So einfach, wie Paul das oben darstellt, ist das meiner Kenntnis der Thematik nach nicht, sondern tatsächlich sehr viel komplexer.
Ich wusste durchaus, was mich unzufrieden macht, aber trotz all meiner Bemühungen konnte ich das früher nicht ändern. Mir ging das, als ich durch dieses Forum hier zum ersten Mal mit den Persönlichkeitsmerkmalen von erwachsenen Kindern aus suchtkranker Familie (Abkürzungen dafür sind ACA, EKA, EKS) vertraut wurde, ganz ähnlich wie CeBe . Das war auch für mich wie ein Spiegel.
Übrigens habe ich mich nie als Opfer betrachtet, sondern mich stets herausgefordert gefühlt, selbst Verantwortung für mein Leben zu übernehmen und das zu ändern, was ich ändern kann.
Junge Menschen, die in solch dysfunktionalen Familien aufwachsen, wie es Familien mit mindestens einem suchtkranken Elternteil in der Regel sind, erlernen aus purem Selbstschutz in solch unsicherer Umgebung bestimmte Bewältigungsstrategien, auch „Copingstrategien“ genannt, und sie erlernen und verinnerlichen sogenannte negative Glaubenssätze.
Und genau diese Copingstrategien, die für das Überleben in ihren Familien wichtig waren, sind im späteren Leben als Erwachsene teilweise eher hinderlich oder sogar lebensfeindlich. Sie und die negativen Glaubenssätze lassen sich aber, weil sie so früh und so tief in uns eingeprägt sind, ja sogar unser ganzes Wesen ausmachen, unsere Persönlichkeitsmerkmale geworden sind, nicht einfach so ablegen, selbst wenn uns bewusst geworden ist, dass wir uns selbst im Weg stehen.
Mich zum Beispiel durchflutet noch heute immer mal wieder der Glaubenssatz „Ich bin nicht gut genug.“ Dann fühle ich mich klein, wertlos, allein und hilflos. Ich arbeite noch daran, das zu ändern, denn dieser negative Glaubenssatz ist falsch. Ich weiß das, ich weiß inzwischen auch, woher diese innere Überzeugung rührt, aber wenn dieser Satz mich durchflutet, dann nützt mir dieses Wissen nichts.
Und weil wir uns aufgrund dieser Persönlichkeitsmerkmale in einem Zustand permanenter Überforderung befinden, sind wir eben auch anfällig für Suchterkrankungen. Alkohol wird aus verschiedensten Gründen missbraucht, die einen trinken, um überhaupt mal entspannen zu können, andere trinken, um sich zu belohnen, wieder andere trinken, um Gefühle nicht fühlen zu müssen. Und wir alle, die wir hier gelandet sind, wissen, dass das eine ganze Weile sogar recht gut funktioniert. Bis es dann eben irgendwann nicht mehr funktioniert….
Mein Vater hat, so vermute ich aufgrund dessen, was ich über ihn weiß, immer wieder dann mit dem Trinken angefangen, wenn ihm alles über den Kopf wuchs und er sich völlig überfordert fühlte. Ich gehe davon aus, dass er depressive Phasen hatte. Er ist auch in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen.
Deshalb fängt die eigentliche Arbeit für uns, wenn wir denn abstinent geworden sind, tatsächlich erst an. Und da gilt es für uns, negative Glaubenssätze zu entlarven und mit ihnen umgehen zu lernen, alte inzwischen schädliche Copingstrategien zu überwinden und tragfähige neue Denk- und Verhaltensmuster zu erwerben.