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Autor Thema: Schuldgefühle  (Gelesen 271 mal)

Goali2002

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Schuldgefühle
« am: 13. September 2020, 10:42:11 »

Hallo zusammen, ich habe eben im Vorstellungsteil schon etwas geschrieben. Konkret würde mich interessieren, wie ihr mit Beginn der Abstinenz mit euren Schuldgefühlen anderen und euch selbst gegenüber umgegangen seid. Das ist für mich derzeit gefühlt das größte Problem. Danke für eure Erfahrungen.
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Gerchla

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Re: Schuldgefühle
« Antwort #1 am: 14. September 2020, 15:53:35 »

Hallo Goali2002,

herzlich Willkommen bei uns im Forum. Ich schreibe Dir jetzt mal gleich hier und nicht in Deinem Vorstellungsthread, weil das Thema "Schuldgefühle" sozusagen mein Spezialgebiet ist.

Spezialgebiet deshalb, weil ich damals fast daran zu scheitern drohte und die Lösung der selbigen zu einer zentralen Aufgabe für mich wurde.

Aber jetzt stelle ich mich erst mal kurz vor:

Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol. Davor trank ich über 10 Jahre abhängig, die meiste Zeit davon heimlich. Ich hatte Familie (Frau und 2 Kinder), welche von meiner Sucht erst erfuhren, als ich mich outete. Das war an dem Tag, an dem ich meinen letzten Schluck Alkohol getrunken habe. Ich kann es selbst kaum nachvollziehen, wie ich bei den Mengen die ich trank so gut verheimlichen konnte. Jedoch half mir dabei ein ausgeprägtes Doppelleben, dass ich nach und nach aufgebaut habe. Ich hatte sozusagen eine zweite Parallelwelt in der mir das Trinken dann keine Probleme bereitete. Will sagen: ich machte z. B. Dienstreisen die es nie gab, ich hatte Abendtermine die es nie gab und ich hatte sogar ein kleines Zimmerchen (besser ein Loch) das niemand kannte und in das ich mich zurück ziehen konnte um heimlich und ausgiebig zu trinken.

Bei alledem log und betrog ich meine Frau und Familie, die immer dachten ich wäre ein toller Papa und erfolgreich im Beruf, nach Strich und Faden. Du kannst Dir vielleicht vorstellen, was da dann nach vielen Jahren dann so an Lügen und Betrügereien zusammen gekommen ist. Nachdem ich mich dann outete habe ich auch noch meine Frau verlassen (die eigentlich gerne mit mir weiter diesen Weg gegangen wäre) und somit ihre und auch die Zukunft meiner Kinder pulverisiert. Das war damals sozusagen ein Supergau, eine Katastrophe vor allem auch für meine kleine Tochter.

Ich kenne ich also mit Schuldgefühlen ganz gut aus!

Und jetzt möchte ich Dir einfach mal meine Gedanken da lassen und Dir ein wenig darüber berichten, was ich damals gemacht habe bzw. was mich damals bewegt hat.

Also erst einmal geht es jetzt nur um Eines! Nämlich darum das Du nicht mehr trinkst. Egal was passiert, egal welche Schuldgefühle Dich drücken, Deine Abstinenz MUSS Dir heilig sein. Denn ohne diese Abstinenz wirst Du alles verlieren. Wenn Du wieder oder weiter trinkst, wirst Du Dein Elend nur verlängern und mit großer Sicherheit auch noch verschlimmern. Die Schuldgefühle werden nicht weniger werden sondern sie werden immer mehr werden. Zu denen die Du bereits hast werden noch neue hinzu kommen und je länger Du weiter trinkst, desto schlimmer wird es.

Ich darf das mal so schreiben, weil ich selbst natürlich ein paar mal versucht hatte mit dem Trinken aufzuhören. Erfolglos wohlgemerkt, es wurden bestenfalls Trinkpausen daraus. Ich dachte damals, wenn ich schon heimlich trinke, dann kann ich ja auch heimlich aufhören und somit auch all meine Lügen etc. für mich behalten. Niemand erfährt etwas und alles wird gut. Aber da spielt diese Sucht eben nicht mit, es geht nicht einfach so, schon gar nicht wenn man sich so ein großes Hintertürchen offen lassen möchte wie ich das getan habe. Denn ich hatte ja immer im Kopf: wenn ich doch wieder trinken sollte, dann merkt das ja auch keiner.... Ist ja alles "heimlich"....

Ich bin davon überzeugt, dass es elementar wichtig ist die absolute Wahrheit zu sagen. Alles auf den Tisch zu legen, wirklich ganz offen und ehrlich. Und nicht nur dann, wenn man wie ich komplett heimlich unterwegs war sondern auch dann, wenn man ein allseits bekannter Trinker war. Alle Lügen die nicht aufgedeckt wurden gehören auf den Tisch um einen unbelasteten Neuanfang starten zu können.

Nun, das hört sich jetzt so einfach an..... ist es aber natürlich nicht. Ich kenne Deine Situation nicht und ich weiß nicht, welche Art von Schuldgefühlen Dich plagen. Ich habe damals meiner Frau ganz fürchterliche Dinge sagen müssen, da waren heimlich aufgelöste Sparverträge noch das harmloseste. Dann ging es ja noch weiter. Auch meine Familie, also Eltern, Geschwister und natürlich auch noch die wenigen gebliebenen engeren Freunde mussten von mir informiert werden. Auch da gab es das ein oder andere zu beichten. Das war alles nicht einfach, wurde mein Bild vom erfolgreichen Familienvater mit bestens funktionierender Ehe doch zum abgestürzten Trinker, Lügner und Blender korrigiert.

Aber das alles war nichts gegen das Leid, dass ich in den Augen meiner Frau und meiner Kinder sah. Das war das, was mir richtige Schuldgefühle verschaffte. Denn dieses Leid war ALLEIN durch mich verschuldet. Und ich sah es anfangs mehrmals wöchentlich, später dann mindestens wöchentlich, wenn ich meine Tochter traf. Ansonsten war ich schnell ausgezogen und konnte mich dem direkten Elend entziehen. Was auch wieder Schuldgefühle auslöste.

Die ersten Wochen und Monate waren aber trotzdem erst einmal mir und meinem neuen Leben ohne Alkohol reserviert. Ich wusste schon von Anfang an, dass ich nie wieder trinken will. Komme was wolle. Das war übrigens auch ein Grund für die Trennung von meiner Frau. Ich war (und bin es immernoch) überzeugt davon, dass ich wieder trinken würde, wenn ich in dieser Beziehung bleibe. Und da ich davon überzeugt war das nur eines noch schlimmer sein würde für meine Kinder und wohl auch für meine Frau als diese Trennung, nämlich wenn ich wieder saufe und dann wohl auch bis zum bitteren Ende, ging ich diesen Schritt.

Wie gesagt, am Anfang ging es nur darum nicht mehr zu trinken. Ich besuchte von Anfang an eine SHG die mir hier viel Halt gab. Ich konnte dort jeden Abend hin und so war ich auch etwas abgelenkt ohne jedoch mich vom Thema Alkohol abzulenken. Je klarer ich jedoch wurde, je länger ich abstinent lebte, desto deutlicher wurde mir, was ich eigentlich getan hatte. Und umso heftiger kamen die Schuldgefühle in mir auf. Und ich merkte auch, dass sie in dieser SHG nicht helfen konnten.

Also suchte ich mir einen Psychologen, von dem ich mir genau diesbezüglich Hilfe versprach. Es dauerte, ich glaube,  7 Wochen bis ich einen Termin bekam. Um mir dann erklären zu lassen, ich sollte mich gefälligst wie ein erwachsener Mann benehmen. Auch Folgetermine verliefen nicht so wie ich das damals gebraucht hätte. Und so drückte mich die Schuld wirklich nieder und ich begann sogar den Kontakt zu meiner Frau und meinen Kindern zu meiden. Weil ich Angst hatte mit dem Leid konforniert zu werden. Was dann aber wiederum noch mehr Schuldgefühle auslöste, vor allem meiner Tochter gegenüber.

Irgendwann war klar: Entweder ich bekomme das in den Griff oder ich laufe große Gefahr das es schief geht. Der Psychologe war für mich ein Ausfall also brauchte ich irgendwas anderes. Mir war klar, dass ich es alleine nicht schaffen werde. Da kam mir ein Mönch in den Sinn, den ich zwar nicht kannte, aber vor Jahren mal erlebt hatte und der mich damals sehr beeindruckt hatte. Obwohl ich zu dieser Zeit trank und auch sicher nicht nüchtern war. Ich konnte mir aber vorstellen, dass ich mich diesem Menschen öffnen kann. Ich war so beeindruckt von seiner Ruhe, seinem Frieden und seiner durch und durch positiven Ausstrahlung. Und so wollte ich ja irgendwie schon auch sein, wusste aber absolut nicht wie das geht.

Ich recherchierte und machte ihn ausfindig. Das ist eine wilde Geschichte mit einigen Zufällen.  Wie durch ein Wunder war er sogar bereit sich mit mir zu unterhalten. Ich musste dazu zwar ziemlich weit fahren, jeweils eine Stunde Fahrtzeit einfach, aber aus einem Gespräch wurde ein zweites und es folgten noch ganz viele. Dieser Mensch hat mich dann wieder in die Spur gebracht, ihm verdanke ich wohl fast alles.

Auf Dich bezogen möchte ich hier sinngemäß etwas von ihm wiedergeben, dass er mir damals gesagt hatte, als ich ihm sagte, dass ich nicht wüsste, wie ich das alles bewältigen soll. Er sagte (sinngemäß):
Stell Dir vor Du hast ein Haus. Das Haus ist in einem fürchterlichen Zustand. Das Dach ist kaputt, es regnet herein. Im Keller steht deshalb schon das Wasser. Die Wände sind feucht, die Tapeten lösen  sich, die Fenster sind undicht, es zieht herein. Die Böden sind kaputt und überall ist es schmutzig und dreckig.
Jetzt hast Du Dir vorgenommen Dein Haus zu renovieren! Womit fängst Du an? Erst mal mit dem Wichtigsten. Du dichtest das Dach ab damit es nicht weiter herein regnet und immer noch neue Schäden entstehen können (das ist gleichzusetzen mit: Du trinkst keinen Alkohol mehr als Basis für alles was noch kommt).
Dann pumpst Du mal das Wasser aus dem Keller, damit das Fundament trocknen kann. Du dichtest die Fenster ab und beginnst die Tapeten von den Wänden zu lösen. Nach und nach kannst Du jetzt die weiteren Schritte tun. Neue Böden verlegen, neu tapezieren oder streichen, etc. Und wenn Du dann mal fertig bist, dann achtest Du darauf, dass sich Dein Haus immer in einem guten Zustand befindet. Sobald Du irgendwo einen Mangel entdeckst behebst Du diesen sofort. Und so kann es nie mehr passieren, dass Dein Haus nochmal in einen so desolaten Zustand gerät wie es mal war.

So, was wollte er mir damit sagen? Er wollte sagen: Schritt für Schritt, eines nach dem anderen. Und das wichtigeste immer zuerst. Und das ist erst mal nicht mehr trinken. Und dann nicht hektisch mehrere Dinge gleichzeitig angehen sondern immer eines nach dem anderen und immer in meinem (Deinem) Tempo. Und auch für die Schuldgefühle wird die Zeit kommen in der diese dann bearbeitet werden. Und so war es dann auch bei mir.

Er erklärte mir, nachdem ich etwas klarer war und ein paar große Probleme gelöst hatte und für mich auch die Trennung von meiner Frau endgültig war, das ich auf meiner Schuld kein neues Leben aufbauen werde können. Oder besser: Das es mir nicht gelingen wird ein neues, zufriedenes Leben auf Schuldgefühlen aufzubauen. Er sagte mir, ich müsste meine Schuld als Teil meines Lebens akzeptieren und daraus lernen meine Zukunft besser zugestalten. Er sagte mir auch, dass es gut wäre wenn ich um Verzeihung bitten könnte, bei den Menschen die ich verletzt hatte. Aber das ich bei dem was ich getan habe keine Verzeihung erwarten solle.

Naja und so ging das über Wochen und Monate und ich lernte anders mit meiner Schuld umzugehen. Ich entwickelte "nebenbei" auch einen Lebensplan. Ich machte mir klar, was ich eigentlich zukünftig für ein Mensch sein möchte, was ich für ein Lebensziel hatte. Worin ich den Sinn meines neuen (Rest)lebens eigentlich sah. Und plötzlich erkannte ich, dass ich meine Vergangenheit ja nicht mehr verändern konnte, jedoch meine Zukunft dank meiner Abstinenz komplett selbst in der Hand hatte. Und ich wollte verdammt nochmal ein guter Mensch werden (was das für mich bedeutet würde jetzt hier den Rahmen sprengen). Meine Erfahrungen, meine Schuld half mir dabei zu erkennen, wie das nicht funktioniert. Und so versuchte ich aus dieser Schuld, dieser schlimmen Zeit zu lernen und meine Lehren zu ziehen.

Und mir war auch klar, dass ich nicht erwarten konnte, dass plötzlich alle um mich herum "Hurra, er ist ein anderer Mensch" schreien werden. Im Gegenteil, ich wurde teils mit großem Argwohn beobachtet. Ist das echt oder doch wieder nur Fake, nur gespielt, nur gelogen? Es dauerte über zwei Jahre bis meine jetzt Ex-Frau mich wieder allein mit meiner Tochter ließ. Bis sie ansatzweise sowas wie Vertrauen im Bezug auf Autofahren ohne Alkohol aufbauen konnte. Aber das war ok für mich denn ich wusste, dass ich fortan nur durch vorleben zeigen kann, dass ich mich in eine andere Richtung entwickeln möchte. Vertrauen zurück gewinnen, wenn man mal dermaßen gewütet hat wie ich das getan habe, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist ein wahres Geschenk für mich, dass mir das dann doch gelungen ist. Ich habe heute eine sehr gute Beziehung zu meiner ersten Frau und auch zu meinen Kindern. Das alles ist jetzt viele Jahre her aber ich weiß aus vielen Gesprächen mit anderen geschiedenen Paaren (teilweise auch Alkoholikern) das es normal ganz anders verläuft. Es ist aus, es bleibt wenn überhaupt mehr oder weniger Kälte und in nicht seltenen Fällen findet auch ein Rosenkrieg statt.

Ach, nochmal zu diesem Mönch. Ich war damals absolut nicht gläubig. Ich denke er wusste das und hat in all den Gesprächen nie von Gott etc. gesprochen, weil er ahnte das er mich damit verschrecken würde. Er hat mir einfach nur so geholfen. Heute sehe ich vieles anders, denn es waren schon verdammt viele "Zufälle" und glückliche Fügungen die mich überhaupt zu diesem Menschen gebracht haben. Und ich weiß wirklich nicht, wo ich heute ohne ihn stehen würde.

Also, viel Geschrieben in der Hoffnung, dass Du da was für Dich mitnehmen kannst. Als Fazit vielleicht:

Deine Abstinenz ist heilig und die Basis allen was da noch kommt. Akzeptiere Deine Schuld als Teil Deines Lebens aber verstehe auch, dass Du auf Schuldgefühlen kein neues Leben aufbauen kannst. Du kannst sie aber "nutzen" um Dein neues Leben besser zu gestalten. Wenn Du kannst, dann bitte jene um Vergebung, denen Du Leid zugefügt hast. Aber erwarte keine Vergebung von ihnen denn das liegt nicht in Deiner Hand. Vielleicht muss dazu aber auch noch etwas Zeit vergehen, denn alles sollte zu seiner Zeit passieren. Vielleicht ist es gut und wichtig für Dich diese Schuld auch mal eine Zeit lang auszuhalten, zu spüren. Ich habe das übrigens auch und sogar ganz bewusst gemacht. Und wenn Du merkst, dass die Schuld Dich erdrückt, dass Du gar nicht klar kommst, dass Du selbst absolut an Deine Grenzen stösst, dann hol Dir um Gottes Willen Hilfe. So wie ich z. B. bei einem Psychologen (Deiner kann ja genau der richtige für Dich sein, muss ja nicht wie bei mir sein) oder auch bei jemand anderen. Das es bei mir gerade dieser Mönch war ist meiner Lebengeschichte geschuldet, bei Dir kann das jemand ganz anderes sein. Oder etwas anderes oder vielleicht auch einfach eine SHG. Es muss einfach zu Dir und für Dich passen.

Alles Gute wünsche ich Dir. Und einen guten Austausch hier im Forum. Wenn Du Fragen hast, dann immer her damit.

LG
gerchla
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