Danke euch AmSee13 13 und Sparkassen_Helga assen_Helga für die wichtigen Einwände. Ich lese bei euch vor allem die Sorge vor einer Suchtverlagerung und die Kritik am modernen „Selbstoptimierungs-Wahn“ heraus. Dennoch möchte ich hier differenzieren: Denn zwischen einer zwanghaften Flucht in die Leistung (aus Mangel) und einer aktiven Lebensgestaltung (aus Fülle) verläuft eine entscheidende Grenze.
Kommen wir einmal zum Vorwurf des ‚Selbstoptimierungswahns‘: Wenn ich mir die nüchternen Statistiken des Bundesamtes ansehe, komme ich anhand der Gesundheitsdaten – quer durch die Bank, aber besonders bei Männern – zu einem zwangsläufig anderen Schluss: Unsere Gesellschaft könnte ganz dringend ein bisschen mehr ‚Selbstoptimierung‘ vertragen. Denn was wir aktuell da draußen als ‚Normalität‘ oder ‚guten Durchschnitt‘ akzeptieren, gleicht statistisch gesehen eher einem kollektiven ‚Verfallswahn‘.
Und das Ganze wird dann gerne – Stichwort Social Media – unter dem Deckmantel von ‚Body Positivity‘ verkauft. Das ist für mich die toxische Kehrseite der Medaille: Wenn Selbstakzeptanz dazu führt, dass wir massive gesundheitliche Risiken einfach schönreden.
Ich finde es schwierig, dass ein gesteigerter Aktivitätsbereich sofort negativ konnotiert wird. Klar, auch im Sport gibt es massive Ausreißer – Leute, die dopen oder Schmerzmittel nehmen. Das ist ungesund, keine Frage. Aber schauen wir doch mal auf die andere Seite: Da ist gerade eine berühmte Spritze schwer angesagt, um jahrzehntelangen ungesunden Konsum einfach ‚wegzuspritzen‘. Ich kenne mittlerweile mehr Leute, die sich Chemie in den Bauch jagen, anstatt ihre Lebensweise aktiv zu verändern. Da frage ich mich: Was ist hier das krankere Verhalten?
Und zum Thema ‚Suchtverlagerung‘: Ich habe keine validen Daten gefunden, die belegen, dass eine signifikante Masse an ehemals substanzabhängigen Menschen plötzlich sportsüchtig wird. Ich würde wetten: Die Zahl ist verschwindend gering. Dagegen ist die Zahl derer, die aus Langeweile, fehlender Struktur und körperlichem Unwohlsein rückfällig werden (zurück zur Flasche), vermutlich um ein Vielfaches höher als die derer, die sich ins Burnout trainieren. Wir sollten also aufpassen, dass wir vor lauter Angst vor dem ‚Zuviel‘ nicht das lebensrettende ‚Genug‘ verhindern.
Was ich in meiner Blase beobachte, ist, dass die Argumente, etwas NICHT zu tun (insbesondere aktiven Sport), oft schwerer wiegen, als etwas zu tun. Der Grund liegt oft in der Angst, die Komfortzone wirklich zu verlassen.
Ich stehe aber zu meiner strukturierten Bewegung. Und ja, dazu gehört auch bewusst das „Über-die-Grenzen-Gehen“. Seinen „Sport“ durchzuziehen, auch wenn das Wetter schlecht ist, ist ein extrem wichtiger Lerneffekt für den ganzen Körper – nicht ungesund, sondern heilsam: Wir reden hier von mentaler Stärke und Resilienz. Wir reden hier von Antrieb und Überwindung.
Gerade und INSBESONDERE bei suchterkrankten Menschen sehe ich das als eine extrem wirkungsvolle Umlenkung. Nach teils Jahrzehnten des erlebten Kontrollverlusts auf maximaler Ebene, das Gefühl zu haben, endlich wieder KONTROLLE zu haben, ist eine wertvolle, wirksame, synaptisch hocheffektive Erfahrung.
Zu „Create your best self“: Vor diesem Hintergrund finde ich den Satz gar nicht schlimm. Im Gegenteil. Jeden Tag den Anspruch zu haben, ein wenig besser zu werden ... oder sagen wir es weicher: Jeden Tag den Anspruch zu haben, ein wenig positiv zu WIRKEN, finde ich einen sehr erstrebenswerten Ansatz. Wenn wir das alle machen würden – und zwar aus einem positiven, sozialen, intrinsischen Ansatz –, wäre unsere Gesellschaft ein Stück besser.
Aber oft bleiben wir lieber in der Stagnation und warten, ob eine Lösung an die Tür klopft. Anstatt auf der Couch zu sitzen und – überspitzt gesagt – dem Weihnachtsmarkt hinterherzutrauern. Denn warum trauern wir dem Weihnachtsmarkt hinterher? Ist es zwangsläufig der Alkohol? NEIN, ich denke nicht. Es ist die Verbindung, die über den Alkohol geschmiedet wird. Soll man sich deswegen aus der Gesellschaft zurückziehen? Nein. Der Körper strebt nach Glück, Anerkennung, Endorphinen. Die muss ich ihm geben, sonst lande ich nicht in der Sportsucht, sondern schnell in Depression und Einsamkeit.
Das ist jetzt vielleicht ein wenig zugespitzt formuliert, aber die Muster stimmen. Es hängt immer noch, wenn man süchtig war, dieses Handtuch des Büßertums über der Sucht. Man darf nicht zu laut, zu stark, zu erfolgreich sein. Dieses Handtuch gehört endlich mal weggezogen!“
Und jetzt ein ganz konkretes Beispiel aus dem Hier und Jetzt: Ich sitze hier gerade auf der warmen Couch, einen Kaffee in der Hand, und tippe diese Zeilen. Die Uhr tickt. Es ist gerade sehr gemütlich und warm.
Habe ich jetzt akut Lust, auf meine Matte vor mir zu gehen und mich hier 15-20 Minuten durchzubewegen? Nein, habe ich nicht. Ich habe null Bock drauf.
Aber wenn ich den Schlendrian jetzt kommen lasse und nicht auf die Matte gehe – was kein ‚Selbstoptimierungswahn‘ ist, sondern Selbstwirksamkeit und der nötige Ausgleich zum Sitzen im Büro –, dann mache ich einen Schritt rückwärts.
Ich habe es in diesem Augenblick selbst in der Hand. Der Schweinehund flüstert: ‚Komm... noch ein Käffchen, Kogge... bleib sitzen.‘ Meine Antwort: Nein. Denn genau diese Stimme der Bequemlichkeit hat mich damals woanders hingeführt.
Ich gehe lieber auf die Matte und genieße eine Entscheidung FÜR mich. Und genau darum geht es: Aktiv handeln. Und auf meiner Liste des Tages habe ich einen Haken gemacht: Der aktiven Selbstfürsorge.
Schönen Tag Euch!