Den folgenden Text hatte ich im Thread „Gehört ein Rückfall dazu“ geschrieben, poste ihn aber in meinem Fädchen, um bei möglichen Diskussionen hier agieren zu können. Der Text greift im Prinzip das auf, was ich angefangen habe zu umschreiben.
Gehört ein Rückfall dazu?
Wenn man die Sucht in der klassischen Analogie als „schlafend“ bezeichnet, dann muss man logischerweise damit rechnen, dass sie einmal aufwacht. Man unterwirft sich also dem Damoklesschwert.
Rhetorisch gesehen soll die Aussage „Ein Rückfall gehört dazu“ die Scham nehmen und bei einem erfolgten Rückfall helfen, sich schneller wieder aufzurappeln. Es ist wie bei einem Kind, das Laufen lernt: Hinfallen gehört dazu. Das ist der therapeutische Grund für diesen Satz. Schließt man rhetorisch einen Rückfall kategorisch aus, fühlt sich der Rückfällige bei einem Ausrutscher schuldig und wertlos – er hat versagt.
Da sind wir wieder bei meinem Lieblingsthema: Wie stark Rhetorik und Eigensuggestion wirklich sind. Sprache ist unheimlich mächtig.
Wobei die Studienlage mittlerweile auch in eine andere Richtung tendiert und das Dogma „Die Sucht schläft nur“ hinterfragt. Es ist zwar biologisch korrekt, dass man den aufkommenden Saufdruck höchstwahrscheinlich nicht mehr kontrollieren kann, sobald man etwas getrunken hat (Reinstatement-Effekt). Das Synapsenfeuerwerk ist real. Ich habe das selber nach sechs Jahren Rauchstopp schmerzhaft erlebt. Die „Hardware“ bleibt also sensibel.
ABER: Durch klare Verhaltensänderungen können die Muster DAVOR durchtrennt werden – nennen wir es die Gewöhnung, die uns überhaupt erst zum Glas greifen lässt. Ein Beispiel ist das Fingernägelkauen. Das ist für viele eine schwer kontrollierbare Übersprungshandlung. Aber man kann es sich abgewöhnen. Auch Ängste kann man durch Konfrontationstherapie verlernen.
Die Aussagen der klassischen Suchttherapie wie „Ein Rückfall gehört dazu“ oder „Die Sucht schläft nur“ sind oft Prägungen, um einen möglichst hohen Schutzwall für den Patienten aufzubauen. Ich wage aber zu bezweifeln, dass dieser Schutzwall für jeden Menschen gleich gut funktioniert. Denn wozu führt dieser Schutzwall oft? Zu einem lebenslangen Vermeidungsverhalten. Zu Angst vor jeder Situation, in der Alkohol konsumiert wird. Das würde im Umkehrschluss nahezu einer sozialen Isolation gleichkommen, einem stetigen Leben im Alarmismus.
Klar, das schützt vor dem Konsum. Aber zu welchem Preis? Ich will nicht in Angst vor dem Alkohol leben, ich will in Freiheit ohne ihn leben.
Ich persönlich finde: Angst ist ein schlechter Therapeut. Scham ist ebenfalls ein schlechter Therapeut. Ich glaube nicht, dass Angst falsch ist. Ich glaube, sie ist für manche Menschen und manche Phasen notwendig (als Schutz). Mein Punkt ist nur: Sie muss nicht das Endstadium bleiben. Einen gesunden Respekt sollte man durchaus beibehalten, um nicht fahrlässig zu werden.
Aber wenn wir akzeptieren, dass die Sucht nur schläft, und stetig Sorge haben, dass sie aufwacht, dann hat der Alkohol auch nachträglich weiter die Kontrolle über das Leben. Man haut sich selber einen (gesellschaftlichen) Stempel auf die Stirn, ein lebenslanges Stigma. Und ich glaube, dann läuft man mehr Gefahr, rückfällig zu werden, als wenn man ganz klar einen Haken an die Sache gemacht hat.
Ein Haken ändert nichts an den Fakten, dass Dich ein Rückfall sofort wieder in den Strudel reißen kann. Aber ich bin mir sehr sicher, dass man das Fundament, auf dem aktive Rückfallprävention gebaut wird, wertschätzend und positiv aufbauen kann, anstatt über Vermeidungsverhalten. Leider ist eine Individualisierung der Therapie im klassischen System kaum möglich; dazu fehlen schlichtweg die Ressourcen, um Menschen so individuell aufzubauen.
Ich habe mich wirklich eingängig und tief mit dem Thema beschäftigt, insbesondere mit dem Thema der Selbstführung. Und ich bin mir sicher: Ein selbst aufgebautes – gerne auch mit externer Hilfe –, positives Mindset ist kraftvoller als ein erlerntes Angst- und Vermeidungsmindset mit der Hintertür „ein Rückfall gehört dazu“. Man kann sein Verhalten umbauen. Was anfänglich wie Schauspielerei wirkt (Fake it till you make it), übernimmt man sukzessive und WIRD irgendwann diese Person.
Ich habe den Beweis dafür oft erlebt, in einem ganz anderen Kontext: Ich arbeite nebenberuflich als Portrait-Fotograf. Ich mache das seit über 12 Jahren (mit einer kreativen Pause wegen meiner eigenen Themen), aber jetzt bin ich wieder voll dabei. Ich habe neulich meine Fitnesstrainerin fotografiert und am Samstag eine weitere Tänzerin. Glaubt mal ja nicht, dass diese Menschen ein positives Selbstbild von sich haben, nur weil sie auf der Bühne stehen oder hochtrainiert sind. Diese Menschen leben oft in Darstellungsmustern. Wenn man tiefer in die Seele blicken darf, kommen oft traumatische Belastungen hervor, gerade Stichwort Magersucht. Ich bin erschrocken, wie häufig das ist und wie das erwachsene Menschen weit bis ins Leben prägt.
Ich fotografiere NIE das, was die Leute von mir wollen. Ich fotografiere das, was ich sehe, und selektiere die Bilder so, wie ich es für richtig halte – nicht nach dem Muster, das die Fotografierten erwarten. Und was kommt nahezu immer dabei heraus? Wie am Samstag auch wieder erlebt:
„Ohh... so habe ich mich noch nie gesehen... das ist anders.“ „Und, gefällst Du Dir?“ Schweigen... „Das habe ich nicht erwartet... das ist krass.“
Ich könnte euch hier Sprachnachrichten einstellen von Menschen, deren Selbstbild ich durch Fotos komplett POSITIV erschüttert habe. Das ist keine Ausnahme, das passiert regelmäßig. Und genau das macht diese Beschäftigung für mich so unheimlich befriedigend, während sie gleichzeitig eine hohe Verantwortung trägt. Ich habe Menschen fotografiert, die haben sich mir gegenüber so gezeigt, wie sie sich vorher noch nie ihrem Partner gezeigt haben – aus Angst vor WERTUNG. Sie haben ihren Körper, ihre Sinnlichkeit verleugnet. Bis sie auf mich trafen, der sie neutral und wertschätzend gesehen hat – im wahrsten Sinne aus einer anderen Perspektive.
Folgende Worte stammen aus einer Karte von einer Person, die ich seit Jahren fotografisch und freundschaftlich begleite. Eine Frau, die unter anderem wegen meiner Fotos ihre Magersucht bekämpfen konnte. Es ist nur ein Auszug, voller Liebe:
Zitat
„...Ich bin dankbar für deine Unterstützung, für deine Ehrlichkeit, und für die Art, wie Du mich siehst! Für deine Perspektiven, deine Kreativität, und für diese Verbindung, die wir in der Inspiration teilen, wenn unsere Gedanken frei fließen können...“
Diese Frau ist Schauspielerin, Tänzerin, Model – ehemals schwer magersüchtig und jahrelang nur über ihren Körper beurteilt worden. Sie hat die Kurve nur deswegen bekommen, weil sie ein neues Selbstbild von sich etablieren konnte. Und dieses Selbstbild lebt.
Und genau DAS möchte ich ganz klar sagen: Euer Selbstbild sorgt für eure Prävention, euer Selbstbewusstsein, euer Auftreten und euer Handeln. Eure klare, schonungslose Selbstreflexion und euer Statement zu Euch selber.
Ich nenne das RISE:
- Resonance: Fühlen, was ist – bei sich und in meiner Umgebung.
- Insight: Analyse und radikale Erkenntnis – Verstehen, was passiert und meine Rolle darin.
- Sovereignty: Souveränität und Selbstführung – Agieren statt reagieren.
- Edge: Klarheit und Konsequenz – Kante zeigen. Ein Nein zu anderen ist ein JA zu sich selber.
Sucht ist Flucht vor dem Schmerz. RISE ist das Bewahren des Guten. Do you rise? Yes I do.
Und jetzt komme ich zu dem Punkt, der (zu Recht) kritisch gesehen werden kann, aber auch soll: Selbstführung bedeutet Eigenverantwortung. Eigenverantwortung bedeutet, alleine die Konsequenzen zu tragen und sich selber treu zu bleiben. Selbstführung bedeutet auch, sich gegenüber anderen Meinungen zu behaupten.
Aber Selbstführung bedeutet vor allem auch die Klarheit und die Fähigkeit, sich zu reflektieren und zu merken, wenn man gerade dabei ist, falsch abzubiegen. Deswegen muss man bei der Selbstführung auch in der Lage sein, Kritik anzunehmen und zu reflektieren. Das heißt nicht, dass man externer Kritik nachgeben muss.
Aber es gibt einen klaren Grundsatz: „Stärkt das, was ich tue oder erlebe, meine Substanz – oder zerstört es sie?“
Und wenn ich merke, dass ich meine Substanz zerstöre: Dann muss ich mir Hilfe suchen. Das sagen Sovereignty und Edge ebenfalls aus. Ein klares JA zu sich selber und zum eigenen Schutz.
Angst kann Stabilität schaffen – aber Freiheit entsteht erst durch Identität.
Das ist alles ein Prozess, der langsam aufeinander aufbaut. Wir haben hier in einem anderen Thread über das Wort NEIN gesprochen. Wie schwer es uns fällt, NEIN zu sagen, weil wir von Kindesbeinen an gelernt haben: Ein NEIN ist eher negativ konnotiert. Andere Sprachen kennen ein klares NEIN nicht und daraus entstehen dann gerne Missverständnisse.
Ich finde, wir können froh sein, dass wir das Wort NEIN haben. Genauso wie JA. NEIN und JA geben unmissverständlich IMMER eine Antwort. Wer kennt sich mit Computern aus? Binäres System? 1 und 0? Strom an / Strom aus? Da gibt es kein „Och... der Strom fließt vielleicht möglicherweise morgen...“. Lampe an, Lampe aus. Ende der Diskussionen.
Spannend ist im Umgang mit Menschen, aber auch im Umgang mit sich selber: Eigentlich ist Klarheit ziemlich cool. Klarheit gibt exakt einen Weg vor. Nur: Klarheit ist aber auch gerne mal unbequem. Und vor allem: Klarheit ist verbindlich. Beispiel? WhatsApp-Gruppen: „Wollen wir am Samstag alle zusammen ins Kino gehen?“ „Ach, ich weiß nicht, mal aufs Wetter gucken, aber generell gute Idee...“
Ich wechsle jetzt in meinem ellenlangen Monolog wieder zum Thema Bore-out und was das mit dem Buch, der Bekämpfung der Sucht etc. zu tun hat.
De facto kamen wir – auch in meinem Gespräch mit dem Therapeuten – zu dem Punkt, dass ich eigentlich handeln müsste. Heißt: Kündigen, um mich selber zu schützen. Innerlich habe ich mich also darauf eingestellt, eine Kündigung ist für mich unabdingbar. JA oder NEIN. So oder so, ich muss mit den Konsequenzen leben. Ob gut, ob schlecht, sei dahingestellt.
ABER – da kommen wir an den Punkt: Was für eine Rolle spiele ich eigentlich in dem Ganzen? Kann es vielleicht sein, dass ich mich, bedingt auch durch meine Vorgeschichte, selber in das Loch begeben habe und selber Verursacher der Situation bin? Genau wie alle anderen auch; jeder spielt da seine Rolle und verharrt in seiner Position. Gerade auch noch im öffentlichen Dienst, wo JA und NEIN oft auch missbraucht werden.
Was habe ich also gemacht? Das, was die Frauen vor meiner Kamera gemacht haben: Ich habe mein Selbstbild verändert. So wie ich meine Sucht zu den Akten gelegt habe und mich in meinem Leben neu aufgestellt habe (Sport, Ernährung, neue Freunde, neue Freizeitgestaltung), habe ich ein ähnliches neues Muster auf der Arbeit etabliert.
Von heute auf morgen: neuer, wertiger Kleidungsstil, lösungsorientierte Rhetorik, aktives Anbieten. Aufhören zu klagen, aktiv gestalten. Wo es nötig war: „Grauer Fels“ – auf der anderen Seite: Leuchtturm.
Um diese Wandlung heftig zu untermauern, habe ich mir sogar meine Haare gefärbt. BEWUSST. Ich wusste, wie die Kollegen darauf reagieren. Haare gefärbt, neue Frisur, schicke Kleidung, sogar Parfüm und ein Schnurrbart. Eine bewusste, klare, gesteuerte Muster- und Verhaltensänderung.
Die Leute reagierten wie berechnet. Komische Blicke, hinter dem Rücken auch mal ein abfälliger Kommentar, dumme Sprüche wegen des Schnurrbartes. „Hat wohl im Lotto gewonnen...“ „Hält sich für was Besseres...“ „Trägt jetzt auch einen Pornobalken...“ „Selbstdarsteller.“
„Pornobalken? Lieber Kollege, es ist November – MOvember. Millionen Männer, vorweg viele Sportler, tragen im November einen ‚Mo‘ – das sichtbare Zeichen, um sich für Männergesundheit einzusetzen. Danke für deine Anmerkung, denn sie bietet mir die Chance, mit Dir darüber zu reden, dass auch Du Vorsorgeuntersuchungen machen solltest. Deine Kinder und deine Frau wollen doch lange etwas von Ihrem Ehemann und Vater haben!“
Zack, ist man ein Vorbild, rhetorisches Aikido.
Und die eine oder andere Kollegin sagte sogar: „Wow, steht Dir. Hast Dich ganz schön gemacht in letzter Zeit“...
ABER was passiert, wenn man diese Rolle aufrechterhält? „Fake it till you make it.“ Das Ganze muss natürlich unterstrichen sein mit Fachlichkeit. Nur „Show & Shine“ bringt nichts, die Veränderung MUSS Substanz haben.
Freitags: Casual Friday. Ich bin mittlerweile ganz gut gebaut, ich zeige das jetzt auch. Dazu eine offene, bewusste, selbstbewusste Körpersprache, die passende Kleidung. Ich habe mich verändert, die Kollegen nicht.
Kennt ihr Leute, die durch die Tür kommen und die von sich aus eine anscheinend angeborene Autorität ausstrahlen? Genau DAS kann man auch trainieren.
Und ich sage Euch: Das funktioniert. Durch die eigene, klare, bewusste Veränderung verändert man seine Umgebung. Die Leute gewöhnen sich an Dich. Und wenn Du es schaffst, neue Impulse zu setzen, eine klare Statusveränderung zu etablieren, dann werden die Leute auf dich positiv reagieren, sich sogar anfangen, an Dir zu orientieren.
Die Gefahr ist natürlich, zum Blender zu werden – oder sich zu überhöhen. Deswegen ist klare Reflexion notwendig, damit das nicht passiert. Es wird aber auch Leute geben, die fangen an, dich zu meiden. Warum? Weil sie an dir eine Gefahr sehen, dass ihre eigene Verhaltensweise plötzlich auffällt. Aber Eloquenz und Selbstbewusstsein schlagen immer destruktives Verhalten.
Und da sind wir wieder beim Thema Schuld und Scham. Nur weil man für eine gewisse Zeit schwach gewesen ist, muss man nicht schwach bleiben – oder ängstlich.
Saufen die anderen auf der Weihnachtsfeier oder beim Betriebsfest: Ich gehe um 21 Uhr. Nicht, weil ich nicht trinken darf– sondern weil ich für einen Radmarathon trainiere und es mir wichtig ist.
Das ist ein ganz anderes Framing als ein Vermeidungsverhalten. Vermeiden am Anfang ist richtig und wichtig. Aber nicht für immer. Ein neuer Sinn muss geschaffen werden.
Deswegen: Schläft die Sucht? Nein, die schläft nicht. Sie ist ein Funke tief in mir. Aber sie würde verdammt viel Sauerstoff brauchen, um wieder Feuer zu fangen. Sauerstoff, den ich ihr entziehe durch meine eigene, geschaffene Resilienz.
Oder gebe ihr Sauerstoff durch meine eigene Dummheit.
Und dann heißt es wieder: „Fass Dir an die eigene Nase – wo bist Du eigentlich Ursache oder Lösung des Problems?“
Do you RISE? Yes I do.
Oder um mal wieder meinen Lieblingsspruch zu zitieren: "Es ist eine gefährliche Sache vor die Tür zu gehen, Frodo Beutlin. Du weißt nie wohin dich deine Füße tragen."
Danke fürs Zulesen.
P.s: Ich habe RISE selbst für mich entwickelt. Es ist die Essenz aus unterschiedlichen psychotherapeutischen Ansätzen, gängigen Coachingverfahren und eigenen Gedankengängen. Dabei habe ich festgestellt, dass ich viele bestehende, wissenschaftlich belegte Verfahren miteinander verbinde. RISE ist radikal, lässt keine Ausreden zu, liefert aber immer eine Antwort und öffnet Handlungsmöglichkeiten – sei es, aktiv zu handeln, sich selbst zu reflektieren oder bei Bedarf Hilfe anzunehmen. Kurz gesagt: RISE ist ein praktisches, reflexives Selbstführungs-Framework, das eigene Erfahrungen, psychologische Prinzipien und wissenschaftlich belegte Methoden kombiniert, um Handlungsfähigkeit und Verantwortung zu fördern. Man muss nur ehrlich zu sich sein – oder, wenn nötig, vertrauensvollen Menschen das Urteil überlassen, wenn man selbst gerade nicht handlungsfähig ist.