Viele Wege führen aus der Sucht !/?

  • Ich denke, wer sich für Abstinenz entschieden hat, muss nicht mehr nach Alternativen suchen, vorausgesetzt er ist zufrieden und hadert nicht täglich mit seiner Entscheidung und hat ständig das Gefühl, auf etwas tolles verzichten zu müssen. Ich glaube nicht, dass man mit diesem Verzichtsgedanken dauerhaft trocken bleiben kann, außer man ist Wunder an Disziplin.
    Damit meine ich nicht das evtl. seltene aufflackern von Suchtdruck, das geht ja meist auch schnell wieder vorbei.

    Wenn aber jemand Angst davor hat, nie mehr trinken zu dürfen, aber trotzdem seinen Konsum reduzieren möchte, finde ich es toll,dass es mittlerweile auch diesen Ansatz in der Suchttherapie gibt und es nicht mehr kategorisch um Abstinenz geht.
    Die tatsächliche Einsicht zu finden, dass einem das saufen oder auch das rauchen absolut nichts positives bringt und es daher auch nicht zu vermissen ist meiner Meinung nach die optimale Voraussetzung aus dem Suchtkreislau f auszusteigen, allerdings kann ich dann auch nicht den Wunsch verstehen, ab und zu zu trinken. Das akribische suchen nach Alkohol in Lebensmitteln habe ich übrigens noch nie ganz verstanden und glaube auch nicht, dass Marzipan mich ruckfällig werden lässt.

  • Das akribische suchen nach Alkohol in Lebensmitteln habe ich übrigens noch nie ganz verstanden und glaube auch nicht, dass Marzipan mich ruckfällig werden lässt.

    Kann ich irgendwie nachvollziehen. Meine Gedanken hierzu habe ich mal hier niedergeschrieben ...

    Zitat

    Ich habe mich also bewusst dagegen entschieden, Alkohol zu konsumieren. Darum trinke oder esse ich nichts, wo Alkohol enthalten ist. Auch nicht die Rotweinsoße, obwohl der darin enthaltene Alkohol so gut wie vollkommen verkocht ist. Das ist eine Sache des Prinzips. Und des Selbstschutzes. Denn dadurch achte ich bewusst auf möglichen Alkohol – und somit auch auf mich. Von dem bisschen Rotweinsoße oder dem minimalen Alkohol in einem Kuchen, werde ich sicherlich nicht besoffen.

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

    Uns aus dem Elend zu erlösen

    können wir nur selber tun!

  • Zitat

    Ich denke, wer sich für Abstinenz entschieden hat, muss nicht mehr nach Alternativen suchen, vorausgesetzt er ist zufrieden und hadert nicht täglich mit seiner Entscheidung und hat ständig das Gefühl, auf etwas tolles verzichten zu müssen.


    Das denke ich auch. Wenn der Zwang weg ist, also dieses "ich darf nicht", dann kommt man nicht mehr auf die Idee nach Alternativen zu suchen. Es sollte also so sein, dass man keinen Alkohol mehr trinken will, keinen Sinn mehr darin sieht.

    Grundsätzlich sehe ich es nun so (auch dank der ganzen Diskussion die wir hier führen), dass dieses Ziel über verschiedene Ansätze erreicht werden kann. Es scheint mir nur so, dass sich zunächst erst mal die meisten Betroffenen gerne auf den Weg "ich reduziere jetzt mal und dann wird das schon werden" begeben. Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, erscheint einem das vermeintlich ja erst mal der bequemste und gangbarste Weg. Aber scheinbar doch für die meisten eben nicht der Richtige, oder sehe ich das jetzt falsch? Wenn man diesen Weg gehen möchte, dann sollte man (auch das ist eine Erkenntnis aus dieser Diskussion für mich) das unbedingt über eine begleitende Therapie machen, die sich genau darauf spezialisiert hat. Also eigentlich genau so, wie man das bei totaler Abstinenz mit Therapie i.d.R. auch macht.
    Und sollte man während der Therapie merken, dass der eine Weg nicht gut funktioniert, auf den anderen wechseln. Sonst bleibt das doch ein ewiges rumgeeiere....

  • Gerchla, ich finde, da hast Du absolut Recht. 44.

    „Erfolg ist nicht auf Erfolg aufgebaut. Er ist auf Fehlern aufgebaut. Er ist auf Frustration aufgebaut. Manchmal ist er auf Katastrophen aufgebaut.“

  • Hallo Gerchla, ja die S3 Leitlinien sind ja in allererster Linie sogar für Ärzte und Therapeuten gemacht worden, dass sie Leitlinien haben nach denen sie ihre Arbeit ausrichten können.

    Ich selbst verstehe Sucht auch als so etwas wie eine Lebenskriese. Und in einer solchen Phase ist es absolut ratsam sich professionelle Unterstützung zu holen. Wenn ich z.B. Probleme mit meinen Steuern habe, dann gehe ich ja auch zum Steuerberater.

    Die Kraft ansich muss aus einem Selbst kommen. Mit therapeutischer Unterstützung kann man aber auf jahrzehnte lange Erfahrungen zurück greifen! Diese Hilfen sollte man sich nicht entgehen lassen. Man begegnet an diesen Stellen vielen gleichgesinnten Menschen und einem entsprechenden Erfahrungsaustausch etc.pp. ...außerdem ist der Schritt nach Außen (also zunächt zu Leuten mit Schweigepflicht) oft darum wichtig, weil man allein sich selbst ja dann doch immer gerne nochmal austrickst oder verarscht. Hat ja sonst niemand nix gehört...

    Soweit wie ich es nun bisher mitbekommen habe, findet in den ersten Gesprächen in der Suchtberatung und evtl. auch späterer Therapie eine möglichst realistische und erreichbare Zielformulierung statt. Diese kann auch in Teilschriten sein. Also erstmal par Wochen, viertel oder halbjärig, wie auch immer,.... Auch wo in etwa die Reise hingehen soll wird in dieser Phase festgelegt. Und klar, gelingt es nicht den einen eingeschlagenen Weg durchzuziehen, dann muss dann als nächstes eventuell ein Plan B her.

    Was ebenfalls in den Erstkontakten besprochen wird ist ob eine Therapie gemacht werden möchte oder nicht. Was immernoch wenige wissen: auch hierfür gibt es bereits seit längerem schon die verschiedensten Modelle. Das kann einfach bei einem entsprechend erfahrenen Psychologen sein, oder berufsbegleitend eine ein bis zwei mal wöchentlich Abends Ambulant, teilambulant in Tagesklinik (tagsüber Reha, nachts Zuhause), oder stationäre Langzeittherapie mehrere Wochen. Diese Therapieformen können auch anteilig untereinander kombiniert werden (Kombi).

  • Die Frage, ob es denn Beispiele von Leuten gibt, die Kontrolliert trinken können, hat mich angesprochen. Ich hoff das passt an dieser Stelle überhaupt noch rein.

    Ob ich eine "richtige" Alkoholikerin war oder nur Missbrauch betrieben habe, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass ich die letzten 5 Jahre vor dem Ausstieg (im August 2014) gestrampelt habe. Genau so fühlt es sich an, wenn ich zurückdenke. Immer wieder probiert aufzuhören, immer wieder auf die Nase gefallen, immer wieder Abend für Abend getrunken bis ich einfach voll war.

    Entzugserscheinungen hatte ich, abgesehen von Einschlafschwierigkeiten, keine.

    An Weihnachten 14 habe ich zum ersten Mal wieder ein Glas Wein getrunken. Eher ein halbes Glas, mir war wichtig dass ich die Wirkung nicht spüre.

    Im 2015 habe ich… 3 Mal etwas getrunken. 2 Mal in der Art wie an wie an Weihnachten, und einmal ging's voll in die Hose. Es war zwar kein totaler Absturz, aber doch genug um sich am nächsten Tag elend zu fühlen. Was dann passiert ist? Nichts, der Himmel ist mir nicht auf den Kopf gefallen, ich hab's bereut und war danach doppelt dankbar den Ausweg aus dieser Spirale gefunden zu haben. Auf keinen Fall war das ein Anlass, wieder in das alte Muster zurückzufallen.

    Für mich persönlich heisst kontrolliert Trinken jetzt nicht, bei jeder Gelegenheit (von denen gäbe ja fast täglich eine) kontrolliert ein Glas zu trinken. Ich trinke weder an der Fasnacht noch an einem Apéro, noch auf Einladungen etc etc. Und doch weiss ich, wenn ich tatsächlich mal etwas Trinken möchte, dann ginge das.

    Es sind jetzt 1 1/2 Jahre vergangen seit meinem Neuanfang. Ich will und werde nie mehr zurückgehen.

  • Liebe min, danke für deinen Erfahrungsbericht. Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du das auch weiterhin so leben kannst.
    Trotzdem bleibt die Frage: warum ? Warum das Glas Sekt an Weihnachten ? Hat dir etwas gefehlt, einfach nur, um dir selber zu zeigen, dass du es kannst, weil du Appetit auf genau diesen Geschmack hattest.?
    Ich meine das übrigens überhaupt nicht provokativ, es wurde mich nur wirklich interessieren, was vorher in dir vorgegangen ist.

  • Hallo Monika


    Trotzdem bleibt die Frage: warum ? Warum das Glas Sekt an Weihnachten ? Hat dir etwas gefehlt, einfach nur, um dir selber zu zeigen, dass du es kannst, weil du Appetit auf genau diesen Geschmack hattest.?

    Gute Frage. Genau kann ich es dir nicht einmal sagen. Es sind verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielten. An Weihnachten, das war bewusst geplant. Ich wollte es da einfach probieren, wollte wissen, ob mir der Wein noch schmeckt. Und ob ich nach einem Schluck den Wunsch verspüre, gleich die ganze Flasche leeren zu wollen (was ich nicht vermutete und so war es auch nicht), oder ob ich einfach dieses eine Glas langsam zum Essen trinken kann. Und ich wollte mit den anderen anstossen, mit demselben Getränk. Dabei stört mich das sonst überhaupt nicht, wenn ich die einzige bin die Saft oder Wasser im Glas hat. Warum es grad an Weihnachten für mich wichtig war.. keine Ahnung, wirklich. Vielleicht weil ich weiss, dass Weihnachten genau einmal im Jahr gefeiert wird? Und obwohl ich es geplant habe, war es nicht so, dass ich mich auf diesen Tag X gefreut habe im Sinn von, endlich wieder mal was trinken. Es war eher eine nüchterne ;) Entscheidung von mir.


  • ... das war bewusst geplant. Ich wollte es da einfach probieren, wollte wissen, ob mir der Wein noch schmeckt. Und ob ich nach einem Schluck den Wunsch verspüre, gleich die ganze Flasche leeren zu wollen (was ich nicht vermutete und so war es auch nicht), oder ob ich einfach dieses eine Glas langsam zum Essen trinken kann.

    Ich freue mich für Dich, dass "nichts passiert" ist. Denn ich persönlich halte soetwas für ein Spiel mit dem Feuer. Zumal es - nach meiner eigenen Erfahrung und auch den Erzählungen Anderer nach - nicht sofort, am selben Tag passiert, dass man unbedingt gleich die ganze Flasche austrinken will.

    Bei mir war es eher so, dass mir das eine Bier ja nicht weh tat, ich nicht das Verlangen nach mehr hatte. Da war es doch auch nicht schlimm, wenn ich einige Zeit, ein paar Tage später noch ein Bier trank. Und ein paar weitere Tage später zwei Bier ...
    Und ab da ging es dann leider immer schneller, bis ich mein ursprüngliches Level wieder erreichte - und übertraf :-[


    Gut, dass es Dir nicht ebenso erging!

    Das ist der Grund, warum ICH solche "Versuche" für gefährlich halte, für Hazard-Spiele, Russisch-Roulette.
    Warum sollte ich also heute z.Bsp. ausprobieren, ob ich wieder mal ein Bier trinken könnte ...
    Mittlerweile habe ich andere Getränke gefunden, die mir schmecken - mir fehlt nichts.

    Wie heisst es doch so schön: Never touch a running system! ;D

    Gruß
    Greenfox

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

    Uns aus dem Elend zu erlösen

    können wir nur selber tun!

  • Zitat

    Es sind jetzt 1 1/2 Jahre vergangen seit meinem Neuanfang. Ich will und werde nie mehr zurückgehen.

    44. 44. 44.

    Alles erdenklich Gute dafür weiterhin, liebe Mira!

    Liebe Grüße und Gute innere Kraft immer :)

    Land-in-Sicht

  • Danke für deine ehrliche Antwort Mira - und sorry für die falsche Anrede heute morgen - mein Tablet schreibt schon mal Sachen, die ich gar nicht will 8)

    Ich habe eigentlich die gleiche Erfahrung gemacht wie Greenfox, nur dass es bei mir einige Jahre gedauert hat, bis ich wieder auf meinem Level bzw. darüber hinaus angekommen war.

  • @ Mira
    Wenn es Dich nicht stört, würde ich Dich gerne was fragen:

    Man liest ja immer wieder mal, dass es möglich sein kann die Sucht zu besiegen, wenn man den Grund für seine Sucht erkannt hat, sich damit auseinander setzt und diesen Grund dann beseitigt.

    Hast Du den Grund für Dein ehemaliges Trinkverhalten gefunden? Und beseitigt?

    Ich habe das versucht, aber so richtig sicher ob ich ihn auch wirklich gefunden habe oder ob es nicht sogar ein ganzes Paket voll Gründe war, bin ich mir nicht. Und ob ich die alle beseitigt habe weiß ich auch nicht so genau. Bzw. irgendwie gäbe es theoritisch immer wieder mal neue Gründe.... Nur das ich jetzt ganz anders damit umgehe. Vielleicht ein bisschen wirr was ich schreibe aber vielleicht verstehst Du was ich meine.

    Es ist sehr interessant zu lesen, wie das bei Dir funktioniert hat. Ich persönlich bin jetzt aber eher bei Greenfox, also ich habe gar kein Bedürfnis auszuprobieren ob es funktionieren würde. Und hätte auch großen Respekt vor der möglichen Langzeitwirkung, ist mir nämlich schon mal passiert, am Anfang meiner "Karriere". Da hatte ich relativ lange nix getrunken und dann beim Nachbarn mal ein Biermischgetränk. Nur das eine, aber das war dann der Start für die Fortsetzung. So ähnlich wie Greenfox das bei sich schon beschrieben hat.

    Dass es bei Dir so klappt finde ich toll 44. Weiterhin alles Gute!

    LG
    gerchla

  • Hallo, ich will jetzt damit nicht Miras Antwort vorgreifen, sondern einfach etwas aus meiner Sicht beitragen.


    ...also ich habe gar kein Bedürfnis auszuprobieren ob es funktionieren würde.

    Ich finde wenn man in der glücklichen Lage ist das so von sich sagen zu können, dann hat man die eigene Sucht bereits überwunden, oder ist zumindest auf dem allerbesten Wege dahin.

    So verstehe ich es zumindest für mich. Denn ich lebe nüchtern und abstinent, weil es für mich (nach anfänglicher Zieloffenheit) mittlerweile mein gesunder Lebensweg ist, und nicht weil ich damit irgendeine Krankheit zum Stillstand bringen wöllte oder so. Ich sehe mich persönlich auf meinem Lebensweg schon seit einigen Monaten als GESUND, als geheilt an. Das heist ja aber nicht dass ich jetzt losrennen und wieder "normal" trinken muss... Vielleicht könnte ich das sogar, wer weiß - ich mag aber nicht.

    beste Grüße,
    LiS

    Einmal editiert, zuletzt von Land-in-Sicht (11. Februar 2016 um 14:28)

  • Hallo zusammen


    Bei mir war es eher so, dass mir das eine Bier ja nicht weh tat, ich nicht das Verlangen nach mehr hatte. Da war es doch auch nicht schlimm, wenn ich einige Zeit, ein paar Tage später noch ein Bier trank. Und ein paar weitere Tage später zwei Bier ...
    Und ab da ging es dann leider immer schneller, bis ich mein ursprüngliches Level wieder erreichte - und übertraf :-[

    So ist es mir mit dem Rauchen ergangen. Mal eine Zigarette hie und da, und bald war ich wieder mitten drin. Aber ich will nie mehr in dieses Fahrwasser mit dem Alk reinkommen, und hab diese paar Mal ja auch nicht wegen der Wirkung getrunken. Bei einer Zigarette spürt man schon nach ein, zwei Zügen wie sie "einfährt". Und nach dem einen Fehltritt - der ein Warnschuss war - wusste ich auch ganz genau, dass diese Gier immer noch da ist. Wenn es zuviel ist. Und überhaupt, vielleicht trinke ich auch nie mehr was. Auch ich habe genügend Alternativen gefunden, und es fehlt mir nichts. Ich hab nichts geplant. Aber ich weiss, wenn ich doch irgendwann mal was trinke, wenig, moderat, dann ist das ok. Es ist ja nicht so, dass ich total unbekümmert bin, ich hab das schon im Auge. Und ich will nicht als Held rüberkommen.


    Hast Du den Grund für Dein ehemaliges Trinkverhalten gefunden? Und beseitigt?

    Jein. Ich habe am Anfang hier mal geschrieben, dass ich überhaupt nicht weiss, warum es soweit kam, weil eigentlich ist ja alles in Butter in meinem Leben. Jemand hat geantwortet, dass vielleicht genau das ein Problem sein könnte.

    Jetzt lebe ich kompromissloser. Vieles packe ich an, anstatt einfach darüber zu grübeln und es doch nie in die Tat umzusetzen. Ich bin entscheidungsfreudiger geworden und mein Leben etwas verrückter. Traute mich Dinge zu ändern, die ich vorher als Unveränderbar und als einfach gegeben eingestuft hatte. Das ist oft anstrengend, auf alle Fälle anstrengender als nichts zu tun und sich abends zu betäuben. Zusammengefasst kann ich sagen, dass ich mein Leben aktiver führe und mehr das Gefühl habe, es gestalten zu können.

    Aber ob meine Passivität der Trinkgrund war nixweiss0 ?

    Lieben Gruss an alle
    Mira

  • Hallo Mira,

    zumindest glaube ich, dass Aktivität ein guter Grund ist NICHT zu trinken. Merke ich gerade auch an mir - ich habe gerade so viel zu tun und es bewegt sich soi vieles - keine Ahnung, wie das mit Alkohol gehen sollte.

  • Ich möchte den Thread hier noch mal aufgreifen, in dem es um viele Wege geht.

    Weiter oben kam ja auch die Frage nach therapeutischen Ansätzen auf, und ich hatte dort angebracht dass die Suchthilfe und auch in therapeutischen Einrichtungen schon länger verschiedene Ansätze, und nicht nur ausschließlich den der absoluten und lebenslangen Abstinenz, mit in die therapeutische Arbeit einbezieht. Dazu möchte ich hier einfach mal eine von mehreren Quellen aus dem Netz mit einbringen:
    http://www.alkoholismus-hilfe.de/alkohol-abstinenz.html#kontrolle

    im Link ist unter Anderem zu lesen:

    Zitat

    Wer entscheidet über Abstinenz oder 'kontrolliertes Trinken'?
    Die Entscheidung trifft der Abhängige gemeinsam mit seinem Therapeuten/Suchtberater. Ob kontrolliertes Trinken möglich ist, hängt von vielen Faktoren ab; es gibt vielleicht Anhaltspunkte für die eine oder andere Lösung, aber keine Garantien und Standardvorgaben.

    [size=7pt]Quelle: http://www.alkoholismus-hilfe.de/alkohol-abstinenz.html#kontrolle[/size]

    Zitat

    Wie steht das Gesundheitswesen zum 'kontrollierten Trinken'?
    ..... Ambulante und stationäre Einrichtungen zur Rehabilitation Alkoholkranker dürfen nicht mit Angeboten zum Erlernen kontrollierten Trinkens werben. Tun sie es doch, riskieren sie ihre Zulassung. Deshalb werden entsprechende Angebote elegant umschrieben und verschleiert.

    [size=7pt]Quelle: http://www.alkoholismus-hilfe.de/alkohol-abstinenz.html#kontrolle[/size]

    Durch die in der Suchthilfe gültigen sogenannten -S3 Leitlinien- die im Frühjahr 2015 veröffentlicht wurden und seit dem Gültigkeit haben, sind die Ansätze der Reduktion, des Absetzens, Antigravingmedikamente und mehr nun sogar ganz offiziell anerkannt und in die Programme der Suchthilfe mit aufgenommen. Das zweite Zitat ist also nicht mehr ganz aktuell. Ich hatte das weiter oben schon verlinkt, ansonsten einfach hier im Forum über die neuen Leitlinen stöbern oder googeln.

    In den Texten wird auch deutlich, dass im therapeutischen Sinne durchaus unterschieden wird zwischen Betroffenen denen es unter bestimmten Umständen möglich ist den Konsum zu reduzieren, und Betroffenen denen z.B. kontrolliertes Trinken eben nicht (mehr) möglich ist.
    Es wird aber von Therapeuten NICHT die Unterscheidung vorgenommen dass ein Betroffener der ggf. zu einer gesundheitlich unbedenklichen Konsummenge zurück gelangt etwa nicht abhängig gewesen sei, und nur jene Betroffenen für die Abstinenz als Weg angesehen wird abhängig seien. Eine solche Ansicht wird therapeutisch nicht vertreten.


    Weiterhin möchte ich auch hier zur Thematik "Viele Wege" wieder einmal darauf hinweisen, dass es auch viele Menschen gibt die es ohne Therapie, ohne Selbsthilfegruppen oder Internetforen etc. pp., sondern halt auf anderen Wegen schaffen ihr Leben bzw. ihr Konsumverhalten zu verändern. Und auch da gibt es Menschen die zur Abstinenz, andere die zu einem gesundheitlich unbedenklichen Konsummenge finden.
    So ist es in einem Artikel des deutschen Ärzteblattes zu lesen:
    >> Deutsches Ärzteblatt - Artikel über Selbstremission <<

    Ich persönlich finde, dass es so viele Wege gibt, wie man es ja auch hier im Forum immer wieder liest, gerade das kann doch vielen Menschen Hoffnung und Mut machen auf ihren Weg zu vertrauen. Dass es eben viele verschiedene und jeweils individuelle Ansätze gibt aus einer Problematik oder gar Sucht heraus zu finden.

    Einmal editiert, zuletzt von Land-in-Sicht (14. Juli 2016 um 19:20)

  • ... ich komme gerade von einem Besuch der Suchtstation meines ehemaligen Entgiftungskrankenhauses. Hier stellen wir in unregelmäßigen Abständen unsere "Selbsthilfegruppe" vor (in Anführungszeichen deswegen, weil wir nicht im klassischen Sinne SHG-Arbeit betreiben, sondern komafreie gemeinsame Freizeitgestaltung anbieten ...).
    Nicht einer/eine der aktuell fünfzehn Akutpatient*innen hat in den vergangenen Jahren NICHT Versuche irgend einer Art unternommen, kontrolliert zu trinken - das Ergebnis bei allen lässt sich unstrittig anhand ihres aktuellen Status` ermitteln ...
    Für mich stellt sich also in diesem Zusammenhang nicht die Frage, wer die Entscheidung trifft, wer ggf. für den Versuch des "kontrollierten
    Trinkens" geeignet ist, sondern wer für eine derartige Entscheidung dann auch die
    VERANTWORTUNG
    trägt ...

    Beste Grüße
    keppler

  • Ich persönlich bin sehr dankbar, dass mir der Weg der Zieloffenheit gezeigt wurde. In den Jahren zuvor hatte ich einige Anläufe bei denen ich ganz konkret in der Suchthilfe, bei Therapeuten und auch in Selbsthilfegruppen verzweifelt Hilfe suchte. Aber ich wurde immer wieder sozusagen gleich wieder vor die Tür gesetzt. Weil ich mir zu dem Zeitpunkt (ich war ja noch abhängig) nicht vorstellen konnte den lebenslänglichen Abstinenzschwur zu leisten. „Was? Dann können wir Ihnen nicht helfen. Da ist die Tür.“ Also soff ich halt noch ein par Jahre frustriert und orientierungslos weiter…

    Ich selbst habe über den Weg der Wahloffenheit meine EIGENVERANTWORTUNG für mein eigenes Leben wieder erkannt. Meine Hausärztin 2014 hat mich da drauf gebracht, dann fing ich Feuer und begann zu suchen und aktiv zu werden. Wenn das nicht gewesen wäre, wer weiß ob es mich heute noch gäbe.

    Durch die Zieloffenheit war ich erst im Stande meinen Weg endlich mal an zu gehen. Ich hab mir gesagt, schau ich erstmal par Wochen oder Monate und dann kann ich ja immer noch weiter sehen. Seit bald zweieinhalb Jahren mache ich das so. Und nach wie vor zieloffen. Ich verbiete mir nichts. Ich gehe meinen Weg so, weil ich ihn so gehen will. Weil ich immer wieder feststelle dass der neue Lebensweg für mich eben schöner und lebenswerter ist. Dennoch sage ich nach wie vor nicht dass ich nie wieder einen Tropfen trinken werde.

    Dieses „nie wieder“ ist mir persönlich eigentlich nach wie vor recht egal.

  • Ich vermisse bei dieser Diskussion immer wieder die eindeutige Differenzierung zwischen Menschen, die einen kritischen Konsum an den Tag legen und denen, die abhängig sind.
    Solange keine Alkoholabhängigkeit besteht, kann unbestritten eine ergebnisoffene Auseinandersetzung mit der Droge Alkohol geführt werden. Diese Auseinandersetzung kann zu verschiedenen Entscheidungen führen: Konsumreduzierung, "kontrolliertes Trinken" oder auch zeitweilige oder langanhaltende Abstinenz, bzw. das Anstreben von Trinkpausen.
    Wer Abhängigen diese Handlungsalternativen als gleichwertig aufzeigt, handelt aus meiner Sicht grob fahrlässig - in diesem Zusammenhang lasse ich lediglich die Trinkmengenreduzierung als lebensverlängernde medizinische Alternative bei "aus-therapierten"
    Klient*innen gelten.
    Komischerweise wird diese gesamte Debatte in Zusammenhang mit Tabakkonsum nicht geführt - die Begrifflichkeit "kontrolliertes Rauchen" ist mir noch nicht untergekommen - Gleiches gilt auch für die Konsumenten harter, illegaler Drogen oder in Bezug auf Medikamentenabhängigkeit.
    Da ich in den letzten Jahren zu viele Bekannte und Freunde auf ihrem aller letzten Weg begleiten mußte, werde ich bei dieser undifferenzierten Debatte zunehmend dünnhäutiger, und ich wiederhole meinen Apell:
    Geht auf die Suchtstationen der Entgiftungskrankenhäuser, sprecht mit Ärzten, Pflegepersonal und dort tätigen Suchttherapeut*innen
    UND VOR ALLEN DINGEN MIT DEN MENSCHEN DORT, DIE DA ALS AKUTPATIENT*INNEN
    liegen -
    dort findet Ihr das echte Leben vor und könnt konkret praktisch und nicht abgehoben theoretisch diskutieren.

    Beste Grüße
    keppler

  • dort findet Ihr das echte Leben vor und könnt konkret praktisch und nicht abgehoben theoretisch diskutieren.

    Hallo Keppler, mein Leben außerhalb von Krankenhäusern ist mir eigentlich auch echt genug.
    Und ich empfinde das was ich während der Sucht erlebt habe, und nun seit dem Ausstieg erlebe auch nicht als abgehoben oder theoretisch. Auch die Punkte die sich hier im Thread finden sind nicht abgehoben, sondern Fakten.

    Auch in dem Link den ich heute gepostet habe ist unter Anderem eindeutig zu lesen:

    "Schwere Trinker, Langzeitabhängige und Menschen mit psychiatrischen Problemen sollten - wenn möglich! - eher eine totale Abstinenz anstreben, weil jeder Schluck Alkohol ihre psychische und körperliche Verfassung weiter schädigt. Ein geregeltes Trinken ist hier meist auch eine Überforderung, weil Suchtgedächtnis und Kontrollverlust schon zu weit ausgeprägt sind."
    [size=7pt]Quelle: http://www.alkoholismus-hilfe.de/alkohol-abstinenz.html#kontrolle[/size]

    Einmal editiert, zuletzt von Land-in-Sicht (15. Juli 2016 um 00:02)

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