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Autor Thema: Gewalt gegen Männer - Gesprächsthread  (Gelesen 8366 mal)

proky

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Gewalt gegen Männer - Gesprächsthread
« am: 30. August 2019, 01:18:35 »

Gewalt gegen Männer...

...leider immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft! Denn nach wie vor darf ein Mann keine Schwäche zeigen. Daher haben Männer Angst ihr Gesicht zu verlieren!

Gewalt hat viele Formen...

...physische Gewalt (schlagen bzw geschlagen werden...)

...psychische Gewalt (drohen, anschreien, demütigen...)

...physischer sexueller Gewalt (anfassen, nötigen...)

...psychischer sexueller Gewalt (reden über sexuelle Themen, Handlungen...)

...soziale Gewalt (Erwartungshaltungen...)

...ökonomische Gewalt (Geld...)


Auch der Alkohol spielt eine Rolle dabei...

...Gewalt hervorgerufen durch Alkohol(-missbrauch);

und/oder

...Alkoholmissbrauch hervorgerufen durch Gewalterfahrung;

Nicht selten liegen die Ursachen in einer der folgenden Punkte:

- Erziehung

- Schule

- soziales Umfeld

...

und prägen ein ganzes Leben!


Dieser Thread soll dazu dienen Gewalt zu thematisieren. Über erlebtes zu schreiben. Trost und Empathie zu spenden. Auf Hilfe zu verweisen und ein Stück Selbsthilfe anzubieten.


Ich möchte Männern die Angst nehmen! Ein Tabu soll gebrochen werden und ein Teufelskreislauf durchbrochen werden! Gesellschaftliche Ansichten sollen verändert werden! Auch Männer sind schutzbedürftige und liebenswerte Lebewesen!

Kein Mensch - auch kein Mann - darf Gewalt, egal in welcher Form, ausgesetzt sein! - Wehret den Anfängen!!!
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Greenfox

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Re: Gewalt gegen Männer - Gesprächsthread
« Antwort #1 am: 30. August 2019, 10:13:17 »

Auf Grund meiner langjährigen beruflichen Erfahrungen als Polizist weiß ich, dass dies ein schwieriges Thema ist:
In der Öffentlichkeit ist es nach wie vor soetwas wie ein Tabuthema und die Betroffenen schweigen oft aus Scham. Und auch das Klischee-Denken spielt eine große Rolle. Wenn wir wegen Häuslicher Gewalt zum Ort gerufen werden - im Kopf ist ersteinmal die Frau das Opfer. Natürlich ist das oft auch der Fall - aber eben oft auch nicht. Da ist der MANN das OPFER.
Aber auch sonst sind bei Gewaltdelikten überwiegend Männer Opfer - statistisch gesehen mehr als 60%.

Daher finde ich es super, dass proky dieses Thema aufgegriffen hat  44.

Scheut Euch also nicht, Eure Erfahrungen aufzuschreiben.
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proky

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Re: Gewalt gegen Männer - Gesprächsthread
« Antwort #2 am: 30. August 2019, 12:00:19 »

Leider leider schämen sich Männer die Opfer von Gewalttaten geworden sind.

Leider sind es folgende Glaubenssätze die in unserer Gesellschaft immer noch Geltung haben und die zur Scham beiträgt:

Ein Mann...

...hat stark zu sein;

...zeigt keine Gefühle;

...weint nicht;

...darf nicht schwach sein;

...hat immer zu gewinnen;

...bringt das Geld heim;

...gibt den Namen weiter;

...Männer haben sich für Technik zu interessieren;

...und und und...

Diese falschen Glaubenssätze fördern nur Scham und Schuld. Schlimmer noch wenn diese Glaubenssätze durch Frauen gefördert werden! Z.B. durch die Erziehung...

Es sollte uns Nachdenklich machen warum wir über folgende Beispiele nicht reden oder schlimmer noch, diese sogar als lustig empfinden:

- Frau schlägt Mann (z.B. häusliche Gewalt)

- Auszubildendenmobbing (gerade und immer noch im Handwerk!!!)

- Mobbing in der Schule

- emotionale Erpressung / Erwartungshaltungen

Sätze & Bewertungen wie:

- Stell Dich nicht so an, Du bist doch ein Mann

- Weichei, Hosenscheißer, Pisser, Angsthase, Mädchen, Pussy

- Looser

- ein Mann beißt die Zähne zusammen;

- ein Mann klagt nicht

- ein Mann prügelt sich

Die seelischen Verletzung die dadurch entstehen sieht niemand! Es sind exakt die seelischen Verletzungen und der Tabu über dieses Thema Gewalt an Männern die auch zur Alkoholkrankheit beitragen!


Das sollte uns nachdenklich stimmen und gesellschaftliche Positionen überdenken! Hier soll ein geschützter Bereich sein um sich auslassen zu können. Dafür ist dieser Thread eröffnet worden!
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proky

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Re: Gewalt gegen Männer - Gesprächsthread
« Antwort #3 am: 30. August 2019, 12:10:21 »

...und ich möchte gleich mein erstes persönliches Erlebnis berichten:

Vor ein paar Jahren war ich wegen eines Arbeitsunfalls im Krankenhaus und bekam eine Infusion.

Kurz vor meiner Entlassung wurde die Infusion abgenommen und ich bekam ein großes starkes Pflaster auf die Stelle verpasst.

Am Tage meiner Entlassung wollte mir die Krankenschwester das Pflaster abmachen. Als ich merkte, dass sie es wohl nur mit einem großen Ruck runter ziehen kann und es große Schmerzen verursachen würde, biss ich in Erwartung auf den großen Schmerz die Zähne zusammen und verkrampfte mein Gesicht.

Darauf hin entgegnete mir die Krankenschwester:

Jetzt haben Sie sich mal nicht so, Sie sind doch ein Mann!

Mir ging dabei nur durch den Kopf: Aha und als Mann darf ich keine Schmerzen haben. Schön das hier so alte Attribute gefördert werden...
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Hubby45

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Re: Gewalt gegen Männer - Gesprächsthread
« Antwort #4 am: 09. Januar 2020, 17:56:17 »

Was bedeutet "Gewalt" in diesem Zusammenhang?

Das Frauen gerne manipulativ wirken anstatt körperlich, davon bin ich immer ausgegangen. Aber psychische Gewalt ist nicht nur "einfach" Manipulation und auch nichts was Frauen als Geschlecht gepachtet haben. Sie ist schwerwiegender und weitaus schlimmer. Meine Mutter mußte schlußendlich zu anderen Mitteln greifen als ich zu groß für Ohrwatschen wurde und mich körperlich wehren konnte. Bis in meine 20er konnte sie mich mit einem Satz ausweiden. Ich kam mir lange vor wie ein kleines Kind wann immer ich mit ihr zusammen war. Ein Wort und ich war innerlich am zittern.

Allerdings habe ich mir in den Jahren auch viel abgeguckt wie es scheint. Meine Mutter hatte immer "besondere" Macht über mich aber das mag an der Familienverwandtschaft liegen. Im Freundeskreis streiten Leute nicht gerne mit mir weil ich (wie mir gesagt wurde) die Gespräche "lenken" kann wie es mir passt. Dabei sind das einfach nur verbale Überrumplungstaktiken und verunsichern, Talente von denen ich lange Zeit davon ausging, das man sowas zum überleben braucht in der Welt. Psychische Gewalt oder "Brutalität" sind also Dinge mit denen ich aufgewachsen bin. Und obwohl sich viele der Beispiele anhören wie "das sind halt Deine Eltern, die mischen sich nunmal in Dein Leben ein" kann ich nur sagen....."ich war dort, nicht ihr. Ihr wisst nicht wie das wirklich war" aber es ist eine wirkliche Zwickmühle. Bis Du selber realisierst was Dir da angetan wird bist Du meist auch hilflos. Oft ist es einfach nicht möglich....zu gehen. Da gibt es Verpflichtungen, finanzielle oder familiäre oder das soziale Umfeld nötigt Dich dazu, länger durch diese Hölle zu gehen als es notwendig wäre.

Meine Frau hat mich "gerettet" zumindest sehe ich das so. Sie hat sich um MICH bemüht, was schonmal selten genug vorkommen dürfte und meine Mutter konnte sie noch nie leiden. Aber so in die Richtung "soll er sich halt die Hörner abstoßen". Das Problem bei der Sache war das meine Frau mich damals mit Liebe überschüttet hat, etwas das ich überhaupt nicht kannte. Echte Zuwendung, echtes Vertrauen. ich wußte überhaupt nicht was da passiert aber ich wußte "das will ich haben". Wir waren also ziemlich schnell nicht mehr auseinander zu bringen. Sind in eine eigene Wohnung gezogen. Und da fing die Transformation dann an. Wie bei jedem jungen Paar hört die Schmetterlings-Phase dann auch mal auf und der Alltag zieht ein. Nicht jeder Tag in der Arbeit ist super und man kommt dann auch mal schon gefrustet nach Hause. Wenn meiner Frau (damals Freundin) das passiert ist wars nicht weiter schlimm, vielleicht hats gekracht aber im Großen und Ganzen keine Sache. Aber wenn ICH geladen nach hause kam konnte ich echt grausam sein. Wenn man eine zeitlang zusammenlebt lernt man Dinge über den anderen. Dinge die sonst keiner weiß. Man hat sich in Zeiten des Vertrauens Geheimnisse anvertraut. Und für mich war das eine ellenlange Liste aus der ich nach Belieben wählen konnte. Weil man jung ist und das ziel ist diesen Streit zu "gewinnen"....mit allen Mitteln. Ich mußte sie nicht schlagen.....ein Wort oder ein Satz haben gereicht um sie zum weinen zu bringen.

Tränen waren auch ein beliebtes Mittel meiner Mutter um mich zu lenken. Ich reagiere nicht gut auf Tränen. Dann kann ich sogar richtig fies werden.

Das ging Jahre so...keine Ahnung wie sie es mit mir ausgehalten hat.

Aber es gibt da verschiedene Ebenen. Zum einen kommt es drauf an was Du sagst aber auch wie Du es sagst. Es war zu meinem Geburtstag (Gott, keine Ahnung....21? 22? Ich war blutjung) und ich bekam mein Geschenk, im Laufe des Tages kam es zu einem Streitgespräch. Ich kann echt nicht mehr sage worum es ging...einfach nur Streit? Und ich erwähnte das Geschenk und sagte "übrigens vielen Dank dafür". Hört sich unschuldig genug an nicht wahr? Aber wie ich es sagte....ich sah in ihre Augen und ich konnte sehen wie etwas "bricht". Ich konnte sehen was ich ihr da antue, wie vollkommen unnötig grausam ich bin, das ich die exakt gleiche Sache tue die meine Mutter mir angetan hat.

Ich habe zutiefst bereut, ich habe immer gesagt das ich nie so sein will wie meine Eltern aber ich war der Sohn meiner Eltern. Ich habe mich selbst gehasst in diesem Moment. Es hat lang gedauert das zu kitten und ich glaube wir haben das beide nicht vergessen. Wenn sie mir das nie verzeiht...ich nehms ihr nicht übel. Als ich erstmal realisiert hatte das psychische Kriegsführung nicht in eine Beziehung oder Familie gehört gingen Veränderungen mit mir vonstatten. Nicht schnell und oft nicht einfach. Fremde waren immer noch "Freiwild" und ich hatte keine Hemmungen Streitereien vom Zaun zu brechen weil ich wußte das ich überlegen war. Es geht nicht um "saftige Schimpfwörter" oder lautes Schreien. Aber wenn Du keine Hemmungen hast die größte Angst Deines Gegenübers offenzulegen und darauf herumzureiten dann dominierst Du vom ersten Wort. Und auch bei Fremden braucht es nicht mehr als 10 Sekunden bis Du die erste Sache findest die Du als Munition verwenden kannst.

Wer zuschlägt, verliert? Ich mußte nicht schlagen. Und das ist irgendwie sogar schlimmer....

Jahre gingen ins Land. Verhältnis zu meinen Eltern. Nie "innig" und ich war nach meinem "Erwachen" auch vorsichtig was ich erzählte oder wie oft ich vorbeikam. Grundsätzlich bin ich nur vorbeigegangen "wenn es nicht anders ging". Geburtstag oder Feiertage. Einfach so....kam mir nie in den Sinn. Ging meiner Mutter natürlich voll gegen den Strich. "Wie sieht das denn vor den Nachbarn aus" war ihre Hauptsorge und ich habe keine Zweifel das sie das genau so gemeint hat und nicht etwa das sie ihren Sohn kaum sieht.

Eskalationstag! Wir haben Familie im Ausland. Zu den Leuten hatte ich nie Kontakt, ich kenn die überhaupt nicht. Von deren Seite kam nie irgendein Zeichen das sie wissen wollten wer ich bin von der Sprachbarriere ganz zu schweigen. Und meine "Tante" (vollkommene Fremde) kommt eine Woche zu Besuch. Ich hab mir nichts dabei gedacht als meine Mutter das so beim telefonieren erzählt. Ich quäl mir schon Besuche bei meinen eigenen Eltern ab also muß ich mir das echt nicht geben. Bin keine 10 mehr wo man das Kind "präsentieren" kann wie ein Preispferd.

Die Woche kommt und geht und ich lass mich zuhause natürlich nicht blicken. Hab sogar über meine Schwester vorher gecheckt "ob die wirklich weg sind". Tage später ruft meine Mutter an und frägt ob ich vorbeikommen könnte, wir hätten da was zu besprechen. Urgh...na gut. Wenns sein muß.

Hat nicht lange gedauert. Vorwürfe, was ich nur für ein Sohn wäre, die Schande, die eigene Mutter so vor der Familie bloßzustellen. ich habe versucht dagegenzuhalten weil ich die Dinge halt anders sehe. Ich muß mir nicht mehr anhören wie unartig ich bin oder was ich falsch gemacht habe. Es ist also ein richtig schön lautstarker Streit, ich sehe meinen Vater noch aus den Augenwinkeln vorbeischleichen, der weißt halt was Sache ist, und auf einmal legt meine Mutter richtig los. Ich kann nicht mal mehr sagen was genau gesagt wurde ich erinnere mich nur das mir die Luft wegblieb. Die Art und Weise "wie" sie es gesagt hat. Die Erkenntnis das ich in diesem Moment nicht ihr Sohn, ihr eigen Fleisch und Blut sonder der FEIND bin und jedes Mittel Recht ist zu gewinnen. Kein Zweifel das sie erkannt hat wie schwer sie mich verletzt hat und was sehe ich in ihren Augen?

Genugtuung! Sie "wollte" mich verletzten und als sie erkannte das sie es geschafft hat war sie glücklich darüber. Es hat alles gebraucht um dort nicht zusammenzubrechen. Meiner Mutter nicht noch mehr geben. Ich bin aufgestanden und gegangen. Ich habe meine Schlüssel dort gelassen. Keine Ahnung wie ich nach hause kam aber ich war am Boden als ich zuhause ankam. Geheult wie ein Schloßhund und die folgende Zeit war auch nicht einfach. Meine Mutter hat eine Woche später angerufen, meiner Freundin gegenüber so getan als ob nichts gewesen wäre und um "Aussprache" gebeten.

Nope. Nicht noch einmal. Möglich das er ihr leid tut als sie erkannte was die da getan hat aber ich kann das nicht verzeihen. Jahrzehntelang wird mir eingetrichtert das "Familie" über allem steht und dann benutzt sie die Bindung um mir so richtig schön eine reinzubraten. Sowas ist schwer zu verzeihen aber das Beste ist....sie hat sich nie entschuldigt oder Anzeichen dafür gemacht das es ihr leid tut. 10 Jahre später oder so als ich dachte ich bin endlich drüber weg ruft sie mich zum Geburtstag an und fängt mit einem Vorwurf an "Hallo XXX, weißt Du überhaupt wer hier spricht?". Mir ist es eiskalt den Rücken runtergelaufen, das ist jetzt keine Übertreibung. Jeder im Raum hat an meiner Körpersprache mitgekriegt das irgendwas passiert. 5 Sekunden....mehr hats nicht gebraucht das ich in den Hörer brülle und auflege. Keine Reue, keine Entschuldigung, kein "wie geht es Dir?" nur der Satz und "Du kommst überhaupt nicht mehr nach Hause?"

Ich habe gezittert, mir kamen die Tränen und den Rest des Tages konntest Du nichts mehr mit mir anfangen. Die Leute die da waren wußten überhaupt nicht was da passiert. Meine zerrütteten Familienbeziehungen posaun ich auch nicht rum. Niemand weiß davon und die leute die das mitkriegen verstehen es nicht. "Das ist doch Deine Mutter, wie kannst Du nur" oder "ist doch alles nicht so schlimm, was kann da passiert sein?" also ob deren eigenen Erfahrungen mit Familienstreit nur annähernd an das herankommt was ich durchgemacht habe. Den Leuten fehlt der Kontext aber ehrlich gesagt geht das sonst Niemanden was an. Meine Frau kennt die ganze Geschichte, sie ist die Einzige. Fast 20 Jahre mach ich an dem Thema jetzt rum. Ich weiß wie psychische Gewalt aussieht.

Ich habe versucht mich Freunden anzuvertrauen aber die kennen die Person nicht und können sich das nicht vorstellen. Plus ich muß zugeben das ich nach all den Jahren schon nicht mehr im Detail weiß was genau gesagt wurde (Eine Frage die mir meine Schwester gestellt hat). Wichtig ist das Gefühl und nicht nur das sie mich verletzten wollte sondern wie sie auf die Erkenntnis reagierte das sie es geschafft hat. Man könnte sagen meine Mutter ist für mich gestorben aber so einfach ist das nicht. Wenn alles "glatt" geht wird meine Mutter vor mir sterben. Das ist der natürliche Verlauf. Ich habe keine Absicht vorher nochmal "reinen Tisch" zu machen. Wenn sie morgen umkommen würde und ich bekäme es über meine Schwester oder die Polizei mit.....auch kein Beinbruch. Das hört sich jetzt so eiskalt an. Vielleicht weine ich, mein Körper hat mich in der Vergangenheit schon betrogen und mich zum Wrack werden lassen wenn Schwäche zeigen (Tränen = Schwäche) das letzte ist was ich zeigen wollte. Aber sie nochmal sehen oder sie hören.....nein. Meine Sorge ist wenn sie weiß das es nicht mehr lange geht und sie mich bittet noch ein letztes Mal vorbeizukommen. Ich will nicht aber kann ich sowas abschlagen? Tief in mir weiß ich das ich froh sein werde wenn sie mal nicht mehr lebt.

Meine Schwester ist praktisch "Kollateralschaden" in dieser Sache. Meine Mutter hat ihr natürlich nichts erzählt und ich auch zuerst auch nicht. ich war halt nur nie mehr da. Lange zeit kam nichts dann wollte sie wissen was passiert ist weil sie mich ja kaum noch sieht. Ich hab versucht es ihr begreiflich zu machen aber keine Chance. Und das ich mich von Mom und Dad abwende kann sie auch nicht akzeptieren. Sie sieht mich als Problem. "So schlimm kann das alles gar nicht gewesen sein". Irgendwann war dann auch der Kontakt zu meiner Schwester einfach nur noch "nervig".

Hollywood will uns weismachen das die Liebe einer Mutter stärker ist als Eisen oder Waffe. Sie geht über den Tod hinaus. Blut ist dicker als Wasser. Wer kennt die Sprüche nicht? Und wieviele Jahre habe ich willig das Opfer gespielt weil ich nicht wußte das die Mittel meiner Mutter alles andere als "wahre Liebe" sind. Ich dachte immer das geht jedem so. Und ich habe mich entsprechend gewappnet und gestählt um in der Welt überleben zu können. Erst meine Frau und ihre Familie haben mir aufgezeigt das das, was in meiner Familie passiert abnorm ist und ich ein Opfer bin. Allerdings verstehe ich auch sehr gut wieviel Schaden man mit Worten anrichten kann. Es geht nicht um die Worte selbst, psychische Grausamkeit ist eine Eigenschaft die man erlernen muß oder Talent für hat. Bei mir ist es anerzogen/erlernt und ich denke viel darüber nach was ich sage und was ich gesagt habe. Ich weiß nur das ich nicht so ein Mensch wie meine Mutter sein will aber ich bin nunmal der Sohn meiner Mutter (nurture over nature)
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Hubby45

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Re: Gewalt gegen Männer - Gesprächsthread
« Antwort #5 am: 09. Januar 2020, 18:44:39 »

...und ich möchte gleich mein erstes persönliches Erlebnis berichten:

Vor ein paar Jahren war ich wegen eines Arbeitsunfalls im Krankenhaus und bekam eine Infusion.

Kurz vor meiner Entlassung wurde die Infusion abgenommen und ich bekam ein großes starkes Pflaster auf die Stelle verpasst.

Am Tage meiner Entlassung wollte mir die Krankenschwester das Pflaster abmachen. Als ich merkte, dass sie es wohl nur mit einem großen Ruck runter ziehen kann und es große Schmerzen verursachen würde, biss ich in Erwartung auf den großen Schmerz die Zähne zusammen und verkrampfte mein Gesicht.

Darauf hin entgegnete mir die Krankenschwester:

Jetzt haben Sie sich mal nicht so, Sie sind doch ein Mann!

Mir ging dabei nur durch den Kopf: Aha und als Mann darf ich keine Schmerzen haben. Schön das hier so alte Attribute gefördert werden...

Kein Zweifel das Männer in der heutigen Gesellschaft ebenso unter sexistischen Klischees leiden wie Frauen. Ich bin selbst so erzogen worden "Ein indianer kennt keinen Schmerz" und "Männer weinen nicht", "Sei ein Mann" und all der Quatsch. Alfagehabe und emotionale Distanz sind aber nichts was einen "Mann" ausmachen. Vor allem haben sich die Erwartungen gewandelt.

Frauen wollen Männer die wissen wo es langgeht. Stark/Stattlich sollen sie sein. Aber auch einfühlsam und zärtlich. Beschützer. Jede Frau will einen Alfa aber er soll sie lieben und auf Händen tragen. Soviele Eigenschaften die sich einfach nicht unter einen Hut bringen lassen. Du spielst nicht "einfach" den Alfa. Wenn Du den Anführer raushängen läßt dann weil Du es Dir anerzogen hast und Erfolg damit hattest, weil Du Dich permanent behauptet hast. Wenn Du Dir alles erkämpft hast (status, körper) dann hast Du keine Empathie für Leute die das nicht haben (ICH habs geschafft, die anderen sind loser). Frauen wollen zärtliche Liebhaber aber woher soll das kommen wenn die Männer außerhalb des Bettes den "harten Mann" markieren müssen?

Mein Neffe ist jetzt 5 Jahre alt und wenn er sich beim spielen wehtut fließen sofort die Tränen und er rennt zu seiner Mamma. Ich ertappe mich immer wieder dabei das ich mir verkneifen muss ihm "Weisheiten" aus meiner Zeit zu geben. Vor allem weil bei den meisten Männern Gefühle nicht so rauskommen wie wir das aus Hollywood her kennen. Wir haben das alle gesehen. Der ultra-chunk supergott, der nicht nur einen Adonis Körper hat sondern auch noch im Gesicht super aussieht. Der Tränen vergießt und trotzdem wie ein echter Kerl aussieht. Steinhartes Gesicht aber die Augen verraten den Schmerz während man die Muskeln spielen läßt. Gott ich könnt kotzen.

Bei mir selbst sieht das anders aus. Durch fehlende Übung oder konditionierte Scham, ich weiß nicht. Irgendwas macht mich traurig und ich versuche es zu begraben aber mein Körper macht nicht mit. Auf einmal schießen mir Tränen in die Augen und mein Kinn fängt an zu zittern, ich realisiere das ich es nicht mehr zurückhalten oder weglaufen kann und BÄMM, alle Dämme brechen. Ich stehe da und weine wie ein Kind, schwere Seufzer, die Atmung kommt vollkommen durcheinander und ich zittere am ganzen Körper. Und 10 Sekunden später bin ich wieder der Fels, wische mir die Tränen aus den Augen und die Leute die sich erschreckt haben fragen sich ob das alles gespielt war.

Unnötig zu sagen das "weinen" eine peinliche Angelegenheit für Männer ist. Ich sollte es verstehen wenn man bedenkt wie es mir geht aber selbst ich halte das Mantra aufrecht. Sein ein MANN, weinen ist nichts für MÄNNER, wer weint trägt nen Rock etc.

Es ist "einfacher" meiner Frau gegenüber aber selbst dann bricht es eher unkontrolliert heraus und ich verstehe die heilende Kraft von weinen...wenn das nur geschmeidiger laufen würde.

Ich bin echt ein fan der #metoo Bewegung und obwohl es das von meiner Seite her nicht gebraucht hätte (weil ich immer versucht hab Frauen ebenbürtig zu behandeln...dank dafür geht an meine Frau) verstehe ich die Notwendigkeit. Sicher sind da auch genügend Feministinnen mit dabei die das als Plattform nutzen um offen zu hetzen aber im Großen und Ganzen kenn ich persönlich zuviele Männer die echt noch altmodische Ansichten haben die nicht mehr zeitgerecht sind. Aber auf der anderen Seite schwappt das alles jetzt zu extrem und ich sehe Männer dabei auf der Strecke bleiben. Weil man es eben nicht leichter hat als Mann oder spezielle Privilegien genießt....

Hmm...das geht jetzt glaub ich etwas offtopic....sorry.
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Greenfox

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Re: Gewalt gegen Männer - Gesprächsthread
« Antwort #6 am: 10. Januar 2020, 05:42:04 »

Danke! Für das Teilen Deiner Geschichte.
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Re: Gewalt gegen Männer - Gesprächsthread
« Antwort #7 am: 13. Januar 2020, 12:19:27 »

Auch von mir vielen Dank für Deinen Beitrag Hubby  44.


Es ist, so möchte ich schreiben, eine typische Geschichte.


Ich frage mich, auch aus eigener Erfahrung, inwiefern fördert dieses "falsche" Männerbild - "schwache" Gefühle unterdrücken - eine Sucht im allgemeinen und der Alkoholsucht im Besonderen?

Und: Wann denkt die Gesellschaft um?


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