Erfahrungsbericht Stammkneipe
Meine Stammkneipe war eine Ecke weiter.
Da sie irgendwo zwischen Wohn- , Industriegebiet und Verbindungsstrasse lag war die Speisekarte weit über "Gulaschsuppen Bockwurst Käsebrot" Niveau.
Es war ein älteres Gebäude mit so einem kleinen Vorraum wo ein Bestellfenster mit Klingel war. Hier hatte der Wirt mit Mitnehmgetränken, Schnellgerichten und Eiscreme ein paar zusätzliche Einnahmen.
Im Gastraum gleich neben der Theke war der Stammtisch. Es war üblich beim Kommen dreimal auf den Tisch zu klopfen. Obwohl ich die Regionen von Rhein über Donau bis zur Elbe kennengelernt habe, weiss ich nicht ob das überall so der Brauch ist. Für ein anderes Ritual stand die Stammtischglocke zur Verfügung.
Das Lokal öffnete um zehn Uhr. Immer zu finden war ein ziemlich origineller Rentner, der Mundartgedichte zum besten gab, zuweilen auch auf einer Mundharmonika spielte. Er ass hier jeden Tag zu Mittag und wenn er mal nach Hause ging hatte man eher das Gefühl das er sein Zuhause verliess.
Da waren die Selbstständigen, die mittags ihren Laden zuschlossen und ihre zweistündige Mittagspause in der Kneipe verbrachten.Nach Ladenschluss waren sie selbstverständlich auch wieder da.
Ein Arbeiter, der alleinerziehend war, brachte immer seine Neunjährige mit. Sie sass dann am Tisch bei Cola und Süssigkeiten und durfte die Musikbox füttern. Drück die Nr... hiess es dann immer. Der Nikotinrauch war zum Schneiden.
Die Nebentische waren besetzt von Gästen, die nicht so oft kamen und abends von einer Werbekolonne, die in der Nähe ihr Domizil hatte. Ein ziemlich harter Haufen. Sie hielten den Pool besetzt.
Eine meiner Besonderheiten war die Bezahlung.Ich konnte zwar eventuell an einem Pub vorbeigehen, doch wenn ich Blut geleckt hatte blieb ich auch bis zum Ende, sprich der Polizeistunde. Ich bezahlte im Lauf des Abends mehrmals. Vielleicht störte mich der Gartenzaun oder ich spielt unbewusst: Ich kann jederzeit aufhören.
Viele vom Stammtisch spielten Dart. Ich nicht!?! Ich mochte die schnellen Hinrichtungen nicht. Alle paar Minuten eine Runden Schnaps. Es ist mir fast ein Rätsel wie meine Stammtischbrüder und -schwestern dann morgens mit Fahne an ihren Arbeitsplatz auflaufen konnten. Nicht einmalig sondern durch die ganzen Jahre ständig verkatert im Job. Das waren Arbeiten im Krankenhaus, Pflege der Patienten oder im Büro mit Publikumsverkehr.
Fleischer kam eines Abends wütend an. Er hatte auf die Vorhaltungen seiner Frau so reagiert, das er dem lebendigen Zwergkaninchen den Kopf abgehackt hatte und die zuckenden Teile ins Zimmer schmiss. Er liess eine heulende, vielleicht fünfjährige Tochter und eine verzweifelte Frau zurück. Es war ihm egal. Der Wirt brachte ihm ohne nur gefragt worden zu sein: "Das übliche".
Angehörige und Interessierte fragen oft, ob Alkoholiker ihre Wesensveränderungen und die Verletzungen die sie Andern zufügen nicht spüren können.
Die Antwort meines Stammtischs wäre gewesen: Ja es war vielleicht ein bisschen hart, aber das hat sich die Alte mit ihrer Nörgelei ganz allein zuzuschreiben. So innig vom Stammtisch verstanden und etlichen Schnäpsen später ging Fleischer zurück in seine Wohnung wo immer noch Frau und Tochter waren ...
Ich selbst hatte einmal in einer Zoohandlung Wüstenrennmäuse gekauft und auf den Balkon ausgesetzt. Ich konnte mit ihnen nichts anfangen. beliess sie ihrem Schicksal. Kümmerte mich nicht um sie. Wenige Tage später fand ich ihre Kadaver. Sie waren verhungert oder eher verdurstet.
Jahre später.
Nach der Phase "Ich will einfach nichts mehr saufen" , kam die Phase" Ich will leben". Doch wie sollte das funktionieren mit diesen ganzen Felsbrocken auf der Seele, die ich mir noch nie angeschaut hatte. Nicht mal wusste aus was diese abartige Finsternis überhaupt sein könnte.
Die armen Kreaturen tauchten in meinem Geist wieder auf. Diese unschuldigen Mäuschen mit ihren grossen Augen. Ich spürte die Scham und Schuld, die Zeit als ich nicht da war als mich jemand brauchte. Verblödung und Arroganz. Das war es also was der Alkohol aus mir gemacht hatte. Einen erbärmlichen Gefühlskrüppel.
Der neunte Schritt der Anonymen Alkoholiker:
Wir machten alles wieder gut - wo immer es möglich war.
Manch ein Scherbenhaufen, Trümmerfeld ist nicht mehr zu reparieren. Das ist halt so!
Der Buntspecht ist heute wieder am Fenster. Wenn keine Nüsse am Fensterbrett liegen und er mich in der Küche sieht macht er sich mit einen typischen Schrei bemerkbar und wartet auf dem Zaun nur zwei Meter entfernt bis Erdnüsse serviert werden. Wir sind uns schon sehr vertraut. In den Bäumen beobachten mich die Eichhörnchen und der Kleiber.