Ich weiß nicht, wie das bei dir war, aber bei mir brach insbesondere meine Wut, wenn das Fass sozusagen überlief, vulkanartig und unkontrolliert aus mir heraus. Wenn das geschah, habe ich mich stets zutiefst geschämt, denn ich wusste und man signalisierte mir ja auch stets, wie unerwünscht das war.
So, am Laptop lässt es sich wesentlich leichter zitieren als am Handy.
Ich habe zur Wut einen guten Zugang, hatte ich schon immer. Ich mag die Wut, sie lässt mich aktiv werden. Schamgefühle hatte ich deswegen daher auch nicht. Allgemein habe ich es eh nicht so mit der Scham. Liegt auch an meinem biografischen Hintergrund. Ich bin den Weg aus der gefühlten Gesellschaft schon sehr früh angetreten und fühle mich der gesellschaftlichen Mitte nicht zugehörig. Aber das auch schon spätestens, seitdem ich Mutter geworden bin. Ich hatte mit meiner Peer-Group quasi nichts mehr gemeinsam.
Dieser Leistungsgedanke von dem du auch schreibst, der killt einen so richtig. Ich bin meinen eigenen Erwartungen nicht gerecht worden, die wie auch bei dir sehr hoch waren, und das hat zu einer immer größeren Leere gefüllt, auf die ich dann Unmengen Alkohol gekippt habe. Ich wollte diese Leere nicht spüren und irgendwas musste da halt rein. Erst als ich mir in der Klinik dann eingestanden habe, dass ich mehr aus mir hätte machen können und hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben bin...also, eine ziemlich schonungslose Ist-Analyse, hat zu einer inneren Heilung geführt. Ich habe mir zugestanden, dass ich nicht perfekt bin und auch Schwächen habe. Das eingestehen von Schwächen war -in dem Hamsterrad, in dem ich gelaufen bin - nicht mehr möglich. Es war totaler Irrsinn.
Die körperliche Einschränkung durch die MS-Erkrankung muss für dich als Perfektionistin ein herber Schlag gewesen sein. Der Körper zeigt einem Grenzen auf. Ich habe letztes Jahr einen Bandscheibenvorfall gehabt und kann seitdem keine längeren Strecken mehr laufen. Zum ersten Mal funktioniert mein Körper nicht mehr so, wie es seit knapp 40 Jahren gewohnt gewesen bin. Es stellt eine Einschränkung meiner Lebensqualität dar, aber es gilt für mich, sich der Situation anzupassen und das Beste daraus zu machen. Ich kann mir nicht annährend vorstellen, was eine MS-Erkrankung bedeuten muss.
Dass mit der Freude macht mir in der Abstinenz am Meisten zu schaffen. Mein Suchtgedächtnis weiß noch, dass ich mir die Freude, das Hoch, die Leichtigkeit schnell durch den Alkohol in mein Leben holen könnte. Sich Freude bei so durchgehend mitlaufender Kontrolle auf natürlichem Wege zu verschaffen, stellt für mich eine Herausforderung dar. Andererseits empfinde ich nun kleine Dinge des Alltags als sehr bereichernd und an diesen kann ich mich erfreuen. Wenn die Freude auf natürlichem Wege in mein Leben kommt, ist das ein viel besseres Gefühl als im Suff, weil klarer und ehrlicher. Aber nichtsdestotrotz...ich weiß ja, dass es diese Amplituden gegeben hat und mein Suchtgedächtnis weiß dies auch. In der Hinsicht muss ich sehr achtsam sein, weil das bei mir ein Einfallstor zur Sucht darstellt. Kontrolle ist für mich Fluch und Segen zugleich irgendwie.