitags: Casual Friday. Ich bin mittlerweile ganz gut gebaut, ich zeige das jetzt auch. Dazu eine offene, bewusste, selbstbewusste Körpersprache, die passende Kleidung. Ich habe mich verändert, die Kollegen nicht.

    Kennt ihr Leute, die durch die Tür kommen und die von sich aus eine anscheinend angeborene Autorität ausstrahlen? Genau DAS kann man auch trainieren.

    Und ich sage Euch: Das funktioniert. Durch die eigene, klare, bewusste Veränderung verändert man seine Umgebung. Die Leute gewöhnen sich an Dich. Und wenn Du es schaffst, neue Impulse zu setzen, eine klare Statusveränderung zu etablieren, dann werden die Leute auf dich positiv reagieren, sich sogar anfangen, an Dir zu orientieren.

    Die Gefahr ist natürlich, zum Blender zu werden – oder sich zu überhöhen. Deswegen ist klare Reflexion notwendig, damit das nicht passiert. Es wird aber auch Leute geben, die fangen an, dich zu meiden. Warum? Weil sie an dir eine Gefahr sehen, dass ihre eigene Verhaltensweise plötzlich auffällt. Aber Eloquenz und Selbstbewusstsein schlagen immer destruktives Verhalten.

    Und da sind wir wieder beim Thema Schuld und Scham. Nur weil man für eine gewisse Zeit schwach gewesen ist, muss man nicht schwach bleiben – oder ängstlich.

    Saufen die anderen auf der Weihnachtsfeier oder beim Betriebsfest: Ich gehe um 21 Uhr. Nicht, weil ich nicht trinken darf– sondern weil ich für einen Radmarathon trainiere und es mir wichtig ist.

    Das ist ein ganz anderes Framing als ein Vermeidungsverhalten. Vermeiden am Anfang ist richtig und wichtig. Aber nicht für immer. Ein neuer Sinn muss geschaffen werden.

    Deswegen: Schläft die Sucht? Nein, die schläft nicht. Sie ist ein Funke tief in mir. Aber sie würde verdammt viel Sauerstoff brauchen, um wieder Feuer zu fangen. Sauerstoff, den ich ihr entziehe durch meine eigene, geschaffene Resilienz.
    Oder gebe ihr Sauerstoff durch meine eigene Dummheit.
    Und dann heißt es wieder: „Fass Dir an die eigene Nase – wo bist Du eigentlich Ursache oder Lösung des Problems?“

    Do you RISE? Yes I do.

    Oder um mal wieder meinen Lieblingsspruch zu zitieren: "Es ist eine gefährliche Sache vor die Tür zu gehen, Frodo Beutlin. Du weißt nie wohin dich deine Füße tragen."

    Danke fürs Zulesen.

    P.s: Ich habe RISE selbst für mich entwickelt. Es ist die Essenz aus unterschiedlichen psychotherapeutischen Ansätzen, gängigen Coachingverfahren und eigenen Gedankengängen. Dabei habe ich festgestellt, dass ich viele bestehende, wissenschaftlich belegte Verfahren miteinander verbinde. RISE ist radikal, lässt keine Ausreden zu, liefert aber immer eine Antwort und öffnet Handlungsmöglichkeiten – sei es, aktiv zu handeln, sich selbst zu reflektieren oder bei Bedarf Hilfe anzunehmen. Kurz gesagt: RISE ist ein praktisches, reflexives Selbstführungs-Framework, das eigene Erfahrungen, psychologische Prinzipien und wissenschaftlich belegte Methoden kombiniert, um Handlungsfähigkeit und Verantwortung zu fördern. Man muss nur ehrlich zu sich sein – oder, wenn nötig, vertrauensvollen Menschen das Urteil überlassen, wenn man selbst gerade nicht handlungsfähig ist.

  • Kogge danke für deinen Beitrag. Ich werde mal genauer über einiges nachdenken.

    Wenn Dich der Beitrag zum Nachdenken bringt, dann hat er das ja schon einmal erreicht. Ob Du oder andere die Gedankengänge teilen können, das steht auf einem ganz anderen Blatt und das ist ja auch gar nicht Anspruch.

  • Vor exakt 3 Jahren stand ich morgens vor dem Spiegel und wollte die Person darin niemals wiedersehen. Ich habe mich gehasst, weil ich so schwach war. Aber da war noch ein kleiner Funke, der in mir glimmte: Und dem habe ich Sauerstoff gegeben.

    Disziplin, Leidenschaft und ein unerschütterlicher Fokus – auch in schweren Momenten – sorgen heute dafür, dass ich stärker und stolzer in den Spiegel blicke als jemals zuvor.

    Dafür bin ich dankbar und demütig.

    Du kannst den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.

    Being sober is so much more than not drinking. It’s an exciting journey into adventures and possibilities.

    Kogge

  • Mal 'ne Frage, Herr Kogge:

    tangiert/berührt dich Alkohol, das Getränk, noch in irgendeiner Form?

    So a la Suchtdruck, Zweifel oder "man könnte ja mal wieder"?

    Das ist eine gute Frage. Ich wollte gestern einfach „Nein“ sagen, aber das wäre nicht ganz richtig.

    Wir standen gerade mit ein paar Leuten zusammen. Hier auf dem Dorf ist jedes Jahr eine große Schlagerparty, wo alle hingehen. Und ich fragte eher scherzhaft in die Runde, ob man es dort nüchtern aushalten könne, woraufhin alle den Kopf schüttelten. Wahrscheinlich wäre ich dort auch wirklich der einzige Nüchterne 😂.

    Und das sind so Momente, in denen ich schon kurz denke: „Ach, so eine richtig versoffene Party wäre schon mal wieder etwas Feines.“ An die eine oder andere Feier habe ich ja durchaus sehr gute Erinnerungen. Aber dieser Impuls ist so schnell weg, wie er gekommen ist.

    Ich habe mich als Mensch, in meinem Handeln und meinem Denken, komplett neu erfunden. Und ich habe mir ein so starkes Fundament aufgebaut, in dem der Alkohol einfach in keiner Weise mehr Platz hat. Deswegen stellt sich die Frage gar nicht wirklich. Der Alkohol schließt sich von selber aus, weil er das einzige „Produkt“ wäre, das alles in kürzester Zeit zum Einsturz bringen könnte.

    Das ist ein Paradox: Der bewusste Verzicht auf Alkohol schiebt mich in meiner Entwicklung massiv an. Ich entwickle mich deswegen so nach vorne, WEIL ich nicht mehr trinke. Und deshalb habe ich keine Zweifel. Der Alkohol ist für mich weiterhin Treibstoff, aber nicht durch Konsum, sondern durch Abwesenheit.

    WEIL ich nämlich nie wieder so tief sinken will, wie ich mal war. Ich bin da sehr reflektiert und mir der Sache sehr, sehr bewusst. Und so blöd das klingt: Nach wirklich Jahren oder gar Jahrzehnten mag ich diesen mittelalten Mann da im Spiegel wieder. Und der Typ hat noch einiges vor. In dem, was ich vorhabe, hat der Alkohol null Platz.

    Das ist es, was mich so sicher macht.

    Ich weiß, manches, was ich hier von mir gebe, lässt mich vielleicht wie einen „Weirdo“ erscheinen. Aber ich verstehe mich nach all den Jahren endlich selber, ich weiß, wie ich ticke. Und ich find's total geil 😊

    Ich habe gestern auf 3Sat NANO angefangen eine gute Doku zu gucken:

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    "So erreicht unser Gehirn seine Ziele"

    Und wenn ich eines kann: Mich selber motivieren und mir immer ein bisschen Dopamin zu geben, ohne Alkohol.

  • Pubertät 2.0

    In der Blase, in der ich mich gerade befinde, sind Beziehungsprobleme eines der absoluten Topthemen in vertrauten Gesprächen. Vom Alter her stecke ich mitten in der klassischen Midlife-Crisis, und ich kann die Gedankengänge meiner Mitleidenden absolut nachvollziehen. Frauen gehen damit oft offener um, Männer sind eher zurückhaltender. Aber im Kern tragen viele die gleiche Last und suchen nach Lösungen. Das reicht von Paartherapie über Trennung bis hin zu stiller Resignation.

    Das Spannende dabei ist die eigene Wirkung in diesem System der „Pubertät 2.0“. Dass ich mittlerweile ein massives Selbstbewusstsein ausstrahle, ist sicher kein Geheimnis mehr. Aber ich meine das nicht im Sinne von Arroganz oder Überhöhung. Ich nehme das Wort wörtlich: Sich seiner selbst bewusst sein. Das bedeutet einfach nur innere Klarheit, Sicherheit und Fokus.

    Und wenn man diese Haltung verinnerlicht, passiert etwas sehr Erstaunliches mit der eigenen Außenwirkung. Ich merke gerade extrem, wie anziehend diese Ruhe und Stabilität auf andere wirkt, ganz besonders auf Frauen. Wenn um einen herum viele Menschen mit sich und ihren Problemen ringen, fällt jemand, der einfach in sich ruht, massiv auf.

    Ich habe mir komplett abgewöhnt, Drama zu befeuern oder im Problemfokus zu kreisen. Ich biete eine lösungsorientierte Perspektive an. Oder ich bin einfach mal still und höre nur zu.

    Dazu kommt mein bewusster, gepflegter Kleidungsstil, den ich ja schon öfter erwähnt habe. Und als kleines Sahnehäubchen habe ich angefangen, Salsa und Bachata zu tanzen. Das alles zusammen verändert die eigene Präsenz und die Dynamik mit anderen Menschen enorm.

    Warum erzähle ich das:

    Nicht aus Arroganz, Hochmut oder um mich selber zu feiern, sondern als tiefe Reflexion, aus Dankbarkeit und aus der Erkenntnis heraus, dass das nicht selbstverständlich ist, sondern harte Arbeit.

    Diese Kraft der Veränderung und der fokussierten Steuerung wächst auf dem Nährboden der tiefen Ehrfurcht darüber, wo ich eigentlich herkomme. Ich scrolle bewusst öfters durch mein Handy und gucke mir alte Fotos an und sehe diesen Typen da, der mit mir überhaupt nichts mehr zu tun hat. Und mit dem ich überhaupt auch nichts mehr zu tun haben will. Ich blicke nicht reumütig zurück, ich sehe meine Vergangenheit als Nährboden für das Jetzt.

    Deswegen erde ich mich regelmäßig, dieser Text ist eine selbstehrliche Erdung und strahlt eigentlich extrem viel Dankbarkeit aus. Ich habe im anderen Thread dazu aufgerufen, sich einmal selber auf die Schulter zu klopfen und sich selber Danke zu sagen.

    In vielen Gesprächen, die ich führe, fällt mir sehr auf, wie viele Menschen sich selber selten bis gar nicht dankbar sind. Gar nicht selber stolz auf sich sind. Sich ihrer selbst nicht wirklich bewusst sind, sondern meinen, sie seien dem Leben ausgeliefert und treiben dahin.

    Wie ein Stück Holz auf dem Ozean, den Wellen und der Strömung ausgeliefert.

    Was aber, wenn man sich selber als Kapitän begreift in dieser Metapher?

    „Ich kann den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“

    Und das wollte ich an dieser Stelle einfach einmal klar sagen: Ihr habt die Segel anders gesetzt und Kurs aufgenommen. Seid dafür wirklich dankbar, überlegt einmal zurück, was ihr geschafft habt und klopft euch dabei einmal ganz selbstzufrieden und stolz auf die Schulter!

  • Das ist eine gute Frage. Ich wollte gestern einfach „Nein“ sagen, aber das wäre nicht ganz richtig.

    Auch ich würde sofort NEIN sagen. Alkohol berührt mich in keinster Weise mehr.

    Wie du beschieben hast: "früher, sich eine Party, eine Situation schönsaufen ... o.ä. " funktionierte doch nur in der ersten Zeit, als das Gewöhnungspotienzial noch nicht so hoch war (so war es jedenfalls bei mir !!!). Später dann, "etwas" trinkfester, wurde man doch eher gleichgültiger, da betäubter ... man fand es nicht besser oder wurde gar toleranter, sondern es war einem einfach "Wurscht", vielleicht auch ertäglicher auf Grund seiner Betäubung, man wurde nur abgestumpfter.

  • Auch ich würde sofort NEIN sagen. Alkohol berührt mich in keinster Weise mehr.

    Wie du beschieben hast: "früher, sich eine Party, eine Situation schönsaufen ... o.ä. " funktionierte doch nur in der ersten Zeit, als das Gewöhnungspotienzial noch nicht so hoch war (so war es jedenfalls bei mir !!!). Später dann, "etwas" trinkfester, wurde man doch eher gleichgültiger, da betäubter ... man fand es nicht besser oder wurde gar toleranter, sondern es war einem einfach "Wurscht", vielleicht auch ertäglicher auf Grund seiner Betäubung, man wurde nur abgestumpfter.


    Mich hat der Alltag mürbe gemacht, wenn man das so sagen will. Trinken auf sozialen Veranstaltungen fand ich hingegen immer eine Bereicherung - dachte ich.

    Das lag aber auch daran, dass man dort einer von vielen war und dieses unkontrollierte Scheißelabern gemeinsam genossen hat.

    Ich kann mich noch gut an einen Spruch erinnern. Das muss letztes Jahr gewesen sein. Ich war VIP Gast bei einem Eishockeyspiel und da war ein Haufen Leute, die ich kannte. Ich war natürlich der einzige, der nichts trank. Da meinte einer ziemlich lautstark:

    „Diese asketische Lebensweise ist doch nicht gesund. Du isolierst dich doch sozial komplett und hast keine Freude mehr am Leben. Man muss es doch mal krachen lassen.“

    Lautes Gelächter rundherum, überall Zustimmung, und dann steht man da rhetorisch völlig isoliert. Und da kam dann für einen Augenblick natürlich der Wunsch auf, in dieser Situation nicht mehr das Alien zu sein. Und eigentlich hat es ja früher auch Spaß gemacht.

    Die Konsequenz: Diese Eishockeysaison, und ich war immer begeisterter Zuschauer und Fan, ist die erste Saison, in der ich kein Spiel besucht habe. Jetzt laufen aktuell die Playoffs. Ich habe auch da mein Mindset gewechselt. Eine soziale Aktivität auf der einen Seite weniger, dafür sind neue dazugewonnen worden.

    Und ich hatte gestern so einen Augenblick. Ich bin morgens um 06:15 Uhr los zur Arbeit. Ich habe mich fürs Rennrad entschieden, inklusive kleiner Schleife davor. Es war ein brachial wunderschöner Sonnenaufgang. Und wenn man da so fährt, draußen vielleicht 3 bis 4 Grad, der Frost steht auf den Feldern, leichte Nebenschwaden wabern herum, am Horizont geht der Feuerball hoch, der Puls puckert bei 140, man fühlt diese Kühle durchs Trikot, die Beine rotieren, der Tacho zeigt 32 km/h, der kalte Wind schneidet im Gesicht...

    Ich habe ernsthaft mehrfach Tränen in den Augen gehabt. Dieses Gefühl von Leistungsfähigkeit, Freiheit, purem, echtem Fühlen der Elemente, dazu diese wunderschöne, morgendliche Stimmung. Ich bekomme jetzt Gänsehaut, wenn ich daran denke, und ich habe das gleich wieder ;)

    Das ist echte Party und das absolute Gegenteil von abgestumpft sein oder von asketischem Denken. Im Gegenteil, das ist der wahre Genuss. Man ist allerdings ein wenig alleine, aber damit komme ich gut klar.

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