Alkoholforum - Für Betroffene, Angehörige und Interessierte

Bitte loggen sie sich ein oder registrieren sie sich.

Einloggen mit Benutzername, Passwort und Sitzungslänge
Erweiterte Suche  

Neuigkeiten:

Willkommen im Alkoholforum.

Autor Thema: Wie verhalten sich Angehörige richtig ?  (Gelesen 18799 mal)

Pyrophoric

  • Vollmitglied
  • *
  • Beiträge: 24
Wie verhalten sich Angehörige richtig ?
« am: 21. Juni 2019, 23:22:18 »

Ich bin gerade ziemlich am verzweifeln..

Mein Mann und ich arbeiten zusammen in unserer eigenen Firma. Er hat die meiste Verantwortung und sagt mir auch oft, dass ihm das alles zu viel ist aber da es sehr gut läuft, will er es auch nicht aufgeben.

Da er seit dem letzten Jahr immer öfter als einen Rausch hat (fast jedes Wochenende inzwischen, so sehr, dass er oft spuckt) ist es für mich offensichtlich geworden.

Am Anfang meinte er immer er sei nicht süchtig, er trinke ja nur hin und wieder um die Probleme bzw. die Gedanken im Kopf von der Arbeit abzustellen. Er sagt, er weiß, dass sei nicht die richtige Lösung.

Eigentlich sind wir jetzt auch schon zwei Jahre verheiratet und wir hätten beide gerne ein Kind.
Er sagt dann auch, dass er dann mehr ein Sinn im Leben sehen würde und gar nicht mehr weggehen wolle, um mit Freunden zu trinken.. aber ich habe so große Angst davor, dass er das nicht ändern wird.
Und wenn ich ihm meine Ängste sage, sagt er mir, ich glaube nicht an ihn. Er hätte mit dem Rauchen auch alleine aufgehört und je mehr ich ihn bitte nicht zu trinken, umso mehr trinkt er.

Er sagt, ich würde ihm jetzt zu der Arbeit zusätzlich Druck machen, weil ich meinte, alles was ich mir wünsche ist, dass er kein Alkohol trinkt.

Und heute ist es wieder eskaliert. Wir waren auf der Arbeit, er blieb länger.. kam nach Hause und sagte mir, ich solle nicht böse sein. Er hätte wieder getrunken.
Ich hab ihm dann gesagt, ich weiß nicht mehr wie ich mich verhalten soll.
Weil er erwartet von mir, dass ich ihm paar Monate Zeit geben soll - ohne Druck - und er würde selbst aufhören- und wenn ich ihm sage, dass er das nicht so einfach selbst abstellen kann, sagt er Beil Rauchen hätte es ja auch geklappt.

Ich hab das Gefühl er benutzt mich nur aus Ausrede. Er sagt, je mehr Druck ich ihm mache aufzuhören, desto eher trinkt er. Es ist inzwischen wie ein Teufelskreislauf. Und dann versuch ich stark zu sein und nicht zu meckern, wenn er wieder ein Taxi braucht, um heimzukommen.. aber durch mein „nicht meckern, ist es genauso schlimm.

Versteht hier jemand was ich meine ?
Wenn ich seinen Vorschlag richtig verstehe, soll ich ihn mal machen lassen, paar Monate kommentarlos zusehen und er würde dann nichts mehr trinken.

Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass es funktioniert. Denn ich habe auch schon oft genug nichts zu seinen Eskapaden gesagt und sie kamen auch ohne mein meckern über den Alkohol wieder.

Ich weiß einfach nicht mehr wie ich verhalten soll, denn alles scheint falsch zu sein.
Und wenn ich ihm sage er braucht Hilfe, unsere Beziehung macht nur Sinn, wenn er sich hilft holt, sagt er, ich belaste ihn zusätzlich zur Arbeit noch mit diesem Druck.
Warum ich ihm nicht vertraue und mal machen lasse.

Ich bin einfach so am Ende und weiß nicht mehr weiter.

Geht es jemanden ähnlich ?
 
Gespeichert

Pyrophoric

  • Vollmitglied
  • *
  • Beiträge: 24
Re: Wie verhalten sich Angehörige richtig ?
« Antwort #1 am: 22. Juni 2019, 00:17:12 »

Ich weiß nicht mehr wie ich mich verhalten soll.

Ich habe schon von co-Abhängigkeit gelesen. Und seine Forderung, dass ich nicht meckern solle, wäre doch schon so etwas, oder ?

Ist es falsch von mir, ihm immer wieder zu sagen, dass nur ein Entzug Sinn macht ?
Ich hatte schon gesagt, dass ich keine Zukunft darin sehe, wenn er sich keine Hilfe sucht.
Und obwohl er selbst schon gesagt hat, er braucht Hilfe, weil er wenn er anfängt zu trinken, nicht weiß wie er aufhört, sucht er sich doch keine.

Ich habe schon überlegt mich zu trennen, mit der Forderung, dass wir es erst weiter probieren, wenn er Hilfe sucht.

Aber wenn ich ihn verlasse, trinkt er sicher erst recht noch viel mehr?! Und gibt mir wieder die Schuld für den zusätzlichen Druck / Stress.

Was würdet ihr denn tun ?

 



Gespeichert

Dietmar

  • Gast
Re: Wie verhalten sich Angehörige richtig ?
« Antwort #2 am: 22. Juni 2019, 00:38:21 »

Hallo und willkommen im Forum, Pyrophoric!

In Deutschland gibt es ca. 2 Millionen formal erfasste Alkoholabhängige. Realistische Schätzungen der Suchtfachleute gehen davon aus, dass es deswegen mindestens 8 Millionen sogenannte Co-Abhängige gibt.

Du bist also keineswegs alleine in der Situation als angehörigen Partnerin eines sucherkrankten Partners. Die Verzweiflung, angesichts dem Erkennen der eigenen Hilflosigkeit, ist bestimmt bei allen liebenden Partner*innen sehr ähnlich.
Ob Du aber allein mit der Situation sein willst, kannst nur Du selbst entscheiden!
Hilfsangebote, das siehst Du u.a. an dem niederschwelligen Angebot dieses Forums, gibt es bei den Suchtberatungen (Caritas, Diakonie), und in Form von Selbsthilfe in den Selbsthilfegruppen für Angehörige.

Grundsätzlich kann ich Dir schreiben: Hätte Dein Mann kein manifestiertes (sichtbar gewordenes, nicht mehr zu verbergendes) Suchtproblem, dann würde er mit dem Alkoholkonsum unverzüglich aufhören können.
Aber um es auch klar zu benennen: Das ist sein Problem!
Dein Problem ist die Mitgefangenheit und Mitverstrickung, die sich jetzt immer stärker herausstellen wird, in seine Sucht.

Wie Du in zahlreichen Berichte von Angehörigen und Suchtkranken hier im Forum lesen kannst, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Deine Situation – und natürlich auch die Deines Mannes – noch drastisch verschlimmern wird, sehr realistisch.
Du hast jetzt die große Chance, aufgrund des Erkennens der Situation, etwas für Dich zu tun – und damit Deinem Mann zu helfen, seine Suchtkarriere (so sagt man dazu) abzukürzen. Wenn er das noch kann, und wenn die Sucht ihn nicht viel stärker in Besitz genommen hat, als es Deine Liebe jemals konnte.
Im anderen Fall, nämlich wenn Du nichts für Dich tuest, wirst Du und Eure Partnerschaft durch die Symbiose von Sucht und Co-Abhängigkeit schwer beschädigt werden. Du hilfst Deinem Mann auf jeden Fall überhaupt nicht, wenn Du - wie er vorschlägt - abwartest und still hältst!

Die Verlagerung der Trinkgründe auf die Partnerin („ich trinke, weil Du mir Druck machst - …weil ich mit dem Stress nicht klar komme … weil ich was zum Einschlafen und Abschalten brauche“ usw.) ist die Regel, wenn der Suchtkranke selbst erkannt hat, dass er ohne Alkohol gar nicht mehr richtig funktionieren kann.
Aus eigener leidvoller Erfahrung mit meiner Sucht, aber auch als Freund und Angehöriger in meinem Engagement in der Suchtselbsthilfe wünsche ich Dir, dass Du jetzt konsequent für Dich etwas machst!
Wie es dann mit Euch weitergehen kann, wird sich aufgrund Deiner Lernschritte (ggf. auch mittels ambulanter Therapie bei der Suchtberatung) herausstellen.
Gespeichert

Pyrophoric

  • Vollmitglied
  • *
  • Beiträge: 24
Re: Wie verhalten sich Angehörige richtig ?
« Antwort #3 am: 22. Juni 2019, 01:47:31 »

Vielen Dank für Deine Antwort.

Ich fühle mich schon weniger allein !

Ich werde mir auf jeden Fall Hilfe suchen, weil ich nun merke, dass ich darüber reden muss.

Es ist wirklich schwer zu beschreiben wie hilflos ich mich fühle.

Und es tut so weh, zu hören, dass meine Hilfeschreie ihm gegenüber ihn nur noch mehr dazu treiben würden.
Ich denke ich bin mittlerweile soweit, dass ich gar keine Zukunft mehr darin sehe.

Auch seine Erklärungen ergeben für mich keinen Sinn. Wenn wir mit Freunden unterwegs sind, die genauso extrem viel trinken wie er sagt er, wir sollten ein Baby haben, dann tut er sowas gar nicht mehr.

Aber weißt du was ich denke ? Er würde dann zu Hause seinen Wein bei seiner Familie aufmachen und sich in den Schlaf trinken.

Es klingt traurig. Aber ich denke langsam verstehe ich es erst. Egal, wie ich es drehe oder wende - ohne Hilfe gibt es kein UNS mehr.

Denn wie du schon sagst, er hat es nicht selbst unter Kontrolle, sonst hätte er es schon längst aufgegeben.

Er wird auch richtig wütend, wenn ich ihm widerspreche.. denn er meint, wenn er wieder viel Sport machen würde, dann würde es sein Stress kompensieren. Ich glaube daran nicht.
Und wenn ich das ehrlich sage, bin ich die Böse, die nicht an ihn glaubt.

Ich bin es leid, mit ihm über seinen Konsum zu streiten. Ich kann einfach nicht mehr :-(
Und irgendwie fühle ich mich schlecht, weil ich mich trennen möchte, wenn er sich keine Hilfe sucht.

Aber alles andere ergibt für mich keinen Sinn mehr :(




Gespeichert

Dietmar

  • Gast
Re: Wie verhalten sich Angehörige richtig ?
« Antwort #4 am: 22. Juni 2019, 13:00:19 »

Liebe Pyrophoric,

Alkoholismus wird zu Beginn einer „Alkoholkarriere“ meist auch von den Angehörigen völlig unterschätzt.
Ich kenne tatsächlich keinen einzigen Lebens- und Daseinsbereich, in den die Sucht nicht eingreift, und bei einer Eskalation sogar darüber schließlich komplett bestimmt.

Die meisten Alkoholiker, einschließlich mir selbst, haben sich anfangs, als vage die Erkenntnis in ihnen reifte, dass ihr Alkoholkonsumverhalten nicht mehr „normal“ ist, an die Hoffnung geklammert, sie könnten das Problem mit einer Reduktion oder gelegentlichen Konsumpausen aus der Welt schaffen.
Tatsächlich ist das vielen sogar zeitweise möglich, was diese Hoffnung noch trügerischer macht.

Angehörigen geht es auf dem Weg des Erkennens, dass eine Sucht vorliegt, nicht viel anders. Logisch – wer möchte schon einen Partner, der Alkoholiker ist? Man hat sich in Zeiten kennen und lieben gelernt, in denen der Alkohol keine dominierte Rolle spielte.
Und dann nimmt der Alkohol, richtiger geschrieben „die Sucht“, all das weg, was man am Partner liebt, und weswegen man seine ganze Zukunft auf ihn gebaut hat.
Da bricht eine Welt zusammen.

Da die Sucht den Süchtigen „dirigiert“ und gravierende Auswirkungen auf seine gesamte Wahrnehmung hat, sowohl emotional als auch rein physisch, ein Süchtiger aber in der eigenen hilflosen Situation von „den Hilfeschreien“ der Partner*in völlig überfordert ist, führen diese gutgemeinten, aber leider i.d.R. eher kontraproduktiven Motivationsversuche aller Erfahrung nach genau ins Gegenteil. Der Suchtmittelkonsum wird verheimlicht, es wird „getürkt“, getäuscht und getrickst, und aufgrund der immer enger werdenden Freiräume des Süchtigen, die er für einen einigermaßen abschätzbaren Konsum benötigt, kommt es zu sogenannten Sturztrunken und zu sehr plötzlichen und unkontrollierten Rauschzuständen.
(Berichte von Betroffenen, die dazu dann mal schnell unter Vorwänden in den Keller oder die Garage gingen, kannst Du hier im Forum lesen.)

Es ist nicht so, dass irgendjemand absichtlich und bewusst süchtig wird. Ich zumindest habe noch nie Betroffene kennengelernt, die sich ganz bewusst auf dieses Wagnis einließen. Die Sucht kommt für sie genauso heimtückisch und hinterrücks, wie für die Angehörigen.
Beide Seiten sind dann zunächst einmal völlig hilflos. Schließlich betrifft es ein „Konsummittel“, das in unserer Gesellschaft zur Normalität gehört, und gern und oft zu fast jedem Anlass angeboten wird.
Wer dann mit dem Suchtmittel nicht klarkommt, der wird zum Außenseiter. Auch heute noch geistert in den Köpfen herum, dass Alkoholiker willenlose Menschen sind. Versager, die es nicht fertigbringen, mit dem gesellschaftlich allgegenwärtigen Gift umzugehen.

Den Angehörigen geht es genau gleich. Sie wissen um „diesen Makel“, versuchen anfangs meist zu verheimlichen, und sich genauso wie der Süchtige zurückzuziehen, um Fragen auszuweichen. Sie lügen für den Partner, den sie ja lieben, und sie wollen ihn beschützen. Viele tappen sogar anfangs in die Falle des Süchtigen, der sehr erfinderisch ist, beim Finden für Gründe die sein Trinkverhalten erklären sollen.

In einem anderen Thread hier geht es derzeit u.a. darum, dass Co-Abhängigkeit allgegenwärtig ist. Also nicht nur in Beziehungen zu Süchtigen. Die Co-Abhängigkeit kann viele Gesichter haben.
Nur: Meist macht sich darüber überhaupt niemand Gedanken, weil die Auswirkungen dieser „gesellschaftlichen Co-Abhängigkeit“ keinen, oder zumindest keinen gravierenden, erkennbaren Schaden anrichtet.
In einer Beziehung, die von der Sucht tangiert ist, werden dann plötzlich alle Auswirkungen und Beschädigungen durch die Co-Abhängigkeit ungeschminkt erkennbar.

Es ist unter Betroffenen, sowohl unter den trockenen Alkoholikern, als auch unter den genesenden Co-Abhängigen, immer wieder ein heiß diskutiertes Thema, wie die angehörigen Partner*innen mit dem Beziehungsproblem umgehen sollen. Eine Fraktion rät aufgrund ihrer Erfahrungen, konsequent zur Trennung.
Ich gehöre eher zu der Fraktion an, die dafür plädiert, das Kind nicht gleich mit dem Bad auszuschütten.
Natürlich sprechen die realen „Erfolgszahlen“ mehr dafür, dass ein Erfolg sehr schwer zu erringen ist, und nur dann, wenn beide Seiten das wollen und konsequent und geduldig etwas für sich tun. Unabhängig von einander!

Alkoholismus und Co-Abhängigkeit sind keine Krankheiten, die man „nebenher“ zum Stillstand bringen kann. Eine Genesung erfordert höchsten Einsatz und verlangt richtig harte Arbeit an und mit sich.
Es klingt zunächst widersprüchlich, wenn ich Dir schreibe, dass Du Dich jetzt ganz auf Dich und Deine Verstrickung in die Sucht Deines Mannes, vor allem aber auf Deine eigene Sucht, eben die Co-Abhängigkeit konzentrieren solltest.
Aber, wenn man das treffende Beispiel eines Nichtschwimmers nimmt, der am Ertrinken ist, und zu dessen Rettung sich ein weiterer Nichtschwimmer mit in die Fluten stürzt, dann leuchtet das schnell doch ein.
Solange Du mit Deiner Betroffenheit (der Co-Abhängigkeit) nicht so umgehen kannst, dass Du Dich selbst retten kannst, wirst Du mit hoher Wahrscheinlichkeit vom süchtigen Partner „mit hinunter gerissen“.
Gespeichert

Greenfox

  • Administrator
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 4600
Re: Wie verhalten sich Angehörige richtig ?
« Antwort #5 am: 23. Juni 2019, 10:09:15 »

Hallo, Pyrophoric!

Herzlich Willkommen hier im Forum  :welcome:

Erstmal kurz zu mir: Ich bin m, 56, Alkoholiker und nun schon einige Jahre trocken.

Die "Argumente" Deines Mannes kenne ich zur Genüge - teils noch von mir, teils aus vielen Gesprächen mit anderen Betroffenen und Angehörigen.

Natürlich würde viel Sport seinen Stress kompensieren, und natürlich könnte er jederzeit mit dem Trinken aufhören - aber es gibt immer wieder so viel mehr Gründe, gerade jetzt NICHT damit anzufangen. Ein Hauptgrund dafür ist natürlich der Druck, den Du ihm machst. Sorry, ich meinte natürlich, dass Du ihm keinen Druck machst.
Egal - Schuld hat jedenfalls nicht er ...

Es klingt traurig. Aber ich denke langsam verstehe ich es erst. Egal, wie ich es drehe oder wende - ohne Hilfe gibt es kein UNS mehr.

Denn wie du schon sagst, er hat es nicht selbst unter Kontrolle, sonst hätte er es schon längst aufgegeben.

...

Und irgendwie fühle ich mich schlecht, weil ich mich trennen möchte, wenn er sich keine Hilfe sucht.

Aber alles andere ergibt für mich keinen Sinn mehr :(

Warum fühlst Du Dich schlecht, weil Du Dich trennen möchtest, wenn er sich keine Hilfe sucht. Ich glaube Deinen Schilderungen entnehmen zu können, dass Du Dich wesentlich schlechter fühlen wirst, wenn Du Dich NICHT trennst (wenn er sich keine Hilfe sucht).

Hast Du schon mal daran gedacht, eine SHG für Angehörige zu (be)suchen und Dich dort mit anderen Menschen direkt auszutauschen? Ich würde es an Deiner Stelle mal in Erwägung ziehen ...

Gruß
Greenfox
Gespeichert
Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!

Pyrophoric

  • Vollmitglied
  • *
  • Beiträge: 24
Re: Wie verhalten sich Angehörige richtig ?
« Antwort #6 am: 11. Dezember 2019, 01:20:47 »

ich dachte wirklich er hatte mit allem Recht.. kurz nach diesem Thread im Juni von mir hat er komplett aufgehört zu Trinken und ich dachte fast wir hätten es geschafft. Vier Monate hatte er es ausgehalten komplett ohne Alkohol und seitdem ist alles so wie es schon vorher war...
wie ihr hier schon beschrieben habt, ist es jetzt noch tückischer, weil er denkt er hat es im Griff.

Ich sehe das aber ganz und gar nicht so und wieder bin ich es, die nicht an ihn glaubt - aber wie könnte ich das? Wenn er trinkt bis er kotzt und am nächsten Tag wie ein Toter rumliegt? Ich bin inzwischen soweit, dass ich es nicht mehr ertrage..
Das schlimme ist, dass ich auch bei seinem Freundeskreis sich nur Leute befinden, die extrem viel trinken. Ich fühle mich regelrecht als Außenseiter. Von all diesen Leuten wird mich keiner verstehen, wie ich mich fühle, wenn ich sehe, wie mein Mann ein Glas nach dem anderen trinkt.. ICH WÜRDE GERNE AUFSTEHEN UND LAUT SCHREIEN und einfach davonlaufen. Ich habe wirklich versucht, ihn einfach mal machen zu lassen, weil er ja immer noch die gleiche Ausrede parat hat, dass wenn ich mecker, er nur noch mehr trinken möchte. Aber da gibts kein Unterschied. Er kennt kein Maß. Das hat nichts mit mir zu tun.
Am Freitag habe ich schon zu einer Weihnachtsfeier nicht mehr begleiten wollen, weil ich genau wusste, wie das mit seinen Freunden endet. Und da hats bei mir schon Alarmstufe rot geschlagen. Jetzt meide ich sogar schon seine Anwesenheit, weil ich ihn betrunken nicht mehr sehen kann. Und dennoch zerreißt es mir das Herz. Ich habe mich wirklich noch nie so hilflos gefühlt. Ich kann ihm einfach nicht mehr helfen, es einfach nicht mehr mitansehen. Und heute? Heute sind wir zusammen im Kurzurlaub am Bodensee... er sitzt unten mit seinen Freunden und trinkt und ich bin hoch ins Zimmer und habe meine Sachen zusammengepackt und nach einem Taxi recherchiert. Aber leider fährt gar kein Zug mehr. Heute ist Tag X, an dem meine Welt zusammengebrochen ist, und ich weiß, dass ich nicht mehr mit ihm zusammensein kann, dabei liebe ich den Menschen über alles. Aber ich kann es einfach nicht mehr mitansehen. Es fühlt sich an, wie mein eigener Tot auf Raten. Das kann ich mir nicht antun.
Gespeichert

Susanne68

  • Vollmitglied
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 887
Re: Wie verhalten sich Angehörige richtig ?
« Antwort #7 am: 11. Dezember 2019, 11:32:27 »

Guten Morgen

Ich habe wirklich versucht, ihn einfach mal machen zu lassen, weil er ja immer noch die gleiche Ausrede parat hat, dass wenn ich mecker, er nur noch mehr trinken möchte.

ich kenne beide Seiten, bin als Kind eines  trinkfreudigen Elternpaares aufgewachsen und habe selbst lange getrunken. Meine Mutter hat gerne einen gezwitschert, aber "richtig" getrunken hat mein Vater und es kam deswegen zwischen den beiden auch oft zum Streit. Wobei sie die bürgerliche Fassade immer aufrecht erhalten konnten, aber hinter den Kulissen sah es anders aus. Ich habe Partnerschaften für den Alkohol einfach sausen lassen, trinken war mir wichtiger, und mit meinem jetzigen Partner habe mich ebenfalls ewige Zeiten drum gestritten. Als wir zusammenkamen, hatte ich eine gemässigtere Phase, aber getrunken habe ich schon vorher, nur konnte ich natürlich auch mit Problemen in der Partnerschaft, die unweigerlich kamen, nicht umgehen. Und ansonsten wie bei Deinem Mann, wegen Stress, wegen meiner Unzufriedenheit, wegen Feiern, wegen Erfolgen, wegen Niederlagen, wegen Freunden, im Urlaub, das ganze Programm.

Wir waren auch schon mal getrennt, und das habe ich gebraucht, damit ich ungebremst genug trinken konnte, bis ich an meine eigenen Grenzen gestoßen bin. Als ich dann ganz aufgehört habe, kamen wir wieder zusammen. Aber da war ich auch erst mal mit mir selbst beschäftigt und es war gut, das mein Partner da gerade auch genug hatte und sich mehr mit seiner eigenen Coabhängigkeit beschäftigt hat als mit mir. Ich glaube wir wären sonst aus der Verstrickung nicht rausgekommen und ich hätte vielleicht auch nie das Gefühl bekommen, dass ich ja hauptsächlich wegen mir und meiner Gesundheit und meinem Leben aufhöre, es wäre immer das Gefühl geblieben ich machs wegen ihm und das hätte definitiv nicht gereicht. Bei der nächsten Beziehungskrise wäre das viel zu brüchig gewesen, und die kam so sicher wie das Amen in der Kirche, weil wir beide auf dem Zahnfleisch gingen und ziemlich unausgeglichen waren und man muss dann auch erst wieder zusammenfinden und das kann ein mühsamer Prozess sein. Nur weil dann einer das Trinken aufhört ist noch längst nicht wieder alles in Butter, viele trennen sich auch erst dann.

Ich habe auch Trinkpausen gemacht und war deswegen überzeugt dass ich es im Griff habe. Anderseits habe ich sie auch mit gutem Grund gemacht, denn wenn Du nicht das Gefühl hast, das Du die Kontrolle sonst verlierst, brauchst Du auch keine Kontrollversuche. Also eigentlich ist man da schon mittendrin.
Mir war aber jeder halbwegs plausible Grund recht, damit ich trinken konnte. Und das, was Du da schreibst, mit dem meckern, das war für mich ein plausibler Grund. Es gab natürlich auch tausend andere Gründe, die ich gerne genommen habe. Mehr zu trinken ist aber natürlich auch ein gutes Mittel, um den meckernden Partner, der sich über die Sauferei aufregt, zu ärgern. Man weiss, dass es den Partner ärgert, und wenn der meckert und man sich selbst ja auch darüber ärgert, das der meckert, dann säuft man halt noch einen extra, weil man ganz genau weiss das sich der Andere drüber aufregt. So war ich jedenfalls gestrickt, grade aus Trotz noch mehr getrunken.

Anderseits, wenn ich es dann wirklich mal  angegangen bin, weniger zu trinken, dann ging das eine Weile gut, aber dann hat mir der Alkohol doch wieder gefehlt und ich wollte "wenigstens mal ein bisschen" -  hatte mir ja selbst bewiesen, dass ich es im Griff habe und so fing es wieder an. Ich hatte dabei viele Jahre lang das Gefühl, wenn ich gar nie mehr was trinke, nicht mal ab und an richtig betrunken bin, dann fehlt mir das so sehr, dass mein Leben völlig sinnlos ist. Ich hatte auch immer wieder gemäßigtere Zeiten, aber ab und an brauchte ich das einfach, die Sau rauszulassen, ich bin sonst nicht klar gekommen. Und mit der Zeit wurde es nach den Pausen schlimmer, ich hab nachgeholt, was ich mir verkniffen hatte.
Ich hatte das Gefühl, wenn ich ganz aufhöre, kann ich mir gleich einen Strick nehmen und mich im Dachstuhl damit aufhängen. Erst als ich dann "genug" getrunken hatte, war dieses Gefühl plötzlich weg und ich konnte mir überhaupt vorstellen, es "ohne" zu probieren.

Da stehst Du als Partner aber auf verlorenem Posten daneben, denn bis das dann mal reicht, hatte ich ja nicht mal selbst in der Hand und bei vielen passiert das ja nie. Von aussen ging das nicht mit Liebe, nicht mit Hass und auch nicht mit Argumenten. Mein Vater hat bis zu seinem Tod nie aufgehört, meine Eltern haben sich nach 30 oder 31 Jahren Ehe scheiden lassen, weil es nicht mehr ging, für ihn machte es keinen Sinn aufzuhören und damit ist er sicher Teil der Mehrheit. Und das ist eben der wesentliche Punkt, neben so jemandem kannst Du Dein Leben komplett in die Tonne treten, da Du ja komplett auf das angewiesen bist, was sich bei dem tut und Du Dich von seiner Entwicklung völlig abhängig machst. Du bist damit auch nicht mehr freier als er. Gut, es gab trotzdem ordentlich Zugewinn und das wäre bei Euch ja vielleicht genau so, das Du ja wenigstens finanziell was mitnehmen könntest.

Als sich mein Partner dann endlich getrennt hat, weil er es nach Jahren nicht mehr ausgehalten hat, war das für mich dann erst mal der Freifahrtschein, endlich mal wieder sturmfreie Bude, musste ich mich wenigstens gar nicht mehr beherrschen. Ich habe das gebraucht, damit ich überhaupt mal selbst merke, was los ist, und wie weit ich selbst die Kontrolle schon verloren hatte, auch ohne Druck von aussen. Oft ist es nämlich so, das Alkoholiker innerlich so mit dem Partner um den Alkoholkonsum ringen - auch unbewusst, wenn man grade nicht drüber streitet - dass sie erst mal vor dem Partner kapitulieren müssten (müssten ihm ja in seinem jahrelangen Gemecker und seiner Kritik recht geben) , bevor sie vor sich selbst zugeben können, das sie den Alkohol nicht mehr im Griff haben, ein doppelte Niederlage also, was es nicht gerade einfacher macht.

Ich will an dieser Stelle mal kurz den Satz loswerden, dass ich mit jemandem, der vorgeblich wegen Stress trinkt, niemals ein Kind haben wollte, denn das Kind ist ja Stress pur und dass deswegen so jemand aufhört, kannst Du Dir in die Haare schmieren. Er würde er sich vielleicht bemühen, wenn Du Glück hast, aber irgendwann würde er die Zügel wieder schleifen lassen und dann wäre es noch schlimmer. Mir selbst hat es gar nicht gut getan, das mein Vater im angetrunkenen Zustand ausgerastet ist und seine Wut am mir ausgelassen hat, mir hat auch das Gejammer meiner Mutter und ihre Anklagen gegenüber meinem Vater nicht gut getan, anderseits hat sie ihn dann wieder in Schutz genommen, ich konnte das überhaupt nicht einordnen, hatte lange Angst nach Hause zu kommen und wollte nur noch weg von da. Und ich bin selbst sehr froh, dass unter meiner Sucht kein Kind leiden musste - Partner können gehen, wenn sie sich dazu durchringen, Kinder können das nicht und sind so einem Elternhaus ausgeliefert. Und ich hätte mich damals, als in im "richtigen Alter" für Kinder war, auch nicht ändern können oder wollen, im Rückblick betrachtet. Und die Welt da draussen ist heutzutage sicherlich nicht so, dass ein Kind dafür einen schlechten Start braucht.

Gruß Susanne
Gespeichert

Greenfox

  • Administrator
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 4600
Re: Wie verhalten sich Angehörige richtig ?
« Antwort #8 am: 11. Dezember 2019, 13:17:32 »

Oh man, es tut mir leid, das lesen zu müssen. Eigentlich tut es mir immer doppelt leid: zum Einen wegen der traurigen Geschichte an sich, und zum Anderen wegen der immer wieder doch großen Vorhersehbarkeit  :'(

Aber leider fährt gar kein Zug mehr. Heute ist Tag X, an dem meine Welt zusammengebrochen ist, und ich weiß, dass ich nicht mehr mit ihm zusammensein kann

Und wenn Du Dich mit dem Taxi erstmal in einen Nachbarort mit Bahnanschluß fahren lässt und Dich dort für eine Nacht in einem Hotel einquartierst, bis eine Zugverbindung besteht? Also einfach die von Dir beschlossene Trennung auch wirklich vollziehen - sozusagen auch offiziell für Dich. Und im Handy würde ich ihn erstmal blockieren, bis Du Dich stabilisiert hast ...

Nun ist es schon 12 Stunden seit Deinem Eintrag her, wie ich gerade erst sehe (sollte mal meine Brille putzen). Wie hat sich die Situation seither entwickelt? Bist Du nun trotzdem weggefahren?

Es ist doch immer wieder traurig, was die Sucht einerseits zwar bei den Betroffenen anrichtet, aber hauptsächlich bei den Angehörigen/Familien ...


Gespeichert
Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!

Susanne68

  • Vollmitglied
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 887
Re: Wie verhalten sich Angehörige richtig ?
« Antwort #9 am: 11. Dezember 2019, 13:26:56 »

Ich weiss nicht so genau.

Hab vor langer Zeit mal den Satz gehört (von einem AA-Fossil)
"wenn jemand auf die Schnauze fliegen will, leg ihm kein Kissen unter".

Zum Teil denke ich, es ist bei Cos wie bei Alkoholikern, es muss erst richtig weh tun, sonst bleibt das Elend zu gemütlich. Man hälts ja grade noch aus und deswegen ändert man nichts wesentliches, dabei entgehen einem aber auch die Chancen, die so ein Aufbruch mit sich bringt.
Ich hab zwar Mitgefühl, aber es tut mir nicht richtig leid, weil ich es als notwendigen Schritt ansehe, sonst kann sich nichts ändern.
Gespeichert

Gerchla

  • Vollmitglied
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 1456
Re: Wie verhalten sich Angehörige richtig ?
« Antwort #10 am: 11. Dezember 2019, 14:19:04 »

Hallo Pyrophoric,

wie geht es Dir jetzt? Wie ist es Dir gestern bzw. heute Nacht noch ergangen? Fühl' Dich mal virtuell gedrückt!

Ich stelle mich auch kurz vor, damit Du weißt wer Dir hier überhaupt schreibt: Ich bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und lebe jetzt schon lange ohne Alkohol.

Ich habe Deine Geschichte jetzt mal nachgelesen und möchte Dir sagen, dass ich mit Dir fühle. Mich treffen die Erlebnisse von Angehörigen besonders, weil sie mir immer vor Augen führen, was ich selbst meiner Familie mit meiner Sucht angetan habe. Leider kann ich das rückwirkend nicht mehr gut machen, ich hoffe aber, dass ich anderen mit meinen Erfahrungen ein wenig helfen kann und dass sie vielleicht ein wenig davon profitieren können.

Was Dein Mann gemacht hat war nichts anderes als eine etwas längere Trinkpause. Ich hatte solche Trinkpausen während meiner "aktiven" Zeit auch, die mit Abstand längste dauerte fast ein Jahr. Ein lächerliches Biermischgetränk brachte mich innerhalb kürzester Zeit wieder zurück in die Alkoholspur. Die meisten meiner Pausen dauerten aber nur ein oder zwei Wochen, später dann auch nur ein paar Tage und die letzten Jahre meiner Sucht waren komplett ohne Pause. Es war mir da dann nicht mehr möglich zu pausieren bzw. ich wollte einfach trinken und sah auch keinen Sinn mehr darin. Ich hatte mich sozusagen aufgegeben.

Wie Du ja auch schreibst sind solche Pausen für den Trinker sehr trügerisch. Denn man redet sich dann ein, man könne ja, wenn man nur wolle. Man hat ja gar kein Problem und man kann ja jederzeit wieder aufhören. Ist natürlich vollkommener Quatsch. Die Erfahrung die ich persönlich gemacht habe ist, dass ich nach jeder längeren Trinkpause meist mehr getrunken habe als vorher. Und dieser gesteigerte Konsum blieb dann oft auch, d. h. durch die Trinkpausen habe ich nach und nach meine Trinkmenge nach oben geschoben. Es war, als könne ich mit gutem Gewissen endlich so viel trinken wie ich wollte, denn ich hatte mir ja bewiesen, dass ich auch ohne klar komme.

Ich weiß nicht, ob Du bei Deinem Mann jetzt eine ähnliche Erfahrung machen musstest, letztlich muss Dir das dann aber auch egal sein. Denn Du hast darauf überhaupt keinen Einfluss. Und natürlich trägst Du daran auch keinerlei Schuld. Es ist allein seine Entscheidung zu trinken, wie es seine wäre, damit aufzuhören. Nur leider funktioniert dieses Aufhören i. d. R. eben nicht dauerhaft, wenn man "nur" nichts mehr trinkt, wie es Dein Mann getan hat. Ich bin davon überzeugt, dass man im Idealfall die Trinkgründe beseitigen sollte. Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen und ich habe auch von Alkoholikern gelesen, die DEN Grund für ihr Trinken nicht gefunden haben. Und trotzdem aufgehört haben. Weil sie eben auch die Vorteile eines Lebens ohne Alkohol mit den Nachteilen bzw. dem Elend eines Lebens mit Alkohol verglichen haben und sich immer wieder vor Augen führen.

Ich wollte meine Trinkgründe finden. Unbedingt, denn ich wollte wissen wieso und weshalb und ich wollte auch Strategien finden, wie ich künftig ohne Alkohol leben kann. Nun, welchen Weg man hier geht, ob man versucht seine Trinkgründe zu finden um diese dann zu beseitigen oder ob man sich über die Vorteile eines Lebens ohne Alkohol motiviert ist vielleicht eine Sache der eigenen Persönlichkeit. Entscheidend ist aus meiner Sicht in jedem Fall, dass man sich mit seiner Sucht beschäftigt, so oder so. Dass man eben mehr tut, als nicht mehr zu trinken, weil diese Sucht eben so verdammt mächtig ist und immer wieder verucht über ein Hintertürchen zurück zu kommen.

Ich weiß nicht was Dein Mann getan hat, ich vermute aber mal, er hat eben nicht mehr getrunken. Er war wahrscheinlich nicht beim Arzt, er war wahrscheinlich nicht bei der Suchtberatung und hat wahrscheinlich auch nicht über eine Therapie in welcher Form auch immer nachgedacht. Und in einer Selbsthilfegruppe war er wahrscheinlich auch nicht. Oder irre ich mich? Wenn ja, bitte sag es mir, denn ich lerne immer gerne dazu. Damit will ich auch nicht sagen, dass jeder Alkoholiker genau das alles tun muss. Aber die wenigsten schaffen es eben ohne irgendwelche Hilfe. Und seien es "nur" Gespräche mit guten Freunden, etc.

Wie dem auch sei, Du spielst hier leider nur eine Nebenrolle. Und so bleibt Dir jetzt auch nichts anderes als auf Dich zu achten. Rücke Dein Leben in den Fokus und ziehe die Konsequenzen, die es braucht, damit Du wieder glücklich werden kannst. Das wird sicher einen Moment dauern, das ist klar. Aber mach' Dich auf den Weg und warte nicht darauf, dass von seiner Seite irgendwas kommt. Wenn er, z. B. weil Du gehst, zur Besinnung kommen sollte und vielleicht doch etwas gegen seine Sucht unternimmt, also richtig unternimmt, meine ich. Dann kannst Du ja jederzeit neu denken. Dann lohnt es sich vielleicht, dass Du nochmal Zeit in diese Beziehung investierst. Aktuell jedoch scheint es einfach so zu sein, dass er trinken will (oder muss) und daran kannst Du leider nichts ändern. Das kann nur er und das auch nur, wenn er es wirklich will.

Ich wünsche Dir ganz viel Kraft und das Du die richtigen Entscheidungen für DICH treffen kannst. Und ich hoffe sehr, dass die gestrige Nacht noch einigermaßen erträglich für Dich verlaufen ist. Du hast geschrieben, Deine Welt sei zusammen gebrochen. Das war für meine Familie damals auch der Fall, als ich mich als Alkoholiker outete und all meine schlimmen Taten gebeichtet habe. Es brach deren und auch meine (Schein-)Welt komplett zusammen. Da war nichts mehr übrig und ich bin auch quasi sofort ausgezogen, ließ meine Familie zurück, die die Welt nicht mehr verstanden. Ich muss dazu sagen, dass ich die ganze Zeit heimlich trank und ein ausgeprägtes Doppelleben führte.

Aber was ich Dir auch sagen will: Es geht weiter und es geht auch wieder Berg auf. Bei mir geschah das dadurch, dass ich meine Sucht überwand, aber auch bei meiner Familie ging es weider aufwärts, weil sie ihr Leben neu ordnen konnten, weil sie endlich wussten woran sie sind, weil sie sich auf sich selbst verlassen konnten und nicht mehr einen unberechenbaren Alki an ihrer Seite hatte (von dem sie noch nicht mal wussten das er einer ist und warum er sich so verhält). Es dauert einen Moment, aber heute ist sowohl meine Ex-Frau ein zufriedener Mensch mit einem zufriedenen Leben als auch meine Kinder und auch ich selbst. Kopf hoch und bitte lass Dir gerne auch helfen. Es gibt auch SHG für Angehörige, die Dich stützen können und die Dir mit Empathie und Erfahrung zur Seite stehen können.

LG
gerchla
Gespeichert

Susanne68

  • Vollmitglied
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 887
Re: Wie verhalten sich Angehörige richtig ?
« Antwort #11 am: 11. Dezember 2019, 14:44:24 »

Mein Partner war ja wegen seines Co-Verhaltens in Therapie.

Da gings eigentlich wie bei mir in der Therapie drum, das man fast nie nur Opfer ist, sondern sich auch aktiv auf die Situation einlässt. Die Verantwortung, etwas zu ändern, wenn es nicht mehr passt, liegt immer bei demjenigen, der die Änderung will. Und die wenigsten Cos sind ja angekettet, sie suchen ja selbst nach Gründen, warum sie so weitermachen, weil sie auch die Illusion haben, die Situation irgendwie unter Kontrolle zu haben.

Der Alkoholiker ist irgendwie in die Situation reingeschlittert, Co ist in die Situation reingeschlittert. Es erfordert von beiden aktives Verhalten, um die Situation aufrecht zu erhalten (trinken bzw. um die Beziehung und gegen das trinken kämpfen), und es erfordert von beiden aktives Verhalten, die Situation zu verändern.
Wenn halt Co der/diejenige ist, der an der Situation leidet, dann ist es auch Co, der aus der Situation rausmuss, genau so wie ein Alkoholiker, der aufhören will, sich auch selbst bewegen muss. Ist leider so. In diesem Fall hier störts den Anderen ja noch nicht, das er trinkt, also hat er auch keinen Grund aus sich heraus, warum er da was tun sollte.
Im Prinzip gehts drum, aus der Opferrolle rauszukommen und sich selbst als Handelnden zu begreifen. "Man" ist halt nie nur armer Alki oder armer Co, sondern man hat immer auch selbst Anteile daran, das man sich in dieser situation befindet. Und ich behaupte mal - aus eigener erfahrung - das Alkohioliker unter ihren Cos ebenfalls leiden, isofern ist das ein Nullsummenspiel. Nur sagt beim Alkoholier jeder, da musst Du dich halt ändern, während Co den Leidensbonus hat - übrigens ein Krankheitsgewinn, dass man sich als guter Mensch fühlen darf -  und das ist immer noch der alten Denke von Schuld und Charakterschwäche geschuldet. Es liegt wirklich jeder so, wie er sich bettet.

Gespeichert

Pyrophoric

  • Vollmitglied
  • *
  • Beiträge: 24
Re: Wie verhalten sich Angehörige richtig ?
« Antwort #12 am: 11. Dezember 2019, 16:44:09 »

Hallo zusammen,

vielen Dank für Euer Mitgefühl und Eure Antworten. Mir geht es hier null um Mitleid, ich möchte einfach den Austausch mit Euch nutzen und finde es sehr hilfreich, die Sucht aus Sicht der Suchtkranken zu hören. Ich denke Partner von Suchtkranken kann es durchaus helfen und die Augen öffnen.

@susanne ich denke du hast vollkommen recht. Aus meiner Sicht kann ein Fortschritt ohne Eskalation eh nicht erlangt werden. Daher gibt es für mich auch kein Weg zurück.

Auch ich habe sehr viele Gründe warum ich dachte, er hat recht.. ich übertreibe. Da wären zum Einen:

die langen Trinkpausen. Die ihn glauben lassen, er hat’s im Griff. Wie Dietmar beschreibt. Er denkt sein Problem ist, dass er es nicht Konditionieren kann. Er könnte das Lernen. Aber kann er eben nicht. Und wenn ich realistisch bin und genau das sage, ist er enttäuscht. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir nur zusammen sein könnten, wenn er gar nichts mehr trinkt. Aber das will er nicht. Das merke ich einfach.. er denkt, er hat alles im Griff und so kann für mich das Problem nicht gelöst werden. Also muss ich wie du sagst, Konsequenzen ziehen

Ich weiß, dass er ein Kämpfer ist und da er sich schon durch soviel Scheisse gekämpft hat, dachte ich, das schafft er auch. Er hatte damals 30000 USt Schulden beim Finanzamt und hat das in einem Jahr durch den Vertrieb von Stromprodukten komplett zurückgezahlt. Der Beamte war baff und sagte“ die meisten Reden, aber sie Handeln“ es ist einfach hart, wenn man dem eigenen Partner dann sagen muss, dass ich ihm eben nicht glaube, dass er das mit dem Alkohol im Griff hat. Er sagt wie sehr ihn das verletzt. Ich finde es ist sehr schwer, die Hoffnung für jemanden aufzugeben den man liebt.

Dazu muss ich sagen, ich habe noch nie jemanden so sehr geliebt wie ihn. Alle halten uns für das Traumpaar. Und gäbe es kein Alkohol könnte ich mir keinen besseren Mann wünschen. Ich bin mir sicher ihr würdet ihn in Euer Herz schließen. Jeden, den ich kenne finden ihn klasse. Er ist charmant, sehr unterhaltsam (auch ohne Alkohol), liebevoll, fürsorglich und zeigt mir und sagt mir oft wie dankbar er für mich ist. Er klammert aber null an mir, könnte man jetzt irgendwie missverstehen.. aber er hat mir oft gesagt, dass ich sein Leben erst zum Positiven verändert habe. Ich habe ihn unterstützt beim Schuldenabbau und im Stromvertrieb haben er und ich eine sehr erfolgreiche Firma. Auch vor anderen Freunden schwärmt er stets von mir, wie toll ich ihn unterstütze und jeder denkt wir sind ach so erfolgreich und glücklich. Deswegen macht mich das so traurig, dass oberflächliche Bekannte alle meinen wir sind das Traumpaar. Wisst ihr was ich meine ? Wenn Angestellte dann sagen „ ihr seid so ein tolles Paar wie ihr das gemeinsam wuppt“ da könnt ich grad in Tränen ausbrechen.

Dazu muss ich sagen: dass sein größtes Problem meiner Meinung nach ist, abzuschalten. Er trinkt um sich zu betäuben und runterzukommen, weil er nonstop über die Arbeit sich Gedanken macht. Und er ist rastlos. Er kann nicht einfach mal nichts tun.

Und ein weiterer Grund ist meiner Meinung nach seine Kindheit. Er wurde als Baby seiner leiblichen Mutter weggenommen und in einer Kneipe ihr abgenommen dabei war er grün und blau geschlagen. Dazu muss ich sagen, dass wir deine Akte vom Jungedsmt hatten, in der alles geschwärzt war. Aufgrund Schutz von Dritten und da fragen wir uns bis heute was das zu bedeuten hat. Der Mann vom Jugendamt meinte, es wäre besser wenn er nicht alles wisse. Er sagt zwar, er denkt dieser Mann hat recht aber selbst ich frag mich manchmal warum alles geschwärzt war ? Das erklärt für mich seine innerliche Unruhe. Seine Mutter hat auch viel Alkohol getrunken als er in ihrem Bauch war. Er hat aufgrund dessen anfangs leichte Entwicklungsstörungen gehabt und starke Schuppenflechte. Eigentlich sollte er wegen der Haut gar nichts trinken, da die Tabletten dafür seine Leber zusätzlich schwächen. Ich finde es traurig, dass er das gleiche Problem wie seine  leibliche Mutter hat. Er kam dann mit 1 Jshr in eine Pflegefamilie, war dort glücklich aber die Mutter Starb als er 15 war an Krebs. Sein pflege  Vater war nur am arbeiten und er war ab da auf sich allein gestellt. Er sagt oft, ich hatte nie Jemanden und musste immer allein alles bewältigen. Ich kann mir daher gut vorstellen, dass er das Problem schon seit der Jugend hat. Er aber immer mal Phasen hat in denen es weniger war. Als wir zusammen gekommen sind hatte er zb auch das erste halbe Jahr gar nichts getrunken und mal in Diskobesuchen Zuviel getrunken also nichts was auffällig war. Daher kam das einfach schleichend über die Jahre.

Ich weiß nicht inwiefern ich Co Abhängig bin. Aber ich seh mich nicht als Opfer. Ich kann wie du sagst, selbst Konsequenzen ziehen, wenn es genug ist. Und das ist es für mich jetzt. Ich bin nicht bereit Jahre lang so zu leben und fühle mich such nicht egoistisch, das ich so denke. Ich denke jeder Mensch hat das Recht glücklich zu sein und wir waren sehr glücklich, das wirft man nicht gerne weg. Aber ich merke wie es mich belastet und muss an mich denken. Ich finde es gibt übrigens sehr viel Ähnlichkeit zur häuslichen Gewalt - ich habe eine Freundin nie verstanden, die ewig blieb und die nicht an sich selbst dachte.. da musste erst er Schluss machen. Alkoholkonsum ist für mich wie psychische Gewalt, bei der der Selbstschutz vorgehen sollte. Trotzdem lassen sich viele Menschen viel zu lang verletzen, das könnte ich gar nicht.

Außerdem


Und Er hatte vor mir eine sehr schlimme Zeit, die ich näher erklären soll..

Gespeichert

Wolfsfrau

  • Vollmitglied
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 1017
Re: Wie verhalten sich Angehörige richtig ?
« Antwort #13 am: 11. Dezember 2019, 16:46:55 »

Nur sagt beim Alkoholier jeder, da musst Du dich halt ändern, während Co den Leidensbonus
hat - übrigens ein Krankheitsgewinn, dass man sich als guter Mensch fühlen darf - ...   44.

Das bringt für mich sehr vieles treffend und irgendwie auch neu auf den Punkt!

Danke fürs Erinnern, @Susanne, und für die Beschreibung "aktives Einlassen" (des Co's).
Genau dieses Drehmoment zu begreifen, dass Ausharren eigentlich ist: sich selbst etwas
Schädigendes zumuten. Dass dahinter - klar oder nicht - eine Entscheidung gegen das
eigene Wohlbefinden liegt. Das war "eigentlich" immer das Ziel hinter den Sätzen meines
Therapeuten. Und hinter seinem Ärger, wenn ich wieder - wegen anderer - "litt". Erst jetzt
kriege ich das alles zu einem Bild zusammen. Seine Wut hat mich damals oft verunsichert.
Jetzt sehe ich, sie richtete sich gegen meinen Selbstbetrug - das passive Leiden, das
genau genommen der Nebel ist, der mich davon abhielt, zu begreifen: ICH füge mir das zu.

Hammer. Aber genau das ist es. Selbst-Schädigung. Wenn man ohne Bewusstsein über die
eigene Wahl in dieser völlig stagnierenden und vom anderen abhängigen Position verharrt
und die Gewalt oder Schuldigkeit (an sich selbst) dem anderen zuschreibt. Krass. Den
Punkt habe ich so klar noch nie gesehen. Dass auch dadurch Groll aufs Gegenüber entsteht!

sorry fürs Unterbrechen, liebe Pyrophoric, ich hatte das zeitgleich mit Dir getippt. Und ich
schreibe als ebenfalls Angehörige (Tochter), beziehe diese Gedanken vornehmlich auf mich
selbst.  :)
Gespeichert

Greenfox

  • Administrator
  • Held Mitglied
  • *****
  • Beiträge: 4600
Re: Wie verhalten sich Angehörige richtig?
« Antwort #14 am: 11. Dezember 2019, 18:19:39 »

Zitat
Ich weiß nicht inwiefern ich Co Abhängig bin.

Ich würde es so definieren: Indem Du SEINE Probleme über DEINE Belange stellst.

Schau Dir nur mal an, wieviel Text Du geschrieben hast, um uns Betroffenen zu erklären, warum der Arme ja eigentlich gar nicht anders kann als zu trinken: schlechte Kindheit, zu viel Stress auf Arbeit, Schulden beim Finanzamt, die er ja sogar zurückgezahlt hat - und da kann man sich ja mal belohnen - und, und, und, und ...

Sei mir bitte nicht böse - aber die "Argumente" hätten von mir sein können, um zu erklären, warum ich saufe.
Im Übrigen glaube ich Dir sehr wohl, dass Du ihn liebst! Wenn da nicht diese eine, "kleine" Sache wäre ...

Aber er kann ein noch so lieber, netter, arbeitsamer, positiver Mensch sein - Alkohol zerstört alles. Genau wie ein einziger kleiner Gallenenröhrling eine komplette hervorragende Mahlzeit ungeniessbar macht. Und genau das lese ich doch auch bei Dir heraus.

Für mich ist "ihn verlassen" nicht unbedingt gleichbedeutend mit "ihn nicht mehr lieben". Man kann auch jemanden verlassen, WEIL man ihn/sie liebt.
In diesem Fall z.Bsp., um ihn "zu wecken".
Nebeneffekt: Du tust auch mal etwas für DICH - kannst etwas für Dich tun. Wie Dir Rat holen, SHG besuchen oder ähnliches ...
Gespeichert
Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!