Habe lange gebraucht

  • Hallo Forum!
    Kleine Geschichte vorneweg: Manchmal fühle ich mich wie Dornröschen.
    Nur Dornröschen hat 100 Jahre zwischen Blumen geschlafen und wurde
    von einem Prinzen wach geküsst.
    Ich habe 48 Jahre im Alkoholtran unrealistischen Träume nachgehangen
    und dabei mein inneres Wachstum verschlafen.
    Als ich vor 8 Jahre trocken wurde, war von einer wachküssenden Prinzessin
    weit und breit nichts zu sehen.
    Dafür hatte ich handfeste Depressionen, die nicht mehr
    wegsaufen konnte.
    Die mich aber zum Glück in eine Therapie und an die Tische der AA geführt haben.

    Ich heisse Siegfried, bin 70 Jahre alt und seit 8 Jahre trocken.
    Ich lese seit ca. 6 Jahre hier im Forum mit und habe erst heute
    den Mut gefunden mich endlich anzumelden.
    Ich bin zwar trocken! Aber nicht so zufrieden wie ich es gerne hätte.
    Da ich nur das Einfinger-Adlersystem beherrsche, muß ich erstmal
    rechter Hand Mittelfinger kühlen.

    Gruß Siegfried

  • Hallo Siegfried,

    schön das Du da bist! Herzlich willkommen.

    Wenn sich Dein Finger wieder etwas erholt hat, dann würde mich interessieren, was Du in Deinem abtinenten Leben vermisst. Da muss ja irgendwas fehlen, wenn Du nicht so zufrieden bist. Kannst Du das beschreiben? Also nur, wenn Du das willst natürlich.

    Und übrigens: Meinen Glückwunsch zu 8 Jahren ohne Alkohol! Vermutlich wärst Du, wenn Du weiter getrunken hättest, heute nicht mehr unter uns, oder wie schätzt Du da die Situation selbst ein? Ich für meinen Teil bin mir sehr sicher, dass ein neuerliches Trinken meinerseits mein sicheres Ende wäre. Ob ich nochmal die Kraft finden könnte erneut aufzuhören, ich weiß es nicht.

    Aber ich bin z. B. sehr sehr glücklich und zufrieden. Und da "hilft" mir doch tatsächlich meine schlimme Trinkerzeit dabei. Kaum zu glauben, aber wenn ich meiner Saufzeit etwas Positives abgewinnen kann, dann sind es diese Erfahrungen und die Erinnerungen, die mich heute zu einem recht dankbaren und ich sage jetzt mal auch bescheidenen Menschen machen. Also jemanden, der mit kleinen Dingen schon zufrieden sein kann und der so oft einfach nur dankbar ist, dass er nicht mehr trinken muss. Und ich trinke jetzt auch schon mehrere Jahre keinen Alkohol mehr.

    Insofern finde ich es wirklich interessant, warum das bei Dir etwas anders ist. Warum Du nicht so ganz zufrieden bist. Ich würde mich freuen wenn Du darüber ein wenig erzählen würdest. Ich kann von Deinen Erfahrungen bestimmt was für mich mitnehmen.

    Ich wünsche Dir alles Gute und einen guten Austausch hier bei uns im Forum.

    LG
    gerchla

  • Hallo Gerchla!
    Danke! Der liebe Empfang tut meiner Seele gut.
    Unzufriedenheit ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck.
    Gefühle in Worte zu fassen ist für mich genau so schwer wie
    Katzen fotografieren.
    Ich habe in den 8 Jahren an vielen Meetings teilgenommen und war
    von 2010 bis 2014----Juli 2017 bis jetzt in ambulanter Therapie.
    Ich habe immer geglaubt, ich hätte die Selbsttäuschung hinter mir,
    bis ich angefangen habe an die Wurzeln meiner Beweggründe zukommen und die damit verbundenen
    Realitäten zu akzeptieren. Der zweite Satz im Gelassenheitsspruch hat es mir angetan:
    Den Mut Dinge zu ändern die ich ändern kann.
    Mut hätte ich! Aber was ändern? da fehlt mir einfach die Weisheit.
    Ich habe erkannt das viele negative Verhaltensmuster aus meiner
    Kindheit stammen.
    Wäre es besser wenn ich meine Geschichte von Anfang an aufschreibe?
    ( Natürlich nicht ab meiner Zeugung )
    Damit Hintergründe, die ich selbst nicht erkennen kann für andere
    zu ersehen sind.
    Darf ich Medikamente die ich nehme hier bei Namen nennen? oder?

    Gruß Siegfried

  • Hall, Siegfried Drachentöter :D

    Willkommen als aktiver Forumsel :welcome: und auch von mir Herzlichen Glückwunsch zu 8 Jahren ohne Alkohol!

    Mich würde auch interessieren, was Dir an der zufriedenen Abstinenz fehlt bzw. was Dich noch stört.


    Wäre es besser wenn ich meine Geschichte von Anfang an aufschreibe?
    ( Natürlich nicht ab meiner Zeugung )
    Damit Hintergründe, die ich selbst nicht erkennen kann für andere
    zu ersehen sind

    Falls der Zeitpunkt Deiner Zeugung nicht ein bißchen spät ist ;) ... Scherz beiseite - wenn Du magst, na klar. Manchmal hilft ein Blick von außen. Aber wirklich nur, wenn Du magst!
    Vielleicht klärt sich ja dann auch, warum Du nach 3 Jahren erneut in eine ambulante Therapie gegangen bist.

    Gruß
    Greenfox

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

    Uns aus dem Elend zu erlösen

    können wir nur selber tun!

  • Hallo Siegfried,

    haha, ich bin wahrscheinlich der Letzte, der den Bezug Deines Namens zum Drachentöter dann auch irgendwann mal kapiert hat.... ;D

    Jetzt aber wieder ernst:

    Ich fände es sehr spannend Deine Geschichte zu lesen. Wenn Du das im Adlersuchsystem hinbekommst, ich würde Dich gerne lesen. Möglicherweise hilft Dir das aufschreiben Deiner Geschichte auch weiter, bringt Dir vielleicht neue Einblicke. Da scheint ja einiges auch in Deiner Kindheit zu stecken. Das ist bei mir übrigens auch so, ich habe da auch recht tief gegraben nachdem ich trocken war. Obwohl ich gemeinhin sagen würde, dass ich eine sehr gute Kindheit hatte liefen da doch ein paar Dinge nicht ganz so gut die mir meine spätere Flucht in die Sucht ganz gut nachvollziehbar machen. Das ist jetzt aber nicht so, dass ich damit die Schuld an meiner Sauferei irgendwie irgendjemand zuschieben will. Mir war es da eher wichtig zu verstehen wie es so kommen hat können und warum ich nicht in der Lage war, anders mit den Dingen umzugehen. Und natürlich wollte ich daraus lernen und ich glaube, das habe ich auch.

    Ich freue mich auf jeden Fall wieder von Dir zu lesen.

    LG
    gerchla

  • Hallo Greenfox!
    Danke für die Willkommen!
    In der Erinnerung an meine Jugend und deinen Kollegen, muß ich immer schmunzeln.
    Die Beamten wohnten bei uns im Ort, und jeder kannte jeden.
    Wenn wir mit unseren Mopeds angehalten wurden:
    Na Jungs habt ihr was getrunken? Na Jaaaaaaa.....
    Lasst eure Mühlen stehen, wir fahren euch heim, die könnt ihr morgen wieder abholen.

    Ich habe auch oft bei der Jagdausübung mit deinen Kollegen zu tun gehabt.
    Und beim IPSC haben viele Beamte mit uns Trainiert.

    Nur Jagd und IPSC ist meiner Sauferei zum Opfer gefallen.

    Gruß Siegfried

  • Und beim IPSC haben viele Beamte mit uns Trainiert.

    Ja, da schlägt der Aküfi durch ... was z.T. ist "IPSC" nixweiss0 "Internationaler PartnerSuchClub"?

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

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    Uns aus dem Elend zu erlösen

    können wir nur selber tun!

  • Neeeee!
    IPSC ist eine auf Zeit ausgetragene Schießsportart, bei der ein Sportschütze einen vorher bekannten Parcours abläuft. Der Parcours ist zumeist in verschiedene Abschnitte ("Courses") gegliedert. Zudem sind die Athleten in Schützenrotten ("Squads") gruppiert. Ist ein Schütze an der Reihe, absolviert er auf Start-Kommando den anstehenden Parcours-Abschnitt ("Stage"). Sobald das Zeitnehmer-Signal ertönt, zückt er seine im Holster an der Hüfte getragene Kurzwaffe und legt los. Damit ist IPSC neben den anderen "Action"-Schießsportarten – z.B. "Steel Challenge" oder "Cowboy Action Shooting" – der einzige Schießsport, bei dem die schussbereite Waffe auf Startsignal aus dem Holster gezogen wird.

    "Internationaler PartnerSuchClub"? gilt der auch für 70 Jährige?? ;D

  • Hallo Gerchla!
    Habe mir im besoffenen Kopf mit 58 Jahren
    auch noch ein Lindenblatt auf den Rücken nageln lassen.
    War gestern Abend so aufgekratzt wie ein Hühnerhof, in dem ein Fuchs
    eingebrochen ist. Bin ganz Stolz darauf, das ich mich endlich hier
    angemeldet habe.
    Habe die Nacht kaum ein Auge zu gemacht, weil mir 1000 von Gedanken
    und Gefühlen durch den Kopf gegangen sind.

    Ich bin auch im Zuge meiner Therapie sehr tief in die Vergangenheit
    und in meine Kindheit hinab gestiegen.
    Ich such auch keinen Schuldigen!
    Ich möchte zusammenhänge verstehen, und wissen warum ich so bin wie ich bin!

    Mein Familiärer Hintergrund:
    Meine Eltern waren Donauschwaben, das heißt,
    Meine UrUrAhnen haben sich dem Ruf der Zarin in Rumänien, Jugosl. und????
    angesiedelt.
    Im 2. Wk. war mein Vater in Russland kurz vor Stalingrad als er verwundet wurde.
    Mein Mutter war mit meinem damals 12 Jährigem Bruder ( er ist 15 Jahre älter und 1953 nach Kanada ausgewandert )
    auf der Flucht.
    Ich kann mich schwach daran erinnern das meine Elter darüber geredet haben,
    nur damals hat es mich nicht interessiert.
    Und als es mich interessiert hat, haben sie nicht mehr geredet. ( Demenz )
    In unserer Familie wurde alles mit Handschlag geregelt, Umarmung und Küsschen, selbst mit Mutter gab es nicht.
    Muß jetzt erst Finger kühlen!

    Gruß Siegfried

  • Finger wäre trotz hoher Außentemperatur jetzt abgekühlt.
    Ob ich noch leben würde, wenn ich nicht aufgehört hätte!
    Vermutlich nicht!!
    Ich habe zwar eine gute körperliche Konstitution, aber meine
    Psyche hätte ich mir irgendwann aus dem Kopf geblasen. nixweiss0
    War einmal nah dran.
    Das schreiben hier tut mir sehr gut, denn für jeden geschriebenen Satz gehen mir
    20 andere vorher durch den Kopf. Dabei habe ich oft Erkenntnisse von Dingen,
    die ich vorher garnicht so gesehen habe.
    Es ist schon ein Gewaltiger Unterschied ob ich in einem ALK-Forum oder in
    einem Katzen-Forum schreibe.

    Zurück zur Familie:
    Ich habe früher in der Kneipe immer meine Kumpels beneidet, die mit
    ihren Väter Bier trinkend, lachend und schwätzend an der Theke standen.
    Ich hatte das nicht!!
    Ich hatte zwar Eltern, aber da gab es keine Gespräche, Zuwendung, Lob,Anerkennung usw.
    Meine Eltern blieben immer Fremde für mich.
    Als meine Mutter 2003 starb, habe ich mich volllaufen lassen damit ich heulen konnte.
    Vermutlich eher aus Erleichterung weil ich dann nicht mehr ins Altersheim mußte.
    Eine Gefühlsmäßige Bindung zu meinen Eltern habe ich nicht empfunden, und leider auch zu
    anderen mir nahestehenden Menschen.
    Das wußte ich vor meiner letzten Therapie noch nicht.
    Ich hüpfe bei meinem Schreiben immer wieder von der aktuellen Therapie in die
    Vergangenheit, weil ich immer mehr Ahnung bekomme was ich mit
    dem Alkohol ersetzt habe.
    Ich hoffe mit eurer Hilfe Klarheit in meine Seele zu bekommen.

    Muß jetzt nicht Finger kühlen, aber meine Seele!

    Gruß Siegfried

  • Hallo Siegfried,

    also das mit dem Lindenblatt hat mich jetzt echt schmunzeln lassen.

    Aber eigentlich ist Deine Geschichte eher nicht zum schmunzeln sondern das Gegenteil. Ich finde es prima, dass Du das hier aufschreibst. Und ich finde es auch sehr schön, dass Du schreibst, dass Dir das hilft und gut tut.

    Ich habe erst nachdem ich trocken wurde damit angefangen zu verstehen, welche enormen Auswirkungen z. B. die Kindheit und das Verhältinis zu den Eltern aber, zumindest bei mir, auch zu den Großeltern haben kann. Und wie gesagt, ich hatte jetzt wirkliche keine klassisch schlechte Kindheit und Jugend. Ich denke auch weit von dem entfernt, was Du von Dir schreibst.

    Dennoch lese ich Deine Zeile sehr intensiv und kann immer wieder Rückschlüsse auf mich selbst ziehen. Z. B. was das Thema "Umarmungen" betrifft im Bezug auf meinen Vater. Dann wurden bei uns z. B. nie Probleme diskutiert, also wirklich nie. Meine Eltern leben ja noch und das ist bis heute so. Selbst als ich mich vor den beiden als Alkoholiker geoutet hatte (und glaube mir, das ist mir nicht leicht gefallen, war ich doch immer der HELD in der Familie gewesen), wurde das einfach wegignoriert. Also sie haben es wirklich einfach wegignoriert, übergangen und so schnell wie möglich das Thema gewechselt.

    Ich sage, wenn mein Sohn heute zu mir käme und mir sagen würde, dass er Alkoholiker ist, da würde ich aber erst mal eine ganz andere Reaktion an den Tag legen.

    Also, ich will jetzt erst mal nicht weiter von mir schreiben. Es geht ja hier um Dich. Ich lese Dich weiter, auch wenn ich nicht immer dazu komme selbst etwas zu schreiben.

    LG
    gerchla

  • Habe mir ein Glas Eiswürfel neben den Pc gestellt, vielleicht kann ich dann länger schreiben.

    Meine Eltern sind: Vater 1991 und Mutter 2003 gestorben.
    Mein trocken sein haben sie nicht mehr erlebt.

    Ich hege keinen Groll mehr ihnen gegenüber.
    Es waren einfache brave Leutchen, die der Krieg aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen, und
    in eine für sie fremde Welt katapultiert hat.
    Ich habe aus Angst vor Prügel gelogen!
    Wenn ich dabei erwischt wurde gab es noch mehr Prügel, aber deswegen habe ich mit dem lügen
    nicht aufgehört, ich wurde nur perfekter!
    Nachdem ich die Bücher von Sabine Bode, z.B. Die Nachkriegskinder gelesen habe, welche sehr aufschlussreich waren,
    glaube ich, das ich die meisten Prügel aus der Hilflosigkeit meiner Eltern mir gegenüber bekommen habe.
    Mit diesem Wissen bekam ich in meiner 1. Therapie ein Hauch von Ahnung was
    mangelte Selbstwertgefühle, Selbstbewusstsein und Minderwertigkeitsgefühle auslösen können.

    Ich habe schon geglaubt das Prähistorische Instinkte mein Verhalten steuerten.
    Ich habe nie gelernt Probleme vernünftig zu lösen oder Konflikte auszutragen.
    Für mich gab es immer nur Flucht!!!

    Bis zu meinem 14. Lebensjahr gab es keinen erwähnenswerten Kontakt mit Alkohol.
    Aber als ich an Ostern 1963 mit 14 Jahren in die Lehre kam hat sich das sehr schnell geändert.
    Damals wurde erst die Kiste Bier auf die Baustelle geschleppt, und dann das Werkzeug.
    Den Ausspruch meines Lehrgesellen vergesse ich nie!
    Was bist du denn für ein Kerl? jetzt trink doch mal eine Flasche Bier!
    Ich habe dann den ganzen Tag an einer Flasche lauwarmes Export rumgenuckelt, und
    die Welt nicht verstanden wie sowas schmecken soll.
    Mein Freundeskreis hatte sich auch verändert, da waren ältere Jungs dabei und
    Stiefeltrinken mit an und abklopfen war angesagt.
    Auf der Arbeit war Alkohol immer allgegenwärtig, es gab Richtfeste und und und------
    In den meisten Haushalten in denen ich gearbeitet habe, war ganz klar:
    Der Handwerker brauch zum Frühstück und Mittagessen sein Bier!
    Am schlimmsten war vor und nach Weihnachten, da wurden z.B. Waschmaschinen und Kühlschränke
    ausgefahren.
    Bier, Schnaps ung Trinkgeld gab es da reichlich.
    Im Nachhinein wundert es mich immer noch, das da nie etwas passiert ist.

    Der Alkohol hatte da schon seine bewustseinsveränderte Arbeit aufgenommen.

    Hohe Alkoholverträglichkeit gleich hohes Ansehen! Und ich wollte dabei sein.

    Eiswürfel sind geschmolzen!!!

    Gruß Siegfried

  • Brauche keine Eiswürfel mehr!
    Kriege langsam Hornhaut am Finger.

    Nochmal ein Sprung in meine Kindheit:
    An unserem Küchenschrank hing ein Haselnussstock, 70 cm lang und ca. 10 mm dick.
    Den durfte ich selbst schneiden, ein Loch hineinbohren und mit einer Kordel an den
    Küchenschrank befestigen.
    Er diente dazu aus mir einen Anständigen, Pünktlichen und Pflichtbewussten Menschen zu machen.
    Das sah dann so aus, das mein Vater mich mit der linken Hand am Bein hoch hielt, und mit der
    rechten Hand mir alle Tugenden auf einmal bei brachte.
    Den Pünktlichkeitswahn konnte ich erst bei einer Therapie ablegen, nachdem ich begriffen habe, das ich keine Prügel mehr
    bekomme wenn ich zu spät bin. ( War da schon 63 Jahre )
    Um meinem Pflichtbewusstsein zu entgehen, mal alle 5 gerade sein zu lassen, dafür hatte ich meine
    Medizin mit steigernder Dosierung.

    Der Alkohol zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.
    Meine Exfrau mit 15 Jahre ( beide ) kennen gelernt, mit 18 mußten wir heiraten.
    18 Monate Militär, damals noch die Gesellenprüfung zum Saufen.
    Führerschein weg. Unfall mit 2,3 pm verursacht.
    Ehe aus! hatte mit meiner Sauferei und Fremdgeherei nur Schmerz und Leid hinterlassen.
    Dann fast 12 Jahre alleine gelebt, Meisterprüfung zum Saufen.
    In der Zeit meine jetzige Frau kennen gelernt, wir waren beide am Saufen,
    zwar nicht extrem und immer funktionierend.
    Ich denke die weiteren Geschehnisse werde ich dann im geschützten Bereich schreiben.

    Aber mein trocken werden stelle ich noch hier rein.
    Am Montag 12.04.2010 hatte ich mein Vorstellungsgespräch wegen Depressionen bei meiner Therapeutin.
    Das Gespräch landete sehr schnell beim Alkohol. Wieviel ich den so trinken würde?
    Die Therap. dürfte vielleicht 5-6 Jahre jünger wie ich sein, und mit Sicherheit sehr erfahren.
    Wenn ich ihr was von mal so 3-4 Bier erzählt hätte, sie wäre bestimmt lachend aus dem Fenster gesprungen.
    Also habe ich gebeichtet, aber nicht alles.
    Ihre Bedingung war entweder Tabletten und Therapie oder Alkohol, beides geht nicht.
    ( später hat sie mir mal erzählt, sie hatte nicht geglaubt, dass ich 6 Wochen durchhalte )

    Gut dachte ich, dann mach ich mal ein paar Wochen Therapie, und dann kann ich ja meine Bierchen wieder trinken.
    Wollte mir den Abend das letzte mal so richtig die Kante geben.
    Hat nicht geklappt.
    Dienstag der 13.04 war mein erster alkoholfreier Tag.
    Ich war in keiner Entgiftung. Habe aber 1 Woche kaum geschlafen und unglaublich geschwitzt!
    Am Abend mit Spezi vor den Fernseher, nach 10 Min. wegen Saufdruck weg.
    War das doch mein Ritual. Bier auf! Fernseher an, und das Abend für Abend über Jahre.
    Ich habe Wochen gebraucht bis ich es vor der Kiste ausgehalten habe.
    Dann habe ich festgestellt, das mich der Kram nicht mehr interessiert.
    Erst am folgenden Sonntag habe ich dann bei eine Nachbar-Ehepaar von denen wusste ich das sie seit
    19 Jahre trockene Alkoholiker sind. Darunter vorstellen konnte ich mir nichts.
    Hab also dort geklingelt: ei Rudi ich hätte da mal ein Problem! ER: ich weis! komm rein. ( werde ich nie vergessen! )
    Wir haben uns bestimmt 3 Std. unterhalten und ich bin dann mit einem Arm voll Literatur nach hause.
    Mir schwante da schon, mit ein paar Wochen Therapie wird das NIX.

    Gruß Siegfried

  • Hallo Siegfried,

    nur ganz kurz:

    Deine Geschichte hier ist Gold wert. Für jeden der Ähnliches erlebt hat, für jeden, der noch am zweifeln ist und seinen Weg sucht, für alle, die nach jahrzehntelangem Alkoholkonsum nicht mehr daran glauben davon weg kommen zu können. Und auch für Leute wie mich, die beim Lesen lernen können, dass es noch ganz andere Alkoholikerkarrieren gibt als die eigene und auch ganz andere Wege um aus der Sucht heraus zu kommen.

    Ich danke Dir, dass Du hier so offen schreibst. Ich werde Dich weiter lesen.

    LG
    gerchla

  • Da ich mich derzeit im Urlaub rumtreibe und auf dem Tablet schreiben muss, fasse ich mich kurz: Ich stimme Gerchla vollkommen zu!

    Gruß
    Greenfox

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

    Uns aus dem Elend zu erlösen

    können wir nur selber tun!

  • Hallo Siegfried,

    streckenweise erkenne ich mich wieder. Du hast eine sehr gute Art, deine Geschichte zu vermitteln. Sehr ehrlich und nachvollziehbar mit nicht so angenehmen Momenten. Um so schöner, dass du deinen Weg gefunden hast. Manchmal braucht man eben etwas länger bis es soweit ist. Ich werde in diesem Monat 62 und bin auch noch nicht so lange bei mir angekommen, aber ich bin auf einem wunderbaren Weg, auf einem alkoholfreien Weg seit einigen Jahren. Ich bin überwältigt von meinen Gefühlen und meinen Reaktionen sowie auch von den Reaktionen meines Umfeldes. Es hat sich ganz viel geändert und ich lerne mich kennen. Ich finde mich ganz nett.

    Ich freu mich, weiterhin von dir zu lesen.

    Gruß Betty

    Auf dem Weg zu mir lerne ich mich immer besser kennen. <br />Ich habe Freundschaft mit mir geschlossen und freue mich, dass ich mir begegnet bin.<br /><br />Ich bin lieber ein Original als eine herzlose Kopie.

  • Hallo Gerchla! Hallo Greenfox!

    Ich habe seit Jahren hier im Forum mitgelesen, die letzten Jahre sogar täglich.
    Die Beiträge hier, haben mir oftmals neue Wege gezeigt, die mich dann wieder ein Stück weiter gebracht haben.
    Wenn mein Geschreibsel nur einem Einzigen hilft trocken zu werden, oder trocken zu bleiben!
    Dann haben sich Blase/Hornhaut auf der Fingerkuppe schon gelohnt.

    Gruß Siegfried

  • Hallo Betty!

    Ich habe ja erst kurz vor meinem 62. Geburtstag aufgehört. Das war 2010!
    Aber erst seit einem halben Jahr ahne ich mehr oder weniger was mich schon mein ganzes
    Leben lang begleitet. Eine melancholische Sehnsucht nach etwas von dem ich nicht weis was es ist.
    Nach etwas Fremden, Unbekannten.
    Vielleicht süchtiges suchen nach der Eigenliebe.?

    Gruß Siegfried


  • Nach etwas Fremden, Unbekannten.
    Vielleicht süchtiges suchen nach der Eigenliebe.?

    Ja vielleicht. Eigenliebe hört sich immer so egoistisch an, aber ich musste feststellen, dass es ganz wichtig ist, dass man sich selbst mag (liebt) und für nett und freundlich befindet wie auch liebenswert, um von der Außenwelt ebenfalls so wahrgenommen zu werden.

    Auf jeden Fall ein Thema zum (Nach)Denken! Ich kann das immer ganz gut bei Waldspaziergängen oder am Meer. Die Natur hilft mir, authentisch zu sein und immer dazu zu lernen.

    LG Betty :sun:

    Auf dem Weg zu mir lerne ich mich immer besser kennen. <br />Ich habe Freundschaft mit mir geschlossen und freue mich, dass ich mir begegnet bin.<br /><br />Ich bin lieber ein Original als eine herzlose Kopie.

  • Das niederschreiben meiner Geschichte bringt mir im Augenblick mehr
    wie Meeting und Therapie.
    Weil es mich sehr stark zum Denken anregt, und ich dadurch viele Dinge aus
    einem anderen Blickwinkel sehe.

    Kurz zurück zur Kindheit:
    Ich habe das damals überhaupt nicht als schrecklich empfunden, den
    der Fritz, der Walter, der Hans und der Wolfgang haben ja auch zuhause ihre Wucht gekriegt.
    Und in der Schule waren Ohrfeigen, Eckenstehen und Rohstock gang und gebe.
    Was das alles mit meiner kleinen Seele angestellt hat, begreife ich erst jetzt, weil ich mich damit
    auseinandersetzen muß um nicht unterzugehen.
    Ob mit dieser Vergangenheit eine normale Entwicklung meiner Persönlichkeit möglich gewesen wäre, weis ich nicht!
    Aber mit Alkohol war es erst recht nicht möglich!
    Eine Freundin sagte mal" Als ich nüchtern wurde, war ich unreifer wie meine 13 jährige Tochter.
    Es gibt auch schöne Erinnerungen an meine Kindheit.
    Da ich ein Schlüsselkind war, hatte ich viel Freiheit.
    Telefon hatten wir nicht, und eigenen Fernseher erst ab 1964, vorher haben wir mit der ganzen
    Verwandtschaft bei einer Tante im Wohnzimmer gesessen.
    Mein Spielplatz waren Feld, Wald, Wiesen, die Teiche, Kiesgruben in der Umgebung und der Bach der
    Mitte durch unsere Stadt fliesst.

    Wenn der Rudi mich nicht am Händchen in die SHG geschleift hätte, ich war viel zu feige und ahnungslos
    um da alleine hinzugehen.
    Wieder besseren wissend, ich kannte ja Rudi, glaubte ich in der SHG die Menschen von unter der Brücke, von
    der Parkbank-------------anzutreffen. Habe mit der Zeit gelernt, das da alle Soziale Stände, alle alters-Klassen
    wie Männlein und Weiblein sitzen.
    Das erste was mir aufgefallen ist, war der Liebe und Respektvolle Umgang miteinander.
    Beim 1. Meeting habe ich kein Wort verstanden, von dem was geredet wurde.
    Beim 2. Meeting merkte ich, die reden von Sich, von ihren Gefühlen, ihren Ängsten und ihre alltäglichen Problemen.
    Beim 3. Meeting habe ich mit hochrotem Kopf zwei Sätze herausgestottert und war ganz stolz auf mich.

    Aber trotzdem fühlte ich mich verkehrt!
    Ich bin nicht regelmässig auf einem Parkplatz zwischen den Autos liegend zu mir gekommen!
    Ich bin auch nicht des öfteren in der Ausnüchterungszelle, weil ich die Kneipe in der ich gesoffen hatte zu einer
    Achterbahn umdekoriert habe zu mir gekommen!
    Und Klosterfrau-Melissengeist habe ich auch nicht getrunken!
    Ich bin doch kein Alkoholiker!!!!!!!
    Ich habe mich noch fast ein halbes Jahr mit Siegfried Alkoholprobleme gemeldet, bis ich es begriffen habe.
    Ich bin ein Alkoholiker! Ich hatte nur Glück, das mir das Elend anderer erspart wurde!
    Ich war aber schon auf der Wendeltreppe nach unten, wo ich da gelandet wäre???????

    Hornhaut auf Fingerkuppe fängt an zu rauchen!


    Gruß Siegfried