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Autor Thema: Rehabilitation Dauer und worauf ist zu achten  (Gelesen 2196 mal)

Bine

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Re: Rehabilitation Dauer und worauf ist zu achten
« Antwort #15 am: 30. Juni 2019, 15:50:26 »

Hallo zusammen,

da bin ich wieder. Hab Eure Beiträge mit allen Links in der Zwischenzeit mehrfach durchgelesen, musste alles etwas setzen lassen und es hat in mir gearbeitet.

Es hat sich etwas in mir verändert. Ihr habt mir in so vielen Punkten die Augen geöffnet! Weiß gar nicht wie ich wirklich danke sagen kann.
Ich bin trocken.
Das ist aber nicht das wirklich Gute, das Gute ist: Ich will nicht trinken.
Bsp: Ich war einkaufen und erst im Nachhinein viel mir auf, dass ich am Weinregal einfach vorbeigegangen bin. Ich hab nicht mal Lust. Es gibt kurze Momente wo ich daran denke (z.B. im TV trinkt jemand etwas), aber dann ist das nur ein kurzes daran denken, kein "oh Gott, wo bekomm ich jetzt sofort etwas her".


Jetzt ist mir natürlich vollkommen klar, dass die zwei, drei Tage alkoholfreie Zeit (nach Jahren des täglichen Konsums) an sich nicht viel aussagen, ich bin auch nicht euphorisch oder naiv. Aber ich merke in mir ist etwas anders.
Ich verzichte nicht weil ich es soll, oder weil ich meine Therapeutin sagen will ich bin x-Tage ohne...nein, ich lass es einfach, weil ich es nicht möchte.

In den letzten Tagen habe ich mir meine Tage so gestalltet, dass es mir gut geht...ab morgen werde ich mit meinem "bisherigen Alltag" konfrontiert und ich bin gespannt wie es mir damit gehen wird. Aber ich habe nun ein Bewusstsein dafür und wenn ich einen Suchtdruck bekomme, weiß ich genau an welchen Situationen ich arbeiten muss (auch wenn mir vollkommen klar ist, dass das harte Arbeit ist - aber die will ich).
Mir ist ebenfalls klar, dass es Tage gibt an denen es mir grundsätzlich nicht gut geht und trocken zu bleiben eine besonders große Herausforderung ist. Das ist ein Thema, das ich mit zu meiner Psychologin nehme, bin mir unsicher was das ist (siehe mein Beitrag auch vom 27.06.)


Im Moment merke ich(und das verdanke ich EUCH!), ich brauche (im Moment) keine weitere Theapie, ich brauch keine andere Hilfe, es liegt in und an mir. Ich muss, will und werde es mir wert sein. Es ist mein Ziel, dass es MIR gut geht.

Ich habe Respekt vor vielen Situationen (Bsp. Familientreffen, Urlaub in einem schönen Hotel mit gutem Essen und "gutem Wein", Tage in einigen Wochen/Monaten an denen ich einfach Lust bekomme...), viele davon können mein neu errungenes Gefühl einstürzen lassen und es ist noch lange nichts überstanden. Aber ich versuche jetzt einen Schritt nach dem anderen. Mein Ziel ist klar!!!


(Ich benutze in dieser Nachricht mehrfach das Wort "klar" und will es auch gar nicht korrigieren, da es das perfekte Wort ist, die perfekte Metapher!)

Ich schreibe diese Nachricht nicht um mir jetzt einen "Schulterklopfer" abzuholen (hab schließlich noch nichts geleistet), ich schreibe sie um Euch zu zeigen, was Eure Nachrichten bewirken! Dankeschön für Eure Zeit,  Danke fürs Teilen Eurer Erfahrungen, die Hinweis auf Gedankenfehler meinerseits, die Wertschätzende Kommunikation, Danke fürs Mut machen und Auffangen! Würde euch gerne Blumen zukommen lassen, aber das ist mit der Anonymität etwas schwirig ;-)

Herzliche Grüße von Eurer Bine

 :heartBalloon:
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Greenfox

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Re: Rehabilitation Dauer und worauf ist zu achten
« Antwort #16 am: 30. Juni 2019, 16:13:10 »

Ich bin trocken.
Das ist aber nicht das wirklich Gute, das Gute ist: Ich will nicht trinken.
...
Jetzt ist mir natürlich vollkommen klar, dass die zwei, drei Tage alkoholfreie Zeit (nach Jahren des täglichen Konsums) an sich nicht viel aussagen, ich bin auch nicht euphorisch oder naiv. Aber ich merke in mir ist etwas anders.
Ich verzichte nicht weil ich es soll, oder weil ich meine Therapeutin sagen will ich bin x-Tage ohne...nein, ich lass es einfach, weil ich es nicht möchte.

Vielleicht/hoffentlich hat es bei Dir den berühmten "Klick" gemacht.
Ich habe früher auch oft - natürlich - vergeblich versucht, mit dem Saufen aufzuhören. es hat einfach nicht funktioniert  nixweiss0 Aber irgendwann war etwas anders - und es hat funktioniert. Sogar relativ einfach. So einfach, dass ich sogar so etwas wie Angst bekommen habe: Warum hat es denn dann nicht vorher geklappt?

Egal - ich wollte einfach nicht mehr. Es gab zwar einige heikle Momente, aber ansonsten hat es bis heute funktioniert  :)
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Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!

Dietmar

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Re: Rehabilitation Dauer und worauf ist zu achten
« Antwort #17 am: 30. Juni 2019, 20:40:50 »

Liebe Bine,

es freut mich sehr, wenn Dir unsere Beiträge einen Anstoß dazu geben konnten, Dein Konsumverhalten neu zu überdenken.
Ich nehme aber auch mit Sorge den doch plötzlichen Umschwung (Rehabilitations-Wunsch - jetzt die Problematik alleine durchstehen zu wollen) wahr.

Ich wünsche Dir von Herzen, dass es "so", wie Du es Dir vornimmst, funktioniert, und Du zu den seltenen Fällen gehörst, bei denen dieses "berühmte Klick" stattgefunden hat, und eine stabile Abstinenzphase auslösen konnte!

Egal wie's weitergeht: Du bist hier immer willkommen und erhältst Antworten!
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Bine

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Re: Rehabilitation Dauer und worauf ist zu achten
« Antwort #18 am: 30. Juni 2019, 20:59:28 »

Danke Euch beiden.

Da habe ich mich wohl falsch ausgedrückt. Ich werde meine Therapie (Psychologin) weiterhin besuchen. Ich habe noch so viele Baustellen, brauch Hilfestellungen für die "schwachen" Momente... ich weiß nur jetzt viel eher wo ich nicht weiter komme und ich ihre Unterstützung brauche. Ich habe aber nicht mehr die Erwartung, dass sie mich "heilt", ich habe verstanden, dass nur ich selbst das kann.

Das einzige was sich in den vergangenen Tagen geändert hat, ist meine Einstellung zum Trinken... aber ich hoffe und denke im Moment auch, dass das mein entscheidender Schlüssel sein kann. Ich hoffe nicht, dass ich mir was vor mache, aber im Moment scheint es wie ein weiterer Schritt.

Aber ich brauche Hilfe und die nehme ich mir auch. Vielleicht reicht das Ambulante auch nicht, aber ich habe im Moment den Mut und die Zuversicht den Weg so weiter zu gehen...

Ich wünsche Euch einen schönen Abend!
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Dietmar

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Re: Rehabilitation Dauer und worauf ist zu achten
« Antwort #19 am: 01. Juli 2019, 09:43:25 »

Guten Morgen liebe Bine,

Zitat von: “bine“
Ich habe aber nicht mehr die Erwartung, dass sie mich "heilt", ich habe verstanden, dass nur ich selbst das kann.
Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis!
Die Erfahrung in der Suchtselbsthilfe bringt es auf den Punkt: Nur Du allein kannst es schaffen – aber Du schaffst es (wahrscheinlich) nicht alleine.

Je mehr Du Dich gegenüber Deiner Therapeutin öffnest, Ihr die Punkte offenbarst, bei denen Du Dich schwach und hilflos fühlst, umso mehr kann sie Dich dabei unterstützen stark zu werden.

Zitat von: “bine“
Ich hoffe nicht, dass ich mir was vor mache, aber im Moment scheint es wie ein weiterer Schritt.
Selbst wenn Du wirklich bedauerlicherweise doch mal wieder schwach werden solltest, machst Du Dir an Deinem sehnlichen Wunsch, trocken und abstinent bleiben zu wollen, nichts vor.
Sucht ist halt so viel stärker, wie alles was wir an guten und ehrlichen Vorsätzen kennen.
Was dann noch fehlt, das ist die richtige Strategie, mit der Du aufkommenden Suchtdruck entgegentreten kannst.

Weil ich selbst meine Erfahrungen mit diversen Therapien und Therapeuten, Psychologen und Psychiater machen musste, möchte ich Dir noch etwas mit auf den Weg geben.
Sucht, hier eben Alkoholismus, ist sehr speziell. In fast keinem Bereich der psychischen und physischen Störungen gibt es mit der Selbsthilfe so große Erfolge, wie bei Alkoholismus.
Das hat damit zu tun, dass in den Selbsthilfegruppen „geballte und sehr unterschiedliche Eigenerfahrungen“ vorzufinden sind. So können die Teilnehmer aus einem großen Pool an Erfahrungen, das für sich Richtige herausfischen und mitnehmen.

Ich möchte damit keineswegs Deiner Therapeutin die Qualifikation absprechen oder schlecht reden!
Aber die Psychologie ist halt – weil es sich dabei um menschliche, höchst unterschiedliche Probleme handelt – riesengroß und ganz unterschiedlich ausgerichtet.
Wenn Du schreibst, „ich brauche Hilfe, und die nehme ich mir auch“, dann möchte ich Dich dazu ermuntern: Nimm so viel wie möglich mit! Nimm alles, was angeboten wird! Du wirst das niemals bereuen!
Gespeichert

Gerchla

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Re: Rehabilitation Dauer und worauf ist zu achten
« Antwort #20 am: 01. Juli 2019, 11:53:13 »

Guten Morgen Bine,

also, das liest sich für mich sehr gut. Ein wenig fühle ich mich an meine damalige Situation erinnert. Ich schrieb ja schon häufig, was bei damals "abgelaufen" ist. Was ich damals als ganz stark empfunden habe, war dieses Gefühl zu wissen, dass ich nicht mehr trinken möchte. Und das ich bereit bin alles dafür zu tun um das zu schaffen. Ich hatte eine große Zuversicht, die ich z. B. auch durch meine ganzen Aktivitäten gewonnen habe. Mit Aktivitäten meine ich, dass ich richtig aktiv wurde was die Bekämpfung meiner Sucht betraf. SHG war eine, Psychologe war eine andere, mich Outen und mich z. B. mit meinem besten Freund intensivst austauschen wieder eine andere. Und dann natürlich der Mönch.

Für mich war es entscheidend, dass ich all diese Dinge gemacht habe. Dann sie halfen mir, meinen Weg zu finden. Immer und immer wieder konnte ich korrigieren, begann langsam mehr und mehr zu verstehen.

Ich denke, ganz wichtig ist, dass man über die Aufarbeitung lernt /erkennt, wie sich die Sucht in einem manifestieren konnte. Um so genau diese Trigger künftig auszuschließen bzw. sollten sie mal auftreten, sie "beherrschen" zu können.

Am Ende dieses langen Prozesses steht meiner Meinung nach dann das Ziel ein (wirklich!) zufriedenes Leben (gerne auch ein glückliches Leben) zu führen. Denn ich glaube, wenn man es schafft mit seinem Leben zufrieden zu sein, also so richtig zufrieden, dann fällt der Grund Alkohol trinken zu wollen weg. Das ist m. E. ein lebenslanger Prozess der nie endet und der viel Aufmerksamkeit sich selbst gegenüber erfordert. Denn, so ein Leben ist eben ein Leben. Und zwar mit allen Unwägbarkeiten - positive wie auch negative. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich immer wieder mal an einen Punkt komme, wo ich eine Entscheidung für mein weiteres Leben treffen muss - mal eine eher kleine, manchmal auch eine große. Und genau hier geht darum auf sich zu achten, Prioritäten zu setzen, im Gleichgewicht zu bleiben.

Denn, worüber man sich natürlich immer im Klaren sein muss: Nur weil man es jetzt geschafft hat vom Alkohol weg zu kommen, packt einem das Leben nicht in Watte. Es passiert alles so, wie es passieren soll. Die alkoholbedingt selbst herbeigeführten Katastrophen fallen natürlich weg. Mit anderen negativen Einschlägen müssen wir umgehen wie jeder andere Mensch auch. Und genau da halte ich es für besonders wichtig darauf zu achten, immer im Gleichgewicht zu bleiben. Und ich glaube wirklich, dass wir gerade durch unsere Sucht hier sogar eine spezielle Chance haben.

Nämlich die Chance, ein besonderes Bewusstsein zu entwickeln, das gestärkt wird durch die oft sehr sehr tiefgründigen und negativen Erfahrungen / Erlebnisse die wir während unserer nassen Zeit gemacht haben.

Und was ich noch sagen möchte: Es sind nicht immer die großen Einschläge im Leben, die am gefährlichsten sind. Ich halte "ein sich aus den Augen verlieren", das Einschleichen einer "irgendwie ist alles blöd und ich weiß nicht warum"-Stimmung (weil eigentlich gehts mir doch gut) für oft viel gefährlicher! Große negative Ereignisse, wie z. B. der Tod eines lieben Menschen, kann man aufarbeiten, ggf. auch mit Hilfe von außen - eine "eigentlich passt doch alles und trotzdem fehlt mir was" Stimmung hingegen ist viel schwerer zu greifen. Da muss man sich schon sehr gut kennen und sich sehr intensiv mit sich selbst auseinander setzten.

Ok, jetzt bin ich leicht ins Philosophische abgeglitten  ;D

Ich habe mich jedenfalls sehr über Deine Rückmeldung gefreut. Bleib dran! Arbeite auf, auch wenn's manchmal weh tut. Jedoch lernst Du dabei auch ganz viel über Dich selbst und es kann sehr sehr erfüllend und spannend sein. Und, wann immer Dir danach ist, teile Deine Erfahrungen hier mit  uns. Und wenn Du uns brauchst, dann weißt Du ja wo wir sind.

LG
gerchla

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Greenfox

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Re: Rehabilitation Dauer und worauf ist zu achten
« Antwort #21 am: 01. Juli 2019, 13:59:59 »

Da habe ich mich wohl falsch ausgedrückt. Ich werde meine Therapie (Psychologin) weiterhin besuchen.
...
Das einzige was sich in den vergangenen Tagen geändert hat, ist meine Einstellung zum Trinken...
...
Aber ich brauche Hilfe und die nehme ich mir auch. Vielleicht reicht das Ambulante auch nicht, aber ich habe im Moment den Mut und die Zuversicht den Weg so weiter zu gehen...

So hatte ich Dich auch verstanden.
Und ich freue mich - für Dich  44. :D

Und wie Dietmar schon schrieb:
Ich habe aber nicht mehr die Erwartung, dass sie mich "heilt", ich habe verstanden, dass nur ich selbst das kann.

Das ist so ziemlich die wichtigste Erkenntnis, die am Anfang des Weges liegt (nach der Erkenntnis, dass man ein Alkoholproblem hat/Alkoholiker*in ist): Es gibt keinen Knopf, keine Pille, keine Salbe, keine Kur, die die Sucht in den Mülleimer der Geschichte schiebt. Wir müssen selbst, aktiv, etwas dagegen tun! (Siehe auch das Zitat in meinem Nachsatz  ;) ).

Und dafür wünsche ich Dir auch weiterhin viel Kraft!

Gruß
Greenfox
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