Hallo aus dem Norden!

  • Hallo Nowina,

    zu dem was Greenfox Dir geschrieben hat, möchte ich noch kurz etwas sagen. Also vorab erst mal, ich sehe es ganz genauso wie er.

    Speziell zu dieser Aussage:

    Zitat

    Und bevor ich jetzt von Bassmann oder anderen dafür "bemitleidet" werde, den ganzen Tag das Mantra "Ich darf nicht trinken!" vor mich hinmurmelnd durch die Gegend zu schleichen: so ist es keineswegs.

    Es ist absolut nichts schlimm daran, sich mit seiner Krankheit auseinander zu setzen. Anfangs sicher etwas mehr, später dann vielleicht weniger. Einige, wie Greenfox, finden ihre "Berufung" dann auch z. B. durch großes Engagement in einer SHG oder in der Suchthilfe generell. Ich denke das müsste er nicht, aber er WILL es wohl. Gut so und gut das es diese Menschen gibt.

    Auch ich setze mich immer wieder mit meiner Krankheit auseinander und ja: es hilft mir. und nein: es belastet mich nicht. Und ich tue es auch nicht ständig, sondern wenn mir danach ist. Z. B. hier im Forum schreiben oder mal ein Gespräch mit einem guten Freund darüber führen. Aber ganz bestimmt nicht jedes Gespräch! Also ein ganz normaler Umgang irgendwann mal.

    Und übrigens, ich sehe das so, dass das bei anderen chronischen Krankheiten ganz genauso ist. Ein Diabetiker beispielsweise kann auch nicht einfach so tun als gäbe es seine Krankheit nicht. Also er kanns probieren, aber es wird nicht funktionieren. Ich kenne Menschen mit Schilddrüsenkrankheiten, ja die müssen sich auch ständig damit auseinander setzen. Immer wieder die Medikamente anpassen, neu einstellen usw. Ist halt so. Wenn man Alkoholismus bei sich als Krankheit anerkennt, dann hat man damit auch keine Probleme.

    LG
    gerchla

  • Greenfox : Ich habe kein Mitleid mit dir. Warum sollte ich auch? Du hast dich auf einen Weg begeben, der deinen Alkoholismus in Schach hält. Also ist (zunächst einmal) alles gut. Dieser Weg ist allerdings in meinen Augen mit großen Risiken behaftet, weil er dich mit der Sucht letztendlich nicht abschließen, sondern in erster Linie aus Angst vor den Folgen nicht zur Flasche greifen lässt.
    Aber er ist immerhin ein Weg, der -wie ich kürzlich wieder einmal las- ca. 1% aller Alkoholiker (zumindest vorübergehend) vom Trinken abhält.

    Hallo Nowina,
    als ich deinen Beitrag las, blieb auch ich an dem von Greenfox zitierten Satz hängen. Doch aus völlig anderen Gründen. Ich dachte: Warum ist eigentlich der Alkohol der Feind? Der hat doch keinen Missbrauch betrieben. Der aktive Part liegt eindeutig beim Trinker/der Trinkerin. Der/die hat es in der Hand, ob sich etwas ändert und was sich ändert.

    Viel Erfolg beim Ausstieg
    Bassmann

  • Du hast dich auf einen Weg begeben, der deinen Alkoholismus in Schach hält. Also ist (zunächst einmal) alles gut. Dieser Weg ist allerdings in meinen Augen mit großen Risiken behaftet, weil er dich mit der Sucht letztendlich nicht abschließen, sondern in erster Linie aus Angst vor den Folgen nicht zur Flasche greifen lässt.

    Hey - ich kann hellsehen!! ;D (Hätte nur das Wort "bemitleiden" in meinem Post in Anführungsstriche setzen sollen)

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

    Uns aus dem Elend zu erlösen

    können wir nur selber tun!

  • Hallo Bassmann,

    danke auch für deine Worte!

    Zitat

    Ich dachte: Warum ist eigentlich der Alkohol der Feind? Der hat doch keinen Missbrauch betrieben. Der aktive Part liegt eindeutig beim Trinker/der Trinkerin. Der/die hat es in der Hand, ob sich etwas ändert und was sich ändert.

    Ich hab da beim Gassigang länger drüber nachgedacht. Für jemanden, der den Ausstieg geschafft hat, den Alkohol hinter sich und einen neues, freies Leben begonnen hat, hast du sicher recht. Der Alkohol ist kein Feind, der ist demjenigen (idealerweise) *inzwischen* völlig egal.

    Mir gehts momentan ja noch etwas anders. Ich merke durchaus, es ist was im Gange, psychisch/physisch. Es ist so ähnlich wie beim Rauchen damals. Als ich mitten im Ausstieg war, hab ich - frei nach Allan Carr - die Kippen als "Gegner" angesehen, als etwas, gegen das ich mit Begeisterung antreten werde, um ihm den Garaus zu machen. Insofern war "Feind" da schon richtig. Heute sind Zigaretten kein Gegner mehr, nichts, was mich irgendwie verführen könnte oder bedrohen könnte. Man könnte 1000 Schachteln bei mir lagern, ich würde keine anfassen, genauso wenig wie Steckrüben oder Linsensuppe.

    Es ist eine Art der Betrachtung, und *mir* fällt es leichter, ihn *momentan* noch als Feind zu sehen, den ich mit Freude in den Allerwertesten trete, um frei zu sein.

    Ich danke euch allen sehr für die vielen Gedanken, die eure Worte und Wege auslösen!!

    Liebe Grüße
    Nowina

  • Nowina: 44.

    „Erfolg ist nicht auf Erfolg aufgebaut. Er ist auf Fehlern aufgebaut. Er ist auf Frustration aufgebaut. Manchmal ist er auf Katastrophen aufgebaut.“

  • Hallo nochmal,

    Zitat

    Es ist absolut nichts schlimm daran, sich mit seiner Krankheit auseinander zu setzen.

    das finde ich auch. Ich bin definitiv jemand, der verstehen möchte. Ich nehme alles bis ins letzte Atom auseinander, was bewirkt der Alkohol, wieso kommt es zu einer Gewöhnung/Abhängigkeit oder auch nur zu der Lust weiterzutrinken, was bewirkt er ... mir macht es das leichter.

    Greenfox , ich habe gelesen, dass du gerad richtig unschöne Sachen durchlebst - ich wünsch dir gute Nerven und alles Gute!

    Liebe Grüße
    Nowina


  • Es ist eine Art der Betrachtung, und *mir* fällt es leichter, ihn *momentan* noch als Feind zu sehen, den ich mit Freude in den Allerwertesten trete, um frei zu sein.


    Du hast Recht, Nowina. Ich habe es anfangs ähnlich gehandhabt. Man kann die Erfolge besser feiern, wenn man den Gegner personalisiert.

    In Bezug auf die Entzugserscheinungen habe ich mir die Rezeptoren in meinem Gehirn sogar eine Zeit lang als eine nach Futter quengelnde Vogelbrut vorgestellt, die eigentlich schon längst flügge ist, aber aus Bequemlichkeit noch eine paar Tage von Mama und Papa durchgefüttert werden möchte.
    Diese Brut rauszuwerfen, indem ich ihr das Futter verweigere, hat mir mehr als nur klammheimliche Freude bereitet.

    Irgendwann war es dann aber vorbei und ich wusste, dass ich -und nur ich- es in der Hand habe, ob Suchtmittel in meinem Leben noch eine Rolle spielen.

    Dir alles Gute
    Bassmann

  • Ja, genau. Ich finde es wichtig, dass man Bilder hat, die einem persönlich weiterhelfen. In der Psychologie geht man davon aus, dass Bilder eine stärkere Wirkung haben als Worte. Ich habe mal ein Buch gelesen, "Zen oder die Kunst vom Rauchen zu lassen". Dort wurde Nikotin auch als "Gegner" betrachtet, aber als "würdiger Gegner". Diesen Ansatz fand ich sehr interessant, aber ich würde zu weit greifen, wenn ich das hier jetzt auslegen und erklären würde....

    Heroinabhängige sprechen vom "Affen", der einem im Nacken hockt und immer nach "mehr" schreit. Manche Alkoholsüchtigen betrachten ja den Alkohol auch als falschen Freund. Also als eine Art "Liebhaber", der immer unerträglicher wurde und sich im Laufe der Jahre zum "Stalker" entwickelte, der einfach nur Schaden anrichtet - eine Art giftige Beziehung, die man dann beenden will. Manche Alkoholiker schreiben während der Suchttherapie Abschiedsbriefe an den Ex-Lover Alkohol.

    Meiner Meinung nach - wie oben erwähnt - sind die Bilder und Vorstellungen an sich eigentlich irrelevant, solange sie dem Betroffenen persönlich helfen. Denn indem wir imaginieren oder den Dingen (der Sucht, dem Saufdruck, der Gier) einen Namen geben oder es personalisieren, nehmen wir "dieser Sache" ein kleines Stückchen Macht und erkennen unsere eigene Verantwortung, Stärke, aber auch unsere Rolle in diesem Drama. Wir können das Stück umschreiben. Weil es unser Drehbuch ist. Und es wird greifbarer und dadurch besser zu be-greifen....

    Also, das sind jetzt halt mal so meine eigenen persönlichen Gedanken. Nichts weiter.

    Pinguin

    „Erfolg ist nicht auf Erfolg aufgebaut. Er ist auf Fehlern aufgebaut. Er ist auf Frustration aufgebaut. Manchmal ist er auf Katastrophen aufgebaut.“

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