Beiträge von AmSee13

    Ein Werkzeug ist die Sachebene. Schwierig bei den vorhandenen Gefühlsverflechtungen, aber durchaus machbar. Danke für die Erinnerung 😊

    Gerne. Freut mich, wenn’s dich weiterbringt.

    Mir helfen bei Gefühlsverfechtungen inzwischen nicht nur gedankliche Analysen auf der Sachebene, sondern durchaus auch Meditationen oder Körperwahrnehmungsübungen, bei denen ich hineinspüre, was sich wo äußert. Wirkt manchmal Wunder.

    Die Gefühle sind nun einmal da und haben in gewisser Weise auch ihre Berechtigung, auch wenn sich mir selbst das nicht immer auf den ersten Blick erschließt, sondern erst auf den zweiten, dritten oder sogar erst vierten Blick. Letztlich sind sie Hinweisgeber.

    - Hab lange üben müssen, bis mich das nicht überfordert hat, aber das Üben war‘s wert. - 😅

    Durch meine therapeutische Arbeit sehe ich auch durchaus die nicht so schönen Seiten meiner Kinder, will sie aber nicht noch mehr verletzen, also "Flucht statt Angriff".

    Dazu noch etwas:

    Du kannst schlecht diejenige sein, die die schlechten Seiten deiner Kinder anspricht. Dafür bist du zu sehr involviert. Zweifelhaft, dass deine Kinder einen Hinweis oder Rat von dir annehmen können.

    Gäbe es für dich zwischen Flucht und Angriff nicht noch einen Mittelweg? - Ich denke da an wahrnehmen, es sein lassen, ohne es zu bewerten?
    Gibt’s in deinem „Werkzeugkoffer“ nicht schon passende Techniken?

    Vielleicht hilft dir der Gedanke, dass dein Kind die gesamte Situation nicht wirklich überschauen kann und insofern auch kaum beurteilen kann, auch wenn es sich zu urteilen erlaubt. Es ist nicht in deinen Schuhen unterwegs gewesen.

    Ja, du hast Fehler gemacht, das weißt du selbst nur allzu gut, aber du kannst inzwischen auch nachvollziehen, warum dir diese Fehler unterlaufen sind.

    Du kannst letztlich bedauern, dass dir diese Fehler unterlaufen sind, aber du kannst gleichzeitig auch darauf blicken, was du unternommen hast, um zu überleben und um es besser zu machen.

    Mit „Schuld“ ist das so eine Sache. Wann ist die Buße für eine begangene Schuld genug? - Das kannst letztlich nur du selbst beurteilen.

    Vielleicht hilft dir, das Ganze mal aus mehr Distanz zu betrachten, von Außen?

    Moin ichso ,

    was den Muttertag betrifft, so hab ich das beim Lesen deines Beiträgs wohl ähnlich wie Paul aufgefasst, nämlich, dass du ihn feiern möchtest, aber dich mit Gedanken trägst, dass dir diese „Ehre“ nicht gebührt und du ihn deswegen nicht feiern dürftest….

    Erst auf deinen Beitrag nach Pauls Antwort bin ich darauf gekommen, dass du mit diesem Feiertag an sich haderst.

    Was spricht denn dagegen, diesen Tag selbst nicht zu feiern, ihn aber andere, da er ihnen etwas bedeutet, feiern zu lassen?

    Ich selbst kann mit diesem Feiertag nicht so viel anfangen, aber meiner Schwiegermutter und auch meiner Schwägerin bedeutet er offensichtlich etwas. Und so wird dieser Tag in meiner Familie gefeiert. Wäre ich allein bzw. mit einer Familie verbunden, die mit diesem Feiertag ähnlich wenig angefangen können wie ich, wär‘s ein ganz normaler Sonntag.

    Ich frag mich, warum da bei dir so Wut hochkommt und warum dich zur Zeit Fluchtgedanken bewegen. Was mag das sein, dass du dich mit Gedanken an einen Umzug in eine andere Wohnung bewegst?
    Die Tage hattest du doch geschrieben, wie gemütlich du es dir in deiner Wohnung gemacht hast und wie erfolgreich du das Problem mit dem Wasserhahn gelöst hast.
    🤔


    Liebe Grüße

    AmSee

    Hallo Laggard ,

    ich bin kein Mediziner, nur belesener Laie mit nicht wenigen eigenen Erfahrungen, für die ich nachvollziehbare Erklärungen gesucht und gefunden habe.

    Ob es am fehlenden Alk liegt ?Keine Ahnung .

    Vielleicht hat dir das der Arzt, zu dem du inzwischen gegangen bist, schon beantworten können…


    Weil du hier aber vorhin gefragt hast, hier eine Erklärung:

    Der Entzug bereitet deinem Körper und deiner Psyche jede Menge Stress.

    Und Stress - entsprechende Erfahrungen sind dir vielleicht bereits vertraut? - kann sich an verschiedenen Stellen des Körpers niederschlagen.
    Spannungskopfschmerz gehört dazu, nicht selten äußert sich Stress auch in Rückenchmerzen, in Magen- und Darmbeschwerden. (Mehr Bereiche fallen mir grad nicht ein)

    Auch Zähne können leiden. Ich selbst zum Beispiel gehöre zu den Zahnknirschern und hab mir, weil ich das nicht abstellen konnte, auf diese Weise schon den einen oder anderen Zahn kaputt gemacht.
    Mein Zahnarzt, ein Freund von uns, hat mir erklärt, dass das mit Stress zu tun hat, und mir immer wieder geraten, etwas dagegen zu unternehmen.

    Ein Zahnabzess kann sich besonders dann bilden, wenn das Immunsystem geschwächt ist. Und deins könnte infolge des Alkoholmissbrauchs (Alkohol ist ein Nervengift) und infolge der körperlichen Anstrengungen durch den Entzug tatsächlich geschwächt sein.

    Kurz und gut: Es gibt dafür eine Erklärung.
    UND: Gesundheitlich wird’s im Laufe der Abstinenz mit Sicherheit bergauf gehen.

    Beste Grüße

    AmSee

    Hallo Johannes ,

    immer wieder schön, ein Lebenszeichen von dir zu lesen. 👍

    Das freut mich für dich, dass es so gut bei dir läuft. Und mit deinem Teilen hier bist du gewiss ein mutmachendes Beispiel für andere, die noch am Anfang stehen.

    Hab ihm angeboten ihm bißchen zu unterstützen.....aber erstmal abwarten ob er das heute überhaupt noch weis UND auch wirklich soweit ist.

    Finde ich gute Überlegungen.
    Du weißt ja selbst, wie lange es u.U. dauert, bis jemand wirklich bereit dazu ist, etwas an seinem Leben ändern zu wollen.

    Ich dachte ich schick ihm zumindest mal den Podcast, der mir beim Ausstieg geholfen hat.

    Was meint ihr?

    Da du direkt fragst:

    Was kann passieren, wenn du’s tust? Was spricht dafür, was dagegen?

    Ich würd’ mich zum Beispiel fragen, ob es Nachteile für mich haben könnte, wenn‘s mir bislang wichtig war, mein „Problem“ nicht jedem auf die Nase zu binden.

    Wenn das kein Problem darstellt, so würde ich mich fragen, ob ich ihn damit erreiche.

    Letztere Frage ließe sich so beantworten: Liegt nicht in meiner Hand, ist letztlich seine Sache. Entweder ist das was für ihn oder nicht. 🤷‍♀️


    Beste Grüße

    AmSee

    Hallo Loner ,

    schön, dass du zu uns zurückgefunden hast und deine eigene Antwort auf die Frage deines ersten Threads hier gefunden hast.

    Allerdings merke ich jetzt erst die Tragweite des Ganzen. Irgendwie gruselig. Vielleicht hab ich auch deshalb mehr Angst davor als bisher. Ich betrete jetzt also Neuland. Es fühlt sich noch jung und verwundbar an.

    Ich kann das nachvollziehen, dass du etwas mehr Angst davor hast als bisher, aber andererseits ist dieses Mal etwas anders bei dir. Du bist aktiver geworden, hast dir aufschlussreiches Wissen angeeignet, hast mehr Erfahrung und es sitzt, so wirkt dein Schreiben, mehr Entschlossenheit dahinter.

    Meines Erachtens sind das wichtige Voraussetzungen, um erfolgreich den neuen, abstinenten Weg zu gehen.

    Diese Selbsthilfegruppe bzw. die Selbstbetroffenen hier begleiten dich gern auf deinem Weg und bei den Abenteuern, die dir dabei begegnen mögen.

    Fühl dich also nochmals herzlich eingeladen, dich so viel du magst am Austausch zu beteiligen.

    Beste Grüße

    AmSee

    Ich mache aber einen Unterschied zwischen der gesellschaftlichen Vorstellung von Alkoholismus als „Krankheit“ und der Erkrankung Alkoholismus an sich, die eben auch darin besteht, dass sie sich nicht vollkommen heilen lässt, sondern etwas bleibt, dass im Fachchinesisch als „neurobiologisch engrammiertes Suchtgedächtnis“ bezeichnet wird.

    Ich hab zu dieser Begrifflichkeit nach weiteren Informationen gesucht….


    Mit dem Begriff „Suchtgedächtnis“ bin ich fast von Anfang an vertraut. Ich hab den selbst auch oft gebraucht, fand den aber immer etwas schwammig.

    Als ich jenen Artikel aus der Trokkenpresse las, fand ich darin eine Konkretisierung, die MIR bislang gefehlt hat. Und deswegen habe ich diesen Begriff, obwohl er reichlich Fachchinesisch enthält, oben übernommen.

    Mich hat das Thema aber nicht ganz losgelassen, ich kann’s nicht lassen, den Dingen immer weiter auf den Grund zu gehen.

    So hab ich den Begriff heute mal googelt. Überraschung: Anders als ich’s erwartet hatte, habe ich keine Suchergebnisse gefunden, in denen sich genau dieser Begriff wiederfindet.

    Das, was Dr. Salloch-Vogel, Facharzt, Psychotherapeut und Selbstbetroffener, als Aussage von Prof. Jobst Böning, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie zitiert, scheint in der Internetdatenbank nicht erfasst zu sein und wird mit dieser speziellen Begrifflichkeit von Fachleuten zumindest nicht öffentlich sichtbar bzw. durch Suchmaschinen auffindbar diskutiert.
    S‘ist ja auch ziemliches Fachchinesisch. 😅


    Ich hab also zu dem o.g. Begriff keine passenden Suchergebnisse gefunden, wohl aber an verschiedenen Stellen andere dazu passende Informationen.

    Um das Ganze etwas runterzubrechen und für uns hier nachvollziehbarer zu machen, fasse ich das, was ich gefunden habe, mal allgemein verständlich in meinen Worten zusammen. Vielleicht kann ja jemand etwas damit anfangen?


    Der Begriff „Suchtgedächtnis“ ist letztlich nur eine Metapher, ein sprachlicher Ausdruck, um ein Phänomen von Abhängigkeitserkrankungen anschaulich zu beschreiben.

    Er wird mehr in der Praxis als tatsächlich in der Suchtforschung verwendet.

    Fachlich stecken hinter der Idee des „Suchtgedächtnisses“ viele verschiedene Erklärungsansätze.

    Bei all diesen Erklärungsansätzen geht es darum, eine Antwort auf das Phänomen zu finden, dass für jemanden, der süchtig geworden ist, offensichtlich erschwert ist, Abstinenz aufrecht zu erhalten und Konsum zu kontrollieren.


    Paul stellt nicht zu Unrecht fest, dass Alkoholismus „im Kopf“ wohnt.
    Bei dem, der süchtig geworden ist, scheint im Gehirn offenbar ein Lernprozess stattgefunden zu haben. Ein Lernprozess, der sich auf das Reiz-Reaktions-Verhalten auswirkt, das sich bei einem Süchtigen anders äußert als bei einem Nicht-Süchtigen.

    Doch liegt er richtig, wenn er sagt,

    Wenn ich die Gedanken an Alkohol aus meinen Kopf bekomme, ist eine "Heilung" möglich! Ich betrachte mich als "geheilt".

    ?


    Völlig richtig ist, dass man umlernen kann, sich erfolgreich umkonditionieren kann.

    Doch, wie ist das mit dem einmal Gelernten?
    Kann so ein „Lernprozess“ im Gehirn rückgängig gemacht werden, lässt er sich löschen?


    Ich hab dazu einen anschaulichen Vergleich gefunden:

    Jemand, der Klavierspielen gelernt hat, verlernt das nicht mehr. Selbst, wenn er jahrzehntelang nicht mehr Klavier spielt, so ist das einmal Gelernte nicht vollkommen weg.

    Jeder, der näher damit vertraut ist, weiß, dass das Gelernte noch immer in seinem Kopf, in seinen Fingern und in seinen Füßen vorhanden ist, etwas eingerostet vielleicht, aber noch immer da.

    Ähnlich verhält sich das in vielen anderen Bereichen, beispielsweise mit erlernten Fremdsprachen.

    Warum kann der ehemalige Klavierspieler das noch? - Die Antwort vermutet man in Veränderungen in neuronalen Netzen des Gehirns.

    Mit dem Begriff „neuronal“ bezieht man sich auf die spezialisierten Nervenzellen, die für die Reizaufnahme sowie die Weitergabe und Verarbeitung von Nervenimpulsen zuständig sind.


    Und was können wir diesbezüglich bei uns, die wir schon eine Weile abstinent sind, beobachten:

    ichso hat von sich erzählt, dass ihr auch nach 18 Jahren Trockenheit noch immer das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn sie sieht (oder auch nur daran denkt), wie ein Bier gezapft wird.

    Ich selbst, „erst“ viereinhalb Jahre trocken, beobachte mich - inzwischen amüsiert - immer mal wieder dabei, wie ich unvermittelt entsprechende Kopfbewegungen mache, wenn im Fernsehen Wein getrunken wird.

    Rekonvaleszent , inzwischen seit 10 Jahren abstinent, erzählt, dass er nicht z.B. aus Biergläsern Wasser oder Schorle trinken kann, weil das bei ihm schnell ein mulmiges Gefühl hinterlässt.


    Kurz und gut: Das, was unser Gehirn einmal gelernt hat, lässt sich nicht rückgängig machen - nach derzeitigem Stand von Wissenschaft und Medizin jedenfalls nicht -, wir sind aber in der Lage umzulernen.


    Das größte Problem stellt dabei dar, dass das sogenannte Belohnungssystem mit der Wirkung von Alkohol vertraut ist. Im Artikel Was uns hilft, nicht mehr zu trinken? - Bewusst nüchtern leben: Chance, Freiheit, Fundament, Gewinn sind ein paar Details dazu festgehalten.

    Deswegen muss das Umlernen aktiv und systematisch geschehen sowie schrittweise aufgebaut werden.

    Das Neue muss zur positiv besetzten Routine werden. In den Zusammenhang gehört der Begriff „zufriedene Abstinenz“.

    Zentral ist dabei,

    • für körperliche und mentale Stabilität zu sorgen,
    • mit den eigenen Gefühlen und den Gefühlen anderer umgehen zu lernen,
    • das Selbstwertgefühl zu steigern und
    • seine soziale Integration zu stärken.

    Und das dauert eben seine Zeit, geht Schritt für Schritt und braucht Übung, Übung Übung. 😅


    Zum Schluss möchte ich nochmals einen Blick auf die Statistik werfen. Möglicherweise wird damit noch etwas klarer, warum ich das Thema für so wichtig halte, dass ich nochmals soooooo geschrieben habe.

    In dem Artikel https://trokkenpresse.de/titelthema-01-…tsel-rueckfall/ führt Prof. Lindenmeyer aufschlussreiche Daten auf:

    60% aller Rückfälle haben sich in den folgenden drei Situationen ereignet:

    • unangenehme Gefühle, wenn man alleine ist (z. B. Langeweile, Einsamkeit, Angst, Depression),
    • im Anschluss an Konflikte und Konfliktsituationen (z. B. am Arbeitsplatz oder in der Familie)
    • soziale Verführung (z.B.: Kumpels fordern einem zum Mittrinken auf; ein Arzt empfiehlt ein Beruhigungsmittel).


    Die übrigen 40 Prozent aller Rückfälle haben sich in folgenden Situationen ereignet:

    • angenehme Situationen (z. B. Erfolgserlebnisse, Verliebtsein),
    • Geselligkeit (z.B. Kneipenbesuch, Parties, Familienfeier),
    • körperliche Beschwerden (z.B. Schmerzen, Schlafstörungen),
    • Versuch, kontrolliert zu trinken und
    • plötzliches Verlangen (z. B. beim Anblick eines Biergartens).


    Ich denke, wir können daraus für uns und unser „Training“ lernen, damit uns sowas möglichst nicht passiert.

    Beste Grüße

    AmSee

    Mir ist, klar, dass die Wissenschaft da andere Erkenntnisse hat und ich vertraue der Wissenschaft prinzipiell (hab ja selber eine Naturwissenschaft studiert 😉), aber nach meinem Empfinden ist das noch nicht konsequent zu Ende gedacht.

    Danke, dass du deine Gedanken hier einbringst, Paddy .
    Das, was du schreibst, könnte den Austausch hier sogar um einen weiteren Punkt bereichern, weil wir gemeinsam weiterdenken können.
    Und ich hab zu dem, was du geschrieben hast, sogar ein paar Gedanken.

    Was mich stört: ist jemand von harten Drogen weggekommen, dann ist er ein Ex-Junkie. Hört jemand auf zu Rauchen ist er ein Ex-Raucher. Hört jemand auf zu Saufen ist er ein trockener Alkoholiker. In meinen Augen ist das eine Stigmatisierung, ich bin ja nicht krank, nur weil ich an dem gesellschaftlich akzeptierten Alkoholkonsum nicht mehr teilnehme.

    Paul hat da schon einen Gedanken angesprochen: Wer wertet welche Aussage?

    Das, was dich zu Recht stört, ist die gesellschaftliche Stigmatisierung. Und die hat mit Sicherheit etwas damit zu tun, dass Alkoholkonsum gesellschaftlich anerkannt ist und ein Leben ohne für den größeren Teil der Bevölkerung undenkbar.

    Dir wird auf die Schulter geklopft, wenn du‘s schaffst, den Drogen zu entkommen, auch wenn du‘s schaffst mit dem Rauchen aufzuhören, weil gesellschaftlich anerkannt ist, dass das schädlich und unerwünscht ist.

    Bei Alkohol ist das völlig anders, weil Alkoholkonsum für die Gesellschaft zum Leben dazugehört. Insofern vermag unsere Gesellschaft nicht zu würdigen, wenn jemand nicht trinkt, und erst recht nicht, wenn jemand aus seiner Alkoholsucht aussteigt.

    Die Gesellschaft hat in diesem Zusammenhang eine Vorstellung von „Krankheit“, die ich absolut nicht teile. Ich würde umgekehrt das, wie in unserer Gesellschaft mit Alkohol umgegangen wird, als „krank“ bezeichnen. Gesund ist in meinen Augen jemand, der das, was ich da vorgestern und gestern nebenbei so mitbekommen habe, nicht mitmacht.

    Ich mache aber einen Unterschied zwischen der gesellschaftlichen Vorstellung von Alkoholismus als „Krankheit“ und der Erkrankung Alkoholismus an sich, die eben auch darin besteht, dass sie sich nicht vollkommen heilen lässt, sondern etwas bleibt, dass im Fachchinesisch als „neurobiologisch engrammiertes Suchtgedächtnis“ bezeichnet wird.

    Kurz und gut: Wer wertet?
    Lässt du dich von Außen von einer Gesellschaft bewerten, die‘s nicht besser weiß, oder betrachtest du das Ganze von Innen auf der Basis dessen, was du über Alkoholismus weißt.


    Damit kenne ich mich nicht aus. Aber irgendetwas ist ja bei mir als Alkoholikerin anders als bei „normalen“ Leuten. Deshalb unterschätze ich das auch nicht.

    Mit „Auswirkungen dieser psychoaktiven Wirkungen“ habe ich mich gedanklich auf das bezogen, was ich im vorherigen Beitrag an Paul bezüglich „neurobiologisch engrammiertes Suchtgedächtnis“
    zitiert hatte….

    Da fallen zwar einige Fachbegriffe, aber vielleicht kannst du trotzdem etwas damit anfangen?

    Was ich dabei spannend finde, ist, dass sich die psychoaktive Wirkung von Alkohol dermaßen tief auf verschiedenen Ebenen ausgewirkt hat, und zwar auf die Ebene der Moleküle des Gehirns, auf die Nervenzellen, die für die Reizaufnahme sowie die Weitergabe und Verarbeitung von Nervenimpulsen zuständig sind und schließlich auf die psychologische Ebene, die alles umfasst, was unsere Psyche betrifft.

    Im Artikel wird auch erwähnt, dass dem therapeutisch schwer beizukommen ist.
    Ich kann das nachvollziehen…. - Und ich weiß zu gut, wie das ist, wenn Altes, von dem du glaubst, dass sich das längst erledigt hat und sozusagen „verschwunden“ ist, wieder hochkommt….

    Ware es dir möglich, dein „Abstinenz-Training“ hier im Forum stichpunktartig aufzuführen? Mich würde das jedenfalls sehr interessieren. Ich mache auch einiges, aber ich bin immer offen für Ideen und Inspirationen.

    Ich weiß nicht, ob das sinnvoll ist, wenn ich das hier ausformuliere.
    Als ich vor ein paar Jahren mit der Frage konfrontiert war, was MIR eigentlich gut tut, konnte ich mit Listen anderer wenig anfangen.
    Für mich war das ein Lernprozess, herauszufinden, was ICH eigentlich brauche.

    Mein „Training“ ist in dem Sinne kein systematisches Training, bei dem ich einen festen Plan abarbeite. Im Prinzip geht’s dabei darum, einen Mittelweg zwischen zu viel und zu wenig zu finden und mich stets um ausgeglichene Selbstfürsorge zu bemühen.

    Diese SHG hier ist durch die Beschäftigung mit unserer Thematik in gewisser Weise ein wertvoller Begleiter.


    Du selbst machst ja schon das, was du für dich brauchst und für wichtig und richtig erkannt hast.

    So manches ergibt sich erst im Laufe der Zeit, wenn‘s gewissermaßen „dran“ ist. Entsprechende Erfahrungen hast du ja auch schon gemacht, wenn du an die letzten 50 Wochen zurückdenkst.

    Liebe Grüße

    AmSee

    Ich vergleiche das mit meiner Laktose Intoleranz. Meide ich strikt alles was Laktose enthält, geht es mir gut. Wenn ich aber einfach Lebensmittel konsumiere, die Laktose enthalten geht’s mir sehr schlecht.

    Der Vergleich mag erstmal hilfreich sein, nur enthält Alkohol eben noch eine Komponente, die Laktose eben nicht hat, und das ist seine psychoaktive Wirkung….

    Und die Auswirkungen dieser psychoaktiven Wirkung sollten besser nicht unterschätzt werden…

    Aber was mich sehr motiviert ist einfach den Unterschied zu kennen. Wie es mir MIT Alkohol ging und wie es mir OHNE Alkohol geht.

    Das nüchterne Leben ist einfach fantastisch und das möchte ich nicht mehr eintauschen.

    Wenn ich nur dran denke wie es mir immer ging, Nein danke.

    Mich motiviert das auch und setze diese Erfahrung als Verstärker in meinem „Abstinenz-Training“ ein. :)

    Wenn ich die Gedanken an Alkohol aus meinen Kopf bekomme, ist eine "Heilung" möglich! Ich betrachte mich als "geheilt".

    Zugegeben es dauerte Wochen, Monate, doch es gelang.

    Ach, Paul , erinnerst du dich, wie oft wir hier im Forum schon über Begrifflichkeiten diskutiert haben?

    Wenn es dir so wichtig ist, dich als „geheilt“ zu betrachten, dann sei es dir gegönnt.

    Und ich wünsche dir ganz ehrlich, dass du niemals mit etwas konfrontiert wirst, mit dem du absolut nicht gerechnet hast und wider Erwarten überfordert bist.

    „Heilung“ ist ein missverständlicher Begriff im Zusammenhang mit Suchterkrankungen, denn der Zustand, der mal war, kann nicht wiederhergestellt werden.
    Wer von einem Beinbruch geheilt ist, kann bedenkenlos wieder laufen. Solche „Heilung“ ist bei Alkoholismus und anderen Suchterkrankungen nach derzeitigem Stand der Wissenschaft und Medizin aber nicht möglich.

    Ich gebe dir deswegen Contra, weil der eine oder andere möglicherweise nicht darauf vorbereitet ist, womit er durch das sogenannte „neurobiologisch engrammierte Suchtgedächtnis “ konfrontiert ist. - Und Vorbereitung ist meines Erachtens die sogenannte „halbe Miete“.

    Ich zitiere dazu nochmals die Informationen aus dem Artikel https://trokkenpresse.de/titelthema-06-11-suchtgedaechtnis/ :

    Schon vor etwa 20 Jahren schrieb Prof. Jobst Böning, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie:

    ,,Es gibt ein individuelles, erworbenes (sog. personales) Suchtgedächtnis, das lebenslang erhalten bleibt.

    Dabei handelt es sich um „suchttypisch“ konditioniertes Verhalten und Erleben, das in belohnungsabhängigen, verstärkend wirksamen Hirnsystemen zum molekular und psychisch fixierten „Suchtgedächtnis“ transformiert wird.

    Deshalb ist einem – von der molekularen Trägerebene über die neuronale Musterebene bis zur psychologischen Bedeutungsebene – neurobiologisch engrammierten Suchtgedächtnis therapeutisch auch so schwer beizukommen. Die „Gnade des Vergessens“ kennt dieses „episodische Gedächtnis“ wohl nicht.“

    Das stimmt so nicht wirklich. Heilung vom Alkoholismus gibt es nicht. Stillstand, also stoppen durch die Abstinenz.

    Hallo Emily,

    ich misch mich da mal ein….

    So, wie ich das verstehe, geht’s bei der Aussage von Laggard um „Heilung“ von dem, was ihn sein Heil im Alkohol hat suchen lassen. Richtig, Laggard?

    Und da ist Heilung tatsächlich möglich. Ich habe diese Heilung selbst erfahren. ☺️

    Ergänzend zu dem, was du angesprochen hast, verweise ich für Mitlesende mal auf unseren Artikel Was uns hilft, nicht mehr zu trinken? - Bewusst nüchtern leben: Chance, Freiheit, Fundament, Gewinn
    Dort haben wir nämlich zu erklären versucht, warum „Heilung von Alkoholismus“ im eigentlichen Sinne nicht möglich ist, eine Art von „Genesung“ aber schon.

    Gestern waren es bei mir 350 Tage. Oder 50 Wochen. Ganz bald habe ich 1 Jahr geschafft. 😀

    👍👍👍

    🎈

    Einen schönen Urlaub wünsche ich dir, Emily, und morgen dann gute Heimreise.


    Liebe Grüße

    AmSee

    Guten Morgen, Laggard

    Ich mein muss mir angewöhnen ,deine Texte noch sorgfältiger zu lesen und versuchen zu verstehen.

    ja, ich schreibe manchmal sehr lange Texte… Und gedanklich steckt da so einiges drin…

    Wenn Du damit noch Schwierigkeiten haben solltest, mach dir deswegen keinen Kopf.

    Als ich selbst in meinem tiefen Loch steckte, hatte ich große Schwierigkeiten mit dem gedanklichen Erfassen von Texten, weil ich mich nicht konzentrieren konnte.
    In der Zeit konnte ich noch nicht einmal Bücher lesen, obwohl ich das eigentlich immer gerne getan habe.

    Ich kann dir nur raten, dir auch diesbezüglich Zeit zu lassen.

    Ich hab für mich gelernt: Wenn ich nicht verstehe, ist das völlig in Ordnung, unter Umständen sogar völlig normal bzw. erklärlich.

    Manches, was ich nicht verstanden habe, ist teilweise auch so hängen geblieben und, wenn es nicht hängen blieb, so war es zumindest JETZT nicht dran.

    Und wenn du das möchtest, stell so viele Fragen, wie du magst.

    Ich selbst hab für die Aufarbeitung und Verarbeitung meiner Vergangenheit professionelle Hilfe in Anspruch genommen und dadurch Schritt für Schritt Heilung erfahren.
    Das, was ich jetzt habe, hätte ich mir so nie vorstellen können. Woher auch, ich kannte es ja nicht. 😅

    Ich hatte vorher schon so ein mulmiges Gefühl...

    Irgendwie war ich überfordert ,noch nicht bereit .....

    Ich brauche zur Zeit ruhige Gespräche ,gerne vertieft in kleinem Kreis.

    Wieder eine Erkenntniss.

    Wieder eine Erkenntnis. 👍

    Das kenne ich übrigens auch, sowohl das mit dem mulmigen Gefühl als auch das mit der Überforderung.

    Ich hab für mich aus diesen Erkenntnissen nach und nach gelernt, meine Bedürfnisse zu erkennen und ihnen nach Möglichkeit nachzukommen.
    (Früher habe ich meine Bedürfnisse entweder gar nicht wahrgenommen oder völlig hintan gestellt, weil ich andere und anderes stets für wichtiger hielt als mich selbst. DAS hat mir auf Dauer absolut nicht gut getan, im Gegenteil.)


    Im Laufe meiner Genesung bin ich aus mancher mich überfordernden Gesellschaft geflohen, weil ich‘s nicht aushalten konnte.

    Mancher mich überfordernden Gesellschaft habe ich mich gar nicht erst mehr ausgesetzt, wenn ich wusste, dass sie mich überfordern wird.

    Inzwischen kann ich mich auch fordernden Gesellschaften wieder aussetzen, wenn ich mich bereit dazu fühle.

    Ruhige Gespräche, gern vertieft im kleinen Kreis sind das, was MIR liegt. Das war auch so eine Erkenntnis für mich.

    Liebe Grüße

    AmSee

    Hallo Laggard ,

    Priorisierung:?Ich denke eher,dass dies auf mangelndes Selbstbewusstsein hinweist.

    lass dich nicht beunruhigen, wenn du mit „Priorisierung“ jetzt nichts anfangen kannst.

    Das ist eines der „Werkzeuge“, auf das ich im Laufe der Zeit gestoßen bin.

    Ich weiß ja nicht, was du schon alles so kennst und kannst. Auf jeden Fall machst du einen sehr reflektierten Eindruck auf mich.

    Mangelndes Selbstbewusstsein hatte ich auch…. Hab immer versucht, mir das nicht anmerken zu lassen, versucht, mich an andere anzupassen und möglichst unauffällig zu sein, um nicht immer wieder verletzt zu werden. Ich hatte ein enorm großes Sicherheitsbedürfnis.
    Gleichzeitig hatte ich ein ausgeprägtes Verantwortungs- und Gerechtigkeitsempfinden, dem ich mich nicht entziehen konnte.

    Heilung und Genesung ergab sich für mich dann erst so richtig im Laufe der Abstinenz, und zwar Schritt für Schritt.

    Ich hab im Laufe der Zeit gelernt, was alles ursächlich für mein mangelndes Selbstbewusstsein war. Dazu gehörte u.a. auch, dass ich nicht gelernt hatte, mit meinen verschiedenen Gefühlen und unerfüllten Bedürfnissen umzugehen. Und ich war gefühlt nie gut genug.

    grübel stundendenlang über Dinge ,die andere Menschen garnicht nachvollziehen ziehen können.

    Kenne ich ziiieeemlich gut…..


    Beste Grüße

    AmSee

    Ich selbst hab für mich gelernt, erstmal aufzudröseln, was ich fühle.
    Dazu habe ich mir auch die Gedanken, die mir durch den Kopf gegangen sind, näher angesehen und sie sortiert.

    Konkret auf dein Beispiel bezogen, würde ich mich an deiner Stelle fragen, was das für Gefühle sind, die das bei dir auslöst, und welche Gedanken damit verbunden sind.

    Lässt sich da, wenn du dich näher damit beschäftigst, etwas priorisieren?

    Laggard , Du hattest geschrieben, dass du ganz gut meditieren kannst.

    Ich weiß nicht, wie du das praktizierst, ich selbst bin vor ein paar Jahren an eine App von 7 Mind geraten, die u.a. geleitete Meditationen anbietet, auch dazu, wie man mit Hilfe der Meditation seinen Emotionen begegnen kann.

    Vielleicht ist so etwas hilfreich für dich?

    Für mich selbst war und ist zwar nicht jede der angebotenen Meditationen passend, aber die eine oder andere habe ich durchaus als hilfreich empfunden und insgesamt bin ich mit dem Angebot sehr zufrieden.

    Beste Grüße

    AmSee

    Es war ungewohnt alle Emotionen und Gefühle, egal ob positiv oder negativ, bewusst zu erleben. Kein Filter der etwas abschwächt.

    Ich halte das für richtig und wichtig, dass du das nochmals aufgreifst.

    Auch das hatte ich im Hinterkopf, als ich weiter oben das hier geschrieben habe:

    Ich denke aber, dass die Perspektive etwas erweitert werden sollte, denn es ist umgekehrt ja durchaus auch so, dass unsere Gedanken von Gefühlen/ Emotionen beeinflusst werden.
    Denken wir nur mal an den Zustand des Verliebtseins.
    Oder denken wir beispielsweise an Angst und Panik. Wer damit besonders vertraut ist, der weiß aus eigener Erfahrung ziemlich gut, wie das seine Gedanken beeinflusst.


    Ich selbst war früher ein absoluter Kopfmensch und habe jegliches Problem mittels meines Verstandes zu lösen versucht, hab auch diese ganze Gefühls-Geschichte mit meinem Verstand zu lösen versucht oder diese zu verdrängen versucht.

    Letztlich bin auf diesem Weg gescheitert…..

    Um aus dem tiefen Loch, in das ich gefallen war, herauszukommen, musste ich lernen, mit meinen Gefühlen umzugehen.
    Ich stand dabei aber vor dem Problem, dass ich gar nicht wusste, was ich da fühlte bzw. was das überhaupt für Gefühle waren. Das mag jetzt lustig klingen, wenn ich das schreibe, aber ich hab in meiner Not tatsächlich mehrfach gegoogelt, was es so an Gefühlen gibt. Im Prinzip war ich zu dem Zeitpunkt ziemlich abgetrennt von mir.
    Nebenbei bemerkt: Entscheidungen konnte ich da auch nicht mehr treffen.
    Starr war ich wie ein Kaninchen vor der Schlange.

    Die erste Herausforderung bestand für mich darin, überhaupt erstmal zu identifizieren, was ich da so fühle und das waren bei mir, wie sich herausstellte, mehr als ein Gefühl gleichzeitig. Scham war bei mir übrigens irgendwie immer dabei.

    Die nächste Herausforderung bestand darin, mit diesen unterschiedlichen Gefühlen umgehen zu lernen.
    Wenn von „Aushalten“ die Rede ist, muss ich immer wieder daran denken, wie unmöglich das für MICH zum Teil gewesen ist. Ich hab sehr oft daran gedacht und Pläne geschmiedet, mir das Leben zu nehmen, damit das endlich aufhört.

    Wie gehe ich zB mit viel Lob um ,wennn dein Chef sagt,er sei froh ,Fachleute wie mich für dieses Projekt zu besitzen ?

    Hört sich erstmal positiv an ,hat aber extreme Gefühle in mir ausgelöst ,die ich jetzt nüchtern verarbeiten muss .

    Ich selbst hab für mich gelernt, erstmal aufzudröseln, was ich fühle.
    Dazu habe ich mir auch die Gedanken, die mir durch den Kopf gegangen sind, näher angesehen und sie sortiert.

    Konkret auf dein Beispiel bezogen, würde ich mich an deiner Stelle fragen, was das für Gefühle sind, die das bei dir auslöst, und welche Gedanken damit verbunden sind.

    Lässt sich da, wenn du dich näher damit beschäftigst, etwas priorisieren?

    Beste Grüße

    AmSee

    Das hört sich irgendwie komisch an. Habe ich irgendwas geschrieben was nicht ok ist?

    Das, was ich geschrieben habe, sollte der Erläuterung dienen, warum die Argumentation, dass es nur eine Frage des Willens sei, problematisch ist.

    Ich setze doch nicht nur auf den guten Willen. Dass das alleine nicht reicht ist doch logisch.

    So logisch ist das für den einen oder anderen wohl leider nicht…..


    Nur deshalb hab ich mich auf die Diskussion eingelassen und so viel dazu geschrieben….

    Also hat der Wille bei mir schon eine Rolle gespielt.

    Emily , mir scheint, dass du etwas missverstanden hast….

    Der Wille spielt schon eine Rolle, aber er allein reicht gegebenenfalls nicht aus.

    Du selbst hast die Erfahrung gemacht, wie leicht man in alte Verhaltensweisen zurückfallen kann.
    Und das ist etwas, was eigentlich ziemlich normal ist. Von alten Gewohnheiten trennt man sich eben nicht so leicht.

    Wer erfolgreich aus seiner Sucht aussteigen will, steht vor der Herausforderung, etwas gänzlich Neues zu erlernen.
    Und wenn du bedenkst, wie viele Situationen und Gewohnheiten direkt oder indirekt bei dem einen oder anderen von uns mit Alkoholkonsum verknüpft waren und wie oft und wie sehr wir in der Gesellschaft mit Alkoholkonsum konfrontiert sind, bekommst du vielleicht eine Ahnung, wie groß diese Herausforderung ist.
    Dazu kommt, dass jeder von uns seine persönlichen Risikofaktoren hat. Über diese wirst du dir aber erst im Klaren und kannst lernen, erfolgreich damit umzugehen, wenn du dich mit deinem Trinkverhalten in der Vergangenheit auseinandersetzt.

    Kurz und gut, wenn du bei all dem nur auf den guten Willen setzt, der das alles schon richten wird, wundere dich nicht, wenn das nicht klappt.

    Deshalb ist Sucht total individuell und jeder hat seinen eigenen Weg mit der Abstinenz umzugehen und trocken zu bleiben.


    Kannst du denn nachvollziehen, worin die Problematik liegt, dass Paul seine Argumentation, dass es eine Frage des Willens sei, wiederholt in den verschiedensten Threads dieses Forums vertritt?


    Ich musste, während ich mich hiermit beschäftigt habe, immer wieder an eine Textpassage denken, die ich im Artikel https://trokkenpresse.de/titelthema-416-ueber-rueckfaelle/ gelesen hatte.
    Ich zitiere mal hier diese Textpassage, die der Autor, Dr. Rolf-Rüdiger Salloch-Vogel, Suchtmediziner und selbst trockener Alkoholiker, formuliert hat: (Er schreibt hier aus der Perspektive des Selbstbetroffenen.)

    „1.Unglaube, Größenwahn

    Als ich in der Klinik ankam, spielten einige braun gebrannte Herren Volleyball, und ich stand da mit meinem Koffer, den ich kaum tragen konnte. Der „Oberspieler“ rannte zusätzlich noch aus sportlichen Gründen einen Berg hinauf, den man den „Promille-Weg“ nannte, und war einer der ersten, wenn ich mich recht erinnere, der rückfällig wurde.“


    Ich hab schon öfter von solchen Erfahrungen gelesen, dass Alkoholiker, die sagen wir’s mal „sehr selbstsicher“ aufgetreten sind, rückfällig geworden sind. Salloch-Vogel hat dieser Textpassage die Überschrift „Größenwahn“ gegeben.

    Ich hab mich immer mal wieder gefragt, warum solche Alkoholiker, die doch so selbstsicher auftreten, trotz all ihren Selbstbewusstseins und ihres Willens einen Rückfall erleiden. Und ich hab im Laufe der vergangenen vier Jahre der Beschäftigung mit dem Thema Alkoholismus in der neueren Suchtforschung nachvollziehbare Erklärungen gefunden.


    Das ist schon richtig, dass wir hier alle verschieden sind, nicht ohne Grund hatten wir deshalb im ursprünglichen Willkommenstext auf der Startseite stehen:

    Unsere Überzeugung ist, dass es nicht "den einen" Weg zur Bewältigung der Herausforderungen im Zusammenhang mit Alkoholkonsum gibt, und wir legen Wert darauf, dies zu respektieren.

    Um dem Wunsch nach einem kürzeren Willkommenstext nachzukommen, ist diese Passage entfallen, das ist aber noch immer etwas, was Überzeugung dieser Selbsthilfegruppe ist.

    Natürlich kann, darf und soll jeder seinen eigenen Weg finden, doch wenn ein recht aktives Mitglied hier in einem für eine breite Allgemeinheit sichtbaren Forum den aktuellen Forschungsstand nicht berücksichtigt und in den verschiedensten Threads immer wieder eine suchttherapeutisch überholte Argumentation propagiert, die sich fatal auswirken KANN, finde ich das recht bedenklich.