Ich mache aber einen Unterschied zwischen der gesellschaftlichen Vorstellung von Alkoholismus als „Krankheit“ und der Erkrankung Alkoholismus an sich, die eben auch darin besteht, dass sie sich nicht vollkommen heilen lässt, sondern etwas bleibt, dass im Fachchinesisch als „neurobiologisch engrammiertes Suchtgedächtnis“ bezeichnet wird.
Ich hab zu dieser Begrifflichkeit nach weiteren Informationen gesucht….
Mit dem Begriff „Suchtgedächtnis“ bin ich fast von Anfang an vertraut. Ich hab den selbst auch oft gebraucht, fand den aber immer etwas schwammig.
Als ich jenen Artikel aus der Trokkenpresse las, fand ich darin eine Konkretisierung, die MIR bislang gefehlt hat. Und deswegen habe ich diesen Begriff, obwohl er reichlich Fachchinesisch enthält, oben übernommen.
Mich hat das Thema aber nicht ganz losgelassen, ich kann’s nicht lassen, den Dingen immer weiter auf den Grund zu gehen.
So hab ich den Begriff heute mal googelt. Überraschung: Anders als ich’s erwartet hatte, habe ich keine Suchergebnisse gefunden, in denen sich genau dieser Begriff wiederfindet.
Das, was Dr. Salloch-Vogel, Facharzt, Psychotherapeut und Selbstbetroffener, als Aussage von Prof. Jobst Böning, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie zitiert, scheint in der Internetdatenbank nicht erfasst zu sein und wird mit dieser speziellen Begrifflichkeit von Fachleuten zumindest nicht öffentlich sichtbar bzw. durch Suchmaschinen auffindbar diskutiert.
S‘ist ja auch ziemliches Fachchinesisch. 😅
Ich hab also zu dem o.g. Begriff keine passenden Suchergebnisse gefunden, wohl aber an verschiedenen Stellen andere dazu passende Informationen.
Um das Ganze etwas runterzubrechen und für uns hier nachvollziehbarer zu machen, fasse ich das, was ich gefunden habe, mal allgemein verständlich in meinen Worten zusammen. Vielleicht kann ja jemand etwas damit anfangen?
Der Begriff „Suchtgedächtnis“ ist letztlich nur eine Metapher, ein sprachlicher Ausdruck, um ein Phänomen von Abhängigkeitserkrankungen anschaulich zu beschreiben.
Er wird mehr in der Praxis als tatsächlich in der Suchtforschung verwendet.
Fachlich stecken hinter der Idee des „Suchtgedächtnisses“ viele verschiedene Erklärungsansätze.
Bei all diesen Erklärungsansätzen geht es darum, eine Antwort auf das Phänomen zu finden, dass für jemanden, der süchtig geworden ist, offensichtlich erschwert ist, Abstinenz aufrecht zu erhalten und Konsum zu kontrollieren.
Paul stellt nicht zu Unrecht fest, dass Alkoholismus „im Kopf“ wohnt.
Bei dem, der süchtig geworden ist, scheint im Gehirn offenbar ein Lernprozess stattgefunden zu haben. Ein Lernprozess, der sich auf das Reiz-Reaktions-Verhalten auswirkt, das sich bei einem Süchtigen anders äußert als bei einem Nicht-Süchtigen.
Doch liegt er richtig, wenn er sagt,
Wenn ich die Gedanken an Alkohol aus meinen Kopf bekomme, ist eine "Heilung" möglich! Ich betrachte mich als "geheilt".
?
Völlig richtig ist, dass man umlernen kann, sich erfolgreich umkonditionieren kann.
Doch, wie ist das mit dem einmal Gelernten?
Kann so ein „Lernprozess“ im Gehirn rückgängig gemacht werden, lässt er sich löschen?
Ich hab dazu einen anschaulichen Vergleich gefunden:
Jemand, der Klavierspielen gelernt hat, verlernt das nicht mehr. Selbst, wenn er jahrzehntelang nicht mehr Klavier spielt, so ist das einmal Gelernte nicht vollkommen weg.
Jeder, der näher damit vertraut ist, weiß, dass das Gelernte noch immer in seinem Kopf, in seinen Fingern und in seinen Füßen vorhanden ist, etwas eingerostet vielleicht, aber noch immer da.
Ähnlich verhält sich das in vielen anderen Bereichen, beispielsweise mit erlernten Fremdsprachen.
Warum kann der ehemalige Klavierspieler das noch? - Die Antwort vermutet man in Veränderungen in neuronalen Netzen des Gehirns.
Mit dem Begriff „neuronal“ bezieht man sich auf die spezialisierten Nervenzellen, die für die Reizaufnahme sowie die Weitergabe und Verarbeitung von Nervenimpulsen zuständig sind.
Und was können wir diesbezüglich bei uns, die wir schon eine Weile abstinent sind, beobachten:
ichso hat von sich erzählt, dass ihr auch nach 18 Jahren Trockenheit noch immer das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn sie sieht (oder auch nur daran denkt), wie ein Bier gezapft wird.
Ich selbst, „erst“ viereinhalb Jahre trocken, beobachte mich - inzwischen amüsiert - immer mal wieder dabei, wie ich unvermittelt entsprechende Kopfbewegungen mache, wenn im Fernsehen Wein getrunken wird.
Rekonvaleszent , inzwischen seit 10 Jahren abstinent, erzählt, dass er nicht z.B. aus Biergläsern Wasser oder Schorle trinken kann, weil das bei ihm schnell ein mulmiges Gefühl hinterlässt.
Kurz und gut: Das, was unser Gehirn einmal gelernt hat, lässt sich nicht rückgängig machen - nach derzeitigem Stand von Wissenschaft und Medizin jedenfalls nicht -, wir sind aber in der Lage umzulernen.
Das größte Problem stellt dabei dar, dass das sogenannte Belohnungssystem mit der Wirkung von Alkohol vertraut ist. Im Artikel Was uns hilft, nicht mehr zu trinken? - Bewusst nüchtern leben: Chance, Freiheit, Fundament, Gewinn sind ein paar Details dazu festgehalten.
Deswegen muss das Umlernen aktiv und systematisch geschehen sowie schrittweise aufgebaut werden.
Das Neue muss zur positiv besetzten Routine werden. In den Zusammenhang gehört der Begriff „zufriedene Abstinenz“.
Zentral ist dabei,
- für körperliche und mentale Stabilität zu sorgen,
- mit den eigenen Gefühlen und den Gefühlen anderer umgehen zu lernen,
- das Selbstwertgefühl zu steigern und
- seine soziale Integration zu stärken.
Und das dauert eben seine Zeit, geht Schritt für Schritt und braucht Übung, Übung Übung. 😅
Zum Schluss möchte ich nochmals einen Blick auf die Statistik werfen. Möglicherweise wird damit noch etwas klarer, warum ich das Thema für so wichtig halte, dass ich nochmals soooooo geschrieben habe.
In dem Artikel https://trokkenpresse.de/titelthema-01-…tsel-rueckfall/ führt Prof. Lindenmeyer aufschlussreiche Daten auf:
60% aller Rückfälle haben sich in den folgenden drei Situationen ereignet:
- unangenehme Gefühle, wenn man alleine ist (z. B. Langeweile, Einsamkeit, Angst, Depression),
- im Anschluss an Konflikte und Konfliktsituationen (z. B. am Arbeitsplatz oder in der Familie)
- soziale Verführung (z.B.: Kumpels fordern einem zum Mittrinken auf; ein Arzt empfiehlt ein Beruhigungsmittel).
Die übrigen 40 Prozent aller Rückfälle haben sich in folgenden Situationen ereignet:
- angenehme Situationen (z. B. Erfolgserlebnisse, Verliebtsein),
- Geselligkeit (z.B. Kneipenbesuch, Parties, Familienfeier),
- körperliche Beschwerden (z.B. Schmerzen, Schlafstörungen),
- Versuch, kontrolliert zu trinken und
- plötzliches Verlangen (z. B. beim Anblick eines Biergartens).
Ich denke, wir können daraus für uns und unser „Training“ lernen, damit uns sowas möglichst nicht passiert.
Beste Grüße
AmSee