auch morgen

  • nur heute?

    Es hört sich so logisch und auch so einfach an. Dieses „nur heute“.
    Nur heute bleibe ich trocken. Nur heute lasse ich das erste Glas stehen.
    Das klingt nach einem überschaubaren Abschnitt, der den ausstiegswilligen Alkoholiker nicht überfordert.

    Morgen ist erst morgen heute. Und dann beginnt der nächste überschaubare Abschnitt.

    Für mich hört sich das alles nach einem furchtbaren Kampf an. Nach einem Kampf, der so schrecklich ist, dass man gar nicht in die Zukunft blicken mag, sondern den Blick nach unten zum Boden richtet, statt in den unendlich weiten Himmel zu schauen..

    Aber was ist an dieser Zukunft eigentlich so schrecklich?
    Der fehlende Kopfschmerz am Morgen?
    Dass die Hände nicht mehr zittern?
    Dass man im Spiegel wieder einen richtigen Menschen und kein Wrack erblickt?
    Usw. usf.

    Ist es nicht stattdessen so, dass man sich auf die Zukunft freuen kann? Und auch darf?

    Wenn ich heute nicht mehr trinke, komme ich dieser Zukunft ein Stück näher. Und wenn ich das morgen und übermorgen und die Tage danach auch mache, eile ich irgendwann dieser Zukunft entgegen. Und wenn ich meinen Blick weit genug nach vorn richte, kann ich das Ziel sogar schon lang vor dem Erreichen sehen.
    Und ich kann mich darauf freuen.

    Was muss ich dafür tun?
    Eigentlich muss ich nur loslassen. Falsche Vorstellungen, die Angst, dass ich ohne Alkohol nicht kann usw. Ich muss erkennen, dass mir der Alkohol -wenn überhaupt- nur so lange etwas Positives geben konnte, bis ich abhängig wurde. Danach musste ich mir das Positive sehr, sehr teuer erkaufen.
    Eigentlich kann alles nur besser werden. Und ich müsste blöde sein, wenn ich mir das nur heute gönne.

    Katro

    Einmal editiert, zuletzt von katro (11. Dezember 2013 um 20:07)

  • Danke für Deinen Beitrag, Katro. Ich finde ihn toll. Regt zum Nach- und Weiterdenken an.

    Vielleicht kommt es auch auf die innere Haltung an, wenn ich sage: "Nur heute (bin ich nüchtern)". Nämlich darauf, WIE ich es sage und was ich dabei empfinde, wo die Betonung liegt usw...

    Es gab Phasen, da habe ich mich krampfhaft von Tag zu Tag gehangelt mit diesem Mantra "nur heute". Das bringt auf Dauer nichts, ist vielleicht lediglich in der Anfangsphase gut, wenn die Entwöhnung sehr hart ist. Da wischt man sich abends oder nachts sinnbildlich den Schweiß von der Stirn und seufzt "uff, geschafft." Und am nächsten Tag wieder das Spielchen von vorne. Fast wie ein Gefangener, der in der Zelle hockt und jeden Tag ein Strichlein an die Wand kritzelt. So kann es nicht das ganze trockene Leben weitergehen. Das macht einen ja wahnsinnig.

    Aber es gab auch Phasen, die waren viel positiver mit diesem "nur heute". Es war kein "nur heute verkneife ich mir den Alkohol", sondern eher ein "ich weiß ganz genau, dass ich heute nicht trinke. Was morgen ist, da sch.... ich drauf. Aber heute trinke ich nicht, weil ich gar nicht will." Diese Haltung ist viel entspannter und ich durfte mich oft in dieser Haltung wiederfinden. Dann ist das kein anstrengender Hürdenlauf mehr, sondern es fühlt sich eher an wie ein Spaziergang.

    Momentan würde ich meine Haltung/Stimmung eher beschreiben mit: "nur dieses restliche Leben (bleibe ich nüchtern)." :) ;) Aber ohne einen Anflug von Traurigkeit. Ist jedoch eine Momentaufnahme.

    „Erfolg ist nicht auf Erfolg aufgebaut. Er ist auf Fehlern aufgebaut. Er ist auf Frustration aufgebaut. Manchmal ist er auf Katastrophen aufgebaut.“

  • Hallo Katro
    Ein lediglich: „Nur Heute!“ ist so hilfreich wie respektabel.
    Dein Plädoyer für ein „Auch Morgen“ ist so nützlich wie sympathisch.
    Ich denke das das eine ohne dem anderen nicht zu haben ist.
    Ich habe eine Bekannte, welche zu Beginn ihrer Abstinenz auf ihren Spiegel im Bad mit Lippenstift die Botschaft: „Die Person, die du hier anschaust, ist verantwortlich für Deine Zukunft!“ geschrieben hat.
    So hat jede/r, welche/r sich tatsächlich mit sich und dem eigenen Leben auseinandersetzen will, einen ersten „Aufhänger“, der ihr/m einen Zugang dazu eröffnet.
    Bei mir war es am Anfang einfach nur Trotz, der mich aufrecht erhielt. Jeder der es „wissen musste“, war der Meinung, dass ich durch meinen Beruf als Kellner nicht die geringste Chance habe. Starrköpfigkeit ist eine sehr „Energieintensive“ Herangehensweise, das Gegenteil zu beweisen – aber erst einmal förderlich.
    Dauerhaft ist die „Forschung“ nach den „wahren“ Ursachen freilich dienlich. Aber dieser Prozess braucht Zeit und meist mehr Geduld, als viele bereit sind aufzubringen. Viel zu oft erlebe ich, dass „Nun, wo ja alles nur besser werden kann“, es bitteschön auch sofort so zu sein hat.
    Doch „anders“ ist nicht zwingend gleich „besser“ – sondern einfach nur anders.
    Um dies langsam und innig anzunehmen, ist ein „erst einmal heute“ die Gelegenheit, sich auf das zukünftige einzulassen.
    Und @ Pinguin: selbst wenn der Satz: „nur dieses restliche Leben bleibe ich nüchtern!“, mit einer latenten Traurigkeit verknüpft ist, zeigt es mir nur, dass da noch ein unerfülltes Bedürfnis ist, dem ich nachspüren kann.
    LG. - Uwe

  • Hallo Uwe,


    Viel zu oft erlebe ich, dass „Nun, wo ja alles nur besser werden kann“, es bitteschön auch sofort so zu sein hat.
    Doch „anders“ ist nicht zwingend gleich „besser“ – sondern einfach nur anders.

    Meine spontane Reaktion auf die oben zitierten Sätze und insbesondere auf den zweiten Satz war: Stimmt nicht bzw. trifft auf mich nicht zu.
    Das gilt auch noch heute.

    Bereits in den ersten Tagen nach dem Suchtausstieg war und auch heute ist für mich das Andere gleichzeitig das Bessere.

    Vielleicht hängt es davon ab, welche Erwartungen wir an den Suchtausstieg haben. Hegen wir unrealistische Vorstellungen, ist die Enttäuschung wahrscheinlich vorprogrammiert. Wenn man allerdings -wie das bei mir der Fall war- beispielsweise nicht mehr saufen will, weil man die Unfreiheit der Sucht nicht mehr spüren will, kann man nur gewinnen. Selbst wenn Suchtdruck entsteht, spürt man dieses Bessere. Vorher trank man, weil man dachte, man hätte keine andere Wahl.
    Jetzt nach dem Ausstieg spürt man, dass man sie hat.

    Man hat seine Freiheit wieder.

    Freiheit bedeutet nicht, dass nun alles eitel Sonnenschein ist. Regen ist nach wie vor Regen und Probleme sind nach wie vor Probleme. Aber anders als zuvor hat man nach dem Suchtausstieg die Möglichkeit, Probleme konstruktiv und mit klarem Kopf zu lösen statt sie immer wieder aufs Neue spüren zu müssen, wenn der Rausch verflogen ist.

    Wer diese wiedererlangte Freiheit für einen Schluck Alkohol hergibt, der kann sie (noch) nicht schätzen und hat sie deshalb m.E. auch (noch) nicht verdient.

    V.G.
    Katro

    Einmal editiert, zuletzt von katro (18. September 2013 um 17:19)

  • Hallo Katro
    Ich sehe den Begriff Freiheit etwas anders. Sie ist mir nicht erst entstanden.
    Die Freiheit der Wahl hatte ich immer.
    Selbst ein Rückzug auf den Aspekt eines „inneren Zwangs“ ist für mich auch für die Zeit des Alkoholmissbrauchs nicht relevant.
    Freiheit ist für mich nicht „Was ich wähle“, sondern der bewusste Akt: „Das ich gewählt habe!“ Ich halte diese Unterscheidung als grundlegend. Es ist ein Akt des Erkennens. Denn nur so kann ich selbstbestimmt auch die Verantwortung für mich und mein Handeln übernehmen. Und der Weg bewusster Freiheit ist immer mit einem Wagnis verbunden. Die Anerkennung des Ungewissen.
    Die Zumutung der Freiheit ist nicht die Einschränkung meiner Alternativen, sondern liegt darin, mir die Konsequenzen meiner gewählten Option bewusst zu sein und zu wissen, welche Wahl für mich (nicht) in Frage kommt - und warum.
    Nicht jede Art von Leben kann ich wagen. Doch es gibt Wagnisse, für die es sich zu leben lohnt.
    Gruß – Uwe.

  • Lieber Uwe,


    Ich sehe den Begriff Freiheit etwas anders. Sie ist mir nicht erst entstanden.
    Die Freiheit der Wahl hatte ich immer.

    Das ist richtig.
    Wäre es anders, hätte wohl keiner von uns den Ausstieg aus der Alkoholsucht als Option auch nur in Erwägung gezogen, geschweige denn den Ausstieg geschafft.

    Ich bezweifle jedoch, dass es tatsächlich Freiheit und damit ein bewusster Wahlakt war, der uns zu Alkoholikern werden ließ.
    Es ist sicherlich richtig, dass jeder von uns mit einem bewussten „Ja“ den Alkohol missbrauchte, um irgendein Ziel (Lockerheit, Enthemmung usw.) möglichst schnell und ohne große Anstrengung zu erreichen. Die fürchterlichen Folgen dürften uns zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht bewusst gewesen sein.

    Und deshalb war es m.E. keine wirkliche Entscheidung, sondern eher fahrlässige Leichtfertigkeit, die uns zum Alkohol greifen ließ.

    Wir haben sie aber ausgebadet. Und insofern trugen wir die Folgen unserer leichtfertigen Wahl.

    Viele Grüße
    Katro

  • Hallo Katro
    Fahrlässig; leichtfertig – ich weiß nicht ob ich dies so für mich stehen lassen kann. Eher weniger.
    Eventuell war es zu jener Zeit auch der einzige mir mögliche Umgang mit mir selbst. Sucht kann mir durchaus auch als Überlebensstrategie gedient haben. Die damals mir einzige Alternative der „Selbstbestrafung“ für die Nichtbefriedigung grundlegender Bedürftigkeit , ohne noch destruktiver zu handeln.
    Leichtfertig oder Fahrlässig gehandelt zu haben, würde bedeuten: die Sucht wider besseren Wissens als ein notwendiges Übel billigend in Kauf genommen zu haben. Ein Handeln ohne Grund oder Notwendigkeit. Doch wie Sir Walter Scott in diesem Zusammenhang schon mal bemerkte: „Wenn ein Mensch keinen Grund hat, etwas zu tun, so hat er einen Grund, es nicht zu tun.“
    LG.- Uwe

  • Hallo Uwe und andere,

    dass Sucht eine Ãœberlebensstrategie sein kann, lese ich nicht zum ersten Mal.
    Selbst erfahren habe ich das nicht, vermag es jedoch gedanklich nachvollziehen.

    Unter Fahrlässigkeit bzw. leichtfertigem Handeln kenne ich keine Definition, die beschreibt, dass jemand Dinge wider besseres Wissen tut, sondern dass er die erforderliche Sorgfalt im Umgang mit einer Person oder Sache außer Acht lässt.
    Das trifft auf mein Abgleiten in den Alkoholismus zu. Ich habe mir einfach keine Gedanken darüber gemacht, ob das, was ich tat, gefährlich sein könnte. Es tat in dem Augenblick, in dem ich es tat, einfach gut.
    Und nur das zählte für mich.

    Als das Trinken zur Sucht wurde, tat es nicht mehr gut, sondern belastete mich mehr und mehr. Und erst in diesem Augenblick entstand ein wirklich triftiger Grund, den Ausstieg zu versuchen. Denn erst seit diesem Augenblick beeinträchtigte das Saufen meine Freiheit.

    V.G.
    Katro

  • Auch morgen...

    ... werde ich mit derselben Sicherheit wie heute sagen: Das wars mit der Sauferei. Denn ich möchte das Schiff meines Lebens steuern und nicht von einer Droge steuern lassen.

    Ich denke oft darüber nach, warum es bei mir dem Saufstopp so gut und vor allem so problemlos geklappt hat.
    Ein Grund könnte natürlich sein, wie manche in diesem Forum vermuten, dass ich niemals süchtig war, dass ich zwar über 30 Jahre lang zunehmend größere Alkoholmengen vertilgte, dabei aber -aus welchen Gründen auch immer- den sogenannten „Point of no Return“ niemals überschritt.

    Ich glaube jedoch nicht, dass es so ist bzw. so war, sondern bin mir ziemlich sicher, dass sich bei mir ein kompletter Sinneswandel vollzogen hat. Ausschlaggebend dazu waren in erster Linie die von mir beim Rauchstopp gemachten Erfahrungen. Anders als beim Alkoholmissbrauch bekommt man beim Rauchen ja durchaus mit, welchen Blödsinn man da veranstaltet. Man raucht und raucht und raucht und raucht endlos weiter, damit man den berühmten Drogenkick, also das tolle Gefühl, bekommt. Doch mit jeder Kippe wird dieser Kick geringer. Man rennt somit einem Phantom nach, das man nie erreichen wird.
    Und irgendwann bleibt nur noch Atemnot und Kopfschmerz.
    Schließlich reift im Kopf die Erkenntnis: So kommst du nie ans Ziel. Es muss anders gehen. Du musst dir diesen Kick auf andere Art und Weise holen. Oder du musst lernen, ohne diesen Kick zu leben. Und zwar nicht nur irgendwie zu leben, sondern zufrieden zu leben.

    Genauso ist es beim Alkohol. Auch er kann uns nicht mehr das geben, was wir von ihm einst bekamen und jetzt weiterhin von ihm haben wollen. Also müssen wir uns das, was wir haben wollen, anderweitig holen oder wir müssen lernen, darauf zu verzichten.

    Das ist so furchtbar einfach. Es geht eben nicht beides. Und Selbstbetrug klappt auch nicht. Manche versuchen das ja. Sie trinken ein wenig, reden sich ein, dass sie das tun, weil sie „normal“ trinken wollen. Und wollen doch eigentlich wieder genau das, was zuvor zum Missbrauch des Alkohols geführt hat.
    Wenn man "normal" trinken möchte, dann muss man akzeptieren, dass dies eine völlig andere Art des Trinkens ist. Kein Kick, kein Rausch, letztendlich Langeweile pur. Die meisten entscheiden dann: Dann kann ichs auch lassen.

    Mit der Entscheidung, nicht mehr zu saufen, fängt man ein komplett neues Leben an. Und dieses neue Leben sollte man genießen, indem man jedes Detail wahrnimmt und wertschätzt. Auch der anfangs häufiger und dann immer seltener auftretende Suchtdruck gehört zu diesem neuen Leben. Man kann auch ihn positiv sehen. Denn anders als zuvor hat man jetzt die Kontrolle darüber, ob man ihm nachgibt oder Strategien entwickelt, wie man ihn zum Schweigen bringt.
    Und mit jedem Suchtdruck, den man erfolgreich aufgelöst hat, wird man selbstbewusster.

    Katro

  • Hallo zusammen!

    Was im internen Bereich in dem Thread „Wetterleuchten“ an mich gerichtet geschrieben wurde, möchte ich hier kommentieren, damit es öffentlich werden kann.

    Dieses „ich WILL nicht mehr saufen“ war bei mir von Anfang an ein „ich KANN nicht mehr saufen“.
    Der Grund ist folgender: Die Entscheidung, aus meiner Sucht auszusteigen, war und ist in meinem Bewusstsein eine Entscheidung für immer. Ab dem ersten Tag gab es deshalb für mich kein Zurück mehr. Denn eine Sache weiß ich sowohl verstandes- als auch gefühlsmäßig: Ich werde mich mit der Sucht nicht mehr arrangieren können und deshalb niemals mit ihr glücklich leben können. Wenn ich heute saufe, fange ich morgen wieder mit dem Entzug an. Und wenn der noch so schwer sein wird. Ich fange wieder an aufzuhören. Definitiv!

    So erlebte ich das auch bei meinem einzigen Rückfall während des Nikotinausstiegs. Dieses Gefühl, das ich über fast drei Jahre aushalten musste und das darin bestand, nach dem Rückfall sofort wieder aufhören zu wollen, aber nicht zu können, ist einfach zu furchtbar, als dass ich es noch einmal erleben möchte.

    Das heißt nicht, dass ich nicht manchmal Wehmut empfinde. Man hat mir den Schnuller zwar nicht weggenommen, sondern ich habe ihn selbst weggeworfen. Trotzdem fehlt er manchmal. Aber das ist zum einen der Preis der Entscheidung gegen den Suff und für die Freiheit und zum anderen -ebenso wie jeder andere Anlass- kein Grund, eine gute und vor allen Dingen eine für ein glückliches Leben notwendige Entscheidung in Frage zu stellen.

    Durch diese Wehmut muss man einfach durch.

    Katro

    P.S.: Vielleicht kann ich deshalb so standfest sein, weil ich wie jene Alkoholiker, die so tief im Dreck steckten, dass sie sich zwischen Leben und Tod entscheiden mussten, letztendlich in meinem Bewusstsein nichts Schönes aufgeben musste, sondern eigentlich gar keine andere Wahl hatte, weil mir so absolut klar war und ist, dass ich mit der Sucht nicht mehr leben kann.
    Vielleicht hatte ich deshalb einfach nur Glück.
    Vielleicht kann jeder einzelne seinem Glück aber auch nachhelfen, indem er zu seinen Entscheidungen steht und sie nicht immer wieder in Frage stellt.

  • Sehr schön und verständlich formuliert, Katro...

    Ich höre immer wieder in den Selbsthilfegruppen raus, dass wir Alkis vor allem an diesem "Für immer" schwer zu knabbern haben.

    „Erfolg ist nicht auf Erfolg aufgebaut. Er ist auf Fehlern aufgebaut. Er ist auf Frustration aufgebaut. Manchmal ist er auf Katastrophen aufgebaut.“

  • Also mich belastet dieses "für immer" ganz und gar nicht - weil es dieses Damoklesschwert gar nicht gibt! Als trockener Alkoholiker habe ich die Freiheit, jederzeit wieder mit dem Trinken anfangen zu können: nächsten Sylvester, am nächsten Wochenende, bei der nächsten Party, heute Abend beim "Tatort" oder jetzt sofort - diese Freiheit kann mir keiner nehmen! Es liegt in meiner Hand - ich habe die völlige Entscheidungsfreiheit. Dieses Glücksgefühl der absoluten Entscheidungsfreiheit ist für mich das höchste Gut - dieser Freiheit kann ich mich nur selber berauben - wenn aus dem Zustand des jederzeit Trinken-Könnens wieder ein Trinken-Müssen wird ...!

    In diesem Sinne
    beste Grüße

    keppler

  • Ich denke, dass man an diesem „für immer“ nur dann knabbern muss, wenn man sich (noch) nicht wirklich für ein Leben ohne die vermeintlichen oder tatsächlichen Annehmlichkeiten der Sucht entschieden hat (Ich schreibe bewusst nicht: Für ein Leben ohne Alkohol. Denn das können durchaus zwei Paar Schuhe sein.) oder sich nicht endgültig entscheiden will bzw. kann. Wer sich wirklich entschieden hat, freut sich auf möglichst viele Tage, an denen er das neue Lebensgefühl genießen darf.
    Die anderen klammern sich an dieses „nur heute“.
    Mit diesem "nur heute", verbunden mit einer niemals eindeutig getroffenen Entscheidung (Man will die negativen Auswirkungen der Sucht nicht mehr. Aber vielleicht kann man die positiven später ja doch noch gefahrlos genießen?), drängt sich mir auch eine Erklärung für die nach vielen Jahren der Trockenheit auftretenden Rückfälle auf.

    Und noch etwas: Dieses nur heute erfordert jeden Tags aufs Neue eine mehr oder weniger große Portion Willenskraft, weil ich meine Entscheidung stets aufs Neue treffen oder zumindest bestätigen muss. Eine für immer getroffene Entscheidung erfordert in ihrer Umsetzung nur Sturheit.

    Katro

    Einmal editiert, zuletzt von katro (6. Oktober 2013 um 17:23)


  • Eine für immer getroffene Entscheidung

    Das hört sich aber nach Stagnation an - das Leben verändert sich. Ich weiß schon, was du sagen willst, eine halbherzige Entscheidung macht es einem unnötig schwer - das kenne ich vom Rauchen. Erst in dem Moment, als die Entscheidung gegen das Rauchen wirklich gefallen war, funktionierte es.

    Das "nur für heute" halte ich aber nicht für das Gegenteil oder anklammern, sondern nur für eine zusätzliche Uterstützung des Jetzt und Hier - und genau da lebt man ja, im Jetzt und Hier.
    Was ich immer noch nicht verstehe: wenn deine Entscheidung für dich so klar ist, für immer, wieso glaubst du dann, moderat trinken zu wollen ? Du hast dich gegen die Sucht aber nicht gege den Alkohol entschieden ? Wie ist es denn beim Rauchen ? Rauchst du auch ab und zu? Katro, ich will dich nicht provozieren, ich würde es nur gerne verstehen - und in dem Punkt kann ich dir nicht folgen.

  • Hallo katro - auch ich kann Dir in dem Punkt "moderates Trinken" nicht folgen. Wenn ich Dich richtig verstehe, geht es Dir um die Möglichkeit, "rauschfrei" Alkohol zu konsumieren. Für mich hat Alkoholkonsum letztendlich immer etwas mit der Wirkung zu tun gehabt - alle anderen Betrachtungsweisen waren letztendlich vorgeschobene Erklärungsversuche. Ãœber Rausch kann man nun trefflich diskutieren - aber selbst die kleinste Wirkung ist aus meiner Sicht auch ein Rausch - von der Toleranzentwicklung einmal völlig abgesehen. Wenn es Dir also nicht um Wirkung geht - worum dann?
    Ich bleibe dabei (ohne es selber ausprobiert zu haben): Für Alkoholkonsumenten, die die Schwelle zur Abhängigkeit überschritten haben, gibt es kein Zurück mehr zum moderaten Trinken. Egal wie lange es dauert, wie groß der Wille ist, nie mehr seine Unabhängigkeit zu verlieren - die nächste Entgiftung folgt über kurz oder lang. So einzigartig ich als Mensch bin, so individuell mein Weg für meine dauerhafte Abstinenzerhaltung sein mag, wie eigenständig ich mit den klassischen Reizthemen (alkoholfreies Bier, alkoholfreie Zone etc.) auch umgehen mag - in Bezug auf kontrolliertes Trinken oder moderates Trinken reihe ich mich gerne in das Millionenheer der "keinen-Schluck-Fraktion" ein.

    Beste Grüße
    keppler

  • Lieber Katro,

    Du hast Deinen Weg gewählt. Es ist Dein Weg. Ich finde Deine Haltung erstaunlich, löst sie doch Kontroversen aus. Doch bereits zwischen 0,1 und 0,3 Promille hat der Alkohol eine Wirkung. Es kommt in diesen minimalen Mengen (also nach einem Glas Wein oder Bier) zu einer leichten Enthemmung, zur Entspannung, zur Aufgeschlossenheit und einem ganz geringen Anstieg der Risikobereitschaft. Von daher gibt es definitiv eine bewusstseinsverändernde Wirkung...

    Das wollte ich nur einmal anmerken. Vielleicht liegt hier der Schlüssel. Ich selber kann den minimalsten Mikro-Rausch da überhaupt nicht "aushalten". Automatisch giere ich dann nach MEHR... Auch bleibe ich bei der Meinung, dass Alkohol ein Zellgift ist und von daher ist und bleibt er für mich "schlecht"... Es stimmt meines Erachtens also nicht, dass der Alkohol weder gut noch böse ist, sondern nur der Konsument darüber bestimmt... Alkohol verändert das Wesen, selbst in kleinsten Mengen. Wer trinkt, ist nicht mehr klar, nicht mehr bei vollem Verstand.

    Ganz liebe Grüße
    Pinguin

    „Erfolg ist nicht auf Erfolg aufgebaut. Er ist auf Fehlern aufgebaut. Er ist auf Frustration aufgebaut. Manchmal ist er auf Katastrophen aufgebaut.“

    Einmal editiert, zuletzt von Pinguin (7. Oktober 2013 um 06:26)


  • Das hört sich aber nach Stagnation an - das Leben verändert sich.


    Aber nicht die negativen Auswirkungen einer Sucht. Die bleiben immer gleich!

    Hallo Mokka,

    dass ich kein 100%-Abstinenzler geworden bin, liegt in erster Linie daran, dass ich mir nicht vorstellen konnte, ein angstbesetztes Leben zu führen, wo ich bei allen Speisen erst einmal klären muss, ob Alkohol enthalten ist, oder wo ich mich -wie ich in einem anderen Forum mitbekam- mit anderen Leuten darüber austausche, wie ich Saucen ohne Alkohol zubereite. Kurz: Wo der Alkohol, obwohl bzw. gerade weil ich ihn überhaupt nicht trinken will, mein Leben bestimmt. Deshalb setzte ich mir erst gar nicht das Ziel der Abstinenz, sondern das der Rauschfreiheit.
    Ich wollte nicht mehr trinken müssen. Also konsumierte ich vier Wochen lang überhaupt keinen Alkohol, um den Suchtkreislauf zu durchbrechen. Danach trank ein kleines Glas Bier.
    Wenn mir das Probleme gemacht hätte, wäre ich augenblicklich auf den Abstinenzweg eingeschwenkt.
    Es passierte jedoch nichts.

    Danach stellte ich alles in Frage, was ich bisher über den Alkoholismus erfahren hatte.

    Anders als beim Rauchen ist es mir beim Alkohol möglich, den Geschmack zu würdigen. Hängt allerdings von der Tagesform ab. Manchmal stößt mich z.B. der Geruch von Wein so ab, dass ich niemals auf die Idee kommen würde, ihn zu trinken. Manchmal finde ich den Geruch gut.
    Rauchen geht bei mir nur, wenn ich mich süchtig geraucht habe. Ansonsten finde ich Zigarettenrauch -abgesehen von der ersten Wolke nach dem Anzünden- ekelhaft. Ebenso Aschenbecher mit Inhalt usw. Da zieht mich nichts an. Im Gegenteil, das stößt mich ab.

    Beim Alkohol stößt mich nur ab, wenn Menschen die Menge überschritten haben, bis zu der sie sich normal verhalten können.

    Das ist in meiner Wahrnehmung und meinem Erleben der Unterschied zum nicht süchtigen Rauchen.

    V.G.
    Katro


    Hallo Pinguin,

    Was du über den Alkohol als Zellgift schreibst oder auch über die Wirkung selbst kleiner Mengen dieser Droge, ist richtig. Das sehe ich nicht anders. Die Wirkung kleiner Mengen finde ich persönlich aber gut. Und nach den derzeitigen medizinischen Erkenntnissen kommt der Körper mit ihnen, ohne Schaden zu nehmen, klar. Die frühere Gier empfinde ich jedoch nicht mehr. Mit der Beschränkung auf kleine Mengen erfahre ich den Alkohol darüber hinaus als ziemlich entzaubert. Sollte ich jedoch auch nur eine Spur der früheren Gier bei mir wahrnehmen, würde ich -wie schon an Mokka geschrieben- sofort auf den Weg der Abstinenz einschwenken.

    Ich finde es gut, wenn man eine feste Haltung zum eigenen Suchtverhalten und dem Weg aus dieser Sucht entwickelt. Deine Haltung besteht darin, für dich den Konsum von Alkohol grundsätzlich als inakzeptabel einzustufen, weil du erkannt hast, dass dir ansonsten die Kontrolle entgleitet und du deshalb weiterhin in deiner Sucht gefangen bleibst. Man braucht m.E. eine klare Position, um eine Entscheidung treffen und dauerhaft umsetzen zu können. So lange es eine wirkliche Entscheidung ohne Hintertürchen und eigenes Beschummeln ist, wird man im Anschluss daran mit allen Widrigkeiten fertig.

    Ich bin davon überzeugt, dass es dir mit einer solchen Haltung gelingt, dein Ziel zu erreichen und anschließend dauerhaft auf dem Weg der Abstinenz zu bleiben.

    Alles Gute auf deinem Weg,

    Katro.

    Hallo Keppler,

    es geht schon irgendwie auch um Wirkung. Insbesondere die Wirkung auf mein persönliches Lebensgefühl. Keine Angst vor dem Suchtgedächtnis, dem hilflosen Ausgeliefertsein an eine vielleicht gar nicht so allmächtige Sucht zu haben, kein Kleinmachen, kein Kapitulieren, das ist für mich wichtig.

    Ich glaube und erfahre, was du und viele andere in Bezug auf die Unumkehrbarkeit der Alkoholsucht schreiben, einfach nicht in meinem Leben.

    V.G.

    Katro

    Einmal editiert, zuletzt von katro (7. Oktober 2013 um 12:42)

  • In einem gebe ich dir hundertprozentig Recht: jeder muss seinen eigenen Weg finden und es gibt nicht den einen goldenen Weg aus der Sucht.
    Ich forsche auch nicht akribisch, ob in einem Lebensmittel Alkohol ist, würde aber nicht bewusst Rotwein an eine Soße geben - kleiner aber für mich wichtiger Unterschied.
    Und heute und morgen 8) will ich nicht trinken, auch nicht ein Glas Wein - aber nur deshalb, weil ich weiß, dass es bei MIR nicht dabei bleiben würde.
    Ich wünsche dir weiterhin gute Erfahrungen mit dem moderaten Trinken.

  • Ich möchte mich Mokka gerne anschließen. Abstinenz bedeutet für mich nicht, auf das Cognac-Rahmsößle oder den Schweinebraten in Biersoße zu verzichten. Da können "sie" (die Suchthelfer) mir noch so sehr ins Gewissen reden. Ich weiß, was mich triggert. Schnapspralinen zum Beispiel. Für mich persönlich hochprozentig gefährlich!

    LG
    Pinguin

    „Erfolg ist nicht auf Erfolg aufgebaut. Er ist auf Fehlern aufgebaut. Er ist auf Frustration aufgebaut. Manchmal ist er auf Katastrophen aufgebaut.“

  • Warum soll ich auf dem Brückengeländer balancieren, wenn ich bequem die breite Fahrbahn nehmen kann?
    Alles was ich nicht weiß, triggert nicht, wenn ich bewusst die halbe Flasche Alk ans Essen kippe oder mir bewusst irgendwo was mit Alkanteil bestelle, wird's gefährlich.
    Es braucht mind. 2 Stunden kochen um Alkohol im Essen zu eliminieren.
    Kann ja jeder selbst entscheiden ob Geländer oder Fahrbahn.
    LG Gerd