Die Formulierung "ich will den Alkohol nicht mehr" ist deutlich besser für mich als Alkoholiker, denn das bedeutet auch "ich habe das selbst in der Hand".
Diese Formulierung „ich will den Alkohol nicht mehr“ ist schon seit geraumer Zeit das, was ich tatsächlich empfinde.
Ich habe keine Angst vor einem Rückfall und lebe ebenfalls nicht mehr nach dem Prinzip der ständigen Risikominimierung.
In meiner Anfangszeit habe ich diese gebraucht, weil Konfrontation mich überfordert hätte. Knapp drei Jahrzehnte meines Lebens gehörte Alkohol zu meinem Leben dazu, war für mich so selbstverständlich, wie das in unserer Gesellschaft allgemein vorgelebt wird. Im Grunde musste ich die positiven Seiten eines abstinenten Lebens erst kennenlernen und lernen, wie ich das, was ich mir vom Alkohol versprochen hatte, aus eigener Kraft erreiche.
Für mich war das übrigens die Aussicht, dass, wie es mir von meinen Gesprächspartnern hier vor fünf Jahren authentisch rüberkam, ein abstinentes Leben seine positiven Seiten hat, die mir Mut machte, das ebenfalls erreichen zu können. - Und ich kann sagen, dass ich‘s tatsächlich erreicht habe. -
Wenn mir heute jemand Alkohol anbietet, lehne ich einfach ab: „Nein, Danke, ich trinke keinen Alkohol, ich nehme aber gerne ein Wasser (oder wenn ich da gerade Lust drauf habe: Apfelschorle, Cola, Bitter Lemon).“
Ich formuliere das so, weil ich Alkohol tatsächlich nicht mehr will. Mir geht‘s diesbezüglich, als wäre ich von einer Gehirnwäsche befreit.
Wenn ich ein alkoholisches Getränk ablehne, spielt für mich überhaupt keine Rolle, dass ich ein Alkoholproblem hatte und deswegen nicht wieder Alkohol konsumieren sollte.
Eine spannende Frage dazu: Warum ziehst Du, auch nur theoretisch, in Betracht, einen Rückfall zu haben? Warum kannst Du es nicht ausschließen?
Ich bin generell auch ein Mensch für Strategien und einen Plan B, das finde ich im Leben immer wichtig. Aber beim Thema Alkohol lässt mein Mindset es gar nicht zu, darüber nachzudenken, was passieren könnte. Für mich fühlt sich das so an: Alleine die theoretische Auseinandersetzung mit dem Gedanken (und dem Plan für den Notfall) hält in meinem Kopf einen Funken wach. Einen Funken, der eher dafür sorgt, dass wieder ein Brand ausbrechen könnte, weil die Option ‚Scheitern‘ ja existiert und abgesichert ist.
Ich kann mir derzeit überhaupt nicht vorstellen, jemals wieder Alkohol zu konsumieren und einen Rückfall zu haben, aber ich selbst schließe die Möglichkeit, dass irgendetwas in meinem Leben eintreten könnte, auf das ich quasi nicht vorbereitet, sondern vollkommen überfordert bin, nicht kategorisch aus. Ich hab‘s ja selbst in meinem Leben schon erlebt, was für unangenehme, einen völlig überfordernde Wendungen das Leben so nehmen kann.
Dass ich die Möglichkeit nicht kategorisch ausschließe, bedeutet nicht, dass für mich die Option „Scheitern“ existiert und abgesichert ist, im Gegenteil geht es für mich darum, die Möglichkeit von unerwarteten Wendungen einzukalkulieren und, sofern sie eintreten, eine innere Haltung zu haben, mit diesen umgehen zu können.
Ein Beispiel:
Meine Mutter wurde für sie und uns völlig unerwartet aus ihrem normalen und gewohnten Leben und Alltag gerissen, als sie einen Schlaganfall erlitt, der sie linksseitig vollkommen lähmte.
Sie konnte nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren, sondern musste direkt vom Krankenhaus in ein Pflegeheim umziehen. Für meine Mutter und für uns eine kaum erträgliche Situation. Sie war, weil sie gelähmt war, ständig auf andere angewiesen, musste um alles Mögliche bitten. …. Und teilweise lange warten, bis das Pflegepersonal wieder Zeit für sie hatte.
Vier Jahre dauerte ihr Leben dann noch und meine Mutter war die meiste Zeit sehr unglücklich.
Ab und zu bekam sie, die in jungen Jahren alkohol- und tablettenabhängig gewesen war und den Absprung Mitte 20 geschafft hatte, anlässlich dieser oder jener Feier vom Pflegepersonal ein Glas Sekt und trank es auch. Wie das Pflegepersonal meinte, wurde sie dann fröhlich und gesellig.
Nein, sie wurde nicht rückfällig, sie wäre ja auch nicht in der Lage gewesen, sich selbst Alkohol zu verschaffen.
Ich selbst habe mich während dieser Zeit und auch in den letzten Jahren immer wieder gefragt, wie ich damit umgehen könnte, wenn ich in eine solche Lage käme. Und deshalb arbeite ich an meiner inneren Haltung und pflege diverse Interessen, um möglichst auch eine solche Lage bewältigen zu können, ohne zu verzweifeln.
Mich persönlich beunruhigt die theoretische Auseinandersetzung nicht und ich bin deswegen auch nicht ständig wachsam oder passe ständig auf.
Vergleichbar ist das, was ich empfinde, vielleicht mit einem geübten Auto- oder Motorradfahrer: Ich fahre ganz entspannt und souverän (durchaus auch mal 200 km/h), hab dabei aber die Fahrbahn (insbesondere für Motorradfahrer seeeeehr wichtig) und meine Umgebung im Blick.
Ist die Fahrbahn oder sind die Sicht- und Verkehrsverhältnisse schlecht, passe ich mein Tempo und meine Fahrweise an. Kommt von der Seite oder von vorne unerwartet ein Hindernis auf mich zugerast, weiß ich zumindest recht genau, was ich tun sollte.
AmSee