• Guten Morgen Angemon,

    schön mal wieder von Dir zu hören. Der Anlass ist leider nicht so schön...

    Was Dir da jetzt passiert ist habe ich mehrmals ähnlich erlebt. Das war dann immer das Ende meiner Trinkpausen. Mal nach ein paar Monaten ohne Alkohol, mal nach ein paar Wochen und manchmal auch nach ein paar Tagen. Bei mir war das dann meist so, dass es sich schon angekündigt hat. Der Druck wurde immer größer und mein Suchthirn hat mir alles mögliche eingeredet. Meist so Sachen wie: "Jetzt hast so lange nichts getrunken, Du kannst gar kein Problem haben" oder "Du kannst ja jetzt schon mal wieder was trinken, Du hast ja bewiesen, dass Du es kontrollieren kannst", usw.
    Und dann war's vorbei mit der Pause und ich habe meist nach den Pausen immer mehr getrunken als vorher. Es schien so, dass ich "guten Gewissens", weil ich ja soooo lange nichts getrunken hatte, ruhig mal mehr trinken dürfte. Leider blieb dieses erhöhte Level dann immer auf Dauer.... Und so rutschte ich immer tiefer, bis dann irgendwann mal gar keine Pausen mehr möglich waren. Ich musste trinken, sogar wenn ich krank war.

    Zitat

    Daraufhin habe ich heute morgen direkt meinen Hausarzt kontaktiert um mich in einen ambulanten Entzug zu begeben.


    44. Ein Zeichen, dass Du jetzt Nägel mit Köpfen machen möchtest. Das ist gut!

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    Dazu habe ich an diejenigen die damit schon Erfahrungen gesammelt haben ein paar Fragen.
    - Sollte man sich vorher telefonisch anmelden oder einfach hingehen?
    -Wie läuft es für einen Frischling in so einer Gruppe ab?

    Ich bin hier sicher nicht der erfahrendste SHG-Besucher. Trotzdem schildere ich Dir kurz wie das bei mir war:

    Ich ging an meinem ersten alkoholfreien Abend bereits in die SHG. Das war eine Gruppe der AA. Ich habe mir diese aus dem Internet gesucht, ich hatte keine Ahnung was die Unterschiede der einzelnen Gruppen betrifft. Ich wollte einfach nur Hilfe, sonst nichts. Diese Gruppe war auch noch fußläufig von meiner damaligen Wohnung erreichbar. Wunderbar, dachte ich. Im Internet stand, dass man einfach hinkommen kann und wann der Gruppenleiter dort anzutreffen ist (in meinem Fall täglich). Die eigentlichen Sitzungen begannen immer um 19 Uhr, der Leiter war immer schon ab 18 Uhr da. Und ich habe gelesen, dass sich neue Mitglieder gerne vor der ersten Teilnahme beim Gruppenleiter vorstellen können (sollten). Das hatte mir auch mal ein Kollege, ebenfalls Alkoholiker und ein Verfechter seiner AA-Gruppe, erzählt. So hatte ich also im Kopf, dass ich mich dort vorstellen "muss". Im Nachhinein weiß ich, dass ich auch einfach zu Sitzung hätte kommen können, sie hätten mich sicher nicht raußgeschmissen.

    Vorstellen war aber besser - ich sprach dabei also mit dem Leiter (der wechselt dort, ist immer jemand aus der Gruppe der aber schon länger trocken sein muss). Erzählte ihm grob meine Geschichte und warum ich gekommen war. Er hörte zu und kommentierte nichts, machte mich aber mit den Regeln vertraut. Ganz AA - denn das ist eine Monologgruppe wo die Mitglieder erzählen, das Erzählte aber nicht kommentiert oder bewertet wird. Davon hatte ich damals aber gar keine Ahnung und es war mir zu diesem Zeitpunkt auch egal. Hauptsache ich war bei Menschen, die mich verstanden.

    In meiner ersten Gruppensitzung selbst habe ich keinen Ton gesagt. Dazu wurde ich auch nicht aufgefordert - bei den AA spricht nur der, der auch sprechen will. Niemand muss sprechen. Es ist aber üblich, wenn jemand neu in die Gruppe kommt, dass andere Gruppenmitglieder ihre eigene Suchtgeschichte erzählen. Und das war dann auch bei mir so. Die anderen haben ihre Geschichten erzählt und ich sage Dir, das war für mich eine ganz wichtige Erfahrung. Plötzlich wurde mir klar, dass es Menschen gab, die noch viel tiefer gefallen waren als ich und die es trotzdem geschafft haben vom Alkohol weg zu kommen. Das hat mich unheimlich motiviert. Mit vielen dieser Menschen habe ich mich dann auch jenseits der offiziellen Sitzung unterhalten. Da war ja dann ein Dialog "erlaubt". Was ich da alles erfahren habe, für mich damals unglaubliche Geschichten (ich hatte ja noch überhaupt keine Ahnung), dass hat mich nochmal gehörigen Respekt sowohl vor meiner Sucht als auch vor den Menschen die den Ausstieg geschafft haben gelehrt.

    Also als Fazit: Geh in die SHG - Mach' Dir einfach keinen Kopf, die Leute dort wissen genau wie es Dir geht und sie werden Dich sicher entsprechend behandeln. Du hast absolut nichts zu befürchten. Und wenn es Dir nicht gefällt, kann Dich niemand zwingen zu bleiben oder wieder hinzugehen, das muss man ja auch mal sehen. Und: je nach dem wo Du lebst hast Du ja vielleicht auch die Möglichkeit Dir mehrere Gruppen anzusehen. Wenn z. B. eine Monologgruppe nicht zusagt, weil Du eine Rückmeldung auf das was Du sagst erwartest, dann kannst Du ja in eine solche Gruppe gehen.

    Zitat


    Ich möchte jetzt alles in die Wege leiten, um von meiner Alkoholerkrankung wegzukommen.

    Genau das ist eine wichtige Voraussetzung um es zu schaffen. Das habe ich damals auch so gesehen. Und ich wäre auch zu einer LTZ bereit gewesen, wenn mir diese empfohlen worden wäre. Ich habe keine gemacht, jedoch z. B. psychologische Hilfe in Anspruch genommen und auch sonst noch recht viel unternommen (neben der SHG). Immer mit dem Ziel, meine Krankheit aufzuarbeiten und zu verstehen, warum ich getrunken habe. Nur so konnte ich dann Strategien entwickeln, die mich in mein trockenes Leben geführt haben.

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    Konnte mit Freunden auf Party in den Club gehen und habe nichts getrunken.

    Dazu möchte ich noch sagen: Eine ganz wichtige Strategie ist die Risikovermeidung, ganz wichtig vor allem in der Anfangszeit. Also sowas würde ich an Deiner Stelle zukünftig erst mal unterlassen.
    Und damit Du nicht denkst, Du müsstest als trockener Alkoholiker ein Leben in Einsamkeit und ohne Spaß führen: Nein, so ist das nicht. Ich kann heute jederzeit auf eine Party gehen oder auch auf sonstirgendeine Feier wo auch Alkohol getrunken wird. Und ich habe dort auch Spaß, mehr als ich als Besoffener hatte, das kannst Du mir glauben. Nur ist es heute so, dass jeder weiß das ich nichts trinke. Mir wird also auch nichts angeboten oder aufgeschwatzt. Ich selbst habe keinerlei Verlangen mehr nach Alkohol und wenn's dann mal zu feuchtfröhlich wird, dann verlasse ich die Veranstaltung einfach. Nicht, weil ich Angst hätte was zu trinken, sondern weil ich besoffenes Geschwätz einfach nicht mehr ertragen kann...

    Drück Dir die Daumen, dass Du dieses mal (D)einen Weg finden kannst.

    LG
    gerchla

  • Hallo, Angemon!

    Ich finde es immer wieder mal unangenehm, "recht gehabt zu haben" ... Auch wenn ich dazu hier nichts schrieb, aber ... irgendwie kam Vieles etwas naiv und blauäugig bei mir an.
    Z. Bsp. dass Du noch zu jung für eine SHG wärst und sowieso nicht dafür zu haben.
    Und dann kam der "Klassiker":

    Da ich sagen muss das es wirklich gut war im letzten Monat. Konnte mit Freunden auf Party in den Club gehen und habe nichts getrunken.
    Ich merkte, das der Druck Alkohol zu mir zu nehmen dadurch immer größer gewachsen ist.

    Es kam, wie es kommen musste.

    Ich stimme Gerchla 100%ig zu: wenn man gerade erst den Ausstand probt und, wie Du selbst schreibst, noch "Frischling" ist, dann sollte man soetwas noch unterlassen. Erst wenn man gefestigt ist, sich Strategien überlegt und diese auch verinnerlicht hat - dann kann man wieder anfangen, mit dem Feuer zu spielen.
    Ich bin die erste Zeit zu keiner Feier - egal, ob beruflich oder privat - gegangen. Und dann habe ich es ruhig angehen lassen. Erst waren es 1-2 Stunden, u.U. auch mal weniger. Dann wurde es langsam mehr und wenn es gut läuft (das heisst, wenn es mir SPASS macht), dann kann ich durchaus auch mal 9-10 Stunden feiern. So z.Bsp. letztes Silvester.
    Aber: Meine Strategie war und ist, dass ich a) allen meinen Bekannten, Verwandten und Kollegen gleich zu Beginn reines Wasser über mich eingeschenkt habe und b) jederzeit gehen kann, wenn es mir zu viel wird. Letzteres heisst, dass ich nicht auf Jemanden angewiesen bin wie bei einer Fahrgemeinschaft o.ä.. Und wenn ich ohne Auto bin achte ich darauf, dass ich auf jeden Fall und zu jeder Zeit auch mit den Öffentlichen nach Hause komme. Wenn ich also von einer Feier verschwinde, brauche ich mich nicht bei den Leuten verabschieden und eventuell erklären, wieso, weshalb, warum ich nun schon gehe ...

    Auch in Bezug auf die SHG stimme ich Gerchla zu. Ich leite ja nun seit ein paar Jahren selbst eine SHG und kann Dir sagen, dass jeder kommen kann, ohne einen Termin zu machen. Auch bei uns kann man sich erst einmal "in die Ecke" setzen und zuhören, sich das Geschehen anschauen, ohne etwas sagen zu müssen. Okay, wenigstens den Namen sollte man sagen. Und wenn man dann bereit ist, dann kann man sich einbringen und erzählen. Bei Manchen ist dies schon am ersten Tag, die Anderen eben erst später.

    Mach Dich mal schlau, welche Gruppen es bei Dir gibt, wo und wann die tagen - und dann schau Dir mehrere an. Denn es ist vollkommen unwichtig, wie die Gruppe/der Verein heisst: AA, "Guttempler", "Blaues Kreuz" oder "Verein für alkoholfreies Leben", "Die trockenen Pampelmusen" oder nixweiss0
    Das Wichtigste und Entscheidende ist, dass Du Dich dort mit den Leuten wohl fühlst, dass die Chemie stimmt. Zumal es ja auch die unterschiedlichsten Formen von SHG gibt: Monolog, Dialog, angeleitete Gruppen, reine Betroffenen-Gruppen ...

    Vielleicht schaust Du ja mal hier oder hier rein - dann brauchst Du nicht auf den Termin bei der Suchtberatung warten. Denn eine SHG kann man auch ohne Genehmigung/Empfehlung von einer Suchtberatung aufsuchen ;)

    Gruß
    Greenfox

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