Beiträge von Billy123

    Hallo Gaby!

    Als ich deine erste Antwort gelesen habe, konnte ich mich darin gut wiederfinden! Ich empfinde es für die permanente Übung der Abgrenzung ebenfalls als hilfreich, die Beiträge der Betroffenen zu lesen. Die Einsicht, dass man dem betroffenen Angehörigen nicht weiterhelfen kann ist sicherlich auch ein wichtiger Schritt.
    Aber der Schmerz und die Hilflosigkeit, bzw. Ohnmachtsgefühle sind damit ja nicht einfach weggezaubert, sondern offenbaren sich erst dann komplett, wenn man weiß, ich kann nichts tun. Und das auszuhalten, bzw. zu verarbeiten ist zumindest für mich echt ein Problem. Bei der Selbstzerstörung einer geliebten Person zusehen zu müssen ohne etwas tun zu können.

    Ich hake derzeit immernoch an dem Punkt, dass ich immer wieder aufkeimende Hoffnung habe, dass mein Angehöriger doch noch den Dreh kriegt und Hilfe für sich selber annimmt. Er hat es ganz gut raus, sich mit guten Plänen nach einiger Zeit der Kontaktlosigkeit zu melden und dann doch nicht in die Klinik zu gehen. Er hat immerhin eigentlich die Krankheitseinsicht, aber die Sucht hat ihn nach einem Rückfall wieder komplett in der Hand mit allen Vermeidungstricks, Lügen, Manipulationen, usw.
    Derzeit habe ich den Kontakt abgebrochen und ihm verboten, sich bei mir zu melden, wenn er getrunken hat, da ich das (entschuldigt das Wort) Suffgelaber einfach nicht mehr ertragen kann. Er darf mich aus der Klinik anrufen, sonst nicht mehr.

    Andererseits gibt es ja auch sehr wohl Erfolgsgeschichten von Leuten, die es geschafft haben und die berichten, dass Angehörige eine wichtige Stütze waren. Das triggert das helfen wollen oder zumindest den Gedanken daran dann doch wieder an.

    Für dich in der Situation mit deinem Bruder ist es wahrscheinlich nicht so, dass du tagtäglich mit den Suchtauswüchsen konfrontiert bist, aber ich kann mir vorstellen, dass die Verbindung komplett zu kappen bei einem Geschwisterverhältnis noch einmal schwieriger ist als in einer (ehemaligen) Partnerschaft, wie bei mir.

    Womit ich mir momentan zu helfen versuche, ist, die Trauer zu akzeptieren und um ihn und eine verlorengegangene Zukunft weinen zu dürfen. Auch wenn ich dabei das Gefühl habe, so zu tun, als sei er schon tot. Ablenken und Leute treffen, die mal was anderes erzählen hilft auch ganz gut, wenn die Kraft, Verabredungen zu treffen reicht.

    Ein weiterer Gedanke, der mir beim Relativieren der Problematik hilft, ist, dass viele andere Menschen tagtäglich um ihr Leben kämpfen (Krankheiten, Krieg, usw.) und diesen Kampf nicht immer gewinnen. Abschied nehmen und Akzeptieren gehört zum Leben dazu, auch wenn es sich im Moment furchtbar anfühlt. Viele andere Leute sind in derselben Situation oder haben solche Situationen durchgestanden. Die Frage warum es jetzt Diesen oder Jenen, und in unseren Fällen nun unsere Angehörigen trifft, hilft nicht wirklich weiter. Ich arbeite gerade mit Zettel und Stift daran, stattdessen aufzuschreiben, was ich persönlich für mich aus der Situation mitnehmen kann, das in irgendeiner Art und Weise positiv ist. Lerneffekte, Erfahrungen, Erkenntnisse.

    Viele Grüße, Billy

    Hallo ihr zwei,

    vielen Dank für eure Antworten. Es tut gut zu lesen, dass ihr meine Entscheidung zu gehen bestärkt.
    Auch ist es schön, dass hier im Forum so viele Menschen unterwegs sind, die es geschafft haben, es mit der Sucht aufzunehmen und es schaffen, ein nüchternes Leben zu führen!

    Ich weiß mittlerweile ganz genau, dass ich ihm nicht helfen kann und ein Kontakt zu ihm für mich gerade unmöglich ist, weil ich das Elend nicht mit ansehen und -hören kann.

    Was mich noch interessieren würde ist, welche Gedanken anderen Angehörigen beim Loslassen geholfen haben.

    Liebes Forum!

    Toll, dass es diese Gemeinde gibt! Ich habe schon einige Geschichten mitgelesen und wertvolle Erkenntnisse sammeln dürfen.
    Leider ist mein nächster Beratungstermin für Angehörige erst am 22.9., die Selbsthilfegruppe nimmt gerade keine Neuen auf und ich habe jetzt schon einige Fragen, die mich ziemlich umtreiben.

    Betroffen ist mein Partner, vielmehr mein Ex-Partner, gestern war ich beim ihm, um unsere Sachen zu tauschen, wir haben getrennte Wohnungen. Ich halte die Situation nicht mehr aus und kann ihm einfach nicht helfen.
    Er hat seinen ersten qualifizierten Entzug hinter sich, raus war er am 26.7. (dazu gibt es natürlich auch eine längere Vorgeschichte) und steckt jetzt, soweit ich das mitbekommen habe seit einer Woche, im Rückfall fest. Das ging schnell.
    Es ist so traurig zu sehen, dass jemand, der nüchtern ein Energiebündel voller Liebe und Lebenswillen ist, von der Sucht so eingefangen wird, dass er all das offenbar nicht mehr sehen kann.
    Ich habe ihm gesagt, dass ich mich darauf freue, ihn nüchtern wiederzusehen und ihm nochmal die Telefonnummer von der Suchtstation in die Hand gedrückt (die eigentlich auch an seinem Bett liegt), bei der er jederzeit anrufen kann.
    Es fällt mir so schwer zu akzeptieren, dass er sich lieber weiter für die Verelendung und das Risiko des frühen Todes entscheidet. Beide Konsequenzen sind ihm bewusst.

    Habt ihr Tipps wie ich emotional damit umgehen kann, dass der Betroffene bei voller Einsicht der Situation sagt, er schaffe es nicht noch einmal in die Klinik, dass sei zuviel für ihn und er schaffe es sowieso nicht mehr, aus der Sache herauszukommen?
    Oder kann ich das für mich als weiteren Manipulationsversuch in Richtung Aufmerksamkeit durch Mitleid verbuchen?
    Ich habe halt den Eindruck, dass er jetzt den Selbstmord auf Raten durchziehen möchte, von dem er kurz vor dem qualifizierten Entzug schon einmal gesprochen hat und fühle mich hin und hergerissen zwischen Selbstschutz und unterlassener Hilfeleistung.
    Da ich aber eine Situation wie vor dem letzten Entzug (zweimal Notaufnahme, Megadrama und die zwei schlimmsten Nächte meines Lebens) nicht noch einmal ertragen kann, kann ich gerade nichts anderes machen, als auf Abstand zu gehen.

    Wahrscheinlich haben hier schon mehrere Leute ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich wäre sehr dankbar, wenn ihr mir sagen könntet, wie ihr die Akzeptanz für die Entscheidung eurer Betroffenen entwickelt habt? Und wie ihr mit schlechtem Gewissen umgeht.

    Liebe Grüße, Billy