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Autor Thema: Sich selbst den Weg frei machen  (Gelesen 13111 mal)

Susanne68

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Re: Sich selbst den Weg frei machen
« Antwort #135 am: 07. Oktober 2021, 09:05:58 »

Moin AmSee,

ich mach das so, dass ich reale Probleme, die ich habe, ernst nehme, und entsprechend handle. Ich finde es z.B. uneingeschränkt gut, dass ich diesen Aufstand gemacht habe (und es war wirklich ein Aufstand), um in die Klinik zu kommen. Oder dass ich die entsprechenden Ärzte habe, Krankengymnastik mache, alles was notwendig ist. Mich um eine gute Versorgung der Dinge kümmere, die ich alleine nicht kann.

Auf der anderen Seite...war schon die zweite Wanderung seit meiner Entlassung aus der Klinik, die lief wie zuletzt vor mindestens 5 Jahren.
Ausserdem konnte ich seit drei Jahren nicht mehr Radfahren, konnte nicht mehr absteigen, wegen der Lähmung. Hab mir während meines Klinikaufenthaltes ein Ebike zugelget. Jetzt gehts wieder. Auch ein Spassfaktor. Ich bin ein Bewegungsmensch...

Aber ich will nicht lügen, ganz so spurlos ist das nicht an mir vorüber gegangen, es hat mir zumindest zu denken gegeben, dass ich mit Unvorhersehbarkeiten rechnen muss. Dass ich quasi in Frührente gehe, ist ja auch ein Eingeständnis, vielleicht doch kränker, als ich dachte. War halt doch noch mal was Neues. Und sowas macht mir auch immer deutlich, dass die Zeit läuft. Wenn ich noch was unternehmen will, muss ich damit anfangen.

Gruß Susanne
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Orangina13

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Re: Sich selbst den Weg frei machen
« Antwort #136 am: 08. Oktober 2021, 14:00:51 »

Hallo Susanne.

Ich bin doch ziemlich betroffen, als ich gelesen habe ,was dir widerfahren ist und welche Diagnose du erhalten hast.
Ich habe mich gefragt, wie das sein kann ,dass erst jetzt so spät ,dieses Krankheitsbild herauskam.
Hat sich das erst jetzt entwickelt?
Oder hast du tief in dir drin eine gewisse Ahnung davon gehabt, dass bei dir etwas in der Art schlummert?
Ich will dir nicht zu nahe treten mit meinen direkten Fragen.
Wenn dir das zu viel ist ,dann bitte einfach ignorieren.
Orangina13
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Susanne68

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Re: Sich selbst den Weg frei machen
« Antwort #137 am: 08. Oktober 2021, 17:39:39 »

Hallo Orangina,

danke der Nachfrage.

Die Behinderung, die Restless Legs und die Schlafprobleme habe ich schon lange.
Und schon allein der Schlafmangel kann zu manischen Schüben führen, das ist z.B von Schichtarbeitern bekannt.
Also würde der Schlafmangel als Erklärung schon völlig ausreichen. Und so lief es ja auch, als ich wieder schlafen konnte, wurde ich gesund (relativ)

Mein früherer Therapeut hat ja mal so was vermutet, dass ich Borderliner oder bipolar gewesen sein könnte. Unbehandelt, mit Alkohol und Drogen selbst therapiert. Klar könnte ich mich fragen, ob das was damit zu tun hatte, nicht unwahrscheinlich, aber nun auch schon ein paar Jahre vorbei. Sicher war bei mir manches "anders"...aber da gibts noch mehr Punkte. Von Alkikind bis Hochbegabung, ich kann mit verschiedenem dienen. Aber offensichtlich lebe ich ja trotzdem und meistens nicht schlecht, so what?

Ob das deswegen noch mal wieder kommt, oder ob das bei früherer Behandlung schon vorher gestoppt werden kann, muss ich sowieso abwarten. Jetzt hats mich ja vor allem genervt, dass ich erst niemanden erreicht habe und auf den Krisentermin normalerweise hätte zwei Wochen warten müssen. Das war mir zu lange. Wenn das in Zukunft einfacher geht, passiert ja vielleicht gar nicht viel.

Ja, vielleicht komisch, für mich war das in erster Linie eine weitere Lebenserfahrung. Brauch ich nicht öfter, aber trotzdem ist es ja auch wieder vorbei.
Ganz nebenbei, bei nichts, was ich habe, wäre Alkohol gut.

Gruß Susanne
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Orangina13

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Re: Sich selbst den Weg frei machen
« Antwort #138 am: 08. Oktober 2021, 19:16:40 »

Hallo Susanne
Danke für deine Antwort.
Insgesamt ergibt sich aus deiner Beschreibung ein etwas schlüssigeres Bild für mich und trotzdem bleiben viele Fragen offen.  Die Psyche ist schon ein komplexes Thema.
Zudem frage ich mich ,wie sich manche Erkrankungen unbehandelt entwickeln.
Das bleibt mir ein Rätsel..
Dass Schlafentzug die Psyche desreguliert klingt logisch.
Ich wünsche dir ,dass du in Zukunft nicht mehr solche Erfahrungen machen musst und wünsche dir in jeglicher Hinsicht eine gute Stabilität.
Orangina
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Susanne68

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Re: Sich selbst den Weg frei machen
« Antwort #139 am: 12. Oktober 2021, 18:46:26 »

Hallo Orangina,

bei der Psyche bleibt auch noch lange vieles unklar. Vieles wird auch immer noch nur nach Erfahrungswerten behandelt, nicht, weil man genau wüsste, warum etwas so ist oder hilft.

Ich wünsche dir ,dass du in Zukunft nicht mehr solche Erfahrungen machen musst und wünsche dir in jeglicher Hinsicht eine gute Stabilität.

Danke für die guten Wünsche.
Dieser Schlafmangel, der kommt und geht, seit über 20 Jahren. Differentialdiagnostiziert seit 15. Da ist auch mit Entspannungsübungen oder Meditation nichts zu machen, das geht da gar nicht mehr.
Dazu der Wirbelsäulenschaden.
Diese Baustellen werden mir schon bleiben. Ich brauch mir da auch nichts vorzumachen, den Zahn haben sie mir längst gezogen.

In Normalfall muss man damit rechnen, dass das wiederkommt. Einfach, weil der Schlafmangel ja auch wiederkommen wird. Also da helfen nur Strategien, das frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Hoffnung ist zu wenig. Wenn nichts passiert, um so besser. Das ist jetzt schon seit vielen Jahren im Sommer am Schlimmsten.
Ich sehe zu, dass ich mich ambulant anbinden lasse, damit das im Rahmen bleibt.

Der Schrecken, was da passiert, der hat sich schon mit der Wirbelsäulengeschichte erledigt. Das hat mich wirklich ein Jahr lang runtergezogen, dagegen ist das jetzt ja harmlos. Auch wenn es gar nicht so harmlos ist. Seitdem ich diesen Schock überwunden habe, mit dem ich ja auch die Hoffnung begraben habe, dass trocken alles möglich ist, sehe ich das realistisch. Das ist jetzt eigentlich nur so ein i-Tüpfelchen drauf. Und mir ist auch zunehmend bewusst, dass Älterwerden auch für Trockene mit Veränderungen einher geht, auf die man eventuell nicht so viel Lust hat. Du musst Dich gar nicht beeilen, ein alter Hase zu werden ;). Ich muss später auf dem Friedhof ja auch nicht die Gesündeste sein ;D.

Das ist jetzt einfach so wie es ist.

Gruß Susanne

PS: da fällt mir noch ein, dass ich gelegentlich lese, dass Leute, die sich mit Unabänderlichem abfinden können, zufriedener sind als solche, die immer damit hadern. Das gilt wohl für Sucht, aber auch bei solchen Themen.
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Orangina13

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Re: Sich selbst den Weg frei machen
« Antwort #140 am: 13. Oktober 2021, 21:19:05 »

Hallo Susanne...
Du hast geschrieben:
"Das ist jetzt einfach so wie es ist "
Und ein paar Zeilen weiter,dass Menschen zufriedener sind,wenn sie sich mit unabänderlichem abfinden können.

Das ist die Königsdisziplin, die Dinge so anzunehmen wie sie sind ,auch wenn sie einem nicht gefallen.
Körperliche Gebrechen oder Krankheiten allgemein sind besonders große Herausforderungen.
Aber auch andere Lebensunstände, psychische Schwierigkeiten...
Manchmal weiß ich nicht ,wie die Vorgehensweise die richtige ist,die Dinge so anzunehmen...
Oftmals stellt sich bei mir ein Gefühl ein ,meist ein sehr trauriges oder verzweifeltes und aus diesem Gefühl heraus fällt es schwer ,Annahme zu lernen.
Über den Verstand kann man die "guten" Gedanken steuern.
Und genau das fällt mir manchmal schwer ,die Brücke von Gefühl zu Verstand zu schlagen.

Trocken zu sein heißt nicht ,frei von Leid zu sein.
Das hab ich nun auch erfahren.
Aber es ist um einiges leichter ,mit den Schwierigkeiten umgehen zu lernen.
Wie gut ,dass ich keinen benebelten Kopf mehr habe und keinen Kater am nächsten Morgen .

Eine alte Häsin will ich nur werden ,was die Abstinenz betrifft;-) ,aber vielleicht ist es auch gut, sich mit dem älter werden gut zu stellen und auch in diesem Bereich Annahme zu lernen.
Ich gebe zu ,es fällt mir sehr schwer.

Orangina
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Susanne68

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Re: Sich selbst den Weg frei machen
« Antwort #141 am: 21. Oktober 2021, 17:24:35 »

Ja, mir ist das auch nicht so leicht gefallen, mich damit abzufinden. Also so vor 15 Jahren, als es das erste mal hiess, dass ich jetzt deutlich kürzer treten muss. Und das, als ich grade dabei war, meine permanente Unzufriedenheit zu überwinden.
Das kam auch nicht so von selbst, sondern es war erst mal die rationale Überlegung, dass ich deswegen ja nun nicht den ganzen Rest meines Lebens Trübsal blasen und im Selbstmitleid versinken will. Sondern, dass ich trotzdem vom Leben so viel haben will, wie mir möglich ist. Das hängt natürlich auch immer mit den eigenen Vorlieben zusammen.

So bei diesem Krankenhausaufenthalt denke ich ja auch, das muss ich im Auge behalten, das hat mich schon selbst auch ein bisschen geschockt. Aber deswegen geht das Leben ja trotzdem auch weiter. Realistisch habe ich die Möglichkeit, mich davon runterziehen zu lassen, oder ich baue es in mein Leben so ein, dass es trotzdem geht. Wenn weinen nicht hilft, lache ich lieber.

Das läuft bei mir auf eine Art von zwei Ebenen. Die eine Ebene steckt mitten in den Schwierigkeiten und hat oft überhaupt keine Lust dazu und kann auch nicht damit umgehen. Die zweite Ebene liegt irgendwie drüber und versucht, das ganze Problem sportlich zu betrachten, da muss ich nun durch. Ich betrachte mich selbst ein Stück weit von aussen. Und die Erfahrung ist die, dass es irgendwann besser wird. Das kann dauern, aber ich bin auch stur und zäh. Und irgendwo in mir habe ich immer einen Rest grundsätzlichen Optimismus, dass ich aus meinen Schwierigkeiten auch wieder herauskomme.

Momenten gehts mir beim Laufen (also Wandern) regelmässig so, das ich am Anfang oft denke, heute komme ich keine hundert Meter weit. Am Anfang macht mich das richtiggehend wütend, wenn es so schlecht läuft. Aber ich gebe auch so gut wie nie nach, wenn ich mir vorgenommen habe, zu laufen. Und so erlebe ich regelmässig nach einer halben Stunde ca., dass es dann eben doch gut läuft. Also bleibe ich auch dabei, und das tut mir gut. Ein andermal bleibe ich dafür im Liegestuhl, aber das macht mir auch nur Spass, wenn ich weiss, dass ich genug für die Gesundheit getan habe. Aber ich achte schon auch drauf, dass für Faulheit genügend Raum bleibt, soll ja auch Spass machen.

Ansonsten geht es mir wieder zunehmend gut. Ich hab in dieser schlaflosen Phase hier ziemlich viel für mich selbst geschrieben und das habe ich nun noch mal nachbearbeitet. Ausserdem noch was zu den manischen Zuständen insgesamt gelesen, da wurde mir zum Glück auch deutlich, dass es wohl tatsächlich nur die Schlaflosigkeit und ein sogenannter hypomanischer Zustand war. So schlimme Entgleisungen, die man hinterher bereut (das ganze Geld ausgeben, Schulden machen und sonstige originelle Kapriolen) hatte ich nicht. Trotzdem war ich ziemlich überdreht und hab auch meine Anstrengungen, von selbst runterzukommen, umfangreich dokumentiert. Dabei fiel mir auch wieder deutlich ein, wie es mir ging, als ich sämtliche erlernten Methoden angewandt habe und da trotzdem nichts half. Und das war gar nicht so ohne, denn vieles hatte ich schon wieder vergessen. Es war halt insgesamt total speedig, absolut überdreht, zu viel auf einmal, totale Reizüberflutung. Und wirklich nicht angenehm.
Aber ich hab mir auch an meiner eigenen Schreibe durchgelesen, wie das anfing, damit ich das beim nächsten Mal vielleicht eher erkenne. Meinem Partner musste ich auch etwas die Sorgen nehmen. Und ansonsten kann ich nicht hellsehen und lasse das nun erst mal so. Meine sozialen Beziehungen haben zum Glück nicht sehr gelitten, läuft alles schon wieder.

Gruß Susanne


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Orangina13

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Re: Sich selbst den Weg frei machen
« Antwort #142 am: 24. Oktober 2021, 08:23:21 »

Hallo Susanne
Deinen Beitrag hab ich gerade noch mal gelesen.
Es ist schon interessant, wie manche Geschehnisse im Nachhinein bewertet werden.
Du hattest etwas in dir,das sich angebahnt hatte ,das du im Nachhinein nun besser verstehst.
Deine Phase hat sich angekündigt ,die du zu der Zeit twar als veränderten Zustand wahrgenommen hast ,aber noch nicht wirklich ahnen konntest, was mit dir passiert.
So zumindest deute ich deine Entwicklung.
Ich kann mir vorstellen, dass du Respekt vor einer Wiederholung hast und auch die Vorboten nun genauer unter die Lupe nimmst und dich wahrscheinlich selbst besser beobachten lernst.

Aus deinen Zeilen ziehe ich jedenfalls auch etwas fpr mich persönlich heraus.
Manchmal agiere ich im Alltag ,so wie ich eigentlich gar nicht will.
Erst Tage später merke ich ,dass mein Verstand zu dem Zeitpunkt etwas ausgesetzt hat und die Emotionen Überhand nahmen.
Das macht mir persönlich auch etwas Sorge und Angst , weil ich es manchmal nicht einordnen kann.

Ich führe es auf eine große Überforderung zurück, in der ich aktuell stecke.
Seit ich keinen Alkohol mehr trinke, spüre ich meine eigentlichen Probleme deutlicher.
Ich bin dabei ,einen Umgang damit zu lernen.

Es ist gut ,dass ich das nun deutlicher erkennen kann

Trotzdem machen mir manchmal meine eigenen Verhaltensweisen und Empfindungen etwas Kopfzerbrechen.
Ich fühle mich zur Zeit sehr schnell am Limit und überreizt.

Erst am Wochenende komm ich wieder halbwegs zu mir, wenn ich Zeit für mich habe ,Zeit ,mich stundenlang im Wald aufhalten zu können,mich bewegen zu können ,wie ich will.

Orangina
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