Suchtdruck allgemein - miteinander vergleichbar?

  • Moin Zusammen,

    der Gedanke der mich umtreibt ist der, ob Suchtdrücke allgemein miteinander vergleichbar sind? In meinem konkreten Fall meine ich die Süchte Zigaretten - Nikotin und natürlich Alkohol.

    Bei den beiden Suchtmitteln gibt es ja, soweit konnte ich mich einlesen, auch zwei Stadien: Die körperliche und die psychische Abhängigkeit. Wobei die psychische Abhängigkeit, die Langstrecke, die Herausforderndste ist, denke ich.
    Ich will hier definitiv keinen körperlichen Entzug von Alkohol im Gegensatz zu Nikotin relativieren, auf gar keinen Fall, aber was ist mit der Zeit danach?

    Was ich persönlich nur berichten kann, mein Rauchstopp damals war die absolute Hölle. Körperlich und psychisch. Ich hab mindestens 3-4 Tage deutliche, körperliche Auswirkungen gehabt. Und mindestens 3-4 Monate hat der Schmacht aka Suchtdruck in der Brust richtig Party gemacht. Ca. 1/2 Jahr später war ich soweit stabil.
    In der Zeit bis dahin aber habe ich mein Leben komplett umgekrempelt. Also möglichst alle Trigger massiv umgangen, neue Riten etabliert um nicht in die Schmachtfalle zu plumpsen. Bsp. hab ich keinen Kaffee mehr getrunken, war nicht mehr in der Kneipe oder im Restaurant oder ähnliches. Also alles was irgendwie mit rauchen verbunden war, hab ich gemieden.
    Und wer raucht / rauchte weiß ja selber, wie etabliert und wie allgegenwärtig das rauchen im Alltag ist. Rauchen ist viel etablierter als trinken.

    Ich rauche jetzt seit 15 Jahren nicht mehr - ein Jahr dummes umfallen inkludiert, und bezeichne mich als Nichtraucher. Das Umfallen übrigens war sehr lehrreich. Typische Party übrigens und eine Kippe kann man ja...nach 2 Tagen war ich wieder auf meiner BigBox pro Tag. Deswegen weiß ich ja, das ich nie wieder rauchen werde, sonst hab ich sofort wieder Synapsenfasching. Und mich triggert Nikotin seit Jahren auch in keiner Weise mehr.

    Ja und deswegen frage ich mich, ob die Kopfarbeit bei beiden Dingen wirklich unterschiedlich ist und, das ist ja zu merken, die Kopfarbeit beim Alkohol deutlich "negativer" ausgeprägt ist. Also negativ meine ich im Wording und im Hinblick auf die Selbstverständlichkeit des Umganges mit der Sucht in Zukunft. Das ist an vielen Stellen so negativ behaftet und hat manchmal die Anmutung von Selbstgeiselung.

    Ich hab so das Gefühl, wenn man sich als externer in das Thema einliest und ich hab das vor Jahren ja schon mal versucht, dass man, so das Image was ich fühle, als trockener Alkoholiker keine schöne Zukunft vor sich hat.
    Und mit meinen Erfahrungen sehe ich das komplett als falsch an.

    Was meint ihr?

  • Bei mir lief es genau umgekehrt.

    Die Qualmerei habe ich vo ca. 12 Jahren ganz spontan eingestellt, weil ich einfach die Schnauze voll hatte. Es verlief sehr einfach, nach ca. 3 Monaten hatte ich einen kleinen Rückfall für einen Abend nach dem Grillen bei Weißbier und Schnaps, das war aber auch schon. Einen weiteren Schmacht auf Nikotin hatte ich nicht und seit dem einen Vorfall auch nie mehr.

    Mich aus dem Griff der Flasche zu befreien, war vor allem in den ersten Wochen, sehr viel schwieriger.

    Beide Drogen unterscheiden sich doch erheblich. Allerdings habe ich schon einige Mitstreiter getroffen, die zwar das Saufen aufgeben konnten, aber die Finger nicht von den Glimmstängeln lassen können. Sie schaffen es einfach nicht. Warum, das erschließt sich mir nicht.


  • Beide Drogen unterscheiden sich doch erheblich. Allerdings habe ich schon einige Mitstreiter getroffen, die zwar das Saufen aufgeben konnten, aber die Finger nicht von den Glimmstängeln lassen können. Sie schaffen es einfach nicht. Warum, das erschließt sich mir nicht.

    Ja aber wo? Also ich rede jetzt nicht von einer tiefen, körperlichen - psychischen Abhängigkeit von Alkohol. Das ist natürlich eine ganz andere Nummer. Ich meine aber den "Suchtdruck" wenn der Körper selber entwöhnt ist.

    Ich persönlich glaube schon, dass da ähnliche bis gleiche Muster unterwegs sind. Ich kann das "faktisch" nur auf mich beziehen, weil das Rauchen für mich eine emotionale Funktion hatte. Eine "Stütze" und das nicht zu knapp auch oder gerade in schwierigen Zeiten.

    Der Alkohol hat sich langsam eingeschlichen und ist aufgrund der Toleranzsteigerung so lange geblieben. Und weil ich Angst vorm Exit hatte. Okay, ich hab den Sprit auch mal zur Betäubung genutzt, aber das war eher selten.

    Ich hab da mal Lust einen Profi zu befragen, dass interessiert mich doch.

    VG

  • Hallo NieTho,

    ich war seit langem mal wieder hier, und habe dann diesen Thread gesehen. Interessantes Thema.
    Mußte dann erstmal wieder mein Passwort 'erraten'.

    Erstmal Glückwunsch zu deiner Entscheidung, abstinent zu leben.

    Ich bin kein Alkoholiker, aber ebenfalls suchtkrank (blödes Wort), und als ich damals hier postete (eigentlich nur, weil mich der 'Werbebeitrag' eines Trolls störte, der mir nach einer Google-Suche zu einem ganz anderen Thema angezeigt wurde), war ich nach etwas Lesen hier doch sehr erstaunt darüber, wie ähnlich sich die Süchte sind. Nicht nur die 'Spirale' dahinter und der Umgang der Betroffenen damit, sondern auch bezogen auf das, was 'Neulingen' geraten oder gar 'verboten' wird. Und eben auch, wie sich selbst Dinge eingeredet werden, und was Unachtsamkeit für Folgen haben kann.

    Die Kopfarbeit ist daher wohl bei allen Süchten schon sehr ähnlich, für mich persönlich gibt es aber einen Unterschied, auch wenn dieser wohl hauptsächlich Kopfsache ist: Rauchen war für mich immer schon die 'harmlosere' Variante. Wirklich als Sucht ansehen tue ich das heute noch nicht, obwohl es definitiv auch eine ist. Aber ich hatte nie den 'Respekt' vor einem Rückfall, den ich anderswo auch heute noch habe. Habe zweimal mit dem Rauchen aufgehört, mir aber immer gleich gesagt, wenn ich wieder anfange, ist es halt so, irgendwann höre ich eben wieder auf. Wahrscheinlich hat es deshalb auch nie länger als zwei Jahre angehalten mit der Rauchfreiheit - weil die Konsequenzen hier nicht so deutlich spürbar waren. Es dauert eben, bis man wirklich Lungenkrebs bekommt.
    Außerdem denke ich, daß der Wille auch nicht wirklich da ist, solange ich noch so denke, und bis dahin brauche ich es gar nicht wieder 'versuchen'.
    Ich brauche wohl auch irgendwie immer eine Art 'Laster' - oder so ähnlich. An der Sache mit der emotionalen Funktion ist daher wohl schon etwas dran.

    Bei einem Rauchstop war der Suchtdruck bei mir auch nie so stark. Das Problem waren da eher Automatismen wie Pausen, auf den Bus warten, nach dem Essen...
    Bei mir war es also ebenfalls andersrum... rein per Definition kennt kennt 'meine' Sucht keinen körperlichen Entzug, aber der von dir beschriebenen psychische war deutlich schwieriger zu handhaben als bei einem Rauchstopp - und dauerte auch um Einiges länger. Ich erinnere mich, wie ich abends oft sprichwörtlich 'die Wände hochging', und mich einmal sogar dabei ertappte, wie ich die Schubladen meiner Mitbewohnerin nach Geld durchsuchte. Schmacht kenne ich auch, hatte ich auch oft. Wirklich rausgegangen, um Zugaretten zu holen, bin ich aber nie. Hätte ich da aber Geld gefunden, wäre ich mit Sicherheit losgezogen.
    Es war also genau andersrum als bei dir, ich habe ziemlich schnell die körperlichen Vorteile des Nicht-Rauchens bemerkt, damit fiel es leichter, längere Zeit nein zu sagen.
    Anderswo bin ich aber erstmal in ein tiefes Loch gefallen "Ist das alles? Wofür das Ganze?"
    Erst vor ein paar Monaten war ich dabei, wieder langsam darauf zuzusteuern, ohne auch nur eine Sekunde tatsächlich daran gedacht zu haben. Achtsamkeit ist für mich daher immer gegeben. Das könnte einem Exraucher wahrscheinlich auch passieren, aber die Konsequenzen wären nicht so schwerwiegend, auch für das Umfeld.
    Aber es ist eben die 'Krux' an der Sache. Was das Vermeiden solcher gedanklichen 'Fallen' angeht hab ich 'Lebenslänglich', auch wenn ich die meiste Zeit gar nicht daran denke. Das ist nicht negativ oder gar 'einschränkend', sondern einfach nur Selbstschutz.
    Ein "Zur Not höre ich halt wieder auf." ist da keine Option, das weiß ich nur zu gut.

    Ich denke auch, daß es so etwas wie 'Suchtaffinität' gibt. Also daß jemand, der ein Suchtproblem hat, egal ob aktiv oder abstinent, generell vorsichtig sein sollte im Umgang mit anderen Dingen, die im Übermaß... ähm... ungesund sind. Auf mich trifft das jedenfalls definitiv zu.

    Ich weiß, was du mit dieser 'Schwarzmalerei' in puncto Zukunft meinst. Das klingt für Außenstehende (und nicht unbedingt nur für die) wie 'Predigen' oder die Prophezeiung eines Lebens, in dem aufgrund einer 'Krankheit' unter Zwang irgendwie auf etwas verzichtet werden muß. Natürlich ist das falsch. Irgendwann kommt der Punkt, an dem es im Alltag ganz von allein keine Rolle mehr spielt. Aber genau das ist eben auch das Gefährliche daran: Man darf nicht das Bewußtsein dafür verlieren, daß Kontrolle nicht möglich ist.
    Ich denke daher kommt auch dieses radikale 'Null-Toleranz-Gerede'. Das 'Gebetsmühlenartige' dabei kommt wahrscheinlich von dem zig Widerholungen im Laufe der Zeit. Es geht aber gar nicht um Verbote, sondern 'Reminder' (um es mal in deinem 'Stil' zu sagen), die dadurch nur etwas 'seelenlos' ausgedrückt werden. Man darf dabei nicht vergessen, daß der Sprecher seine Worte auch immer ein Stückweit an sich selbst richtet. Es hat etwas gedauert, bis ich das verstanden habe, aber seitdem sehe ich es nicht mehr als ganz so negativ oder 'abschreckend' an.

  • Hi Paul,

    vielen Dank, dass Du Dich hier beteiligst 44.

    Ich steig mal hier ein, weil mir der Satz sehr ins Auge gesprungen ist:

    Zitat

    Ich denke auch, daß es so etwas wie 'Suchtaffinität' gibt. Also daß jemand, der ein Suchtproblem hat, egal ob aktiv oder abstinent, generell vorsichtig sein sollte im Umgang mit anderen Dingen, die im Übermaß... ähm... ungesund sind. Auf mich trifft das jedenfalls definitiv zu.

    Auf mich definitiv auch. Ich hab das immer irgendwie gespürt und zum Glück hat mich dieses Gefühl damals als "Teen" davor bewahrt, zu kiffen oder andere Dinge zu nehmen. Zudem war meine Erziehung gerade in Richtung Drogen immer sehr negativ geprägt, dass ich einen riesigen Respekt als auch Angst hatte.
    Ich hab 4x gekifft im Leben, dass ist mir 2x überhaupt nicht bekommen, zum Glück, deswegen hab ich es dann gelassen. Zum Glück. Ein Schulfreund von mir ist deswegen voll von der Bahn abgekommen und hat sein Leben vermurkst aka sich das Hirn komplett matschig gemacht.

    Ich überlege die ganze Zeit wie mein Einstieg in den Alkohol wirklich verlief bzw. wo es von "normalen Konsum", wenn ich das mal sagen darf, aufhörte. Der typische Partysäufer mit vorglühen oder so war ich nie. Ich hatte als junger Mensch durch den Zivildienst eine PTBS, da hat der Alk aber definitiv nur sekundär mit zu tun, wenn überhaupt ...oder vielleicht doch? da muss ich mal denken....anderes Thema dazu später wenn ich mir klar bin....


    Zitat

    Es war also genau andersrum als bei dir, ich habe ziemlich schnell die körperlichen Vorteile des Nicht-Rauchens bemerkt, damit fiel es leichter, längere Zeit nein zu sagen.


    Das kam später bzw. ich hab das erst später gemerkt. Ich hatte erstmal nur mit mir zu tun um die Alltagsriten aus der Birne zu bekommen. Dann irgendwann kamen auch die Vorteile, die ich aber nicht wirklich "genutzt" hatte.

    Zitat

    Ich denke daher kommt auch dieses radikale 'Null-Toleranz-Gerede'. Das 'Gebetsmühlenartige' dabei kommt wahrscheinlich von dem zig Widerholungen im Laufe der Zeit. Es geht aber gar nicht um Verbote, sondern 'Reminder' (um es mal in deinem 'Stil' zu sagen), die dadurch nur etwas 'seelenlos' ausgedrückt werden. Man darf dabei nicht vergessen, daß der Sprecher seine Worte auch immer ein Stückweit an sich selbst richtet. Es hat etwas gedauert, bis ich das verstanden habe, aber seitdem sehe ich es nicht mehr als ganz so negativ oder 'abschreckend' an.

    Ich glaube, wenn man eine Sache ernst nimmt und "lebt", manifestiert sich das im Alltag und im Gehirn und es wird zu einer Selbstverständlichkeit. Ich guck mir da mal meinen Schwiegervater an, der hat auch jahrelang deutlich ein Alkoholproblem gehabt bist er von seiner Familie vor eine Wahl gestellt worden ist. Dann hat er aufgehört, von heute auf morgen.
    Und der macht da in keiner Weise ein Thema draus, überhaupt nicht. Man merkt das gar nicht bei ihm das er abstinent ist.

    Ich kann mir aber denken, um wieder auf die möglichen, gleichen Muster bei Süchten zurückzukommen, dass man darauf schauen sollte, welche Funktion hat eine Sucht (gehabt). Wie hat die Sucht einen geprägt. Und, das perfide ist ja, Sucht fängt ja damit an, dass einem etwas Spass macht oder eine persönlichen, wichtigen Funktion dient. Und damit wird das Suchtmittel im Kopf verknüpft.

    Beim Alkohol hatte ich zum Ende in zwei Verknüpfungen: Einmal der über den Tag steigende, psychische Suchtdruck zum Nachmittag hin - ggf.hat mein Alkoholspiegel im Blut dazu beigetragen in Kombination mit den einflutenden Endorphinen sobald ich dann was getrunken hatte. Parallel dazu immer der Druck, was passiert wenn Du nichts trinkst - Angst vor dem Entzug. Und die Angst vorm aufhören ist, da bin ich mir sicher, von außen geprägt durch die ganzen, "fürchterlichen" Geschichten. Arzt - Klinik - Therapie - Stigma. Als jemand der Weisskittel überhaupt nicht mag ist das eine große Hürde.

    Auf der einen Seite hab ich "gerne" getrunken, ich mochte die Einflutungsphase und die vermeintliche "Klarheit" im Kopf, auf der anderen Seite hatte ich tierisch Angst, was passiert, wenn ich nichts trinke.
    Kurz am Rande, im Januar hab ich mit meiner Frau eine Reise gebucht, wird fahren Mittwoch nach Oslo. Und ich liebe Oslo. Als die Buchung abgeschlossen war habe ich konstant nur daran gedacht, wie ich Alkohol schmuggeln kann weil ich mir nicht vorstellen konnte, 4 Tage ohne damit auszukommen.

    Und, gerade die letzen 1,5 Jahre hab ich mich persönlich immer mehr dafür "gehasst", dass ich trinken musste weil ich keine Perspektive sag, wie es danach weitergeht.
    Also ich hatte konstante, negative Verknüpfungen mit dem Alkohol. Einflutungsphase kurz toll, der Selbsthass, Wesensveränderungen, depressive Verstimmungen dabei und danach. Obwohl ich positiv ausgerichtet sein wollte, es gelang mir nicht.

    Und deswegen, glaube ich, fällt es mir aktuell relativ leicht. Weil ich sehr froh bin einen Absprung gefunden zu haben und die Erfahrung gemacht habe, nach dem Aufhören ist eigentlich nichts schlimm, im Gegenteil, ich habe sofort nur Vorteile. Wobei mein Suchtgedächnis weiter nach den Endorphinen der Einflutung ruft.

    Bei den Zigaretten war das anders, die haben mich immer "positiv" begleitet. Oder gestützt. Genuss in schönen Momenten, Stütze in schlechten Momenten und lieb gewordenes Ritual. Ich sag heute, ernsthaft, wenn ich alt bin und auf der Parkbank sitze, fang ich wieder an mit rauchen. So mit 80 oder so.
    Der Alk. war "zum Schluss" immer negativ besetzt und ich denke das hat mir echt geholfen.

    Ein Freund von mir sagte vor gar nicht langer Zeit: "Dein Leidensdruck muss hoch genug sein, dann fällst du eine Entscheidung, wenn Du das erkannt hast".
    Und ich finde damit hat er Recht.

    Deswegen finde ich den Ansatz von vielen SHG´s persönlich nicht gut, dass die Leute sich sofort outen müssen. Mit dem Satz, den niemand gerne sagt: ich bin Alkoholiker.
    Ich würde das anders aufbauen. Ich sag schon seit Jahren bei Entscheidungen die gefällt werden müssen: schreibe auf: "Vorteile, Nachteile, Konsequenzen". Und sei dir da dessen bewusst was Du da schreibst. Und dann Arbeite heraus, was sind deine Vorteile / Ziele / Zwischenziele in kleinen Schritten.
    Wenn ich meine Tochter gesagt habe: "Schatz, wir fahren nachher 50 Kilometer Fahrrad", sagte sie: Sooo viel? Das schaffe ich nicht. Sie hat ja keinen Überblick wie lange das ist und was man dabei schönes erlebt. Und das ist der Vergleich mit "du musst ab sofort ein leben lang abstinent sein". Das ist ein Satz, den begreift niemand bzw es geht nur über Willen. Aber schwer über wollen.

    Ich glaube, so halte ich das auch bei mir, man muss schwere Dinge in gute Worte verpacken und das gilt glaub ich bei jeder Sucht. Um da einen bekannten Film zu zitieren:

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    ;D

  • Hallo NieTho,

    auch bei 'uns' gibt es dieses Dogma "Mein Name ist Paul, und ich bin spielsüchtig." Ja, ich würde den Satz auch nur schwer bis gar nicht rausbringen. Die Tatsache an sich ist aber 'drin' im Kopf, und das muß sie meiner Meinung nach auch sein.
    Willen, wollen... das sehe ich etwas anders... mit der 'geballten Faust in der Tasche' funktioniert das jedenfalls nicht, zumindest nicht sehr lange. Da helfen aber auch keine Dogmen, es ist eher eine innere Einstellung, und die braucht den berühmten 'Klick', den man nicht von Außen 'vermitteln' kann.

    Bei mir war es ähnlich wie bei deinem Schwiegervater, wobei 'einfach so' da eine starke Übertreibung wäre. Einfach war das absolut nicht. Es war die Hölle, und ich würde das wahrscheinlich nicht nochmal schaffen. Darüber bin ich mir absolut im Klaren. Daher lebe ich quasi schon 'automatisch' entsprechend, aber ich spreche auch nicht darüber. Es hat sich manifestiert, ohne noch wirklich eine große Rolle zu spielen, das stimmt. Im Großen und Ganzen jedenfalls.

    In meinem Umfeld ist es auch kein Thema. Das liegt aber auch daran, daß heutzutage niemand mehr davon weiß. Dafür mußte ich mir in Foren schon oft ein paar virtuelle 'Schelte' abholen, habe schon den ein oder anderen 'Einlauf' zum Thema "Absolute Aufrichtigkeit nach Innen und Außen" hinter mir. Und die Frage, ob Schweigen eine Lüge ist, oder ob Angehörige ein Recht darauf haben, zu wissen, auf was für eine potentielle 'Gefahr' sie sich mit mir einlassen, und worauf sie bei mir achten sollten. Diese Fragen sind sicher durchaus berechtigt, aber der Ton, der dabei angeschlagen wird, ist manchmal schon sehr grenzwertig-aggressiv. Das hat dazu geführt, daß ich das meist gar nicht erwähne. Die Diskussion ist immer recht anstrengend, und geht jedes Mal schnell in Richtungen, in denen mir abstruse Absichten unterstellt werden. Interessanterweise wird das Thema immer von Anderen aufgebracht, nie von mir selbst, und ich bekomme dann einen drauf, wenn ich mich versuche, zu rechtfertigen, weil die unterstellten Motivationen einfach 'frech' sind. Deshalb meide ich das Thema von mir aus, und äußere mich generell eher selten dazu.
    Daran sieht man aber, wie 'festgefahren' bestimmte... mhh... 'Grundsätze' bei vielen sind.

    Ich habe ohne professionelle Hilfe aufgehört, und bis zum heutigen Tag mit keinem darüber gesprochen. Beides hat aber eher mit Naivität und Hilflosigkeit zu tun, als damit, daß ich irgendwie dachte, ich wäre 'besser' oder 'anders' als Andere. Zu derartigen Gedanken war mein Hirn damals gar nicht fähig. Ich wußte schlichtweg nicht, in was für einer Lage ich mich befand (bzw. habe ich es verdrängt und heruntergespielt. Mir geht es doch vergleichsweise gut), und daß es dafür überhaupt professionelle Hilfe gibt. Ich wußte nur, daß das ein Ende haben muß, wenn ich weiterleben will. Im wahrsten Sinne des Wortes.

    Für Einige bin ich aber ein unehrlicher Lügner, der nach wie vor seine Sucht 'schützen' will, und damit unterbewußt die Weichen für den nächsten Rückfall stellt.
    Heute, fast 16 Jahre später, weiß ich inzwischen natürlich, wo diese strengen Worte 'herkommen'. Da stellt sich aber dann die Frage, inwiefern ein Outing noch irgendwem hilft.
    Als Alkoholiker, Spieler, Junkie oder generell suchtkranke Person hast du sehr oft einen schlechten Stand. Das ist in den Köpfen der Leute nichtmal bewußt oder gewollt. Aber es impliziert halt immer, daß die Möglichkeit besteht, aus dir könnte sehr schnell eine unberechenbare 'Liability' werden. Auch das sorgt für einen negativen Umgang des Betroffenen mit diesem Umstand. Ja, auch bei mir.
    Vieles Negative kommt daher auch aus dem 'Außen'. Ich sage mir, durch diesen 'Stempel' stünde man immer irgendwie unter Druck und Beobachtung, weil man das Gefühl bekäme, beweisen zu müssen, daß alles in Ordnung ist. Das ist bei Ex-Rauchern auch anders.

    Dieses 'Nie wieder' war auch ein harter Brocken dabei.
    Ja, dein Freund hat recht. Für mich war das lange Zeit etwas Unvorstellbares, Utopisches - die Aussicht, ein Leben lang 'verzichten' zu 'müssen' war in meiner Vorstellung definitiv kein erstrebenswertes Ziel. Vielleicht in ein paar Wochen, einem Jahr, aber nie wieder? Das muß doch anders gehen. Ich dachte, ich könnte nicht ohne etwas leben, das mich in regelmäßigen Abständen durch den Reißwolf gedreht hat.
    Hatte ich kein Geld mehr, konnte ich durchaus eine Weile ohne - das war dann auch nicht sonderlich schwer. Eine Woche noch von Nudeln oder Reis, und wenn auch das kurz vor der Monatsmitte nicht mehr ging, den Rest des Monats von abgelaufenen Lebensmitteln (ich arbeitete unter Anderem in einem Supermarkt, und habe dort regelmäßig den Verderb abgeschrieben und entsorgt) zu leben ist schon eine ziemliche Lektion in puncto Selbstgeißelung und Schamgefühl (so sollte man meinen) - jedes Mal wieder schwor ich mir: "Ich bin so dumm, das mache ich nicht nochmal." Aber ich konnte tun, was ich wollte, mir die besten Vorsätze zurecht legen - sobald ich Geld hatte, war es auch bald wieder weg. Das war ein Automatismus, ich konnte das nicht kontrollieren. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich anfing, meine Arbeitgeber zu beklauen, der Morast wurde immer tiefer. Es kam vor, daß ich wie ferngesteuert unter Tränen in die Spielbank lief, weil ich innerlich genau wußte, was passieren würde, während ich mir sagte, ich gewinne heute bestimmt, gehe dann nach Hause, und alles wird besser. Auch wenn ich innerlich eigentlich wußte, daß es für mich kein 'genug' gibt, und ich nicht Aufhören kann, bis alles weg ist. Dennoch war es jedes Mal wieder eine Erleichterung, es endlich wieder tun zu können, weil der Druck weg war, und in meiner 'Blase' sein konnte. Es ging nur noch darum, was im Kopf passiert.
    Meine 'Spaßphase' war nicht sehr lang. Ich gewann mit meinem ersten Versuch etwa 30DM. Hatte keine Ahnung, was ich dort tat, aber das Gefühl war unbeschreiblich. Da war ich 17 oder 18 Jahre alt. In meinem Bekanntenkreis werden heute noch Witze darüber gemacht, wie ich Kleingeld in den Automaten im Café warf, und ich völlig verwirrt war, was passierte. Niemand von ihnen weiß, was dieser Abend für Konsequenzen für mich hatte. Aber ich wollte das sofort wieder 'erleben'. Ein paar Tage später ging ich in eine Spielhalle, und ab dem Tag an landete eigentlich alles, was ich hatte, in einem Automaten oder am Spieltisch.

    Sobald ich Geld hatte, stieg der Druck bei mir rapide an. Besonders nach Gehaltseingang (davon hatte ich mehrere kurz hintereinander, da ich mehrere Jobs hatte). Manchmal schaffte ich es wie gesagt wenigstens noch, vorher ein paar Packungen Nudeln zu kaufen, wenn das Geld kam (ist billig, denn jeder Cent, der sonst ausgegeben wurde, war Verschwendung). Geld 'brannte' förmlich in den Händen, in meinen Taschen. Das hielt dann an, bis das Geld weg war, was manchmal nur ein paar Stunden dauerte, wenn überhaupt. Dann setzte Erleichterung ein, es ist vorbei, ich muß nicht mehr... dicht gefolgt von Selbsthaß, Reue und der Angst davor, wie ich den Rest des Monats überleben sollte, mir die Bank und die Gläubiger vom Hals halten sollte, ohne daß jemand 'dahinterkam'. In diesem Phasen hatte ich immer viel Zeit, mir exzessive Gedanken zu machen - nur um diese mit der nächsten Geldspritze sofort wieder zu verwerfen. "Einmal geht ja noch."
    Oder ich saß im Kino, und überlegte fieberhaft, wie ich schnellstmöglich wegkomme (oder besser, was ich tun muß, um gar nicht erst dort hin zu müssen), weil ich ja spielen 'mußte'.
    Ja, im Grunde genommen drehten sich meine Gedanken um Geldbeschaffung, Vertuschung und das 'Jonglieren' mit finanziellen Verbindlichkeiten, denen ich schon lange nicht mehr nachkommen konnte.
    Niemand hätte das je vermutet. Ich wußte, wie man 'funktioniert', aber das hat mich unendlich viel Energie gekostet, und fraß mich zusätzlich innerlich auf.

    Sicher hat es daher eine Funktion erfüllt, aber es war dadurch eben gleichzeitig auch ein Teufelskreis. Ich mußte nicht nachdenken, konnte alles ausblenden, und dieser 'Kick' dahinter ist (in einem Spielsuchtforum würde ich das nicht tun, aber hier kann ich es ja schreiben) durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Damit muß ich leben. Es ist aber ein sehr geringer Preis für den inneren Frieden. Entschleuniging statt Anspannung und Chaos.
    Dennoch, diese 'Lösung', dieser 'Fluchtweg', die Gefühlsachterbahn und das einfache Vergessen ist etwas, an das sich mein Hirn auch heute noch 'erinnert'. Das, was man Suchtdruck nennt, ist schon lange kein heftiges Verlangen mehr, wie man es aus Filmen kennt, sondern eher ein schleichender Prozeß. Nostalgie, gute alte Zeiten. Er tritt nicht mehr in unerwarteten Momenten brachial die Haustür ein, sondern kommt einfach mit einem Salat unterm Arm freundlich durch die offene Gartenpforte zur Grillparty. So ist es auch deutlich schwerer, ihn wieder rauszuwerfen. Er tut ja eigentlich nichts, und unterhält sich doch ganz nett mit Allen über unsere jugendlichen Schandtaten (natürlich nur die Harmlosen, dumm ist er ja nicht). Was ist schon dabei? Wir waren ja schließlich auch mal sowas wie Freunde.
    Das kommt nur noch sehr selten vor, aber es passiert. Da ist Achtsamkeit wichtig. Und eben das Bewußtsein, daß es für mich keine Ausnahme geben darf. Niemals. Daran gegebenenfalls zu erinnern, ist okay. Der Tonfall dabei ist aber eben auch entscheidend. Und die 'Verpackung'. Nicht umsonst sagt man sich "Nur für heute..." - eben weil ein 'Nie wieder" manchmal schwer zu verdauen ist.

    In meiner Jugend hatte ich zwei 'Bekanntenkreise', und habe recht exzessiv getrunken, und auch etliche Drogen probiert. Schon da habe ich gemerkt, daß mir das zu sehr gefällt, und ich das Maß nicht habe (wenn es keiner mitbekommt), obwohl die meisten Menschen, mit denen ich hauptsächlich zu tun hatte, mir das niemals zugetraut hätten - im Gegenteil, ich galt als langweilig vernünftig und übertrieben rational. In meinem 'normalen' Umfeld hingegen trank ich nichtmal Alkohol. Das konnte ich schon immer gut trennen. Glücklicherweise habe ich da noch die Kurve bekommen, und das seingelassen, nachdem ich relativ früh aus dem Elternhaus ausgezogen bin in ein komplett neues Umfeld. Insgesamt eine längere Geschichte, die hier den Rahmen sprengen würde, aber im Nachhinein betrachtet sicher auch mit meinem 'Werdegang' zu tun hat. Jedenfalls bin ich heute vorsichtig mit solchen Dingen. Eine derartige Flucht war noch nie eine gute Lösung - egal, womit.

    Ich wünsche einen netten Sonntagabend.

  • Puuaaahhhh Paul,

    ehrlich ganz vielen Dank für Deine Geschichte! Ich sitze hier gerade und lese das zum zweiten Mal und lasse das auf mich wirken. Krass! Und toll formuliert! Danke! Und es trifft an so vielen Stellen bei dem Thema Sucht den Nagel auf dem Kopf, finde ich.

    Darf ich dazu ein bisschen was nachfragen, weil es mich interessiert, ich hoffe es ist okay. Kurz, ich hab mit dem Thema Automaten auch als junger Mensch, ungefähr dein Alter damals auch kleine Erfahrungen gemacht, also ich weiss wie es ist zu gewinnen. Und das ist schon krass, ja. Mich hat der Gewinn zum Glück nicht weiter tangiert immer weiter spielen zu müssen, aber ich sagte ja, ich bin gefühlt auch einer der da sehr empfänglich ist, zum Glück ist das an mir vorbei gegangen.

    Und ich glaub gerade Spielsucht ist echt auch ein richtiges krasses Brett, gerade weil die ja auch das Potential hat, mit anderen Dingen, Alkohol, Zigaretten, ggf. aufputschenden Drogen Hand in Hand zu gehen.
    Und Du schreibst ja eindringlich über deine "Geldnot" und wie Du damit umgegangen bist. Krass.

    Um zur Frage zu kommen, wie machst Du das im Alltag? Also das Thema spielen? Ich meine damit Mau Mau, Uno, etc etc. Dinge, also die man mit Kindern oder Erwachsenen spielt? Skat, Doppelkopf? Ist das ein Thema für Dich so wie ggf. alkoholfreies Bier für Alkoholiker bzw. NMTM? (nicht mehr trinkende Menschen)?

    Zitat

    Willen, wollen... das sehe ich etwas anders... mit der 'geballten Faust in der Tasche' funktioniert das jedenfalls nicht, zumindest nicht sehr lange. Da helfen aber auch keine Dogmen, es ist eher eine innere Einstellung, und die braucht den berühmten 'Klick', den man nicht von Außen 'vermitteln' kann.

    Definitiv, kann ich absolut nachvollziehen. Damals zu Rauchzeiten fand meine Familie bzw. meine Freundin (jetzt Frau) das auch amtlich kacke, aber ich hab immer gesagt, auch um das Thema abzuwürgen: Die Entscheidung muss von mir kommen. Euer Druck sorgt dafür, dass ich erst Recht nicht aufhöre. Aber, ich denke, der äußere Druck hat dafür gesorgt, dass man sich im Inneren damit angefangen hat auseinanderzusetzen. Und dann braucht es Willen.

    Zitat

    Daran sieht man aber, wie 'festgefahren' bestimmte... mhh... 'Grundsätze' bei vielen sind.

    Ich lehne mich mal aus dem Fenster, ist reine Küchenpsychologie. Ich hab aber gerade viel Zeit mir viel durchzulesen. Und, mich beschleicht an vielen Stellen wirklich das Gefühl, das einige Menschen diese Radikalität nutzen, um sich selber zu festigen. Also helfende Menschen nutzen ihre "Erfahrung" aus, um sich selber zu bestätigen. Man kann das an einigen Textbausteinen gut sehen, m.M.n., wenn ein helfender einem Neuling schreibt "du hast ein paar Tage Trockenheit hinter Dir, ich 15 Jahre, komm da mal hin"...klingt für mich das im Wording so, als ob der Helfende selber noch nicht klar ist. Und sich selber am Abgrund sieht. Vielleicht auch so geprägt ist, die ganze Zeit am Abgrund zu wandeln.
    Das ist für mich aber, als Hilfesuchender, echt eine fiese, nicht motivierende Aussicht.

    Ein anderer Punkt ist, Du schreibst es ja:

    Zitat

    "Absolute Aufrichtigkeit nach Innen und Außen" hinter mir. Und die Frage, ob Schweigen eine Lüge ist, oder ob Angehörige ein Recht darauf haben, zu wissen, auf was für eine potentielle 'Gefahr' sie sich mit mir einlassen, und worauf sie bei mir achten sollten

    Ich sag mal so, ich hatte einige Jahre lang eine amtliche, Jahre andauernde Angststörung, als junger Mensch. Und ich hab das mit Offenheit versucht. Genau 1 Mal: Ich hab kein Verständnis bekommen von der Außenwelt. Nada, nix.
    Und so glaube ich auch, dass Rücksichtslose Offenheit nach außen nicht unbedingt förderlich ist, eher gefährlich. Gerade auch noch, weil Sucht einfach ein Stigma ist, machen wir uns nichts vor. Und gerade bei Alkohol erst Recht. Und das Thema Verantwortung übernehmen durch Externe, "sie sollen / müssen auf mich aufpassen" sehe ich auch schwierig.
    Ich glaube, es ist wichtig, engste Familienmitglieder und engste Freunde einzubeziehen, wenn der Zeitpunkt passt. Die Umwelt hat ja automatisch eine Erwartungshaltung, wenn man "gesteht" und wenn man es dann versemmelt, hätte ich richtig Angst vor der Reaktion.

    Aber vielleicht muss man auch differenzieren, je nach Schweregrad der Sucht / der Erkrankung. Aber alle über einen Kamm, ja, finde ich auch schwierig.

    Zitat

    Ich habe ohne professionelle Hilfe aufgehört, und bis zum heutigen Tag mit keinem darüber gesprochen.

    Deswegen noch einmal Danke! Ich nehme da für mich einiges mit!

    Zitat

    Vieles Negative kommt daher auch aus dem 'Außen'. Ich sage mir, durch diesen 'Stempel' stünde man immer irgendwie unter Druck und Beobachtung, weil man das Gefühl bekäme, beweisen zu müssen, daß alles in Ordnung ist. Das ist bei Ex-Rauchern auch anders.

    Defintiv, ein "Ex-Raucher" wird eher bewundert dass er aufgehört hat. Ich hab damals nie gehört "boah, komm, rauch doch noch eine"....Jetzt ist das etwas anderes.
    Ich habe meine "Rechtfertigung" nicht mehr zu trinken mit meiner Gesundheit begründet. Und dass ist ja auch nicht gelogen. Ich bin gestern beim Hockey wieder angesprochen worden, warum ich kein Bier trinke und ich hab gesagt, ich habe ein bisschen Bluthochdruck - was auch stimmt - und wir versuchen den durch Gewichtsabnahme und Ernährungsumstellung in den Griff zu bekommen, dass ich keine Medikamente brauche. Was auch stimmt. Und ich habe gesagt, dass ich mit 45 jetzt nochmal die Ambition habe, richtig fit zu werden, weil ich auf dem Rad einige Ziele habe, da passt der Alkohol einfach nicht rein. Und das stimmt auch.
    Damit war das Thema erledigt bzw. es kam die Reaktion "ja, mh, nach Ostern wollte ich auch wieder mit dem Rad fahren und ins Fitnessstudio gehen".....wird "er" nicht machen, weiß ich so schon. Aber den Punkt habe ich positiv auf meiner Seite.

    Zitat


    Dieses 'Nie wieder' war auch ein harter Brocken dabei.
    Ja, dein Freund hat recht. Für mich war das lange Zeit etwas Unvorstellbares, Utopisches - die Aussicht, ein Leben lang 'verzichten' zu 'müssen' war in meiner Vorstellung definitiv kein erstrebenswertes Ziel. Vielleicht in ein paar Wochen, einem Jahr, aber nie wieder? Das muß doch anders gehen. Ich dachte, ich könnte nicht ohne etwas leben, das mich in regelmäßigen Abständen durch den Reißwolf gedreht hat.

    Fühl ich absolut nach. Obwohl es eigentlich eine gute Aussicht ist, ist diese Aussicht nicht zu ertragen und vor allem nicht greifbar. Und das ist ja für mich der Bezug auf meine Tochter. Und die ist gezwungen sich für immer und ewig um sich kümmern zu müssen. Und aus einem Zwang ein Selbstverständnis zu entwickeln ist noch einmal ein anderer Schnack als sich, mehr oder wenig, freiwillig, dort hinzubegeben.

    Zitat

    chon da habe ich gemerkt, daß mir das zu sehr gefällt, und ich das Maß nicht habe (wenn es keiner mitbekommt), obwohl die meisten Menschen, mit denen ich hauptsächlich zu tun hatte, mir das niemals zugetraut hätten

    Lustig. Ich hatte gestern ein Gespräch mit einem Papa genau darüber, also den Konsum von Kids und Jugendlichen. Und er war felsenfest überzeugt "DAS überziehst Du aber, ne, das ist nicht so......"...sein Sohn aber, knappe 14, stand vor mir dabei und hat das Gespräch mitgehört. Ich hab an seiner Körpersprache gemerkt, der wusste ganz genau wovon ich sprach und dass das auch gar nicht so weit weg ist. Und gerade, dass ist bei uns in der Umgebung so, die angeblich "sitthaften, aus gutem Hause...." die lassen es heimlich extra krachen. Ich hab damals dadurch ein paar Leute verloren und zum Glück dem, wie Du auch, nicht gefröhnt, weil ich innen wußte, das könnte in die Hose gehen.

    Ist es dann ja auch, ein paar Jahre später.

    Zitat

    Jedenfalls bin ich heute vorsichtig mit solchen Dingen. Eine derartige Flucht war noch nie eine gute Lösung - egal, womit.

    Du meinst das bezogen auf Suchtmittel?

    Ich bin gerade dabei meinen Suchtverlauf in Reihenfolge zu bekommen um das mal definieren zu können. Das ist gar nicht so einfach. Aber vielleicht ganz gut um das nochmal zu verstehen.

    Schönen Tag & Danke nochmal!


  • Und, mich beschleicht an vielen Stellen wirklich das Gefühl, das einige Menschen diese Radikalität nutzen, um sich selber zu festigen. Also helfende Menschen nutzen ihre "Erfahrung" aus, um sich selber zu bestätigen. Man kann das an einigen Textbausteinen gut sehen, m.M.n., wenn ein helfender einem Neuling schreibt "du hast ein paar Tage Trockenheit hinter Dir, ich 15 Jahre, komm da mal hin"...klingt für mich das im Wording so, als ob der Helfende selber noch nicht klar ist. Und sich selber am Abgrund sieht. Vielleicht auch so geprägt ist, die ganze Zeit am Abgrund zu wandeln.
    Das ist für mich aber, als Hilfesuchender, echt eine fiese, nicht motivierende Aussicht.

    ich will da mal was dazu sagen.

    Ich persönlich kämpfe absolut nicht mit der Trockenheit. Suchtdruck hatte ich in den ersten Wochen zwei mal ganz kurz, im Minutenbereich, seitdem nicht mehr. Ich würde ohne Abstriche behaupten, dass ich den Alkohol schon seit über 20 Jahren nicht mehr vermisse. Und ich lebe, wie ich Lust habe, ob wo getrunken wird oder auch nicht, interessiert mich nicht, und ich habe auch Normaltrinker im Freundeskreis. Also ich richte mein Leben nicht danach aus, dass ich mal gesoffen habe, um es kurz zu machen.

    Und ich habe mich auch anfangs sehr darüber geärgert, was man denn nun alles tun oder lassen sollte. Deine Tiraden erinnern mich ein wenig an mich selbst. Also lies es nicht als Angriff, ich denke mit Dir kann man Klartext reden.

    Ich war, als ich aufgehört habe, durch damit. Sonst hätte ich gar nicht aufgehört. Aber mir hats gereicht, und die Aussicht, nie wieder trinken zu müssen, war für mich kein Berg, sondern Anlass zur Hoffnung. Ein Glück, wenn ich nicht will, dann zwingt mich keiner zum Weitertrinken. Ausser ich mich selbst, und mich hab ich so weit im Griff.

    Damit bin ich angetreten, es anders zu machen, als das was ich bis dahin gehört hatte. Hab mich in der Suchthilfe engagiert.

    Aber, und das musste ich dann akzeptieren, den allermeisten fällt es nicht so leicht wie mir. Und das, obwohl sie auch aufhören wollen und ganz genau wissen, dass es ihnen besser gehen würde.

    Die Allermeisten fangen leider irgendwann wieder an. Und das wird teilweise absolut hässlich.
    Und zumindest bei denen, die trotzdem weiterkämpfen (bei weitem nicht alle) ist Klartext angesagt, und eventuell auch Arschtritte.. Woran liegt es, dass Du wieder zum Glas greifst, obwohl Du doch ganz was anderes wolltest? Da muss geklärt werden, spätestens nach der 120sten klinischen Entgiftung (gibts, ich hab solche Leute begleitet)

    Nebenbei setzt Du Dich damit auseinander, wie Du genau das bei Dir selbst verhindern kannst. Denn Dir ist ja klar, so groß sind die Unterschiede nicht, Du hast auch lange genug und überhaupt genug gesoffen, und Du siehst, dass Rückfälle nicht glücklich machen. Und diese Auseinadersetzung führst Du auch teilweise hart. Mit Anderen, mit Dir selbst. Du gehst ans Eingemachte. Aber Du übst auch Selbstliebe, denn als Du gesoffen hast, konntest Du Dich selbst nicht leiden. Und Du merkst, dieser Umgang mit sich selbst ist auch zäh.

    Irgendwann merkst Du dann auch, dass auch ein trockenes Leben nichts Besonderes ist, es wird normal und ist von daher dann kein Grund mehr zum täglichen Feiern. Wenn Du Dir nicht zusätzlich was suchst, was Dich ähnlich befriedigt, wie es die Sauferei ja lange getan hat, fragst Du Dich vielleicht irgendwann, ob das nun alles war, zumindest bei mir.
    Du hattest da ja mal was mit der Funktion der Süchte....

    Und Du wirst es nicht gerne hören, aber 4 Wochen gingen meine Trinkpausen teilweise, das hatte bei mir zumindest gar nichts zu sagen. Ich hab das so gesehen, unter einem Jahr gilt das bei mir gar nicht als ernsthafter Versuch.

    Ich hab das "Du" jetzt rhetorisch verwendet, das Meiste ist nur über mich selbst.

    Schönen Gruß

  • Hi Susanne,

    danke für deine ehrlichen Worte 44.

    Zitat

    Irgendwann merkst Du dann auch, dass auch ein trockenes Leben nichts Besonderes ist, es wird normal und ist von daher dann kein Grund mehr zum täglichen Feiern. Wenn Du Dir nicht zusätzlich was suchst, was Dich ähnlich befriedigt, wie es die Sauferei ja lange getan hat, fragst Du Dich vielleicht irgendwann, ob das nun alles war, zumindest bei mir.
    Du hattest da ja mal was mit der Funktion der Süchte....

    Und genau das ist möglicherweise genau der Punkt, den ich (noch) nicht nachvollziehen kann oder / und mich frage ob das so kommt. Deswegen ja die Frage nach der Vergleichbarkeit der Süchte, da kenne ich ja, wie gesagt "nur" die Kippen, die aber deutlich.

    Und meine Erfahrung ist, die Kippen sind mir scheiss egal. Komplett. Tangiert mich nicht, reizt mich nicht, triggert mich nicht, nervt mich sogar. Obwohl ich zeitweise sogar gerne geraucht habe bzw. den sozialen Faktor eigentlich ganz gut finde. Rauchen verbindet halt, rauchen ist sozial, gerade in der Arbeitswelt, einfach akzeptiert und anerkannt. Raucherpause geht immer. Auch ohne ausstempeln, ist dann ein Dienstgespräch....
    Aber dennoch, würde ich im Traum nicht anfangen, wieder zu rauchen. Weil ich auch weiss, aber das hält mich gar nicht ab, sofort wieder drauf wäre. Von 0 auf 100.

    Und das wäre persönlich mein Ziel auch beim Alkohol. Genau dieses Selbstverständnis an den Tag legen. Das Selbstverständnis nüchtern zu sein, wie früher getrunken zu haben.
    Ich weiß mittlerweile auch, dass es Menschen gibt, so wirklich so schwer alkohol - suchtkrank sind, die brauchen auf die "NieOv - geil ich nehm ab Methode, nicht." Da müssen auf jeden Fall eine strikte, konsequente Therapie durchführen. Oder ungewöhnliche Methoden probieren, wie z.B. Hof Fleckenbühl oder ähnliches.

    Aber der Graubereich der gefährdeten Trinker, dazu zähle ich mich einmal, der wirklich mit Glück die Kurve bekommen hat, haarscharf, der wird, meiner Meinung nach, nicht adäquat angesprochen. Nathalie Stüben macht das, und sehr gut wie ich finde. Aber, die nimmt für ihre Programme auch Geld. Was meiner Meinung nach nicht dem Kriterium von niederschwellig entspricht. Dennoch, ihre Methodik finde ich sehr gut.

    Ja schwierig irgendwie. Ich denke doch mittlerweile, man muss mal ein bisschen mehr Zeit ins Land gehen lassen und dann gucken.

    Btw, perfide Erfahrung von gestern Abend, ich habe mich gestern durch YouTube Reportagen treiben lassen und eine davon war eine SpiegelTV Repo über Rettungssanis. Und, die Sanis waren bei einem Notfall eines schweren Alkoholikers, der sich nicht ins KH einweisen lassen wollte. Nach der "Szene" kam Werbung geschaltet: Jägermeister. Na dann Prost!

    So long!

  • Zur Vergleichbarkeit der Süchte...

    Also ich denke, das ist individuell. Wobei ich das nicht nur denke, die Erfahrungsberichte sind einfach unterschiedlich.

    Beim Rauchen war es bei mir so, dass ich bei den ersten Versuchen, es wieder aufzuhören, nach einer Woche am liebsten die Wände hochgegangen wäre.
    Ich hab das dann aufgegeben und mich damit abgefunden. Und damits nicht zu blöd wird, mir halt gesagt, dass es mir schmeckt und ich so gerne rauche. Hat sich auch genau so angefühlt. An irgendwas sterbe ich sowieso, und ich hab ne Tante, die mit 90 noch raucht. Also wozu so hoch hängen?

    Dann habe ich das Trinken aufgehört und das war erst mal einfach. Nach 4 Wochen die volle Euphorie, wunderbar, wenn ich gewusst hätte, dass es so einfach ist, hätte ich viel früher damit aufgehört (hätte ich nicht, denn ich war davor gar nicht so weit, aber dachte ich anfangs halt). Vorher die Trinkpausen hatte ich gemacht, um mir irgendwie was zu beweisen und vor allem, um Weitertrinken zu können, aber da hatte sich wirklich ein Schalter umgelegt, und es war viel einfacher, als ich befürchtet hatte. Und das änderte sich auch nicht mehr, obwohl ich sonst durchaus einige Schwierigkeiten noch vor mir hatte. Die hatten aber nichts mehr mit dem Saufen zu tun.

    Mit dem Trinken habe ich das Kiffen aufgehört, das ging bei mir Hand in Hand, und damit war eine wesentliche Hürde, das Rauchen aufzuhören, auch beseitigt. So lange ich getrunken habe, hätte ich mir sowieso immer wieder eine angesteckt, und Kiffen ist nun mal auch mit Rauchen verbunden, uswusf. Ursprünglich bin ich übers Kiffen zum Rauchen gekommen, damit ich besser inhalieren konnte, ohne zu husten.
    Nebenbei, ich habe einiges extrem betrieben, ohne dauerhafte Schäden davonzutragen. Es reichte nach dem Aufhören noch dazu, um als Informatiker in Führungsposition zu arbeiten.

    Dann hatte ich das Gefühl, nur das Saufen aufzuhören, aber weiter zu Rauchen, ist ja irgendwie eine halbe Sache, Du vergiftest Dich ja weiterhin. Also das stand dann irgendwo in meinem Hinterkopf, dass ich das irgendwnn noch mal angehen wollte.

    Nach 14 Monaten ohne Alkohol war ich dann so weit. Anfangs war es furchtbar, selbst mein Partner erzählt heute noch, dass ich die ersten beiden Wochen wirkte, wie besoffen. Ich konnte fast nicht autofahren, ich war total neben mir.
    Der unmittelbare Suchtdruck, mir eine anzuzünden, war zwar nach ein paar Tagen weg, aber ich hatte noch über 4 Monate lang das Gefühl, dass ich mich durch ein zähes Medium bewege, wie wenn ich unter Wasser laufen würde, ich wurde fast depressiv. Eines Tages hatte ich aber auch da das Gefühl, jetzt bin ich frei. Das kam plötzlich, so ein Gefühl, jetzt bin ich durch.

    Ich hatte hier irgendwo mal einen Artikel verlinkt, dass es manchen sehr schwer fällt, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich kannte auch schon Leute, die trotz Lungenkrebs weitergeraucht haben. Und wahrscheinlich hast Du ja auch schon Bilder gesehen, wo Leute dann trotz Kehlkopfkrebs und bereits amputierten Beinen durch so ein Röhrchen in der Luftröhre rauchen.

    Also kann man da, wie beim Alkohol, ja nur feststellen, dass manche einfach nicht aufhören können, egal was passiert.
    Und ich bin heute nur froh, dass ich dazu eben nicht gehöre. Die Leute tun mir trotzdem in gewisser Weise leid und irgendwie ist mir klar, dass ich schon viel gemacht habe, aber natürlich auch Glück dazu gehört, dass es so läuft wie bei mir. Kein Grund zu Arroganz mehr, ich habe schon zu viele gesehen, die mehr gekämpft haben als ich, und die es trotzdem nicht geschafft haben.

  • Was ich noch sagen wollte: Nathalie Stüben hab ich noch nie gehört. Ich kann das nicht beurteilen. Als ich aufgehört habe, wusste sie wahrscheinlich noch nicht mal, dass sie mal saufen wird, und ich brauche sie nicht. Also ich hör mir das nicht an, weil es mir nichts bringt.

    Und das Niederschwellige ist zwar vielleicht gut, obwohl ich auch keine Hemmungen hatte, zur Suchtberatung zu gehen. Andererseits hat das Niederschwellige den Nachteil, dass relativ Viele nach einem Absturz sich oder ihren Angehörigen geloben, dass nun alles anders wird, dass diese Beschlüsse aber oft nicht sehr haltbar sind. Und je leichter man wo einsteigt, desto leichter steigt man auch wieder aus.

    Und auf der Anderen Seite ist auch jemand. Ich meine, jeder, der getrunken hat, ist für sich selbst verantwortlich. Jeder hat sich selbst in die Situation gebracht, in der er ist, und daraus kannst Du per se keinen Anspruch auf Hilfe oder Anerkennung ableiten, wenn Du Dich endlich mal dazu durchgerungen hast, dass DU etwas an DEINEM Leben verändern willst. Machst Du ja für Dich selbst.
    Also warum, ausser der Tatsache, dass es als Kankheit anerkannt ist, sollte es jemanden kümmern, wie Du das machst oder wie Du es gerne hättest? Es ist Arbeit, sich damit zu beschäftigen, und niemand arbeitet gerne umsonst.
    Ich mach das freiwillig, aber mir ist völlig klar, dass ich Dir nicht helfen muss. Weil, was gehts mich eigentlich an?, um das mal so deutlich zu sagen. Und das ist bei jedem so, der das nicht macht, um nur sein Helfersyndrom zu bedienen.

  • Fakt ist, keiner kann Dich zu was zwingen, was Du nicht willst. Weder dort noch hier. Ich geb keine Befehle, ich hab Meinungen.

    Du musst ja nichts von dem tun, was Dir jemand sagt.

    Es gibt aber eindeutige Zeichen, ob es passt, was Du machst. Du hast/hattest ein Problem und Du willst es lösen. Wenn es für Dich gelöst ist, liegst Du richtig. Wie Du das machst, ist Deine Sache. Und natürlich gibts trotzdem Erfahrungswerte, die sind aber nicht so absolut wie gerne dargestelt.

  • Zitat

    ….

    Genau das liesst man auch raus. Genau das. Weißt Du, mir wäre es ja eigentlich egal. Nicht egal ist mir aber, dass ist halt mein Charakter, das man mit einem solchen Forum eine Verantwortung hat und Verantwortung übernimmt.

    Und rein rechtlich ist das Verhalten stellenweise arg an der Grenze zur unterlassenen Hilfeleistung.........Und das macht mich fuchsig. Nicht wegen mir selber, ich kann selber auf mich aufpassen und bin reflektiert genug selber mit mir klarzukommen, hoffe ich jedenfalls.

    Mir tun echt die Menschen leid die da ankommen und direkt vor den Kopf geschissen werden, wie ich ja auch. Na ja, aber hier ist es nett und mir gehts soweit gut, das ist auch schön :)


  • Und rein rechtlich ist das Verhalten stellenweise arg an der Grenze zur unterlassenen Hilfeleistung.........Und das macht mich fuchsig. Nicht wegen mir selber, ich kann selber auf mich aufpassen und bin reflektiert genug selber mit mir klarzukommen, hoffe ich jedenfalls.

    Mir tun echt die Menschen leid die da ankommen und direkt vor den Kopf geschissen werden, wie ich ja auch. Na ja, aber hier ist es nett und mir gehts soweit gut, das ist auch schön :)

    Du musst Dir darüber im Klaren sein, das ist eine private Website, da haben die Betreiber Hausrecht (ich hatte selbst schon so ein Forum). Die müssen gar nichts, die können sich ihre Regeln selbst machen.

    Und auch díejenigen, die dort aufschlagen, sind für sich selbst verantwortlich. Wenn ihnen das nicht passt, müssen sie eben woanders hin. Wie in jeder Gruppe auch. Man muss seinen Arsch bewegen, bis man da ist, wo man hinwill.
    Und wenns den anderen hilft, die dort bleiben, und das scheint es zu tun, dann ist das eben so. Und schon gleich gar nicht mein Problem.

    Deswegen erzählen sie dort trotzdem ziemlich Schwachsinn manchmal, der medizinisch in der Suchtforschung längst widerlegt ist. Aber damit kommst Du da nicht durch. Also vergiss es. Mach Dein Ding.

  • Hallo NieTho,

    für mich selbst habe ich akzeptiert, daß es nunmal so ist. Ich 'hadere' da auch nicht mehr mit mir. Es hat aber recht lange gedauert, das wirklich konstant als gegeben hinzunehmen. Das ist dann eben nichts Rationales, sondern eher eine Art 'Zustand', der sich mit der Zeit selbst einstellen muß. Daher halte ich Abstand gerade in der Anfangszeit für sehr wichtig.
    Zumindest anonym kann ich heute darüber schreiben, in 3D könnte ich das aber ehrlich gesagt nach wie vor nicht, nichtmal ansatzweise. Glücklicherweise kommen solche Situationen, in denen ich etwas ablehnen muß, in meinem Fall aber eher selten vor. Und wenn doch, sage ich einfach "Nein" - ohne Begründung. Ich bin dafür bekannt, manchmal etwas 'kurzangebunden' oder stur zu sein, das wundert also niemanden. Meine bessere Hälfte hatte vor ein paar Monaten an einem Samstagmittag die spontane Idee, mal in die Spielbank zu gehen, um etwas 'auszuprobieren' (offenbar animiert durch irgendwelche YouTube-Videos). Ich habe meinem Nein nach der zweiten Nachfrage ausnahmsweise noch eine Rechnung und Erklärung hinzugefügt, warum das mathematisch gesehen Quatsch ist. Die Antwort war, darum ginge es ja gar nicht. Es ginge ums 'Flair'. Ernsthaft? Au weia. Danke, nein. Das 'Flair' brauche ich nicht.
    Alkohol muß man im Alltag aber deutlich öfter mal ablehnen, und es gibt auch Leute, die da sehr 'aufdringlich' werden können. Das kenne sogar ich, obwohl ich eigentlich eher selten trinke, und die Leute das ja auch wissen. Sollte man meinen.
    Spätestens beim dritten Mal sage ich aber immer "Welchen Teil von Nein verstehst du nicht?", egal, worum es geht. Manche sind dann etwas angepißt - auf die Idee, ich könnte ein Problem damit haben, ist aber bisher noch nie jemand gekommen. Darum verstehe ich auch nicht, warum so viele Leute sich da Gedanken machen.
    Du solltest mal Diskussionen lesen, wenn es darum geht "Oh Gott. Wie sage ich meinen Arbeitskollegen, daß ich dieses Jahr nicht am firmeninternen WM-Tippspiel teilnehmen will?"
    Kopfkino. Könnte sich ja jemand wundern.
    Unsinn. Interessiert normalerweise niemanden. Schlimmstenfalls biste eine Weile lang eine Spaßbremse. Das war's aber auch schon.

    Ja, viele Spieler sind 'polytox' - meistens tatsächlich in Verbindung mit Alkohol. Die 'enthemmende' Wirkung ist da wohl der Hauptgrund. Bei mir ist das aber zum Glück nicht so, da habe ich wiederum rechtzeitig mit aufgehört. Beides auf einmal stelle ich mir dann auch nochmal eine Spur schwieriger vor.

    Ich halte die Null-Toleranz-Haltung nicht für falsch - im Gegenteil. Ich sehe es zumindest in Bezug auf einige Punkte aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen genauso - und sage das dann auch so. Was mich bei Manchen aber oft stört ist eben dieses 'Engstirnig-Aggressive' oder 'Predigerhafte', mit dem es 'rübergebracht' wird. Solche Typen, wie von Susanne beschrieben, sind genau das, was ich meinte. Da gibt es Leute, die klingen, als würden sie eine fanatische Predigt halten, oder aus einem 50 Jahre alten Lehrbuch abschreiben. Das wirkt halt oft echt abschreckend. Sicher schuldet niemand irgendwem eine sanfte Verpackung, und gegen eine Anregung oder gar Kritik ist nichts einzuwenden, aber manchmal wird das schon recht 'diktatorisch'.
    Wenn man länger mit ihnen zu tun hat, weiß man, daß ironischerweise jeder dieser 'Hardliner' irgendwo eine eigene 'Ausnahme' macht, die Ausnahmen Anderer aber als völlig inakzeptabel anprangert.
    Ganz schlimm wird es, wenn sie sich untereinander in die Haare kriegen, was 'Prinzipien und Richtlinien' angeht. Das kann dann richtig häßlich werden, und ist für Außenstehende oft sogar noch befremdlicher, als direkt selbst einen Rüffel zu bekommen.
    Es geht mir bei meiner Kritik daran daher eher um die Art und Weise, als um den eigentlichen Inhalt. Ich kann sehr gut verstehen, wenn das jemanden abschreckt.
    Aber, wie gesagt, die Leute richten das halt immer auch an sich selbst. Und an dem, was du schreibst, ist auch etwas 'dran' - dadurch klingt es nach 'lebenslangem Verzicht und Einschränkungen'. Als ob sie selbst noch immer 'die Zähne zusammenbeißen' müßten.
    Doch genau das sollte man, objektiv betrachtet, nach 15 Jahren eben nicht mehr tun müssen. Diesen Eindruck zu vermitteln ist dann wirklich etwas entmutigend

    Ich mußte gerade etwas schmunzeln. Genau das mit dem Mau-Mau oder Skat ist da tatsächlich oft eines dieser Streitthemen; eben auch so eine Null-Toleranz-Frage. Wahrscheinlich ähnlich wie das alkoholfreie Bier.
    Auch Angehörige fragen manchmal: "Kann / darf mein Mann mit der Familie Uno spielen?"
    Meine Antwort wäre: Laßt es besser erstmal.
    Sicher, jeder muß lernen, damit zu leben, aber es dauert eben eine Weile, bis man seine persönlichen Grenzen besser kennt, und damit umgehen gelernt hat.
    Es gibt die, die auch nach 15 Jahren Abstinenz nicht mit ihrem Sohn Schach spielen können - er hat es mehrmals versucht, es ging nicht. Ein Anderer wiederum spielt ab und an mit seinen Kumpels Skat um Centbeträge (würde ich nicht tun, da wäre bei mir die Grenze erreicht), würde auf der anderen Seite aber nie eine Kneipe, Imbißbude oder ähnliches betreten, in der ein Automat steht.

    Ich selbst habe das tatsächlich lange gemieden, auch jede Art von Gesellschaftsspielen. Inzwischen geht das aber, solange es 'einfach so' ist, und dabei um nichts geht - selbst Skat, obwohl ich das tatsächlich früher gelegentlich um Geld gespielt habe (allerdings nur um sehr kleine Beträge). Geldeinsätze oder andere 'Gewinnaussichten' sind aber weiterhin tabu. Das beinhaltet alles von Losbuden über Lottoscheine, Rubbellose und selbst 'Punktesammeln' an der Supermarktkasse.
    Auch das kann, wie gesagt, in ein solches Streitthema ausarten. Jeder ist verschieden, auch in dem, was ihn triggert. Anfangs sollte man es daher generell meiden, mit der Zeit merkt man schon, was geht und was nicht. Die Grenze liegt aber immer bei Geldeinsätzen oder sonstigen Gewinnmöglichkeiten. Meiner Meinung nach jedenfalls - da stimme ich dem allgemeinen Konsens zu.
    Also ja, Gesellschaftsspiele kann ich inzwischen spielen, aber 'spaßig' ist das trotzdem nicht, weil ich sie eher langweilig finde. Sowas wie Poker hingegen geht auch ohne Einsatz nicht. Das Spielen an sich ist zwar dann eigentlich ebenfalls recht langweilig, da die Leute ganz anders spielen, wenn es nichts zu verlieren gibt, es kann aber aufgrund des... mhhh... 'Settings' trotzdem massiv triggern. Keine schöne Sache, das lasse ich lieber.

    Richtig. Ich bin erwachsen. Auf mich aufpassen muß also so oder so niemand. Diese Verantwortung jemandem aufzubürden wäre schon arg egoistisch. Sollte ich doch mal etwas Dummes machen, wäre das allein mein Verschulden.
    Und 'helfen' könnte mir da sowieso keiner.
    Dennoch wäre es sicher hilfreich, wenn man darüber sprechen kann - auch als weitere 'Hürde', da hast du Recht. Wie gesagt, das ist etwas, das mir immer mal wieder gesagt wird, und ich verstehe auch, warum. Geschafft habe ich es aber bis heute nicht. Aber egal, ich schweife ab.

    Ja, eine Flucht in Bezug auf das Suchtmittel. Wenn es mir schlecht (oder auch zu gut) geht sollte ich das generell meiden.

    Eins würde mich jetzt mal interessieren: Was genau möchtest du mit der Reihenfolge deines Suchtverlaufs definieren? Die 'Ursachen'?

    Wünsche allen eine gute Nacht.

  • Hi,

    ja genau, ich würde gerne meinen „Einstieg“ finden. Einfach aus Neugierde oder um damit ggf. künftige Trigger ableiten zu können.
    Und mein Suchteinstieg ist mir nicht so klar weil es dort mehrere Möglichkeiten gibt. Ggf erzähle ich die Mal.
    Meld mich ab Montag wieder ausführlicher!

    Bis später

  • Hallo NieTho,
    ich kann deine Neugierde und deinen derzeitigen Elan durchaus nachvollziehen, ich hab mich in meiner Anfangszeit auch sehr für solche Themen interessiert.

    Inzwischen nehme ich so manches anders wahr als in jener Anfangszeit und ich kann dir auf dein Thema hier eigentlich nicht mehr antworten.

    Ich hatte, als ich hier aufschlug, auch schon längst mit dem Rauchen aufgehört. Das war mir mithilfe eines entsprechenden Forums gelungen. Ich habe natürlich auch meine Vergleiche gezogen. Wie und warum auch nicht? DAS war ja etwas, was ich schon kannte.

    Aufgrund all dessen, was ich inzwischen über mich in Erfahrung gebracht habe, aufgrund all dessen, was ich an Erfahrungen von anderen gehört habe, dürfte der „Einstieg“ in die Sucht nicht so relevant sein, wie du vielleicht glaubst. Interessant ist nach meiner Beobachtung eher der sogenannte „Alltag mit Alkohol“.

    Suchtdruck scheint ebenfalls unterschiedlich aufzutreten. Der eine scheint so etwas immer wieder einmal zu erleben, die andere kennt das so gut wie gar nicht. Beim Rauchen - da bin ich wider Erwarten leider mehrfach rückfällig geworden, als ich hier aufschlug, war ich schon eine gute Weile rauchfrei und hätte nie erwartet rückfällig zu werden - habe ich selbst bezüglich Suchtdruck fast jedes Mal völlig unterschiedliche Erfahrungen gemacht.


    Ich bin an viele Themen analytisch herangegangen. Manchmal war das hilfreich, manchmal nicht. Aus meiner eigenen Wahrnehmung kann ich dir nur bestätigen, was andere dir auch schon geschrieben haben: Während des ersten Jahres wirst du die meisten deiner „Trigger“ kennengelernt haben und diese haben nicht unbedingt mit deinem „Suchteinstieg“ zu tun, sondern eher mit deinem „Alltag mit Alkohol“.

    Es gibt nicht den einen Weg. Was für den einen funktioniert, funktioniert nicht unbedingt auch für den anderen. Der Weg, der in dem anderen Forum so sehr propagiert und vertreten wird, ist nicht meiner, das dürfte schon deutlich geworden sein. Ich kann aber akzeptieren, dass er einigen (wie vielen? nixweiss0) tatsächlich hilft.

    Beste Grüße
    AmSee

    Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
    aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.

  • Suchtdruck ... beim Alk. war es nach ein paar Wochen überstanden, der Suchtdruck war weg.
    Ich wollte mit dem Trinken aufhören, das war mir klar und ich tat es freiwillig.
    Immer wieder (!!!) sagte ich mir: ich benötige keinen Alk. , immer wieder suggerierte ich mir, ich erliege einer Illusion, wenn ich mir vorgaukele, wie schön es doch wäre ... jetzt ein Bier.
    Wissend, das es nicht bei einem Bier bleiben würde, führte ich mir all meine unrühlichen Erlebnisse vor Augen - war es das wert?

    Auch bin ich Raucher, da funktioniert das nicht, überhaupt nicht.
    Mal einen Tag nicht rauchen, ist mehr als nur unangenehm, Suchtdruck ohne Ende.

    Auch muss ich gestehen, noch nie wollte ich ernsthaft mit dem Rauchen aufhören, vielleicht 1 Millionen Mal halbherzig.
    Komisch was da manchmal im Kopf los ist ...

    Viele Grüße

  • Ich wollte mit dem Trinken aufhören, das war mir klar und ich tat es freiwillig.


    Auch bin ich Raucher, da funktioniert das nicht, überhaupt nicht.
    Mal einen Tag nicht rauchen, ist mehr als nur unangenehm, Suchtdruck ohne Ende.

    Auch muss ich gestehen, noch nie wollte ich ernsthaft mit dem Rauchen aufhören, vielleicht 1 Millionen Mal halbherzig.

    M.E. hast Du die Antwort bereits geliefert. Nur wenn Du es wirklich willst und zwar für Dich, nicht für Dritte, dann hast Du eine Chance, Dich zu befreien. Der Wille allein reicht häufig nicht aus, aber ohne ihn, läuft gar nichts. Vielleicht benötigst Du noch einen Schlüsselreiz, der Dich motiviert, die Qualmerei ernsthaft in Angriff zu nehmen.

    ich bin immer wieder überrascht, dass Alkoholikern der Ausstieg gelingt, sie aber gleichzeitig einfach nicht die Finger von den widerlichen Kippen sein lassen können.

    Liegt es am fehlenden Willen, an der magelnden Ernstlichkeit des Unterfangens oder betrifft die Qualmerei einfach eine komplexere Sucht als die Flasche?

    Ich bin es umgekehrt angegangen. Vor mehr als 10 Jahren habe ich spontan mit der Qualmerei aufgehört, weil ich sie einfach nicht mehr wollte. Teuer Geld für Dreck ausgeben und den Körper toxisch schädigen. Ich empfand den Ausstieg aus dem Nikotin vergleichsweise einfach. Ich konnte sie selbst einfach nicht mehr vor mir ertragen. Vielleicht war das auch der Schlüssel zum Erfolg. Nur erlag ich damals einem Irrtum, indem ich mir weismachte, genauso leicht die Sauferei beenden zu können. Das erwies sich als deutlich schwierigeres Unterfangen, zumindest für mich.