Benutzten wir nicht alle Alkohohl als "Beruhigungspille", als Herrunterfahr-Mittel, Sedativum, als Retter in der Not ... wenn gar nichts mehr ging? Wir am Ende unserer Kräfte, Nerven waren, wir der Verzweiflung, der Ausweglosigkeit machtlos (?) ausgeliefert waren? Anfänglich sicher auch als Stimula/Stimulierung, um bestimmte Reize zu verstärken - wenn denn die Dosierung stimmte!
Warum ist dir das wir so wichtig, Paul , dass du das wir hier so betonst und auch an anderen Stellen über andere Menschen sprichst?
Ich bin u.a. durch dieses Forum hier sehr nachdenklich geworden bzgl. Aussagen über andere. Ich mache das zwar noch immer ab und zu, aber ich bemühe mich zumindest, umsichtiger damit umzugehen.
Ich weiß nicht, was in den Köpfen anderer vor sich geht, kann das nicht wissen. Ich bin niemals in deren Schuhen unterwegs gewesen und andere wiederum nicht in meinen.
Was ich kann, ist, aufgrund meiner eigenen Lebenserfahrungen Ähnlichkeiten zu den Lebenserfahrungen anderer auszumachen. Und darüber kann ich reden.
Emily hat über sich geschrieben. Und obwohl ich ein anderes Leben geführt habe als sie, finde ich etwas, was ich selbst erlebt habe, in ihrer Erzählung wieder.
Sie schreibt, sie fühlte sich dem Alkohol gegenüber machtlos. Ich selbst hätte das für mich nicht so formuliert und doch finde ich in diesen Worten etwas wieder, wie‘s mir zuletzt mit meinem Alkoholkonsum ging.
Ich hab mich, als ich noch trank, nicht abschießen wollen, aber zuletzt entglitt mir immer wieder die Kontrolle, wenn ich trank. Ich wollte eigentlich genießen, Lebensfreude leben, mich wohlfühlen, mich belohnen.
Nur ließ sich dieser Zustand nicht halten, ich konnte (wollte?🤷♀️) nicht aufhören, nachzukippen, um den schönen Zustand zu erhalten. Und dann kippte es in den letzten Monaten ständig mehr oder minder von jetzt auf gleich, ich fühlte mich nicht mehr wohl, sondern unendlich müde, erschöpft, zerschlagen, depressiv, todessehnsüchtig.
Ich nahm mir vor, am nächsten Tag oder in den nächsten Tagen nicht zu trinken, doch der Entschluss fiel in der Regel am späten Nachmittag. Die Flasche wurde geöffnet und es blieb nie bei einer. Sie waren immer so schnell leer.
Ich hab Wein auch wie Wasser getrunken. Kaum gefüllt war das Glas auch schon wieder leer.
Diesen Wunsch, mich richtig abzuschließen, hatte ich selbst tatsächlich nur das eine Mal, als ich bereits ein halbes Jahr trocken war, und in Folge mehrerer triggernder Situationen heftigsten Suchtdruck bekam. Völlig untypisch für mich, aber im Nachhinein für mich erklärlich.
Was hat sich heute, nüchtern, geändert? Sind wir gelassener geworden, weil wir eh' nix ändern können? Fügen wir uns, akzeptieren, worauf wir sowieso keinen Einfluss haben? Sind uns bestimmte Sachen schei**egal geworden? Oder ist's gar die "Altersmilde", uns bestimme Sachen jetzt/heute nicht mehr soooo wichtig erscheinen?
Ich hätte, weil‘s so einfach und selbstverständlich schien, nichts an meinem Leben und meinem Alkoholkonsum geändert, wenn mir nicht bewusst geworden wäre, dass ich so nicht weitermachen kann.
Da ich so aber nicht weitermachen konnte, wenn ich nicht zugrundegehen wollte, musste und wollte ich lernen, wie es anders und zwar nüchtern geht.
Ich hab gelernt, was echte Selbstfürsorge ist und wie wichtig sie für mich ist. Ich hab mich besser kennen- und sogar lieben gelernt. Und im Laufe meiner Abstinenz wurde mir die tiefere Bedeutung und der Sinn des sogenannten Gelassenheitsgebets immer bewusster.
Viele Grüße
AmSee