Beiträge von Kogge

    Ich weiß, was ich kann und was ich nicht will. Klar gehe ich zu events oder Feiern, nur darf dort der Alk nicht das alleinige Bindeglied und Sinn und Zweck des Treffens sein. Der zunehmende Pegel von trinkfreudigen Personen und das damit automatische Absinken des Gesprächsniveaus geht mir gegen den Strich. Ich bin in dem Augenblick weg, in dem ich mich dort nicht mehr wohl fühle. Nein, das bedrückt mich nicht, warum auch? Ich verschwinde nicht, weil ich Angst hätte, selbst wieder zu trinken, sondern weil mir meine Zeit für versoffenes Gelaber zu schade ist.

    Genau so.

    Den folgenden Text hatte ich im Thread „Gehört ein Rückfall dazu“ geschrieben, poste ihn aber in meinem Fädchen, um bei möglichen Diskussionen hier agieren zu können. Der Text greift im Prinzip das auf, was ich angefangen habe zu umschreiben.

    Gehört ein Rückfall dazu?

    Wenn man die Sucht in der klassischen Analogie als „schlafend“ bezeichnet, dann muss man logischerweise damit rechnen, dass sie einmal aufwacht. Man unterwirft sich also dem Damoklesschwert.

    Rhetorisch gesehen soll die Aussage „Ein Rückfall gehört dazu“ die Scham nehmen und bei einem erfolgten Rückfall helfen, sich schneller wieder aufzurappeln. Es ist wie bei einem Kind, das Laufen lernt: Hinfallen gehört dazu. Das ist der therapeutische Grund für diesen Satz. Schließt man rhetorisch einen Rückfall kategorisch aus, fühlt sich der Rückfällige bei einem Ausrutscher schuldig und wertlos – er hat versagt.

    Da sind wir wieder bei meinem Lieblingsthema: Wie stark Rhetorik und Eigensuggestion wirklich sind. Sprache ist unheimlich mächtig.

    Wobei die Studienlage mittlerweile auch in eine andere Richtung tendiert und das Dogma „Die Sucht schläft nur“ hinterfragt. Es ist zwar biologisch korrekt, dass man den aufkommenden Saufdruck höchstwahrscheinlich nicht mehr kontrollieren kann, sobald man etwas getrunken hat (Reinstatement-Effekt). Das Synapsenfeuerwerk ist real. Ich habe das selber nach sechs Jahren Rauchstopp schmerzhaft erlebt. Die „Hardware“ bleibt also sensibel.

    ABER: Durch klare Verhaltensänderungen können die Muster DAVOR durchtrennt werden – nennen wir es die Gewöhnung, die uns überhaupt erst zum Glas greifen lässt. Ein Beispiel ist das Fingernägelkauen. Das ist für viele eine schwer kontrollierbare Übersprungshandlung. Aber man kann es sich abgewöhnen. Auch Ängste kann man durch Konfrontationstherapie verlernen.

    Die Aussagen der klassischen Suchttherapie wie „Ein Rückfall gehört dazu“ oder „Die Sucht schläft nur“ sind oft Prägungen, um einen möglichst hohen Schutzwall für den Patienten aufzubauen. Ich wage aber zu bezweifeln, dass dieser Schutzwall für jeden Menschen gleich gut funktioniert. Denn wozu führt dieser Schutzwall oft? Zu einem lebenslangen Vermeidungsverhalten. Zu Angst vor jeder Situation, in der Alkohol konsumiert wird. Das würde im Umkehrschluss nahezu einer sozialen Isolation gleichkommen, einem stetigen Leben im Alarmismus.

    Klar, das schützt vor dem Konsum. Aber zu welchem Preis? Ich will nicht in Angst vor dem Alkohol leben, ich will in Freiheit ohne ihn leben.

    Ich persönlich finde: Angst ist ein schlechter Therapeut. Scham ist ebenfalls ein schlechter Therapeut. Ich glaube nicht, dass Angst falsch ist. Ich glaube, sie ist für manche Menschen und manche Phasen notwendig (als Schutz). Mein Punkt ist nur: Sie muss nicht das Endstadium bleiben. Einen gesunden Respekt sollte man durchaus beibehalten, um nicht fahrlässig zu werden.

    Aber wenn wir akzeptieren, dass die Sucht nur schläft, und stetig Sorge haben, dass sie aufwacht, dann hat der Alkohol auch nachträglich weiter die Kontrolle über das Leben. Man haut sich selber einen (gesellschaftlichen) Stempel auf die Stirn, ein lebenslanges Stigma. Und ich glaube, dann läuft man mehr Gefahr, rückfällig zu werden, als wenn man ganz klar einen Haken an die Sache gemacht hat.

    Ein Haken ändert nichts an den Fakten, dass Dich ein Rückfall sofort wieder in den Strudel reißen kann. Aber ich bin mir sehr sicher, dass man das Fundament, auf dem aktive Rückfallprävention gebaut wird, wertschätzend und positiv aufbauen kann, anstatt über Vermeidungsverhalten. Leider ist eine Individualisierung der Therapie im klassischen System kaum möglich; dazu fehlen schlichtweg die Ressourcen, um Menschen so individuell aufzubauen.

    Ich habe mich wirklich eingängig und tief mit dem Thema beschäftigt, insbesondere mit dem Thema der Selbstführung. Und ich bin mir sicher: Ein selbst aufgebautes – gerne auch mit externer Hilfe –, positives Mindset ist kraftvoller als ein erlerntes Angst- und Vermeidungsmindset mit der Hintertür „ein Rückfall gehört dazu“. Man kann sein Verhalten umbauen. Was anfänglich wie Schauspielerei wirkt (Fake it till you make it), übernimmt man sukzessive und WIRD irgendwann diese Person.

    Ich habe den Beweis dafür oft erlebt, in einem ganz anderen Kontext: Ich arbeite nebenberuflich als Portrait-Fotograf. Ich mache das seit über 12 Jahren (mit einer kreativen Pause wegen meiner eigenen Themen), aber jetzt bin ich wieder voll dabei. Ich habe neulich meine Fitnesstrainerin fotografiert und am Samstag eine weitere Tänzerin. Glaubt mal ja nicht, dass diese Menschen ein positives Selbstbild von sich haben, nur weil sie auf der Bühne stehen oder hochtrainiert sind. Diese Menschen leben oft in Darstellungsmustern. Wenn man tiefer in die Seele blicken darf, kommen oft traumatische Belastungen hervor, gerade Stichwort Magersucht. Ich bin erschrocken, wie häufig das ist und wie das erwachsene Menschen weit bis ins Leben prägt.

    Ich fotografiere NIE das, was die Leute von mir wollen. Ich fotografiere das, was ich sehe, und selektiere die Bilder so, wie ich es für richtig halte – nicht nach dem Muster, das die Fotografierten erwarten. Und was kommt nahezu immer dabei heraus? Wie am Samstag auch wieder erlebt:

    „Ohh... so habe ich mich noch nie gesehen... das ist anders.“ „Und, gefällst Du Dir?“ Schweigen... „Das habe ich nicht erwartet... das ist krass.“

    Ich könnte euch hier Sprachnachrichten einstellen von Menschen, deren Selbstbild ich durch Fotos komplett POSITIV erschüttert habe. Das ist keine Ausnahme, das passiert regelmäßig. Und genau das macht diese Beschäftigung für mich so unheimlich befriedigend, während sie gleichzeitig eine hohe Verantwortung trägt. Ich habe Menschen fotografiert, die haben sich mir gegenüber so gezeigt, wie sie sich vorher noch nie ihrem Partner gezeigt haben – aus Angst vor WERTUNG. Sie haben ihren Körper, ihre Sinnlichkeit verleugnet. Bis sie auf mich trafen, der sie neutral und wertschätzend gesehen hat – im wahrsten Sinne aus einer anderen Perspektive.

    Folgende Worte stammen aus einer Karte von einer Person, die ich seit Jahren fotografisch und freundschaftlich begleite. Eine Frau, die unter anderem wegen meiner Fotos ihre Magersucht bekämpfen konnte. Es ist nur ein Auszug, voller Liebe:

    Zitat

    „...Ich bin dankbar für deine Unterstützung, für deine Ehrlichkeit, und für die Art, wie Du mich siehst! Für deine Perspektiven, deine Kreativität, und für diese Verbindung, die wir in der Inspiration teilen, wenn unsere Gedanken frei fließen können...“

    Diese Frau ist Schauspielerin, Tänzerin, Model – ehemals schwer magersüchtig und jahrelang nur über ihren Körper beurteilt worden. Sie hat die Kurve nur deswegen bekommen, weil sie ein neues Selbstbild von sich etablieren konnte. Und dieses Selbstbild lebt.

    Und genau DAS möchte ich ganz klar sagen: Euer Selbstbild sorgt für eure Prävention, euer Selbstbewusstsein, euer Auftreten und euer Handeln. Eure klare, schonungslose Selbstreflexion und euer Statement zu Euch selber.

    Ich nenne das RISE:

    • Resonance: Fühlen, was ist – bei sich und in meiner Umgebung.
    • Insight: Analyse und radikale Erkenntnis – Verstehen, was passiert und meine Rolle darin.
    • Sovereignty: Souveränität und Selbstführung – Agieren statt reagieren.
    • Edge: Klarheit und Konsequenz – Kante zeigen. Ein Nein zu anderen ist ein JA zu sich selber.

    Sucht ist Flucht vor dem Schmerz. RISE ist das Bewahren des Guten. Do you rise? Yes I do.

    Und jetzt komme ich zu dem Punkt, der (zu Recht) kritisch gesehen werden kann, aber auch soll: Selbstführung bedeutet Eigenverantwortung. Eigenverantwortung bedeutet, alleine die Konsequenzen zu tragen und sich selber treu zu bleiben. Selbstführung bedeutet auch, sich gegenüber anderen Meinungen zu behaupten.

    Aber Selbstführung bedeutet vor allem auch die Klarheit und die Fähigkeit, sich zu reflektieren und zu merken, wenn man gerade dabei ist, falsch abzubiegen. Deswegen muss man bei der Selbstführung auch in der Lage sein, Kritik anzunehmen und zu reflektieren. Das heißt nicht, dass man externer Kritik nachgeben muss.

    Aber es gibt einen klaren Grundsatz: „Stärkt das, was ich tue oder erlebe, meine Substanz – oder zerstört es sie?“

    Und wenn ich merke, dass ich meine Substanz zerstöre: Dann muss ich mir Hilfe suchen. Das sagen Sovereignty und Edge ebenfalls aus. Ein klares JA zu sich selber und zum eigenen Schutz.

    Angst kann Stabilität schaffen – aber Freiheit entsteht erst durch Identität.

    Das ist alles ein Prozess, der langsam aufeinander aufbaut. Wir haben hier in einem anderen Thread über das Wort NEIN gesprochen. Wie schwer es uns fällt, NEIN zu sagen, weil wir von Kindesbeinen an gelernt haben: Ein NEIN ist eher negativ konnotiert. Andere Sprachen kennen ein klares NEIN nicht und daraus entstehen dann gerne Missverständnisse.

    Ich finde, wir können froh sein, dass wir das Wort NEIN haben. Genauso wie JA. NEIN und JA geben unmissverständlich IMMER eine Antwort. Wer kennt sich mit Computern aus? Binäres System? 1 und 0? Strom an / Strom aus? Da gibt es kein „Och... der Strom fließt vielleicht möglicherweise morgen...“. Lampe an, Lampe aus. Ende der Diskussionen.

    Spannend ist im Umgang mit Menschen, aber auch im Umgang mit sich selber: Eigentlich ist Klarheit ziemlich cool. Klarheit gibt exakt einen Weg vor. Nur: Klarheit ist aber auch gerne mal unbequem. Und vor allem: Klarheit ist verbindlich. Beispiel? WhatsApp-Gruppen: „Wollen wir am Samstag alle zusammen ins Kino gehen?“ „Ach, ich weiß nicht, mal aufs Wetter gucken, aber generell gute Idee...“

    Ich wechsle jetzt in meinem ellenlangen Monolog wieder zum Thema Bore-out und was das mit dem Buch, der Bekämpfung der Sucht etc. zu tun hat.

    De facto kamen wir – auch in meinem Gespräch mit dem Therapeuten – zu dem Punkt, dass ich eigentlich handeln müsste. Heißt: Kündigen, um mich selber zu schützen. Innerlich habe ich mich also darauf eingestellt, eine Kündigung ist für mich unabdingbar. JA oder NEIN. So oder so, ich muss mit den Konsequenzen leben. Ob gut, ob schlecht, sei dahingestellt.

    ABER – da kommen wir an den Punkt: Was für eine Rolle spiele ich eigentlich in dem Ganzen? Kann es vielleicht sein, dass ich mich, bedingt auch durch meine Vorgeschichte, selber in das Loch begeben habe und selber Verursacher der Situation bin? Genau wie alle anderen auch; jeder spielt da seine Rolle und verharrt in seiner Position. Gerade auch noch im öffentlichen Dienst, wo JA und NEIN oft auch missbraucht werden.

    Was habe ich also gemacht? Das, was die Frauen vor meiner Kamera gemacht haben: Ich habe mein Selbstbild verändert. So wie ich meine Sucht zu den Akten gelegt habe und mich in meinem Leben neu aufgestellt habe (Sport, Ernährung, neue Freunde, neue Freizeitgestaltung), habe ich ein ähnliches neues Muster auf der Arbeit etabliert.

    Von heute auf morgen: neuer, wertiger Kleidungsstil, lösungsorientierte Rhetorik, aktives Anbieten. Aufhören zu klagen, aktiv gestalten. Wo es nötig war: „Grauer Fels“ – auf der anderen Seite: Leuchtturm.

    Um diese Wandlung heftig zu untermauern, habe ich mir sogar meine Haare gefärbt. BEWUSST. Ich wusste, wie die Kollegen darauf reagieren. Haare gefärbt, neue Frisur, schicke Kleidung, sogar Parfüm und ein Schnurrbart. Eine bewusste, klare, gesteuerte Muster- und Verhaltensänderung.

    Die Leute reagierten wie berechnet. Komische Blicke, hinter dem Rücken auch mal ein abfälliger Kommentar, dumme Sprüche wegen des Schnurrbartes. „Hat wohl im Lotto gewonnen...“ „Hält sich für was Besseres...“ „Trägt jetzt auch einen Pornobalken...“ „Selbstdarsteller.“

    Pornobalken? Lieber Kollege, es ist November – MOvember. Millionen Männer, vorweg viele Sportler, tragen im November einen ‚Mo‘ – das sichtbare Zeichen, um sich für Männergesundheit einzusetzen. Danke für deine Anmerkung, denn sie bietet mir die Chance, mit Dir darüber zu reden, dass auch Du Vorsorgeuntersuchungen machen solltest. Deine Kinder und deine Frau wollen doch lange etwas von Ihrem Ehemann und Vater haben!“

    Zack, ist man ein Vorbild, rhetorisches Aikido.
    Und die eine oder andere Kollegin sagte sogar: „Wow, steht Dir. Hast Dich ganz schön gemacht in letzter Zeit“...

    ABER was passiert, wenn man diese Rolle aufrechterhält? „Fake it till you make it.“ Das Ganze muss natürlich unterstrichen sein mit Fachlichkeit. Nur „Show & Shine“ bringt nichts, die Veränderung MUSS Substanz haben.

    Freitags: Casual Friday. Ich bin mittlerweile ganz gut gebaut, ich zeige das jetzt auch. Dazu eine offene, bewusste, selbstbewusste Körpersprache, die passende Kleidung. Ich habe mich verändert, die Kollegen nicht.

    Kennt ihr Leute, die durch die Tür kommen und die von sich aus eine anscheinend angeborene Autorität ausstrahlen? Genau DAS kann man auch trainieren.

    Und ich sage Euch: Das funktioniert. Durch die eigene, klare, bewusste Veränderung verändert man seine Umgebung. Die Leute gewöhnen sich an Dich. Und wenn Du es schaffst, neue Impulse zu setzen, eine klare Statusveränderung zu etablieren, dann werden die Leute auf dich positiv reagieren, sich sogar anfangen, an Dir zu orientieren.

    Die Gefahr ist natürlich, zum Blender zu werden – oder sich zu überhöhen. Deswegen ist klare Reflexion notwendig, damit das nicht passiert. Es wird aber auch Leute geben, die fangen an, dich zu meiden. Warum? Weil sie an dir eine Gefahr sehen, dass ihre eigene Verhaltensweise plötzlich auffällt. Aber Eloquenz und Selbstbewusstsein schlagen immer destruktives Verhalten.

    Und da sind wir wieder beim Thema Schuld und Scham. Nur weil man für eine gewisse Zeit schwach gewesen ist, muss man nicht schwach bleiben – oder ängstlich.

    Saufen die anderen auf der Weihnachtsfeier oder beim Betriebsfest: Ich gehe um 21 Uhr. Nicht, weil ich nicht trinken darf– sondern weil ich für einen Radmarathon trainiere und es mir wichtig ist.

    Das ist ein ganz anderes Framing als ein Vermeidungsverhalten. Vermeiden am Anfang ist richtig und wichtig. Aber nicht für immer. Ein neuer Sinn muss geschaffen werden.

    Deswegen: Schläft die Sucht? Nein, die schläft nicht. Sie ist ein Funke tief in mir. Aber sie würde verdammt viel Sauerstoff brauchen, um wieder Feuer zu fangen. Sauerstoff, den ich ihr entziehe durch meine eigene, geschaffene Resilienz.
    Oder gebe ihr Sauerstoff durch meine eigene Dummheit.
    Und dann heißt es wieder: „Fass Dir an die eigene Nase – wo bist Du eigentlich Ursache oder Lösung des Problems?“

    Do you RISE? Yes I do.

    Oder um mal wieder meinen Lieblingsspruch zu zitieren: "Es ist eine gefährliche Sache vor die Tür zu gehen, Frodo Beutlin. Du weißt nie wohin dich deine Füße tragen."

    Danke fürs Zulesen.

    P.s: Ich habe RISE selbst für mich entwickelt. Es ist die Essenz aus unterschiedlichen psychotherapeutischen Ansätzen, gängigen Coachingverfahren und eigenen Gedankengängen. Dabei habe ich festgestellt, dass ich viele bestehende, wissenschaftlich belegte Verfahren miteinander verbinde. RISE ist radikal, lässt keine Ausreden zu, liefert aber immer eine Antwort und öffnet Handlungsmöglichkeiten – sei es, aktiv zu handeln, sich selbst zu reflektieren oder bei Bedarf Hilfe anzunehmen. Kurz gesagt: RISE ist ein praktisches, reflexives Selbstführungs-Framework, das eigene Erfahrungen, psychologische Prinzipien und wissenschaftlich belegte Methoden kombiniert, um Handlungsfähigkeit und Verantwortung zu fördern. Man muss nur ehrlich zu sich sein – oder, wenn nötig, vertrauensvollen Menschen das Urteil überlassen, wenn man selbst gerade nicht handlungsfähig ist.

    Vielen Dank für die Worte, das ist sehr lieb von Dir!

    Es sollte hier gar keine Werbeveranstaltung für ein (möglicherweise) irgendwann mal erscheinendes Buch werden. Ob das überhaupt jemals passiert – oder ob das überhaupt jemand haben will... wer weiß? Wobei ich mir als Minimumziel schon gesetzt habe: Im Worst Case lese ich es als Hörbuch ein und lade es Kapitel für Kapitel bei YouTube hoch.

    Nein, es geht eigentlich darum, was dieser Prozess in mir ausgelöst hat, was ich daraus ziehen und lernen konnte. DAS finde ich so unheimlich erstaunlich. Und da bin ich gerade am Überlegen, wie ich das in Worte fasse.

    Was wäre also die naheliegende Lösung? Das besprach ich auch in den probatorischen Sitzungen. Eigentlich liegt es auf der Hand: Kündigen. Aber einen Arbeitsplatz mit einer extrem hohen Sicherheit aufgeben? Man hat schließlich Verbindlichkeiten, andere Menschen sind von dem Einkommen abhängig. Ein gewisses Einkommen ist Pflicht, sonst ist eine Kündigung keine Rettung, sondern ein weiteres Problem.

    Ich hatte mehrere Vorstellungsgespräche und die liefen gut, erstaunlich gut sogar. Es ist sehr befriedigend, nicht aus einer Bittstellerposition heraus zu verhandeln, sondern wenn man fordern kann. Ein Job, da muss ich im Rückblick sagen, würde der mir heute über den Weg laufen, ich würde ihn sofort nehmen. Habe ich damals aber nicht gemacht.

    Warum? Ich hatte die Möglichkeit, mir die neue Arbeitsstelle genau anzusehen, und ich spürte sofort die zwischenmenschlichen Probleme, die dort herrschten. Sie lagen schier in der Luft und man wollte mich, damit ich diesen gordischen Knoten zerschlug. Die Mitarbeiter waren erstaunlich offen zu mir. Eigentlich, ganz eigentlich, wäre das eine Aufgabe genau nach meiner Kragenweite gewesen. Aber ich war mir meiner Stabilität absolut nicht sicher und schlug das Angebot aus.

    Kurzgefasst: Ich hatte Schiss vor meiner eigenen Courage.

    Also saß ich wieder da, in meinem Büro, auf der Warteliste für einen therapeutischen Platz. In der Freizeit erfüllt, im Beruf schwerst unterfordert. Mein Geist wach, aber ungefordert. Zu Ostern fuhren wir in den Urlaub.

    Ein Freund von mir, mit dem ich mich ab und zu kreativ austobe, wir schreiben Sketche, drehen Videos oder machen politische Parodien, triggerte mich an, mit ihm zusammen an einem Schreibwettbewerb teilzunehmen. Ich überlegte an diesem Plot herum, fing an mir Figuren auszudenken, deren Hintergründe zusammenzubauen, Protagonisten und Antagonisten zu erdenken. Aber mir fehlte etwas. Irgendetwas fehlte mir, ein Puzzleteil.

    Wir fuhren von Kiel aus nach Eckernförde, um von dort aus nach Olpenitz zu fahren. Auf der B76 sah ich riesige Aushubarbeiten für die Erweiterung der Bundesstraße. Ich sah diese riesige, klaffende Wunde in der Natur und es schoss mir in den Kopf. Kaum am Urlaubsort angekommen, mit dem Blick auf die Schlei, tippte ich folgende Worte in meinen Laptop:

    „Eine unbewegliche Dunstglocke aus feinen Partikeln und Wolken, die seit Wochen nicht mehr vom Regen gelöst wurde, hing schwer über der Berliner Allee und verschlang die ohnehin schon matten Sonnenstrahlen des Freitagnachmittags. Der Wochenendverkehr wälzte sich vorbei, das Surren der Elektromotoren paarte sich mit den Abrollgeräuschen der Reifen auf dem rauen Asphalt. Eine unaufhörliche Blechlawine, deren Rauschen die Landeshauptstadt Hannover atmen ließ. Mittendrin, fast unbewegt, stand Bente Carstens.“

    Innerhalb weniger Monate baute ich eine komplexe Welt und brachte einen fast 400 Seiten starken Roman zu Papier. Mein Kopf war ein einziger Film, der mich nicht mehr loslassen wollte. Meine Schreibstube: Wo wohl? In der grauen Tristesse des Büroalltags knallte ich meine Gedanken in Notizen, schrieb teilweise ganze Kapitel.

    Meine eigentliche Arbeit erledigte ich mit links. Meine Gedanken waren plötzlich nicht mehr leer am Tag, sondern voll und erfüllt. Damit ging es auch mental steil mit mir bergauf.

    Ende Juli haute der Kopierer dann zwölf Exemplare meiner ersten Version in graue Aktenordner, die ich an Testleser verteilte. Ich erstellte Feedbackbögen und gab teils wildfremden Menschen mein „Baby“ in die Hand. Zudem erhielt eine Version besagter Freund, der nicht nur ein kreativer Kopf, sondern mein schärfster Kritiker und ein deutscher Virtuose ist. Er wurde mein Lektor.

    Drei Wochen hat sich der gute Mann Zeit genommen, er war wie vom Erdboden verschluckt. Nachdem er aus seinem Keller wieder auftauchte, legte er mir den Ordner auf den Tisch und guckte mich ernst an. Ich war stinknervös und aufgeregt.

    „Drei Dinge, mein Lieber: Respekt, dass du gerade MIR das Teil hier hinlegst. Respekt, dass du bereit bist, dich meiner Kritik zu stellen. Und mach dich bereit: Es werden verdammt lange Winterabende, du hast noch viel Arbeit vor dir.“

    Melodramatisch blätterte er durch das Skript, das vor roten Anmerkungen nur so strotzte, und meinte dann:

    „Alter, was hast du denn da innerhalb der kurzen Zeit aufs Papier gebracht? Ich schwöre dir, ich rede nie wieder ein Wort mit dir, wenn du das Teil nicht zu Ende bringst!

    Um es abzukürzen: Nein, ich bin kein Bestsellerautor. Nein, auch Christopher Nolan hat nicht angerufen, um zu erzählen, dass Hans Zimmer die Filmmusik schreiben wird. Und ja, das Skript liegt hier immer noch, allerdings mittlerweile 50 Seiten dicker als vorher und es wächst weiter.

    Nur mit dem Alkohol aufhören? Reicht nicht!

    Mir liegt schon länger etwas auf den Fingern, das ich gerne loswerden möchte. Ich ringe ein bisschen um die Formulierung. Eigentlich ist es nicht meine Art, einen Text mit einem Disclaimer zu beginnen, aber an dieser Stelle mache ich eine Ausnahme. Was ich gleich erzähle, ist exakt so passiert. Es ist für mich eine erstaunliche Entdeckung, eine Reise zu mir selbst, von der ich noch nicht weiß, wo sie endet.

    Vor ein paar Tagen saß ich bei meinem Psychotherapeuten. Ich bat ihn um eine reflektive Zusammenfassung unserer bisherigen Sitzungen. Er sah mich an und sagte: „Ich hatte oft den Eindruck, unsere Sitzungen laufen zu glatt. Setzen Sie sich auch privat intensiv mit Psychotherapie auseinander?“

    Ich nahm die Frage mit einem Schmunzeln mit. Wenn ein Profi diese Frage stellt, muss hinter meinem Tun ja eine gewisse Substanz stecken.

    In exakt einem Monat habe ich die drei Jahre Abstinenz voll. Das Thema Alkohol ist für mich erledigt. Oder besser gesagt: Die Erfahrung steckt so tief in mir, dass sie zum stärksten Antrieb geworden ist, niemals wieder dorthin zurückzukehren, wo ich herkam. Ich habe genug Jahre liegen lassen. Die „Bestager“-Jahre gehören jetzt mir.

    Die Therapie habe ich vor einem Jahr begonnen. Eigentlich suchte ich nur einen MRT-Termin für meine Schulter, doch dann kam der Impuls, über die 116 117 auch nach einem Therapieplatz zu suchen. Der Grund war meine massive Sorge, in eine Depression zu rutschen. Der Winter 2024/2025 war kein gewöhnlicher Winterblues mehr, es war ein handfestes Problem.

    Mein Gedanke war, dass es nur logisch ist. Nachdem ich den Suchtkram hinter mir gelassen und eine vorzeigbare körperliche Transformation hingelegt hatte, war es an der Zeit, auch die mentalen Baustellen wie PTBS, Schicksalsschläge und Verluste systematisch abzuklopfen.

    Diese depressiven Löcher gaben den Ausschlag, wieder ins Handeln zu kommen. Ein Satz spukte mir dabei im Kopf herum, der schon lange ganz oben auf meiner Liste stand: „Fass dir an die eigene Nase. Was kannst DU tun, um die Situation zu verändern?“

    Oder, wie ich es später für mich ausgeschärft habe:

    „Ich kann die Welt nicht zwingen, sich zu ändern. Die Welt schuldet mir nichts. Aber wenn ich mich ändere, reagiert das System auf mich. Ich bin kein Treibholz im Ozean. Ich bin der Architekt meiner Realität. Ich bin der Fels, nicht die Welle.“

    Die riesige Belastung, die ich jedoch seit Jahren mitschleppe, egal wie bunt das Leben außerhalb der Arbeit seit der Abstinenz auch ist, ist mein Job.

    Ich arbeite im öffentlichen Dienst. Hohe Stundenzahl, totale Unterforderung. Ich langweile mich schlicht zu Tode. Früher war dieser Job perfekt für einen suchtkranken Menschen. Ein Kater ließ sich dort wunderbar abwettern und eine Krankmeldung war schlichtweg egal. Es hat niemanden interessiert. Als Mensch bist du dort eigentlich egal. Man gratuliert sich zwar zum Geburtstag, aber jeder kümmert sich eigentlich nur um sich selbst.

    Das Perfide ist, dass es sinnvolle Arbeit genug gäbe. Aber die Strukturen verhindern, dass man sich darum kümmert. Zuständigkeit schlägt Lösung. Wer im System ankommt, lernt schnell den Satz: „Steht nicht in meiner Aufgabenbeschreibung.“

    Für Menschen, die Monotonie lieben, ist das ein Paradies. Für kreative, engagierte Köpfe ist es die Endstation. Oder eben für Leute wie mich, die sich plötzlich vor einem hellwachen Geist nicht mehr retten können.

    Erschwerend kam hinzu, dass man mich an der kurzen Leine hielt, während um mich herum jeden Tag geklagt wurde. Überall Unzufriedenheit, Burn-out-Wellen und kollektive Erschöpfung. Da ich charakterlich extrem empathisch und hochsensibel bin, hatte ich keinen Damm, um diese Emotionen abzublocken. Ich wurde Tag für Tag in den Strudel fremder Negativität gezogen.

    Und im Winter erreichte das seinen absoluten Höhepunkt.

    Ich kann auch berichten, dass mein Körper die Abstinenz sehr dankbar angenommen hat. Dass ich mich am Morgen nach Tag X so extrem gut gefühlt habe, war (mit) ein Auslöser bzw. maximaler Motivator, die Flaschen stehen zu lassen, weil alles schlagartig besser wurde.

    Und was Tom sagt, kann ich ebenso spiegeln. Dabei hatten mich die Angststörungen durchs PTBS einst überhaupt erst trinken lassen. Als ich aufhörte, ging es mir aber paradoxerweise deutlich besser. Was ich persönlich sehr erstaunlich fand – ich dachte ja immer, ich ‚brauche‘ das zur Beruhigung.

    Ich kam damals aus einer fatalen Denk-Spirale: Ich dachte, der Alkohol sorgt überhaupt erst für ein soziales Leben. Die Realität war aber: MIT Alkohol ging es mir deutlich schlechter, besonders an den Katertagen. Wenn ich da an manche Situationen denke... boah, heftig, wie ich mich da selbst gegeißelt habe.

    Von daher: Auf ganzer Linie hat mein Körper die Abstinenz gefeiert. Zum Glück. Dass das nicht unbedingt die Regel ist, ist mir auch klar, deswegen bin ich sehr dankbar dafür.

    Über diese Einstellung hast du ja in meinem Thread schon geschrieben. Ich finde das auch richtig. Du bist ja schon einige Jahre abstinent und kannst sicher einschätzen ob es ein Risiko für dich darstellt.

    Das ist wieder der Punkt, wo ich auch hin möchte. Am Anfang ist davon eher abzuraten, aber wenn die Abstinenz stabil, solide und lange genug steht, dann geht das.


    Einschätzen brauche ich da nichts mehr, weil es für mich kein Risiko ist. Meine Beweggründe, mich dort aufzuhalten, sind andere – der Alkohol ist keiner davon. Ich würde freiwillig nie in eine reine Suffkneipe gehen, was soll ich denn da? Es gibt schlichtweg keinen Grund, dort zu sein.

    Was mich persönlich aber (noch) nervt, ist, dass das Thema Alkohol immer wieder aufpoppt und zum Thema gemacht wird. Egal ob auf dem Festival oder beim Klassentreffen.

    Es wird einfach nicht als selbstverständlich hingenommen, wenn man ablehnt. Super oft kommen Fragen, Aufforderungen oder Kommentare. Wir hatten das an anderer Stelle ja schon: Nein ist Nein. Punkt. Aber dass das oftmals nicht akzeptiert oder zumindest kommentiert wird, geht mir echt auf den Puffer.

    Stellt euch das Szenario mal mit Essen vor:

    • ‚Hier, nimm ein Stück Brokkoli.‘
    • ‚Du, ich esse keinen Brokkoli, danke.‘
    • ‚Waaaaas? Komm, du musst doch Brokkoli essen!‘
    • ‚Nein, ich möchte keinen Brokkoli.‘
    • ‚Ey, alle essen Brokkoli, nur du nicht! Das ist total gesund...‘
    • ‚Ja, mag sein. Dennoch möchte ich keinen.‘
    • ‚Sag mal... hast du ein Problem mit Brokkoli?‘
    • NEIN! Ich will keinen Brokkoli essen.
    • ‚Puh, okay... Also ich find's stark, dass du keinen Brokkoli isst. Würde ich auch gerne schaffen, auf der anderen Seite mag ich Brokkoli...‘

    Die Passage lässt sich nach Belieben verlängern und gerne mit Senf, Weintrauben, Salzstangen oder Äpfeln anpassen. WTF... Nun ja ;)

    Das hört sich schön an. Kann ich mir irgendwie sogar bildlich vorstellen.

    Was mich wundert ist, dass dich dein Kumpel nicht gegrüßt hat. So als wärst du ein Alien oder sonderbar nur weil du keinen Alkohol mehr trinkst.

    Ich denke schon, dass sich saufende Personen in Anwesenheit eines trockenen Kumpels nicht wohl fühlen.

    Es gibt tatsächlich noch eine Vorgeschichte, die dieses Verhalten erklärt. Es ist nicht so, dass wir offenen Streit hätten, aber auf der ‚Alkohol-Ebene‘ gibt es einen tiefen Graben.

    Ich interpretiere in sein Verhalten eine Mischung aus schlechtem Gewissen und Scham hinein. Genau wissen kann ich es nicht, aber man spürt es: Man gehört nicht mehr dazu.

    Bei ihm speziell gibt es einen Schlüsselmoment: Vor zwei Jahren gab es hier auch ein Dorfevent, eine Wanderung. Er trank nur Wasser. Auffällig viel Wasser. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir fast euphorisch: Es sei ‚Dry January‘, ihm ginge es richtig gut, er hätte noch nie so viel Sport gemacht wie in den letzten Tagen. Er plante sogar, das kommende Wochenende bei einem Kumpel trocken durchzuziehen. Ich habe ihn damals bestärkt und supportet.

    Ein paar Tage später sah ich ihn bei einem Sportevent. Natürlich wieder mit einem Bier in der Hand. Und sein Blick, als er mich sah, war exakt derselbe wie jetzt am Wochenende. Man hat den Riss in der Luft förmlich gespürt. Er wusste, dass ich wusste, dass er eingeknickt war.

    So traurig das ist: Wir wohnen nicht weit auseinander. Immer wenn ich Radfahren gehe, fahre ich zwangsläufig an seinem Haus vorbei. Ich werde also gesehen – fit und aktiv. In den letzten Monaten kam es öfters zu Gesprächen zwischen seiner Frau und mir, die typischen ‚Hey, wie geht’s‘-Gartenzaungespräche. Sie ist da ziemlich redselig und ließ durchblicken, dass es ihm nicht gut geht. Er wäre kaum noch aus dem Haus zu bekommen, hänge immer im Keller ab, arbeite zu viel, das ‚Eheleben‘ würde leiden etc.

    Und im Umkehrschluss kommt natürlich immer die Frage: ‚Und bei Dir / Euch?‘ Na ja, was soll ich da erzählen, außer der Wahrheit: Dass alles super ist? Das ist für die Gegenseite natürlich schwer zu ertragen. Ich erkenne da – auch wenn es Spekulation ist – sehr klare Muster, die ich direkt auf meine eigene Verhaltensweise von früher übertragen kann. Das kommt mir alles extrem bekannt vor. Ich täusche mich bei so etwas selten.

    Dazu kommt die Gruppendynamik: Sein bester Kumpel ist mittlerweile die Figur, die in meinem Bericht am Ausschank steht. Das ist so ein richtiger Antreiber. Kennt ihr diese Typen? Die immer Druck aufbauen, damit alle saufen? Die ein ‚Nein‘ nicht akzeptieren und richtig unangenehm werden, wenn einer ausschert? Die beiden hängen jetzt immer zusammen, fahren zusammen in den Urlaub.

    Mit diesem Vogel bin ich im ersten Jahr meiner Abstinenz mal heftig zusammengerasselt. Ich habe ihm damals sehr deutlich gemacht, dass er mich in Ruhe lassen soll mit seinen Sprüchen. Seitdem bin ich für ihn ein rotes Tuch. Und mein alter Bekannter? Der hat sich wohl für den Weg des geringsten Widerstands entschieden und sich dem Antreiber untergeordnet.

    Wie das so ist auf dem Dorf: Gruppen bilden sich, Gruppen halten zusammen. Und der Klebstoff ist oft der Alkohol. Wenn du da nicht mehr ‚kompatibel‘ bist, bist du raus.“

    Zitat

    Das wahre Bindeglied des Treffens war wohl der gemeinsame Suff und nichts anderes. Wer nicht mittrinkt, verletzt diese konkludente Absprache und rutscht daher schnell in die Rolle eines Außenseiters.
    Ich gehe nicht so solchen Treffen, bei denen allein der Suff im Vordergrund steht. Da gehöre ich einfach nicht (mehr) hin.Früher habe ich mich in Anwesenheit von Nichttrinkern auch unwohl und mich automatisch zu Trinkern hingezogen gefühlt. Jetzt ist es genau umgekehrt.

    Klar, auf reine Saufveranstaltungen gehe ich auch nicht mehr – was soll ich da auch? Aber mich komplett aus allen Dorfveranstaltungen rauszuziehen, nur weil da an vielen Stellen die ‚Trinkgemeinschaft‘ im Vordergrund steht? Das sehe ich nicht ein.

    Der Alkohol hat früher mein Leben bestimmt. Wenn ich jetzt Veranstaltungen meide, nur weil dort Alkohol ist, dann würde ich ihm ja wieder erlauben, mein Leben (bzw. meinen Terminkalender) zu bestimmen. Das mache ich nicht mehr. Ich finde es schon wichtig, auf dem Schützenfest kurz ‚Flagge‘ zu zeigen.

    Es sind ja auch Leute da, auf die ich mich freue und die sich auf mich freuen. Egal, ob die nun ein Bier in der Hand haben oder nicht – Leben und leben lassen. Viele trinken ja auch gemäßigt, da spielt die Sauferei keine zentrale Rolle. Das Getränk ist halt einfach da, und das tangiert mich überhaupt nicht.

    Diesen Samstag kam es allerdings nicht zu guten Gesprächen, also bin ich zeitig gegangen. Das ist der interessante Punkt: Früher hat man sich, wie ich immer sagte, am Bier festgehalten und ist geblieben. Man hat gewartet, bis es ‚irgendwann witzig‘ wurde (oder man selbst betrunken genug war, es witzig zu finden). Heute merke ich: Es passt nicht? Okay, dann gehe ich. Und zwar zufrieden.

    Letztes Jahr gab es allerdings einen Moment, der war schon ein wenig ‚cringe‘, um es in der Jugendsprache zu sagen. Es war Schützenfest, meine Kids waren da (Autoscooter fahren etc.). Ich war auf dem Rad unterwegs und wir hatten telefoniert, dass ich gerade auf dem Weg nach Hause bin. Ich bat darum, mir eine Pommes zu holen, ich käme gleich dazu – Hunger.

    Also... man wird schon höchst merkwürdig angeguckt. Der Schützenumzug war gerade zurück und die meisten hatten schon arge Schlagseite. Und dann klackerst du da dein Rennrad schiebend, in voller Montur, mit den Cleats unter den Schuhen über den Festplatz. Da fällst du auf, als würde ein Alien gerade die Erde besuchen. Mehr Aufmerksamkeit kann man nicht ziehen.

    Aber herrje: Dann bin ich lieber der ‚bekloppte Rennrad-Guy‘, anstatt darüber zu lachen, dass ich beim Pinkeln vorneüber in den Busch gefallen bin oder irgendjemandem vor die Füße gekotzt hätte. Wenn man schon dem Klischee des ‚Middle Aged Man in Lycra‘ (MAMIL) entspricht, dann kann man das auch zeigen. Die anderen veranstalten ja schließlich auch ein Showlaufen der Bierbäuche.

    Und mal objektiv betrachtet: So ein rotzevoller Schütze, der sich auf die eigene Weste sabbert, ist jetzt auch nicht gerade die Attraktivität in Person.

    In unserem Dorf gibt es eine jährliche Tradition: Das Weihnachtsbaumverbrennen. Organisiert vom Verschönerungsverein trifft sich die Dorfgemeinschaft, um die Tannenbäume vom Fest quasi auf den Scheiterhaufen zu werfen. Dazu gibt es Waffeln, Bratwurst, Glühwein und Bier.

    Ich war gestern nicht unbedingt in der Laune, dieser Tradition nachzukommen. Eine dreistündige Trainingsfahrt gegen Mittag hatte mir aufgrund des Wetters ziemlich den Stecker gezogen und meine Beine wollten eigentlich, in Kompressionsstrümpfen eingepackt, die Couch hüten. Aber auf der Terrasse lag der arme Baum, dessen Schicksal entweder von der Entsorgungsgesellschaft – oder vom Feuer besiegelt werden sollte. Zudem hatten sich ein paar Freunde angekündigt, also hatte ich nicht viel Wahl und machte mich auf den Weg zum Dorfplatz.

    Und dort waren sie alle. Und damit meine ich nicht meine Freunde, sondern die „Kollegen“ von früher. Jene Männer, mit denen wir früher das Feuer angezündet und später quasi wieder ausgepinkelt haben, um uns dann – ebenfalls traditionell – nach dem Event noch zu einem „Whisky-Tasting“ im Keller eines Nachbarn zu versammeln.

    Es fühlte sich für eine Sekunde an wie früher. Lachen, Scherzen, gute Laune. Nur mit dem Unterschied: Ich stand zwar mitten in der Traube von Menschen, aber dennoch war ich alleine. Ich war der Ungegrüßte, der mit den Händen in den Taschen dort stand und das Treiben beobachtete.

    Ansonsten war alles wie immer. Jeder, aber ausnahmslos jeder aus der alten „Truppe“ hatte ein Bier in der Hand. Einer der Männer arbeitete jetzt sogar am Zapfhahn und sorgte für den Nachschub. Ich beobachtete aus dem Augenwinkel, wie er seinem Glühwein noch einen ordentlichen, zusätzlichen Schluck aus einer Rumflasche zusetzte.

    Früher war ich einer von ihnen. Jetzt war ich ein Außenstehender. Mit einem der Männer war ich früher sehr gut bekannt, wir haben Stunden über Stunden in seinem Keller gehockt und es uns „schmecken“ lassen. Für eine Sekunde traf mich sein Blick. Ich blickte zurück. Er grüßte nicht. Er blickte nur, drehte sich dann um und nahm einen Schluck aus seinem Bier.

    Ich brauchte einen Augenblick, um diese Situation einzuordnen. Doch dann spürte ich plötzlich etwas anderes: Das warme Kribbeln in meinen Oberschenkeln, das leichte Ziehen im Hintern – die wohlige Wärme und Müdigkeit, die mir durch die Trainingsfahrt am Vormittag geblieben war. Das war meine Wärme. Echt und erarbeitet.

    Ein leichtes Schmunzeln ging über meine Lippen. Ich drehte mich um, verabschiedete mich von meinen Freunden und ging den kurzen Weg nach Hause.
    Es war kalt, aber ich spürte die Kälte nicht. Mein Blick wanderte zum Himmel, für einen kurzen Moment waren die Sterne zu sehen. Und ich war einfach nur glücklich.

    Das ist für mich dann Trocken.

    Jeder bzw. jede muss für sich seine persönliche Definition finden, wie er mit seiner ungesunden Vergangenheit umgeht bzw. wie er sie betitelt. Ich finde, das ist ein wichtiger Schritt hin zur Selbstverständlichkeit, zur endgültigen Akzeptanz des Umstandes, zur Verarbeitung. Der berühmte ‚Schlusspunkt‘, wenn man so will – vielleicht ist es auch Eigenermächtigung.

    Ich habe ein klares Problem damit, wenn mir externe Menschen, Systeme oder die Gesellschaft einen Begriff überstülpen, der quasi einem Stempel gleicht. Sich selbst eine Begrifflichkeit auszusuchen, ist selbstgewählte Identifikation. Und mit der Eigenidentifikation wächst die Resilienz.

    Ich für meinen Teil vermeide, so gut es geht, sämtliches Vokabular aus der ‚Szene‘. Ich kann und will mich damit NICHT identifizieren. Mich nerven diese Worte, sie sind wie ein Rangabzeichen und entblößen einen sofort. ‚Ich lebe abstinent...‘‚Wieso, hast du ein Problem mit Alkohol?‘ ‚Ne... ich trinke ja keinen... du?‘ Flachwitz Ende.

    Jede Vokabel aus der ‚Branche‘ lädt zur Diskussion ein, wenn man sie nutzt. Ich habe aber keinen Bock, darüber zu diskutieren. Die Entscheidung, ohne Alkohol zu leben, ist grundauf positiv. Egal, wie die Vergangenheit vorher war.

    Aber wie eingangs gesagt: Jeder muss seinen Frieden mit sich machen, seine Definition finden, seinen lebenslangen Umgang damit. Wer wäre ich denn, zu bestimmen, wie man sich nennen darf?

    Ein Vergleich dazu: Ein Mensch mit einer Typ-1-Diabetes-Erkrankung ist per Definition ‚behindert‘, oft sogar ‚schwerbehindert‘. Wenn ich aber gucke, was Typ-1er so machen (Leistungssport etc.), haben die in keiner Weise eine ‚Behinderung‘, sondern eine Lebensaufgabe, die sie meistern, ohne sich einschränken zu lassen.

    Mich hat vor einigen Jahren eine Diskussion bewegt, da ging es um ein Mädchen mit Down-Syndrom. Sie hat sich gegen ihren Schwerbehindertenausweis gestellt und gefordert, den Ausweis in ‚Schwer-in-Ordnung-Ausweis‘ umzubenennen. DAS ist in meinen Augen wahre Akzeptanz, Selbstermächtigung und Stärke.

    Und so sehe ich das hier im Umgang auch. Bezeichne dich so, wie Du magst, wie es sich gut für dich anfühlt. Dann hast Du Souveränität erreicht.“

    Es ist jetzt schon länger her, dass ich mich (freiwillig) erklärt habe. Ansonsten denke ich, zeigt meine Attitüde mittlerweile, dass es für mich normal ist, nichts zu trinken.

    Das mag jetzt vielleicht unheimlich borniert und überheblich klingen, das weiß ich. Aber dieses ganze Thema ‚Sport/Mindset‘ und die Einstellung dazu – das lebe ich und das strahle ich auch aus. Ich denke, wer selbstverständlich agiert und souverän ist, der muss sich nicht erklären – das sieht man von außen. Ich musste das erst lernen und habe mich bewusst so verändert, dass ich mir diesen ‚Mantel‘ nicht nur anziehe, sondern die Einstellung bin. Das erkennt man oft an kleinen Details (und das heißt nicht, dass ich den ganzen Tag in Sportklamotten rumlaufe, ganz im Gegenteil). Aber einem Menschen, der sich aktiv seiner selbst bewusst ist, sieht man das an.

    Wie gesagt: Es klingt vielleicht arrogant, aber für mich ist es schlicht eine Haltung. Und eine Haltung muss man nicht erklären oder rechtfertigen.

    Ich glaube, die Unerschütterlichkeit dieser Haltung ist aus einem tiefen Schuldbewusstsein heraus geboren. Ich weiß nicht, wie es euch ging, aber dieses Schuldbewusstsein war bei mir gerade auf der ‚Zielgeraden zum Abgrund‘ immer da. Auf der einen Seite wurde es mir langsam egal, ob man mich bei meinen Taten sah oder nicht – wie beim typischen Einkaufen oder Flaschen wegbringen. Gleichzeitig konnte ich mir selber nicht mehr in die Augen sehen.

    Und das schlimmste Gefühl war, wenn Kinder einen angesehen haben. Kinder merken sofort, dass mit einem etwas nicht stimmt. Wenn das damals passierte, war das für mich wie ein Dolchstoß ins Herz.

    Da ich im Grunde ein zutiefst moralischer Mensch mit sehr hohen Werten bin, war es schier unerträglich, dabei erwischt zu werden (auch von mir selbst), wie ich gegen meine eigenen Werte verstieß. Aus diesem Schmerz heraus habe ich mir selber die Messlatte für meine Glaubwürdigkeit heute sehr hoch gelegt. Und seit längerer Zeit lebe ich das ganz bewusst und selbstbewusst.

    Wenn es doch einmal tiefer ins Gespräch geht – was ab und zu vorkommt –, dann sage ich die Wahrheit: ‚Ich war vor einigen Jahren in einer tiefen Revision mit mir selbst und habe aufgeräumt. Ich habe die Dinge aus meinem Leben geräumt, die mich am Leben hindern, und mich gefragt: Was schränkt mich ein? Ich kam zu der Erkenntnis: Der Alkohol gehört dazu. Deswegen habe ich ihn ausgemustert.‘

    Je nach Sympathiegrad der Person füge ich dann noch hinzu: ‚Meine Erfahrungen mit Alkohol reichen für zwei Leben, da wollte ich mal ausprobieren, wie es ohne ist.‘

    Diese sehr klare Aussage sorgt eigentlich immer für Respekt. Anstrengend sind eher die Leute, die mich gefragt haben, sich dann das drölfte Bier bestellen und nachhaken: ‚Du bist Dir aber sicher, dass Du keines willst?‘

    Was man hier verstehen muss: Diese Frage stellen sie nicht, um dich zu überreden, sondern um sich ihren eigenen Konsum zu rechtfertigen. In dem Augenblick, wo ein klarer, nicht trinkender, souveräner Mensch am Tisch sitzt, fühlen sich Trinkende oft unwohl. Sie werden unbewusst mit ihrem eigenen Verhalten konfrontiert – und das versuchen sie dann durch solche Fragen zu kompensieren.

    Das ist gut. Nicht verhandeln, sondern einfach nur ohne Angabe von Gründen ablehnen. Ich hab aich ehrlich gesagt keine Ahnung warum man ein Nein begründen muss.

    Das liegt an unserer Prägung.

    Sag als Kind mal ‚Nein‘. Uns wird doch von Kindesbeinen an beigebracht, dass das Wort ‚Nein‘ unerwünscht ist. Wenn ein Kind ‚Nein‘ sagt, gilt es sofort als trotzig, widerspenstig oder ungezogen.

    Wann sagt man denn in der Schule zu einem Lehrer ‚Nein‘? Wann traute man sich früher in der Clique ‚Nein‘ zu sagen? Oder in einer Beziehung – wo man Dinge erduldete, auf die man eigentlich keine Lust hatte (nach dem Motto: ‚Ich hab es doch nur für Dich getan...‘)?

    Später dann zu den Eltern, zum Chef? Wir lernen früh: Wer ‚Nein‘ sagt, macht Ärger.

    Ein ‚Nein‘ ist in unserer Gesellschaft fast immer negativ konnotiert. Es wird oft nicht als Abgrenzung zur Sache, sondern als Ablehnung der Person verstanden. Deswegen scheuen sich insbesondere konfliktscheue oder harmoniebedürftige Menschen davor, dieses Wort zu benutzen.

    Und das Problem liegt auf beiden Seiten: Es ist schwer, es zu sagen, und für viele ist es auch schwer, ein ‚Nein‘ einfach zu akzeptieren. Achtet da mal drauf – überall: bei Freunden, Familie, Arbeitsumgebung. Anstatt einer klaren Antwort kommt viel häufiger ein schwammiges ‚Vielleicht‘, ‚Mal schauen‘ oder ‚Ich versuche es‘. Nur um niemanden vor den Kopf zu stoßen.

    Es ist extrem spannend, wenn man sich damit einmal bewusst auseinandersetzt und merkt, wie sehr wir darauf programmiert sind, nicht deutlich zu sein.

    Dabei gilt so oft: Ein Nein zu anderen ist ein Ja zu sich selbst. Und ganz ehrlich: Ein klares Nein – genauso wie ein klares, bewusstes JA – ist ein echtes Statement. Diese Klarheit ist Souveränität. Und Souveränität ist eigentlich ziemlich sexy.

    Das Wort ‚Verzicht‘ habe ich auch aus meinem Wortschatz gestrichen bzw. wende es nur dann an, wenn ich Dinge unterlasse, die ich eigentlich total gerne mache.

    Ich ‚verzichte‘ auf eine Sporteinheit, weil in dem Augenblick ein Aussetzen oder Regeneration dienlicher ist. Wir als Familie ‚verzichten‘ auf ein zweites Auto, weil wir beschlossen haben, mit einem auszukommen, obwohl es manchmal unkomfortabel ist. Ich ‚verzichte‘ auf den Urlaub, weil ich das Geld gerade nicht habe.

    Aber auf etwas zu ‚verzichten‘, was mir nachweislich schadet, ist rhetorisch Quatsch. Ich ‚verzichte‘ ja auch nicht darauf, Benzin zu trinken oder mir mit dem Hammer auf den Daumen zu hauen. Ich lasse es einfach, weil es dumm wäre. Ich ‚verzichte‘ auch nicht aufs Rauchen, ich rauche einfach nicht mehr.

    Der Verzichtsgedanke ist beim Alkohol nur deswegen so präsent, weil er einen gesellschaftlichen Status hat, mit Genuss und Lifestyle verbunden ist und man suggeriert bekommt, man würde etwas ‚Wertvolles‘ verlieren.

    Apropos doof angeschaut – ich saß zum ersten Mal ein wenig in der Klemme, meine Alkoholfreiheit ohne große Worte durchzuziehen: Wir waren mit der Arbeit essen und zum Dessert wurde Zabaione gereicht. Da wurde man doch komisch angeguckt, dass man ein Dessert nicht angerührt hat – es ging schließlich auch noch aufs Haus.

    Ich hab einfach stoisch ‚Nein danke‘ gesagt. Mehrfach. Ich hatte auch keinen Bock, mich zu erklären. Das ist das Nächste, was ich klar gelernt habe: Wir erklären zu viel und rechtfertigen uns. Ich gehe mittlerweile den Weg: Nein ist Nein. Ende. Wer sich erklärt, begibt sich in die Defensive und wirkt unsouverän. Eine Erklärung wird vom Gegenüber oft als Einladung verstanden, darüber zu verhandeln (‚Ach komm, ist doch nur Nachtisch...‘). Ein freundliches, aber unumstößliches ‚Nein‘ lässt keinen Raum für Diskussionen.

    Nein!....ist auch ein Satz.

    Was Du schreibst, klingt richtig gut.

    Zitat

    Inzwischen weiß ich, dass mein Weg länger ist. Mich wieder neu kennen lernen. Die Leichen im Keller mal raus werfen. Eine nach der anderen. Die stinken sonst weiter. Und zurück zu der Person, die ich früher war.


    Das ist ein total reflektierter und toller Ansatz! Ich wünsche Dir für 2026 viel Erfolg und genieße die neue / alte Person. Ich finde, wir alle hier haben eine gemeinsame Motivation und das ist, dass wir wissen, wo wir herkommen. Und nicht wieder zurück wollen!

    VG,

    Kogge

    Bezüglich des Begriffs „Gelassenheit“, den du als „Bewegungslos sein. Abwarten“ interpretierst - Bist du da Menschen begegnet, die das tatsächlich so leben oder zumindest so vermitteln? 🤔 - so beinhaltet dieser Begriff für mich tatsächlich den Mut und die Kraft zu haben, das, was ich beim besten Willen nicht verändern kann, hinnehmen oder annehmen zu können.

    Zu deiner Frage, ob ich Menschen begegne, die ‚Gelassenheit‘ als passives Abwarten missverstehen: Täglich. Die Menschen sind überall, das ist ein großes gesellschaftliches Thema. Jeder, der nur klagt, motzt und meckert, statt zu handeln, befindet sich genau in dieser Rolle.

    Aber wir müssen natürlich differenzieren. Du hast völlig recht: Es gibt Ereignisse, die kann man nur ‚abwettern‘. Die sind so prägnant und einschneidend, da bringt einem Hurra-Patriotismus wenig bis gar nichts.

    Ich weiß leider genau, wovon ich spreche. Wir waren damals dazu verdammt, zuzusehen, wie ein liebes Familienmitglied binnen kürzester Zeit sterben musste. Auf eine extrem brutale Weise. Es war ALS – aber nicht der langsame Verlauf wie bei Stephen Hawking, sondern eine aggressive Form, die binnen sechs Monaten zum Tode führte. Und auch das war am Ende nur mit großzügiger palliativer Unterstützung erträglich – um es vorsichtig auszudrücken. Wer meine Texte hier gelesen hat, erkennt vielleicht die Parallele oder das Déjà-vu, das ich durchmachen musste.

    In diesem Augenblick wäre die wahre Stärke vermutlich die des ‚Annehmens‘ und ‚Aushaltens‘ gewesen. Ich für meinen Teil habe damals aber das Gegenteil getan: Ich habe noch stärker an meiner Abwärtsspirale gedreht. Ich war schockiert, innerlich bewegungslos und bin tiefer in mein ‚Rabbit Hole‘ gekrochen, statt die Situation anzunehmen. Dann kam das Leben nur drei Wochen später und verpasste uns die nächste Watsche. Dann kam Corona. Und wie bei vielen anderen ist es dann bei mir voll aus dem Ruder gelaufen.

    Erst später, als ich anfing nachzudenken und den Nebel zu lichten, kam die Erkenntnis. Durch den Prozess, den ich durchlaufen habe – und mit der emotionalen Klarheit, die mir anfangs sogar zu schaffen machte, weil ich sie nicht gewohnt war –, habe ich verstanden, wie mächtig Selbstführung sein kann.

    Und daraus resultiert meine heutige, vielleicht etwas harte Ansicht: Ich glaube, dass man vieles eben nicht einfach nur ‚hinnehmen‘ muss. Selbst in der Ohnmacht gibt es oft noch einen winzigen, aber entscheidenden Gestaltungsspielraum: Nämlich wie ich mich dazu verhalte. Ich konnte den Tod nicht verhindern (unveränderbar). Aber ich hätte verhindern können, mich selbst dabei zu verlieren (veränderbar).

    Es liegt leider in der Natur des Menschen, lieber zu verharren und zu sagen ‚Da kann man nichts machen‘ (Opferrolle), als diesen oft schmerzhaften Gestaltungsspielraum zu nutzen und in die Handlung zu kommen. Deswegen bin ich bei dem Begriff ‚Gelassenheit‘ so vorsichtig – er wird zu oft als Alibi für Passivität genutzt. Aber so, wie du ihn beschreibst – als Mut, das Unausweichliche zu tragen – gehe ich zu 100 % mit.

    "Unänderbar" wäre für mich negativ behaftet - egal in welchem Kontext. So ticken wir alle unterschiedlich, was ok ist.

    Ich habe lange mit dem Wort ‚unänderbar‘ gerungen. Mir war es aber wichtig, das Wort so drastisch und unverrückbar zu nehmen und nicht weichzukochen. Gerade WEIL es negativ behaftet ist.

    Der Hintergrund ist ernst: 2019 haben wir in unserer Familie einen unänderbaren Schicksalsschlag hinnehmen müssen, kurz darauf noch einen, der uns bis heute begleitet. Ostern 2025 schlug das Leben noch einmal unverhandelbar zu. Da half kein Hadern. Das Leben hatte uns am Kanthaken und wir konnten dem Unvermeidlichen nicht entkommen.

    Was ich aber machen konnte, war der Umgang mit diesen extremen Umständen. Meine Lehren hatte ich aus 2019 mit dem Doppelschlag gezogen. Und ich fühlte mich 2025 deutlich stabiler, ja, fast souverän, im Vergleich zu den anderen Erlebnissen.

    Das liegt vermutlich aber auch an meiner Demut. Ich stelle mich nach außen oder in meinen Texten zwar oft hochmotivierend dar, als könnte mich nichts mehr erschüttern. Aber tief drinnen bin ich sehr demütig und dankbar für gute Zeiten – gerade weil ich weiß, dass diese endlich sind. Dass einem das Leben eine große Herausforderung vor die Füße wirft, ist nicht die Frage des ‚Ob‘, sondern des ‚Wann‘.

    Von daher sehe ich die guten Zeiten – in der Hoffnung, sie mögen lange bleiben – als Ladezyklus für die schlechten Zeiten. Ich bin wirklich dankbar für jeden Tag, an dem ich morgens in den Spiegel blicke und mir sagen kann: Es geht mir gut. Diese Demut wiederum sorgt hoffentlich für eine Resilienz, wenn wieder eine Prüfung kommt (auf die ich gut und gerne verzichten kann).

    Du hast vollkommen recht: Jeder muss das Mantra oder die Einstellung für sich selber prüfen, etablieren und verinnerlichen.

    Ich habe da für mich einen augenscheinlich sehr technischen Ansatz entwickelt, der dafür sorgt, dass ich mich immer selber kalibrieren kann. Und zwar ohne Ausreden. Viele Mantras, Sinnsprüche und Zitate sind emotional unterfüttert oder lassen sich, je nach Stimmungslage, weich auslegen. Die Antwort, die man sich selber gibt, ist dabei meistens ebenfalls emotional gefärbt (und damit oft manipulierbar).

    Das habe ich ausgekontert. In meinem Abfragesystem gibt es KEINE emotionale Antwort. Es gibt nur Ja oder Nein – und darauf basierend eine Handlung. Diese ‚Ja/Nein/Handlung‘-Abfrage ist abgesichert mit prägnaten Regeln, sodass man sich nicht selber täuschen kann. Das nimmt der ‚Suchtstimme‘ oder dem ‚Schweinehund‘ die Möglichkeit zu diskutieren.

    Was in meiner Ausführung extrem technisch klingt (was es im Kern auch ist), lässt sich aber wunderbar didaktisch aufsetzen und für kleine oder große Entscheidungen nutzen.

    Kritiker würden sagen, dieses System der ‚radikalen Selbsterkenntnis‘ wäre zu brutal, zu mechanisch, vielleicht sogar entmenschlichend. Ein System für ‚gnadenlose, kalte Selbstoptimierer‘. Ich würde entgegnen: Viele Systeme der Lebensführung sind zu weich, zu interpretativ und bieten oft nur softe Lösungswege an, die im Ernstfall einknicken.

    Das ist ein spannendes Thema. Aktuell arbeite ich diese Selbstführung für mich wissenschaftlich auf und stelle fest: Das, was ich intrinsisch gelebt habe, dockt an viele psychologisch fundierte Methoden an und vereint sie oft. Bei Interesse schreibe ich gerne mal eine Zusammenfassung über das System.

    Ironischerweise ist der grundlegende Impuls für dieses strikte Selbstcoaching ausgerechnet an einem bierlaunigen Abend entstanden. Wir haben damals die Frage diskutiert: ‚Wo und wann bin ich eigentlich selber das Problem? Und was kann ich tun, um das Problem zu lösen? Eigentlich muss man sich doch nur an die eigene Nase fassen.‘

    Genau diesen Kern habe ich dann genommen und systematisch ausgearbeitet. Ich habe die bierselige Idee quasi nüchtern professionalisiert – und bin dann endlich ins Handeln gekommen. Es gab schlichtweg keine Ausreden mehr vor mir selbst.

    Was als Antwort blieb, war die Wahl zwischen Selbstbetrug oder Handlung. 1 oder 0. Ja oder Nein. Unveränderbar.

    Denn darauf folgt normalerweise der ‚Faktor Mensch‘, der sagt: ‚Boah... puhh, ja, hast ja recht... ABER...‘ Der Januar, der Monat der Vorsätze, ist ja das perfekte Beispiel für die Lücke zwischen Erkenntnis und Selbstaufgabe. Deswegen: Ein bisschen pure, ‚entmenschlichende‘ Logik ist manchmal genau der richtige Arschtritt. ;)

    Ich entschied mich für Ersteres, den Gewöhnungseffekt. Als aufmerksamer Student der Biologie und Verhaltensforschung lernte ich einiges von I. P. Pawlow, D. Attenborough und div. Anderen ... war es wirklich so einfach, sich einmal antrainiertes Verhalten wieder abzutrainieren? War es wirklich nur eine Frage der Zeit, der Kontinuität? Auch des Glaubens, bei Menschen?


    Sich erlerntes Verhalten abzutrainieren ist möglich, keine Frage. Nur, eine tückische Sache bleibt: Das sogenannte Suchtgedächtnis.

    An vielen Stellen wird dieses immer wieder beschworen und zitiert – oft als Totschlagargument und als gigantischer Schatten, der lebenslang über einem hängt. Ein bisschen kann ich das nachvollziehen, und zwar aus eigener Erfahrung. Nach sechs Jahren rauchfrei kam ich bescheuerterweise auf die Idee, mir auf einer Party eine Zigarette anzumachen. Leicht angetrunken hielt ich das für eine gute Idee.

    Was innerhalb von Sekunden passierte, war pures Synapsenfeuerwerk. Es war Silvester im Kopf und das Rauchgedächtnis war von jetzt auf gleich wieder da, als wäre ich nie weg gewesen. Ich hatte damals beim Rauchstopp wirklich alles getan, um mein Verhalten zu ändern. Aber: Die biochemische Autobahn war sofort wieder offen.

    Von daher: Ja, man kann die neuronalen Vernetzungen im Gehirn im wahrsten Sinne ‚trockenlegen‘ oder ‚verbuddeln‘. ABER: Die Vernetzungen bleiben bestehen, und es gibt individuelle Trigger, die sie reaktivieren können.

    Muss man deswegen sein Leben lang Angst haben? Nein, auf keinen Fall. Ich bin mir sicher: Eine versehentliche Praline oder Hustensaft schickt dich nicht katapultartig zurück in die Sucht. Man muss sich diesem Dogma der ‚lebenslangen Gefährdung‘ (Angst) nicht unterwerfen. Man muss stattdessen eines tun: Sich klar dafür entscheiden, alkoholfrei zu leben.

    Ein Freund von mir, 25, Sportstudent, hat in seinem Leben noch NIE Cola getrunken. Er hat einfach keinen Bock drauf. Und so halte ich das auch. Nicht, weil ich es mir verbiete, sondern weil es schlichtweg nicht mein Lifestyle ist.

    Tief in mir drinnen habe ich aber noch die Bilder, wie schlecht es mir ging. Ein Foto auf meinem Handy ist besonders prägnant: Ich stehe neben einer Freundin (Schauspielerin), sie strahlt voller Leben. Und ich sehe nur meine Augen, dieses Gesicht, diese Körperhaltung. Mann, sehe ich da abgrundtief scheiße aus. Am Tag drauf habe ich mein Leben auf links gedreht. Das ist mein Schild. Ich will nicht mehr so aussehen und vor allem: Ich will mich nicht mehr so fühlen.

    Eines ist zementiert in meiner Rübe: Egal, was das Leben mir vor die Füße wirft – ich kann das nur bewerkstelligen mit klarem Kopf. Genuss und die Liebe für das Leben gehen nur mit klarem Kopf.

    Von daher: Ein Nein zum Alkohol ist ein Ja zu mir selbst. So blöde das klingt: Ich habe Bock auf mich. Ich habe gelernt, dass ich wirken kann. Dass ich wertvoll bin, dass ich gestalten kann. Das war viel Arbeit, aber dadurch habe ich gelernt, mich selber zu respektieren und ja, mich selber zu lieben. Und diese Selbstliebe gibt Halt und Stabilität. Selbstwirksamkeit ist der viel bessere Motivator als bloße Akzeptanz.

    Akzeptanz heißt oft: Bewegungslos sein. Abwarten. „Lieber Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich eh nicht ändern kann.“

    Jetzt mal Butter bei die Fische: Was für ein depressiver Satz. Wer sich diesen Satz in die Küche hängt, hat doch innerlich schon kapituliert. Es mag Dinge im Leben geben, die man nicht ändern kann. Das stimmt. ABER: Wie ich mit den Dingen umgehe, das habe ich selber in der Hand.

    Deswegen lautet mein Mantra anders. Nicht um Gelassenheit betteln, sondern Gestaltung zeigen:

    Zitat

    Gib mir nicht die Gelassenheit, Dinge zu ertragen. Gib mir den Mut und die Kraft, das Unänderbare anzunehmen. Ich bin nicht das Opfer der Umstände, ich bin der Gestalter meiner Antwort.


    Viktor Frankl: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.

    Eine spannende Frage dazu: Warum ziehst Du, auch nur theoretisch, in Betracht, einen Rückfall zu haben? Warum kannst Du es nicht ausschließen?

    Ich bin generell auch ein Mensch für Strategien und einen Plan B, das finde ich im Leben immer wichtig. Aber beim Thema Alkohol lässt mein Mindset es gar nicht zu, darüber nachzudenken, was passieren könnte. Für mich fühlt sich das so an: Alleine die theoretische Auseinandersetzung mit dem Gedanken (und dem Plan für den Notfall) hält in meinem Kopf einen Funken wach. Einen Funken, der eher dafür sorgt, dass wieder ein Brand ausbrechen könnte, weil die Option ‚Scheitern‘ ja existiert und abgesichert ist.

    Ich schließe einen Rückfall kategorisch aus. Daran gibt es nichts zu rütteln. Das mache ich beim Nikotin genauso. Ich weiß, dass mich das brutal triggert und wie schnell man wieder ‚drauf‘ ist. Genau deswegen bin ich gewarnt – und genau deswegen ist die Tür nicht nur zu, sondern verschweißt. Da gibt es keinen Spalt mehr für einen ‚Plan B‘.

    Was ich in der Tat bemerke, wenn ich gerade so darüber nachdenke: Allein die Auseinandersetzung hier bringt wieder diesen Funken zum Glimmen. Ich spüre, wie meine eigentlich zugeschütteten neuronalen Autobahnen durch diese Diskussionen fast schon wieder einen neuen Belag bekommen. Eine Fahrbahn, die ich eigentlich abgerissen hatte.

    Nicht, dass ich mir jetzt Sorgen machen müsste – ich stehe stabil. Dennoch bekommt das Thema ‚Alkohol/Rückfall‘ dadurch wieder mehr Raum in meinem Kopf, als es das in den letzten Monaten oder Jahren hatte. Und ich merke: Diese Art der bewussten ‚Wachsamkeit‘, tut mir nicht gut.

    Meine Sicherheit liegt nicht im ständigen Aufpassen, sondern in meiner Lebensphilosophie. Die ist mittlerweile vollkommen automatisiert. Ich denke darüber gar nicht mehr nach, ich lebe sie einfach. Wenn ich aber gezwungen würde, das alles wieder zu zerdenken und abzusichern, dann merke ich, wie mein ‚Zement‘, der hart geworden ist, wieder bröselig wird.

    Möglicherweise ticke ich da neurobiologisch einfach anders oder brauche diese Radikalität für meinen Kopf. Das ist mein Weg.