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Autor Thema: Papa mit Alkoholproblem  (Gelesen 570 mal)

Disi

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  • Beiträge: 4
Papa mit Alkoholproblem
« am: 12. September 2021, 19:40:41 »

Hallo,
Ich bin 24 Jahre alt und mein Vater war bereits Alkoholiker vor meiner Geburt. Ich kenne es nicht wirklich anders und habe sowas eigentlich immer relativ normal gefunden. Umso älter ich wurde, desto bewusster wurde es mir. Ich kann ehrlich gesagt nicht verstehen, dass meine Mutter sich nie getrennt hat. Er war wirklich schlecht zu ihr aufgrund seiner Sucht. Vor meiner Schwester und mir wurde es immer sehr abgeschirmt. Er trinkt immer nur im Keller, also nie in unserem Beisein. Deswegen bekamen wir auch nur sehr wenig von ihm mit, meine Mutter war schon fast wie eine Alleinerziehende.

Der Grund weshalb ich heute hier schreibe mag harmlos sein. Ich habe heute meinen Geburtstag nachgefeiert mit meinen Eltern. Sie kamen um 16 Uhr. Ich habe mich schon total darauf gefreut. Meine Mutter ebenfalls. Ich habe mir total viel Mühe gegeben, eine Torte gebacken und viel eingekauft. Mein Vater hat nur ein extra mini-Stück gegessen "weil er keine Torten mag" (stimmt nicht). Meine Mutter wollte noch snacks nehmen, die ich bereit gestellt habe nachdem wir aufgegessen haben. Mein Vater hat aber einen ziemlich sschnippischen Kommentar dazu abgelassen, weil er bereits nach 20 Minuten gehen wollte. Er begründete es, dass ich ja auch am liebsten meine Ruhe haben möchte. Ich mag Geburtstage tatsächlich nicht unbedingt, aber hierauf mit meinen Eltern habe ich mich sehr gefreut. Ich wohne jetzt seit 3 Monaten alleine übrigens. Ich dachte sie haben sich auch sehr gefreut, dass wir uns mal wieder treffen. Aber mein Vater wollte nur nach Hause. Und der Grund dafür war sein Alkohol. Er aß wenig, damit mehr reinpasst und er wollte früh weg um zu trinken. Wir mussten uns mit den uhrzeiten schon immer nach ihm richten. Und sein Saufwochenende will er ja haben. Das mag vielleicht wirklich etwas harmloses sein, aber irgendwie hat mich das total verletzt. Ich habe mir richtig viel Mühe gegeben aber er verhält sich so, als ob es ein Zwang wäre hier bei mir zu sitzen. Sie sind nur 1 Stunde geblieben und wären noch viel früher gegangen, wenn meine Mutter nichts dagegen gesagt hätte. Nicht mal den einen Tag konnte er sich zusammen reißen. Am liebsten würde ich ihn beim nächsten Mal überhaupt nicht mehr einladen, aber das würde ihm das Herz brechen. Sowas kann ich nicht. Ich weiß, es war vielleicht nichts dramatisches, aber NIE konnten wir richtig etwas als Familie machen, weil er jedes Mal früh zum Trinken zuhause sein musste. Mich macht das heute so wütend und traurig zugleich.
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ichso

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Re: Papa mit Alkoholproblem
« Antwort #1 am: 13. September 2021, 07:38:59 »

Guten Morgen Disi,

gut, dass du deine Wut und deine Traurigkeit in Worte fassen kannst.

Ich kenne Alkohol von allen Seiten: Als Tochter, als selbstsaufende Frau und Mutter, und als Mutter von einem abhängigen Sohn. Meine Tochter hat auch eine lange Weile ein massives Suchtproblem gehabt. Manchmal denke ich, sie ist damit noch nicht fertig. Denn sie konsumiert noch. Die Mengen verkleinert sie vor mir wahrscheinlich... Oder sie gehört zu den sagenhaften Menschen, von denen viele erzählen, aber keine/r kennt eine persönlich. Ich  meine die sogenannten kontrolliert trinken Könnenden. Ich weiß es nicht.

Was ich aber weiß: Ich will und muss mich schützen. Klappt seit Jahren gut, nachdem ich durch ein tiefes Tal der Tränen und auch der Wut gegangen war. Ich hasste meine Eltern, und wollte doch nichts mehr auf der Welt, als das sie mich lieben. Ich wollte tot sein, weil ich eine saufende Mutter geworden war. Ich wollte meine Kinder beschützen, damit sie nicht in die Suchtfalle tappen. Hat alles nicht geklappt.

Oder anders: Indem ich losließ, konnte ich anfangen mich selbst zu lieben. Das ist hart. Aber alles andere hätte mich nicht gesunden lassen. Das ist in meinem Kopf so sicher wie das Amen in der Kirche.

Will sagen: Gut, dass du ausgezogen bist. Warte nicht drauf, dass dein Vater dich lieben kann. Das schafft er schon über 24 Jahre nicht.

Sorge für dich. Was machst du gern? Was zaubert dir ein Lächeln auf die Lippen? Bei mir war es laufen und Mandala malen. Und ich suchte mir gute Freundinnen. Ausserdem hatte ich das große Glück, auf gute TherapeutInnen zu treffen, die die Wut und die Angst in mir sichtbar machten und wandelten (Verhaltenstherapie).

Alles Gute wünscht dir,

ichso

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Gerchla

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Re: Papa mit Alkoholproblem
« Antwort #2 am: 13. September 2021, 12:43:14 »

Hallo Disi,

herzlich Willkommen bei uns im Forum.

Es ist immer wieder schlimm zu lesen, was trinkende Elternteile ihre Kindern zumuten bzw. antun. Mich trifft es auch deshalb immer wieder, weil ich selbst so ein Elternteil war. Ich bin jetzt Anfang 50 und Papa von drei Kindern. Meine beiden ersten haben meine Trinkerzeit noch miterleben müssen. Wobei mein damaliges Trinkverhalten jetzt nicht mit dem Deines Vaters zu vergleichen ist. Ich trank fast meine gesamte "Trinkerkarriere" über komplett heimlich. Und konnte das auch gut verheimlich, was mir im Nachhinein auch von meiner ersten Frau bestätigt wurde. Ich schreibe Dir das nur deshalb, weil Trinker oft denken, keiner würde etwas bemerken aber eigentlich wissen alle Bescheid. Es sagt nur meistens keiner was und die ganze Geschichte wird verschwiegen. Meistens schämt sich die Familie für das trinkende Familienmitglied noch mehr, als es der/die Trinkende ohnehin schon selbst tut.  Ich denke, so ähnlich hast das Du und Deine Schwester ja auch erlebt. Du schreibst ja, dass ihr abgeschirmt wurdet.

Ich finde es sehr traurig, dass Dein Vater Dich so wenig wahr nimmt oder wahr nehmen kann. Ich habe auch vieles von dem was meine Kinder so gemacht und getan haben, nicht so wahr genommen, wie sie es verdient hätten. Vor allem aber, war ich mir manches mal der Tragweite meines Verhaltens überhaupt nicht bewusst. Möglicherweise ist das bei Deinem Vater auch so.

Ich möchte Dir ein wenig erzählen, was da damals in mir abgegangen ist. Du hast ja Deine Geschichte hier erzählt, ohne dass Du jetzt weiter erläutert hast, was wir hier vielleicht für Dich tun könnten. Ich denke mir, alleine dass Du das mal herunter geschrieben und mit uns geteilt hast, kann Dir schon helfen. Aber ich will Dir einfach ein wenig von mir damals erzählen, vielleicht hilft es Dir, ein paar Dinge die in Deinem Leben passiert sind und noch passieren, für Dich klarer einordnen zu können.

Eines vorab: Ich habe meine Kinder immer geliebt, und zwar so, wie man nur seine Kinder lieben kann. Meine Tochter war im Grundschulalter, als ich mit dem Trinken (völlig ungeplant) aufgehört habe. Mein großer damals fast erwachsen. Er ist heute nur ein wenig älter als Du. Ich trank ja heimlich und ich hatte natürlich permanent ein schlechtes Gewissen, vor allem meiner Kinder gegeüber. Ich wusste damals, dass ich eigentlich einen Schlussstrich ziehen müsste, ich wusste aber auch, dass das bedeuten würde, dass ich mich von meiner Frau trennen muss (ist ne längere Geschichte die jetzt den Rahmen sprengen würde). Und somit auch meine Kinder "verlieren" würde, was ich mir überhaupt niemals vorstellen konnte. Denn wie gesagt, sie waren mein Ein und Alles. Natürlich wollte ich oft mit dem Trinken aufhören. Und weil ich heimlich trank, wollte ich natürlich auch heimlich aufhören und somit wäre ja alles prima und gut, win-win, sozusagen. Aber da spielt die Sucht leider nicht mit. Sie ist viel zu stark, als dass man sie mal schnell nebenher beenden könnte.

Ich habe also versucht, trotz Sucht und am Ende dann täglich so um die 10 Bier plus oftauch mal noch Wein, ein guter Vater zu sein. Dass das nicht so funktioniert, wie das eigentlich sein sollte, ich denke das brauche ich Dir nicht zu schreiben. Jedenfalls versuchte ich für meine Kinder da zu sein, vor allem mit meiner Tochter, weil sie ja die kleine war, hab ich viel unternommen, viel geredet, viel gemacht..... So gut es eben ging. Dabei ging auch einiges "daneben", was ich aber damals gar nicht gemerkt habe sondern erst realisiert habe, nachdem ich längere Zeit mit dem Trinken aufgehört hatte und meine Suchtgeschichte aufgearbeitet hatte. Meine Frau damals, die wurde fast wahnsinnig wegen meines Verhaltens. Immer wieder sprach sie mich darauf an, was ich jetzt schon wieder gesagt, gemacht, getan.... habe, etc. Oft meinte sie, ich wäre ihr drittes Kind...... Wie gesagt, sie merkte zwar, dass unsere Beziehung quasi kaputt war, jedoch wusste sie nicht, warum ich so war wie ich war. Und versuchte natürlich immer wieder zu retten, was nicht mehr zu retten war.

Diese Sucht, liebe Disi, war bei mir leider stärker als jede Liebe, sogar stärker als die Liebe zu meinen Kindern und ich habe nie eine größere Liebe in mir gespürt. Und ich weiß heute aus Gesprächen mit vielen anderen Alkoholikern, dass das wohl der "Normalfall" ist und ich keine Ausnahme bin oder war. Es ist einem Alkoholiker also i. d. R. nicht möglich, aus Liebe zu jemanden "einfach mal so" mit dem Trinken aufzuhören. Die Liebe zu jemanden, kann ein oder sogar DER Anstoss sein, dass ein Trinkender beginnt etwas gegen seine Sucht zu unternehmen, aber was dann folgt ist meist ein sehr langer Weg und oft wird dieser Weg dann nicht zu Ende gegangen. Sprich, der Trinker wird rückfällig. Leider schaffen es die wenigeren, diese Sucht zu überwinden, also dauerhaft. Und leider sind es auch nur sehr wenige, die es überhaupt versuchen.

Was will ich Dir damit sagen? Vielleicht einfach nur, dass Dein Vater ein sehr kranker Mensch ist. Gleichzeitig ist er aber auch der Einzige, der seine Krankheit besiegen könnte. Wenn er es wollte. Im Gegensatz zu vielen anderen schweren Krankheiten, wo man ohne ärztliche Hilfe verloren wäre, hat man es bei der Alkoholkrankheit selbst in der Hand. Man hat es nicht nur selbst in der Hand, sondern es ist nur möglich sie zu besiegen, wenn man das selbst möchte. Ärzte können hier unterstützend helfen, entscheidend ist aber nicht diese Hilfe, sondern der Wunsch des Betroffenen diese Sucht überwinden zu wollen und ja, auch die Bereitschaft alles dafür zu tun und Hilfe von außen überhaupt anzunehmen. Für Menschen ohne eigene Suchterfahrung ist das kaum nachvollziehbar. Und selbst ich, der ich es viele Jahre am eigenen Leib erlebt habe, schüttle heute manchmal ungläubig den Kopf wenn ich daran zurück denke, wie ich damals getickt habe.

D. h. dann also, dass weder Du, noch Deine Schwester noch Deine Mama bezüglich des Trinkes Deines Vaters irgendwas bewirken können. Ihr könnt ihm nicht helfen, ihn nicht unterstützen, wenn er selbst nicht mit dem Trinken aufhören möchte.  Und selbstverständlich hat auch niemand von Euch Schuld daran, dass er trinkt. Ich schreibe das nur für den Fall, dass er da irgendwann mal etwas in diese Richtung geäußert haben sollte, was trinkende Alkoholiker sehr gerne machen. Denn es sind ja immer alle anderen Schuld an der Miesere, nur der Trinker selbst kann ja nix dafür. Er ist ja nur ein bemittleidenswertes Opfer der Umstände......

So wird das oft gesehen, wenn man trinkt und auch bei mir war es so, dass ich im Laufe der Zeit in eine andere Welt entrückt bin. Je länger man trinkt, desto mehr baut man sich eine Scheinwelt auf. So habe ich das erlebt. Man sagt und vor allem man denkt Dinge, die völlig unrealistisch oder daneben sind, jedoch nimmt man das gar nicht wahr. Man kann überzeugend lügen wie kein anderer, weil man seine Lügen selbst glaubt. Das klingt unvorstellbar, ich habe es aber bei mir selbst erlebt. Diese Sucht hat so viele Tricks auf Lager um den Süchtigen nicht vom Haken lassen zu müssen. Und am Ende, wollte ich auch gar nicht mehr aufhören, ich wollte keine Pausen mehr einlegen (was ich vorher immer wieder versucht habe). Ich wollte einfach meine Ruhe und ich wollte trinken und wenn ich mich dann halt zu Tode saufe, dann ist das halt so. Ich sah keine Perspektive, keinen Sinn mehr und dachte: Es kommt wie es kommt. Was das für meine Frau oder gar meine Kinder bedeutet hat und was es bedeutet hätte, wenn ich irgedwann mal betrunken verunfallt wäre oder mich anderweitig via Alkohol umgebracht hätte, daran habe ich keinen Gedanken verschwendet. Es war eher so, dass ich mir dachte: ohne mich haben sie es eh einfachen.... Verstehst Du? Da war nicht mehr viel Hirn übrig bei mir.....

Was bleibt Dir nun, als Tochter eines trinkenden Vaters? Was kannst Du tun? Wie kannst Du damit umgehen? Pauschal möchte und kann ich Dir darauf keine Antwort geben. Ich möchte nicht sagen, dass Du den Kontakt abbrechen sollst, dass Du Dich komplett zurück ziehen sollst, dass Du ihn aus Deinem Leben streichen sollst. Denn ich kenne Deine Beziehung zu ihm nicht, ich weiß nicht was Euch (vielleicht noch )verbindet, ich kenne schlicht Eure gemeinsame Geschichte nicht.

Was ich aber in jedem Fall sagen kann, ist, dass Du für DICH und für DEIN Leben verantwortlich bist, und nur dafür. So wie er für seines verantwortlich ist. Du solltest also DICH in den Fokus rücken und Dich so verhalten, wie es DIR gut tut. Ich kann Dir also nur raten, in Dich hinein zu hören und Dich selbst zu spüren. Und Dich von ihm und seinem Verhalten zu lösen, Erwartungen an ihn fallen zu lassen. Er kann sie als aktiv süchtiger Mensch ohnehin nie erfüllen. Nicht mal einen Tag lang, wie Du ja selbst feststellen durfest.

Ich weiß, dass ich das alles jetzt ganz locker hier herunter schreibe, es aber für Dich in Deinem Leben eine große Herausforderung darstellt. Vielleicht sogar die größte Herausforderung in Deinem Leben. Ich wollte Dir damit einfach nur einen kleinen Einblick geben, basierend auf meinen eigenen Erfahrungen und Erinnerungen, wie das auf der Seite des Trinkers aussehen kann. Ich bin nicht Dein Vater und auf bei ihm ist GANZ SICHER vieles anders als es bei mir war. Dennoch hat er die gleiche Sucht wie ich sie hatte, und vieles wird sich auch ähneln.

Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du einen Weg für Dich finden kannst, DEIN Leben positiv zu gestalten. Und ich wünsche Dir, dass die Sucht Deines Vaters Dein Leben nicht zu Deiner Sucht wird in dem sie prägender Bestandteil Deines Lebens ist oder wird. Solltest du feststellen, dass Du immer wieder (auch jetzt, obwohl Du ausgezogen bist) mit der Sucht Deines Vaters beschäftigt bist und das sie Dein Leben, Dein Wohlbefinden negativ beeinflusst, dann zögere nicht lange, und such' Dir unbedingt auch Hilfe für Dich. Um Deine Geschichte mit der Sucht Deines Vaters für Dich aufzuarbeiten. Lass nicht zu, dass die Sucht Deines Vaters jetzt dann auch noch dauerhauft Dein Leben kaputt macht.

Alles alles Gute für Dich und wenn Du noch irgendwelche Fragen haben solltest, einfach heraus damit.

LG
Gerchla
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