Old Flatterhand`s Grateful Dead

  • Vergangenheit warum?

    Falls ich überhaupt eine Vorstellung hatte wie Heilung ausschauen könnte dann vielleicht meine geleerten Bierflaschen zählen und etwas Bewegung um fit im Alltag zu sein.
    Trocken konnte ich mich exzellent um meinen Lebensunterhalt kümmern. Auch mit nur wenig Geld lässt es sich gut haushalten. Das ich jahrelang bei keinen Zahnarzt mehr aufsuchte war kein Problem. Es musssten zu Beginn viele Hälse verplombt und ein halbes dutzend Löcher gefüllt werden. Da war am Anfang eine kleine Terminserie nötig. Seitdem dann nur die halbjährigen Routinebesuche. Kaum mal etwas mehr.

    Saufdruck hatte ich nie! Wenn ich später von Leidensgenossen hörte das sie Schwierigkeiten hatten morgens eine Bäckerei oder einen Zeitungsladen aufzusuchen nur weil die Erinnerung zu überwältigend war. Sie hatten sich dort immer als erstes mit den kleinen Fläschen eingedeckt. Ich selbstverständlich auch. Doch trocken war für mich war eine Zeitung immer eine Zeitung und ein Brötchen ein Brötchen. Egal was da noch so alles angeboten wurde.
    Schlimme Träume blieben eine Ausnahme. Depressionen habe ich zu dieser Zeit nie eine Chance gegeben als dass sie mir ihr wahres Wesen hätten zeigen können. Zu sehr lehnte ich "Negatives" in meinem Leben ab. Sie passten nicht ins Bild vom coolen Macker. Es fiel mir auch leicht drüber hinweg zugehen. Es war einfach überwältigend ohne Alk zu sein und wahnsinnig viele Dinge wieder geregelt zu kriegen.

    Und trotzdem blickte ich wie das Kaninchen auf die Schlange. Der Schock sass einfach so tief. Warum nur, warum nur hatte ich meine beschissene Situation nicht erkannt? Da waren diese aberwitzigen Vorstellungen über mich selbst. Ich hielt mich für einen guten Schachspieler weil ich den Suppenküchencup gewonnen hatte und wusste wie die die ersten paar Züge aussehen mussten um Italienische Eröffnung genannt zu werden.
    Einen Alkoholiker würde sowas doch niemals interessieren. Also.

    Ich hielt mich für den Entdecker der neuen deutschen Küche. Knäckebrot, Ölsardinen und Schmelzkäseecken. Eine schlichte und einfache Kreation. Für die Zeit meiner Trinkpausen, Tage, manchmal bis zu zwei Wochen mixte ich mein eigenes Patent zusammen. Halb Cola, halb Apfelsaft. Ich nannte es Coap. Damit ging ich hausieren. Das ist mein Drink.
    Würde ein Alkoholiker sowas ... Gewiss doch nicht.

    Es waren alles nur Versuche dem Alk nur 10, 20 oder auch 50 % zu geben. Wo ich auch stocherte in diesen obskursen und lächerlichen Masken, nirgends entdeckte ich auch nur 1% eines Ich bin das. Mein Leben war vom Alkohol durchtränkt. Total. 100%. Ein erstmal ziemlich brutales Erkennen der eigenen Krankheit.

    Der Tabakkonsum blieb. Ich war Jahrzehnte Kettenraucher. Monate nach der letzten Flasche dachte ich mir wenn ich am Alk nicht verreckt bin dann geschieht`s wahrscheinlich mit Nikotin. Ich hörte auf.
    Es setzte solche Energien frei. Ich entdeckte z.B. kleine Läden, die mir vorher nie aufgefallen waren. Eine ganz neue Art der Aufmerksamkeit.
    Ich bekam das Bedürfnis einfach nur still zu sitzen. Es gelang mir nicht. Die Ameisen in meinem Hintern störten. Doch vorher wild tanzen (wenn der Hund mich anbellte war`s richtig) dann waren Geist und Körper nicht mehr so aufgedreht und es klappte.

    Ich beobachtete meine Gedanken ohne sie zu bewerten oder zu kommentieren. Wie auf dem Berg sitzen und der kleinen unbedeutenden Welt da unten zuzuschauen. Stille und Frieden stellten sich ein. Mein Süchtigenhirn griff natürlich nach der Erfahrung. Ich sass täglich.
    Dann immer in dieser wohltuenden Ruhe hinein tauchte dasselbe innere Bild auf. Die zugige Unterführung. Der Scenetreff. Was sollte das? Ich wollte es wegschieben. Schlicht und einfach nur meinen Berg zurück. War das zuviel verlangt?
    Ich hatte immer die Vorstellung das ich mein eigenes Selbst finden würde, wenn ich nur intensivst danach suchte. An einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Auf den obersten Steinstufen einer Mayapyramide am 21.Dezember 20xx. Haha.
    Schon vor langer Zeit hatte ich mal was gelesen das mir nicht mehr aus dem Kopf ging.
    Du bist es bereits. Denn was auftaucht wird auch wieder untergehen.

    So gesehen war ja meine ganze Suche überflüssig. Sinnlos. Ich akzeptierte das innere Bild - die Unterführung- den Scenetreff. Eine Junkiefrau war plötzlich mit einem Typen weg. Einfach so. Die Gier. Es war so abends gegen neun. So spät war hier niemand mehr. War mit ihren beiden Kindern allein am Treff. Der Junge noch im Kinderwagen, das Mädchen vielleicht fünf. Panik, Verzweiflung. Irgendwann tauchte die Mutter wieder auf.
    Dieses relativ emotionslose Eintauchen waren und sind mir wichtig. Es bereitet den Boden für eine umfassendere Versöhnung mit mir selbst. Denn auch als die Nacht am tiefsten - Ich war es bereits.
    Das Alte muss die Chance erhalten im Feuer des eigenen Bewusstseins zu verbrennen. Nur dann ist Raum, Raum, Raum für"s Neue.

    In einer Gesprächsrunde in der AA sagte ein Mann er versteht das ganze Gelabere um das ganze "Oh ich bin das arme kleine Unschuldslamm gar nicht". Da schrie ihn eine Frau an das das nichts mit Opferrolle zu tun hat und er solle einfach nur sein Maul halten. Und sie erzählte was, da blieb sogar mir hartgesottenen Hund die Spucke weg. Denn mich hat Gott sei Dank kein Elternteil an Fremde verkauft nur um die eigene Gier zu finanzieren. Das sind so die Facetten der Sucht.

    Nur heute

  • Ich war schon ein paar Jahre trocken als ich mir eins der ersten Kamerahandys, die auf dem Markt waren, kaufte. Ein SonyEriccson K750i. Mit fotografieren hatte ich bis dato nichts am Hut doch es machte mir Spass den Alltag, im Job und auf Wanderungen ein paar Schnappschüssse zu machen.
    Eine kleine Serie erstellte ich über leere Alkoholflaschen, die irgendwo und irgendwie entsorgt wurden. In Gebüschen, auf Fenstersimsen, an Hauseingängen, auf Wiesen und halt sonstwo. Ein Bild ist für mich aus welchen Gründen auch immer sehr aussagekräftig. Es sagt halt mehr als tausend Worte.

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