Hallo, ich bin neu hier

  • Hallo Liv,

    ich habe Dich gelesen und wollte Dir nur Info geben, dass ich darauf erst später eingehen kann.

    Gerade läuft viel inneres Geschehen durch mich hindurch, da bin ich nicht so gut im "Denken".

    Von wegen multi-tasking. ;) (Der Krug ging wohl an mir vorüber.)

    Einfach einen lieben Gruß für Dich, den wollte ich aber senden.
    Wolfsfrau

  • Hallo Wolfsfrau,

    das ist doch gar kein Thema. :) Alles zu seiner Zeit und wenn man merkt, dass eine Antwort grad nicht geht, ist es doch auch keinesfalls eine Verpflichtung (sonst auch nicht).

    Ich bin auch gerade erst von meinen Eltern zurückgekehrt und emotional sehr aufgewühlt, das waren jetzt noch mal drei Tage die sehr intensiv für mich waren.

    Lieben Gruß auch an dich!
    Liv

  • Hallo Liv,

    hier mal ein Gruß von mir in Deinen Abend ... :)

    Ich kann jetzt doch noch schreiben, das freut mich gerade. Und ich picke mir mal einiges aus Deiner Nachricht, ok?


    Zitat

    ... (externe Versorgungswege wie du das nennst), nun darüber muss ich mich informieren. Im Endeffekt hat bisher das Emotionale
    („ich kann meine Eltern doch nicht hängen lassen“ bzw. das Nebulöse „es wird alles schrecklich enden, egal was ich versuche") erstmal Überhand genommen.

    In dem Punkt bin ich auch erst in der 'rationalen' Ablösung. Deshalb ist es für mich heikel, vorschnell darauf einzugehen. Mit Verstandenem, Angepeiltem, ... - nur soviel: Ich erkenne in mir allmählich die Bereitschaft, das Suchtgeschehen incl. eigener Folgen (körperlich, Haushalt) auch als solches 'betreuen' zu lassen. Weg von mir. Weg mit der allzu vertrauten Lethargie und Dunkelheit. Selbst bei Tageslicht ertrage ich die Verhangenheit - ganz ohne aktives Trinken meiner Eltern - kaum. Ist aber ein anderes Thema. (Leblosigkeit, Null-Kommunikation, Vereinzelung nebeneinander ... mein Fell sträubt sich, ich will weg.)


    Zitat

    wenn solche heftigen emotionalen Bedürfnisse von ihnen kommen (wir können nicht ohne dich)

    Dieser ausgesprochene Satz "Wir können nicht ohne Dich" ... - Du, das nennt man "emotionale Erpressung"!
    - Wir können nicht ... (!) --- Stimmt. Ihr könnt etwas nicht, das ihr euch selbst schuldet: Verantwortung.
    - Deshalb (und unabhängig davon, was das mit dir macht!) musst Du. (?) --- Eltern? Wer bin ich dann?

    Ich brauchte einiges an Therapie, um auch fühlend zu verstehen, wie sehr das eigentlich wieder MEINE Not nieder macht. (Sollte mir gerade mal eine Scheibe der Empörung hier für mein eigenes Thema abschneiden ...) Es ist schlichter EMOTIONALER MISSBRAUCH, dem Kind die Verantwortung für sich (als Eltern!) aufzubürden.

    Diese "Erkenntnisse" können aber nur sehr langsam in meinem Gefühl andocken, weil ich "es" ja so kannte, vor allem meiner Mutter gegenüber. Zuständig sein, durch eigenes Aushalten hoffen, die eigene Scham und Machtlosigkeit etwas zu mindern. Aber nein, dadurch wurde unsere Familie kein bißchen "normal"! Egal wie ordentlich ich stets gekleidet war, in mir drin war ich durch und durch nur heimatlos. Außer ich konnte mit Hunden oder beim Spielen aufleben. Ich schämte mich (für mich!) viel und wusste nicht, dass es die Scham war, die meine Eltern eigentlich hätten auflösen müssen, in ihrem Leben. Weil SIE sie durch ihr Handeln in sich selbst erzeugten und in den Gesichtern vor sich her trugen (Teilnahmslosigkeit, Verlorenheit, inmitten einer Feier.) Ich war eine Verlängerung ihrer Scham. Ich habe gelernt, dass ich als eigene Person scham-würdig bin, ohne das abstellen zu können. Weder wusste ich über das Gefühl "Scham" bescheid, noch hätte ich mich als Person davon unterscheiden können. Es gab mich nicht.


    Dein Stichwort "Familienschicksal", das ging mir auch durch. Ich habe mich zwar als Kind nie für meine Eltern schämen müssen. Das Trinken verlief gelöst und freudig in ihrem damaligen gebildeten Freundeskreis. Später erst konnte ich ihr Erscheinungsbild der Sucht zuordnen. - Ich bin gerade dabei, mich von meiner jungen Mutter zu "verabschieden", was nicht leicht ist. (Sie war ja nicht schon immer so.) Ganz anders als die Wut auf ihre Sucht - eher: die Folgen für mein Leben - der ich hier beim Schreiben ohne Scham folgen kann.


    Zitat

    ... ein ganz vorherrschendes Gefühl, nachdem jetzt meine Schwester gestorben war. Ich dachte: Das war erst der Anfang,
    und die anderen werden folgen, auf die gleiche Art, und am Ende stehe ich allein da und schließe das letzte Kapitel dieser Familie ab.

    Ich wünsche Dir, dass Du die Verkettung der Muster mit einfühlsamer Hilfe schrittweise lösen kannst und sich dadurch ein Abstand zu Deiner eigenen Wahl, allen betroffenen Themen gegenüber, herstellen wird. (Wird er, mit zunehmendem Erkennen.)

    Diese Gedanken ('mit uns stimmt grundsätzlich etwas nicht') trage ich in ähnlicher Sicht auch in mir. Bei "uns" ist es aber die seltsame Sprachlosigkeit und Bindungslosigkeit in der ganzen Familie, versprengte Beziehungen und Brüche inbegriffen. Ich habe mal ein Genogramm (schematischer Familienbaum) für eine Ausbildung anfertigen müssen. In wirklich jeder der drei Generationen gab es Sucht und unverarbeitetes Trauma. ... So richtig geerdet und einfach nur locker mit einem Brötchen in der Hand erzählen, wie einem wirklich gerade mal ist, ... das ist als Kind nie wirklich meine Welt gewesen. Außer wir teilten "gute" Erfahrungen und konnten heiter sein damit. Vorzeigbares in die Mitte, den Rest hintern Rücken. - Und ja, ich bin traurig drum. Dafür hatte ich immer Beziehungs-Freunde, die mit ihren Fehlern oder Schwächen kein Problem hatten. Für mich gesund, mein Sensor stimmte also noch. Für meine Mutter zum Schämen (?), anders kann ich ihre Abwertungen nach dem jeweiligen Beziehungsende nicht verstehen. (Das ordne ich wirklich ihrer Sucht zu.)

    Wenn ich mir das genau und zusammen-gezählt angucke, was an meinem Leben also folglich alles "falsch" war - aus Sicht meiner Eltern, und wofür SIE sich schämten (?!) - ... dann bleibt nicht mehr viel an Scham für ihr eigenes Leben übrig. Clever eigentlich. Solche Erlebnisse (Misswürdigung, in Pose und Feinheit eingewickelt) haben eigentlich die Distanz zwischen uns eingeläutet, seit ich eigene Wege - überhaupt die ersten - ging.

    Als hätten mich meine Eltern schlicht nicht aus ihrer Backstube entlassen wollen. Und dann habe ich auch noch das Förmchen gewechselt, bin - sie sind heute noch überzeugt, es war ein Fehler - mit 28 in Therapie gegangen ... hach, und ab da klemmte mein Leben ja erst richtig. Jetzt finde mal die Sprache, diesen Socken im Einverständnis mit ihnen wieder auf rechts zu drehen. ("Wie es wirklich war" ... Fantasie in 3 Folgen. Daher mein Schreibzwang seit der Genesung.)

    Ich lache mich hier gerade kaputt beim Schreiben. (Da bin ich jetzt mal ganz auf meiner Seite. Dank Meeting, Zurückfinden in meinen Spieltrieb und überhaupt alles Lebendige. Für mich ein Genesungsgeschenk, das nie wieder verloren geht!)

    Tatsächlich haben wir es doch in der Hand, welche Note wir dem "Finish" unserer eigenen Linie geben. Einen kleinen, eigenständigen Lebensstrahl tragen wir ja noch vor uns her, und den können wir schmücken wie unseren eigenen Tannenbaum. Ich gedenke das zu tun.

    Ich hatte heute ein sehr gutes Meeting, deshalb kann ich Dir doch schreiben - obwohl ich dachte, ich brauche noch eine Woche Tiefschlaf - und bin mal "leicht" unterwegs. Das ist auch für mich entspannend! Mir fällt das gerade mal auf und ich bin froh, das heute mit Dir teilen zu können. - Was ich mir von mir und meinem Leben zu allererst wünsche, ist dann auch die volle Lebendigkeit, und von da aus in eigener Gelöstheit total klar und locker entscheiden, was ich übernehmen mag, und wo ich gern Hilfe zur Selbsthilfe anbiete. Aus meiner Ganzheit, ... direkt vertont.

    So sei es. Das ist ein Versprechen an mich selbst. (Muss man an guten Tagen für sich treffen!)

    Liebe Grüße und ... allzeit ein Fünkchen Vergnügen, die lauern überall.

    Wolfsfrau

    Einmal editiert, zuletzt von Wolfsfrau (6. März 2016 um 19:28)

  • Hallo Wolfsfrau,

    schön, dass du doch noch zum Schreiben gekommen bist.

    Zitat


    Dieser ausgesprochene Satz "Wir können nicht ohne Dich" ... - Du, das nennt man "emotionale Erpressung"!

    Ich bin mir grad nicht sicher, ob meine Mutter den wortwörtlich schon mal verwendet hat oder ob es einfach immer so mitschwingt - doch ist ja egal, das Resultat ist dasselbe. Ja, es leugnet komplett meine Gefühle, meine Not. Meine Mutter pflegte auch zu sagen: „Dir geht es doch gut, du musst doch nicht traurig sein.“ Ob sie das noch genauso sieht, weiß ich nicht, sie ist verständnisvoller geworden für mich und meine Probleme über die Jahre. Aber deswegen was ändern (an sich) kann sie ja doch nicht, so weit hat sie es nicht begriffen, dass sie da direkte kausale Zusammenhänge sieht.

    Dass es gefühlsmäßig gar nicht bei einem ankommt, dass sowas nicht richtig ist, weil es ja immer so war, kenne ich sehr gut. Ich habe schlicht und einfach oft kein Gespür für mich oder das was ich brauche, möchte, darf.
    Ich kann das, was du von dir beschreibst, da sehr gut nachvollziehen.
    Ich glaube, was halt wichtig ist, zu sehen, dass man sich jetzt nicht mehr davon steuern lassen muss. Wir sind Erwachsene, wir können entscheiden uns von diesen Mustern und Gefühlen zu lösen, um es anders zu machen. Wir dürfen das, egal, was unsere Eltern davon halten oder was sie machen.

    Zitat


    Ich wünsche Dir, dass Du die Verkettung der Muster mit einfühlsamer Hilfe schrittweise lösen kannst und sich dadurch ein Abstand zu Deiner eigenen Wahl, allen betroffenen Themen gegenüber, herstellen wird. (Wird er, mit zunehmendem Erkennen.)


    Danke! Wie gesagt, ich bin sehr dankbar für meine Therapeutin, die mich da in allem unterstützt.

    Zitat


    In wirklich jeder der drei Generationen gab es Sucht und unverarbeitetes Trauma. Einer soff, die andere fraß (sorry), Arbeitssucht im sehr erfolgreichen, vorzeigbaren Zweig


    Ah. Das ist in meiner Familie sehr sehr ähnlich, kaum jemand der keine Suchtprobleme hatte. Dazu kommt noch die Kriegszeit, die für meine Großelterngeneration, und sicherlich auch für meine Mutter ein einschneidendes Ereignis war, mit den entsprechenden Folgen. Gibt ja inzwischen sogar Literatur darüber, wie sich unverarbeitete traumatische Erlebnisse aus solchen Zeiten auf die nachfolgenden Generationen auswirken.

    Zitat


    Als hätten mich meine Eltern schlicht nicht aus ihrer Backstube entlassen wollen. Und dann habe ich auch noch das Förmchen gewechselt, bin - sie sind heute noch überzeugt, es war ein Fehler - mit 28 in Therapie gegangen ... hach, und ab da klemmte mein Leben ja erst richtig.


    Oh ja, das kann ich auch von mir so bestätigen, absolutes Klammern auf Seiten meiner Eltern bei jeder versuchten Ablösung (inklusive Zetern und Drohen, weil ich damals meine Semesterferien nicht mehr bei ihnen verbringen wollte, und stattdessen in eine Klinik gegangen bin - „was willst du denn da“). Seitdem ging es mir in vielen Bereichen -klar- auch erstmal schlechter, was hatte ich für Selbstzweifel, ob das alles richtig ist mit dem „Psychogerede“. Doch dass es ein Rettungsanker war an vielen Stellen, und es gar nicht anders möglich war als den Widerstand auszuhalten, das habe ich dann auch gelernt.

    Zitat


    Tatsächlich haben wir es doch in der Hand, welche Note wir dem "Finish" unserer eigenen Linie geben. Einen kleinen, eigenständigen Lebensstrahl tragen wir ja noch vor uns her, und den können wir schmücken wie unseren eigenen Tannenbaum. Ich gedenke das zu tun.


    Ist irgendwie sehr schön das so zu lesen. :)

    Lieben Gruß an dich!
    Liv

    Einmal editiert, zuletzt von Liv (6. März 2016 um 19:19)

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