Da ich den Thread gestartet habe, möchte auch eigene Gedanken von mir dazu nicht warten lassen...
Für mich persönlich war es (neben anderen Dingen) sehr entscheidend, dass ich mich vom absoluten Abstinenzdogma, das sich in sehr vielen Quellen beharrlich wiederfindet, innerlich endlich befreien konnte.
Oft wird gesagt, das findet man immer und immer wieder, dass angeblich ein gewisser Tiefpunkt erreicht sein muss. Es mag da zum Teil bestimmt auch was dran sein. An dem Wort `angeblich‘ mögt ihr aber schon ahnen, dass ich persönlich davon nicht wirklich überzeugt bin bzw. diesen Ansatz zum gewissen Teil sogar als unmenschlich empfinde.
Im gleichen Atemzug an diese These wird nämlich oft auch unmittelbar angeknüpft, dass dieser Tiefpunkt sehr individuell unterschiedlich sein kann. Schon das ist für mich im gesamten recht schwammig formuliert. Der/Die eine „rutscht auf einer Party aus“, benimmt sich im Rausch daneben – das ist dann sein/ihr Tiefpunkt, und er/sie entsagt von da an für den Rest seines Lebens konsequent jeglichem Rauschtrinken. Ein/e andere/r verliert den Job oder eine Beziehung droht zu zerbrechen. Das ist dann sein/ihr Tiefpunkt. Wieder ein/e andere/r hat schon alles, aber auch wirklich alles verloren, hat schon starke körperliche Schäden, schafft es dennoch nicht und konsumiert süchtig weiter. „Er hat anscheinend seinen Tiefpunkt noch nicht erreicht.“ Heißt es dann. Ihm könne man auch nicht helfen.
Ich möchte ein Erlebnis von mir erzählen:
In den Jahren meiner Konsumproblematik hatte ich immer wieder einige wirklich krasse Tiefpunkte. Kaum jemandem der sowas nicht selbst erlebt hat könnte man das beschreiben. Die anderen ahnen denke ich wovon ich rede. Und in den Jahren vor meinem Suchtausstieg hatte ich auch mehrere Anläufe, wo ich in SHG und Suchthilfe aktiv um Rat und Hilfe suchte. Ein sehr bezeichnendes Erlebnis, das nun schon etwa zwanzig Jahre zurück liegt, war dann folgendes:
Wieder einmal war ich an einem Punkt angekommen wo ich wusste, es kann so nicht weiter gehen. Ich erkundigte mich und suchte eine Suchtberatung auf. Im Zimmer der Beraterin schilderte ich kurz meine Situation. Darauf konfrontierte mich die Beraterin umgehend mit der direkten Frage: „Können Sie sich vorstellen nie wieder im Leben einen einzigen Tropfen Alkohol zu trinken? Nie wieder!?“ Ich dachte kurz nach. Und - ich wollte in dieser Situation zu 100% ehrlich sein. Ich sagte also, was einfach der Wahrheit entsprach, dass ich mir das ehrlich gesagt noch nicht wirklich vorstellen könne. Konnte ich zu dem Zeitpunkt auch nicht. Dass ich aber trotzdem hoffte, dass ich irgendwie Hilfe finden kann. Die Frau wiederholte die Frage: „Können Sie sich vorstellen nie wieder im Leben einen einzigen Tropfen Alkohol zu trinken?“ ich antwortete wieder, dass ich einfach ehrlich sein möchte, dass ich sie nicht belügen möchte, und dass mir diese Vorstellung zu diesem Zeitpunkt tatsächlich noch nicht wirklich möglich sei. Und dass ich ja auch gar nicht wissen könne, was in zehn oder zwanzig Jahren oder irgendwann mal sein wird. Ich könne Ihr diese Frage also gar nicht wirklich und zugleich ehrlich beantworten… Kühl und ohne Umschweife sagte mir die Beraterin darauf: „Wir können Ihnen nicht helfen. Dort ist die Türe.“ Und zeigte auf den Ausgang. Das Gespräch dauerte vielleicht 5 Minuten. Für mich bedeutete es, ohne Hilfe da zu stehen. Ich versuchte es also wieder auf eigene Faust, und drehte mich dann noch weitere Jahre im Kreis. Von einem Tiefpunkt, über Zeiten hinweg wo es vielleicht sogar etwas besser lief, hin zum nächsten erschütternden Ereignis und Tiefpunkt.
Im Frühjahr 2014 hatte ich den Karren mal wieder so richtig im Dreck. Hier kamen aber zwei entscheidende Punkte hinzu: eine Depression nahm zusehends überhand, und im Rausch, vor allem Nachts, nahmen konkrete Gedanken an Suizid greifbare Gestalt an. Da erkannte ich definitiv: das bin nicht ich! Denn eine Sache die sehr tief in mir verwurzelt ist, ist die Achtung vor dem Wunder des Lebens. Ich wusste nun ganz klar und deutlich: etwas fremdbestimmtes hatte Macht über mich gewonnen. Und ich wollte mich davon befreien!
Ich begann wieder mal mich zu informieren, gelangte aber diesmal an andere Quellen. Darin war zum Beispiel auch die Rede davon, dass in anderen Ländern Europas und in den Staaten andere Ansätze Geltung finden als nur die reine Abstinenz. Auch in den deutschen Quellen fanden sich mitunter dezente Hinweise/Anzeichen darauf, dass Kontrollverlust und Suchtgedächtnis nicht für alle und jeden unbedingt irreversibel sein müssen, und dass es anscheinend einen bestimmten (geringen?) Prozentsatz zu geben scheint die zu unproblematischen Konsumverhalten zurückgefunden haben.
Das alles führte mich in dieser Zeit hin zu einer Einsicht, dass es, für mich, nicht um irgendein Entweder - Oder geht, sondern darum, eine Eigenverantwortung in der Sache und in meinem Lebensweg zu finden!
Ich beschloss, den Abstinenzgedanken (also den „für immer“) gänzlich und komplett für mich abzulegen! Ich ging meinen Weg, was das angeht, komplett „zieloffen“ an (wie es so schön heißt)! Ich sagte mir, zumindest erst mal eine Weile, bis ich meine Probleme im Griff und grundlegend geregelt habe. Und ich war fest entschlossen, was das angeht, also meine Problemstellungen, meinem Leben mit allen Kräften eine komplett neue Richtung zu geben. Und dafür lebe ich im Hier und Jetzt. Jetzt, in diesem Augenblick ist es für mich wichtig, eine gesunde Entscheidung zu treffen. Ich wusste nicht, wie lange dieses „eine Weile“ sein würde. Ein par Wochen? Ein par Monate? Vielleicht würde sich sogar auch zeigen, dass ich irgendwann wieder „normal“ konsumieren könne? Vielleicht würde aber auch nach und nach von selbst ein „für immer“ draus werden?
Ich war zu diesem Zeitpunkt für dies alles, und mehr, komplett offen. Für mich war nur klar, jetzt gerade, jetzt in diesem Moment geht es nicht. Ich will mich von dem was mich fremdbestimmt und wie ferngesteuert lenkt, befreien! Und so konnte ich persönlich meine ersten Schritte gehen - und damit eine lange, intensive und bedeutungsvolle Reise in ein suchtfreies Leben beginnen.