Beiträge von Bighara

    Honk   Mojo Ich denke, dass es auch schlichtweg Veranlagungssache ist, in welchen Emotionen man sich so bewegt. Natürlich durchläuft jeder Mensch alle Emotionen, aber gewissen Emotionen steht jeder für sich was näher. Ich selbst habe es nicht so mit der Scham, auch wenn ich mich ab und an schäme. 🤷‍♀️ Ich stehe den Schuldgefühlen viel näher als der Scham. Wenn ich auf die Funktion der Scham schaue, nämlich dem Verstoß gegen gesellschaftliche Normen, dann ergibt das aufgrund meiner Biografie auch Sinn, dass ich nicht so viel in der Scham unterwegs bin. Ich hab mich mal was mit der Soziolgie in Gruppen beschäftigt und ich bin den Weg aus der Gesellschaft schon früh angetreten. Ich stehe nicht außerhalb, aber ich fühle mich auch nicht der Mitte zugehörig, sondern den Außenseitern. Und wo kein Zugehörigkeitsgefühl, da auch keine Scham. 🤷‍♀️ Da die Normen und Werte der gesellschaftlichen Mitte keine Bedeutung für mich haben, lebe ich schlichtweg was schamfreier, weil man Rande der Gesellschaft andere Normen und Werte gelten. Vielleicht fühlst du dich Honk zum Beispiel der Mitte viel mehr zugehörig als ich das tue. 😊 Wie dem auch sei…allgemein empfinde ich die Scham als eher hinderlich und mag diese auch nicht besonders, da die ursprüngliche evolutionäre Funktion der Scham meines Erachtens heutzutage massiv an Bedeutung verloren hat aufgrund unserer immer mehr zunehmenden individualistischen Gesellschaftsstruktur und die Scham macht einfach unglaublich passiv. Gleichzeitig ist die Scham aber ein unglaublich mächtiges Gefühl. Wer in der Scham verhaftet ist, kommt nicht aus dem Quark und bleibt in der Regel der Passivität verhaftet, wenn man in dem Gefühl drin bleibt. Und Passivität ist so ziemlich der Anfang vom Ende, gerade in der Sucht. 🙄 Beispiel: Mein Ex-Freund hat mir damals vor der Klinik zum Beispiel gesagt, dass er sich für mich schämt. Gleichzeitig war mein Ex-Freund aber der Scham auch extrem nahe und hat ein riesiges Schauspiel aufgeführt, um seine eigene Suchtthematik vor seinen Leuten zu verstecken und jemand Anderes zu sein, um von seinen Leuten akzeptiert zu werden. Ich hab das damals schon nicht verstanden, weil ich dachte, warum willst du zu einer Gruppen dazugehören, die dich nicht akzeptiert so wie du bist? Und da habe ich kapiert, was es mit diesem gesellschaftenlichen Zugehörigkeitsgefühl auf sich hat und dass ich mich so gesehen freier bewege als mein Ex-Freund. 🤷‍♀️ Im Gegensatz zu mir hat der sich nämlich gefühlt die Hälfte des Tages geschämt. 😂

    - FORTUNE - Ich tue mich mit deiner Aussage hinsichtlich in der Vergangenheit schwelgen was schwer. Wenn du Auto fährst, schaust du als antizipierender Autofahrer ja auch bisweilen in den Rückspiegel. Ähnlich sehe ich das auch auf mein Leben bezogen. Ich kann nur sicher geradeaus fahren und schauen und save unterwegs sein mit dem Blick in den Rückspiegel der Vergangenheit. Denn da von dort aus fahre ich los - nicht unbedingt weg, es ist einfach mein Ausgangspunkt. Hoffe, das ergibt Sinn, was ich damit meine. 😅

    Der Blick zurück ist keine verschwendete Lebenszeit, sofern in der Reflexion verbracht und nicht im Bedauern oder Selbstmitleid. Und was ein gelebtes oder ungelebtes Leben ist…nun ja…ich sehe mich jetzt keinesfalls als erleuchtet oder dergleichen an, weil ich den Weg in die Abstinenz geschafft habe und anders lebe als zuvor. 😅 Ich netflixe für mein Leben gern und ich bin auch echt gern faul und vertrödele so richtig schön meine Zeit…ob das am Ende meiner Lebensbilanz gut kommt…keine Ahnung…aber kommt halt ganz gut im Hier und Jetzt. 😂 Wenn das am Ende in meinem Drehbuch des Lebens steht und das mein Sinn des Lebens ist, dann ist das so. Der Sinn des Lebens liegt darin, welchen wir persönlich unserem Leben jeder für sich halt so geben. 🤷‍♀️ Ob nun mit oder ohne Verschwendung. 😜 Liegt alles im Auge des Betrachters.

    Der wohlwollende Blick auf die damaligen Umstände ist m.E. maßgeblich dafür, um seinen Frieden mit der Suchtzeit finden zu können. Das Tun und Handeln in der Sucht ist bisweilen nur schwer mit dem Menschen vereinbar, der ich heute bin oder der ich hätte sein wollen. Die Diskrepanz zwischen Soll-Ich und Ist-Ich war in der Vergangenheit so groß, da hätte ein Jumbojet landen können. Der wohlwollende Blick zurück sorgt für Verständnis und dem ‚War halt so‘, aber der wohlwollende Blick befreit mich trotzdem nicht von der einen oder anderen unangenehmen Erinnerung mit entsprechenden unangenehmen Gefühlen. Manche Sachen stecken einfach tief im Kopf oder auch im Körpergedächtnis drin…Wohlwollen hin oder her…man wird sie nie gänzlich los werden, zumindest kommt es mir so vor. Meinen Kopf nehme ich nunmal überall hin mit. 😅 Aber: Ich bin auch ‚erst‘ bald 1 Jahr und 5 Monate trocken. Wahrscheinlich verändert sich meine die Wahrnehmung mit zunehmender Dauer der Abstinenz hier auch noch mal und ich kann deinem wohlwollenden Blick zurück - FORTUNE - was mehr folgen als ich gerade dazu in der Lage bin. 😉

    Moin Honk ! Lieben Dank, dass du nachfragst. 😊 Es ist meiner Meinung nach ein richtig gutes Gespräch geworden. Es hat mir zwar auch Einiges abverlangt, weil da ein paar Sachen auf den Tisch kamen, die für mich unangenehm sind/waren, aber das gehört dazu. So war das halt und nur, weil ich mich nicht dran erinnern konnte oder es verdrängt habe, ist es ja trotzdem passiert. Ich hab nunmal auch was Mist gebaut damals und dem muss bzw. wollte ich mich auch stellen. Das mit dem Wegschauen hab ich in der Sucht lange genug gemacht. In der Art wie am Wochenende haben mein Ex-Mann und ich noch nie miteinander gesprochen und es war für mich - trotz allem - erleichternd. Es war schön von dem Vater meines Kindes zu hören, dass - auch, wenn ich so ein paar Sachen verkackt habe - ich nicht alles verkackt habe. 😅 Das Gespräch war halt schon auch so angelegt von wegen: Ich stelle mich dem Vater meines Kindes und konfrontiere mich auch mit dem Leid & Schmerz, den ich selbst (auch durch die Sucht) verursacht habe. Da wir aber keine Rechnung miteinander offen hatten oder so, ist das ein richtig gutes Gespräch auf Augenhöhe geworden, in dem sich beide Parteien wohlgesonnen gegenübersitzen. 😊

    Und ich finde es - im Nachgang zu diesem Gespräch - immer wieder faszinierend, dass mein Gehirn trotz all dieser belastenden Erinnerungen, was ich da bisweilen so angestellt habe und den damit einhergehenden Gefühlen, klarkommt und ich meine damalige Persönlichkeit irgendwie mit meiner heutigen Persönlichkeit in Einkling bringen kann, auch wenn ich ein ganz anderer Mensch bin. Falls das irgendwie Sinn für dich ergibt, was ich meine. 😅

    AmSee13 Ich mag Kontrolle und ich kann ihm ja schlecht vorgeben, was er sagen soll. 😂 Das ist für mich eine Wundertüte und bei den Aufnahmen bin ich stets recht angespannt, weil ich im Performancemodus unterwegs bin. 🙄 Der Vater meines Sohnes ist mir wohlgesonnen, sonst wäre die Beziehung nicht so wie sie ist und sonst würde er das wohl auch nicht machen. In der Hinsicht bin ich mir sicher, dass da keine bösen Überraschungen auf mich warten.
    Aber ich werd halt morgen im Gespräch mit alten Kamellen konfrontiert und da lauern viele Schuld- und Schamgefühle für mich, weil ich halt auch echt was Mist gebaut habe damals im Suff. 🙄 Ist halt nicht so angenehm für mich, aber möchte ich durch, weil ich denke, dass das Gespräch mit ihm einen Mehrwert bieten wird. Es ist eine immens wichtige Perspektive auf das Thema Sucht, die er da morgen in den Podcast einbringt, wenn du mich fragst. Ich bin auch sehr dankbar, dass er das macht.

    Hello, ihr Lieben! Ich wollte nur kurz mitteilen, dass ich mir euer Feedback zu Herzen genommen habe und nun versuche sehr stark in den einzelnen Folgen bei mir zu bleiben, wie ich mit der Sucht umgegangen bin und welche Rückschlüsse ich für mich gezogen habe. 😊 Ich denke, dass mir das auch soweit ganz gut gelingt. Ich lerne stetig dazu und alles ist ein Prozess.

    Morgen nehmen wir das Interview mit dem Papa meines Sohnes auf. Er schildert seinen Blick auf meine Sucht aus der Perspektive meines ehemaligen Partners und Vater meines Kindes. Ein Elterngespräch quasi. Drückt mir die Daumen, dass das ein schönes, flüssiges und interessantes Gespräch wird. Ich halte es für ein wahnsinnig wichtiges Gespräch, aber habe auch was Bammel davor, um ehrlich zu sein. 😱😵‍💫

    Es gab Umstände in meinem Elternhaus, die dazu geführt haben, dass ich in jungen Jahren zum Alkohol gegriffen habe. Das konnte ich damals nicht sehen, weil mir die Einsichtsfähigkeit und geistige Reife als Teenager fehlte. Die Umstände waren zwar maßgeblich, aber der Alkohol war mein Weg. Ich hätte auch einen anderen Weg wählen können. Habe ich aber nicht, denn der Alkohol hat zu gut geholfen. Ich sehe es als eine Mischung aus bedingtem Vorsatz und grober Fahrlässigkeit: Ich hielt es für möglich, dass ich aufgrund meines Konsums in der Sucht lande, es war mir jedoch bis zu einem gewissen Grad egal, weil ich voll in Selbstzerstörungsmodus unterwegs war, aber ich hatte auch die Hoffnung, dass es anders kommt und alles wieder gut wird. Die Verantwortung allein dem Alkohol zu geben, halte ich für zu kurz gedacht. Klar, der Alkohol ist stets da und immer verfügbar, er macht abhängig, aber sofern er einem nicht unter Zwang intravenös zugeführt wird, trinkt man ihn immer noch aus freiem Willen. Der Alkohol ist ein Weg, den man für sich wählt, weil er am Anfang auch geholfen hat. Und zwar besser als alle anderen Alternativen, die zur Verfügung standen. 🤷‍♀️

    Ich persönlich schäme mich nicht für meinen Alkoholismus, sonst könnte ich den Podcast ja auch nicht machen. 😅 Aber ich schäme für die eine oder andere Sache, die ich im Konsum und in der Sucht so angestellt habe. 😉 Da bin ich über meine eigenen oder halt die Grenzen Anderer gegangen. War gerade anfangs schwierig auszuhalten vom Gefühl her, aber inzwischen komm ich damit gut klar. Wie Rekonvaleszent schon geschrieben hat: Ich hab meinen Frieden damit gemacht. Zumindest die meiste Zeit. 😁🖖🏻

    Miaflorentine Hello! Auch der stabilste Baum kriegt mal ein wenig Schlagseite. Ich denke, du bist auf einem guten Weg, weil du weiterhin ehrlich bleibst. Nicht Jeder wäre so ehrlich mitzuteilen, dass gestern wieder getrunken wurde und ich persönlich rechne dir deine Ehrlichkeit hoch an. Mit Lügen fängt nämlich meiner Meinung nach alles an…nicht unbedingt die Lügen Anderen gegenüber, die sind m.E. schon Endstufe, sondern vor allen Dingen das sich selbst belügen. Das ist der Anfang vom Ende.

    Und zu deiner Trennung…ich hatte es dir zwar auch schon per PN geschrieben, aber als ich in der Klinik war, ist auch meine Beziehung in die Brüche gegangen. Bin seinerzeit auch nur haarscharf am Rückfall vorbeigeschrammt. Eine Trennung ist immer scheisse und das zusammen wohnen bedeutet Stress. Die Gefühle, die da jetzt angeschwemmt kommen, sind stark…und unangenehm. Man will das nicht spüren, daher auch das Trinken. Ich kann dir aus meiner Erfahrung sagen…irgendwie durchhalten. Und nicht aufgeben. Die Zeit wird es richten, so abgedroschen es auch sein mag. Der Weg ist das Ziel und der Alkohol hilft nicht wirklich, sondern verlagert nur nach hinten. Deine Gefühle werden damit nicht verarbeitet, sondern nur verdrängt und holen dich irgendwann wieder ein. Glaub mir, ich weiß, wovon ich da schreibe. 😅

    Hallo Miaflorentine ! Die körperlichen Wehwehchen, das Zwicken und Zwacken nimmst du durch den fehlenden Alkoholnebel stärker wahr, denn du betäubst die Schmerzen oder die Einschränkungen nicht mehr. Du bist wahrscheinlich früher mit der Hilfe des Alkohol über deine körperlichen Grenzen hinausgegangen, um entsprechenden Aktivitäten in deinem Leben nachgehen zu können. Die Wehwehchen sind leider nicht weg, indem man nüchtern wird. Anfangs merkt man sie sogar verstärkt. Als ich nüchtern wurde, konnte ich kaum laufen (Bandscheibe) und mein Körper fiehl gefühlt völlig auseinander (linke Schulter Muskulatur komplett zusammengebrochen und 6 Monate Physio). Man muss dran bleiben und kontinuierlich etwas für die Gesundheit tun…was super ungewohnt ist, da man es nicht kennt etwas für sich tun zu müssen. Der Schmerz der Disziplin führt zu einer Vermeidung von körperlichen Schmerzen. So ist zumindest mein Fazit.🤷‍♀️ Augen zu und durch…es wird besser mit der Zeit. 😊 Manchmal muss man ‚einfach nur durchhalten‘ und mehr nicht. Du packst das!

    rent   Oran-Gina   Stilles Wasser   AmSee13 Ich hoffe, dass ich jetzt alle erwischt habe. 😂 Erstmal vielen Dank fürs Feedback. Ich sehe die Punkte, dass ich mehr bei mir bleiben muss, denn darum geht es mir. Gleichzeitig hatte ich mir auch vorgenommen, Nichtbetroffenen die Sucht thematisch näherzubringen und mehr Verständnis für die Erkrankung zu wecken. Denn meiner Meinung führt Aufklärung zu Verständnis und damit auch zu einer anderen Sicht und einem anderen - weniger stigmatisierten hoffentlich - Umgang mit der Erkrankung. Ich bin zu sehr in den Erklärbär-Modus gegangen und von mir selbst weg. Bzw. eigentlich bin ich nicht wirklich von mir selbst weg, weil ich bei meinen Schlüssen und bei meiner Sicht auf meine Sucht bleibe, aber die Worte, die ich dafür gewählt habe, sind zu allgemeingültig geraten. Ich werde dies berücksichtigen für die zukünftigen Folgen, die ich aufnehme. In der kommenden Folge ist mir das bei mir bleiben, denke ich, sehr gut gelungen, da hier ausschließlich auf meine suchtbegünstigenden Faktoren eingegangen wird. Und was AmSee13 mit der Dichte hin meint, verstehe ich. Wie Stilles Wasser geschrieben hatte, ist es ein Versuch so einen riesigen Themenkomplex in Worte zu packen. Das war ein wenig zu viel Rundumschlag. 😅 Insoweit: Danke euch vielmals! 😊

    AmSee13 Nur kurz, denn ich hab gleich noch Vorlesung in der Uni: Der Alkohol ist in mein Leben getreten, bevor alles andere da war (Kind, Beziehungen etc.) und die Suchtgedanken so auszuformulieren ist hart gewesen, ja. Ich habe dem Alkohol eine eigene Stimme gegeben und die Suchtgedanken geben die langjährige und innige Beziehung wieder, die ich zum Alkohol gepflegt habe. Nur meine innere Emotionskontrolle ist noch älter, weil sie mich schon von Kindesbeinen an begleitet und mich vor meinem Vater geschützt hat. Deswegen greift die Kontrolle auch so hart bei mir. Gelernt ist gelernt und das seit vielen Jahrzehnten. 🤷‍♀️ Sie wird nie weggehen, aber das ist auch ok, denn sie hilft mir ja auch. Ich muss nur lernen mehr zuzulassen und in dem Prozess bin ich drin (siehe nüchtern Karaoke singen). Meine Beziehung zum Alkohol sehe ich so: Ich habe mich von ihm getrennt. Die Trennung war hart. 23 Jahre halt. Aber ich hab gute Gründe für diese Trennung gehabt und ich stehe zu 150% zu den Trennungsgründen. Ich brauche den Alkohol als Partner nicht mehr, denn ich habe gelernt, dass ich auch ohne ihn gut parat komme und ohne ihn geht es mir besser. Es war im wahrsten Sinne des Wortes eine toxische Beziehung. 😅🤷‍♀️ Wie das aber nunmal so ist, gehen die Gedanken bisweilen trotzdem zurück an den langjährigen Weggefährten…23 Jahre wischt man nunmal nicht einfach so weg. Ich für mich habe gelernt, dass es für meinen Seelenfrieden besser ist zu akzeptieren, dass diese Suchtgedanken da sind. Sie sind halt da, aber das war es auch schon. Wenn sie kommen, dann erkenne ich das an, sage kurz ‚Hallo‘ und gehe dann weiter, wie bei einem alten Bekannten auf der Straße, mit dem ich nichts mehr zu tun haben möchte. Ich darf diese Gedanken nicht wegschieben, weil verdrängen und wegschieben bei mir keine Gute Lösungsstrategie in der Vergangenheit gewesen sind. Und nur weil die Gedanken da sind, hat das keinerlei Aussagekraft über mich und die Abstinenz. Es sind Gedanken, nicht mehr und nicht weniger. Ich kann ihnen folgen oder halt nicht. Und ich folge ihnen nicht. Die Gedanken bestimmen nicht über mich. Ich entscheide, welchen Gedanken ich folge.

    AmSee13 Klar. Inneres Team war eine Therapiemaßnahme im Entzug, Innerer Kritiker Thema in der ReHa.
    Ich denke, dass so Situationen wie oben beschrieben einfach zur Nüchternheit dazugehören. Die lange Zeit des Alkoholkonsums ist ja nicht von heute auf morgen aus meinem Kopf gewischt. 🤷‍♀️ Im Nachhinein dachte ich mir, dass ich mir eigentlich hätte denken können, dass diese krasse Exponation mit dem Nüchtern Karaoke singen etwas mit mir macht (mit Alkohol früher verknüpft, raus aus Komfortzone, Runterfahren Kontrolle etc.), aber wenn ich meine Welt wieder vergrößern möchte, muss ich solche Situationen irgendwie halt schon auch in Kauf nehmen. Ein wenig Risiko läuft halt immer mit. 🤷‍♀️ Aber: Hab‘s ja hinbekommen und beim nächsten Mal Karaoke, weiß ich ja, was da auf mich zukommen könnte. 😂 Learning by doing.

    Was den Podcast angeht: Ich möchte nicht den Hörer überzeugen oder in irgendeiner Art missionieren. Ich sehe mich nicht in der Position das zu tun. Jede Suchtgeschichte ist anders. Ea gibt da kein richtig oder falsch. Es gibt lediglich gewisse Parallelen. Ich bin die Expertin für mein Leben und für meine Suchtgeschichte und mit der bin ich nun in dem Podcast an die Öffentlichkeit gegangen, ich stelle mich hin und sage: So war es bei mir. Das kann mit einem passieren. Das sind meine Schlüsse aus dem Ganzen. Daher auch die sehr persönliche Note und Tiefe in mein Leben rein. Ich sehe mich da in der Fraktion Aufklärung. Ich mag es selbst nicht, wenn andere Menschen mir meinen sagen zu müssen, was ich zu tun oder lassen habe. Ich bin mündig. Insoweit habe ich da überhaupt keinen Drang irgendwen von irgendwas überzeugen zu müssen. Kann ich auch gar nicht. Die Verantwortung liegt bei jedem Einzelnen selbst. Das ist mein Ansatz, den ich bei dem Podcast verfolge.

    AmSee13 Mir ist ein Beispiel eingefallen, was das mit der Kontrolle abgeben gut verdeutlicht. Zum meinem 1-jährigen Trockendasein hab ich mir ein paar Freunde als Supporter geschnappt und bin nüchtern Karaoke singen gegangen. Ich bin keine sonderlich gute Sängerin, aber ich singe gern. 😁 Ich war super aufgeregt, hatte den Tag über was den Text geübt, um mir nicht völlig die Blöße zu geben und bin dann halt abends hoch auf die Bühne und hab vor ner Crowd von 40 Leuten oder so mein Liedchen geträllert. Hat alles gut funktioniert, ich hab das ganz gut hinbekommen. Als ich runter von der Bühne bin, erstmal ein ‚Yeeees, I did. it!‘ Und Zack, hab ich gemerkt, dass dieser Auftritt mein Suchtgedächtnis angetitscht hat. Ich habe mich exponiert, die innere Kontrolle trat in den Hintergrund, ich war durchströmt von Adrenalin und es war ein mega geiles Gefühl. Ein natürliches High. Direkt danach fing das aber an, dass ich merkte: Ich will mehr davon. Mehr von dem High. Nächste Woche wieder Karaoke singen, Bungee Jumping, 10 Mal die schnellste Achterbahn hintereinander fahren. So in die Richtung ging das in meinem Kopf. Ich hatte keinen Drang Alkohol zu trinken, Null, aber natürlich wusste ich, dass ich mir ein Hoch auch leicht durch den Griff zum Alkohol hätte holen können. Wie gesagt, ich hab das gemerkt, was mein Gehirn da für nen Film fährt, aber der Film war halt da. Das meinte ich mit Leichtigkeit, Unbeschwertheit einerseits und Kontrolle abgeben andererseits. Es ist für mich ein Balanceakt.

    AmSee13 Nein, der Verlustgedanke trifft es nicht. Auch da greift die Kontrolle umgehend ein bzw. ich empfinde auch keinen Verlust. Der Alkohol fehlt mir nicht. Es ist die Erkenntnis, dass das Loslassen lernen bei mir ein langer Prozess werden wird. Also, die Kontrolle mal nicht durchgehend laufen zu haben, sondern sie auf natürlichem Wege abzuschalten zu können. Wie gesagt, im Kleinen gelingt mir das bereits sehr gut. Aber das sehe ich als sehr guten Fortschritt, denn sowas langfristig umzusetzen und wirklich tief zu verinnerlichen, braucht Zeit.

    Ich weiß nicht, wie das bei dir war, aber bei mir brach insbesondere meine Wut, wenn das Fass sozusagen überlief, vulkanartig und unkontrolliert aus mir heraus. Wenn das geschah, habe ich mich stets zutiefst geschämt, denn ich wusste und man signalisierte mir ja auch stets, wie unerwünscht das war.

    So, am Laptop lässt es sich wesentlich leichter zitieren als am Handy. :D Ich habe zur Wut einen guten Zugang, hatte ich schon immer. Ich mag die Wut, sie lässt mich aktiv werden. Schamgefühle hatte ich deswegen daher auch nicht. Allgemein habe ich es eh nicht so mit der Scham. Liegt auch an meinem biografischen Hintergrund. Ich bin den Weg aus der gefühlten Gesellschaft schon sehr früh angetreten und fühle mich der gesellschaftlichen Mitte nicht zugehörig. Aber das auch schon spätestens, seitdem ich Mutter geworden bin. Ich hatte mit meiner Peer-Group quasi nichts mehr gemeinsam.

    Dieser Leistungsgedanke von dem du auch schreibst, der killt einen so richtig. Ich bin meinen eigenen Erwartungen nicht gerecht worden, die wie auch bei dir sehr hoch waren, und das hat zu einer immer größeren Leere gefüllt, auf die ich dann Unmengen Alkohol gekippt habe. Ich wollte diese Leere nicht spüren und irgendwas musste da halt rein. Erst als ich mir in der Klinik dann eingestanden habe, dass ich mehr aus mir hätte machen können und hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben bin...also, eine ziemlich schonungslose Ist-Analyse, hat zu einer inneren Heilung geführt. Ich habe mir zugestanden, dass ich nicht perfekt bin und auch Schwächen habe. Das eingestehen von Schwächen war -in dem Hamsterrad, in dem ich gelaufen bin - nicht mehr möglich. Es war totaler Irrsinn.

    Die körperliche Einschränkung durch die MS-Erkrankung muss für dich als Perfektionistin ein herber Schlag gewesen sein. Der Körper zeigt einem Grenzen auf. Ich habe letztes Jahr einen Bandscheibenvorfall gehabt und kann seitdem keine längeren Strecken mehr laufen. Zum ersten Mal funktioniert mein Körper nicht mehr so, wie es seit knapp 40 Jahren gewohnt gewesen bin. Es stellt eine Einschränkung meiner Lebensqualität dar, aber es gilt für mich, sich der Situation anzupassen und das Beste daraus zu machen. Ich kann mir nicht annährend vorstellen, was eine MS-Erkrankung bedeuten muss.

    Dass mit der Freude macht mir in der Abstinenz am Meisten zu schaffen. Mein Suchtgedächtnis weiß noch, dass ich mir die Freude, das Hoch, die Leichtigkeit schnell durch den Alkohol in mein Leben holen könnte. Sich Freude bei so durchgehend mitlaufender Kontrolle auf natürlichem Wege zu verschaffen, stellt für mich eine Herausforderung dar. Andererseits empfinde ich nun kleine Dinge des Alltags als sehr bereichernd und an diesen kann ich mich erfreuen. Wenn die Freude auf natürlichem Wege in mein Leben kommt, ist das ein viel besseres Gefühl als im Suff, weil klarer und ehrlicher. Aber nichtsdestotrotz...ich weiß ja, dass es diese Amplituden gegeben hat und mein Suchtgedächtnis weiß dies auch. In der Hinsicht muss ich sehr achtsam sein, weil das bei mir ein Einfallstor zur Sucht darstellt. Kontrolle ist für mich Fluch und Segen zugleich irgendwie.