klassische Suchthilfe

  • Hallo Mokka,

    mich stört der Begriff der Arbeit und hier insbesondere die Verbindung mit dem Wort lebenslang.
    Der Suchtausstieg und das anschließende suchtfreie Leben erfordert in meinen Augen weniger den Einsatz lebenslanger Kraft als vielmehr das einmalige Bewusstmachen der aus dem Ausstieg resultierenden Folgen und das anschließende Treffen einer endgültigen Entscheidung .
    Ob ich nun stets und immer achtsam mit mir umgehe, hat m.E. etwas mit meiner grundsätzlichen Einstellung zu mir und meinem persönlichen Wohlbefinden (ist also grundsätzlich gut) und nichts mit meinem Suchtausstieg und wie ich zu ihm stehe zu tun.
    Der Suchtausstieg war gut und richtig. Er wird nicht richtiger, wenn es mir besonders gut geht. Und er wird nicht weniger richtig, wenn es mir schlecht geht.

    Kurz: Ich halte diese Verknüpfung von persönlichem Wohlbefinden und Saufen bzw. Nichtsaufen für etwas, das man lösen und nicht stattdessen sogar noch weiter festigen sollte.

    V.G.
    Katro

    Einmal editiert, zuletzt von katro (29. Januar 2014 um 06:51)

  • Hallo Katro,

    ich denke, jetzt verstehe ich endlich, worauf du hinaus willst. Bisher hatte ich dich so interpretiert, dass du dich nicht darauf festlegen willst, keinen Alkohol mehr zu trinken, sondern "kontrolliert" trinken willst. Da lag ich falsch, oder?


    Der Suchtausstieg war gut und richtig. Er wird nicht richtiger, wenn es mir besonders gut geht. Und er wird nicht weniger richtig, wenn es mir schlecht geht.

    Kurz: Ich halte diese Verknüpfung von persönlichem Wohlbefinden und Saufen bzw. Nichtsaufen für etwas, das man lösen und nicht stattdessen sogar noch weiter festigen sollte.

    Mir scheint, dass sich bei vielen trockenen Alkoholikern sich ihr Leben so um dem Mittelpunkt "Alkohol vermeiden" dreht, wie es sich vorher um "Alkohol trinken" gedreht hat. So bleibt der Alkohol immer noch Mittelpunkt ihres Lebens.

    Das will ich für mich auf keinen Fall. Für mich soll das Thema Alkohol trinken abgehakt sein und fertig. Und es sieht so aus, als würde das bei mir funktionieren. Ich kann mich schon nach 3 Wochen gar nicht mehr richtig daran erinnern, wie es war, wenn ich etwas getrunken hatte...

    LG Walker

  • Ich spreche gar nicht von persönlichem Wohlbefinden - du interpretierst m.E. in all das, was dir nicht gefällt oder was gegen deine Überzeugung geht, etwas hinein.
    Natürlich geht es trockenen Alkoholikern nicht immer gut, wer das vom abstinenten Leben erwartet, hat nicht viel verstanden.

    Das auf sich achten und liebevoll mit sich umgehen ist m.E. und auch meiner Erfahrung nach einer der Schlüssel für ein abstinentes zufriedenes Leben. Das heiß nicht, dass es einem dadurch ständig prima geht, man alles richtig macht, jeder einen toll findet.

    Und wo ist der Unterschied zwischen einer endgültigen Entscheidung zum Suchtausstieg wie bei dir und der Entscheidung zur Abstinenz ( die im Idealfall auch lebensjang getroffen wird )?

    Und katro, wenn du denkst, du bist durch deine Entscheidung, die ja für dich das A und O aus dem Suchtausstieg ist (was sicherlich für den Ausstieg auch richtig ist) ein Leben lang gefeit, rückfällig zu werden, dann hast du m.E. vielleicht irgendwann ein großes Problem. Und das, was du behauptest, du hast diese Entscheidung getroffen, aus der Sucht auszusteigen und damit ist für dich der Fisch vom Tisch, scheint m.E. auch nicht ganz zu stimmen, dann müsstest du dich mit dem Thema ja nicht mehr beschäftigen.

  • Die "Entscheidung" und der "Wille" - da sind sie wieder, die Gespenster: Wer es nicht schafft, hat einfach nicht den Willen und nicht die Entscheidungsfähigkeit...

    Aber: Nach den neuesten Forschungen erscheint das Bewußtsein heute eher als eine "Kommentarfunktion" des Gehirns, die uns glauben läßt, mit unseren Entscheidungen etwas zu tun zu haben - und Entscheidungen fällt das Gehirn, bevor es uns dazu die passende Begründung liefert!

    Jeder Tag ist voll von Ereignissen, die uns zeigen, dass wir fast nie wissen, warum wir eine bestimmte Entscheidung so und nicht anders getroffen haben. In der Beziehung, im Beruf, in der Freizeit, beim Einkaufen, Autofahren - und dass wir uns oft dabei ertappen, uns gegen unseren "eigentlichen" Willen für oder gegen etwas entschieden zu haben.

    "Ich habe mich entschieden und damit basta" - funktioniert das wirklich? Immer und überall?

    Ich denke, dass es so nicht funktioniert und nicht funktionieren kann.

    LG

    Praxx

  • Hallo Praxx,

    wenn ich mich recht erinnnere, ist die These, dass das Gehirn Entscheidungen trifft, schon bevor sie das Bewußtsein erreichen, schon über 30 Jahre alt und ist stark umstritten (Libet-Experimente Ende der siebziger Jahre). Und sie betrifft lediglich spontane, kurzfristige Entscheidungen. Mit "Entscheidung zur Abstinenz" ist aber sicherlich keine spontane Entscheidung gemeint.

    LG Walker


  • "Ich habe mich entschieden und damit basta" - funktioniert das wirklich? Immer und überall?


    Ja.
    Es gehört zwar noch eine gewisse Einsicht und Freude auf das neue Leben ohne den Zwang der Sucht dazu.
    Aber letztendlich ist es eine Entscheidung.
    Zumindest ist/war es bei mir so.

    V.G.
    Katro

  • Noch mal zum Threadtitel an sich:

    So richtig groß mitreden kann ich bei diesem Thema nicht; ich nahm die klassische Suchthilfe bisher nicht in Anspruch. Ich weiß nur, dass sie bei meinem Vater mehrmals auf Dauer nicht geholfen hat.

    Was ich so lese und höre hat sich aber wohl seit damals nur recht wenig geändert.

    Manchmal, wenn es mir schlecht ging und ich mir ob meiner Alkoholproblematik Gedanken gemacht habe, dachte ich daran, meinen Hausarzt einzuweihen.

    Ich tat es nicht. Ich hatte Angst davor, als „krank“ abgestempelt zu werden. Ich mag diesen Ausdruck nicht. Ich fühlte/fühle mich nicht krank, eher .. entgleist. Mich dann ggf. aus meiner Umgebung herauszureißen, so krank abgestempelt in eine Therapie zu stecken .. das hätte mich - ich betone MICH - seelisch mit Sicherheit nicht geheilt. Und wenn dann vermutlich nur kurzfristig.

    Die Sache mit der kompromisslosen Abstinenz. Dem einen hilft es, der andere ist mit dieser Vorgabe von vornherein zum Scheitern verurteilt. Hier sollte es halt einfach mehr Möglichkeiten in der Suchthilfe geben. Es kann nicht jeder umgehen mit extremen Verboten und festgefahrenen Wegen, von denen man doch nur zu gut weiß, dass ein riesen Prozentsatz es damit nicht geschafft hat. Trotz meiner "Entgleisungen" und meiner angeblichen Kapitulation weiß ich z. B., dass ein absolutes Verbot für mich immer noch nicht der richtige Weg ist. Nur so, nur mit diesen Rückschlägen kann ich es verarbeiten, erkennen woran es liegt, wie es dazu kommt und mir immer bewusster werden, dass es Nonsens ist und man sich wohler ohne fühlt. Wer weiß, vielleicht ticken ja noch viel mehr so, bekommen aber keine entsprechende, auf sie selbst zugeschnittene Hilfe?

    Abschließend kann ich sagen, dass ich vielleicht dennoch zu einem Fachmann gegangen wäre, hätte ich von anderen Möglichkeiten gehört als eben .. den klassischen. So hatte ich davor nur besagte Angst.

    Diese, bereits im Vorfeld vorhandene Angst sollte genommen werden, damit Betroffene nicht erst zum Arzt wanken, wenn sie buchstäblich bereits in der Gosse liegen. Wie? Fragt mich was leichteres :(

    Vielleicht schaffen wir ja aber mit diesem Forum einen Anfang, es finden ja sicher noch mehr hier her und die Meinungen und Diskussionen regen schon zum Nachdenken an *lächelt*

    Einmal editiert, zuletzt von Hupskatze (30. Januar 2014 um 16:50)

  • Hallo Praxx,


    Die "Entscheidung" und der "Wille" - da sind sie wieder, die Gespenster: Wer es nicht schafft, hat einfach nicht den Willen und nicht die Entscheidungsfähigkeit...

    Ich glaube nicht, dass es so einfach ist.

    Die Entscheidung, weniger zu trinken oder -wie bei den meisten der klassisch Aussteigenden- überhaupt nichts mehr trinken zu wollen, erfolgt ja. Und auch der Wille ist da.

    Das Problem liegt m.E. darin, dass diese Entscheidung in bestimmten Situationen zur Disposition gestellt wird. Das hat nichts mit mangelnder Willenskraft zu tun, sondern damit, dass man das Kapitel Saufen im Kopf und Herz nicht endgültig beendet hat, so dass es im Gehirn weiter ticken kann.

    Klar, man kann dieses Ticken auf wunderbare Weise mit dem allmächtigen Suchtgedächtnis erklären.
    Da ich diese Allmacht weder in Bezug auf das Nikotin als auch auf den Alkohol spüre, bleibt für mich als Erklärung für Rückfälle nur die These, dass hier Entscheidungen revidiert werden. Man will jetzt eben etwas anderes als vor einigen Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren. Die Gründe für dieses Umentscheiden sind unterschiedlich, die Folgen meist gleich, nämlich Schuldgefühle usw.

    Ein anderer Erklärungsansatz könnte sein: Vielleicht wollte man nie etwas anderes als saufen, hat sich diesen eigentlichen Wunsch aber irgendwann versagt, weil das Saufen ja nicht nur Vorteile, sondern gravierende Nachteile mit sich brachte, die schließlich überhandnahmen.

    V.G.
    Katro

  • Ich möchte noch etwas ergänzen, was ich zwar immer im Kopf habe und was deshalb auch immer meinen Beiträgen zugrunde liegt, aber nicht immer aufs Neue offensichtlich wird.
    Wenn ich von einer Entscheidung spreche, ist damit natürlich nicht einfach nur gemeint, dass ich von jetzt auf gleich einfach nur beschließe, keinen Alkohol mehr zu trinken und dann augenblicklich suchtfrei bin.

    Eine solche Entscheidung vollzieht sich nicht im luftleeren Raum, sondern sie basiert auf einer Erkenntnis.
    Bei mir ist es die Erkenntnis, dass Drogen -das gilt sowohl für Zigaretten als auch für Alkohol- in meinem bereits gelebten Leben langfristig nur Negatives bewirkten und das deshalb mit Sicherheit auch in der Zukunft tun werden.
    Nach einer solchen Erkenntnis muss ich keinen großen Willen aufwenden, um mich von diesen Dingen zu verabschieden. Ich muss den körperlichen und psychischen Entzug durchstehen. Das mit der Psyche kann zwar eine Weile dauern. Aber wenn ich mir immer wieder bewusst mache, dass es sich bei den auftretenden Problemen letztendlich um die Nachwirkungen einer Droge handelt, muss ich keinen unbändigen Willen besitzen, um immer wieder nein sagen zu können.

    Katro

    Einmal editiert, zuletzt von katro (1. Februar 2014 um 11:10)

  • Mhm, ja. Aber eines musst du bedenken .. diese Erkenntnis, dass Alkohol langfristig nur Negatives bewirkt, die haben auch andere, auch die mit den Extremrückfällen und dem totalen "Abstinenz-Alkohol-ist-böse und ich MUSS jeden Tag dagegen ankämpfen"-Denken.

    Jedes Hirn funktioniert hier anders. Der Grundgedanke ist gut, den habe ich ja auch inne. Dennoch hatte ich ein paar Extremsuffe TROTZ dieser Erkenntnis. Und so geht es sicher auch vielen anderen. Man sollte nicht davon ausgehen, dass dieser von dir erreichte Zustand einer ist, den jeder erreichen kann, auch wenn er sich noch so richtig und noch so gut anfühlt.

    Und glaube mir, manche müssen diesen unbändigen Willen besitzen, um immer wieder nein zu sagen, trotz besagter Erkenntnis, weil halt jeder Mensch anders tickt *nickt* (das reimt sich)

  • Der Schlüssel für dieses Verhalten findet sich im Phänomen "Craving" - durch den langdauernden Alkoholkonsum verändern sich Rezeptoren, chemische Schalter im Belohnungssystem des Gehirns, so dass durch fehlende Alkoholzufuhr das innere Gleichgewicht noch Jahre über die Einstellung des Alkoholkonsums hinaus gestört bleibt. Das Gehirn erinnert sich genau, welche Verhaltensweisen dieses Gleichgewicht wieder herstellen können, und sorgt dafür, dass Gedanken an Alkoholkonsum immer wieder auftauchen. Je weiter wir uns vom Zustand des Wohlbefindens entfernen, desto intensiver werden diese Gedanken, Bilder und Vorstellungen. Diese Prozesse können willentlich nicht kontrolliert werden.
    Es gibt ein "Messinstrument" dafür, ihr könnt den Test hier
    http://cravex.eu/diss/ocds_g.pdf herunterladen.
    ACHTUNG: Die Testergebnisse dienen dazu, im Verlauf Veränderungen des Cravings festzustellen! Es gibt keine Schwellenwerte oder dergleichen, es gibt keine sicheren oder gefährlichen Werte! Einfach öfter mal für sich selbst ganz ehrlich diesen Test machen, dann kann er helfen, herauszufinden, welche Situationen oder Prozesse bei euch das Trinkverlangen erhöhen oder vermindern.

    LG

    Praxx

    P.S. Baclofen kann das innere Gleichgewicht ohne Alkoholzufuhr wieder herstellen und damit das Craving, also das "sich immer wieder mit Alkohol beschäftigen müssen", beseitigen.


  • Das Gehirn erinnert sich genau, welche Verhaltensweisen dieses Gleichgewicht wieder herstellen können, und sorgt dafür, dass Gedanken an Alkoholkonsum immer wieder auftauchen. Je weiter wir uns vom Zustand des Wohlbefindens entfernen, desto intensiver werden diese Gedanken, Bilder und Vorstellungen. Diese Prozesse können willentlich nicht kontrolliert werden.

    Dass die Erinnerung nicht willentlich kontrolliert werden kann, stelle ich nicht in Frage. Insbesondere in der ersten Zeit entsteht auf diese Weise Suchtdruck.

    Jetzt gibt es m.E. aber mindestens zwei Möglichkeiten des Handelns: Die eine ist medikamentös, die andere besteht in der Akzeptanz dieser Gedanken, Bilder und Vorstellungen als Nachwirkungen einer Droge.

    Wenn der Druck zu groß ist, halte ich die medikamentöse Unterstützung für absolut sinnvoll. Wenn ich es aushalten kann, dann halte ich es aus und mache mir gleichzeitig klar, dass die Gedanken, Bilder und Vorstellungen meines Gehirns letztendlich falsch sind und mit einem echten Zustand des Wohlbefindens nicht das Geringste zu tun haben.

    Und so werde ich von Mal zu Mal stärker im Neinsagen.

    Katro

    Einmal editiert, zuletzt von katro (2. Februar 2014 um 13:55)


  • Und so werde ich von Mal zu Mal stärker im Neinsagen.

    *lächelt* .. davon bin ich überzeugt, da ich es an mir selber sehe.


    Wenn ich es aushalten kann, dann halte ich es aus und mache mir gleichzeitig klar, dass die Gedanken, Bilder und Vorstellungen meines Gehirns letztendlich falsch sind und mit einem echten Zustand des Wohlbefindens nicht das Geringste zu tun haben.

    Wenn man das also schafft, ohne Medikamente zu erkennen, wie falsch die Bilder sind, um so besser. Denn was, wenn es nur anders geht und man setzt die Medikamente irgendwann ab? Dann muss man ggf. von vorne anfangen und erkennt vielleicht, dass es NUR mit den Pillen geht. Auch nicht gut.

    Aber wie bereits gesagt, jeder Mensch tickt anders und mancher ist innerlich stärker als der andere. Dennoch sollte man m. E. nicht gleich mit Medikamenten winken, sondern auch andere Wege aufzeigen.

    Einmal editiert, zuletzt von Hupskatze (2. Februar 2014 um 11:16)


  • Mir scheint, dass sich bei vielen trockenen Alkoholikern sich ihr Leben so um dem Mittelpunkt "Alkohol vermeiden" dreht, wie es sich vorher um "Alkohol trinken" gedreht hat. So bleibt der Alkohol immer noch Mittelpunkt ihres Lebens.

    Das will ich für mich auf keinen Fall. Für mich soll das Thema Alkohol trinken abgehakt sein und fertig.

    Für mich klingt das so, als müsste ich den ganzen Tag mit dem Mantra "Ich bin Alkoholiker und darf/will nicht mehr trinken! Der Alkohol ist Teufelswerk!" vor mich hin betend durch die Gegend laufen, weil ich für mich auf Grund der klassischen Suchthilfe festgestellt habe, dass ich tatsächlich Alkoholiker/alkoholabhängig bin. Und ich der Überzeugung bin, nur auf Grund meiner regelmäßigen Gruppenbesuche und ständigen Beschäftigung mit dem/meinem Thema bislang über 6 Jahre zufrieden trocken bin.

    Aber ich gehe ganz normal arbeiten, habe ein Familienleben, Hobbys und, und, und ...
    Für mich heißt "sich mit dem Thema beschäftigen", sich z.Bsp. erinnern: Früher hätte ich dieser oder jener Situation (die ich gerade durchlebe) höchstwahrscheinlich zur Flasche gegriffen. Früher hätte ich gar nicht bewusst wahrgenommen, wie schön die Wolken/Blumen/was weiss ich aussehen, weil ich fast ständig im Dschumm und wie in Watte eingepackt war. Früher wollte meine Tochter nicht mit mir kuscheln/spielen - weil Papa "stinkt", nicht mehr richtig laufen kann.
    Und mir dann zu sagen: "Tschaka - aber heute kriege ich es voll mit und brauche den Alk nicht! Ich kann die schönen Momente geniessen - und Probleme mit einem klaren Kopf angehen!"
    Ich freue mich jede Woche wieder auf den Gruppenabend, auf die Gespräche, das Treffen mit den "alten Hasen", die dort seit dem Beginn meiner Trockenheit schon waren oder im Laufe der Zeit dazugekommen sind. Ich freue mich darauf, Menschen dort zu treffen, an deren Entscheidung zur und dem Weg in die Trockenheit ich auch einen kleinen Anteil (z.Bsp. meine Krankenhausvorstellungen) habe.

    Und ohne die "klassische Suchthilfe" (Entzug im Krankenhaus, Therapie, Selbsthilfegruppe) hätte ich es nicht geschafft. Und ich habe es versucht :-[

    Für mich hat ist der Satz, den ich mal irgendwo gelesen habe, eine Erkenntnis:

    „Sich von der Sucht lösen kann nur der Süchtige alleine – doch alleine schafft er es nicht!“

    Und dass der eine oder andere auch schlechte Erfahrungen mit einem Arzt, Therapeuten oder auch einer Suchtberatungsstelle macht - ich bin trotzdem der Meinung, dass die Mehrzahl eine (für die jeweiligen Verhältnisse) hervorragende Arbeit leistet. Na klar, schlechte Beispiele eignen sich hervorragend, sie hervorzuheben.
    Aber: sind diese die Mehrheit, die Regel?? Ich denke nicht.

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

    Uns aus dem Elend zu erlösen

    können wir nur selber tun!

    Einmal editiert, zuletzt von Greenfox (14. September 2014 um 04:15)

  • Für mich klingt das anders, nämlich so, als ob es viele Alkoholiker nicht schaffen, in Kopf und Herz wirklich mit ihrer Sucht abzuschließen. Es scheint bei Vielen so zu sein, dass sie sich letztendlich misstrauen und davon ausgehen bzw. befürchten, wieder zu trinken, wenn sie sich nicht ständig überwachen oder in einer SHG von Anderen überwachen lassen. Es hört sich zwar logisch an, dass ein SHG-Besuch notwendig ist, um Veränderung im Denken/im Standpunkt zur Sucht rechtzeitig zu erkennen. Aber warum soll sich eine solche Veränderung ergeben, wenn man die Entscheidung, nicht mehr zu trinken, aus der Erkenntnis heraus getroffen hat, dass der Suff vom eigentlichen Leben mit seinen Höhen und Tiefen abschneidet?

    Wer gerne zur SHG geht, um anderen zu helfen, die noch nicht so weit wie man selbst gekommen sind, oder um mit Menschen, die man schätzt, die Freizeit zu verbringen, der soll das gerne tun. Ist ja nichts Schlechtes, sondern kann sehr erfüllend sein. Schlecht oder nicht sonderlich konstruktiv ist in meinen Augen, wenn das jeweilige Gruppenmitglied der Meinung ist, ohne die Gruppe nicht auf dem eingeschlagenen Weg bleiben zu können. Das zieht runter, weil es ein Selbstbild erzeugt, das einen Menschen zeigt, der sich selbst nicht vertrauen kann.

    Für den Vergleich „Leben im Suff“ und „Leben in Klarheit“ ist m.E. keine krampfhaft herbeigeführte Erinnerung nötig. Die kommt von alleine hoch. Und zwar täglich.
    Solche Momente sind unglaublich beglückend. Ich glaube, dass nur derjenige sie wirklich genießen kann, der wirklich mit der Sucht abgeschlossen hat und nicht -wie viele sich selbst unterstellen- mit fliegenden Fahnen untergehen und wieder saufen würde, wenn er sich nicht durch Gruppenbesuche usw. auf Spur halten würde. Denn derjenige hat immer im Hinterkopf, dass es noch etwas Schöneres gibt: Nämlich das Saufen.

    Deswegen glaube ich auch, dass der Satz

    „Sich von der Sucht lösen kann nur der Süchtige alleine – doch alleine schafft er es nicht!“

    nicht uneingeschränkt richtig ist. Wem es gelingt, sich auf ein suchtfreies Leben zu freuen und den Weg dahin als Sammlung von Erfahrungen zu begreifen, der wird sich m.E. von seiner Sucht lösen und anschließend suchtfrei leben.

    Katro

    Einmal editiert, zuletzt von katro (14. September 2014 um 08:27)


  • Denn derjenige hat immer im Hinterkopf, dass es noch etwas Schöneres gibt: Nämlich das Saufen.

    Und selbst wenn es so wäre, dass es einige Alkoholiker in den SHGs gibt, die nicht so erleuchtet sind wie Du. Selbst wenn.... Dann bleiben viele von ihnen dennoch Jahre oder Jahrzehnte glücklich nüchtern. Und ich denke, darauf kommt es an. Manche mögen noch einen Verlustschmerz empfinden, dann und wann, bei gelegentlichen Situationen. Dennoch sind sie überwiegend froh, dass sie widerstehen und bei ihrem Entschluss für ein trockenes Leben bleiben können, auch mit Hilfe der Selbsthilfegruppe. Aber was ist daran so schlimm? Wir sind keine Helden und keine Heiligen, die komplett und total genesen. Zumindest die meisten nicht.

    Früher habe ich alles rein psychologisch, ja manchmal auch esoterisch, gesehen. Es zieht mich immer mehr zu wissenschaftlichen Fakten. Vielleicht ist es kein wissenschaftlicher Fakt, dass man nur trocken werden oder bleiben kann, wenn man Selbsthilfegruppen besucht. Das mag vielleicht ein Dogma sein. Aber Tatsache ist auch, dass eine Sucht Spuren im GEHIRN hinterlässt und dass es keine RESET-Taste gibt. Die Sucht ist irgendwo eingebrannt - und das ist meines Erachtens auch der Grund, warum immer wieder davon gesprochen wird, dass Alkohol eine Krankheit ist, die man nicht heilen, die man aber stoppen kann.

    Du bist wohl stolz darauf, katro, keine Selbsthilfegruppe zu "brauchen". Da sage ich ohne Zynismus: "Glückwunsch". Aber ich finde, man sollte den Menschen Respekt entgegenbringen, die auf sich achten, indem sie sich immer wieder damit konfrontieren. Es ist doch so, wie Greenfox es schrieb: Man rennt ja als trockener Alkoholiker nicht ständig herum und denkt Tag und Nacht an seine Krankheit.

    Übrigens gibt es - gerade bei den AA - Menschen, die etwas noch viel schöner finden als Rausch und Suff: Die Gesellschaft von AUFRICHTIGEN Menschen. In unserer Gesellschaft erleben wir eine oberflächliche Small-Talk-Mentalität. In Selbsthilfegruppen kann man ohne Maske sein. Und das tut Leuten gut, die sich ihr halbes Leben lang verstecken mussten.

    Pinguin

    „Erfolg ist nicht auf Erfolg aufgebaut. Er ist auf Fehlern aufgebaut. Er ist auf Frustration aufgebaut. Manchmal ist er auf Katastrophen aufgebaut.“

  • Pingu - ich stimme Dir voll zu. Aaaber:

    Übrigens gibt es - gerade bei den AA - Menschen, die etwas noch viel schöner finden als Rausch und Suff: Die Gesellschaft von AUFRICHTIGEN Menschen. In unserer Gesellschaft erleben wir eine oberflächliche Small-Talk-Mentalität. In Selbsthilfegruppen kann man ohne Maske sein. Und das tut Leuten gut, die sich ihr halbes Leben lang verstecken mussten.

    Warum gerade bei den AA? Bei den (meisten) anderen Gruppen ist es doch genauso! Oder nicht?

    Und, katro:


    Für mich klingt das anders, nämlich so, als ob es viele Alkoholiker nicht schaffen, in Kopf und Herz wirklich mit ihrer Sucht abzuschließen. Es scheint bei Vielen so zu sein, dass sie sich letztendlich misstrauen und davon ausgehen bzw. befürchten, wieder zu trinken, wenn sie sich nicht ständig überwachen oder in einer SHG von Anderen überwachen lassen. Es hört sich zwar logisch an, dass ein SHG-Besuch notwendig ist, um Veränderung im Denken/im Standpunkt zur Sucht rechtzeitig zu erkennen. Aber warum soll sich eine solche Veränderung ergeben, wenn man die Entscheidung, nicht mehr zu trinken, aus der Erkenntnis heraus getroffen hat, dass der Suff vom eigentlichen Leben mit seinen Höhen und Tiefen abschneidet?

    Wer gerne zur SHG geht, um anderen zu helfen, die noch nicht so weit wie man selbst gekommen sind, oder um mit Menschen, die man schätzt, die Freizeit zu verbringen, der soll das gerne tun. Ist ja nichts Schlechtes, sondern kann sehr erfüllend sein. Schlecht oder nicht sonderlich konstruktiv ist in meinen Augen, wenn das jeweilige Gruppenmitglied der Meinung ist, ohne die Gruppe nicht auf dem eingeschlagenen Weg bleiben zu können. Das zieht runter, weil es ein Selbstbild erzeugt, das einen Menschen zeigt, der sich selbst nicht vertrauen kann.

    Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, auf diese abstrusen Verschwörungstheorien nicht mehr einzugehen. Aber:

    Was soll dieser komplette Blödsinn (sorry, aber anders kann ich es nicht nennen!!), dass man in SHGs überwacht wird?? Dass man in SHGs geht, nur um eine Veränderung im Denken zu erreichen?? Dass man, wenn man SHGs besucht, ein Mensch ist, der sich nicht selbst vetraut/vertrauen kann??
    Das ist, mit Verlaub gesagt, gequirlter geistiger Dünn...!
    Ich und die meisten anderen besuchen die Gruppen, weil sie zumindest in der Anfangsphase Halt geben, Mut machen (in persönlicher und nicht nur schriftlicher, theoretischer Form), Hilfe geben.

    Was heisst, ich kann mir nicht selbst vertrauen?? Wer wenn nicht ich kennt sich am Besten? Ich habe - wie viele andere auch - erlebt, wie schnell sich der Verstand "ausschaltet"! Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, nicht zu trinken.
    Die meisten, die eine SHG besuchen, brauchen auch keine "Veränderung des Geistes" - sie brauchen genau das, was ich zuvor beschrieb: Halt, Mut, Rat.
    In der Gruppe wird niemand "überwacht" - ich frage mich, wo man solchen Bockmist zu kaufen kriegt??
    Wenn wir merken, dass jemand Probleme hat, dann wird darüber gesprochen. Jeder schildert seine Erfahrungen - und derjenige kann sich aus diesen Erfahrungen und Ratschlägen herausnehmen, was er will. Okay, und wie soll jemand in Gruppen wie den AAs überwacht werden? Wenn man da nix auf den Tisch packt, gibt es auch nix zu "überwachen".

    Ja, es gibt Menschen, die kommen auch ohne SHG klar. Und wenn Du dazu gehörst, dann ist das schön. Aber manchmal frage ich mich, ob Du jemals eine Gruppe besucht hast (habe es vielleicht überlesen, da Du ja nur gegen Gruppen wetterst). Und wenn, dann wahrscheinlich nur ein einziges Mal, weil diese Gruppe dann nicht zu Dir gepasst hat bzw umgekehrt.

    Mist, nun hast Du mich doch aus der Reserve gelockt :-\ Aber das musste ich unbedingt loswerden.

    Gruß
    Greenfox

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

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    können wir nur selber tun!

  • Zum Thema "Überwachen" Greenfox:

    was ich jetzt sage ist sicherlich die Ausnahme, aber ich habe es so erlebt: ich war bei AA, anschließend auf dem Heimweg, bin zu einer Tankstelle rein, um mir Zigaretten zu kaufen. Am Ausgang steht ein AA-Mitglied und sagt zu mir: "Ich dachte, du kaufst dir such bei AA.

    Nichts für ungut, es war genau so.

    Carmen

  • Okay, das ist natürlich nicht so prickelnd.
    Nur: "Überwachung" - oder Zufall (dann war seine "Ansprache" aber zumindest ungeschickt).
    Und: Einzelfall - oder "normal"? Ich gehe mal von Ersterem aus. Denn etwas, wie Du es beschrieben hast, habe ich zuvor noch nicht gehört. Zumindest nicht von "normalen" SHG.
    Bei Synanon soll es allerdings soetwas geben. Aber bei denen wird das auch glasklar in den "Statuten" gesagt: jede Form von Drogen (auch Kaffee :-\ :o) sind nicht erlaubt. Und das ist in diesem Sinne auch keine SHG, sondern so eine Art "betreutes Wohnen und arbeiten".

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