Roßnaturen oder Sensibelchen?

  • Hallo,

    denk grad so.. es gibt doch sicher "Roßnaturen", denen auch relativ hoher Konsum kaum was ausmacht in Bezug auf die Befindlichkeit, während sensiblere Personen deutlich heftiger an Katerproblemen leiden. Sind die Unterschiede da sehr stark? Wenn ich an mich denke.. wenn ich meine "Wohlfühldosis" (1,5 Flaschen Wein ca) trinke, dann bin ich am nächsten Tag zumindest meist so angeschlagen dass ich keine große Lust auf irgendwelche sozialen Veranstaltungen etc hab, häng dann träge und unwohl rum. Andere Leute meistern damit noch ihren Job. Finde ich undenkbar.

    Und die Vorstellung, wirklich erhebliche Mengen zu trinken (was die "Profis" so trinken).. also die Male wo ich derart über die Stränge geschlagen hab (z.B. mal einen halben Kasten Bier), gings mir so elendig am Tag drauf, dass dadurch eine enorm hohe Abstinenzmotivation entsteht. Die Einschnitte bei der Lebensqualität sind einfach zu groß, der Leidensdruck relativ schnell ziemlich groß.

    Wie schaffefn das andere Leute? Wie geht es einem nach einem halben Kasten Bier am Tag und einer Flasche Schnaps am Tag drauf? Bekommen körperlich abhängige Trinker neben dem Entzug nicht auch Hammer Kater? Das körperliche Befinden muss doch absolut desolat sein. Wie erträgt man das?

    Und muss man nicht eine solche Roßnatur sein, um überhaupt auf solche Konsummengen zu kommen?

  • Hallo Riderwithoutshoes,

    wir Menschen sind individuell. Jeder verträgt unterschiedliche Mengen.
    Mit der Zeit, also je länger und je häufiger man Alkohol konsumiert, entwickelt der Körper jedoch eine Toleranz. Das heißt, der Körper bildet weitere Enzyme, die in der Leber dazu da sind, die größeren Mengen an Alkohol umzuwandeln.

    Dadurch "vertragen" Alkoholiker, die lange und viel trinken, mit der Zeit immer mehr, weil weniger Alkohol direkt in die Blutbahn geht.

    Leider sind diese Folgen für die Leber nicht so gut, da während des Abbauprozesses giftige Stoffe entstehen, die der Leber zusetzen. Diese werden dann zwar umgewandelt und durch den Harn, die Haut und den Atem abgebaut, aber der Abbauprozess lässt sich leider nicht beschleunigen.

    Interessant ist in diesem Zusammenhang sicher auch, dass Alkohol auf leeren Magen stärker wirkt als wenn man vorher etwas gegessen hat. Deshalb habe ich in der Endphase meiner Abhängigkeit, kurz vor dem Entzug, fast nichts mehr gegessen.

    Andererseits ist dies auch der Grund, warum Menschen, die sehr wenig und/oder selten Alkohol trinken, tatsächlich schon nach einem Glas Bier betrunken sein können.

    Wenn der Alkoholiker also seine tägliche normale Menge trinkt, kann es gut sein, dass er keinen Kater bekommt.

    Bei mir war es so: Bei geringer Konsummenge hatte ich keinen Kater und mir ging es vormittags besser als ohne Konsum, weil ich scheinbar tiefer schlafen konnte. (In Wirklinkeit verdrängt der Alkohol nur die Fähigkeit, zu träumen - deshalb leiden viele im Entzug auch unter starken Apträumen)
    Hatte ich es allerdings am Vorabend übertrieben und einen Kater, habe ich schon morgens Alkohol getrunken, weil der Kater davon "weg ging". Natürlich war der Kater weiterhin da, ABER ich habe ihn durch den Alkohol nicht mehr wahrgenommen. Die Übelkeit war zumindest weg und wenn ich ausreichend schnell meinen Alkohol getrunken habe, waren auch die Kopfschmerzen weg.

    Leider kommen diese schnell wieder, weil Alkohol dem Körper wasser entzieht - ja und so rutscht der alkoholiker immer tiefer in den Teufelskreis.

    An manchen Stellen sind meine Erklärungen stark vereinfacht. Da ich mich aber nicht hundertprozentig an das erinnern kann, was uns in der Therapie vorgetragen wurde, möchte ich mich hier nicht zu weit aus dem Fenster lehnen ;)

    Ich hoffe, du kannst die sache jetzt ein wenig nachvollziehen.

    Liebe Grüße
    Darky

  • Mal ganz abgesehen davon dass ich mich über Deine Fragestellung doch etwas verwundere...

    (worauf willst Du eigentlich hinaus?)

    Ich halte das mit den ´Rossnaturen´ für ein Ammenmärchen! Alkohol ist und bleit in ein Gift und wirkt in solchen Mengen physisch, psychisch und psychosozial absolut zerstörerisch! Jeden der Alkoholmissbrauch in hohem Maße betreibt erwischt das früher oder halt etwas später...

    Hier mal ein Link allein zu den gesundheitlichen Folgen, seeeehr langer Text(!):
    http://www.alkoholismus-hilfe.de/alkohol-krankheiten.html

    Gruß, LiS

  • Danke für die Antworten..

    Hm ja, ich neige dazu, manchmal einach Beiträge zu schreiben, weil ich einen bestimmten Gedanken hab der mich einfach interessiert, ohne dass ich genau sagen kann, warum. Also auch wenns mich mal nicht persönlich betrifft, sozusagen Neugierde darauf, wie andere Leute das so sehen.

    Naja, ich weiss halt wies mir geht, wenn ich bestimmte Mengen trinke, und kenne Leute, die auch soviel trinken (täglich, vielleicht ist das der "Trick"), und damit ganz normal ins Büro gehen, sogar Geschäftsreisen per Flugzeug tätigen, Kundenbesuche etc., lauter Dinge, die für mich undenkbar wären (nach, sagen wir mal, zwei Liter Bier am Vortag). Von daher muss es ja irgendwelche Unterschiede geben.

    An den gesundheitlichen Folgen hab ich ja keine Zweifel, geht eher um die Folgen fürs subjektive Befinden..

    Ich finde die Vorstellung für mich selber, solche Mengen zu konsumieren (durchaus nicht freiwillig sondern als Sucht, das ist schon klar), und damit noch halbwegs normal im Job funktionieren zu können, halt undenkbar, und auch, nicht relativ schnell dann auch was dagegen zu tun, weil das Befinden bei mir halt so dermaßen in Mitleidenschaft gezogen wird. Aber, logisch betrachtet, ist das bei anderen Leuten offenbar anders (das soll definitiv auch kein Eigenlob sein oder so, sondern einfach eine sachliche Überlegung). Dass das ständige "Training" in der Tat Wirkung zeigt, ist natürlich eine Erklärung.

    Aber wie fühlt man sich denn dann, als richtig "nasser Alki"? Stelle ich mir grauenhaft vor.. wenn ich das, was mir selber bekannt ist, entsprechend "hochrechne". Ist doch kein Leben mehr, oder? Jeden Tag ein Kampf gegen die Symptome und Folgen..

    Darky (nenn Dich mal so, wie alle anderen auch ;) ), wenn ich an Dich denke, das war ähnlich wie bei mir, oder? Der ständige psychische Druck, dem man ausgesetzt ist (Stichwort Elternhaus) macht ein "sich funktionsfähig trinken" einfach notwendig, weil der Stress NIE aufhört. Das sind dann in der Tat "besondere Umstände". Wie es einem geht ist da vergleichsweise egal, ich habs ja auch gemacht bis es einfach nicht mehr funktioniert hat, dann erst gebeichtet und sein gelassen.

    Einmal editiert, zuletzt von RiderWithoutShoes (30. September 2014 um 01:06)

  • @ LIS
    Guten Morgen,

    guter Link 44. Sehr interessant.

    Schönen Tag von Betty

    Auf dem Weg zu mir lerne ich mich immer besser kennen. <br />Ich habe Freundschaft mit mir geschlossen und freue mich, dass ich mir begegnet bin.<br /><br />Ich bin lieber ein Original als eine herzlose Kopie.


  • Aber wie fühlt man sich denn dann, als richtig "nasser Alki"? Stelle ich mir grauenhaft vor.. wenn ich das, was mir selber bekannt ist, entsprechend "hochrechne". Ist doch kein Leben mehr, oder? Jeden Tag ein Kampf gegen die Symptome und Folgen..

    So ist es. Jeden Tag ein Kampf gegen die Symptome und Folgen. Und das ganz bewusst, weil man nicht mehr aufhören kann mit der Sauferei. Es ist eine einzige Quälerei. Ich hatte das, obwohl ich nur abends und an den WE getrunken habe, also vermutlich in deinen Augen kein richtig "nasser Alki" war. Freitag/Samstag waren es schon mal 10 Bier. Am nächsten Tag funktioniert? Ja. Irgendwie ja. Ich lag nie flach. Unter der Woche, bei üblichen 3 - 5 Bier, war es auch "kein Problem" am nächsten Tag arbeiten zu gehen (heute weiß ich, wie viel besser ich ohne funktioniere). Die Montage waren am schlimmsten, Freitage auch nicht ohne, da Donnerstag ja fast schon WE war.

    Rossnatur? Vielleicht ein wenig .. ich litt schon immer weniger unter Katersymptomen als andere. Bekam z. B. so gut wie nie Kopfschmerzen. Aber gegen "Ende" wurde es dennoch richtig unangenehm und man bekommt wirklich Angst, draufzugehen.

    Es ist also wirklich mehr als grauenhaft Rider. Von daher lohnt sich der Ausstieg ja so sehr .. ein völlig anderes Leben erwartet einen.

  • Danke für die Antwort. So wie Du es beschreibst habe ich es auch in meiner "schlimmen Phase" (1994-1995) empfunden, wo ich jeden Abend dicht war (siehe Vorstellungs-Faden). Nachdem die vorbei war, war es in der Tat auch ein "wie neugeborden"-Gefühl. Aber das ist ja auch "nur Kater". Wie mag da erst der richtige Entzug sein?

    Ich hab auch mal eine Schilderung gelesen, die in etwa darauf hinauslief, dass das Leben nur noch aus komatös schlafen, entzügig aufwachen, Nachschub besorgen, volltanken, wieder schlafen besteht, jahrelang.. das ist dann wohl die End-Phase.

  • Hallo Rider
    Es gibt auch Menschen, die überhaupt keinen Kater haben oder kaum und auch bei über 4 Promille nicht mal kotzen, sich dann aber schon mal in die Hose pinkeln im halb bewusstlosen Zustand. Denen geht es rasend schlecht nur ohne Alkohol, weil sie dann in den körperlichen Entzug gehen.
    Eigentlich kann jeder froh sein, der ne ordentliche Rückmeldung bekommt nach zu viel Alk, denn das macht schon nachdenklich. Wer will denn das immer haben? Da ist es echt leichter es bleiben zu lassen.


  • es gibt doch sicher "Roßnaturen", denen auch relativ hoher Konsum kaum was ausmacht in Bezug auf die Befindlichkeit, während sensiblere Personen deutlich heftiger an Katerproblemen leiden. ... Wie schaffefn das andere Leute? Wie geht es einem nach einem halben Kasten Bier am Tag und einer Flasche Schnaps am Tag drauf? Bekommen körperlich abhängige Trinker neben dem Entzug nicht auch Hammer Kater? Das körperliche Befinden muss doch absolut desolat sein. Wie erträgt man das?


    Ich finde die Vorstellung für mich selber, solche Mengen zu konsumieren (durchaus nicht freiwillig sondern als Sucht, das ist schon klar), und damit noch halbwegs normal im Job funktionieren zu können, halt undenkbar, und auch, nicht relativ schnell dann auch was dagegen zu tun, weil das Befinden bei mir halt so dermaßen in Mitleidenschaft gezogen wird. ...
    Aber wie fühlt man sich denn dann, als richtig "nasser Alki"? Stelle ich mir grauenhaft vor.. wenn ich das, was mir selber bekannt ist, entsprechend "hochrechne". Ist doch kein Leben mehr, oder? Jeden Tag ein Kampf gegen die Symptome und Folgen..

    Jeder von uns hat seine eigene Trinker-"Karriere" hingelegt - und jeder von uns hatte seinen höchstpersönlichen "Tiefpunkt", an dem er für sich erkannt hat, dass es so nicht weitergehen kann. Doch oft ist es doch (vorher) so, dass man diese Erkenntnis vor sich herschiebt, eben weil es andere Leute gibt, die noch viel mehr saufen als man selbst. "Na, sooo schlimm bin ich doch noch lange nicht!"
    Auch mich schüttelt es heute manchmal, wenn ich andere sehe, die sich mit Hochprozentigem zuschütten und trotzdem noch "geradeaus" laufen können. Und auch zu meiner nassen Zeit hat es mich deshalb oft geschüttelt - aber nicht aufgerüttelt (siehe oben). Trotzdem - ich war nicht der "bessere" Alkoholiker, nur weil ich nicht so viel Schnaps, sondern (meist) "nur" Bier getrunken habe ... Es gibt keine guten oder schlechten Alkoholiker. Die einen trinken eben heimlich - und die anderen unheimlich ;)

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,

    kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

    Uns aus dem Elend zu erlösen

    können wir nur selber tun!

  • Zitat

    Doch oft ist es doch (vorher) so, dass man diese Erkenntnis vor sich herschiebt, eben weil es andere Leute gibt, die noch viel mehr saufen als man selbst. "Na, sooo schlimm bin ich doch noch lange nicht!"

    Komisch dass man es dann SINNVOLL findet, weiterzutrinken, oder?

  • ...kommt drauf an wen Du unter ´man´ verstehst...

    Ich für meinen Teil fände dies für mich mittlerweile absolut SINNLOS!

    Darum mach ich es auch nicht mehr. Zudem habe ich seit dem so einige Dinge kennengelernt die wirklich SINN machen und mein Leben wirklich bereichern! Dinge die echt sind! Dinge die nicht nur flüchtige Illusion sind, sondern Dinge die mir keiner mehr nehmen kann weil ich sie mir selbst innerlich erarbeitet habe und nicht in Promille erkauft.

    Und mal ganz im Ernst:
    Findest Du es denn wirklich SINN voll?
    Welchen Sinn siehst du darin?

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