Seine Entscheidung akzeptieren?

  • Liebes Forum!

    Toll, dass es diese Gemeinde gibt! Ich habe schon einige Geschichten mitgelesen und wertvolle Erkenntnisse sammeln dürfen.
    Leider ist mein nächster Beratungstermin für Angehörige erst am 22.9., die Selbsthilfegruppe nimmt gerade keine Neuen auf und ich habe jetzt schon einige Fragen, die mich ziemlich umtreiben.

    Betroffen ist mein Partner, vielmehr mein Ex-Partner, gestern war ich beim ihm, um unsere Sachen zu tauschen, wir haben getrennte Wohnungen. Ich halte die Situation nicht mehr aus und kann ihm einfach nicht helfen.
    Er hat seinen ersten qualifizierten Entzug hinter sich, raus war er am 26.7. (dazu gibt es natürlich auch eine längere Vorgeschichte) und steckt jetzt, soweit ich das mitbekommen habe seit einer Woche, im Rückfall fest. Das ging schnell.
    Es ist so traurig zu sehen, dass jemand, der nüchtern ein Energiebündel voller Liebe und Lebenswillen ist, von der Sucht so eingefangen wird, dass er all das offenbar nicht mehr sehen kann.
    Ich habe ihm gesagt, dass ich mich darauf freue, ihn nüchtern wiederzusehen und ihm nochmal die Telefonnummer von der Suchtstation in die Hand gedrückt (die eigentlich auch an seinem Bett liegt), bei der er jederzeit anrufen kann.
    Es fällt mir so schwer zu akzeptieren, dass er sich lieber weiter für die Verelendung und das Risiko des frühen Todes entscheidet. Beide Konsequenzen sind ihm bewusst.

    Habt ihr Tipps wie ich emotional damit umgehen kann, dass der Betroffene bei voller Einsicht der Situation sagt, er schaffe es nicht noch einmal in die Klinik, dass sei zuviel für ihn und er schaffe es sowieso nicht mehr, aus der Sache herauszukommen?
    Oder kann ich das für mich als weiteren Manipulationsversuch in Richtung Aufmerksamkeit durch Mitleid verbuchen?
    Ich habe halt den Eindruck, dass er jetzt den Selbstmord auf Raten durchziehen möchte, von dem er kurz vor dem qualifizierten Entzug schon einmal gesprochen hat und fühle mich hin und hergerissen zwischen Selbstschutz und unterlassener Hilfeleistung.
    Da ich aber eine Situation wie vor dem letzten Entzug (zweimal Notaufnahme, Megadrama und die zwei schlimmsten Nächte meines Lebens) nicht noch einmal ertragen kann, kann ich gerade nichts anderes machen, als auf Abstand zu gehen.

    Wahrscheinlich haben hier schon mehrere Leute ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich wäre sehr dankbar, wenn ihr mir sagen könntet, wie ihr die Akzeptanz für die Entscheidung eurer Betroffenen entwickelt habt? Und wie ihr mit schlechtem Gewissen umgeht.

    Liebe Grüße, Billy


  • Ich habe schon einige Geschichten mitgelesen und wertvolle Erkenntnisse sammeln dürfen.
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    Habt ihr Tipps wie ich emotional damit umgehen kann, dass der Betroffene bei voller Einsicht der Situation sagt, er schaffe es nicht noch einmal in die Klinik, dass sei zuviel für ihn und er schaffe es sowieso nicht mehr, aus der Sache herauszukommen?
    Oder kann ich das für mich als weiteren Manipulationsversuch in Richtung Aufmerksamkeit durch Mitleid verbuchen?

    Hallo, Billy,

    und HERZLICH WILLKOMMEN hier bei uns im Forum :welcome:

    Kurz zu mir: Ich bin m, 57 und Alkoholiker, seit einigen Jahren trocken und auch in der Suchtselbsthilfe ein wenig aktiv.

    Und wenn Du hier schon ein wenig mitgelesen hast, dann werden Dich meine folgenden Worte sicherlich nicht sonderlich überraschen:

    Du "kannst" es nicht als Manipulationsversuch verbuchen - Du MUSST! Denn nichts anderes ist es. Bei Deinem Ex hat es eben noch nicht den berühmten "Klick" gemacht, er ist noch nicht wirklich bereit, ernsthaft etwas an seiner Situation, an seiner Sucht zu ändern. Denn das ist mit Arbeit und Schwierigkeiten verbunden.

    Momentan solltest Du Dir hauptsächlich Gedanken um Dich und Deine "seelische Gesundheit" machen und Alles dafür tun, dass es DIR gut geht.
    Er ist für sich selbst verantwortlich.

    Dass es erst so spät einen Termin bei der Suchtberatung gibt und die SHG keine Neuen aufnimmt - finde ich echt besch... für alle Betroffenen in einer solchen seelischen Situation :(
    Hoffe, Du findest hier etwas Hilfe und Zuspruch.

    Gruß
    Greenfox

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

    Uns aus dem Elend zu erlösen

    können wir nur selber tun!

  • Hallo Billy,

    ich kann nicht in Deinen Mann reingucken und jeder Alkoholiker ist ja trotzdem anders als der andere.

    Ich habe meinen Partner teils gehen lassen, teils weggeschickt, weil ich auch wusste, dass ich nicht aufhöre. Und das war kein Manipulationsversuch.

    Ich wusste auch, was ich mache, und ich hatte Angst vor den Folgen. Insofern habe ich noch zu bremsen versucht, aber aufhören kam trotzdem nicht in Frage. Ich habe zwar nur abends getrunken und nur 4 Tage die Woche, aber dafür teilweise ein bis zwei Liter Schnaps plus Bier plus Joints in kurzer Zeit. Und ich wusste genau wie "gesund" das war.
    Ich war gleichzeitig davon überzeugt, wenn ich mit dem Trinken aufhöre, dann fühlt sich das Leben für mich so freudlos an, das ich mich dann eben nüchtern anders umbringe. Selbst wenn ich es geschafft hätte, aufzuhören, sah ich da nichts vor mir, wofür es sich rentiert hätte. Und das hatte mit Äusserlichkeiten nichts zu tun, denn nach aussen hin war ich auf der Überholspur, das gab mir nur ohne Alkohol nichts.
    Da hätte mein Partner auch nichts davon gehabt.

    Erst als ich dann noch kaputter war, kam mir der Gedanke, was an einem nüchternen Leben eigentlich schlimmer sein soll, als das, was ich gemacht habe.

    Ich sah über längere Zeit einfach keine Möglichkeit, dieses Dilemma aufzulösen und ich habe ja auch gesehen, dass mein Partner drunter leidet. Von daher fand ich es tatsächlich selbst besser, dass er sich trennen wollte. Natürlich hatte ich auch ausgeprägte Stimmungsschwanken wie sehr viele Alkoholiker, mal so mal so, aber im Grunde habe ich selbst eingesehen, dass das mit mir nicht gehen kann. Und ich war schon dabei, die Achtung vor meinem Partner zu verlieren, weil es sich das mit mir so lange antat und auch nicht von mir wegkam.

    Mein Partner hätte überhaupt nichts machen können, weil ich ja selbst auch keinen Ausweg sah. Aufhören, wie gesagt, war auch keine Option, das hätte mein Problem damals nur verlagert. Nüchtern hätte man mit mir damals auch nicht leben können.

    Gruß Susanne

  • Hallo ihr zwei,

    vielen Dank für eure Antworten. Es tut gut zu lesen, dass ihr meine Entscheidung zu gehen bestärkt.
    Auch ist es schön, dass hier im Forum so viele Menschen unterwegs sind, die es geschafft haben, es mit der Sucht aufzunehmen und es schaffen, ein nüchternes Leben zu führen!

    Ich weiß mittlerweile ganz genau, dass ich ihm nicht helfen kann und ein Kontakt zu ihm für mich gerade unmöglich ist, weil ich das Elend nicht mit ansehen und -hören kann.

    Was mich noch interessieren würde ist, welche Gedanken anderen Angehörigen beim Loslassen geholfen haben.

  • Hier sind momentan nicht viele Angehörige aktiv, so wie ich das mitkriege.

    Bei mir war es allerdings nicht der Partner, aber mein Vater ist am Alkohol gestorben und ich habe ihn betreut, als ich schon sehr lange trocken war.
    Ich habe gar nicht erst versucht, ihn vom Alkohol wegzubringen, weil ich genau wusste, wie das bei mir gelaufen war. Das Verhältnis war lange konfliktbeladen auch von Kontaktabbrüchen geprägt, aber gegen Ende war es dann ganz friedlich.

    Mir ging es so, dass ich mit zunehmend ehrlichem Blick auf mich selbst öfter mal Aha-Erlebnisse hatte, so und so hat mein Vater auch reagiert.
    Ich kannte also praktisch das, was er machte aus der Innensicht. Das hat es mir ermöglicht, meinen Frieden damit zu schliessen, da und dort konnte er eben nicht anders, so wie ich eben lange auch nicht anders konnte. Ich wusste ja ganz genau, dass ich trinkend Vieles auch ganz einfach nicht gesehen habe, ich hatte da einen blinden Fleck. Alkoholische Betriebsblindheit. Damit habe ich das nicht mehr so persönlich genommen, wusste dass das nichts mit mir (und meinen Fehlern/Unzulänglichkeiten) zu tun hatte, was er machte. Er war halt suchtgesteuert. Und er hatte wie ich einen großen Aber dagegen, dass Andere ihn kontrollieren.
    (daneben konnte er im betrunkenen Zustand absolut ekelhaft sein, aber genau das war ich betrunken teilweise auch. Das hat meinem Urteil über ihn die Schärfe genommen, dass ich gesehen habe, dass ich auch nicht besser bin. Bei mir war es teilweise Stress, mit dem ich nicht umgehen konnte, und mit Kritik konnte ich betrunken auch nicht umgehen, und wenn mich mein Partner dann unter Druck gesetzt hat, bin ich ausgeflippt. Aber auch ansonsten bin ich öfter mal unangenehm aufgefallen. Und das habe ich dann bei ihm eben auch genau so gesehen)

    Meine Denke ging auch dahin, dass ich argumentiert habe, dass ich schon getrunken habe, als wir zusammen gekommen sind, und dass er das wusste und für mich damit akzeptiert hatte. Ich habe auch so argumentiert, wenn DU wiillst, dass ich weniger trinke, dann muss auch Du dafür sorgen, dass ich weniger brauche. Denn ICH wollte ja von mir selbst aus nicht soooo viel weniger trinken.
    Und dabei kommt dann das ins Spiel, das die gutgemeinte Hilfe vom Süchtigen ja oft übrhaupt nicht erwünscht ist, sondern ja in erster Linie dazu dient, dass der Angehörige damit klar kommt. Der Süchtige, der trinken will, will ja gar nicht geholfen werden, ist aber dankbar für den Schuldigen, dem er es in die Schuhe schieben kann.

    Insofern würde ich Dir vielleicht empfehlen, Bücher von Alkoholikern zu lesen, in denen sie beschreiben, wie sie selbst während ihrer aktiven Sucht getickt haben. Ich meine, das Loslassen besteht da ja aus zwei großen Teilen. Das eine ist die "normale" Trennung, wie man sie bei anderen Beziehungen auch haben kann, wenn es vorüber ist, und das andere sind die Fragen und Schuldgefühle, ob man noch mehr oder etwas Anderes hätte machen können, und um den zweiten Teil geht es da ja wohl. Und je besser Du weisst, wie ein Süchtiger tickt, desto leichter fällt möglicherweise das Loslassen, weil einfach immer klarer wird, dass Du sehr eingeschränkte Möglichkeiten hast, etwas zu tun, und dass Trennung oft sogar DAS Mittel ist, an dem der Süchtige merkt, dass es so nicht weiter gehen kann.

    Aber natürlich hilft selbst das oft nicht, also es ist nicht so dass man sagen könnte, trenne Dich dann merkt ers, sondern es geht eher da drum, dass sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Süchtiger etwas unternimmt, dadurch erhöht, wenn er merkt, wie tief er in der Scheixxe sitzt und auch niemand mehr da ist, der sich das Gejammer anhört und den Dreck wegräumt. Sondern wenn er wirklich selbst mit den Konsequenzen seines Trinkens klar kommen muss. Bei mir war es beispielsweise so, so lange mein Partner da war, haben wir oft deswegen gestritten. Für mich sah es oft so aus, als ob ich gerade wegen den Streitereien getrunken habe, und auf jeden Fall war ich so damit beschäftigt, mich mit ihm irgendwie zu arrangieren, dass ich über mich selbst dabei kaum nachgedacht habe. Ich war ja mit der Abwehr und dem ganzen Beziehungsmanagement (Saufen ist eine logistisch anspruchsvolle Tätigkeit, wenn man es gegen den Willen des Partners macht) derartig beschäftigt.
    Ausserdem hat auch er mir den Notarzt gerufen (bin nicht mitgegangen, konnte noch "Nein" lallen) und das macht dann natürlich auch keiner mehr, wenn man alleine ist. Da denkt man dann vielleicht schon mal eher drüber nach, dass was passieren kann, als wenn sich immer jemand um einen kümmert (oder einen zu ändern versucht, was ja nur Abwehr hervorruft).

    Aber natürlich ändert auch das bei vielen gar nichts. Sehr viele Alkoholiker ändern nie was, das muss man klar so sehen. Aber auch das zu wissen kann vielleicht beim loslassen helfen, wenn Du dieses Leben nicht mitleben willst. Da passen dann einfach die Lebensvorstellungen nicht zusammen.

    Und wie alles emotionale braucht das Alles seine Zeit zur Bewältigung. Es ist ja auch eine Art von Trauer, erst wehrt man sich gegen die Erkenntnis, dann kommt langsam die Akzeptanz und irgendwann kommt man damit klar.

    Gruß Susanne

  • Loslassen ist ja ausserdem nur das eine. Das Andere ist, das Du Dich auch abgrenzen darfst.

    Er ist ja immerhin schon länger volljährig und wenn er sich entscheidet, nichts gegen seine Sucht zu tun, dann ist das eine Entscheidung eines erwachsenen Menschen, die er ja auch so fällen darf. Ich habe immer darauf bestanden, dass es mein Leben ist, und selbst wenn ich das zugrunde richte, dann ist das in erster Linie immer noch meine ganz persönliche Angelegenheit. Denn schliesslich bin ja ich am Ende tot, der Andere könnte ja gehen. Ich bringe ja nicht mein Gegenüber um, sondern mich selbst.
    Und zum Teil ist dieser Trotz, der dabei aufkommt, ja auch eine Abwehr der Übergriffigkeit, und die Manipulationen sind ja eine gegenseitige Angelegenheit. Angehörige versuchen ja auch massiv, den Süchtigen zu manipulieren, die wollen ja auch dass er etwas tut was er nicht will.

    Unterlassene Hilfeleistung ist es übrigens erst, wenn Dein Mann im nüchternen Zustand klar sagen würde, das er diese Hilfe will. Sonst sagt Dir jedes Gericht, dafür ist er selbst verantwortlich. Es ist schliesslich nicht entmündigt, das gibt es gar nicht mehr, und selbst als gerichtlicher Betreuer müsstest Du Seinen mutmaßlichen Willen durchsetzen und nicht Deinen. Also wenn Du als Betreuer weisst, dass er trinken will, dann gibst Du ihm was zu trinken. Und selbst dann, wenn er diese Hilfe will, müsstest Du nicht mehr tun, als Du tun kannst. Da es immer Möglichkeiten gibt, an Alkohol dranzukommen, könntest Du das gar nicht kontrollieren, selbst wenn Du das wolltest. Und wenn er sichs alle 5 Minuten anders überlegt, hättest Du gar keine Möglichkeit, ihn daran zu hindern.

    Ich meine, ich bin in gewisser Weise ja auch nicht für das Helfersyndrom Anderer zuständig, damit müssen die klar kommen. Ich muss mich nicht retten lassen, weil ein Retter das für sein Selbstbewusstsein oder sein Wohlbefinden braucht. Anderseits musst Du als Angehörige aber auch nicht die ganze Sucht-Geschichte mitmachen, denn es zwingt Dich ja auch niemand dazu, dabei zuzugucken und darunter zu leiden.

    Es gibt Suchtmediziner, die sagen dann selbst das sie eigentlich Sterbebegleitung machen. Oft über Jahre bei wiederkehrenden Entgiftungen, aber was anders ist es ja dann nicht. Man entgiftet sie und hofft, dass es dieses Mal vielleicht schnackelt, aber sie dürfen die Betroffen ja auch nicht gegen ihren Willen festhalten. Und oft ist es dann halt irgendwann zu Ende.

    Du darfst schon sagen "das ist Deine Angelegenheit, da halte ich mich raus".

  • Hallo Billy,

    herzlich Willkommen bei uns im Forum.

    Ich schreibe Dir auch als Alkoholiker, nicht als Anghöriger. Im Angehörigenbereich ist es in den letzten Monaten etwas ruhiger geworden. Ich hoffe aber, dass trotzdem der/die ein oder andere noch mitliest und Dir hier schreibt. Und die ganzen Lebensgeschichten sind ja noch da, Du kannst sie also in Ruhe nachlesen und wirst ganz sicher Parallen zu Deiner Situation finden.

    Ich selbst bin 50 Jahre alt, Alkoholiker und trinke jetzt schon lange keinen Alkohol mehr.

    Was mir bei Dir gleich aufgefallen ist, ist das hier:

    Zitat

    Habt ihr Tipps wie ich emotional damit umgehen kann, dass der Betroffene bei voller Einsicht der Situation sagt, er schaffe es nicht noch einmal in die Klinik, dass sei zuviel für ihn und er schaffe es sowieso nicht mehr, aus der Sache herauszukommen?


    und

    Zitat

    Ich weiß mittlerweile ganz genau, dass ich ihm nicht helfen kann und ein Kontakt zu ihm für mich gerade unmöglich ist, weil ich das Elend nicht mit ansehen und -hören kann.

    Damit stellst Du DICH in den Mittelpunkt und es geht Dir darum wie Du DIR helfen kannst. Du stellst nicht die Frage, wie Du ihm helfen kannst.

    Da möchte ich Dir jetzt einfach mal sagen: Damit bist Du schon weiter als viele andere Angehörige zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme in diesem Forum hier. Denn genau darum geht es. Um DICH und um DEIN Leben, für das bist Du nämlich vollumfänglich verantwortlich. Dein Partner ist für sein Leben verantwortlich.

    Susanne hat Dir ja geschrieben, wie sie damals gedacht hat, wie sie getickt hat. Natürlich ist jeder Alkoholiker wie jeder andere Mensch auch ein Individum und unterscheidet sich jeweils vom anderen. Aber eines haben wir dann doch gemeinsam. Und das ist die Abhängigkeit, die Sucht. Diese sorgt dafür, dass wir von außen nicht so einfach zu erreichen sind. Sie ist sehr mächtig und schottet sozusagen alles ab, was für sie als Gefahr wahr genommen wird.

    Nur der Süchtige selbst ist in der Lage den Kampf gegen sie aufzunehmen. Nur er allein kann sie überwinden. Das was Du mit Deinem Partner erlebt hast, nämlich das er kurz nach seiner Therapie bereits rückfällig wurde, ist eher die Regel als die Ausnahme. Leider ist es so, dass nur sehr wenige Alkoholiker überhaupt erst mal ernsthaft was gegen ihre Sucht unternehmen. Die meisten funktionieren mit ihrer Sucht mehr oder weniger gut und mehr oder weniger lang. Von denen die es versuchen, wie z. B. Dein Partner, sind es wiederum nur sehr wenige, die es dauerhaft schaffen. Mit dauerhaft schaffen meine ich jetzt, dass sie auch nach 2 Jahren noch alkoholfrei leben. Die meisten scheitern oder brauchen einfach auch mehrere Anläufe.

    Was bedeutet das jetzt für einen Partner, so wie Du ja einer bist.

    Der kann entweder diesen ganzen "Mist" mitmachen, sozusagen in der Hoffnung leben das es vielleicht ja doch mal klappt. Oder er kann sich abgrenzen und sich um das kümmern wofür er wirklich verantwortlich ist, nämlich sein eigenes Leben.

    Damit Du mich jetzt nicht falsch verstehst: Ich meine damit nicht, dass man seinen alkoholkranken Partner sofort fallen lassen muss oder soll. Ich halte es einfach für wichtig, dass man als Partner klare Regeln aufstellt und klar formuliert was man möchte. Sozusagen eine Grenze definiert. Und wenn diese überschritten wird, dann eben entsprechende Konsequenzen zieht.

    Ich denke mir, so wie ich Dich hier lese, hast Du das alles schon durch. Schon längst durch. Du warst auch an seiner Seiter als er in Therapie war, Du hast Deine Unterstützung signalisiert, Du hast ihm klar gemacht, dass Du weiter mit ihm leben möchtest wenn seine Sucht überwunden hat. Das ist mehr als fair denn es gibt sicher einfachere Beziehungen als die mit einem frisch trockenen Alkoholiker.

    Aber er hat es "nicht geschafft". Er konnte trotz Therapie nicht auf Alkohol verzichten. Er trinkt wieder und er signalisiert darüber hinaus, dass sich daran jetzt erst mal nichts ändern wird.

    Das solltest Du akzeptieren. Denn es ist seine Entscheidung. Er tut hier nicht illegales. Das Zeug das er konsumiert ist völlig legal, ja es hat sogar noch ein hohes Ansehen in unserer Gesellschaft. Du siehst zwar, dass er Selbstmord auf Raten praktiziert, aber auch das kannst Du ihm nicht verbieten. Ich selbst war in den letzten zwei Jahren meiner Sucht ähnlich unterwegs. Ich hatte zunehmend körperliche Probleme die eindeutig dem Alkohol zuzuschreiben waren (die Psyche war sowieso schon länger im Ar....) und anstatt aufzuhören dachte ich nur: Dann sauf ich mich halt tot, hat eh alles keinen Sinn mehr.

    Ich hatte übrigens Kinder die ich sehr liebte, eine Familie, etc. Selbst die große Liebe zu meinen Kindern war nicht in der Lage mich aus dieser Sucht heraus zu lösen. Ich wusste (und dachte auch darüber nach), dass meine Kinder (meine Tochter damals 7 oder 8 Jahre alt) elendig leiden würden, wenn ich sterben würde. Und ich hätte ja "nur" aufhören müssen. So schwer kann das doch nicht sein? Doch, leider ist es das und die Gründe, warum es dann der ein oder andere Alkoholiker doch dauerhaft schafft die Sucht zu überwinden sind höchst unterschiedlich. Da man das nicht so spezifizieren kann, sprechen wir hier oft vom "persönlichen Tiefpunkt", den man erreicht haben muss, um eine Chance zu haben.

    Aber ganz viele scheinen diesen eben nicht zu erreichen oder aber er war dann doch nicht tief genug. Ich kenne auch Alkoholiker die bei einer Bergwanderung und dem Blick ins Tal plötzlich wussten: Jetzt ist es vorbei! Verstehst Du was ich sagen möchte? Man kann einfach nicht sagen was letztlich dazu führen könnte, dass jemand diese Sucht überwindet. Fakt ist aber, dass er es selbst wollen muss. Will er es mit aller Kraft, dann ist es immer noch ein langer Weg, aber wenigstens einer den er erfolgreich gehen kann.

    Das war jetzt ein wenig viel aus der Alkoholikerperspektive. Weil ich halt einer bin. Für Dich kann ich nur sagen, dass ich der Meinung bin, dass Du Dich um Dein Leben kümmern solltest. Das gelingt Dir wahrscheinlich nur, wenn Du akzeptieren kannst, dass Du weder für ihn verantwortlich bist noch dass Du etwas für ihn tun kannst. Ich meine fast, dass Dir das bereits klar ist.

    Und so bleibt es Dir "nur" Dich abzugrenzen und darüber zurück ins Leben zu finden. Ein Leben, dass wahrscheinlich ohne ihn stattfinden wird oder muss. Was nun aber nicht bedeutet, dass Du, falls sich bei ihm plötzlich eine wundersame Änderung ergeben sollte, nochmal neu nachdenken kannst. Darauf zu hoffen wäre aber aus meinen Erfahrungen heraus verschwendete Zeit. Zeit, die Dir dann letztlich fehlt um zurück in ein lebenswertes Leben für Dich selbst zu finden.

    Sehr schade, dass Du so lange auf die SHG warten musst. Ich glaube, dass Du dort einen ganz wichtigen und hilfreichen Austausch finden wirst. Und ich wünsche Dir auch, dass Du hier noch Rückmeldung von anderen Betroffenen bekommst.

    Alles alles Gute für Dich.

    LG
    gerchla

  • Hallo Billy,

    ich nochmal.

    Ich sehe gerade, ich muss mich bei Dir entschuldigen. Ich schrieb in meinem vorherigen Beitrag immer von der Therapie, die Dein Partner gemacht hat. Aber ich habe wohl ein wenig zu schnell gelesen, er hat ja qualifizierte Entgiftung gemacht, jedoch keine (Langzeit-)therapie. Damit hat er zwar "mehr" gemacht als die reine körperliche Entgiftung aber eben keine klassiche Therapie.

    Inahltlich ändert das an meinen Zeilen nichts, außer vielleicht das eine "richtige Therapie", also z. B. eine LZT, eine Möglichkeit für ihn sein könnte um weiter zu kommen. Um weg zu kommen von dem Zeug. Soweit ich informiert bin wird aber genau darüber auch bei einer qualifizierten Entgiftung gesprochen. Er müsste sich dieser Option also eigentlich bewusst sein und es scheint ja einfach so zu sein, dass er jetzt erst mal nicht mehr will oder kann.

    Insofern stehe ich zu all meinen Aussagen, möchte mich aber nochmal bei Dir entschuldigen, dass ich Deine Zeilen nicht richtig gelesen habe. Das hat nichts mit Ignoranz zu tun, ich habe nur manchmal ganz schnell ganz viele Gedanken im Kopf die ich dann auch gleich schreiben möchte und dieses Mal hätte ich lieder nochmal in Ruhe lesen sollen.

    Alles Gute für Dich!

    LG
    gerchla