Alkoholiker geworden wegen Beziehungspartner

  • Hallo,

    ich falle gleich mit der Tür ins Haus: mein Mann ist Alkoholiker und seitdem er mich getrennt hat (er wollte die räumliche Trennung), ist er seit fast 2 Jahren trocken.

    Er macht mich für seinen Alkohol verantwortlich, sein einziges Problem dabei war, dass er wegen mir getrunken hat. Er hat einige Therapien gemacht.... wird das dort vermittelt? Kann das sein, dass ich schuld bin?

    Kennt jemand Vergleichbares?

    Vielen Dank.

    LG lila

  • Hallo lila,
    jeder ist für sich selbst verantwortlich, ich denke du bist nicht schuld. Es sind oft viele kleine Bausteine, die die Sucht befeuern.
    Woher weißt du, ob er wirklich seitdem trocken ist?

    LG Gerd

  • Hallo und willkommen im Forum Lila,

    es geht mir wie Gerd: Woher weißt Du denn, dass er seit 2 Jahren „trocken“ ist?

    Zitat

    Kennt jemand Vergleichbares?

    Ja natürlich. Es kommt sogar relativ häufig vor, dass Süchtig, hier Alkoholiker, nach der Therapie meinen die Ursache für ihre Sucht gefunden zu haben: Die Partnerin.
    Andere wieder: den Job.
    Und wieder andere: Das ungerechte Leben, das sie zum Saufen gezwungen hat.
    Diese Liste kannst Du nach Belieben verlängern.

    Gerd hat da schon recht: Es ist dann nicht anders, als dass sie eine Verantwortungsübernahme schlicht ablehnen und die Gründe im außen suchen.

    Im Übrigen ist das eines der beliebten „Spielchen“ bei Alkoholiker. Alle anderen sind schuld daran, dass sie saufen müssen, nur sie selbst nicht.
    Lass Dich nicht darauf ein, und lass Dir auch keine Schuldgefühle eintrichtern.
    Dein Mann ist ganz allein für sich selbst verantwortlich, genauso wie Du für Dich verantwortlich bist. Niemand wird zum Saufen gezwungen, weder durch Probleme in der Partnerschaft, noch durch sonst irgendetwas.

    Auch relativ häufig: Dass sich Alkoholiker nach erfolgter Therapie von ihrer Partnerin trennen. Sicher gibt es dabei welche, die nüchtern festgestellt haben, dass sie einfach nicht zusammenpassen. Aber es gibt nach meiner Erfahrung auch viele, die nichts mehr mit ihrer eigenen Vergangenheit zu tun haben wollen, und die Partnerin (die ja ständig präsent ist) sie permanent an ihr „Versagen“ in Bezug auf ihre Sucht erinnert.

    In den Therapien, die ich kennengelernt habe, wird auf jeden Fall so eine Verhaltensweise nicht beigebracht. Dort geht es in erster Linie um die ganz persönliche Auseinandersetzung mit sich selbst und seinen eigenen Defiziten. Wer dann solche Schlüsse zieht wie Dein Mann, der hat nicht verstanden, um was es da tatsächlich geht.

  • Hallo Gerd, hallo Lila,

    vielen Dank für Eure Antworten. Sorry, dass ich mich erst jetzt melde, aber ich hatte schlicht (fselber schuld) ein Problem beim einloggen und Wiederfinden meiner Frage.

    Wir haben uns die letzten 2 Jahre 1 x die Woche auf einen Kaffee getroffen (sein Wunsch) und machen aktuell eine Eheberatung. Ich glaube ihm, dass er trocken ist. Er muss mir ja nichts mehr beweisen, aber doch, er ist trocken.

    Ihr habt mir mit Euren Antworten sehr geholfen: ich bin auch der Meinung, er hat Therapie konsumiert, aber nicht verstanden. Ich leide extrem unter unserer Trennung und kann mein Leben nicht mehr leben..... auch wenn ich weiß, dass das meine Verantwortung ist: ich bin beziehungsabhängig. Aber bei dieser Sucht kann ich den "Stoff" nicht einfach weglassen.

    Daher mache ich mir auch - zu viele? Gedanken, wieso warum weshalb er mich so ausgrenzt und verantwortlich macht und nicht seine eigenen Ursachen sucht.

    Er macht jetzt nur noch sein Ding: er hat in der Therapie wohl nur gelernt, sich um sich selbst zu drehen. Ich habe verstanden, dass er erst sich selbst retten muss, aber mich immer wieder angreifen und weh tun, nach so langer Zeit, aber trotzdem der Ehe eine Chance geben? Er sagt, er hätte Angst, wenn ich ihm wieder nahe bin, hätte er Angst wieder zu trinken. Und er ist froh, trocken zu sein, O-Ton: er hätte nicht gedacht, dass DIE (seine Langzeittherapie) es hinkriegen, dass er trocken wird.

    Ich danke Euch fürs Lesen, vielleicht darf ich mich mehr mit Euch austauschen? Ich bin wirklich soooo lange schon so verzweifelt (wir sind seit Jahren verheiratet)

    Ganz liebe Grüße
    lila

  • Co-Abhängigkeit

    Manchmal schlimmer wie Sucht, auch weil häufig völlig die Einsichtsfähigkeit der Betroffenen fehlt.
    Sie wollen "ja nur Gutes tun" ...dabei richten sie sich selbst damit zugrunde.
    Statt Eheberatung würde ich Dir dringend raten selbst mal in eine Suchtberatung als Angehörige und Co-Abhängige zu gehen und um ambulante Therapiegespräche zu bitten!
    Erst wenn Du wieder "gesund" bist, wirst Du auch bei Deinem Partner wieder eine Chance haben.

  • Auch von mir ein HRZLICHES WILLKOMMEN an dieser Stelle :welcome:

    Ihr habt mir mit Euren Antworten sehr geholfen: ich bin auch der Meinung, er hat Therapie konsumiert, aber nicht verstanden.

    Warum meinst Du, er habe die Therapie nicht verstanden?? Weil er es nicht in Deinem Sinne auslebt, interpretiert??

    JEDER hat das Recht, für sein eigenes Wohl, wie er/sie es versteht, zu sorgen. Und dass das nicht JEDEM (Anderen) gefällt, das dürfte ja wohl klar sein.

    Dass er sich Dir gegenüber vielleicht verletzend verhält ist ein anderer Schuh. Vielleicht ist die Distanz, auf die er zu Dir gegangen ist, wirklich nur Selbstschutz. Und selbst wenn dies nur aus seiner Sicht so sein sollte.

    Dietmar hat recht mit seiner Empfehlung, mal zu einer Suchtberatung (denn die sind nicht nur für uns Betroffene, sondern auch für die Angehörigen da) zu gehen und Dich zum Thema Co-Abhängigkeit zu informieren und mit jemandem darüber zu sprechen.
    Hierzu findest Du auch in unserer Linksammlung bestimmt eine Anregung.

    Gruß
    Greenfox

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

    Uns aus dem Elend zu erlösen

    können wir nur selber tun!

  • Hallo lila,

    schön das Du zu unsgefunden hast. Herzlich Willkommen.

    Ich glaube es ist das erste Mal seit ich hier aktiv bin, dass jemand etwas berichtet, was so nahe an meiner Geschichte ist. Jetzt nicht im Detail sondern vom Grundsätzlichen her.

    Ich möchte mich erst mal ganz kurz vorstellen, damit Du weißt wer Dir hier schreibt:

    Ich bin Ende 40, Alkoholiker, männlich und nun schon mehrere Jahre trocken. Zu meiner aktiven Trinkerzeit war ich heimlicher Trinker. Ich hatte zu dieser Zeit zwei wunderbare Kinder und war verheiratet.

    Ich habe meine Familie (Frau) verlassen nachdem ich trocken wurde. Vorher habe ich, wie oben schon geschrieben, viele Jahre lang heimlich getrunken. Ich war wohl ein sehr guter heimlicher Trinker, denn bei meinem Outing hat mir meine Frau erst mal nicht geglaubt, dass ich ein Alki bin. Überzeugen konnte ich sie nur, weil ich ihr alle meine Geheimverstecke gezeigt habe. Über die Jahre hatte ich in der Wohnung, in unmittelbarer Umgebung unserer Wohnung, im Auto, sogar im nahe gelegenen Wald, Alkoholvorräte deponiert. Nachdem sie diese, die zu diesem Zeitpunkt auch alle noch prall gefüllt waren, gesehen hatte, wusste sie was die Stunde geschlagen hat.

    Bevor es zu diesem ultimativen Outing kam, hatte ich, wie wahrscheinlich die meisten Alkoholiker, viele gescheiterte Versuche des Aufhörens hinter mir. Es wurden letztlich immer nur Trinkpausen, ein richtiges Aufhören über einen längeren Zeitraum gelang mir nicht. Obwohl ich Monate lang mal nicht getrunken habe, möchte ich heute nicht davon sprechen, dass ich trocken gewesen wäre. Es gab deshalb auch keinen Rückfall sondern ich hatte immer eine Trinkpause beendet. Natürlich liefen auch diese Pausen immer im Geheimen ab, denn ich trank heimlich, also pausierte ich auch heimlich. Allein diese Tatsache war schon Grund dafür, dass ich es nie hätte schaffen können dauerhaft trocken zu werden.

    Ich will Dir mal ein wenig aus meiner damaligen Situation schildern, denn es könnte ja sein, dass es zu Dir und Deinem Mann Parallelen gibt. Wobei ich sicher bin, dass es bei Euch in Detail große Unterschiede geben wird.

    Ich wurde also trocken, ich hörte mit dem Trinken auf. Ich hatte damals ein Niveau von ca. 10 - 12 Bier + oft auch noch eine Flasche Wein pro Tag. Das erste Bier oder meist die ersten beiden Biere flossen schon morgens, vor der Arbeit in mich hinein. Während der Arbeit konnte ich mal ohne durchkommen, mal trank ich auch dort heimlich. Auf diesem Level war ich, ich schätze mal, so ca. 2 Jahre lang unterwegs. Vorher trank ich etwas weniger, musste auch noch nicht morgens beginnen. Aber diese Endphase meiner Trinkerkarriere hatte mich dann doch stark gestresst, ich war eigentlich nur noch mit dem Trinken und den Entsorgen des Leergutes beschäftigt. Gefühlt drehte sich mein ganzes Leben nur noch darum. Trotzdem trank ich immernoch heimlich, das muss man sich mal vorstellen. Ich konnte also diese Fassade immernoch irgendwie aufrecht erhalten. Zwar haben sich zu dieser Zeit viele Menschen Sorgen um mich gemacht (ich habe optisch seeeehr schlecht ausgesehen und war auch psychisch äußerst labil), aber auf ein Alkoholproblem kam keiner - zumindest haben mir das diese Menschen nach meinen Outing so versichert.

    Meine Familienleben war wohl schon lange komplett im Eimer, wenngleich ich das so nicht gesehen habe. Ich hatte dafür ja gar keine Zeit, ich war ja mit trinken und entsorgen beschäftigt. Für meine Kinder versuchte ich trotzdem irgendwie ein guter Papa zu sein, mein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Frau versuchte ich durch exzessives Einbringen in den üblichen Haushaltsaufgaben zu kompensieren. D. h. ich habe geputzt, gewaschen, gekocht usw. was das Zeug hielt. Einkaufen war meine Lieblingstätigkeit (ok, auch weil ich dabei unterwegs immer in Ruhe trinken konnte) und ich versuchte einfach ihr Arbeit abzunehmen wo es nur ging - uns so mein Gewissen zu beruhigen.

    Nun, ich habe nicht bemerkt, dass ich für alles was ich tat die dreifache Zeit brauchte, dass ich Dinge einfach vergessen hatte, wo ich dann am nächsten Tag aber davon überzeugt war sie doch getan zu haben. Ich glaube, nein ich bin sicher, es war für meine Frau eine sehr sehr schlimme Zeit. Noch dazu wo sie ja nicht wusste was eigentlich los ist. Sie versuchte immer und immer wieder mit mir zu reden. Über unsere Ehe, unsere Beziehung, die Zukunft. Ich war immer verständnisvoll, versprach das Blaue vom Himmel herunter, nahm Schuld auf mich auch wenn ich glaubte nicht schuld zu sein. Eigentlich wollte ich immer nur, dass alles gut ist. Und fieberte schon auf die nächste Gelegenheit, wo ich mal ein paar Minuten gefahrlos wieder was trinken konnte. Runter kommen, abschalten, druck raus nehmen. Und wenn ich genug intus hatte, dann sah ich auch wieder positiv in die Zukunft, ja irgendwie wird es schon werden.... dachte ich dann.....

    Ich riss mich zusammen so gut es ging und manchmal schaffte ich es sogar ein paar Wochen oder ein paar Tage ein neues, verändertes Familienleben hinzubekommen. So dass meine Frau wieder Hoffnung schöpfen durfte und ich etwas Ruhe hatte. Ich dachte ab und an mal darüber nach sie zu verlassen. Aber da waren ja meine von mir über alles geliebten Kinder - die konnte ich nicht verlassen, niemals.

    Dann war eben der besagte Tag an dem ich mich geoutet habe, ich felsenfest beschlossen hatte nie mehr zu trinken.

    Mit zunehmender Dauer meiner Abstinenz begannen meine Gedanken genau darum zu kreisen. Mein Hirn beschäftigte sich damit, welche Gefühle und welche Beziehung ich eigentlich noch zu meiner Frau habe. Ich hatte mir auch Hilfe geholt, psychologische und auch andere (ein Mönch half mir z. B. sehr) und auch dort versuchte ich über dieses Thema zu sprechen. Dort riet man mir, erst mal nicht alles hinzuschmeißen und meine Frau erst mal nicht einfach zu verlassen. Das nur auf Deine Frage ob man "dort" sowas gesagt bekommt.

    Aber ich bemerkte, dass ich allein für mich verantwortlich bin. Kein Psycholog, kein Mönch oder wer auch immer. Ich allein musste mein Leben leben und ich allein musste entscheiden, wie ich leben will, wer ich sein will, was ich von mir und meinem Leben erwarte.

    Du darfst mir glauben, dass das die intensivsten Wochen / Monate meines Lebens waren. Die Gedanken kreisten, es ging hin und her. Dazu kamen dann natürlich auch noch Gespräche mit meiner Frau und irgendwann war mir klar: Ich muss mich trennen!. Und zwar genau deshalb, weil ich trocken bleiben wollte. Ich habe meine Abstinenz zum wichtigsten in meinem Leben erklärt. Denn sollte ich jemals wieder trinken, ist alles aus. Es geht dabei natürlich um mein Leben, aber eben auch um das Wohlbefinden meiner Kinder, Geschwister usw. Alle denen ich etwas bedeute, alle hätten nur Nachteile wenn ich wieder trinken würde. Allen voran aber ich selbst.

    Für mich gab es keinen Neustart mehr - es war zuviel passiert. Zu schlecht war mein Gewissen, zu kaputt unser Vertrauensverhältnis. Und, wir hatten uns auch außeinander gelebt. Zurück ins alte Umfeld, ich war mir sicher, ich würde über kurz oder lang scheitern. Ich glaube ich wäre gescheitert. Ich musste erst mal wieder lernen für mich selbst verantwortlich zu sein - es hat, ich kann sagen, mehr als zwei Jahre gedauert, bis ich wieder einigermaßen ich war. Oder begann derjenige zu sein, der ich gerne sein wollte.

    Es war die Hölle, diese Entscheidung war die Hölle. Für mich aber auch für meine Frau und vor allem auch für meine Kinder. Ich musste sie aber so treffen.

    Heute bin ich wieder verheiratet. Bin nochmal Papa geworden und meine beiden anderen Kinder gehen bei uns ein und aus. Zu meiner jetzt Ex-Frau habe ich ein gutes, ich möchte sogar sagen ein sehr gutes Verhältnis. Ich unterstütze sie, wenn es nötig ist, wir können gut miteinander reden und sind sicher nicht der Prototyp von geschiedenen Eheleuten.

    Ich schreibe Dir das um Dir zu zeigen, dass es immer weiter geht. Und dass es auch mal positiv weiter gehen kann. Das alles hat ein Stück gedauert, ein ziemlich langes Stück. Ich habe viele Kröten geschluckt aber die waren es wert.

    Vielleicht kannst Du von meinem Geschreibsel etwas für Dich mitnehmen.

    Ach so und eines noch, aber etwas ganz wichtiges: Schuld an seiner Trinkerei hast Du ganz bestimmt nicht! Wie auch meine Frau keine Schuld an meiner Sauferei hatte. Ich halte es geradzu für schändlich, für ein "nasses" argumentieren, wenn man einem anderen die Schuld für die eigene Alkoholsucht gibt. Jeder Alki ist für seine Trinkerei selbst verantwortlich - Es sei denn es hätte ihm jemand den Alkohol mit Gewalt eingetrichtert, was wohl eher unzutreffend ist. Es ist halt schon recht einfach und bequem zu sagen "wenn Du nicht bla bla bla hätte ich nicht mit dem Saufen angefangen". Also vergiss es - Verantwortlich ist immer der Trinker selbst und deshalb kann auch nur er selbst etwas an seiner Situation verändern.

    Ich wünsche Dir auf jeden Fall alles alles Gute.

    LG
    gerchla

  • Jemanden anderes für meinen Alkoholismus verantwortlich zu machen, halte ich für falsch. Gut läßt es sich aber mit diesem Vorwurf erpressen.

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