endlich Trocken

  • Guten Tag, ich möchte mich kurz vorstellen, mein Name ist Sandra und ich bin trockener Alkoholiker. Ich habe vor kurzer Zeit einen Entzug in einer Klinik gemacht und fühle mich körperlich wirklich wundervoll - ich könnte Bäume fällen. Aber psychisch geht es mir irgendwie nicht gut -

    Ich habe eine unglaubliche innere Unruhe in mir - ständig denke ich, irgendwas machen zu müssen, nur damit keiner auf die Idee kommt, dass ich wieder trinken könnte. Die Unruhe - ich kann sie kaum erklären - etwas schwierig... Von daher wollte ich mal wissen, wie es euch danach so ergangen ist... Vielen Dank vorab für die Info

  • Willkommen im Forum, Sandra B!

    Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es mir nach meinen stationären Entgiftungen anfangs erging.
    Auch ich war voller Unruhe und Unrast. Fast so, als wollte ich im Flug vieles wieder einholen, was durch die Trinkzeit verloren ging.
    Allerdings, so weiß ich es heute aus meinen Erfahrungen heraus, dass genau dieser Zustand auch immer wieder ein große Rückfallgefahr für mich bedeutete, obwohl ich es natürlich nicht so wahrnahm, und die Zusammenhänge damals schon gar nicht begriff.

    Ich war nach diesen Entgiftungen und der andauernden Unruhe entsprechend schnell „ausgepowert“, und nicht selten auch durch meine unrealistischen Zielsetzungen schnell enttäuscht und frustriert.
    Wahrscheinlich ähnlich wie Du es bei Dir machst, wollte ich zudem die Erwartungen, die andere Mitmenschen an mich (mal wieder) stellten, unbedingt erfüllen.

    Es hat also bei mir gedauert, bis ich diese Mechanismen durchschaut habe, und erkennen konnte, dass ich es oft selbst war, der sich ein Bein stellte – um dann eben leider wieder rückfällig zu werden.
    Ich habe mir dann eine „Strategie“ zugelegt, die – wie m.E. alles in und bei der Sucht – sehr individuell war/ist.
    Relativ zu dem, was ich eben in der Trinkzeit nicht getan, verbummelt oder an die Wand gefahren habe, war jeder noch so kleine Schritt in meiner Abstinenz satte 100% mehr.
    Mein Motto für frisch (wieder) abstinente Betroffene: Schrittchen für Schrittchen, Däpperle um Däpperle (schwäbisch für winzige Schrittchen), ergeben eine sehr lange Wegstrecke. Der Vorteil gegenüber ausholenden, weiten Schritten: Man fällt dabei nicht so leicht auf die eigenen Nase!

    Und dann war für mich sehr wichtig mir bewusst zu machen, dass es „nur um mich!“ ging. Dass ich niemandes Erwartungen und Ansprüche an mich erfüllen kann, wenn ich nicht „bei mir bin“, und „in mir ruhe“. Zuerst meine Bedürfnisse so befriedigen kann, dass es mir gut geht und ich mich wohl fühle. Alles andere kommt dann mehr oder weniger von alleine …

  • Hallo Dietmar - vielen Dank für deine aufmunternde Worte... Es hilft mir wirklich, das zu lesen. Es ist echt ein komisches Gefühl, eben weil man nüchtern ist und mir jetzt so ein kompletter Tag, unwahrscheinlich lange vorkommt. Zumal ich jetzt auch noch Urlaub habe. Wie ich noch getrunken haben, war das ja logischerweise anders. Und jetzt sitze ich manchmal hier - und weiß nichts mehr mit anzustellen. Die Wohnung vollständig geputzt - von der Decke bis zum Fussboden, Kleiderschrank sortiert, und lauter so a Zeugs, und meine Gedanken kreisen und kreisen. Eigentlich nur in Selbstvorwürfen, weil ich halt immer denke, warum hab ich das vorher nicht erkannt und warum habe ich nicht rechtzeitig Hilfe geholt? Ich hätte einfach viel eher erkennen müssen, dass der Alkohol nicht mein Freund sondern mein Feind ist. Er hat mir nichts gegeben - gut, vielleicht in einem kurzen Moment, vielmehr hat er mir einiges genommen. Ich würde mal behaupten, dass ich nochmal mit einem blauen Auge davon gekommen bin. Trotzdem stelle ich mir jeden Tag die gleichen Fragen - wie viele Menschen habe ich verletzt - enttäuscht und traurig gemacht. Was habe ich mit diesem Stoff nur kaputt gemacht, WARUM konnte es soweit kommen, weshalb habe ich nicht vorher den Anker geworfen. Dieses schlechte Gewissen kann ich kaum in Worte fassen. Es quält mich manchmal derart, dass ich einfach losheulen könnte - ich möchte aber auch nicht mit meiner Familie darüber sprechen, da ich Angst habe - sie machen sich dann wieder Sorgen, dass ich wieder anfangen könnte. Weisst, das ist so ein doofer Kreislauf... Ich weiß einfach nicht, wie ich es erklären soll. Verstehst du in etwa, wie ich das meine?

  • Hallo Sandra B,

    das „schlechte Gewissen“, auch eventuell Angstgefühle, die nach der Entgiftung da sind, haben physische und psychische Ursachen.
    Zum einen ist der Dopaminhaushalt und das gesamte „Belohnungzentrum“ durch die Trinkzeit aus dem Schritt gekommen, weil es gewohnt war, durch Alkohol „gefüttert“ bzw. durch diesen Katalysator auf Trab gehalten zu werden. (sehr laienhaft erklärt)
    Jetzt ist da eine große Irritation und es muss alles erst wieder auf natürlichem Weg in Gang kommen.
    Das verursacht zum einen Angst, zum anderen „regt“ es das „schlechte Gewissen“, bzw. die damit einhergehende Gedanken an. (Du hast bestimmt schon davon gehört, dass z. B. bei einer hohen Adrenalinausschüttung Fluchtgedanken aufkommen, oder eben eine hohe Aggressionsbereitschaft. Ähnlich ist das mit dem Fehlen von „Glückshormonen“, die für unser Wohlbefinden zuständig sind.)

    Für mich war damals wichtig zu erkennen, dass ich nichts mehr rückgängig machen konnte, was ich alles angestellt hatte. Das war meine Vergangenheit, mit der musste ich einfach leben.
    Aber ich hatte jetzt die Chance, vieles besser und anders zu machen. Darauf musste ich meinen Fokus legen. Ich konnte, indem ich jetzt bei mir blieb, unter Beweis stellen, dass ich nüchtern ein anderen Mensch, wie eben betrunken bin.

    Frisch nach einer Entgiftung ist es m. E. nicht gut und ratsam, rückwärtsgerichtet versuchen, Erklärungen für die vielen unbegreiflichen Vorgänge zu finden, oder sich damit zu belasten, wie und bei was man alles die Mitmenschen enttäuscht hat. Das ist passiert. Punkt.
    An diesem Punkt konnte ich im Übrigen dann auch „die Spreu vom Weizen trennen“, also feststellen, wer wirklich zu meinen Freunden gehörte.
    Die wahren Freunde, die sich „echt“ für mich interessierten, die gaben mir die Chance mich nüchtern unter Beweis zu stellen. Die glaubten an mich. (Und wurden vielfach dafür belohnt.)

    Ob Deine Familie die richtigen Ansprechpartner für Dich in dieser Situation sind, kann ich nicht beurteilen.
    Sicher weiß ich, dass „die richtigen Ansprechpartner“ bei mir meine Selbsthilfegruppe war, die das alles auch schon miterlebt hatten.
    Da kommen wir wieder an den Punkt, an dem ich immer zu den frisch Abstinenten sage: Nur den Alkohol weglassen, wird in der Regel nicht reichen um wirklich stabil trocken bleiben zu können.

    Vielleicht parallel zum Besuch einer SHG noch eine ambulante Gesprächstherapie bei einer Suchtberatung? Diese Gespräche tun gut, und lassen Betroffene vor allem am Anfang „am Ball bleiben“.
    Im Übrigen halte ich es bei mir mit den Selbstvorwürfen so, wie ich es auch (wenigstens) anderen gegenüber halte: Ein bisschen milder und verzeihender zu mir selbst sein!
    Immerhin, Sandra B, Du hast einen der größten und wichtigsten Schritte gewagt, gemacht – und gewonnen: Du warst in Entgiftung, hast zumindest jetzt mal physisch die Sucht gestoppt, und – so entnehme ich Deiner Anmeldung hier im Forum – willst auch weiter etwas für Dich tun. Das ist enorm viel mehr, als es leider viele fertigbringen!!

    Mir fällt da spontan die Rede von Friedrich von Bodelschwingh ein:

    Wenn du einem Trinker begegnest,
    dann begegnest du einem Helden.
    Es lauert in ihm der Todfeind.
    Er bleibt behaftet mit seiner Schwäche

    und setzt seinen Weg fort,
    durch eine Welt der Trinkunsitten.
    In einer Umgebung,
    die ihn nicht versteht,
    in einer Gesellschaft
    die sich berechtigt hält,
    in jämmerlichen Unwissenheit
    auf ihn herabsehen,
    als auf einen Menschen zweiter Klasse.
    Weil er wagt gegen den Alkoholstrom
    zu schwimmen.
    Du solltest wissen:
    Er ist ein Mensch erster Klasse!

  • Deine Worte bauen mich unglaublich auf Dietmar. Es tut so gut zu erkennen, dass ich nicht alleine mit diesem Problem da stehe und das ich nicht die Einzige bin, die die Lösung im Stoff gesucht hat und eben nicht fündig wurde - im Gegenteil. Ich bürde mir wahrscheinlich im Moment einfach zu viel auf - will eben Dinge rückgängig machen, die ich aber ums Verrecken nicht mehr rückgängig machen kann. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern - es ist wie es, weil es so ist - Punkt und Basta. Ich sollte mich einfach mehr darüber freuen und glücklich sein, dass ich aus diesem Strom rauskommen konnte und das Ufer erreicht hab. Ich bin sicher einfach zu hart zu mir selbst, anstatt mich mal zu loben, das es eben nicht mehr so ist. Viele schaffen diesen Weg leider nicht und kehren immer wieder zurück. Aber ich möchte das nicht - ich möchte mein Leben genießen - jeden Tag aufs neue - sicher, kommen da mal Probleme - aber gut, das ist der Lauf der Dinge - aber die Probleme sind da, um sie aus der Welt zu schaffen. Ich möchte auch einfach wieder zu mehr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen kommen - ich hab das irgendwie nicht mehr auf dem Schirm gehabt, dich ICH entscheiden kann, was passiert. Und mein Gott, wenn da ein Problem ist - es wird eine Lösung geben - so oder so... Aber wie schon geschrieben, finde ich es halt für mich persönlich wichtig, mich auszutauschen - ein Außenstehender kann es ja nicht verstehen, was da in meinem Spatzenhirn so kreist - wie auch.

  • Hallo, Sandra!

    Auch von mir ein HERZLICHES WILLKOMMEN hier im Forum :welcome:

    Auch ich bin Alkoholiker, nach mehreren Anläufen nunmehr seit einigen Jahren trocken.

    Austausch finde ich wichtig. Und ich gebe Dietmar Recht, wenn er Dir zu einer SHG rät: Wer wenn nicht "wir"/unsere Internetseite kann verstehen, was in Dir vorgeht, welche Gedanken und Bedenken in Dir brodeln.
    Simon Borowiak schrieb in seinem Buch "Alk - Fast ein medizinisches Sachbuch" - welches ich unbedingt empfehlen kann! - sinngemäß: Wenn man sich das Knie stösst, stöhnt die Umgebung kollektiv auf, weil sie den Schmerz nachempfinden kann. Aber die "Schmerzen" und Probleme eines Süchtigen kann nur jemand nachempfinden, der selbst betroffen ist.

    Wohl wahr. Denn alleine die Entzugserscheinungen bei einem Junkie kann ICH, als Alkoholiker, bestenfalls erahnen. Oder was in einem Spielsüchtigen vorgeht ...
    Von daher ist eine SHG der beste Ort, um sich auszutauschen. Oder ein Forum wie unseres hier :D

    Gruß
    Greenfox

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

    Uns aus dem Elend zu erlösen

    können wir nur selber tun!

  • Hallo Sandra,

    Zitat

    Es tut so gut zu erkennen, dass ich nicht alleine mit diesem Problem da stehe und das ich nicht die Einzige bin, die die Lösung im Stoff gesucht hat und eben nicht fündig wurde - im Gegenteil.

    Naja, bei mehr als 2 Millionen vom Alkoholismus Betroffenen (mit sehr hoher Dunkelziffer) allein in Deutschland, bist Du wahrlich nicht alleine.
    Ich denke, dass Du momentan auch voller Euphorie bist, und ggf. viel zu hohe Erwartungen an Dich selbst stellst?
    Aus Erfahrung schreibe ich Dir: Die wirkliche „Arbeit an und mit Dir selbst“ fängt jetzt erst an!

    Die Probleme von uns Alkoholikern sind im Grunde genommen die gleichen, wie sie auch jeder hat, der nicht von der Sucht betroffen ist.
    Ich kann mit allen meinen Freunden, die von meiner Sucht wissen, über meine Probleme reden.
    Aber es gibt einen großen, bedeutenden Unterschied darin, ob ich mit meinen nichsüchtigen Freunden rede, oder in meiner Gruppe mit anderen Betroffenen: Meine Freunde würde niemals auf den Gedanken kommen, zwischen meinen Alltagsproblemen und der Gefahr, dass diese mich wieder zum Trinken verleiten könnten, einen Verbindung herzustellen.
    Aber meine Gruppenfreunde, bei denen gehen da sofort die Warnlampen an. Sie wissen, wie das ist, wenn „sich irgendetwas in mir drin“ danach sehnt, mich mal „wegschießen zu wollen“. Weil sie es kennen.

    Durch so eine Gruppe erlernst Du auch wieder Dein Selbstvertrauen und Dein Selbstbewusstsein zu stärken. Sie ist ein geschützter Raum, in dem Du „trainieren“ kannst, für draußen. Ohne dass Dich jemand kritisiert oder deshalb gleich herunterputzt.

    Ganz wichtig ist jetzt für Dich, dass Du erkennen kannst: Ohne Dein Suchtmittel kannst Du im Prinzip alles erreichen! Mit Suchtmittel würde alles, egal was, nur schlechter!

  • Es ist für mich wirklich unglaublich wichtig und hilfreich, wie ihr das ganze Ding seht. Ich kann halt für mich nur mein persönliches Empfinden beschreiben und es interessiert mich eben, wie ihr damit umgeht. Ich fühle mich eben im Moment einfach noch so, als würde ich zum Balkon rauslaufen, und das Geländer wäre nicht mehr da. Aber es ist echt klasse für mich zu wissen, dass es eben nicht nur mir so geht. Ich bin mir dessen bewusst, dass es jeden Tag eine neue Aufgabe für mich sein wird, ohne den Stoff. Ich habe zum Glück auch keinerlei Saufdruck. Aber eben gerade, weil ich so viel Zeit irgendwie vergeudet habe, denke ich jetzt - ich muss die Maschine von 0 auf 300 binnen unter einer Sekunde hochfahren und überhole mich dabei selbst. Bei meinen Eltern zum Beispiel - meine Mum und ich telefonieren wirklich jeden Tag miteinander - sie kennt mich in und auswendig - selbst ihr gegenüber versuche ich, meinen kompletten Tag zu erklären und zu kommunizieren. Sie vertraut mir wirklich und hört es ja - und sie weiss, dass ich hoffentlich nie mehr über "the green mile" laufen werde (wir in Engelthal haben unseren Gang so genannt, da der Fussboden und alles Drumherum irgendwie grün war) Ich hab halt eben durch die Sauferei soviel aufs Spiel gesetzt - und jetzt, wo ich trocken bin, kann ich mich nicht darüber freuen - ich gehe halt wirklich zu hart mit mir selbst ins Gericht. Und das ist die Situation, die mich wirklich verwirrt - anstatt stolz und froh zu sein, dass ich den Mut hatte mich zu outen, dass ich professionelle Hilfe in Anspruch genommen habe, das ich in die Klinik eingewandert bin und mich dem Problem ja gestellt und der Realität in die Augen gesehen habe - und es bleiben einfach die schlaflosen Nächte, in denen ich mich in den Schlaf weine und hoffe, es einfach zu vergessen. Ich kann es nicht rückgängig machen - völlig klar - doch irgendwie schreit mein schlechtes Gewissen Tag für Tag. Vielleicht liegt es aber auch daran - ich kam vom Irrenhaus heim und bin sofort wieder in die Arbeit gelaufen - natürlich habe ich da schon 3x keine Zeit darüber nachzudenken. Ich finde es auch gut, dass ich die Arbeit eben wieder schaffe- und das ganze eben in der Zeit ausgeblendet isst. Und trotz allem komme ich einfach nicht zur Ruhe. Auch hier bei Euch - ich finde es mega, dass ich hier sein darf und an dem Chat teilnehmen. Aber selbst hier kommen mir schon wieder komische Gedanken - ich möchte halt keinem zur Last fallen, das empfinde ich aber schon wieder so, weil ich euch hier Volltexte - a komische War is des schon mit mir.

  • Liebe Sandra,

    Zitat

    ….Ich habe eine unglaubliche innere Unruhe in mir - ständig denke ich, irgendwas machen zu müssen, nur damit keiner auf die Idee kommt, dass ich wieder trinken könnte….
    …..wie viele Menschen habe ich verletzt - enttäuscht und traurig gemacht…..
    ….Ich möchte auch einfach wieder zu mehr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen kommen - ich hab das irgendwie nicht mehr auf dem Schirm gehabt, dich ICH entscheiden kann, was passiert…..


    Ich kann dich so gut verstehen, aber weißt du was ? Mir geht es nach ganz vielen Jahren Trockenheit immer noch so wie dir. Du kannst mich in der „Vorstellung“ gerne nachlesen. Und ich bin ganz bei Dietmar:

    Zitat

    ….Die wirkliche „Arbeit an und mit Dir selbst“ fängt jetzt erst an!....


    Diese Arbeit hört NIEMALS auf! ICH arbeite jeden Tag! Und ich frage mich: Werde ich wirklich jemals zufrieden trocken?
    Alles Liebe Dir!

    ~ bevör ik mi nu opregen deed, is dat mi lever egaal ~

  • Guten Morgen Sandra,

    auch von mir noch ein herzliches Willkommen bei uns im Forum.

    Ich bin Ende 40, Alkoholiker und trinke jetzt schon mehrere Jahre keinen Alkohol mehr.

    Sehr viel von dem was Du schreibst habe ich auch erlebt. Bereits wenige Tage nachdem ich aufgehört hatte Alkohol zu trinken, hatte ich das Gefühl ich könnte Bäume ausreißen. Dabei war ich zu dieser Zeit körperlich noch recht desolat beinander. Also ich hatte noch starkes Übergewicht, meine alkoholbedingten körperlichen Schäden waren ebenfalls noch vorhanden und ich hatte auch noch mit leichten Entzugserscheinungen zu kämpfen. Vor allem mit dem Einschlafen hatte ich etwas Probleme.

    Dennoch dachte ich schon nach ein paar Tagen, ich wäre körperlich superfit. So habe ich mich jedenfalls gefühlt. Und naja, verglichen zu den Zeiten wo ich nach 10 oder 12 Bier morgens aufwachte um erst mal gleich wieder das erste Bier zu trinken war ich das dann auch.

    Tja, da war dann ja aber noch die Psyche. Wie bei Dir auch. Und die hatte es tatsächlich in sich. Denn ich war vor allem in den ersten Wochen und Monaten damit beschäftigt, über mein neues Leben nachzudenken. Ich hatte das Gefühl meine Frau verlassen zu müssen um trocken bleiben zu können. Und damit meine Familie entgültig kaputt zu machen (da waren ja noch meine beiden von mir über alles geliebten Kinder). Natürlich war meine Familie schon völlig kaputt gemacht von mir, denn ich trank viele Jahre und das größtenteils heimlich. Meine Ehe ging darüber den Bach runter ohne das klar war, was mit mir eigentlich genau los ist. Alle Versuche meiner Frau unsere Beziehung irgendwie wieder auf die Spur zu bekommen scheiterten, mussten scheitern, weil es für mich ja nur noch die Flucht in den Alkohol gab.

    Um das alles aber überhaupt so aufrecht erhalten zu können, und das über viele viele Jahre, "musste" ich lügen was das Zeug hält. Also belog und betrog ich über viele Jahre meine Frau, meine Familie, mein Umfeld. Große Schuld habe ich dabei auf mich geladen. Dinge getan, die nicht zu verzeihen sind.

    In diesem Dilemma befand ich mich nun, nachdem ich nicht mehr trank. Und ich konnte mir dieses belastende Gefühl jetzt auch nicht mehr einfach wegsaufen, so wie ich das früher immer getan hatte. Ich musste jetzt aushalten und ich wollte es auch aushalten.

    Nachdem ich die Entscheidung getroffen hatte, mich von meiner Frau zu trennen, nahmen diese Schuldgefühle noch erheblich zu. Denn jetzt sah ich natürlich auch das Elend meiner Kinder, die unter dieser Trennung enorm litten. Meine Frau natürlich auch aber eben auch die Kinder, die nun so gar nichts für diesen ganzen Mist konnten. Es war die Hölle, wenn ich das mal so sagen darf. Jedoch war ich mir darüber im Klaren, dass ich diesen Weg so gehen musste, wenn ich dauerhaft trocken bleiben möchte. Es gab für mich keine Alternative.

    Aber da war natürlich die Schuld, diese bedrückende schlimme Schuld. Ich musste etwas tun um damit klar zu kommen. Ein klassischer Psychologe, den ich regelmäßig besuchte, konnte mir zu dieser Zeit damit nicht weiter helfen. Er war für andere Dinge gut, aber nicht dafür. Er meine immer, ich solle mich doch wie ein erwachsender Mensch benehmen.... Haha, der hat ja keine Ahnung, dachte ich damals.

    Ok, aber ich wusste, ich muss was tun, sonst frist mich die Schuld auf und letztlich ist mein wichtigstes, meine Trockenheit, dann über kurz oder lang auch in Gefahr.

    Ein Mönch, den ich dann aufsuchte, half mir in dieser Situation sehr. Das ist jetzt eine längere Geschichte, die ich Dir erspare. Nur so viel: Die Gespräche mit diesem Mensch halfen mir da heraus, zeigten mir Weg und vor allem auch Denkweisen auf, um mit meiner Schuld umgehen zu können. Dabei ging es nicht um Gott oder Glauben, denn ich war zu dieser Zeit gar nicht sonderlich gläubig. Er sagte mir sinngemäß, dass ich diese Schuld auf mich geladen habe, das ich das akzeptieren soll und das ich das auch sehr gerne bereuen darf. Er sagte wirklich zu mir "Du kannst da gerne Reue zeigen".

    Er sagte aber auch, dass ich kein neues Leben beginnen kann, wenn ich meine Schuld nicht als Teil meines Lebens akzeptiere. Er sagte, ich kann das jetzt nicht mehr rückgängig machen, jedoch kann ich es jetzt anders machen. Nur wenn ich meine Schuld als Teil meines Lebens akzeptiere und daraus für meine Zukunft lerne, werde ich wieder ein zufriedenes und glückliches Leben führen können.

    Also das jetzt mal sinngemäß. Er fand für mich sehr gute Worte die ich auch verstanden habe und sehr gut nachvollziehen konnte. Das ganze brauchte Zeit, viel Zeit. Monate vergingen, vielleicht sogar Jahre. Auch heute gibt es noch Situationen, wo mich meine Schuld einholt. Ich meine auf einer Gefühlsebene. Wo ich mich plötzlich zurück erinnere an schlimme Dinge die ich getan habe. Ausgelöst durch irgendwas. Jedoch kann ich dann sehr gut damit umgehen und falle nicht in ein Loch. Sondern ich verarbeite es sofort "an Ort und Stelle".

    Dazu gehört auch, dass ich mit meinem Umfeld offen über solche Dinge spreche, darüber was ich getan habe. Natürlich nicht permanent, denn damit würde ich dieses Umfeld ja überfordern. Aber immer dann, wenn es "sein muss". Das kommt auch heute, nach Jahren ohne Alkohol noch vor. Erst am Wochende hatte ich wieder ein kurzes Gespräch genau darüber mit meinem Bruder.

    Nun lebe ich heute ein ganz anderes, ein wunderbares Leben. Auch meiner Ex-Frau gegenüber verhalte ich mich heute immer fair und immer offen. Ich versuche aber nichts gut zu machen, denn das könnte ich gar nicht. Ich will nur der zu sein, der ich jetzt bin. Ein ganz anderer Mensch als damals. Ich zeige ihr, dass sie sich heute auf mich verlassen kann, dass ich helfe wenn ich ich denke, ich möchte das tun es es für notwendig halte. Ich versuche nicht meine Schuld auf den Alkohol abzuwälzen. Nie habe ich gesagt, dass ich ja eigentlich Opfer bin und gar nichts dafür kann, für das was alles passiert ist, weil ja die Sucht Schuld daran der Alkohol hatte. Nie habe ich das gesagt und ich denke das auch nicht. Denn niemand hat mich gezwungen Alkoholiker zu werden. Ich kenne einige die denken sie waren ja eigentlich die Opfer, die Opfer ihrer eigenen Sucht, jedoch nehme ich wahr, dass sie damit eigentlich nicht glücklich sind.

    Deshalb bin ich den Weg gegangen meine Vergangenheit inkl. der Schuld als Teil meines Lebens zu aktzeptieren, ich lerne darauf und heute hilft mir meine Sucht tatsächlich, ein sehr zufriedenes und für mich auch glückliches Leben führen zu können.

    Ich wünsche Dir einen guten Austausch hier im Forum.

    LG
    gerchla

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