Ich kann mit meinen Eltern keinen Frieden finden. Wie soll das gehen. Sie haben mir nichts gegeben. Keine Liebe, kein Urvertrauen, keine Perspektive. Daran sind sie objektiv schuld.
Trotzdem sehe ich mich selbst immer in der Verantwortung für meine Entscheidungen. Als erwachsener Mensch entscheide ich, was ich lernen möchte, wie ich leben möchte, wen ich lieben möchte.
Bei der Sucht finde ich die Schuldfrage schwieriger. Wer ist schuld an der Sucht? Meine Eltern nicht. Als Erwachsener treffe ich meine Entscheidungen selbst. Also bin ich schuld? Ich habe mich aber nicht dazu entschieden süchtig zu werden.
Ist vielleicht die Sucht schuld?
Die Idee des freien Willens halte ich für einen Irrtum. Ich hatte letztens zum Einschlafen die Doku über Bryan Johnson, dem Millionär, der sein Altern aufhalten möchte, angeschaut. Ohne auf den Inhalt einzugehen, fand ich eine Aussage von ihm bemerkenswert. Er sagte sinngemäß: der freie Wille sei nicht sein Freund. Wenn er einfach das tut, was sein vermeintlich freier Wille ihm vorschlägt würde er sich schlecht ernähren und keinen Sport machen (und glauben, dass es das sei, was ER gerne machen möchte und ihm gut tut).
Etwas inhaltlich ähnliches hatte ich schon vor langer Zeit in einer Arte-Doku gesehen. Es war eine Doku über das Mikrobiom - also alle Mikroben, die im Darm rumschwimmen. In einem Tierversuch hatte man das Mikrobiom von Mäusen verändert. Die Mäuse fühlten sich zu Katzen sexuell hingezogen und zeigten keine Furcht mehr. Ich fand das sehr interessant, weil die Bakterien also in der Lage waren Überlebensinstikte zu überlisten. Dieser Versuch sollte die Darm-Hirn-Achse veranschaulichen (Bauchgehirn). Also auch die Idee, dass der freie Wille eine Illusion ist und wir nur von unseren Darmbakterien gesteuert werden. Man spricht ja auch von Bauchentscheidungen. (Es gibt bei Wildtieren übrigens auch Parasiten, die etwas ähnliches verursachen, vielleicht schreibe ich dazu irgendwann mal was).
Ich glaube sehr stark daran, dass wir alle ein Stück weit Opfer unserer Hormone sind (und sicherlich auch der Darmbakterien). Da ich selbst auch eine Hormonstörung habe, kenne ich den Unterschied von "genügen Hormone da" und "Hormonmangellage" sehr gut. Ich bin einfach ein komplett anderer Mensch. Ich fühle und denke jeweils anders. Und selbst mein Zyklus verändert mich, weshalb ich je nach Zykluslage bestimmte unternehmerische Entscheidungen nicht treffe, bzw. verschiebe.
Jetzt aber wieder zurück zur Sucht. Wer steuert eigentlich meinen Suchtdruck? Das sind auch Hormone, Neurotransmitter - irgendeine biochemische Brause in unserem Körper. Vielleicht sind in unserem Körper "die Biochemie", der vermeintlich "freie Wille" und zusätzlich man selbst, also das "Ich" - also drei in eins. Die Kunst ist jetzt alle voneinander zu unterscheiden. Es ist zu einfach zu sagen, dass man das Glas ja immer selbst an den Mund geführt hat und deshalb selbst schuld ist, vielleicht war es das Mikrobiom - das auch den Mäusen gesagt hat "Katzen sind Deine Freunde" oder der adipösen Essgestörten, die nach 10 Stück Kuchen zwar intellektuell weiß, dass das nicht gut ist, aber trotzdem nicht aufhören kann.
Es ist eine große Leistung sich den Suchtschreihälsen im eigenen Körper entgegenzustellen und zu sagen: ich gehe einen anderen Weg, als Du mir vorschlägst. Man sollte die erfolgreiche Loslösung von einer Sucht nicht unterbewerten.