Zitat...ich wünsche Dir Kraft.....Du bist stark...
…wenn ich da so über das frei zitierte nachdenk, vielleicht ist das ja auch der falsche Ansatz. Oder zumindest missverständlich formuliert.
Mir persönlich gelang der Ausstieg jedenfalls erst an dem Punkt, an dem ich aufgab. Resignierte. Als ich mir eingestand: ich bin schwach! Ich bin schwächer als der Alkohol. Und es ist ein Kampf den ich nur verlieren kann. Erst da wurde mir klar, dass ich diesen Weg so nicht mehr weiter gehen kann wenn ich nicht dabei drauf gehen will.
Erst von da an konnte ich loslassen. Erst ab diesem Punkt war es mir persönlich möglich, die `Schnittstelle des Denkens‘ zu überschreiten.
Als ich das gestern gelesen habe, kamen bei mir verschiedenste Gedanken auf, die ich erstmal sortieren musste. 🤔
Mir ist bewusst, was für Erfahrungen dahinter stecken, ich hab davon auch schon bei anderen gelesen und nicht ohne Grund dürfte sich dieser Ansatz z.B. auch im ersten Schritt des 12 Schritte Programms der Anonymen Alkoholiker finden.
Ich selbst aber reibe mich persönlich mich an der einen oder anderen Formulierung, meine eigenen Erfahrungen beim Ausstieg (und bei der erfolgreichen Bewältigung meiner gravierenden, chronischen Erkrankungen) waren etwas anders.
Nun habe ich damals nicht den Eindruck gehabt, einen Kampf gegen den Alkohol zu führen und auch jetzt, wenn ich darüber so nachdenke und meine eigenen Formulierungen hinterfrage, passt für mich persönlich diese Formulierung, „einen Kampf gegen den Alkohol“ geführt zu haben, nicht.
Insofern stellte sich bei mir auch nicht so eine Erkenntnis ein, dass ich diesen Kampf nur verlieren kann, dass ich schwächer als der Alkohol sei.
Als ich bereit war, mich dem Thema zu stellen, war es im Grunde die Enttarnung meiner Illusionen und falschen Vorstellung vom Alkohol als hilfreicher Wegbegleiter einerseits und die Aussicht, dass ein Leben ohne Alkohol tatsächlich erstrebenswert sein könnte, weil ich hier auf Menschen traf, denen ich genau das von Anfang an abnehmen konnte.
Die Formulierung „Du bist stark…“
In den letzten Jahren hat sich mich immer wieder herausgestellt, dass es die negativen Glaubenssätze waren, mit denen ich selbst mich immer wieder fertig gemacht hab.
Als äußerst hilfreich erwies sich für mich selbst immer wieder der Perspektivwechsel, den man mir ermöglichte. Es gab so einige Momente, in denen ich selbst mich nur als schwach, dumm, minderbemittelt usw. wahrnahm und entsprechende Glaubenssätze in meinem Kopf hatte. In manchen solcher Momente traf ich auf Menschen, die mir einen äußerst hilfreichen Perspektivwechsel ermöglichten, in dem sie den Blick auf das, was ich tat, und den Blick auf mich selbst veränderten und mir damit unter anderem auch wörtlich vor Augen führten, wie stark, wie selbstwirksam ich eigentlich war.
Aufgrund dieser meiner eigenen Erfahrungen setze ich daher inzwischen auf einen anderen Ansatz als den oben genannten.
Und während ich dies hier so schreibe, fällt mir ein, was ich vor vielen Jahren in dem Buch von Manfred Lütz , „Irre - wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ gelesen habe, weil dort schon mein eigener Ansatz vertreten ist.
Ob der Ansatz, frei zitiert „ ...ich wünsche Dir Kraft.....Du bist stark..“ der richtige oder der falsche Ansatz ist, kann und will ich nicht beurteilen.
Wir betonen hier im Forum nicht ohne Grund immer wieder unsere Überzeugung, dass es „den einen Weg“ zur Bewältigung der Herausforderungen im Zusammenhang mit Alkoholkonsum nicht gibt.
Ich fand und finde es auf jeden Fall interessant, dass Mojo seine Gedanken und Überlegungen hier eingebracht hat. Nach meinem Eindruck treffen hier zwei verschiedene Ansätze aufeinander, von denen meiner Erfahrung nach jeder etwas für sich hat.
Viele Grüße
AmSee