Hallo Mia,
Wie genau ist dir immer mehr bewusst geworden, dass du auch ohne Alkohol ein erfülltes Leben haben kannst?
In meiner letzten „längeren“ Nüchternphase von etwa zwei Monaten, da gab es zwar anfangs eine Art Euphorie über das Gelingen, aber recht schnell hat sich doch das Gefühl eingeschlichen, wie sehr mir betrunken sein fehlt.
Und nebenbei, manchmal, egal ob betrunken oder nüchtern (aber besonders oft, wenn ich getrunken habe), denke ich: wenn der Preis fürs trinken ein kürzeres leben ist, zahle ich ihn eben. Das ist es wert.
ich muss mal etwas weiter ausholen.
Ich hatte in meiner späten Jugend den Alkohol für mich als regelrechtes Wunderelexier endeckt, mit ihm konnte ich aus mir rausgehen und ich habe damit alle meine Ängste betäubt, war quasi die bessere Version von mir selber (zumindest habe ich das damals so gesehen). Das war eine lange Zeit recht gut gegangen, aber ich bin immer mehr in einen Kamikazemodus abgedriftet, in dieser Zeit war mir auch meine Gesundheit/ kürzeres Leben recht egal, ich habe da eigentlich alles genommen/ eingeworfen, was ich bekommen konnte, das war es mir auch "wert".
Die einzige Motivitation war damals, dass ich in meinen nüchternen Phasen gemerkt hatte, wie es es sich anfühlt clean zu leben, frei von den ganzen Suchtmitteln zu sein. Das war vielleicht das, was du mit Euphorie meinst, aber für mich war das eher ein Anzeigen des Körpers/ eine Motivation, so und so könnte es dir gehen, wenn du clean lebst. Ich hatte sozusagen ein "Ziel". Und ich habe auch gemerkt, wenn ich nichts trinke/ clean bin, kommt mein Leben wieder in den "Flow" und ich bekomme meine Probleme (für die ich ja eigentlich immer Alk&Co gebraucht habe) deutlich besser in den Griff.
Ich habe sozusagen mein "Medikament" abgesetzt und mein Leben hat sich darauf sehr gut repariert. In meiner jahrelangen "Trinkpause" habe ich meine jetzige Frau kennengelernt, wir haben geheiratet, 2 Kinder, Job und Haus, sozusagen richtig gutbürgerlich und alles chic. Irgendwie habe ich aber in diesen Jahren aber dem Alk sehr hinterher getrauert und vermisst, es war als hätte ein Teil von mir gefehlt. Man kann das beinahe mit einer verflossenen Beziehung vergleichen, die man nicht richtig abgehakt hat und von Zeit zu Zeit nachtrauert. Ich hatte große Angst wieder zu trinken, aber auf der anderen Seite den Alkohol sehr vermisst und in meiner Erinnerung verklärt.
Und da ich diese Verklärung und Sehnsucht über die nüchternen Jahre mitgenommen habe und mein Leben (und ich) in den letzten Jahren wieder recht stabil war, hab ich mich mit dem zwar wohlgemeinten, aber unglückseligen Vorsatz des kontrolliertem Trinkens wieder in die Sucht katapultiert und habe die letzten Jahre ein Dasein als (beinahe gutbürgerlicher) und heimlicher Spiegeltrinker gefristet.
Irgendwie habe ich aber damit wieder fast den ganzen Affenzirkus aus meiner Vergangenheit geweckt und mir ist Ende letzten Jahres vor mir selber Angst geworden. Und auch die ganzen alten Verdächtigen in Form von Ängsten, Scham und Schuld, mangelndem Selbstwertgefühl kamen wieder zurück. Ich habe eigentlich überhaupt keinen richtigen Glauben mehr, es jemals wieder zu schaffen. Ich hatte Anfang Januar wieder versucht aufzuhören, habe mich auch bis Mitte Mai dahingewurschtelt und hatte, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, da noch einmal für ein paar Tage dem Suchtdruck nachgegeben/ getrunken.
Aber ich bin nun seit Mitte Mai clean und ohne Suchtdruck (bis auf ein paar kleine Konditionierungen, die aber eher mit der jahrelangen Gewöhnung zusammenhängen, immer weniger werden und leicht wegzuwischen sind) und lebe bis dato sehr zufrieden.
Mir hat damals im Mai irgendwie die Augen aufgetan, man kann das vielleicht mit einer Beziehung vergleichen, der man jahrelang hinterhergetrauert hat und in einem im Moment der Klarheit bewußt geworden ist, dass man nur verarscht wurde. Und dass das "Objekt der Begierde" überhaupt nicht so toll ist, wie man es immer verklärt gesehen hat. Und mit diesem Bewußtsein fiel alles viel einfacher. Es war auch damals so, als wäre ein Teil von mir, welcher "nie genug bekommen" konnte, nicht mehr da war. Kann er wiederkommen? Ich hoffe nicht. Und genau daran arbeite ich auch an mir.
Das klingt jetzt vielleicht alles etwas kryptisch und ich weiß nicht ob dir das groß weiterhilft, aber anders kann ich das im Moment auch nicht erklären.
Ja, das Vertrauen in sich sinkt und die Scham steigt.
Also für mich bedeutet nüchtern sein im Augenblick: ich muss unerträgliche Gefühle aushalten und noch dazu die Hilflosigkeit, weil ich meine „Lieblingsstrategie“ nicht mehr nutzen kann. Noch dazu diese schrecklichen Eingeständnisse über sich selbst… ich bin süchtig. ich bin jetzt in der Liga „entzügig“.
Irgendwie erschüttert mich das.
Aber ich versuche mir die Erinnerung vor Augen zu rufen, dass es leichter wird, wenn man erstmal ein paar Tage nüchtern ist. Also zumindest in Bezug auf das gewohnte Ritual zu einer bestimmten Zeit. Was sicher noch Jahre bleibt ist ja dann die Gefahr, wenn Auslöser kommen…
Ich kann dich da gut verstehen, weil es mir so oft ähnlich so ging.
Man fällt erstmal in ein Loch bzw. fühlt sich noch leerer bzw. hat überhaupt nichts mehr, wenn man sein einziges Lebens-Elixier aufgegeben hat.
Ich denke, es ist sehr wichtig, diese unerträglichen Gefühle nicht nur als "aushalten" zu sehen, weil sonst ein Verlustdenken entsteht, wo es nur eine Frage der Zeit ist, bis man es nicht mehr aushält und wieder eingeknickt. Mir hat das damals irgendwie gut geholfen, wenn ich mir gesagt habe, "ok geht mir im Moment gerade nicht so toll, aber es wird besser und wenigstens brauchst du jetzt nicht auch noch zu trinken, damit ist's ja auch noch nie besser geworden". Klingt irgendwie auch nach aushalten 
Aber für mich war das in dem Moment ein eher ein "Annehmen" der Situation. Aber natürlich auch mit der Hoffnung, nicht ein Leben lang weiter zu leiden. Sozusagen, dass es mir auch wieder besser gehen wird und nie wieder an diesen Punkt zurückommen will, der in dem Moment eben noch sehr unschön war.
Klar die Gefühle sind ja nun mal anfänglich da, aber ich habe versucht, das Loch mit Dingen zu füllen, die mir wirklich gut tun. Klar am Anfang wirkt alles nur fade und braucht Training. Auch habe ich versucht, jede kleine Begebenheit/ Situation, die ich ohne Alkohol gemeistert habe, als großen Erfolg anzusehen.
Unterm Strich geht es meiner Meinung darum, den Alkoholverzicht nicht als "Verlust" sondern als Erlösung/ Freiheit anzusehen.
Ich finde, ein großer Teil dieses Verlustdenkens entstand auch durch eine Gehirnwäsche, die ich mir selber gemacht habe: "Ich kann ohne Alkohol nicht leben und brauche ihn für die und die Situation", aber auch von außen eingetrichtert bekommen habe/ eintrichtern lassen habe (gesellschaftliche Konventionen, Prägung/Umfeld).
Noch dazu diese schrecklichen Eingeständnisse über sich selbst… ich bin süchtig. ich bin jetzt in der Liga „entzügig“.
Irgendwie erschüttert mich das.
Ich finde, das muss nicht erschüttern. Dieses Eingeständnis ist sogar ein riesen Schritt in die richtige Richtung. Ich habe Jahre vergeudet und mich selber belogen, weil ich mir das genau nicht eingestehen wollte.
Und mal ehrlich, hast du dich irgendwann mal dafür entschieden, "süchtig" zu werden? Also ich habe es nicht. Und das soll jetzt auch nicht heißen, dass ich alle Veranwortung abgebe. Für mich geht es darum, JETZT das Beste aus meiner Lage zu machen und nicht zurückzuschauen, ändern kann ich die Vergangenheit eh nicht.
Ich habe eine Therapeutin, mit der konnte ich immer offen über mein Trinkverhalten sprechen, auch wenn ich dort eigentlich wegen Angst und Panik bin.
Ich denke es wäre gut sie zu bitten, meine Sucht in der nächsten Zeit in den Vordergrund zu stellen. Ich werde sie morgen fragen, da habe ich ohnehin einen Termin.
Und ich habe heute einen Termin bei der Suchtberatung zum Vorgespräch vereinbart.
Ich finde es gut, dass du die Sache straight angehst und jemanden hast, der dich da auch professionell unterstützt.
Ich hatte früher immer gedacht, wenn ich meine anderen Probleme auf die Reihe bekomme, trinke ich weniger/ kontrollierter. Aber wie ich das erlebe/ erlebt habe, war der Alkohol für einen Großteil meiner Probleme mitverantwortlich und hat jeden kleinen Teilerfolg letztendlich wieder wegespült. Und es gibt bestimmt auch oft Probleme die tiefer sitzen bzw. die eben betäubt werden wollen, aber wie ich finde, ist nüchtern die einzig richtige Basis, diese Probleme anzugehen und lösen zu können.
VG Rent