Wie kann ich endlich frei sein?

  • Liebe Community,

    ich habe hier in den letzten Tagen intensiv mitgelesen und viele Geschichten haben mich sehr berührt, ebenso wie der Umgang und Respekt der Mitglieder untereinander. Ich möchte euch jetzt gerne auch meine Geschichte erzählen. Am Ende habe ich eine konkrete Frage an jene, die den Ausstieg geschafft haben. Ich denke, ihr könnt mir mit euren Erfahrungen sehr weiterhelfen.

    Ich bin weiblich, 31 Jahre alt, und dass ich ein großes Problem mit Alkohol habe, weiß ich nicht erst seit gestern. Es wurde mir schon vor Jahren bewusst, aber der Verdrängungsmechanismus scheint bei mir mehr als intakt zu sein. Ich trinke regelmäßig seit ich etwa 15 bin, der klassische Werdegang, zuerst nur auf Partys, mit Freunden, alles unter dem Deckmantel der jugendlichen Leichtigkeit. Dann immer öfter schon einige Drinks vor dem Ausgehen, um die Stimmung zu lockern, schnell war ich hier bei einer Falsche Sekt oder Wein angelangt. Und beim anschließenden Treffen mit Freunden habe ich natürlich auch nicht nur Wasser getrunken.

    Ich kann nicht mehr zählen, wie häufig mich die Scham am nächsten Morgen überwältigte, für all die Dinge, die ich gesagt und getan hatte. (Im Alter von 18 bis 23 kamen auch härtere Drogen (XTC, Kokain, MDMA) hinzu, diese spielen aber zum Glück keine Rolle mehr in meinem Leben.)

    Während des Studiums ließ ich keine Gelegenheit zum Trinken aus. Hin und wieder trank ich an Wochenenden auch schon morgens, um die quälende Unruhe und Rastlosigkeit zu bekämpfen, die mich innerlich fast zerriss. Später sogar einige wenige Male vor der Arbeit. Wenn ich dann gedanklich einen Schritt zurücktrat und mir dabei zusah, wie ich dort stand, mit berauschtem Kopf und nicht Herr meiner Sinne, konnte ich den Schmerz kaum ertragen, mir einzugestehen, dass das wirklich ich sein sollte. Um den Schmerz zu betäuben, trank ich mehr.

    Der längste Zeitraum, den ich in den letzten 16 Jahren ohne Alkohol ertrug, umfasste einmalig zwei Monate. Keine gute Bilanz.

    Aber das Bild ist hiermit noch nicht komplett. Alkohol ist nicht die einzige Sucht, die ich in mein Leben einlud. Mit 18 erkrankte ich an Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Diese Krankheit sollte mich von da an 12 Jahre begleiten. Erst seit etwa sechs Monaten kann ich behaupten, stabil symptomfrei zu sein. Und da ich die Facetten beider Süchte kennenlernen „durfte“, kann ich ebenfalls behaupten, dass sie sich im tiefsten Kern nichts schenken. Der Suchtdruck, dieses massive Verlangen nach dem Mittel, das zunächst mit einer kleinen Idee anfängt, um dann weiter zu wachsen, bis es schließlich jeden kleinsten Winkel der Gedanken beherrscht, und so überwältigend ist, dass man das Gefühl hat, verrückt zu werden, wenn man dem nicht nachgibt, dieser Suchtdruck entspringt der gleichen Quelle. Einmal trägt er den Namen Saufdruck. Einmal Fressdruck. Einmal Brechdruck. Der Wahnsinn dahinter ist derselbe. Und ebenso, wie die Krankheit Alkohol nur zum Stillstand gebracht werden kann, sagt man auch den Essstörungen nach, dass diese ein Leben lang ein Teil von einem sein werden.

    In den schlimmsten Zeiten erlitt ich mehrere Ess-Brech-Attacken am Tag, zwischendurch trank ich Alkohol, um mich runterzubringen, an anderen Tagen machte ich mehrere Stunden Sport, trank danach auf leeren Magen eine Flasche Wein und ging anschließend die ganze Nacht tanzen. Zurück zu Hause überkamen mich Essanfälle mit Erbrechen. An den nächsten Tagen war ich körperlich und psychisch ein Wrack.

    Im Außen funktionierte ich perfekt. Gepflegt, attraktiv, von Männern begehrt, gute Bildung und guter Job, liebe Freunde. Eine scheinbar selbstbewusste junge Frau, die ihr Leben im Griff hat. Und als ich eines Tages, als der Fressdruck kam, nichts Essbares im Haus hatte, aß ich weggeworfene Speisen aus dem Müll. Es war nur einer von vielen Tiefpunkten.

    Ich hatte zwei Leben. Das der perfekten Frau im Außen. Und das eines kleinen, verängstigten Mädchens im Inneren, das etwas suchte, von dem es selbst nicht wusste, was es war. Aber diese Seite, die des süchtigen Essens und Trinkens, versteckte ich. Die Verzweiflung wohnte stets im Verborgenen.

    Nach langen Jahren der Scham und des Nicht-wahr-haben-Wollens suchte ich mir Hilfe. Vorrangig wegen der Essstörung. Ich begab mich in Therapie, jahrelang. Ich merkte irgendwann, wie die Scham, an Bulimie erkrankt zu sein, von mir abglitt. Aber die Scham, süchtig nach Alkohol zu sein, die hielt sich hartnäckig. Dennoch brachte ich es nach einiger Zeit über mich, meiner Therapeutin sowie Hausärztin meine Bedenken mitzuteilen. Beide nahmen die Sache nicht ernst. Also verdrängte ich erneut. Es wird schon nicht so schlimm sein, sagte ich mir. Und trank weiter. Obwohl ich es besser wusste.

    In der Therapie arbeitete ich jedoch viele Dinge auf, von denen mir dann erst bewusst wurde, auf welch massive Art und Weise sie mir ein freies und leichtes Leben erschwerten. Vieles davon hatte zu tun mit meiner Familie, mit dysfunktionalen Familiendynamiken und Mustern, die aktiv sind und das Handeln unbewusst lenken.

    Während sich mein Verhältnis zum Essen langsam besserte, hatte mich der Alkohol weiterhin im Griff. Ich konnte niemals nur ein Getränk trinken und dann zufrieden nach Hause gehen. Und ich trank immer nur der Wirkung, niemals des Genusses wegen. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich mir schwor, damit aufzuhören. Es hielt nie lange an.

    Im Moment würde ich meinen Alkoholkonsum verglichen mit den letzten Jahren als moderat bezeichnen. Nicht in der Menge, denn die ist bei mir niemals moderat. Sondern in der Häufigkeit. So etwa einmal (selten zweimal) die Woche gebe ich mich einem Rausch hin. Um nicht mehr grübeln zu müssen, um kurz die Leichtigkeit in mein Leben zu lassen. Obwohl es mir nach der Therapie psychisch deutlich besser geht, wohnt immer noch ein Teil in mir, der diesen Rausch braucht.

    Heute habe ich seit acht Tagen nicht getrunken.

    Allen, die bis hierher mitgelesen haben, danke ich von Herzen. Beim Schreiben kamen mir die Tränen, aber durch das Schreiben kann ich auch gut verarbeiten.

    Nun komme ich zu meiner Frage an diejenigen, denen der Ausstieg aus dem Teufelskreis Alkohol gelungen ist. Diejenigen, die nicht damit hadern und von sich sagen, zufrieden leben zu können. Aber ich freue mich auch über alle anderen Erfahrungen, Gedanken und Worte.

    Und zwar möchte ich wissen, ob der Ausstieg aus der Alkoholsucht in seinem Ablauf vergleichbar ist mit dem Ausstieg aus der Essstörung. Ich werde diesen Gedanken kurz erklären: Im Verlauf der Therapie entwickelte ich diese untrügliche Vorstellung davon, zu wissen, wie ich die Bulimie hinter mir lassen würde. Und zwar wusste ich, dass es nichts bringen würde, mit bloßem Willen gegen den Suchtdruck anzukämpfen. Die Erfahrung aus vielen Jahren gab mir Recht. Wenn der Wunsch nach Essen in mir aufkam, wuchs, mich einnahm und es mir dann tatsächlich für einen Tag gelang, diesen Druck zu ertragen und ihm nicht nachzugeben, dann hatte ich damit nicht gewonnen. Im Gegenteil. Denn der Druck löste sich nicht in Luft auf, sondern kam zurück, am nächsten, vielleicht erst am übernächsten Tag. Aber dann mit einer solchen Heftigkeit, dass ich machtlos war.

    Es war, als würde sich die Sucht jeden Tag, an dem ich ihr nicht nachgegeben hatte, zurückholen. Erbarmungslos. Ich wusste also instinktiv, dass mir der Ausstieg nur gelingen würde, wenn das Verlangen von selbst nachlässt. Wenn ich es einfach nicht mehr brauche. Weil sich in meinem Inneren etwas soweit verändert hat, dass ich diese „Flucht vor der Realität“ nicht mehr zum Überleben benötige.

    Und tatsächlich kam meine Essstörung so zum Erliegen. Ich kämpfte schon, aber nicht gegen die Bulimie, sondern ich kämpfte dafür, verdrängte Gefühle spüren zu können, ihnen Ausdruck zu verleihen, mich selbst mehr wertzuschätzen und zu akzeptieren für den Menschen, der ich war. Und fast unmerklich verschwand die Essstörung aus meinem Leben. Ich ließ los. Ohne Willenskraft. Ohne Suchtdruck. Ich brauchte sie einfach nicht mehr.

    Dieselben Mechanismen zum Thema Suchtdruck bekämpfen greifen bei mir auch beim Alkohol. Selbst wenn es mir gelingt, eine Zeitlang abstinent zu bleiben, holt sich die Sucht diese „verlorene“ Zeit irgendwann mit einer Wucht zurück, die mir regelmäßig den Boden unter den Füßen wegzieht. Mit anderen Worten habe ich das Gefühl die Sucht noch zu verschlimmern, indem ich versuche, sie zu bekämpfen. Ich habe das Gefühl, rein durch Willenskraft nicht aussteigen zu können.

    Eine erneute Therapie würde mir im Moment nichts bringen, dessen bin ich mir sicher. Ich habe in der vergangenen (erst seit einigen Monaten abgeschlossenen) Therapie all jene Probleme bearbeitet, die nicht nur für die Essstörung, sondern auch für den Alkoholmissbrauch ursächlich sind. Das grundlegendste Thema ist dabei, und ich schätze das ist bei allen so, mangelnde Selbstliebe. Ich weiß, dass ich das nötige Werkzeug in mir trage, um die Sucht selbst hinter mir zu lassen. Ich bin mir nur nicht sicher, welcher Weg der richtige ist.

    Muss ich tatsächlich kämpfen, bis ans Ende meiner Tage? Oder werde ich die Sucht irgendwann nicht mehr brauchen?

    Ich weiß nicht, warum ich die Bulimie loslassen konnte, aber den Alkohol nicht. Ich bin nicht körperlich abhängig, sondern rein psychisch.

    Wie war/ist es bei euch? War der Ausstieg ein ständiger Kampf gegen den Suchtdruck? Ging es letztendlich nur mit Willenskraft? Ist es immer noch ein Kampf, auch Monate oder Jahre nach dem letzten Glas? Macht das auf die Dauer nicht wahnsinnig? Oder konntet auch ihr die Sucht loslassen, mit dem Gefühl sie nicht mehr zu brauchen? Sondern ohne sie viel glücklicher zu sein?

    Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als frei zu sein.

    Ich danke euch.

    Bluebird

  • Hallo und willkommen im Forum, Bluebird,

    schöne Threadüberschrift!
    Da fiel mir mal wieder der Slogan meines Suchtselbsthilfe-Verbandes ein:
    Freiheit beginnt, wo Sucht endet

    Da hast Du mit zarten 31 schon eine schöne Suchtkarriere hingelegt.
    Dass Du Deine Essstörung zum Stillstand bringen konntest – toll!

    Als ich Deinen Beitrag las, fiel mir direkt ins Auge, dass Du Dir die Antworten auf Deine Fragen schon längst, wahrscheinlich völlig unbewusst, gegeben hast.

    Warum trinkst Du?

    Zitat von “Bluebird“

    Um nicht mehr grübeln zu müssen, um kurz die Leichtigkeit in mein Leben zu lassen. Obwohl es mir nach der Therapie psychisch deutlich besser geht, wohnt immer noch ein Teil in mir, der diesen Rausch braucht.

    Ob der Ausstieg aus der Alkoholsucht in seinem Ablauf vergleichbar ist mit dem Ausstieg aus der Essstörung?

    Zitat von “Bluebird“

    Und zwar wusste ich, dass es nichts bringen würde, mit bloßem Willen gegen den Suchtdruck anzukämpfen. … Wenn der Wunsch nach Essen in mir aufkam, wuchs, mich einnahm und es mir dann tatsächlich für einen Tag gelang, diesen Druck zu ertragen und ihm nicht nachzugeben, dann hatte ich damit nicht gewonnen. Im Gegenteil. Denn der Druck löste sich nicht in Luft auf, sondern kam zurück, am nächsten, vielleicht erst am übernächsten Tag. Aber dann mit einer solchen Heftigkeit, dass ich machtlos war.


    … und ...

    Zitat von “Bluebird“

    Ich kämpfte schon, aber nicht gegen die Bulimie, sondern ich kämpfte dafür, verdrängte Gefühle spüren zu können, ihnen Ausdruck zu verleihen, mich selbst mehr wertzuschätzen und zu akzeptieren für den Menschen, der ich war. Und fast unmerklich verschwand die Essstörung aus meinem Leben. Ich ließ los. Ohne Willenskraft. Ohne Suchtdruck. Ich brauchte sie einfach nicht mehr.


    (Stichwort: urge surfing)

    Anfangs schreibst Du, dass es für Dich keinen Unterschied gibt, ob die Sucht Bulimie oder Alkoholismus (o.a.) heißt. Warum sollte es dann bei Craving, und den Methoden, wie Betroffene Craving überwinden können, anders sein?
    Nur Aushalten, wie Du es Deinen Schilderungen nach aktuell tust, ist auf Dauer keine Option. Weil halt die Sucht sehr viel stärker ist, als jede Willensbildung. Irgendwann, und das beschreibst Du ja selbst, bricht dabei jeder ein – und nicht selten holt sich die Sucht dann die Aufmerksamkeit doppelt und dreifach zurück.

    Ich habe das lange nicht verinnerlichen können. Der Suchtdruck hat mich fast verrückt gemacht, weil ich ihm meine volle, mehr als hundertprozentige Aufmerksamkeit schenkte. Nicht den Gefühlen und Bedürfnissen, die dahinter steckten, sondern allein nur „dem Verlangen, mich wegzuschießen“.
    „Hinter dem Suchtdruck“ stand bei mir „Etwas“. Suchtdruck nur auf die Gier nach dem nächsten Schluck zu reduzieren, ist zwar einfach, förderte ihn aber nur noch mehr bei mir.

    Ich möchte Dir hier mal meinen Weg, meinen Suchtdruck „anzunehmen“ und ihn zu bewältigen, anhand eines Schaubildes aufzeigen:

    Zur Definition von Disidentifikation ein gute Beschreibung hier.
    Damit gelang es mir, herauszufinden, durch „welchen Druck hinter dem Suchtdruck“ mein Craving verursacht wurde.
    Und ab da erging es mir dann wie Dir: Ich konnte mein Verlangen nach Alkohol in solchen Momenten "loslassen".

    Vielleicht hilft Dir als Antwort ein wenig?

  • Hallo Bluebird,


    Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als frei zu sein.


    Was bedeutet dir denn diese Freiheit? Oder anders gefragt: Welches lohnende Ziel steht dir vor Augen?

    Ich schreibe dir bzw. hier, weil auch für mich das Thema Freiheit der Auslöser dafür war, mich meinen Abhängigkeiten zu stellen. Anfangs dachte auch ich, gegen oder für etwas kämpfen zu müssen. Später erkannte ich, dass es eigentlich nur um Sturheit ging. Ich wusste, wo ich hinwollte. Andere, die bereits da waren, wo ich hinwollte, sprachen in den höchsten Tönen von diesem Ort (Zumindest war das bei den Menschen so, an denen ich mich bei meiner ersten Sucht -der Nikotinsucht- orientierte.). Das war meine Motivation. Und die trug mich m.E. weiter als das durch Willenskraft je möglich gewesen wäre. Sie trug mich durch die unvermeidbaren Täler, die anfangs häufig und dann immer seltener kamen, und sie wurde irgendwann abgelöst durch das Erfahrungswissen, dass nur ein Leben ohne Abhängigkeit wirklich lebenswert ist.

    Seitdem werde ich von meinen Süchten -abgesehen von kurzen Flashbacks- in Ruhe gelassen. Brauchen tue ich Süchte ganz gewiss nicht. Was ich einmal meinte zu brauchen, waren Nikotin und Alkohol. Aber nachdem sie oder ich mich süchtig gemacht hatte, brauchte ich diese Drogen nicht mehr, sondern musste sie zu mir nehmen, weil ich sonst mit Entzugserscheinungen konfrontiert wurde.

    Alles Gute
    Bassmann

  • Lieber Dietmar und Bassmann,

    vielen Dank für eure Mühe und die Zeit, die ihr euch genommen hast, um mir zu antworten!

    @ Dietmar: Als ich deinen Satz las, dass ich für mein Alter schon auf eine beachtliche Suchtkarriere zurückblicken kann, musste ich erst einmal schlucken. Es war nicht einfach, das zu lesen. Schwarz auf weiß. Und es tat weh. Aber auf eine heilsame Art. Danke dafür.
    Es stimmt schon, ich habe bereits einiges hinter mir. Aber vieles davon habe ich nicht wirklich an mich herangelassen. Es war, als würde ich einer anderen Person dabei zuschauen, wie sie sich kaputt macht. In meinen Zwanzigern habe ich viel erlebt und auch viel geschafft. Aber immer irgendwie durch einen Schleier hindurch. Viele Gefühle, schöne und auch nicht so angenehme, sind mir dabei durch die Lappen gegangen, weil ich sie mit den Süchten betäubt habe. Ich will das einfach nicht mehr, sondern das Leben unverfälscht spüren.

    Und du hast Recht, dass ich eigentlich auch beim Thema Alkohol weiß, dass ich diese Sucht nicht durch bloßes Aushalten, wie du sagst, besiegen kann.

    Ich frage mich nur, warum ich eine Sucht loslassen konnte, die andere aber nicht. Manchmal denke ich, dass die Zeit vielleicht einfach noch nicht reif ist. Aber dann denke ich ebenso, dass jeder Tag, den ich vernebelt verbringe, ein verschenkter Tag ist.
    Danke dir auch für das Schaubild! Mit diesen Themen wie Selbstmitgefühl, Achtsamkeit, Bewusstwerden des eigenen Körpers und der Bedürfnisse, habe ich mich auch schon viel beschäftigt. Aber es ist so verdammt schwer, immer wieder dahin zurückzukommen, wenn man sich in einer schwierigen Situation befindet. Denn dann – und so schnell kann man gar nicht gucken – sind die alten Muster wieder aktiv.

    Du schreibst, dass du durch das Bewusstwerden des Drucks hinter dem Suchtdruck das Verlangen für den Moment loslassen konntest. Heißt das, du musstest dich am Anfang immer von einem Moment zum nächsten hangeln? Und haben sich diese einzelnen Momente irgendwann dauerhaft zusammengefügt, sodass der Alkohol in deinem Leben einfach keine Rolle mehr gespielt hat?

    @ Bassmann: Tja, was bedeutet mir diese Freiheit. Angefangen bei simplen Dingen, wie nicht mehr ständig Pfefferminzbonbons lutschen zu müssen, aus Angst, jemand könne die Fahne riechen, oder immer Auto fahren zu können. Am nächsten Morgen zu wissen, was ich gesagt und getan habe, in dem Bewusstsein, dabei Herr meiner Sinne gewesen zu sein. Mich nicht mehr schämen zu müssen. Bis hin zu großen Dingen, wie die Angst vor Folgeschäden ablegen zu können, mich nicht mehr in einem Teufelskreis gefangen zu fühlen, im Leben voran zu kommen, anstatt durch die Eskapaden immer wieder um etliche Schritte zurückgeworfen zu werden.
    Einfach nicht mehr fremdbestimmt zu werden.

  • Guten Morgen Bluebird,

    Zitat von “bluebird“

    Ich frage mich nur, warum ich eine Sucht loslassen konnte, die andere aber nicht.


    Ich war polytox. Meine Abhängigkeiten waren Medikamente, Kokain, Speed und Alkohol. Grundsätzlich meine ich, dass ich sehr anfällig für süchtiges Verhalten war. So konnte man eine Zeitlang sicher auch sagen, dass ich Workaholic war.
    Rückblickend fiel es mir am schwersten, die Alkoholsucht zum Stillstand bringen zu können.

    Sucht erfüllt m. E. auch immer eine Funktion. Ich will damit etwas erreichen, etwas fühlen, zu dem sich zunächst als einfachster Weg, der über das Suchtmittel anbietet. Oder ich will etwas aushalten können, was ohne Alkohol "fast nicht zum aushalten ist".
    Alkohol ist ein extrem schnell wirkendes Suchtmittel: Ein paar Schlucke genügen, und ich fühle mit entspannt. Noch ein paar wenige mehr, und ich bin in meiner „Traumwelt“, in der ich mir all die Dinge ausmalen kann, die ich mir „eigentlich“ nüchtern wünsche.

    Sucht hat – so sagen viele – auch mit „Sehn-sucht“ zu tun. Mit dem Bedürfnis, sich nach etwas zu sehnen, das man bei nüchterner Betrachtung vielleicht momentan nicht, oder nur sehr schwer erreichen könnte.
    Bei fast allen Suchtmitteln kommt dann noch hinzu, dass sie die Wirklichkeit viel weicher wahrnehmen, oder sogar Emotionen aufkommen lassen, die man nüchtern nur schwer zulassen kann.

    Ich schreibe Dir das, weil ich glaube, solange Du die Funktion nicht kennst, die der Alkohol(rausch) bei Dir erfüllt, und keine andere Möglichkeiten (Optionen) gefunden hast, wie Du dasselbe ohne Alkohol befriedigend erreichen kannst, wird allein „aushalten“ sehr schwer bleiben.

    Zitat von “bluebird“

    Aber es ist so verdammt schwer, immer wieder dahin zurückzukommen, wenn man sich in einer schwierigen Situation befindet. Denn dann – und so schnell kann man gar nicht gucken – sind die alten Muster wieder aktiv.


    Na ja, wäre es einfach, dann wäre so eine Sucht im Flug zum Stillstand gebracht.
    „Alte Muster“ sind ja auch eine Prägung, die sehr tief sitzt. Bis man solche tief eingeschliffenen Prozesse umwandeln und verändern kann, braucht es viel Übung und Beharrlichkeit.

    Ich denke, wie bei allem, was schwer zu erreichen ist, kommt es immer auch auf den Wert an, den das neue Ziel für uns ausmacht.
    „Wie kann ich endlich frei sein?“ hast Du gefragt. Die Frage ist dann, wie viel bist Du bereit zu tun, um diese Freiheit zu erlangen?

    Zitat von “bluebird“

    Heißt das, du musstest dich am Anfang immer von einem Moment zum nächsten hangeln? Und haben sich diese einzelnen Momente irgendwann dauerhaft zusammengefügt, sodass der Alkohol in deinem Leben einfach keine Rolle mehr gespielt hat?


    Genauso funktionierte es bei mir. Ich hatte nicht das Glück, dass mich eines schönen Tages „die Erleuchtung“ überfiel, und ich fortan die Finger vom Alkohol lassen konnte. Obwohl ich ein sehr strukturierer, analytischer und rationaler Mensch sein kann, wenn es notwendig ist, war meine gesamte Rationalität, mein Verstand, bei diesem Thema ausgeschaltet ...
    Am Anfang stand Kampf, Aushalten, Durchstehen. Phasen des Zweifels, genauso wie Phasen der Hoffnungslosigkeit.

    „Irgendwo da draußen“ immer das Ziel im Blick, „frei sein zu wollen“, aber nicht so richtig wissen, wie.
    Und dann hat sich irgendwann meine Beharrlichkeit ausgezahlt, immer wieder aufzustehen, immer wieder die Rückfälle zu verarbeiten und trotzdem nicht aufzugeben und zu resignieren.
    Heute spielt Alkohol keine Rolle mehr in meinem Leben.

    Aber „das immer wieder Zurückkommen“ (auf die Achtsamkeit, siehe Schaubild) in schwierigen Lebenssituationen ist geblieben – und wird vermutlich lebenslang bleiben. Nur weil der Alkohol weg ist, ist mein Leben ja nicht automatisch ein Weg voller Glück geworden. Ich muss trotzdem für jedes neues Ziel kämpfen.

  • Liebe Bluebird,

    vielen Dank für deine Vorstellung und die Beschreibung deiner Entwicklung in Bezug auf deine Sucht/ Süchte.

    Ich fühle mich von dem, was du schreibst, angesprochen, teilweise an mich erinnert, und ich wünsche dir hier einen guten Austausch.

    Ich würde dir gerne schreiben, wie es für mich vor einigen Jahren war, als ich mit Trinken aufhörte: Wie lange es „von Tag zu Tag“ ging. Aber das weiß ich nicht mehr genau.

    Entscheidend war für mich gerade am Anfang unter anderem, dass ich mir klar machte, dass dieses Sehnsuchtsgefühl, als das ich Suchtdruck tatsächlich wahrnahm, zunächst mal einfach der Krankheit in mir (Alkoholkrankheit) geschuldet war. Dass dieser Gedanke (anfangs eben auch sehr drängend, zwanghaft), Alkohol zu trinken wäre jetzt genau das, was ich brauche, ein Trugbild in meinem Hirn war.

    Erst mit einigem zeitlichen Abstand von meinem Suchtmittel Alkohol konnte ich mich überhaupt erst mit den tieferliegenden Themen wirklich beschäftigen. Selbstakzeptanz. Sehnsucht nach Selbstbestimmtheit. Verschiedene Mangelgefühle in mir. Etc.

    Insofern ist meine Erfahrung mit mir, dass es für mich (im Nachhinein betrachtet) richtig zu sein scheint, die Entwöhnung vom konkreten Suchtmittel (Alkohol) an die erste Stelle gesetzt zu haben, und nicht (wie schon in anderen Versuchen vorher) versucht zu haben, den „Klick im Großen Ganzen“, „herbeizudenken“.

    Als ich nach und nach immer mehr Abstand gewann, nahm dann mein „seelisches Trockenwerden“ immer mehr Fahrt auf. Ich konnte mich nach und nach um meine tieferen Ängste und Sehnsüchte kümmern und mein Leben teilweise innen, teilweise auch äußerlich so verändern, dass ich meinem Wesen gerechter werden konnte.

    Und so ist es auch bei mir seit geraumer Zeit kein Kampf mehr, sondern trocken zu leben ist das, was mir heute entspricht.

    Ich wünsche dir ganz viel hilfreichen Austausch, denn die Beschäftigung mit dem Thema hat mir von Anfang an sehr geholfen, gerade auch im Austausch mit anderen Alkoholikern.

    Alles Gute,
    Camina

  • Hallo Bluebird,

    Dein Beitrag hat mich sehr berührt, weil ich mich in fast allem, was du beschrieben hast widergespiegelt fühle.
    Die Situationen, die Gefühle, die "saufkarriere".
    Das Gefühl, immer wieder schwach zu sein, weil man es einfach nicht schafft mit dem trinken aufzuhören. Die grausamen schlechten Gedanken nach dem Suff. Was hat man getan, was hat man gesagt...?

    Ich bin bald 27 Jahre alt, trinke regelmäßig seitdem ich 14 bin und dies ist mein gefühlter 100. Versuch, endlich abstinent zu werden. Meine Höchstleistung waren 43 Tage. Eine Zahl auf die man nicht stolz sein kann.
    Ich arbeite, habe ein geregeltes Leben, tolle Freunde, sehe ganz nett aus. Es kommt mir so vor als würde ich ein Doppelleben führen.

    Mit Alkohol kann ich nicht umgehen, wenn ich einmal anfange, dann kann ich schlecht aufhören oder meine Vernunft wird komplett ausgeblendet und ich trinke und trinke bis ich brechen muss.
    Es gab IMMER eine Gelegenheit zum trinken. Zum entspannen, zum feiern, bei Gesprächen mit Freunden, zum vortrinken vor stinknormalen Verabredungen, damit ich lockerer und lustiger bin, beim Haushalt machen, usw.
    Damit muss endlich Schluss sein, oder wie du es beschreibst, ich möchte endlich frei sein.

    Ich würde mich sehr gerne mit dir in Verbindung setzen um uns vielleicht gemeinsam zu unterstützen nüchtern zu bleiben und uns auszutauschen?

  • Liebe Camina und Himbeere, lieber Dietmar,

    vielen Dank euch für die Mühe und Zeit, mir zu antworten!


    @ Dietmar:

    Vielen Dank für das Teilen deiner Empfindungen während deines Trockenwerdens. Ich denke du hast sehr Recht, wenn du sagst, dass ich die Funktionen nicht kenne, die der Alkohol bei mir erfüllt. Gerade auch, weil er scheinbar in jeder möglichen und unmöglichen Situation zu passen scheint und alles (!) besser macht. Nicht nur bei unangenehmen Gefühlen, die er weicher zeichnet und erträglicher werden lässt, auch in schönen Momenten vermittelt er die (trügerische) Gewissheit, dass ein Glas Wein die Hochgefühle noch potenziert. Weiterhin enthemmt er, weckt kreative Gedanken, macht kommunikativ, mindert Ängste, vertreibt Langeweile, vermittelt Sicherheit und Wärme, lässt Sorgen verschwinden, und und und…

    Es ist schwer, inmitten diesem Chaos den Anfang des roten Fadens zu finden, der mir aufzeigt, wo genau in mir der Teil sitzt, der sich lieber berauscht, als die Welt nüchtern zu erleben. Heute habe ich seit 22 Tagen nichts getrunken und mal wieder wird mir deutlich, wie sehr unsere Gesellschaft und das Miteinander doch auf den Konsum ausgelegt und oft sogar darauf angewiesen ist. Es fühlt sich an wie der Lauf über ein Minenfeld, an jeder Ecke kann die Gefahr lauern, rückfällig zu werden und jedes Mal muss man sich immer wieder aufs Neue entscheiden, Nein zu sagen. Das kostet Energie und manchmal überkommt einen der Gedanke, dass es doch so viel simpler wäre, einfach aufzugeben und sich treiben zu lassen. Aber ich denke, man muss tatsächlich wissen, wofür man es tut. Und man muss den Sinn hinter der Abstinenz nicht nur verstehen, sondern wirklich fühlen. Fühlen, dass das Leben ohne den Rausch im Kopf so viel schöner ist.

    Auf jeden Fall einen großen Respekt an dich und an alle, die abstinent leben. In unserer heutigen Zeit zeugt das meiner Meinung nach von großem Mut und großer Stärke!


    @ Camina:

    Vielen lieben Dank für deine Worte, die für mich, so wunderbar klar geschrieben, großen Sinn machen. Du hast damit einem riesigen Teil meiner sehr chaotischen Gedanken eine Richtung geben können, die ich selbst nicht gefunden habe. Tatsächlich habe ich versucht, „alles auf einmal“ zu machen. Aufhören zu trinken, verstehen, warum ich getrunken habe, andere Möglichkeiten finden, die mir dieselbe Erfüllung versprechen. Mit so einem Anspruch kann man nur scheitern.

    Ich versuche jetzt einen Gang zurückzuschalten. Mich erst einmal vom Alkohol zu entwöhnen und an ein (völlig) neues Leben ohne zu gewöhnen. Situationen und Aktivitäten nüchtern zu erleben, in denen ich früher betrunken war, auch um jetzt zu merken, dass diese vielleicht gar nicht meinem Wesen entsprechen und mir überhaupt keinen Spaß machen. Unangenehme Gefühle nüchtern zu ertragen, um zu merken, dass sie mich nicht umbringen. Schlicht zu akzeptieren, dass ich, ohne das enthemmende Gift in meiner Blutbahn, manchmal einfach stiller und zurückhaltender bin als an anderen Tagen. Die Angst auszuhalten, dass andere mich dann vielleicht nicht mehr mögen könnten oder langweilig finden. Denn das bin ich. Unverfälscht.

    So wie du es beschreibst, dass das Trockensein heute einfach dir und deinem Wesen entspricht, das ist mein Ziel. Darf ich dich fragen, ob es in deinem Leben tatsächlich keine Situationen mehr gibt, in der dieses kleine Stimmchen dir zuflüstert, dass es mit einem Glas Wein doch noch schöner, entspannter, lustiger sein könnte?


    @ Himbeere:

    Auch dir vielen Dank für deine (sehr ehrlichen) Worte! Ich habe selbst gemerkt, wie unglaublich schmerzhaft es ist, das eigene Problem, das eigentlich nur im Kopf existiert, in Worte zu packen und dann noch in einem Forum in die Welt hinauszuschicken. Denn dann ist es plötzlich wahr.

    Ich kann jedes Wort von dir nachempfinden, diese Gier nach Alkohol, selbst in Situationen, in denen es objektiv betrachtet keinen Sinn macht, sich zuzuschütten. (Wie viel mehr „Spaß“ macht doch das Wohnungsputzen mit einem Dusel im Kopf…)
    Ich habe auch unzählige Versuche hinter mir, damit aufzuhören. Am Anfang stand noch kontrolliertes Trinken auf dem Plan. Dass das (bei mir) nicht funktioniert, habe ich auf die harte Tour lernen müssen. Nachher habe ich noch mehr getrunken als davor.

    Aber ich habe auch begriffen, dass die völlige Abstinenz nicht durch bloßen, eisernen Willen durchzuziehen ist. Ich denke, dass das vielleicht auch ein Punkt ist bei dir, weshalb die gefühlt 100 Versuche erfolglos blieben. Ich glaube, man muss erst im Inneren wirklich verstehen, warum man nicht trinken will, dass das Aufgeben des Alkohols kein Verlust ist, sondern dass man dadurch nicht mehr und nicht weniger (zurück)gewinnt als das eigene Leben. Was an sich eine ziemliche Menge ist.

    Wie viele „erfolgreiche und im Leben stehende“ und scheinbar glückliche Menschen gibt es wohl, die sich in Wahrheit innerlich verloren fühlen und im Alkohol die Verbindung zur Welt oder zu „irgendetwas“ suchen. Die ein Doppelleben führen wie wir und angesichts ihres „perfekten“ Lebens nicht verstehen können, was ihnen fehlt und deshalb fälschlicherweise annehmen, sie seien schwach.
    Es gibt zu viele davon.

    Ich finde es klasse, dass du dir auch schon in deinem jungen Alter solche Gedanken machst und so wunderbar reflektieren kannst! Ich würde mich sehr gern mit dir in Verbindung setzen, ich denke, wir könnten uns gut unterstützen! Ich kenne mich in diesem Forum noch nicht so gut aus, gibt es auch die Möglichkeit für private Nachrichten?

  • Liebe Bluebird,

    Zitat

    Heute habe ich seit 22 Tagen nichts getrunken

    Das ist doch ein Anfang! Glückwunsch dazu!

    Zitat

    und mal wieder wird mir deutlich, wie sehr unsere Gesellschaft und das Miteinander doch auf den Konsum ausgelegt und oft sogar darauf angewiesen ist. Es fühlt sich an wie der Lauf über ein Minenfeld, an jeder Ecke kann die Gefahr lauern, rückfällig zu werden und jedes Mal muss man sich immer wieder aufs Neue entscheiden, Nein zu sagen.

    In welchen Situationen ist das konkret bei dir so?
    Ich empfinde das nämlich nicht so, und es wäre interessant zu sehen, ob das „nur“ an Innerem, oder vielleicht auch teilweise daran liegt, dass du dich noch in nassem Umfeld bewegst.

    Für mich war es anfangs aber auch so, dass mir die Präsenz von Alkohol in unserer Gesellschaft stark aufgefallen ist. Das veränderte sich mit der Zeit, weil meine Wahrnehmung von der verengten „Alkoholiker-Sicht“ sich ausweitete, und das Thema Alkohol aufhörte, überall quasi rote Warnlampen angehen zu lassen. Also auch hier wieder: trockene Zeit bringt ganz von alleine Veränderung zu mehr innerer Trockenheit mit sich. (Also solche Aussagen immer nur auf Basis meiner persönlichen Erfahrung.)


    Zitat

    Ich versuche jetzt einen Gang zurückzuschalten. Mich erst einmal vom Alkohol zu entwöhnen und an ein (völlig) neues Leben ohne zu gewöhnen. Situationen und Aktivitäten nüchtern zu erleben, in denen ich früher betrunken war, auch um jetzt zu merken, dass diese vielleicht gar nicht meinem Wesen entsprechen und mir überhaupt keinen Spaß machen. Unangenehme Gefühle nüchtern zu ertragen, um zu merken, dass sie mich nicht umbringen. Schlicht zu akzeptieren, dass ich, ohne das enthemmende Gift in meiner Blutbahn, manchmal einfach stiller und zurückhaltender bin als an anderen Tagen. Die Angst auszuhalten, dass andere mich dann vielleicht nicht mehr mögen könnten oder langweilig finden. Denn das bin ich. Unverfälscht.

    Und wie schön es auch für die Menschen um dich herum ist, dich wirklich kennenlernen zu können. Das bedeutet eine ganz neue Möglichkeit, tatsächliche Verbindung zwischen Dir und den Menschen um dich herum herzustellen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dadurch mein soziales „Netzwerk“ und meine Freundschaften eine ganz andere, viel zufriedenstellendere Echtheit und Tiefe bekommen haben. Und manche, die den Schritt nicht mitgehen wollten, sind dann allerdings auch nicht mehr da.

    Zitat

    So wie du es beschreibst, dass das Trockensein heute einfach dir und deinem Wesen entspricht, das ist mein Ziel. Darf ich dich fragen, ob es in deinem Leben tatsächlich keine Situationen mehr gibt, in der dieses kleine Stimmchen dir zuflüstert, dass es mit einem Glas Wein doch noch schöner, entspannter, lustiger sein könnte?

    Ich denke darüber immer mal wieder nach. Es gab noch lange diese Gedanken bei mir. Jeder hat vermutlich so seine eigenen inneren Bilder, Bilder voll Glück oder Zufriedenheit, in denen Alkohol eine Rolle spielt. Bei mir war es der milde mediterrane Sommerabend mit leicht im plätschernden Wasser schaukelnden Fischerbooten, Stimmengemurmel an den Tischen vor dem Restaurant, noch von der Sonne des Tages warme Haut, der Geruch von Knoblauch und gegrilltem Fisch.
    Als ich etwa drei Jahre trocken war, saß ich in genau so einer vergleichbaren Situation in einem Fischerhäfchen (allerdings am Atlantik) und stellte fest, dass ich tatsächlich nicht mehr glaubte, dass ein Glas Wein diese Situation noch schöner und entspannter machen würde. Das war ganz toll.

    Und ich hatte auch nicht unbedingt damit gerechnet, denn ich kenne auch (langjährig trockene) Alkoholiker, die von sich selber sagen, dass sie das Glas Wein gerne wieder tränken, wenn sie denn nicht alkoholkrank wären.
    Daher weiß ich, dass es auch nicht schlimm wäre, wenn ich auch mal wieder eine Situation erleben sollte, in der ich den Alkohol vermisse. Derzeit ist es aber nicht so.

    Ich empfinde meine Trockenheit als getragen von verschiedenen Säulen. Eine wichtige: Ich darf so leben, dass es mir gut geht. Und eine zweite wichtige ist die Erinnerung an die entsetzliche Zeit, in der ich der Sucht ausgeliefert war. Dahin will ich nie mehr zurück.

    Ich wünsch dir heute einen schönen Pfingstsonntag!

    Camina


  • Hallo, Bluebird

    Es tut mir leid, dass ich mich nicht eher gemeldet habe, ehrlich gesagt habe ich mich zwischenzeitig wieder aus dem Forum gelöscht, in der Hoffnung ich könne es doch alleine schaffen. Nun habe ich mich wieder angemeldet, weil mir der Erfahrungsaustausch fehlt.
    Inzwischen bin ich schon 37 Tage nüchtern, es fühlt sich an wie ein ganz anderes Leben mit den blöden Stimmen in meinem Kopf, die mich zum trinken überreden möchten. Es ist belastend, aber ein schöner neuer Lebensabschnitt.

    Es würde mich sehr freuen, wenn wir in Kontakt treten könnten. So gut kenne ich mich hier im Forum auch nicht aus, werde mich gleich auf die Suche machen wie man private Nachrichten verschickt. Ansonsten würde mir einfallen, Notfalls E-Mail-Adressen auszutauschen.

    Mich interessiert es, wie es dir geht.

    Liebe Grüße


  • ehrlich gesagt habe ich mich zwischenzeitig wieder aus dem Forum gelöscht, in der Hoffnung ich könne es doch alleine schaffen. Nun habe ich mich wieder angemeldet, weil mir der Erfahrungsaustausch fehlt.

    Schön, dass Du Dich entschlossen hast, doch hier weiter zu lesen und zu schreiben. Ich habe mir mal erlaubt, Deine Beiträge zusammenzuführen. Auch wenn es schön wäre, wenn Du Dich mal offiziell vorstellen würdest ...

    Inzwischen bin ich schon 37 Tage nüchtern, es fühlt sich an wie ein ganz anderes Leben mit den blöden Stimmen in meinem Kopf, die mich zum trinken überreden möchten. Es ist belastend, aber ein schöner neuer Lebensabschnitt.

    44. :blumen:

    Es würde mich sehr freuen, wenn wir in Kontakt treten könnten. So gut kenne ich mich hier im Forum auch nicht aus, werde mich gleich auf die Suche machen wie man private Nachrichten verschickt. Ansonsten würde mir einfallen, Notfalls E-Mail-Adressen auszutauschen.

    Das funktioniert nur für freigeschaltete Vollmitglieder. Und um freigeschaltet zu werden, müssten wir schon wissen, mit wem wir es zu tun haben - womit wir wieder beim Kennenlernen und einer Vorstellung wären ...

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

    Uns aus dem Elend zu erlösen

    können wir nur selber tun!

  • Schön, dass Du Dich entschlossen hast, doch hier weiter zu lesen und zu schreiben. Ich habe mir mal erlaubt, Deine Beiträge zusammenzuführen. Auch wenn es schön wäre, wenn Du Dich mal offiziell vorstellen würdest ...


    44. :blumen:


    Das funktioniert nur für freigeschaltete Vollmitglieder. Und um freigeschaltet zu werden, müssten wir schon wissen, mit wem wir es zu tun haben - womit wir wieder beim Kennenlernen und einer Vorstellung wären ...

    Guten Abend Greenfox,

    Super :) Danke für deine Antwort. Ich war schon leicht am verzweifeln auf der Suche nach dem Button...
    Ich werde meinen Mut zusammenfassen und mich euch vorstellen, damit wir uns kennenlernen können.

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