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Autor Thema: Sich selbst den Weg frei machen  (Gelesen 23880 mal)

AmSee13

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Re: Sich selbst den Weg frei machen
« Antwort #165 am: 26. April 2022, 08:03:22 »

Aber auch ohne das ist mir mit ca. 40 aufgefallen, dass ca. die Hälfte meines Lebens vorbei ist und ich mir schon langsam überlegen sollte, was ich eigentlich mit dem Rest noch anstellen will. Das floss auch in das rein, dass ich dann aufgehört habe, weil ich dachte, solls das gewesen sein?
Ist mir der Alk wirklich so viel wert oder gibts da auch noch was anderes? Will ich am Ende nur alles versoffen haben?

Der Gedanke, dass die Hälfte meines Lebens um ist, ist mir so eigentlich nie gekommen. Das liegt vielleicht daran, dass Menschen, die mir wichtig waren, teils schon so früh gestorben sind und dass mir deswegen eigentlich immer wieder bewusst wurde, dass es grundsätzlich jederzeit vorbei sein kann. Vielleicht liegt’s auch daran, dass ich jahrzehntelang in einer Art von Überlebensmodus war.

Für mich selbst spielte lange Zeit das Erreichen des Alters von 43 Jahren eine sehr große Rolle. Und zwar deswegen, weil mein Vater, auf den sich damals meine Aufmerksamkeit immer wieder so sehr konzentrierte, eben nur 43 Jahre alt geworden ist. Ich erinnere mich auch gut daran, dass er sich in den Monaten vor seinem Tod doppelt so alt fühlte und dass er auch merklich verbraucht und gealtert wirkte.

Als ich dann selbst die 43 erreicht hatte, war das ein ganz merkwürdiges Gefühl, und auch, als ich dann ein Jahr älter wurde. - Hat mir Vieles von damals ins Bewusstsein zurückgebracht….

Die Frage, wie ICH mein Leben führen möchte, hat mich eigentlich immer wieder beschäftigt und ich hab‘s ja durchaus auch versucht, mein Problem war nur, dass ich mich aus den Zwängen, in denen ich mich gefangen fühlte, nicht wirklich bzw. nicht erfolgreich befreien konnte. Und so musste ich immer irgendwie weiter machen. Aus heutiger Sicht und mit dem Wissen, das ich inzwischen erworben habe, befand ich mich den größten Teil meines Lebens im Überlebensmodus und in einem beständigen Kampf.

Dinge, die Sterbende am meisten bereuen
1. Versäumnis: Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, 
    statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten.
2. Versäumnis: Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet
3. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen
4. Versäumnis: Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten
5. Versäumnis: Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude gegönnt.
Bronnie W. (2015). 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen. Einsichten, die Ihr Leben verändern werden. München: Wilhelm Goldmann Verlag.

Punkt 1 hat mir mein Vater vor vielen Jahren sinngemäß in mein Poesiealbum geschrieben. Ich hab‘s versucht, das umzusetzen, aber wie kann man sich treu sein und bleiben, wenn man sich selbst noch gar nicht richtig gefunden hat und mit dem Gefühl lebt, verkehrt zu sein und stets erfolglos bemüht ist, richtig zu werden?

Diese Punkte insgesamt sind so ein Thema, das mich immer wieder beschäftigt hat, auch beruflich. Ich wusste also darum, doch meine Erfahrung war, dass ich nichts ändern konnte, obwohl ich mich immer wieder darum bemüht habe.

Ich erinnere mich gut daran, wie müüüüüüüüüde ich dann vor ein paar Jahren war. Ich konnte nicht mehr und wollte auch nicht mehr. Ich kann nicht genau sagen, wie ich da wieder herausgekommen bin, aber ich bin da wieder heraus. Ohne professionelle Hilfe hätte ich‘s nicht geschafft, dessen bin ich mir sicher. Doch wie ich das bei mir schon oft erlebt habe, wenn die Zeit reif ist, dann tue ich das, was eben notwendig ist, und es ergibt sich das, was ich eben gerade brauche.
Heute erst und gerade durch das, was kürzlich erst durch die Therapie aufgearbeitet worden ist, fühle ich, dass ich tatsächlich endlich und zu meiner Zufriedenheit an das herankomme, was da in diesen fünf Punkten genannt wird. Erst jetzt kann ich mich erfolgreich darum bemühen, so leben, dass ich nicht(s) bereuen muss, wenn ich endgültig gehen muss.

Und die Gestaltung ist nichts, was man einmal macht, sondern auch nüchtern kommt immer wieder was Neues.

Das sehe ich auch so und ich find‘s auch ganz ok so. Die Interessen und Bedürfnisse ändern sich ja nun einmal im Laufe der Zeit.

Ich fang jetzt das Weitwandern an. Erst mal kleinere Touren, aber Ziel ist, mal hundert Tage am Stück zu laufen.

Ich musste schmunzeln, als ich das las, denn genau das schwebte mir im letzten Jahr vor. Kennst du das Buch von Uli Hauser, „Geht doch! - Wie nur ein paar Schritte mehr unser Leben besser machen“? Es ist eine Liebeserklärung an das Wandern. Er ist in einem Sommer von Hamburg aus über die Schweiz nach Italien, nach Rom gewandert. Dieses Buch und noch ein paar andere haben mich sehr inspiriert.
Ich werde meine Idee allerdings voraussichtlich doch nicht umsetzen, weil sich meine Interessen inzwischen schon wieder verändert haben und das Weitwandern mit meinen beiden Hunden, ohne die ich nicht sein mag, eine zu große Herausforderung wäre.
Dennoch finde ich deinen Plan einen wunderbaren Plan und ich wünsche dir viel Erfolg und Vergnügen bei der Umsetzung. 

Was das Forum hier betrifft, kann ich deine Gedanken und Empfindungen dazu nachvollziehen. Die Hauptsache ist doch, dass du für dich das tust, was zu DIR passt.

Liebe Grüße
AmSee
Gespeichert
Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern,
aber du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.